Erdbeerquark (eine Antwort auf Jürgen Schönstein)

Drüben auf den ScienceBlogs antwortet Jürgen Schönstein auf meinen gestrigen Offenen Brief und konstruiert dabei eine äußerst fragwürdige Erdbeeranalogie. Dieser Beitrag begann als Kommentar zu seinem, wurde mir dann aber zu lang, um damit seinen Kommentarbereich zu besetzen. Also erst Jürgens Text lesen, dann meine Antwort, die (da sie als Kommentar gedacht war, schon wieder den Tonfall eines Briefes hat:

Lieber Jürgen,

Beim geistigen Eigentum und der „Bezahlung“ per Quellennachweis bin ich ganz deiner Meinung, es entspricht ja dem, was ich in meinem Beitrag geschrieben habe. Auch, dass  „geistiges Eigentum“ und „Nutzungsrechte“ unabhängig voneinander diskutiert werden sollten, ist richtig.

Aber ab dem Punkt, wo du Blogbeiträge mit kostenlos sammelbaren Walderdbeeren und (Online-)Journalismus mit zu bezahlenden Gartenerdbeeren vergleichst, finde ich deinen Beitrag zutiefst enttäuschend.

Walderdbeeren sind deshalb umsonst, weil sie ohne jemandes Zutun wachsen und deshalb niemand da ist, der für seine Mühe entlohnt werden müsste. Blogbeiträge wachsen aber nicht von alleine, sie werden von Menschen erstellt, die bei der Recherche — dem Klischee des tagebuchartigen Befindlichkeitsblogs zum Trotz — häufig nicht weniger, sondern mehr Aufwand betreiben als im durchschnittlichen Pressetext steckt.

Deine Metapher von den Wald- und Gartenerdbeeren forciert damit nur ein Missverständnis, dem viele (aber natürlich nicht alle) Journalisten aufsitzen: Dass ihre eigenen Texte hochwertige Qualitätsprodukte sind, weil dafür Geld fließt, während die Texte der „Blogger“ minderwertige Derivate sind (allerdings trotzdem gut genug, um sie als Selbstbedienungsladen für Ideen und Informationen zu behandeln).

Diese Idee ist aber grundfalsch und sie trägt dazu bei, Urheber ohne Anspruchshaltung (wie mich und Hunderte anderer Qualitätsblogger, wenn diese selbstlobende Bezeichnung einfach mal gestattet ist) von den Urhebern mit Anspruchshaltung (wie Journalisten und andere, die das Schreiben selbst zu ihrem Beruf gemacht haben) weiter zu entfremden.

Der Unterschied zwischen Blogs und Online-Journalismus ist nicht der zwischen Wald- und Gartenerdbeeren, sondern der zwischen denen, die ihre sorgfältig gezüchteten Gartenerdbeeren (aus welchen Gründen auch immer) verschenken und denen die das (ebenfalls aus welchen Gründen auch immer) nicht tun.

Für beides — das Verschenken und das Nicht-Verschenken — kann es vielfältige legitime Gründe geben. Ich verschenke viele meiner Texte, weil ich es mir leisten kann, andere verschenken ihre Texte, weil sie hoffen, auf diese Weise einen Bekanntheitsgrad zu erreichen, der es ihnen erlaubt, ihre Texte zu verkaufen, wieder andere verschenken manche ihrer Texte um damit Werbung für andere, käuflich zu erwerbende Texte zu machen, und wieder andere verschenken ihre Texte aus der Überzeugung heraus, dass Informationen frei sein müssen, obwohl es bedeutet, dass sie selbst dabei am Hungertuch nagen.

Genauso habe ich Menschen in meiner Familie und in meinem Bekanntenkreis, die ihre Texte verkaufen, weil sie davon leben wollen, oder, weil sie grundsätzlich der Meinung sind, dass jede Leistung eine finanzielle Gegenleistung haben soll, oder, weil ihnen jemand Geld für ihre Texte gibt, ohne groß zu fragen. Ich halte es für absolut berechtigt, Texte zu verkaufen und würde das Recht dazu nie mit Verweis auf die Millionen hochqualitativer Texte im Internet infrage stellen, die ohne finanzielle Gegenleistung entstanden sind.

Ich selbst verkaufe ja manche meiner Texte aus einem oder mehreren der genannten Gründe. Aber das macht diese Texte nicht besser oder schlechter, nicht mehr oder weniger aufwändig recherchiert als die, die umsonst in meinem und tausend anderen Blogs stehen, und ich bin es Leid, diese grundlegende und einfach verständliche Tatsache immer wieder infrage gestellt zu sehen. Wer von seinen Texten leben will, muss einen Weg finden, diese zu verkaufen, ohne dabei fiktive Unterschiede zwischen wertvollem originärem Bezahlcontent und wertlosem, sekundärem Kostenloscontent zu erfinden.

Mit herzlichen Grüßen,

Anatol

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

23 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich weiß gar nicht, ob du Jürgen da nicht eventuell Unrecht tust.
    Seine Analogie baut ja eben gerade nicht darauf auf, dass Walderdbeeren wertlos oder sonstwie den Zuchterdbeeren unterlegen wären (Na gut, er schreibt, sie wären weniger saftig, aber dafür aromatischer. Wir wollen das nicht überinterpretieren.). Er sieht den Unterschied eben darin, dass die einen umsonst zu haben sind, für die anderen der Eigentümer aber Geld verlangt.
    Dass dabei die Walderdbeeren keinen Eigentümer haben, ist in der Tat ein Fehler des Gleichnisses, aber dass er kostenlose Texte für schlechter hält als kostenpflichtige, gibt Jürgens Post doch nicht her.

  2. @Muriel

    Ich weiß nicht, ob Jürgen das so meint, oder ob es ein unbedachter Konstruktionsfehler seiner Analogie ist. Ich vermute letzteres, aber in der Konsequenz ist das egal — die Analogie bestätigt das Missverständnis vieler bezahlter Schreiber/innen, dass sie die besseren/typischeren/wichtigeren Urheber/innen sind (wenn sie überhaupt auf die Idee kommen, dass Blogger/innen auch Urheber/innen sind), und dass es in allen Debatten um das Urheberrecht immer nur darum gehen darf, wie man am besten ihre Schöpfungen gegen die contentsaugenden Horden im Internet schützt. (Dazu kommt natürlich noch, dass Erdbeeren sowieso ein schlechtes Beispiel sind, weil jede Erdbeere nur einmal gegessen, jeder Text aber unendlich oft gelesen werden kann).

  3. verdeckter Konkurenzkonflikt…

    Hintergründig erscheint mir bei der Diskussion ein unterschwelliger Konkurenzkonflikt zu bestehen.

    Nämlich aus der Richtung der Bezahlschreiber an die kostenlosblogger…

    Wenn zu viele Blogger kostenlos Informationen bereitstellen, ist das Angebot der Bezahlschreiber nicht mehr so begehrt und verliert auch an Wert. Die Bezahlschreiber befinden sich demnch in einer Zwickmühle. Wollen sie doch in ihrem Beruf ihen Lebensunterhalt verdienen.

