Lexikografischer Herdentrieb

Wie das Sprachlog — damals noch aus Bremen und mit b — seinerzeit mangels interessanterer Themen berichtete, rief der Radiosender 1LIVE im Juni 2008 anlässlich der Fußballeuropameisterschaft dazu auf, eine Alternative für den englischen Ausdruck Public Viewing zu finden, weil der ja das Aufbahren eines Toten, bla, bla, bla. Aus der Aktion ging das Wort Rudelgucken als Sieger hervor (dicht gefolgt von Gruppenglotzen und — mit deutlicherem Abstand — Tummel-TV, Pillenkino und Meutekino).

Schon mit der Verkündung des Ergebnisses gab man bei 1LIVE den Plan bekannt, das Wort in den Duden zu bekommen, und formulierte sicherheitshalber auch gleich den dazugehörigen Eintrag:

Ru|del|gu|cken, das: gemeinschaftliches, meist öffentliches, Mitverfolgen vieler Zuschauer von Fußballturnieren wie die Welt- und Europameisterschaft auf Großbildwänden an öffenlichen Plätzen. Der Begriff Rudelgucken wird seit der Europameisterschaft 2008 anstelle des im Jahre 2006 eingebürgerten Scheinanglizismus „Public Viewing“ verwendet. Der Ausdruck wurde von 1LIVE, einem Hörfunksender des Westdeutschen Rundfunks, im Juni 2008 mittels einer Abstimmung der Hörer, als deutschsprachiger Begriff etabliert. [1LIVE 2008a]

Dass man das ernst meinte, bekräftigte 1LIVE-Redakteur Mathias Schneider in einem Interview auf der sendereigenen Webseite:

Meine persönliche Prognose ist, vielleicht mit einem Tick Wunschdenken dabei: Das Wort wird es irgendwann tatsächlich in den Duden schaffen. Ich nehme Wetten an! Wir haben ja auch schon mit dem Leiter der Duden-Redaktion gesprochen – dem hat das Wort gefallen. Er meinte allerdings: Um in den Duden zu kommen, müsste es sich über den Sektor hinaus in der Sprache einbürgern. Und genau das passiert ja gerade: Neben mehreren NRW-Zeitungen haben seit unserer Aktion ja auch Sender außerhalb des Sektors das Wort benutzt, und sogar große Zeitungen in Österreich und der Schweiz haben es aufgegriffen! Davon abgesehen gibt es zu dem Wort auch immer mehr Such-Treffer im Internet, es taucht in unzähligen Foren und Blogs auf. Und viele unserer Hörer haben angekündigt, dass sie das Wort außerhalb des Sektors gerne verbreiten wollen. Das freut uns natürlich alles sehr. [1LIVE 2008b]

Am letzten Freitag nun, keine drei Jahre nach der Aktion, kann der Westdeutsche Rundfunk tatsächlich stolz Vollzug melden:

„Rudelgucken“ als Alternative zu „Public Viewing“ hat es in den Duden geschafft. „Das Wort wird im Deutschen Universalwörterbuch und bei Duden online geführt“, sagte Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, der Leiter der Duden-Redaktion. „Damit ist ‚Rudelgucken‘ offiziell im Duden.“ Die Idee, einen Ersatz für den Ausdruck "Public Viewing" zu suchen, hatte 1LIVE im Jahr 2008 anlässlich der Fußball-Europameisterschaft. [WDR/ots 2011]

Der Eintrag ist insgesamt knapper und kühler geraten als der damals von 1LIVE vorgeschlagene, aber — und darauf kommt es an — er ist tatsächlich da:

Rudelgucken, das
Wortart: Substantiv, Neutrum.
Gebrauch: salopp
[…]
Bedeutung gemeinsames Anschauen von auf Großbildschirmen übertragenenen [Sport]veranstaltungen (meist auf öffentlichen Plätzen) [DUDEN 2011a]

Erstens, an die Verantwortlichen bei 1LIVE: herzlichen Glückwunsch zu dieser gelungenen PR-Aktion. Das größte und traditionsreichste deutsche Wörterbuch auf diese Weise vor den eigenen Karren zu spannen ist eine Leistung, die Anerkennung verdient (der Verein Deutsche Sprache dürfte vor Neid erblassen).

