Ein Traum in Weiß

Im Zusammenhang meines Beitrags über isländische Wörter für Schnee weist mich ein/e Leser/in per E-Mail darauf hin, dass Schneewörter von Vorgestern sind. Der moderne Sprachkenner weiß längst, dass die Eskimos über Schnee nicht gerne reden, dass aber dafür ihr Farbvokabular in einem entscheidenden Bereich erstaunlich differenziert ist. Er/sie schickt mir folgendes Zitat von der Webseite des Desy, dem Hamburger Teilchenbeschleuniger:

Farben sind alles anderes als universell. Welche Farben wie empfunden und unterschieden werden, hängt stark vom jeweiligen Kulturkreis ab. So gibt es in einigen Sprachen keine eigenen Worte für Grün und Blau oder Gelb und Orange, während Eskimos alleine 17 Wörter für das Weiß kennen. [Desy 2000]

„Was sagen Sie dazu?“, fragt er/sie.

Dazu sage ich ersteinmal, dass anscheinend selbst Physiker bereit sind, alles zu glauben, wenn es um „exotische“ Völker und ihre Sprachen geht.

Eine Google-Suche zeigt, dass die Idee von den vielen Eskimowörtern für Weiß im deutschen Sprachraum nicht sehr weit verbreitet ist (derzeit 14 Treffer), im Englischen schon etwas weiter (derzeit 1700 Treffer), im Französichen dafür gar nicht. Es scheint sich also um einen Kleinstmythos oder einen Mythos im Anfangsstadium zu handeln.

Aber ist es denn überhaupt ein Mythos? Nun, das Problem bei solchen Behauptungen ist natürlich, dass diejenigen, die sie aufstellen, nie sagen, über welche Eskimosprache sie eigentlich reden — vermutlich wissen sie meistens nicht einmal, dass es verschiedene Eskimosprachen gibt. Es ist aber so: die Eskimos sprechen viele verschiedene Sprachen und Dialekte, die alle zur Familie der Eskimo-Aleut-Sprachen gehören.

Es ist natürlich theoretisch denkbar, dass es innerhalb dieser Sprachfamilie tatsächlich eine Sprache gibt, die siebzehn Wörter für den Bereich des Farbraumes hat, den wir als Weiß bezeichnen.

Wahrscheinlich ist es allerdings nicht. Denn erstens zeichnet sich dieser Bereich durch eine völlige Abwesenheit von Farbton und Sättigung aus, sodass schon eine großzügige Definition von Weiß hermüsste, um eine Aufteilung in siebzehn unterscheidbare, individuell benennbare Teilbereiche hinzubekommen. Natürlich kann man beliebig viele Wörter erfinden — mit einer kurzen Googlesuche habe ich 88 zusammengesetze Wörter mit Weiß gefunden, und es lassen sich sicher weitere tatsächlich verwendete Wörter auftreiben:

Abdeckweiß, Albinoweiß, Altweiß, Aluminiumweiß, Atlasweiß, Barytweiß, Birkenweiß, Bleiweiß, Blinkweiß, Blitzweiß, Blütenweiß, Brillantweiß, Chinesischweiß, Clownweiß, Cremeweiß, Deckweiß, Diamantweiß, Druckweiß, Edelweiß, Eierschalenweiß, Eisbärweiß, Eisweiß, Eiweiß, Elfenbeinweiß, Elfenweiß, Emailweiß, Ewigweiß, Federweiß, Flachsweiß, Geisterweiß, Gipsweiß, Griechischweiß, Hefeweiß, Kalkweiß, Keramikweiß, Kokainweiß, Kreideweiß, Käseweiß, Lasurweiß, Ledweiß, Leichenweiß, Lichtbogenweiß, Lichtweiß, Magnolie, Magnolienweiß, Malerweiß, Margaritenweiß, Marmorweiß, Mehlweiß, Naturweiss, Navajoweiß, Nelkenweiß, Neonweiß, Olympiaweiß, Papierweiß, Pergamentweiß, Perlmuttweiß, Perlweiß, Permanentweiß, Persilweiß, Platinweiß, Polarweiß, Porzellanweiß, Puderweiß, Reinweiß, Ringweiß, Rutilweiß, Sahneweiß, Schieferweiß, Schlohweiß, Schneeweiß, Schwanenweiß, Signalweiß, Silberweiß, Sojaweiß, Spargelweiß, Steinweiß, Talgweiß, Titanweiß, Topasweiß, Vanilleweiß, Verkehrsweiß, Wachsweiß, Wollweiß, Zahnweiß, Zartweiß, Zinkweiß, Zinnweiß

Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass irgendjemand diese Wörter — oder auch nur einen Teil von ihnen — systematisch für bestimmte Schattierungen von Weiß verwenden kann (Achtun: das ist eine Idee für eine Saalwette bei Wetten, dass?).