    Auf die Musikvermarktungsindustrie übertragen lässt es sich nur dann, wenn man annähme, es würden Musiker kostenlos Produkte verfügbar machen. Das ist im Ansatz wohl schon zu erkennen. Diese Musiker scheinen zu versuchen, ihr Auskommen durch den Auftritt zu bestreiten…?!

    Was wäre das Pandant zum Musikerauftritt beim Journalisten? Die Publikation im Rahmen einer (Fach-)zeitschrift oder Zeitung vielleicht?

  4. @A.S.

    „die Analogie bestätigt das Missverständnis vieler bezahlter Schreiber/innen, dass sie die besseren/typischeren/wichtigeren Urheber/innen sind“
    *Hoecker-Modus an*Ja, aber – wieso das denn?*aus*
    Die Zuchterdbeeren sind nicht besser, typischer oder wichtiger als die Walderdbeeren. Sie unterscheiden sich von ihnen durch die kommerzielle Zielsetzung ihrer Erzeugung und dadurch, dass sie verkauft werden.
    Dass der Vergleich schlecht ist, will ich gar nicht bestreiten, aber ich sehe nicht, wie er all das hergeben soll, was du daraus liest.
    Um das so zu verstehen, muss man es sowieso schon so verinnerlicht haben, dass man sowieso alles so versteht.

  5. Immerhin lernt man hier und dort Einiges, worüber man sich als unbedarfte Waldbeerenbloggerin mit einem bescheidenen pausenblöggli sonst gar keine Gedanken machen würde… 😉

  6. Blogs können bezahlte Zeitungsbeiträge qualitativ erreichen und übertreffen. Das ist nicht das Problem. Gefählich wird es, wenn Leute, die die Marktmechanismen nicht oder nur rudimentär kennen, glauben, ihre
    Bloggererfahrung könne als Maßstab für Medien allgemein gelten, dergestalt, dass sich die ganze Medienwelt nach ihren Prinzipien (freie Verfügbarkeit usw.) richten solle.

    Wer von den „Chancen“ des Internets und der Netzfreiheit für die Kreativwirtschaft spricht, muss konkret werden.

  7. Mein Hinkebein

    Lieber Anatol,

    jede Analogie hat ihre Grenzen, dessen bin ich mir bewusst. Und vielleicht ist es zum Verständnis hilfreich, dass ich sowohl Blogger als auch vom Zeilen- oder Seitenhonorar lebender Journalist bin, also sowohl Walderdbeeren als auch Gartenerdbeeren in meinem (mit hinkenden Beinen, zugegegeben) erarbeiteten Sortiment habe. Und ich bin mir der qualitativen Unterschiede beider Ausdrucksformen sehr bewusst.

    Ich zumindest wäre der Letzte, der behauptet, dass Blogeinträge – Deine nicht, und meine hoffentlich auch nicht – ein „minderwertiges“ Produkt im Vergleich zu professionellem Journalismus sind. Aber sie sind ein ANDERES Produkt, mit anderem Aroma, anderem Nutzwert – und einer anderen Bedeutung für den Produzenten. Sagen wir mal so: Ich investiere meine Fähigkeiten in beides, aber zu unterschiedichen Zwecken. Und ja, ich habe sogar manchmal die Situation, dass ich entscheiden muss, ob ich etwas als Hobby (Blog) oder als Beruf (Journalismus) schreibe. Lass mich ein bisschen ausholen:

    So lange Burda noch Eigentümer der deutschen ScienceBlogs war, bestand ein (stillschweigendes?) Nutzungs“abkommen“ – FOCUS Online durfte Blogbeiträge nach Gutdünken zweitverwenden. Und so konnte es schon mal vorkommen, dass etwas, was ich als Hobby produziert hatte, plötzlich in einem professionellen Medium stand. Das war mir ziemlich egal, so lange ich bei FOCUS in Diensten stand und ein festes Einkommen hatte (wirtschaftlich ist FOCUS zwar nur marginal mit FOCUS Online verbunden, aber man hilft sich unter Verwandten ja gerne mal aus).

    Doch dann wurde diese Geschäftsbasis entzogen – FOCUS wollte fürderhin ohne mich auskommen. Und FOCUS Online musste von da ab für die Texte, die sie von mir haben wollten, en Honorar bezahlen. Manchmal gab es Themen, üeber die ich gerne bloggen wollte, die ich aber auch journalistisch (= gegen Bezahlung) angeboten habe. Und ab da wird es delikat: Warum sollte FOCUS Online einen Text bei mir bestellen, für den es bezahlen muss – wenn es nur ein bisschen warten muss und dann ein Stück aus meinem Blog gratis haben kann? Diese Überlegungen habe ich manchmal wirklich anstellen müssen. Nicht oft, aber doch in Einzelfällen (und es ging mal so, mal so aus).

    So lange ich mein festes Einkommen hatte, konnte mir das egal sein – was soll’s ich kann mir ja leisten, die Früchte meiner Arbeit großzügig zu verschenken, denn ich hab‘ genug zum Leben. So wie es dem Erdbeerbauern, dessen Beete so üppig tragen, und der zudem auch noch ein paar Grundstücke an den Gewerbehof verpachten konnte, durchaus möglich sein kann, mal hier und da ein paar Kilo zu verschenken. SO wie Du Dir leisten kannst, Deine Texte großzügig freizugeben.

    Der Unterschied ist halt: ER entscheided, ob und wann er das tut. Aber das heißt nicht, dass sein Nachbar (der sich seine Erdbeeren saurer verdienen muss und keine anderen Nebeneinkünfte hat, um diese Erdbeeranbauerei gegebenenfalls zu subventionieren) nun auch seine Erdbeeren gratis hergeben muss. Und schon gar nicht, dass von jetzt ab alle Feldfrüchte für jedermann und -frau freigegeben werden müssen.

    Nur weil ich mein Fahrrad (andere Analogie, denn auf zwei Beinen hinkt sich’s besser) manchmal verleihe, heißt dass sich nun jeder mein Fahrrad nehmen kann, wann er will. Oder es gar für sich selbst behält (sprich: klaut), weil es „halt so herumstand“.

    Betrachten wir’s doch mal vom Standpunkt des Konsumenten: Will er darauf vertrauen, dass es schon genug Bauern geben wird, die immer dann Lust aus Verschenken ihrer Erdbeeren haben, wenn ihm selbst der Appetit danach steht? Oder erwartet er, zuverlässig beliefert zu werden, wann immer er das Bedürfnis verspürt? Und bei Erdbeeren scheint es uns allen klar zu sein, dass Letzteres nun mal seinen Preis kostet.