Zweitens, an die Verantwortlichen beim Duden: Was hat euch da geritten? Wo bleibt euer lexikografisches Ehrgefühl? Was in aller Welt hat dieses Kunstwort im Duden verloren?

Was es bräuchte, damit ein Wort in den Duden aufgenommen wird, berichtet ja schon Mathias Schneider im oben zitierten Interview: Das Wort muss sich in der Sprache einbürgern. Diese und ein paar weitere Bedingungen nennt der Dudenverlag auch auf der eigenen Webseite unter der Überschrift „Wie kommt ein Wort in den Duden“:

Zunächst gilt: Das Wort muss in dem entsprechenden Wörterbuchtyp richtig aufgehoben sein, das heißt, rechtschreiblich schwierige Wörter … sind potenzielle Aufnahmekandidaten für den Rechtschreibduden, erklärungsbedürftige Fremdwörter … für den Fremdwörterduden usw. Natürlich gibt es zahlreiche Überschneidungen und Grenzfälle.
Dann muss das Wort, über dessen Aufnahme die Redakteurin oder der Redakteur zu entscheiden hat, in einer gewissen Häufigkeit auftreten, und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg, am besten über mehrere Jahre. …. Darüber hinaus sollte das infrage stehende Wort in verschiedenen Textsorten (Zeitschriftenartikeln, Romanen, Fachtexten etc.) vorkommen, sodass die Redaktion davon ausgehen kann, dass es wirklich „in aller Munde" ist und nicht etwa nur von Fachleuten gebraucht wird. [Duden 2011b]

Ein Wort muss also a) rechtschreiblich schwierig und/oder b) ein erklärungsbedürftiges Fremdwort sein, und es muss c) über einen längeren Zeitraum in einer gewissen Häufigkeit auftreten. Die Häufigkeit, so erfahren wir, wird in einem eigens dafür erstellten Korpus, dem Dudenkorpus, ermittelt, das „mehr als 2 Milliarden Wortformen zählt und sich aus einer Vielzahl aktueller Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Romane, Reden, Reparatur- und Bastelanleitungen usw. zusammensetzt“. Außerdem werden auch das Internet und andere Korpora hinzugezogen.

Gut, dann sehen wir doch mal: Rechtschreiblich schwierig ist das Wort nicht. Rudel schreibt sich, wie man’s spricht und beim gucken bereitet das g zwar oft Probleme, aber erstens steht das Wort gucken ja bereits im Duden, und zweitens lässt der Duden daneben ohnehin vernünftigerweise auch die Form kucken zu. Damit sind bisher 0 von 3 Kriterien erfüllt.

Ein Fremdwort ist Rudelgucken auch nicht (eben darum ging es ja bei der 1LIVE-Aktion). Erklärungsbedürftig mag es sein, aber das hinge mit dem dritten Kriterium zusammen. Damit sind immer noch 0 von 3 Kriterien erfüllt.

Kommen wir zur letzten und wahrscheinlich entscheidenden Frage: Ist das Wort häufig genug und ausreichend breit „in aller Munde“ (dann wäre es automatisch auch nicht mehr „erklärungsbedürftig“)? Ich habe keinen Zugriff auf das Dudenkorpus, aber es gibt ja viele vergleichbare Quellen.

Beginnen wir mit dem Deutschen Referenzkorpus des Instituts für Deutsche Sprache. In diesem Korpus — dem größten frei zugänglichen Korpus der deutschen Sprache — finden sich für die Jahre 2008 bis 2010 insgesamt achtundzwanzig Treffer für Rudelgucken (und kein einziger für die alternative Form Rudelkucken). Wenn Ihnen das nicht gerade häufig erscheint, dann sind wir schon zwei. Aber damit nicht genug: Die 28 Treffer sind über nur 19 einzelne Zeitungsartikel in nur acht verschiedenen Zeitungen verteilt, von denen drei in 2008, sechs in 2009 und zehn in 2010 erschienen sind.

Aber es kommt noch schlimmer: Es müssen hier natürlich die Artikel abgezogen werden, in denen das Wort nicht verwendet wird, sondern selbst Thema ist. Von den 19 Artikeln berichten drei über den 1LIVE-Wettbewerb, fünf über die Wahl zum Jugendwort 2009 (zu der das Wort Rudelgucken plötzlich zu einem typischen Beispiel von Jugendsprache mutiert war), zwei beschweren sich ganz allgemein über Anglizismen und nennen deutsche Alternativen, und einer handelt davon, dass das Wort Rudelgucken sich nicht im allgemeinen Sprachgebrauch etablieren konnte.