Zweitens, und hier wird es sprachwissenschaftlich interessant, zeichnen sich Farbwörter in den Sprachen der Welt dadurch aus, dass ihre Ausdifferenzierung bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt, und die Ausdifferenzierung des Bereichs, den wir Weiß nennen, spielt dabei schlicht keine Rolle.

Die einfachste Unterscheidung, die eine Sprache machen kann, ist die zwischen hellen und dunklen Farben. Solche Sprachen haben dann zwei Wörter, die wir als schwarz und weiß oder hell und dunkel übersetzen könnten, die sich aber tatsächlich auf konventionell festgelegte Bereiche des Farbspektrums beziehen, für die wir schlicht keine Wörter haben: Das Wort für „dunkel“ schließt normalerweise die Farbbereiche Schwarz, Blau und Grün ein, das Wort für „hell“ die Farbbereiche Gelb, Rot und Weiß.

Hat eine Sprache drei Farbwörter, so ist das dritte immer eine Bezeichnung für den Farbbereich, den wir Rot/Orange nennen, häufig umfasst das Wort auch den gelben Bereich.

Hat eine Sprache vier Farbwörter, so ist das vierte typischerweise ein Wort für den kombinierten Farbraum aller Blau- und Grüntöne, manchmal ist auch der Bereich der Gelbtöne dabei.

Bei fünf Farbwörtern kommt entweder ein eigenes Wort für Gelb hinzu, oder Blau und Grün erhalten jeweils eigene Wörter; und bei sechs Wörtern haben Schwarz und Weiß, Blau, Gelb, Rot und Grün jeweils ein eigenes Wort. Danach kommt häufig ein Wort für Braun hinzu, und dann Wörter für Orange, Rosa, Violett und Grau, wobei die Reihenfolge variieren kann.

Danach kann es passieren, dass eine Sprache feinere Unterscheidungen innerhalb eines dieser Farbbereiche trifft. So hat das Russische zwei Wörter für den Bereich, den wir Blau nennen: sinji (≈ „Dunkelblau“) und goluboj (≈ „Hellblau“). Diese Wörter haben keinen gemeinsamen Oberbegriff: für Sprecher/innen des Russischen ist es tatsächlich genauso erstaunlich, dass wir nur ein Wort für diese beiden Farbräume haben, wie es für uns unverständlich ist, dass die Japaner alle Blau- und Grüntöne unter dem Begriff ao (あお) zusammenfassen (auf die Farbwahrnehmung hat das allerdings keinen nennenswerten Einfluss, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag). Aber Sprecher des Russischen leisten sich diese Ausdifferenzierung nur deshalb, weil der gesamte übrige Farbraum bereits differenziert aufgeteilt und benannt ist. Es würde sehr erstaunen, eine Sprache zu finden, die zwei verschiedene Wörter für Blau, aber keine für Rot, Gelb, oder Grün hat.

Wo liegen die Eskimos auf dieser Skala der Ausdifferenzierung? Wie gesagt, es kommt auf die spezifische Sprache an, aber grob lässt sich sagen, dass alle Eskimo-Aleut-Sprachen Wörter für Schwarz (qirnitaq), Weiß (qaulluqtuq), und Rot (aupaluktuq) haben. Dabei gibt es natürlich verschiedene Wörter in den verschiedenen Dialekten und Sprachen, aber insgesamt hat jede Sprache nur eins pro Farbe.

Wenn überhaupt. Denn tatsächlich bedeutet qaulluqtuq zumindest in einigen Varietäten des Inuktitut nicht nur „Weiß“ sondern auch „klar“, „ungetrübt“, „durchsichtig“ und „sauber“. Man könnte also argumentieren, dass die Eskimosprachen nicht nur keine siebzehn Wörter, sondern eigentlich überhaupt kein richtiges Wort für Weiß haben.

Jenseits der Farbe Rot differenzieren übrigens einige Eskimo-Aleut-Sprachen zwischen Blau und Grün, während andere nur ein Wort für den gesamten blaugrünen Farbraum haben. Im Diakelt von North Baffin zum Beispiel bedeutet tungujuqtuq „Grün/Blau“, während die verwandten Wörter auf Labrador (tungujuttak), in West- und Ostgrönland (tungujurtuq) nur noch „Blau“ bedeuten und der grüne Farbbereich eigene Wörter hat (nämlich respektive iviujak, qursuk und qursuq). Auch für Gelb (Inuktitut: quqsuqtuq, Westgrönländisch: sungaartoq) und Braun (Inuktitut: kajuq, Westgrönländisch: kajortoq) finden sich Wörter.

