Die Japaner haben kein Wort für Tsunami

Man muss nichts über die japanische Sprache — oder Sprache überhaupt — wissen, um über eine Ausstellung von Werken des japanischen Künstlers Katushika Hokusai zu schreiben. Aber man sollte dann eben auch nur über die Ausstellung, und nicht über die japanische Sprache schreiben. Wenn man es doch tut, kommt dabei dieser Artikel in der Main-Post heraus.

Er fängt schon wenig vielversprechend an:

In Japan nennt man die Dinge nie gern beim Namen, das zeigte sich bei den Mitteilungen der Regierung zum Reaktorunglück in Fukushima. Aber das war auch schon früher so, als Katsushika Hokusai (sprich: Hok’sai, 1760-1849) lebte, der als 13-Jähriger seine Künstlerkarriere begann…

Ja, so kennen wir sie, die Japaner — wollen sich einfach der Realität nicht stellen. Ganz anders als wir Deutschen. Unsere Regierung nennt ja die Dinge gerne beim Namen — außer, wenn es um akademischen Betrug, Panzer für Saudi-Arabien oder den Erfolg wirtschaftlicher Sanktionen gegen libysche Diktatoren geht. Aber sonst — immer ganz auf die Realität fixiert.

Aber ich schweife ab, Fukushima war ja nur der unvermeidliche Einstieg, der auf absehbare Zeit obligatorisch für alle Artikel über Japan ist. Eigentlich geht es aber um ein berühmtes Bild des eben genannten Katushika Hokusai, nämlich dieses hier:

Hokusai: Die große Welle

Main-Post-Autor Roland Mischke liefert dazu die folgenden Perlen sprach- und kulturkennerischer Weisheit:

So entstand auch sein Tsunami-Bild von 1831, „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“ betitelt … Eine Bezeichnung, die bei seinen Landsleuten gerade noch so durchgeht. Tsunami ist ein Begriff der japanischen Sprache und heißt verharmlost „Hafenwelle“. …

Im Land der aufgehenden Sonne gibt es kein Wort für die mörderische Wucht meterhoher Wellenwände, überhaupt kaum Begriffe für Katastrophen. Die Mentalität verlangt, auch das Brutale der Natur zu verharmlosen.

Ob es sich bei der Darstellung überhaupt um einen Tsunami handelt, ist äußerst fraglich: Wahrscheinlicher ist es, dass das Bild einfach eine große Welle darstellen soll [siehe Cartwright und Nakamura 2009]. Schon der Vorwurf, der Künstler habe mit seinem Titel das Gezeigte verharmlosen wollen, läuft damit ins Leere. Aber worum es mir eigentlich geht, sind natürlich die Behauptungen über die japanische Sprache im Allgemeinen, die hier aufgestellt werden.

Die Behauptung, dass es im Japanischen keine Wörter für Katastrophen gebe, hat gestern schon Marco Damm in seinem Blog Schnell Interkulturell aufgegriffen und mit einem Blick ins Wörterbuch widerlegt. Seine Ergebnisse stellt er in einer Infografik dar, die die japanischen Wörter für „Taifun“, „Erdbeben“, „Hochwasser“, „Erdrutsch“, „Vulkanausbruch“, „Hitzewelle“ und „Kältewelle“ nennt.

Aber so vergnüglich die Grafik ist, den Kern von Mischkes Sprachkritik trifft sie noch nicht ganz. Mischke bestreitet ja nicht, dass die Japaner Wörter haben, mit denen sie über solche Katastrophen reden — er gibt ja sogar zu, dass es sich bei Tsunami selbst um ein japanisches Wort handelt. Stattdessen behauptet er, dass die Wörter die bezeichneten Katastrophen verharmlosen, der in ihnen steckenden Wucht nicht gerecht werden.

Und das ist natürlich Unfug, sowohl in Bezug auf das Wort Tsunami, als auch was die japanische Sprache insgesamt betrifft.

Es stimmt, das Wort Tsunami (津波) setzt sich aus den Wörtern „Hafen“ (津) und „Welle“ (波) zusammen. Die Wikipedia beschreibt plausibel die Entstehung des Wortes:

Der Begriff Tsunami … wurde durch japanische Fischer geprägt, die vom Fischfang zurückkehrten und im Hafen alles verwüstet vorfanden, obwohl sie auf offener See keine Welle gesehen oder gespürt hatten. Darum nannten sie die mysteriösen Wellen Tsu-nami, das heißt „Welle im Hafen“. [Wikipedia, s.v. Tsunami]

Schon diese Beschreibung zeigt, dass ein Wort Hafenwelle nicht zwangsläufig eine „Verharmlosung“ darstellen muss. Aber die Idee, dass die Herkunft des Wortes, bzw. seine aus den Einzelteilen herleitbare ursprüngliche Bedeutung relevant ist, ist ohnehin nur ein Beispiel für den etymologischen Fehlschluss.