Es bleiben also satte acht Treffer übrig, die aus drei Zeitungen stammen: der Brauschweiger Zeitung, den Nürnberger Nachrichten und der Hamburger Morgenpost. „In aller Munde”? Kaum.

Wie sieht es in Büchern aus, die im Dudenkorpus ja ebenfalls vertreten sind? Google Books liefert genau zwei Treffer, von denen einer darüber berichtet, dass das Wort Rudelgucken „zu Recht“ aus dem Anglizismenindex des Vereins Deutsche Sprache entfernt worden ist; es bleibt eine einzige tatsächliche Verwendung. „In aller Munde“? Äh, nein.

Das „Internet“ liefert 43 000 Treffer, von denen sich natürlich unzählige mit dem Wettbewerb selbst oder mit der Tatsache befassen, dass das Wort nun im Duden steht. Wieviele tatsächliche, authentische Verwendungen darunter sind, kann man nur schätzen: Unter den ersten 50 Treffern sind nur sieben authentische Verwendungen, auf 43 000 hochgerechnet ergäbe das 6 020 Verwendungen im gesamten Internet. Für ein „in aller Munde“ reicht das nicht.

Mit anderen Worten: Es bleibt beim 0:3. Rudelgucken erfüllt kein einziges Kriterium, das ein Wort erfüllen muss, um in den Duden aufgenommen zu werden.

Wie ist es also dort hineingeraten? Zu dieser Frage zitiert der WDR den Chefredakteur des Dudens, Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, wie folgt:

Das Wort habe laut Scholze-Stubenrecht eine „lockere Art“ und entspreche der respektlosen Sprache des Alltags. Es sei heute die bekannteste Alternative zu „Public Viewing“: „Alle anderen Eindeutschungsversuche hatten bisher keinen messbaren Erfolg.“ [WDR/ots 2011]

Aha! Es gibt also noch ganz andere Kriterien für die Aufnahme eines Wortes in den Duden: Eine „lockere Art“ muss es haben! Der „respektlosen Sprache des Alltags“ muss es entsprechen! Und am überzeugendsten: Andere Eindeutschungsversuche dürfen „keinen messbaren Erfolg“ gehabt haben! Dass auch das Wort Rudelgucken keinen messbaren Erfolg bei dem Versuch erzielt hat, sich im Volksmund zu etablieren, spielt dann keine Rolle mehr.

Ein Schelm, wer meint, die Aufnahme dieses sprachlichen Rohrkrepierers in den Duden könnte eine PR-Aktion nicht nur des WDR, sondern auch der Dudenredaktion sein, die damit möglicherweise ihr gerade gestartetes freies Online-Angebot bewerben will.

Nein, es ist sicher nur Zufall, dass der Eintrag für Rudelgucken zu den 100 am häufigsten angesehenen Einträgen auf Duden online zählt. Vielleicht auch nur ein Zufall, dass man sich bei WDR und Duden gut kennt, zum Beispiel, weil der Chefredakteur des Duden mit der „WDR 2 Deutschstunde“ seine eigene (oft äußerst vergnügliche) Sendung beim Westdeutschen Rundfunk hat.

Nichts gegen PR. Der neue, kostenlose „Duden online“ ist eine schöne, nützliche Ressource, und man kann den Verlag nur zu der Einsicht beglückwünschen, dass ein solches Onlineangebot eine hervorragende Werbung für die insgesamt hervorragenden Produkte des Bibliographischen Instituts sein wird. Aber die PR darf eben nicht auf Kosten der Qualität gehen. Rudelgucken hat im Duden nichts verloren und es mit aufzunehmen bedeutet, den hohen Standard und die Zuverlässigkeit des Duden-Universalwörterbuchs aufs Spiel zu setzen.

Seit über hundert Jahren begleitet und beobachtet die Dudenredaktion den Sprachgebrauch, und die lange Folge von Auflagen, die ihre Wörterbücher durchlaufen haben, stellen eine beeindruckende Dokumentation des deutschen Sprachgebrauchs dar. Wenn man jetzt begönne, werbewirksam erfundene Wörter aufzunehmen, wäre diese Tradition zu Ende.