    Vielleicht wird’s so klarer: Ja, ich bin fest überzeugt, dass wir professionelle Content-Erzeuger brauchen – Künstler, Autoren, Journalisten – und dass diese mit ihrer Professionalität einen positiven Beitrag zum gesellschaftlichen Dasein leisten. Und Professionalität bedeutet, dass sie für diese Tätigkeit bezahlt werden müssen. Aber bisher sind die Verlage und artverwandten Content-Vermittler die einzigen, die diese Bezahlung einigermaßen zuverlässig garantieren. Mir wäre es als Journalist durchaus angenehm, wenn wir ohne diese Makler (die mehr als eine bescheidene Courtage kassieren) auskommen könnten. Aber so lange es kein anderes, besseres Bezahlsystem gibt (weil ja das Bezahlen an sich als das abschaffenswerte Übel charakterisiert wird), bedeutet dies auch, dass jede Forderung nach Systemänderung hier der Forderung gleichkommt, Professionalität abzuschaffen.Und zwar, wenn man’s konsequent durchdenkt, JEGLICHE Form der Professionalität. Weil es auf allen Gebieten (abgesehen vielleicht von der Müllabfuhr, da bin ich mir nicht ganz sicher) immer jemanden geben wird, der dies auch als Hobby betreibt – Linguistik, Geographie, Erdbeeranbau. Meine Frage also: Fordern wir das Ende der Professionalität? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum sollten die Profis dann nicht erwarten dürfen, auch als Profis respektiert und entlohnt zu werden?

    Mit besten Grüßen

    Jürgen Schönstein

  8. OpenSource

    Wer der Meinung ist, dass die ‚Kostenlos‘-Kultur schaedlich ist, der sollte sich mal mit OpenSource bei Software Entwicklung auseinandersetzen.

    Ich bin beruflich Programmierer und kann davon gut leben, trotz nein gerade auch weil es OpenSource gibt.

    Und da stimme ich Anatol uneingeschraenkt zu: „Wer von seinen Texten leben will, muss einen Weg finden, diese zu verkaufen“. Und zwar in einer Art und Weise, die als fair empfunden wird. Und ganz offensichtlich scheint sich dieses Fair zu aendern.

    Siehe http://consumerist.com/…in-america-for-2012.html

    Da kann man rumheulen und umsich schlagen oder es akzeptieren und sich anpassen. Ich wuerde auch viel lieber Kunstprogramme schaffen und dann willkuerliche von mir festgesetzte Preise verlangen, statt Tag fuer Tag nach Kontrakt/Gehalt zu arbeiten.

  9. Ich glaube nicht, dass die Kostenloskultur als schädlich betracht werden solle, aber man sollte auch nicht den Umkehrschluss ziehen, dass nur weil Ubuntu kostenlos erhältlich ist, Windows 8 auch kostenlos erhältich sein muss. Die Tatsache dass in einem Blog unbezahlt/hobbymäßig über Thema XY in hoher Qualität berichtet werden kann, stellt für mich nicht die Daseinsberechtigung bezahlter Journalisten, die über dasselbe Thema schreiben in Frage.

    Im Übrigen sind viele OpenSource-Projekte wie z.B. Ubuntu nicht so romantisch wie man denkt sondern streben ebenso nach Gewinn wie alle anderen Unternehmen auch. Das Geschäftsmodell sieht nur nicht vor, für das Betriebssystem Geld zu verlangen – rund herum geht es aber sehr wohl um Geld durch Vermarktung etc. Dieses OpenSource-Modell lässt sich aber nunmal nicht so einfach auf Journalismus übertragen.

    Und wenn es um Fernsehjournalismus geht, halte ich die Behauptung, dass nebenberufliche Blogger mit Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit gleichwertige Reportagen anbieten für Humbug.

  10. Lieber Jürgen,

    die Situation mit FOCUS, FOCUS Online, den ScienceBlogs und der Nutzung deiner Texte, die du hier beschreibst, hat doch nichts mit Wald- und Gartenerdbeeren zu tun, sondern damit, dass es eine geschäftliche Vereinbarung bestand, der dann die Grundlage entzogen wurde. Ab dem Punkt wäre es logisch gewesen, FOCUS Online deine Blogtexte nicht mehr nutzen zu lassen (bzw., wenn das bei den ScienceBlogs nicht möglich ist, woanders hin zu wechseln — die SciLogs nehmen dich sicher gerne). Aber das Problem zu lösen, indem man im Blog nur noch Texte von einer Qualität zu veröffentlichen, die niemand haben will, und die guten Sachen nur dann zu schreiben, wenn es Geld dafür gibt, und dann einen Qualitätsunterschied zwischen Blogbeiträgen und bezahltem Journalismus zu postulieren, kling für mich zirkulär.

    Blogbeiträge sind aber per se eben KEIN anderes Produkt als „professioneller Journalismus“. Bei beiden Arten von Texten gibt es Schrott und Hochqualitatives, und mit dem Preis der Texte hat das zunächst nichts zu tun. Sieh dir den Schrott an, der über den Klimawandel häufig in den „professionellen“ Medien erscheint, und vergleiche das mit der hohen Qualität der Texte, die Stefan Rahmstorf oder Georg Hoffmann in ihren Blogs veröffentlichen. Oder sieh dir die Texte an, die Lars in seinem Blog veröffentlicht und vergleiche die mit seinen „professionellen“ Texten — da gibt es keinen Qualitätsunterschied. Die Blogtexte sind thematisch manchmal etwas weniger mainstreamig, aber sie sind nicht anders geschrieben, nicht anders recherchiert. Ich habe nirgends die Abschaffung von Professionalität gefordert, aber ich sehe — gerade im journalistischen Bereich — keine Korrelation zwischen Bezahlung und Professionalität. Es gibt teure Journalist/innen, die exzellente Texte schreiben und es gibt billige Journalist/innen und kostenlose Blogger/innen, die exzellente Texte schreiben. Und es gibt teure und billige Journalist/innen und kostenlose Blogger/innen, die Texte produzieren, die die Bits und Bytes nicht wert sind, aus denen sie bestehen.

    Da auch du, wie viele andere, die Frage stellst, ob ich das auch für die Linguistik so sehe — aber natürlich. Es gibt Menschen außerhalb der institutionalisierten Sprachwissenschaft, die exzellente und entscheidende Ergebnisse beigetragen haben, und es gibt institutionelle Wissenschaftler/innen, die in der Forschung nach ihrer Berufung nichts Relevantes mehr leisten. Sie werden aber nur zu einem Teil für ihre Forschung bezahlt, sondern für ihre Aufgaben im Lehr- und Prüfungsbetrieb, für akademische Selbstverwaltung und Curricularentwicklung, usw. Die sprachwissenschaftliche Forschung könnte man, zumindest dort, wo keine teuren Geräte, Versuchspersonen, etc. bezahlt werden müssen, an „Hobby-Wissenschafter/innen“ abgeben, aber ob sich für den Lehr- und Prüfungsbetrieb und die Verwaltung auch Hobbyist/innen finden lassen würden, kann man wohl bezweifeln.

    Abschließend wäre ich froh, wenn mir endlich jemand die Stelle in meinen Texten zeigen könnte, wo ich sage, dass es keine Leute geben darf, die mit ihrer Kreativität ihren Lebensunterhalt bestreiten.