Interessanterweise ist der rote Farbbereich in einigen Sprachen recht gut ausdifferenziert, wenngleich hier alle Wörter miteinander verwandt sind: in den verschiedenen Inuktitutsprachen gibt es Wörter wie aupalaangajuq („rötlich“, „orange“), aupajaartuq („rötlich“, „rosa“), aupallarittuq („hellrot“) und aupillattuq („rotbraun“) (die Wörter könnten alle mit auk („Blut“) verwandt sein, aber sicher bin ich mir nicht).

Aber ein derartig ausgezeichnetes Gespür für Rot passt irgendwie nicht zu den Eskimos, die den ganzen Tag nichts Besseres zu tun haben als im Schnee herumzusitzen und über die neuesten, weiß in weiß gehaltenen Inneneinrichtungsideen für Iglus zu reden.

 

Desy (2000) Kunterbunte Buntkunde [Link]

KAY, Paul und Luisa MAFFI. 1999. Color appearance and the emergence and evolution of basic color lexicons. American Anthropologist 101: 743-760.

Nunavut (2000-2010) Inuktitut Living Dictionary [Link]

SCHNEIDER, Lucien (1985) Ulirnaisigutiit: an Inuktitut-English dictionary of Northern Quebec, Labrador, and Eastern Arctic dialects (with an English-Inuktitut index). Université Laval [Google Books (Vorschau)].

© 2010, Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. schön

    Aufschlussreicher Artikel, und auch danke für den Link zum XKCD-Survey, der ja noch mit ganz anderen Mythen aufräumt, bzw. sie bestätigt…

  2. Danke für die Infos

    Interessanter Artikel, habe mich mit Farbfragen noch nie groß beschäftigt.

    Zum Japanischen ließe sich noch anmerken, daß das typische helle Grün von Gras oder Pflanzen allgemein midori (緑) genannt wird und nicht unter ao fällt (welches damit eben nicht alle Grüntöne abdeckt). Ein ganz kurzer Googletest hat auch keine offensichtlichen Treffer für beispielsweise „草の青“ (kusa no ao; Grün des Grases) ergeben, beim Kompositum „草青“ landet man nur auf chinesischen Seiten.

  3. Thema für einen anderen Tag

    Hach, beim „Thema für einen anderen Tag“ habe ich kurz gestutzt – ich habe jetzt nicht genauer geschaut, aber ist das eine ur-deutsche Redewendung?

    Mir kommt im Deutschen eher „das ist eine andere Geschichte“ in den Sinn, zum Beispiel von Bemmann (Stein und Flöte und das ist noch nicht alles).

    Ich habe nix gegen den anderen Tag, er kommt mir nur in dieser Redewendung holprig vor. Im Sprachdeutsch habe ich das, WIMRE, noch nie gehört, im Schriftdeutsch auch nicht bewusst gelesen (Google findet es meist in übersetzen Zitaten englischer/amerikanischer Personen).

    Gibt es dazu Untersuchungen oder (Gegen-)Meinungen?

    Guido

  4. Im Japanischen

    Zu wakarazu: Für „grasfarben“ gibt es noch ein eigenes Wort, nämlich 草色 (kusairo: gras-farbe).

    In der japanischen Wikipedia gibt es je einen Artikel für „grün“ und „blau“, die auch differenziert werden ( http://ja.wikipedia.org/wiki/%E7%B7%91 sowie http://ja.wikipedia.org/wiki/%E9%9D%92 ).
    Es steht allerdings dabei, dass „ao“(blau) teilweise auch für grüne Bereiche benutzt wird, soweit ich das verstehe.
    Interessant fand ich es in Japan, dass auf eine grüne Ampel immer mit „あお!“ (blau!) hingewiesen wurde. Angeblich soll das Licht der Ampel in Japan etwas mehr blau sein als hierzulande, das ist mir aber nicht aufgefallen.

  5. @wakarazu

    beim Kompositum „草青“ landet man nur auf chinesischen Seiten.

    Das richtige Kompositum ist auch andersherum: „aokusa“. Dies ist ein gebräuchlicher und auch in Woerterbüchern enthaltener Begriff und bedeutet „grünes Gras“.

    Z.B. Sanseido:

    http://dictionary.goo.ne.jp/…9D%92%E8%8D%89/m1u/

    Dies widerspricht Ihrer Annahme, nur „midori“ bezoege sich auf das Grün von Pflanzen.