Ich weiß, dass Mitarbeiter/innen der Dudenredaktion ab und zu im Sprachlog vorbeischauen, deshalb auf diesem Wege eine Bitte: Bleibt seriös und objektiv. Überlasst sprachpflegerischen Aktionismus den Krämers, Sicks und Schneiders dieser Welt.

Ich will euch ja lieb haben, also macht es mir nicht so schwer.

 

1LIVE (2008a) Komm, wir gehen zum Rudelgucken!, einslive.de, 6. Juni 2008. [Link]

1LIVE (2008b) Am Anfang war das Wort: Making of Rudelgucken — Interview mit Frühteam-Redakteur Mathias Schneider, einslive.de, 11. Juni 2008. [Link]

DUDEN (2011a) Duden online, s.v. Rudelgucken. [Link]

DUDEN (2011b) Wie kommt ein Wort in den Duden? [Link]

Stefanowitsch, Anatol (2008) Public Viewing. Bremer Sprachblog, 8. Juni 2008. [Link]

Stefanowitsch, Anatol (2010a) Public Viewing oder die Rückkehr der Leichenbeschauer, Sprachlog, 10. Juni 2010. [Link]

Stefanowitsch, Anatol (2010b) Public Viewing zum Dritten. Sprachlog, 12. Juni 2011. [Link]

WDR/ots (2011) 1LIVE Wortschöpfung „Rudelgucken“ jetzt offiziell im Duden. Pressemitteilung des Westdeutschen Rundfunk, 6. Mai 2011. [Link]

© 2011, Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

32 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. sitt

    Vermutlich wird das wie bei »sitt« funktionieren. Damals hatten Lipton und Duden ein Wort für ›nicht durstig‹ gesucht. Es wurde sogar in den Duden aufgenommen (ich weiß leider nicht, welche Auflage), doch schon bei der nächsten Auflage wieder entfernt. In einer späteren Ausgabe des Duden-Sprachkalenders wurde das Wort thematisiert und man tat so, als sei das Wort nie aufgenommen worden.

  2. Pflege oder nicht Pflege,

    das ist hier tatsächlich die Frage.

    Seit über hundert Jahren nimmt die Dudenredaktion jeden Mist auf, weshalb also nicht auch Rudelgucken? Wenn man jetzt begönne, damit aufzuhören, wäre diese unschöne Tradition endlich zu Ende.

  3. und?

    Bliebe die gleiche Frage die sich mir auch bei den Wikipedia-Exkludisten immer wieder stellt. „Was für einen Schaden richtet es denn an wenn das dort steht?“
    Gut, beim Duden könnte man vlt. noch den gesteigerten Umfang/gesteigertes Gewicht der Ausgabe nennen, aber da es um ein einzelnes Wort geht, welches sicher nicht in allen Varianten des Duden ausgeliefert wird, wird sich das wohl in Grenzen halten.

    Qualitativ beeinflusst dieses Wort ernsthaft nur diejenigen die es nachschlagen (oder liest hier jemand gerne Wörterbücher Seite für Seite durch?). Selbst wenn das nur eine Person ist, beeinflusst es diese eher weniger negativ da sie ihre Daten findet.
    Man könnte es inhaltlich also auch mit Witzen über Steinläuse vergleichen. Wer weiß was eine Steinlaus ist, wird sie vlt. nachschlagen, wer es nicht weiß wird auch nicht anfangen an seltsame Tiere zu glauben weil er den Absatz darüber nie lesen wird.

  4. Zeitverschwendung!

    > Ich weiß, dass Mitarbeiter/innen der Dudenredaktion ab und zu im Sprachlog vorbeischauen,

    Nein, Herr Stefanowitsch, falsch vermutet, das macht aus der Duden-Redaktion niemand.

  5. Rudelgucken, andersum

    (Der Löwe und die Gnus)
    Der Löw‘ tut sich im Grase ducken,
    und macht versteckt Gnu-Rudelgucken.