    Mit besten Grüßen
    Anatol

  11. @A.S. 07.04.2012, 21:29

    Über die Kommentarstelle:
    „Ich habe nirgends die Abschaffung von Professionalität gefordert, aber ich sehe — gerade im journalistischen Bereich — keine Korrelation zwischen Bezahlung und Professionalität. Es gibt teure Journalist/innen, die exzellente Texte schreiben und es gibt billige Journalist/innen und kostenlose Blogger/innen, die exzellente Texte schreiben. Und es gibt teure und billige Journalist/innen und kostenlose Blogger/innen, die Texte produzieren, die die Bits und Bytes nicht wert sind, aus denen sie bestehen.“

    Ich glaube, lieber Herr Stefanowitsch, da sind Sie einer Begriffsverwirrung von Professionalität und Qualität erlegen.
    Profis unterscheiden sich von Amateuren m.E. v.a. dadurch, dass sie etwas für Geld/zum Lebensunterhalt machen. Deshalb gibt es eine Korrelation zwischen Bezahlung und Professionalität.
    Und deshalb wäre die Abschaffung von Professionalität in so manchem Bereich gar nichts schlechtes: Die durchschnittliche Qualität würde mancherorts womöglich ansteigen.
    (Beim Boxen, sagt man mir zuweilen, sei die Qualität der Amateure höher; die Profis würden vor allem dafür bezahlt, sich grün und blau schlagen zu lassen. Hoffentlich zwingt niemand die Boxprofis dazu, sich ihren Lebensunterhalt so zu verdienen.)

    Dass Sie Qualität mit Professionalität verwechseln (bzw. dies unklar ausdrücken), ist überraschend. Denn Sie wehren sich ja zu Recht gegen die Unterscheidung zwischen wertvollem originärem Bezahlcontent und wertlosem sekundärem Kostenloscontent. Diese Unterscheidung entstammt doch klar der Fiktion, dass alles, was etwas wert sei, etwas kosten müsse. Manche Verwirrte sollen gar glauben, dass ein Ding je wertvoller sei, desto höher sein Preis ist.

    Die Abschaffung von Professionalität könnte übrigens auf manchen Gebieten, auf denen Amateure den qualitativ höherwertigen Liebhaber-Content produzieren, dadurch zustande kommen, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt würde.

  12. Ein Zitat

    Lieber Anatol,

    es gbt sicher vieles, worüber wir uns verständigen können. Aber wie hätte ich dieses Zitat

    Trotzdem schreibe ich meistens umsonst, einfach, weil ich schreiben will — und damit bin ich einer von Millionen, die umsonst komponieren, malen, dichten, filmen, und die ihr Geld auf ganz althergebrachte Art und Weise verdienen: Indem sie dafür arbeiten. Wenn ich das erzähle, höre ich oft: „Ja, du hast leicht reden, du hast eine Stelle auf Lebenszeit, du musst nie darüber nachdenken, wovon du nächsten Monat deine Miete bezahlen musst. Aber wir, wir müssen vom Schreiben, vom Singen, vom Filmemachen leben“. Aber tatsächlich „müsst“ ihr das nur, weil ihr entschieden habt, es zu müssen. Die Netzwerkadministratorin, der Straßenbahnfahrer, die Unternehmensberaterin, der Werbetexter und der Professor müssen ja auch von etwas leben, und darum arbeiten sie vierzig bis sechzig Stunden die Woche für ihren Lebensunterhalt, und dann setzen sie sich hin und komponieren, schreiben, schauspielern, spielen Bass. Ihr wollt das auch? Was hindert euch daran, außer einem tief verwurzelten Glauben, dass jede eurer Ideen bares Geld wert ist?

    anders interpetieren sollen als: Schreiben ist keine geldwerte Arbeit (ergibt sich aus dem Vergleich, dass andere „ihr Geld auf ganz althergebrachte Art und Weise verdienen: Indem sie dafür arbeiten“), und dass Ideen bares Geld wert sein könnten, ist ein tief verwurzelter (Irr-)Glaube? Ich erkläre meinen Studenten gelegentlich (geklaut, so weit ich mich erinenrn kann, bei Wolf Schneider) dass sich mindestens einer beim Schreiben quälen muss – entweder der, der schreibt, aber wenn nicht der, dann der Leser. Missverständnisse – falls hier ein solches vorliegt – sind auch die Verantwortung des Autors, der sich nicht klar genug ausdrückt (an welcher Stelle hätte obiges Zitat von einer pauschalen Verunglimpfung einer bereiten Gruppe, in der ich mich persönlich wiederfinde, zum berechtigten Vorwurf gegen eine klar definierte Zielgruppe, der ich nicht angehören soll, geändert werden können?)

    Übrigens hast Du meine ScienceBlogs/FOCUS-Online-Anekdote nicht ganz korrekt weiter interpretiert: Ich habe in solchen (seltenen) Fällen nicht etwa einen schlechteren Blogbeitrag geschrieben, sondern erst mal gar nicht geschrieben. Okay, manche Leser meines Blogs mögen das sogar als Service empfunden haben (nichtjeder scheint zu mögen, was und wie ich schreibe), aber ich würde doch erst mal denken, dass durch diese von mir nicht herbei gewünschte Situation die LeserInnen meines Blogs einen Nachteil hinnehmen mussten, weil ihnen ein Thema vorenthalten wurde. Darauf wollte ich hinaus.

  13. @Erbloggtes

    ‚Mit einer Sache Geld verdienen‘ ist keine notwendige Bedingung für Professionalität, die allgemein als ‚versiert, mit hohem Können‘ verstanden wird. Profession und professioniert wären die entsprechenden Begriffe für Menschen, die etwas berufsmäßig tun [aber eben nicht unbedingt mit Professionalität].

    Übrigens: Die Qualität von Werken und Arbeit hat nicht die Bohne mit der Diskussion um ein neues Urheberechtsgesetz, Urheberrecht, Nutzungs- und Lizenzrechte zu tun.

    Um nur beim persönlichen Urheberrecht zu bleiben – und den daraus resultierenden übertragbaren Rechten -, die stehen einem miserablen Schriftsteller genauso zu wie einem Meister. Sie stehen sogar einem Amateur zu, auch egal wie gut oder schlecht sie schreibt.

  14. Profis und Geldwertes

    @Erbloggtes

    Nein, ich habe nur die von Dierk angedeutete Doppeldeutigkeit aufgegriffen, die in dem Wort professionell selbst steckt: Es bedeutet 1) etwas beruflich machen, und 2.) etwas fachgerecht machen, und diese Doppeldeutigkeit nutzt auch Jürgen Schönstein bei seiner Frage, ob Profis als Profis respektiert und bezahlt werden sollten. Wenn man den Profi-Begriff nur an der Bezahlung aufhängt, dann wären z.B. die vielen exzellenten freien Journalist/innen, die von ihrer Arbeit eben nicht leben können (nicht, weil das Internet ihnen ihre Texte stiehlt, sondern, weil sie zu wenige und zu schlecht bezahlte Aufträge haben) ja keine Profis und müssten demgemäß auch nicht als Profis respektiert werden. Wenn man den Profi-Begriff aber nur am Willen festmacht, von seinem schöpferischen Tun zu leben, würde er bedeutungslos.