Mit diesem Fehlschluss bewaffnet könnten wir uns tagelang über die deutsche Sprache und Mentalität auslassen. Wie wäre es hiermit:

Hochwasser ist ein Begriff der deutschen Sprache und heißt verharmlosend „hohes Wasser“. Im Land der Dichter und Denker gibt es kein Wort für die mörderische Wucht eines reißenden Flusses, der über seine Ufer getreten ist, überhaupt kaum Begriffe für Katastrophen. Die Mentalität verlangt, auch das Brutale der Natur zu verharmlosen.

Oder hiermit:

Erdbeben ist ein Begriff der deutschen Sprache und heißt verharmlosend „Beben des Erdbodens“. Im Land der Brez’n und Lederhosen gibt es kein Wort für die mörderische Wucht, mit der sich Spannungen in der Erdkruste entladen, überhaupt kaum Begriffe für Katastrophen. Die Mentalität verlangt…

(Weitere Vorschläge sind willkommen…)

Sprecher des Japanischen und Deutschen leiten ihr Wissen über Tsunamis, Erdbeben (jap. übrigens 地震, aus ji „Erde“ (地) und shin „Beben“ (震)) und Hochwasser (jap. übrigens 洪水, aus kou „Flut“ (洪) und zui „Wasser“ (水)) nicht aus den Bestandteilen dieser Wörter ab, sondern aus ihrer (direkten und indirekten) Erfahrung mit Tsunamis, Hochwasser und Erdbeben.

Wenn es nicht so wäre, hätten wir armen Deutschen ja überhaupt keine Möglichkeit, zu verstehen, was ein Tsunami ist:

Tsunami ist ein Begriff der deutschen Sprache und kann nicht in seine Einzelteile zerlegt werden, hat also gar keine Bedeutung. Im Land der Tennissocken und Herrensandalen gibt es kein Wort für die mörderische Wucht meterhoher Wellenwände, sodass man mit einem Wort aus dem Japanischen vorlieb nehmen muss.

Die deutsche Mentalität verlangt es wohl, sich dafür zu rächen, indem man unqualifizieren Blödsinn über die japanische Sprache und Kultur verbreitet.

 

Cartwright, Julyan H.E. und Hisami Nakamura (2009): What kind of a wave is Hokusai’s Great wave off Kanagawa? Notes and Records of the Royal Society 63: 119-135. [Volltext]

© 2011, Anatol Stefanowitsch

(via BILDblog und Schnell Kulturell)

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

48 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hier rappelts ja ordentlich informativ in der Sprachlogkiste – das heißt verharmlosend: Es rappelt in der Kiste
    (gibts auch mit Melodie)
    Schöner Artikel *-*

  2. „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“

    Ich halte es auch für sehr unwahscheinlich, dass hier ein Tsunami abgebildet wurde. Tsunamis breechen, soweit ich weiss, nicht in der Form klassicher „Brecher“. das konte man auch sehr schön auf den Videos des Tsunamis vom 11. März diesen Jahres erkennen. Zumindest hat also der Künstler, als er das Bild malte, keinen Tsunami vor Augen, sondern hat stattdessen eine wunderschön brechende „normale“ Ozeanwelle abgebildet.

  3. Brez’n und Lederhosen

    Also, das würde jeder klischeebegabte Lokalredakteur rot anstreichen. Es muss seit einigen Jahren „Laptop und Lederhosen“ heißen. Und wieder ein Beweis dafür, dass es eben doch präskriptive Sprachwissenschaft braucht.

    Schöner Artikel!

  4. @ Gunnar: Systematische Verharmlosung

    Ach was, Sie haben’s doch oben gelesen: Im Land der aufgehenden Sonne gibt es kein Wort für die mörderische Wucht meterhoher Wellenwände, überhaupt kaum Begriffe für Katastrophen. Die Mentalität verlangt, auch das Brutale der Natur zu verharmlosen und In Japan nennt man die Dinge nie gern beim Namen (…)

    Wenn die Japaner schon die Dinge nicht gern beim Namen nennen, sondern ihre Mentalität sie dazu treibt, das Brutale der Natur zu verharmlosen, wäre es doch naheliegend, dass das auch Auswirkungen auf die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Brutalen in der Natur hat. Ergo: Der Mann wollte ganz klar einen Tsunami malen, hat sich aber mentalitätsbedingt für eine massiv verharmlosende Darstellung entschieden, analog zum Wort Tsunami (man hätte auf Japansich ja sicher auch eine Gemme wie „Alles-verschlingende-Monsterwelle“ basteln können). Vielleicht sollten wir denen mal die Redaktion einer bestimmten großen deutschen Tageszeitung vorbeischicken, dann lernen die schon, wie man Dinge ordentlich zur Geltung bringt…

  5. Ente ist ein Begriff der deutschen Sprache und heißt verharmlosend „Falschmeldung“. Im Land von Goethe und Schiller gibt es nur diesen Euphemismus für schlecht recherchierte Texte. Die Mentalität verlangt, das Brutale des Fehlerbegehens zu verharmlosen.