    Ich find „Rudelgucken“ zumindest ulkig. Wegen der schönen Alliteration der beiden „u“. Schade, dass Uhus nicht im Rudel auftreten…

  6. @ Helmut Wicht

    Wenn sie us wollen: Dru Chunusun mut num Kuntrubus sußen uf du Strußu und urzuhltun such wus und machten da auch so eine Art Rudelkucken…

  7. Ist „in 2010“ inzwischen korrektes Deutsch? Es lässt mich erschaudern.

    In meinen aktiven Wortschatz ist „Rudelgucken“ übrigens tatsächlich eingegangen, wahrscheinlich benutze ich es häufiger als „public viewing“. Allerdings wohne ich auch im „Sektor“ und höre 1LIVE, und natürlich reicht mein Mund nicht aus, damit irgendwelche Duden-Kriterien erfüllt werden.

    Aber „in 2010“ – ernsthaft?

    [Ja, ernsthaft. — A.S.]

  8. Kriterien falsch verstanden?

    Sie schrieben: „Ein Wort muss also a) rechtschreiblich schwierig und/oder b) ein erklärungsbedürftiges Fremdwort sein, und es muss c) über einen längeren Zeitraum in einer gewissen Häufigkeit auftreten.“

    Das lese ich so aber nicht aus dem Zitat.

    Nach meinem Verständnis hängt das Kriterium, ob ein Wort in einen Duden aufgenommen wird, von dem konkreten Duden („dem entsprechenden Wörterbuchtyp“) ab:

    i) Rechtschreibduden: „rechtschreiblich schwierige Wörter“
    ii) Fremdwörterduden: „erklärungsbedürftige Fremdwörter“
    iii) andere Duden: „usw.“

    Wenn nur von „dem Duden“ gesprochen wird, so ist vermutlich das Universalwörterbuch gemeint, das also unter iii) fällt, und hierfür wurden im Zitat keine konkreten Kriterien genannt; man kann also m.E. nicht schlussfolgern, dass Ihr a) und/oder b) hier zutreffen. Es bleibt also allein das c), die „gewisse Häufigkeit“, die im Zitat als grundsätzlich für alle Worte zuzutreffen scheint: keine 3 Kriterien, die das Wort erfüllen muss, sondern eine. (Die sicherlich nicht das einzige Kriterium ist, wohl aber das einzige explizit im Zitat genannte.)

  9. @Helmut Wicht
    Wenn wir schon am Reimen sind, dann noch die politische Version:

    Das Volk soll nicht aufmucken,
    drum gibt es Rudelgucken.

    Zum Thema neue Begriffe im Duden: Mir scheint, seit Jahren versucht die Dudenredaktion geradezu zwanghaft ‚hip‘ zu sein.

  10. Das Wort ist ja schon als salopp markiert, dürfte also im schriftlichen Sprachgebrauch, insbesondere in veröffentlichten Texten (zumal noch so neu), kaum eine Rolle spielen. Die Verwendung im Internet kommt der Sache schon näher, aber da sind Ihre Kriterien fürs Interpolieren nicht haltbar. Die ersten Seiten werden hauptsächlich von besonders gut verlinkten (Nachrichten-)Portalen gefüllt. Andere — dem mündlichen Sprachgebrauch nähere Quellen — dürften auf den hinteren Seiten deutlich zunehmen.

  11. Warum „Rudelgucken“ und nicht ….

    Wieso findet „Rudelgucken“ mit etwas über 40000 Google-Hits seinen Weg in den Duden, „Rudelbumsen“ mit deutlich über 180000 Treffern aber nicht? Diese Zahlen haben Aussagekraft in bezug auf den Grad der Verbreitung und ich finde das eine mindestens ebenso erklärungsbedürftig wie das andere.

  12. Duden, Sprache und Öffentlichkeit

    Ein Wort schafft es in den Duden, wenn es eine „lockere Art“ hat und immer mehr Forscher erhalten den Nobelpreis, weil ihre Arbeit gerade in aller Munde ist. Das gilt sogar für die Nobelpreise für naturwissenschaftliche Fächer, sicher aber für die Preise für Literatur und den Frieden. Da bekommt dann Obama den Friedensnobelpreis auf Vorschuss und Al Baradei bekommt ihn, weil gerade der Konflikt Iran/Westen in den Schlagzeilen ist.
    Wenn die Eindeutschung von „Public Viewing“ es in den Duden schafft und sich herausstellt, dass der Medienrummel um die Schaffung dieses Wortes wohl ein wichtiger Grund für die Aufnahme war, so steckt wohl einfach der Wunsch der Dudenredaktion dahinter, besser wahrgenommen zu werden.