    @Jürgen

    Wahrscheinlich könnten wir uns sogar über alles verständigen, wenn wir die Metaphern und den übrigen konzeptuellen Ballast über Bord werfen würden, der diese Debatte plagt. Was das Zitat betrifft, so kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, warum du (und andere) das so interpretieren. Schreiben ist — genau wie die Administration von Computernetzwerken, das Führen von Straßenbahnen, das Beraten von Unternehmen, das Texten von Werbung und die universitäre Lehre genau dann geldwerte Arbeit, wenn einem jemand Geld dafür zahlt (ich habe den Werbetexter nicht ohne Grund in der Liste eingebaut, auch wenn sich ein großer Teil der empörten Kreativen in den Kommentaren auf den Straßenbahnfahrer eingeschossen hat). Und wenn einem niemand Geld für das Schreiben zahlen will, dann muss man sein Geld anders verdienen, und die „althergebrachte“ Weise, Geld zu verdienen, ist die, eine Arbeit zu erledigen, die einem jemand bezahlt. Wenn ein arbeitsloser Straßenbahnfahrer oder eine Unternehmensberaterin ohne Aufträge eine breite politische Diskussion darüber anstoßen würden, wie man das Internet regulieren könnte, um ihnen ein Einkommen zu garantieren, würde ich ihnen ebenfalls raten, ihr Geld auf „althergebrachte“ Weise zu verdienen (alles immer unter der Voraussetzung, dass wir das bestehende Wirtschaftssystem nicht abschaffen wollen, denn ich persönlich hätte zwar nichts dagegen, aber ich vermute, unter den Tatortautor/innen und Industriemarionetten im Handelsblatt gibt es dafür keine Mehrheit).

    Ganz allgemein muss ich sagen, dass ich überrascht bin, wieviele Kreative sich von meinem offenen Brief pauschal angesprochen und ungerecht behandelt fühlen, ohne den Kontext zu berücksichtigen, den ich zum Einstieg mehr als deutlich mache. Bei einem gefühlten Drittel der Leute, die sich in den Kommentaren und auf Twitter darüber empört haben, war klar, dass sie meinen Text gar nicht gelesen sondern nur reflexhaft ihre eigenen Vorurteile wiederholt haben, bei einem weiteren Drittel war klar, dass der Text sie sprachlich überfordert hat, ein Drittel hat fundierte Kritik in die Diskussion eingebracht. Ist es meine Schuld, dass der Text zwei Drittel der Kreativen überfordert hat? Wolf Schneider (warum auch immer mich der interessieren sollte) würde das vielleicht so sehen. Aber wenn man anfangen muss, sprachliche und textliche Komplexität zu vermeiden, damit einen die Kreativen verstehen, dann müsste man sich fragen, ob wir die richtigen Kreativen haben.

    Ich bin ebenfalls überrascht, wie wenige der sich pauschal mitgemeint und ungerecht behandelt fühlenden Kreativen vorher eine ähnliche Ungerechtigkeit darin gesehen haben, dass die derzeit laufende Hetzkampagne der Contentindustrie fröhlich in einen Topf wirft: a) Leute, die sich bei Filehostern und Peer-to-Peer-Netzwerken Musik und Filme besorgen, die sie sich anders nicht leisten könnten; b) Leute, die sich im Netz Bücher, Filme, Songs, etc. besorgen, die anders nicht zu bekommen sind; c) Leute, die sich einen Youtube-Film ansehen; d) Leute, die mit dem Betreiben von Filehostern Geld machen; e) Suchmaschinen, die Kleinstschnipsel ihrer Texte zitieren, um diese Texte auffindbar zu machen und Leser/innen zu den Texten zu schicken; f) Kreative, die in irgendeiner Form auf den Kreationen anderer aufbauen (als ob es überhaupt anders ginge!), etwa, indem sie zitieren, samplen/remixen, oder sich allgemein inspirieren lassen; g) Piraten (und manchmal gleich noch die Linke und die Grünen), die seit Jahren detaillierte, und ehrlich gesagt, nicht besonders radikale Vorschläge zur Anpassung des Urheberrechts an die Möglichkeiten und die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts machen.

    Wenn ich eine einzige pauschalisierende Gemeinheit über Kreative loswerden darf, dann die: Dafür, dass sie von ihrem „geistigen Eigentum“ leben (oder leben wollen) beschäftigen sich erstaunlich wenig mit Fragen von Urheber- und Nutzungsrechten. Weder folgen sie der öffentlichen Diskussion (die ja nicht erst seit gestern läuft), noch lesen sie sich wenigstens die Verträge und Vereinbarungen genau durch, die sie unterschreiben, um für ihre Arbeit bezahlt zu werden. Viele von ihnen haben nicht die geringste Ahnung, welche Rechte sie selbst an ihren Werken eigentlich noch haben.

  15. @A.S. 08.04.2012, 09:14, und davor Dierk

    Letzteres ist eigentlich ein rechtspolitischer Grund, übliche urheberrechtliche Verträge (inkl. AGB von Facebook & Co.) für unwirksam zu halten: Einem Vertrag zustimmen kann man nur, wenn man seinen Inhalt verstanden hat.

    Aber zu meinem eigentlichen Punkt: Die Definition von Professionalität als „versiert, mit hohem Können“ (von Dierk) ist abstrus [NB: man sollte mal etwas über die neu angestoßene Karriere dieses Wörtchens seit einem Jahr schreiben]. Dass dies allgemein so verstanden werde (laut Dierk), ist einerseits falsch, andererseits Teil des Problems. Ich erläutere das anhand des Duden-Eintrags: „Professionalität“ wird dort definiert als „Professionellsein“. Und „professionell“ wird definiert als:
    „1. a. (eine Tätigkeit) als Beruf ausübend
    b. als Beruf betrieben
    2. fachmännisch, von Fachleuten anerkannt“
    http://www.duden.de/rechtschreibung/professionell
    Zentral ist also für die Definition von Professionalität das Wort „Beruf“, denn fachmännisch bezieht sich ja auch darauf.
    Nun steckt im Wort und in der Ideologie des Worts „Beruf“ noch jede Menge „Berufung“ mit drin. Historisch haben Gott oder eine andere höhere Macht (z.B. der Vater, der König) demnach jemandem die Aufgabe übertragen, eine bestimmte Tätigkeit auszuführen (etwa Herrscher, Bauer oder Kaufmann zu sein). Auf diese Beauftragung stützt der Profi seine Kompetenz (es ist quasi ihr erster Nachweis, da Gott, König und Vater[land] nicht irren können) und legitimiert so seine Tätigkeit.
    Das sind Relikte, die noch in unserem kollektiven Bewusstsein drin stecken, die aber mit unserer Lebenswirklichkeit und unseren reflektierten Überzeugungen nur noch wenig zu tun haben (wenn man mal absieht von den vielen „staatlich geprüften“ Berufen).
    Ich bleibe dabei, dass professionell/Professionalität sinnvoll definiert ist als auf Broterwerb gerichtet.