  6. Selbstverständlich handelt es sich bei Kohusais Grafik nicht um die Darstellung eines Tsunamis, sondern — wie der Titel bereits verrät — um eine große Welle. Wie hier bereits angedeutet wurde, sehen Tsunamis nicht so aus, wie die hier dargestellte, typische Welle, die durch einen massiven ‚ground swell‘ — wie der Surfer sagen würde — entsteht

  7. Sehr lustig geschriebener Beitrag, der den Artikel zu recht kritisiert. Die Behauptung alleridngs, dass es im Deutschen kein Wort für Tsunami gibt, würde ich allerdings mit „Flutwelle“ widerlegen wollen.

  8. Erst einmal: Sehr schöner Text!

    Ich finde allerdings, dass es vlt- besser gewesen wäre noch eine Nacht drüber zu schlafen, damit die erste Wut verflogen ist. Dann hätte es vlt. weniger nach gekränktem Fanboy und etwas objektiver geklungen. Wobei diese unterschwellige Verliebtheit dem Text auf der anderen Seite auch erst diese Würze verleit. Einen objektiveren Text hätte ich evtl. gar nicht komplet gelesen. 🙂

    (Fast) weiter so!

  9. sehr hübsch

    Die deutsche Sprache besteht aus so viel Unsinn, dass man sich getrost fragen darf, ob ihr Struktur nicht ersonnen wurde, um es Nichtmuttersprachlern unmöglich zu machen, sie zu erlernen. Es also in der Natur der Deutschen liegt, verdeckt zu verbalisieren. Ein treffendes Beispiel ist der Fernseher. Intuitiv würde man vermuten, es handele sich um jemanden mit guten Augen. Weit gefehlt. Gemeint ist eine Empfangseinheit zur Bilddarstellung und Tonwiedergabe.

    Den Schraubenschlüssel könnte man ja noch gerade durchgehen lassen, auch wenn es eigentlich ein Mutternpasshebel ist, aber die Türangel ist zu viel. Wer würde sich auch schon gerne eine frisch geangelte Tür auf den Grill werfen.

  10. Irgendwie wollen Menschen halt ihren Hang zum Exotismus befriedigen, und das geht besonders schön mit der (Re-)Produktion von Sprachmythen.

  11. Langsame Bewegung

    Im bekanntlich ausdrucksarmenarmen Deutschen gibt es kein geeignetes Wort für Zeitlupe (oder Lied, Netz, Gruppe, Kinder, Gemeinschaft, Fernsehen, Schiedsrichter, Tor-(wart), Stürmer, Verteidiger usw., usw., usw.). Deshalb müssen wir uns ständig aus dem Englischen bedienen. Für die lächerliche „Zeitlupe“, so nennt außer uns garantiert kein Land dieser Erde extrem langsame Bewegungen, haben weltläufige Mitbürger uns die „slow motion“ beschert. Herzlichen Dank an die Importeure, die sicherlich auch weiterhin die Deutsche Telekom mit geeignetem Vokabular versorgen werden!

  12. Statistiker

    Auch will:

    „Beischlaf“ ist ein Begriff der deutschen Sprache und heißt verharmlosend „bei einem anderen schlafen“. Im Land der Vögler und Wichser gibt es kein Wort für die mörderische Wucht eines reißenden Orgasmusses, der über seine Ufer getreten ist, überhaupt kaum Begriffe für echte, ausgelebte Sexualität. Die Mentalität verlangt, auch das Brutale am Sex zu verharmlosen. Das in prekären Schichten gebräuchliche Wort „f*****“ kann hierbei nicht als Synonym dienen.

  13. Macht keinen Spaß mehr

    In den angelsächsischen Ländern gibt es kein Wort für den Geschlechtsverkehr.
    In den prüden USA zum Beispiel fi…. man deshalb nicht, sondern „hat Sex“.
    „Sex haben“, heißt so viel wie, da passiert etwas (Schweinisches), ohne dass jemand dazu den Anstoß gegeben hätte oder gar bei der Sauerei aktiv mitgewirkt hätte. Man „hat“, ist aber auf geheimnissvolle Weise nicht dabei gewesen und bleibt daher sauber.