    Die folgende Passage in Anatol Stefanowitsch’s Artikel

    Seit über hundert Jahren begleitet und beobachtet die Dudenredaktion den Sprachgebrauch, und die lange Folge von Auflagen, die ihre Wörterbücher durchlaufen haben, stellen eine beeindruckende Dokumentation des deutschen Sprachgebrauchs dar.

    betont die herausragende Stellung des Duden’s in Bezug auf einen wichtigen Aspekt der deutschen Sprache – und die deutsche Sprache ist ja so etwas wie ein öffentliches Gut. Dieser herausgehobene Stellung macht das Schielen auf ein Medienecho, auf einen Nachhall im öffentlichen Raum verständlich aber zugleich problematisch. Problematisch vor allem dann, wenn eine solche PR-Aktion letztlich im Dienste einer Firma und nicht im Dienste der Sprache steht.

  13. nur am Rande bzw. sitt?!

    @Julius: Das Wort für „nicht mehr durstig“ lautet immer noch „schmöll“! Robert-Gernhardt-Fans wissen das natürlich. In diesem Fall wäre immerhin eines der Dudenkriterien erfüllt (Erklärungsbedürftigkeit).

  14. Nicht mehr durstig

    Es fehlte der deutschen Sprache nie ein Wort. Schon gar nicht für den Zustand, in dem wir keinerlei Flüssigkeit mehr zu uns nehmen wollen, weil wir in naher Vergangenheit genug zu uns genommen haben; kürzer ’satt‘.

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  16. rudelgucken

    Mal abgesehen davon, dass das Wort schlicht falsch ist.
    Wenn das Heiligengeistfeld in Hamburg mit Leuten angefüllt ist, die gemeinsam ein Fussballspiel schauen, dann kann man wohl kaum noch von einem „Rudel“ sprechen!

  17. @Stan

    Wieso ist das Falsch. Der Duden definiert Rudel als:
    „Gruppe wild lebender Säugetiere der gleichen Art“

    Wenn das auf dem Heiligengeistfeld keine wild lebenden Säugetiere der gleichen Art sind, was sind sie dann?

  18. saloppes Rudel

    @ Joachim: Die Leute mögen sich beim kollektiven Fußballkucken wild aufführen, aber wild leben tun sie sicher mehrheitlich nicht. Insofern hat Stan schon recht. Andererseits geht die Dudendefinition noch weiter: „[die sich für eine bestimmte Zeit zusammengeschlossen haben]“. Und das trifft auf die Fußballkucker ja schon in gewissem Maß zu, insofern ist Ihr Einwand ein bisschen berechtigt.

    @ Stan: Ich nehme mal an, dass bei einem Wort mit der Kennzeichnung „Gebrauch: salopp“ nicht verlangen muss, dass die Wortbestandteile fachsprachlich korrekt verwendet werden. Wenn Rudel schon umgangssprachlich in anderer als der fachsprachlichen Bedeutung gebräuchlich ist (der Duden weist auch auf die übertragene Bedeutung hin), kann man solch eine umgangssprachliche Bedeutung sicher auch als Grundlage für saloppe Wortbildungen akzeptieren.

  19. @ Joachim und Gnaddrig
    Ein paar tausend Leute sind keine Gruppe und kein Rudel.
    Vielleicht redet ein Mathematiker bei solchen Zahlen von Gruppen, aber „salopp“ ist das einfach eine Masse, und für einen Biologen evtl. eine Herde, ich weiss es nicht, aber jeder andere stellt sich unter „Rudel“ etwas kleineres vor.

  20. @ Stan

    Ich glaube, die Anzahl der Rudelkucker ist hier nicht wirklich wichtig, weil von vornherein klar ist, dass es sich nicht um ein Rudel im engeren Sinn handelt. Das Etikett „salopp“ dürfte sogar solche krassen Ungenauigkeiten in der Größenordnung abdecken. Umgekehrt kann man ja bei dreieinhalb Zuschauern auch ironisch von den Menschenmassen vor der Leinwand sprechen.