    Wie es dazu kommt, dass „aokusa“ grünes Gras bezeichnet, „aoshingou“ das grüne Ampellicht, „aozora“ dagegen den blauen Himmel, ist mir allerdings auch nicht einsichtig.

  6. Naja, ich denke für diese Verwendung gibt es vor allem zwei Möglichkeiten:

    1. Herr Stefanowitsch hat sich die Redewendung quasi selber ausgedacht, weil es schlüssig und naheliegend ist.

    2. Er hat tatsächlich bewusst oder unbewusst die englische Phrase eingedeutscht, vielleicht weil er in der Forschung viel mit englischsprachiger Literatur in Berührung kommt und weil deutsche Wissenschaftler wiederum Texte in beiden Sprachen verfassen und ohne es zwingend zu merken Wendungen zwischen den beiden hin- und her“tauschen“.

    Ich tippe zwar auf die 2, aber das ist ja auch gar nicht schlimm. Ohne jetzt Quellenangaben geben zu können würde ich mal sagen dass ein gewaltiger Teil der deutschen Sprichwörter, Ausrufe und Phrasen durch kulturellen Austausch und Sprachkontakt zustande gekommen ist. Von Alltagswörtern wie dem eingedeutschten „adieu“ als z.B. „ade“ bis zum Einfluss des Jiddischen auf Regional- und Hochsprache hat man seit jeher auch Begriffe und Floskeln übernommen die weitaus tiefer in den gemeinen Sprachschatz eindringen als die von Ihnen „beanstandete“ Redewendung.

    Interessant finde ich aber, wie leicht den Menschen solche übersetzten Phrasen erkennen, ich denke wer gut genug im Englischen zurechtkommt um so etwas spontan herauszulesen wird auch irgendwann mal unbewusst Interferenzen von den Fremdsprache zu spüren bekommen.

  7. @Heiko, Michael Khan

    Danke für die Hinweise, da bin ich wohl falsch gelegen. Man kann meinen Hinweis dann zumindest noch als Erfahrungsbericht verstehen, mir kam ao bei Pflanzen noch nie unter, obwohl ich schon länger in Japan gelebt habe – das mag aber nur Zufall sein. Anscheinend ist es ja so, daß mit ao ein Überbegriff vorliegt und midori eine bestimme Teilmenge davon bezeichnet.

    Allerdings: Ich hab die verlinkten Wiki-Artikel kurz überflogen, gerade bei midori ist der Paragraph 緑をさす「青」 interessant. Demnach ist ao bei Grünzeug eine altertümliche Ausdrucksweise. Komposita wie aokusa und ähnliche könnten Relikte davon sein und müssen nicht zwangsläufig darauf hinweisen, daß man ao generell bei Pflanzen verwenden kann.
    Auch die Bilder am Rand kann man als Hinweis nehmen, bei ao ist kein einziges dabei, daß man im deutschen Sinne als „grün“ bezeichnen würde.

    Ich stelle das hier übrigens zur Disposition, ich will damit nicht stur Recht behalten.

    P.S.: Ich empfand die Ampeln in Japan tatsächlich immer als relativ blau.

  8. @Guido Lenz

    Ich würde ja behaupten, „Thema für einen anderen Tag“ ist wörtlich gemeint, nicht als Sprichwort. Zu dem Thema wird A.S. an einem anderen Tag was zu schreiben, nicht heute… Sprache besteht zwar zu einem großen Teil aus Metaphern, aber nicht ausschliesslich…

  9. @wakarazu

    Ja, das macht meiner Ansicht nach durchaus Sinn. Ich habe nämlich auch gelesen, dass das „grün“ midori[緑] früher zuerst als eine bestimmte Variante von „blau“ ao[青] angesehen wurde. Gut möglich natürlich, dass Komposita wie 青草 (grünes Gras) oder 青野菜 (grünes Gemüse) dann aus solch früherer Zeit stammen.
    Ebenfalls ist es vielleicht vorstellbar, dass eine zunehmende „Anpassung“ an westliche Konventionen auch bei den Farben eine Rolle gespielt hat, und somit bei der Differenzierung von „grün“ von „blau“ (man bedenke beispielsweise auch die Farb-Codes am Computer, etc). Das ist aber bloß Spekulation.