    Sie, lieber Herr Stefanowitsch, schreiben: „Wenn man den Profi-Begriff aber nur am Willen festmacht, von seinem schöpferischen Tun zu leben, würde er bedeutungslos.“
    Ich hatte von „Willen“ nicht gesprochen, sondern von tatsächlichem Lebensunterhalt. Ich bin auch der Ansicht, dass man „die vielen exzellenten freien Journalist/innen“ nicht „als Profis“ respektieren sollte, sondern als exzellente freie Journalist/innen. Ob jemand qualitativ gute Arbeit macht, kann man nämlich nicht daran erkennen, ob er Profi ist (damit Geld verdient) oder nicht. Ich finde eine Bindung des Begriffs Professionalität an Qualität nicht sinnvoll, verschleiernd, also ideologisch, und verwirrend.
    (NB: Als Prof. sind Sie natürlich auch Profi und machen als Beruf, wozu Sie berufen wurden. Ich lehne es aber ab, Ihre Arbeit nur aus dem Grund zu respektieren, weil Sie von einer mir unbekannten Macht berufen wurden. Ich respektiere sie, soweit sie mich überzeugt. Und das ist, wie Sie sich denken können, ziemlich weit.)

    Dierk, Sie schrieben auch: „Die Qualität von Werken und Arbeit hat nicht die Bohne mit der Diskussion um ein neues Urheberechtsgesetz, Urheberrecht, Nutzungs- und Lizenzrechte zu tun.“
    Ich bin da grundsätzlich Ihrer Meinung, stelle aber fest, dass zahlreiche Tatort-Autoren und Handelsblatt-„Kreative“ betonen, ihre Werke seien deshalb außerordentlich (urheberrechtlich) schützenswert, weil sie ja von Profis stammten und daher von so außerordentlich hoher Qualität seien.
    Dass das Unsinn ist, ergibt sich etwa daraus, dass es ja gute und schlechte Tatorte gibt, und weder die einen noch die anderen sind so wie sie sind, weil es das Urheberrecht gibt. Die Qualität von Tatorten ist auch nicht an irgendeine Berufung (Begabung) der Beteiligten gekoppelt. Was man allenfalls sagen kann, ist, dass die Produktionsbedingungen Einfluss auf die Qualität haben.

    Hier noch der Hinweis auf einen unaufgeregten Text eines Ökonomen (der nicht von der Verwerterlobby bezahlt wird):
    http://wirtschaftsphilosoph.wordpress.com/…atte/

  16. @A.S.

    „Und wenn einem niemand Geld für das Schreiben zahlen will, dann muss man sein Geld anders verdienen, und die „althergebrachte“ Weise, Geld zu verdienen, ist die, eine Arbeit zu erledigen, die einem jemand bezahlt.“

    Sorry, aber DAS Zitat kann wie eine Rechtfertigung für Diebstahl jeder Art gelesen werden. Ich verfolge die Diskussion hier und anderswo mit Interesse und bin hin und hergerissen. Aber solche Aussagen sind wie Ansagen an einen Erdbeerbauern, er möge sich bitte eine anständige Arbeit suchen, anstatt sich zu beschweren, dass ich ihm die Früchte seiner Arbeit gestohlen habe, weil ich es ja noch immer besser als er weiss, dass seine Arbeit des Erdbeeranbaus nichts wert ist.

  17. und weiter geht’s…

    Lieber Anatol,

    gleich vorweg etwas, was ich in 25 Journalistenjahren gelernt habe: Wenn mich zu viele meiner LeserInnen missverstehen, dann liegt das in aller Regel ganz einfach daran, dass ich mich für diese LeserInnen missverständlich ausgedrückt habe. Und ja, das Zitat, auf das ich Dich verwiesen habe, sagt erst mal ganz pauschal, dass Schreiben keine „richtige“ Arbeit ist.

    Dein Argument (beziehungsweise die Nachbearbeitung dieses „Arguments“) ist nun, dass sich die Zeiten geändert hätten, nun wolle halt niemand mehr Geld fürs Schreiben bezahlen, also bitteschön, findet Ihr Schreiberlinge Euch endlich damit ab, dass damit kein Geld mehr zu verdienen ist. Und das ist, ganz ehrlich, ein saudummes Argument (zur Vorsicht nochmal betont: das Argument ist saudumm, nicht Du). Warum gibt es Theater- und Kinokassen und Kartenkontrolle, warum gibt es Fahrkarten für U-, S- und allerlei sonstige Bahnn, warum müssen wir im Supermarkt an der Kasse für Waren bezahlen, die wir doch lieber umsonst hätten?

    Ich bin gerne bereit, über ein anderes Bezahlsystem für meine Arbeit zu diskutieren. Aber das setzt immer noch voraus, dass ihr Wert erst mal anerkannt wird. Deine Position ist hier tautologisch: Weil man die Produkte auch kriegen kann, ohne dafür zu bezahlen (weil sie halt bisher nicht gut genug gesichert waren, zum Beispiel), sind sie nichts wert – und awarum soll man dann für etwas bezahlen müssen, das wertlos ist? Aber diese Logik lässt sich auf alles anwenden, von der Zeitung bis zum Sportwagen.

  18. @Jürgen

    Entschuldige, aber wo habe ich gesagt, dass niemand mehr fürs Schreiben bezahlen will oder dass damit kein Geld zu verdienen sei? Ich habe an mehreren Stellen im Originalbeitrag und in der Diskussion das Gegenteil davon gesagt. Es ist doch ganz offensichtlich, dass es Leute gibt, die davon leben können, teilweise sehr gut. Nur: Wenn jemand eben NICHT davon leben kann, dann kann er es nicht und kann dafür nicht das Internet oder die Leser/innen oder sonstwen dafür verantwortlich zu machen (außer vielleicht die Contentindustrie, aber auch die macht ja nur das, was sie in einem marktwirtschaftlichen System tun soll, nämlich möglichst viel Geld verdienen; und außerdem hüten sich die Kreativen, deren aktuelles Krakeele meinen Offenen Brief überhaupt nur ausgelöst hat, tunlichst davor, diese Contentindustrie auch nur leise zu kritisieren).

    Ich habe auch keine Lust auf die ständige Wiederholung der falschen Behauptung, ich hätte irgendwo geschrieben, dass Schreiben keine „richtige“ Arbeit ist. Das, wovon man nicht leben kann, ist keine „richtige“ Arbeit. In den Kneipen, Cafés und Restaurants in Berlin, Hamburg und wahrscheinlich auch anderen Großstädten wirst du von tollen, witzigen, intelligenten und gutaussehenden Männern und Frauen bedient, die „eigentlich“ Schauspieler/innen sind. Und ich wette, unter denen sind nicht wenige tolle, höchst talentierte Menschen, deren Darstellungen uns zu großen Gefühlen hinreißen könnten, nur leider werden wir das nie erfahren, weil der sehr begrenzte Bedarf an Schauspieler/innen leider schon durch Leute gedeckt ist, die nicht besser oder schlechter sind, sondern die schlicht bereits im System sind. Und deshalb kellnern die anderen, und Keiner schreit nach einem „alternativen Bezahlsystem“ für die.