  21. Ich höre „-gucken“ und denke „-bumsen“

    Ich habe den Verdacht, daß diese Neuschöpfung deshalb so populär ist, weil sie eine Analogie zum Begriff „Rudelbums“/“Rudelbumsen“ (scherzhaft für Gruppensex) darstellt. Dafür gibt es auch wesentlich mehr Fundstellen…

    http://www.google.de/…w.&fp=760041facd3e7f63

  22. „Rudelgucken“ taucht fast doppelt so häufig auf wie „Applikatur“. Das Wort „äquilibristisch“ ergibt gerade mal 342 Treffer, steht dennoch sowohl im Duden als auch im Wahrig. Schwierige Fremdwörter, ja.
    Doch selbst „EM 2012“ kommt nur auf 7550 Einträge, trotz der Diskussion um den Austragungsort.

    Ich verwende den Ausdruck „Rudelgucken“ nicht (ebenso wenig wie „Public Viewing“). Dennoch ist er von der Duden-Redaktion zu Recht aufgenommen worden – ebenso besteht natürlich die Möglichkeit, dass er in einer der nächsten Ausgaben wieder rausfliegt, wenn er in Vergessenheit geraten sollte. Die Wahrscheinlichkeit hierfür schätze ich auf 20 bis 30 Prozent, Wetten nehme ich an:
    „Ich wette, dass der Ausdruck „Rudelgucken“ am 1. Juli 2012 bei Google noch mindenstens 20.000 Treffer ergibt.“ Wer hält dagegen?


  23. Die Wahrscheinlichkeit hierfür schätze ich auf 20 bis 30 Prozent

    Welche Art Experiment wäre geeignet, diese Schätzung einer Prüfung zu unterziehen?

  24. In einem Text der SZ ist mir eine zumindest oberflächlich „authentische“ Verwendung von ‚Rudelgucken‘ begegnet:
    „Hier, am Düsseldorfer Rheinufer, fand das Rudelgucken statt.“
    http://www.sueddeutsche.de/…scher-pomp-1.1097663

    Allerdings schreit mich da ein krampfhaft vermiedenes ‚Public Viewing‘ an (vgl. ‚das ergibt Sinn‘). Zusammen mit dem völlig ernsthaften und ironiefreien Gebrauch von ‚Rudelgucken‘ wirkt das doch eher grotesk.

  25. Konjunktiv I als Ableitung zur Imper…

    “ (…) begönne, (…):

    Hi – warum nicht, der Regel entsprechnd: „begänne“?

  26. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Sie einfach die diametrale Gegenposition zu den von Ihnen als „Sprachnörgler“ Bezeichneten beziehen.

    Dass „Rudelgucken“ bei der Aktion eines Radiosenders als Alternative zu „Public Viewing“ aufkam, heißt nicht, dass es eigens dazu erfunden wurde. Es ist durchaus möglich und alles andere als unwahrscheinlich, dass das Wort in Teilen der Umgangssprache bereits etabliert war. Auskunft darüber könnte nur die Recherche in einem umfangreichen Korpus der spontan und in Alltagssituationen gesprochenen Umgangssprache geben, das es meines Wissens in dieser Form noch gar nicht gibt.

    Selbst dass die Verbreitung in Blogs und Magazinartikeln maßgeblich auf den Einfluss der Aktion zurückzuführen wäre, ist bloß möglich, keineswegs sicher und ohne weitere Erhebungen ebenso wahrscheinlich wie das Gegenteil.

    Und selbst wenn es so wäre, und selbst wenn es sich bei „Rudelgucken“ um ein Kunstprodukt handelte — entscheidend für die Aufnahme ist die Verwendung und Verbreitung. Ob „Rudelgucken“ die erforderlichen Kriterien erfüllt lässt sich nicht abstrakt entscheiden. Interessanter als vage Selbstauskünfte der Dudenredaktion wären Vergleiche mit andern aufgenommenen Wörtern und deren Gebrauch.

    Ich bezweifle sehr, dass „Public Viewing“, welches sich zumindest in der Online-Version des Dudens findet, anders entstanden wäre denn am Konferenztisch einer PR-Agentur und dass es in einem sprachwissenschaftlich relevanten Maße älter ist als „Rudelgucken“.