    Interessant übrigens, dass Ihnen die Ampeln in Japan „blauer“ vorkamen. Mir ist überhaupt kein Unterschied zu deutschen Ampeln aufgefallen. :
    http://bit.ly/9UwSl0
    http://bit.ly/aFc1VW

  10. Universelle Farben oder nicht?

    »As observed in the World Color Survey (WCS), indeed, any two
    groups of individuals develop quite different categorization
    patterns, but some universal properties can be identified by a
    statistical analysis over a large number of populations.«
    Das alles und noch viel mehr steht hier:
    http://www.eva.mpg.de/…r%20naming%20patterns.pdf

  11. Farbwörter

    Vor einigen Jahren habe ich gelesen, dass die Umgebung, in der man lebt, den Farbgeschmack beeinflusst. Ich dachte, dass es am Wetter liegt (Auf Hawaii trägt man beispielsweise sehr farbenfrohe Kleidung), aber Großbritannien bestätigt diese Theorie nicht: das Wetter ist oft grau und regnerisch, jedoch tragen die Briten auch helle und bunte Kleidung. In Deutschland hingegen, tendiert man eher zu dezenten und dunkleren Naturfarben. Die Slowakei ist ein Mix von allem. Im Winter kann es sehr kalt werden (bis zu minus 15 Grad) und im Sommer sehr heiß (bis zu 40 Grad). Man kann auch nicht eindeutig sagen, ob man dort dunkle, helle oder bunte Kleider trägt. Dieser Beitrag soll nicht von Mode handeln.

    Nachdem ich den Beitrag „Ein Traum im Weiß“ gelesen habe, wurde ich neugierig und wollte herausfinden, wie das in meiner Muttersprache ist. Ich “blätterte” also im slowakischen Onlinewörterbuch und zählte die Wörter für die Farbe Weiß. Vermutlich beinhaltet dieses Wörterbuch nicht alle Wörter, jedoch kann man es als Anhaltspunkt verwenden. Zufälligerweise wählte ich zuerst die Farben der slowakischen Flagge: Weiß (32), Rot (19) und Blau (26). Außerdem hatten Farben wie Grün (26) und Gelb (28) relativ viele Bezeichnungen. Im Gegensatz dazu gab es für Farben wie Orange, Magenta und Lila nur drei Treffer. Mir ist aber aufgefallen, dass Interessanterweise klingt in der slowakischen Sprache der Begriff Orange (Obst) anders als Orange (Farbe), wobei der Ausdruck für die Farbe Orange dem englischen Wort sehr ähnelt.

  12. Farbträume

    Wenn ich mich meines Schülertuschkastens oder meiner Farbstifte erinnere, weiß ich, schon früh gelernt zu haben, dass es ein einfaches Rot oder Blau, Grün oder Gelb auch in unserem Kulturkreis nicht gibt. Die gängigen Schattierungen werden heutzutage noch durch die Erfindungen der Kreativ- und Werbeindustrie ergänzt, die beispielsweise jedem neuen Automodell eine Palette neuer, eigener Farbvarianten zuschreiben. Aber auch unsere deutschen Dialekte kennen ihre farblichen Besonderheiten: Um beim Thema Weiß zu bleiben – „Russischweiß“ war einst eine ostpreußische Vokabel. Gemeint war damit ein schmutziges Weiß und der Terminus belegt, dass sich selbst in mitteleuropäischen Augen verschiedene Arten des Weißen unterscheiden lassen.

  13. Ein kleiner Streifzug durchs Internet:

    >> Anfang
    Es gibt kein englisches Wort für Rabenmutter.
    In der Sprache der Eskimos gibt es kein Wort für „Kopfschmerzen“.
    Im Althebräischen, so habe ich es damals im Theologiestudium gelernt, gibt es kein Wort für „Zeit“.
    Inder alten georgischen Sprache gibt es „kein Wort für die Bezeichnung des Meeres“
    (…) was ich von einem Sprachendialekt Afrikas gehört habe. Dort gibt es kein Wort für „Liebe“.
    >> Ende

    Und das kann noch ewig so weiter gehen. Die Frage ist weniger, was da stimmt und was da nicht stimmt. Ob da Substantive erwartet werden, wo vielleicht andere Wendungen benutzt werden.
    Die Frage ist: Worauf will man da jeweils hinaus? Da werden implizit Aussagen über Völker gemacht, in dem von Sprache auf Bewusstsein – immer schön auf der Folie des unseren – geschlossen wird.
    Das ist ein immer netter, kurzweilig zu erzählender Kurzschluss.
    Das die Russen statt des Verbs „haben“ die Formulierung „bei mir ist“, statt „ich heiße“ die Wendung „sie nennen mich“ gebrauchen – tja, was sagt das über sie? Dass sie kein Wort für „haben“ haben und deswegen eine (inzwischen historisch überkommene) Neigung zur Vergesellschaftung von Privateigentum haben?

    Andererseits: Der Film „The man who shot Liberty Valance“ endet mit dem wahren Satz: “If the legend becomes fact, print the legend!”