    Deine Bereitschaft, über ein „anderes Bezahlsystem“ für deine Arbeit zu diskutieren in allen Ehren, aber darum geht es hier nicht (davon abgesehen, dass es Bezahlsysteme in Hülle und Fülle gibt), und schon gar nicht kannst du das Anerkennen des Wertes deiner Arbeit zu einer Vorbedingung machen. Mit mir brauchst du da auch sowieso nicht zu diskutieren, ich bezahle für alle Inhalte, die ich konsumiere, den Preis, den der Anbieter verlangt. Worum es geht, ist, dass sich eine ganze Branche der Realtiät verweigert und verlangt, dass man in ihrem Interesse und ohne Rücksicht auf gesamtgesellschaftliche Kollateralschäden künstliche Barrieren in ein System einbaut, dass dabei ist, die Menschheitsgeschichte zu revolutionieren. Und da mache ich nicht mit, und da macht die Mehrheit nicht mit. Diese ganze beschissene Urheberrechtsdiskussion krankt daran, dass eine Seite so tut, als ob als erstes geklärt werden müsste, wie eine Handvoll Leute davon zufriendenstellend leben können. Stattdessen müsste zuerst geklärt werden, wie der freie Fluss von Informationen zum größtmöglichen Wohle der Menschheit insgesamt organisiert werden kann, und dann kann man gucken, welche finanziellen Möglichkeiten das System bietet. Ich glaube nicht, dass der professionelle Journalismus, die professionelle Literatur-, Musik- und Filmproduktion dadurch verschwinden wird, aber ganz sicher werden diejenigen verschwinden, die die Augen vor den Veränderungen verschließen. Und die machen dann Platz für tolle neue Kreative, die im derzeitigen System gar keine Chance haben, weil alle Ressourcen von Besitzstandwahrern besetzt sind.

    Dass ausgerechnet du jetzt Ziel dieses Wutausbruchs wirst, tut mir ehrlich leid, denn erstens respektiere ich dich und deine Arbeit sehr, und zweitens finde ich es toll, dass du (als einer von wenigen „professionellen“ Kreativen) überhaupt in den Diskurs eingestiegen bist. Lass uns doch bitte bei Gelegenheit mal persönlich bei ein paar geistigen Getränken zu einem versöhnlicheren Ton zurückfinden!

  19. So, jetzt will ich auch

    mal meinen Senf dazugeben.

    Für mich stellt sich die Sache so dar: Ich bezahle für etwas, wenn es mir einen Mehrwert bietet. Die Kinokarte, der Busfahrschein, die Dose Ravioli bieten mir einen Mehrwert, also bezahle ich selbstverständlich dafür. Verschenkt ein Supermarkt die Ravoili, dann kauf ich die doch nicht nebenan.

    Nun nehmen wir das Internet:

    1) A verlangt Geld für etwas, was B mir in identischer Weise kostenlos bietet. Nehmen wir nur die Online-Zeitungen, die zum großen Teil nicht anderes machen, als dpa-Meldungen ungeprüft online stellen und dabei nicht mal die Rechtschreibfehler korrigieren. Diese Online-Zeitungen wollen Klicks generieren und damit Werbeeinnahmen, also bieten sie mir die Info umsonst. Warum sollte ich hierfür zahlen?

    2) Jemand stellt etwas als Eye-Catcher ins Internet, um mich zum Kauf eines Produktes zu bewegen. Das gibt es im realen Leben auch und nennt sich „Warenprobe“. Von Bobby Hendersons wunderbarem Buch „Das Evangelium des Fliegenden Spagettimonsters“ findet man im Internet eine Leseprobe, die ist gratis. Für das komplette Produkt muss man zahlen. Da ich nach dem Lesen der Leseprobe zum Schluss kam, dass mir dieses Buch einen Mehrwert bietet, hab ich es gekauft. Dito bei Florians Buch „2012 Keine Panik“. Das hab ich gleich mehrmals bestellt, auch zum Verschenken.

    Schlussfolgerung: Wenn jemand etwas kostenlos ins Internet stellt und es gleichzeitig zum Kauf anbietet, wird keiner zahlen, da es keinen Mehrwert bietet, es zu kaufen. Und da kann sich keiner beschweren. Wenn man dem Kunden für den Kauf keinen Mehrwert bietet, muss er sich etwas anderes überlegen, also sich entweder anders finanzieren, z.B. durch Werbung oder nur den Eye-Catcher kostenlos ins Netz stellen.

    Und zur Professionalität: Anatol und Jürgen schreiben beide professionelle, sprich qualitativ hervorragende Texte. Ob sie das in ihrer Freizeit aus Lust und Laune machen oder beruflich, um Geld zu verdienen, ist dabei erstmal nebensächlich. Professionell sind beide. Ich hab übrigens schon mehrmals, auch für Bekannte und Verwandte, Klageschriften gefertigt und eine relativ hohe Erfolgsquote. Muss also auch irgendwie nicht ganz unprofessionell sein, auch wenn ich dafür keinen Cent verlange. Das Wort „Professionalität“ möchte ich also ganz deutlich vom Erwerbscharakter trennen.

    Und das „Problem“ der Musik- und Filmtauschbörsen hat die Musik- udn Filmindustrie doch eindeutig verpennt. Wenn es nicht mal möglich ist, einen gekauften Song oder Film auf einen anderen Rechner zu übertragen (das wäre ja wieder ein „illegales“ Kopieren), dann ist das so blöd wie 100 Meter Feldweg in Dithmarschen. Das wäre ja so, als würde ich mir eine CD kaufen, könnte die aber nur auf einem Gerät abspielen, und wenn das Gerät kaputt ist, muss ich mir nicht nur einen neuen CD-Player kaufen, sondern auch eine neue CD….

    Sorry, da jammern Leute über Probleme, die sie sich selbst gemacht haben.

    RAmen

  20. ein letztes Wort hier

    … denn dann verlege ich die Diskussion wieder in mein eigenes Blog. Denn,

    lieber Anatol,

    erstens hätte ich vielleicht klarstellen sollen (jawohl, Missverständisse sind meine Veranwortung), dass meine Walderdbeeren-Post keine Gegenrede zu Deinem Post war, sondern die Gedanken enthielt, die mir beim Lesen desselben gekommen sind. (Potentielle Ironiequelle hier: Ich habe mir laos einen fremden Inhalt angeeignet und selbst was draus gemacht.) Daher ist auch nicht alles, was darin steht, als Kontrapunkt zu Deinen Argumenten zu verstehen.