  27. Nachtrag

    Mir ist das nicht Recht aus dem Kopf gegangen. Ich kann mir für verschiedene regionale Soziolekte, mit denen ich vertraut bin, mit denen ich aber in jüngerer Zeit nur noch wenig Kontakt hatte, ohne Weiteres eine spontane Entstehung und Verbreitung — wegen der Assoziation mit „Rudelbumsen“ sogar eine rasante — von „Rudelgucken“ vorstellen. Das sind natürlich nur Vermutungen. Aber das Folgende hat vielleicht heuristischen Wert:

    „Public“ bereitet zwar keine Probleme, aber „Viewing“, selbst bei phonetischer Angleichung zu [ˈfjuɪŋ] widerspricht in /fju/ der deutschen Phonologie. Das legt für mich die Vermutung nahe, dass Sprecher in Alltagssituationen, etwa in Verabredungen der Art „wir treffen uns zum X aufm Y platz“, auf Dauer nach Ersatzwörtern suchen dürften.

    Gibt es irgendwelche Studien zur Rolle der Phonologie bei der Integration Englischer Wörter in die deutsche Alltagssprache?

  28. Public Viewing ist kein Kunstprodukt, sondern ganz normales Englisch, wie z.B. ‚yellow dress‘ oder ‚large tree‘. Rudelgucken [oder -kucken] ist zwar morphologisch auch normales Deutsch – patschen wir einfach ein Substantiv und ein Verb zusammen -, aber semantisch kaum vergleichbar, da doch sehr künstlich.

  29. Ich sollte vielleicht noch hinzufügen, dass ich „Sprachnörgler“ in meinem ersten Kommentar nicht etwa deshalb in Anführungszeichen geschrieben hätte, weil ich glaubte, dass Bastian Sick und andere Spaßvögel die Bezeichnung nicht verdienten. Ganz im Gegenteil. Sondern weil ich der Ansicht bin, dass sich das Phänomen nicht auf die Anglizismenjäger beschränkt, sondern dass es ebenso gut auch auf der andern Seite des Grabens vorkommt. So wie ja auch Sick nicht nur dort ein Sprachnörgler ist, wo er Anglizismen bekrittelt, sondern auch überall dort, wo er sein eigenes beschränktes Sprachempfinden als angeblich regelhafte, angeblich allgemeinverbindliche Varietät unterstellt. Ich glaube, ich ziehe „Sprachmetaphysiker“ als Bezeichnung dem „Sprachnörgler“ vor, weil mir scheint, dass sich letzteres zu sehr mit der Anglizismenjägerei verbunden hat. Doch es gibt eben auch eine sprachmetaphsysische Krittelei unabhängig von der Anglizismusfrage und im Einzelfall sogar *für* Anglizismen.

  30. Public Viewing

    Public Viewing ist mir irgendwie entgangen. Bobby Viewing kenn ich noch, von Dallas, habe es aber nicht so lange geguckt. Der Fiesling hieß Jey Ahr Viewing, und der alte Viewing hatte glaube ich keinen Namen, aber als ich gemerkt habe, dass es kein Krimi ist, wie „Die Strafen von San Franzisko“ habe ich das nicht weiter verfolgt. Ich verstehe den ganzen Sinn nicht, so eine Folge, wo nie was passiert. Jetzt schaut man das in Rudeln?

    Sachen gibt’s! Code: 539634

  31. leider nicht neu

    Hallo Anato, vielen Dank für den schönen und wie immer gut recherchierten Artikel. Leider ist diese Praxis nicht neu. Im Duden Rechtschreibung, 25. Auflage, finden sich noch a) Mondscheintarif, schon bei Entstehung uns zugegebermaßen schönes Werbewort der Post (immerhin mit Zeitangabe im Artikel); b) Rollerblade, ein Produktname, der sich als Gattungsname aber nicht gegen „Inlineskate(s)“ behaupten konnte. Und dies, obwohl es bei den Duden-Wörterbüchern eine lange Tradition gibt, ungebräuchliche Wörter „auszuscheiden“.
    Herzliche Grüße aus Berlin

  32. „Die Suche nach „Rudelbumsen“ lieferte 0 Treffer“ sagt Duden online.

    Das hat doch auch eine lockere Art, und ich habe es das erste mal mit 16 von meinem Ethik-Lehrer gehört. Weiß auch jeder sofort, was damit gemeint ist. Mh!