    Und (verzeih‘ mir den Sarkasmus) was die Situation der Freischaffenden angeht, die ihre Leidenschaft mit anderen, bezahlten Tätigkeiten angeht: Danke für die Nachhilfestunde. Hätt‘ ich aber nicht gebraucht, bittesehr, denn genau das IST meine Situation. Ich muss meinen Job als freier Journalist schon mit einem „day job“ subventionieren. Mehr noch: Nahezu alle meine Feunde hier sind, wie auch meine Frau, freischaffende Schauspieler, Maler, Bildhauer, Musiker, Tänzer, und sie alle haben diese Geldjobs als Handwerker, Übersetzer, Babysitter, Archivare, Kellner, Barkeeper, Taxifahrer … die mit etwas mehr Glück, wie meine Frau und ich, mit einem Lehrauftrag an einer angesehenen Hochschule. Und weißt Du was: Keiner „will“ diese Nebenjobs machen, alle wären froh, wenn sie sich auf ihre Kunst konzentrieren und davon leben könnten. Die Annahme, dass sie dies als Hobby empfinden und sich damit begnügen, dies dann nach mit Freuden an langen Arbeitsagen mit lausiger Bezahlung noch ausüben, ist ein romantischer Trugschluss. Und dass einige dieser Feunde sich enttäuscht von der Lunst abwenden, weil sie sich nicht lohnt (und nicht etwa, weil sie schlechte Künstler sind) ist ein Verlust, den wir alle empfinden.

    Aber ich schweife ab: Natürlich gibt es Berufe, die überflüssig werden. Der „Heizer“ auf E-Loks ist ein klassisch gewordenes Beispiel. Und wenn niemand mehr Kohlen braucht (außerhalb Berlins scheint dies schon weitgehend der Fall zu sein), dann gibt es gewiss keinen Grund, den Kohlenhändler zu subventionieren oder die Gesellschaft zu zwingen, diese Kohlen dennoch abzukaufen.

    Aber wir reden ja nicht davon, dass wir keine Künstler brauchen, keine Journalisten, keine Musiker, oder? Deren Erzeugnisse wollen wir weiterhin haben – aber weil wir uns diese auch ohne Bezahlung aneignen können (dazu gleich noch mehr), sollen sie halt einen anderen Weg finden, ihr Leben zu finanzieren. Mit Kellnern und Babysitten, nehme ich an.

    Aber wie gesagt: Ich verlege die Diskussion lieber wieder in mein Blog zurück.

    Mit bestem Gruß

    Jürgen

    P.S. Nichts für ungut. Und falls es sich einrichten lässt (hast Du nicht mal eine Konferenz in Cambridge oder New York zu besuchen?), dann diskutieren wir beim Bier oder Wein weiter.

  21. @Erbloggtes: ‚professionell‘

    Ich stütze mich auf den Großen Wahrig und meine naive Empirie. Letztere hat mir das Wort Professionalität noch nie – nie! – als ‚der geht dem als Beruf nach‘ über den Weg laufen lassen, sondern immer als ‚der macht das, als ob er es beruflich macht‘.

    Unabhängig von Wörterbucheinträgen, geht aus dem Zusammenhang der Verwendung bei A.S. recht klar hervor, dass er jene meint, die etwas sehr gut machen, auch wenn sie nicht dafür bezahlt werden. Klassisch kennzeichnete der bürgerliche Diskurs dies im 19. Jahrhundert mit dem Wort ‚Amateur‘, der allerdings heute praktisch ausnahmslos synonym mit ‚Laie‘ verwandt wird. Natürlich herabsetzend.

    Weg von Begrifflichkeitsdebatten, habe ich immer noch nicht ganz verstanden, an welcher Stelle A.S. [oder ich] sagen, Künstler seien eh nichts wert, deren Arbeit zu recht nicht bezahlt und außerdem sollten die doch was Anständiges lernen. A.S. wird sogar unterstellt, er würde den Künstlern verbieten wollen, Geld zu verdienen. Das steht aber nirgends.

    Richtig ist, dass Künstler auch heute – wie immer schon! – zusehen müssen, wie sie leben können. Das gilt für jeden anderen Beruf ebenso, für Lernberufe wie für freie Berufe. Nur in sehr wenigen Fällen gibt es gute Gründe, den Lebensunterhalt für bestimmte Berufsgruppen besonders zu schützen. Dafür hat, ich meine der Soldatenkönig [oder sein Sohn] den Beamtenstatus eingeführt.

    Nun ließe sich darüber diskutieren, welche Aufgaben den tatsächlich verbeamtet gehören, aber das ist eine völlig andere Baustelle.

  22. Fragen

    Worüber wird hier eigentlich diskutiert?
    Es gibt das Urheberrecht, was niemand abschaffen möchte, es gibt VG Wort, die auf unzählige Produkte Abgaben in Millionhöhe erheben darf, es gibt strafverfolgung von Urheberverletzung und niemand fordert das Recht, das jemand sich „geistiges Eigentum“ zu nutze macht, wie es mit den Diebstahl Analogien suggeriert wird. Das alles ist bereits geregelt und wird Vielfältig umgesetzt.

    Aber die in der ganzen Urheberdebatte, wird immer so getan, als ob Autoren enteignet werden und am Hungertuchnagend von einem Heer an Piraten in den Ruin getrieben werden. Aber hat sich mal jemand die Mühe gemacht die Umsätze z.b. der VG Wort genauer anzusehen? Wohin gehen die Abgaben für Festplatten, Drucker, Handy, MP3 Player usw… Wer kriegt dieses Geld? Die Autoren? Wenn ja, warum jammern sie dann so? Wenn nein, wer dann? und Warum?

    Diese Diskussion ist einseitig und für mich als „Benutzer“ von sogenannten „geistigem Eigentum“, der für alles Mögliche bezahlen muss (z.b. GEZ, GEMA Gebühren bei Veranstaltungen von Musiker auftreten die nie vorhaben bei der GEMA Mitglied zu sein [auch das gibt es] oder die oben erwähnten Geräteabgaben) ist es nicht ersichtlich, dass die oft strapazierte kulturelle Vielfalt weniger wird – im gegenteil dank des Internets habe ich Zugang, zu Musik, Fotos, Texten und Filmen, die so in der Prä-internetzeit nicht denkbar waren.

    Und die andere Frage die sich mir stellt, wenn das Internet so gefährlich ist, warum drängen dann Verlage, Labels und Künstler überhaupt dahin?

  23. zum vorläufigen Abschluss

    Danke, Dierk, ich denke, wir sind uns weitgehend einig. Wortbedeutungen sind nicht unproblematisch (und nicht „einfach so da“). Das erklärt auch, warum manche (heraus)lesen „Künstler seien eh nichts wert“ o.ä.

    Vielen Dank für Ihre kreative Idee, bei der Urheberrechtsdebatte die Frage zu berücksichtigen, welche Aufgaben den tatsächlich verbeamtet gehören, und warum!

    Prima übrigens, dass es ein Posting mit dem Chiffre Erdbeerquark gibt, in dessen Kommentaren man das Thema des offenen Briefs diskutieren kann, ohne die schlimmsten der dort aufschlagenden Kommentare lesen zu müssen. 😉