    Seit auch die Deutschen nur noch „Sex haben“, vög… sie nicht mehr munter drauf los, sondern lassen den Beischlaf lieber gleich ganz bleiben, weil seitdem der ganze Spaß dahin ist. Die niedrige Geburtenrate mag hierfür Beweis genug sein.

  14. Wunderbar, danke!
    Ich lese hier regelmäßig, bin aber heute über schnellinterkulturell hier gelandet.
    Für mich als Studentin jedesmal wieder Edutainment.
    Na, komisch. Mir fällt im Deutschen kein Wort ein, das „unterhaltsames Lernen“ in einem Wort ausdrückt. Dann gibt es das wohl kulturell bedingt nicht 😉

  15. Schwachsinn der über Japan verzapft wird

    Für Schwachsinn der über Japan verzapft wird gibt es leider kein Wort — Aber ein Kommentator bei Language Logs kennt „über 200 Worte, für die Leute die den Unsinn glauben. Leider gelten die meisten dieser Worte in mindesens einer Sprache als beleidigend und können in Gesellschaft nicht wiedergegeben werden“.

  16. so traurig und doch so war

    „…indem man unqualifizieren Blödsinn über die japanische Sprache und Kultur verbreitet.“

    Leider so wahr obwohl es auch immer mal wieder gute Ausreisser nach oben gibt. Aber gefühlt werden die mit der Zeit immer seltener.
    Schade eigentlich, denn Japan ist auch ohne Übertreibungen, Halbwahrheiten und Lügen ein sehr interessantes Land.

  17. Manchmal schon

    @ Lars Fischer:

    Im Normalfall hast Du Recht, außer man favorisiert die schweizer Variante des Beischlafes: Aufeinander legen und auf ein Erdbeben warten…

  18. blogtitel

    Man könnte sich auch über den blogtitel hier streiten, denn:

    In modern use, science is „often treated as synonymous with ‘natural and physical science’, and thus restricted to those branches of study that relate to the phenomena of the material universe and their laws, sometimes with implied exclusion of pure mathematics. This is now the dominant sense in ordinary use.“

    Just saying…

  19. Methode

    Bin ein bisschen vorsichtig und überlege:

    Die Existenz eines Wortes im Japanischen ist nur bedingt ein Hinweis für eine mehr oder weniger „meliorative“ oder „dämpfende“ oder“neutrale“ Strategie einer Sprechergruppe.

    Interessante Tests wären:

    a) Wie formulieren japanische Übersetzer von – sagen wir mal – Romanen bestimmte (im Roman kontextgebundene) Ausdrücke wie

    – schwanger
    – guter Hoffnung/in anderen Umst. sein

    – Hure
    – Prostituierte
    – Freudenmädchen

    Hier eine entsprechende Liste zu „Prostituierte“
    http://tinyurl.com/3sf8ubc

    – im Kampf/Krieg sterben
    …….

    b) Man untersuche in einem Textkorpus „gehobene“ Tageszeitung(Japan, USA, Deutschland)

    die Textsorte „Todesanzeige“ hinsichtlich
    der Frequenz von Wörtern wie

    – sterben
    – entschlafen
    – ewige Ruhe

    – Trauer der Angehörigen

    c) Man untersuche, inwiefern in Tageszeitungen der
    Begriff „Kollateralschaden“
    auftaucht und/oder in seiner meliorativen Tendenz kritisch kommentiert wird.

  20. Ausflug in die Politik

    Die deutsche Sprache kennt kein Wort für „Regierungschef“. Dieses Amt wird mit der verharmlosenden Bezeichnung „Bundeskanzler“ belegt, bestehend aus den Wörtern „Bund“, also einer Vereinigung, und „Kanzler“, dem Vorsteher einer Behörde, die Urkunden ausstellt. Im Land der Paragraphenreiter und Erbsenzähler gibt es kein Wort für die Wucht energischen Regierens, das sich um Vorschriften einen Dreck schert. Die Mentalität verlangt, dass aus dem Boss ein Notar mit Stehkragen und Ärmelschonern wird.

  21. Wellenfrequenz

    Ausgeschlossen, dass der Abstand zweiter aufeinanderfolgender Wellen so kurz ist wie hier gezeigt, mal ganz davon abgesehen, dass Tsunamis sich in Tiefwasser nicht aufwölben.

    Zum Thema Japaner: Es herrscht offenbar gerade in Deutschland die weitverbreitete Annahme – nicht nur in den Medien – man sei kompetent, über Sitten und Gebräuche jenes Landes zu urteilen.

    Zumeist – das muss ich leider mal so sagen – ist diese Annahme vollkommen unbegründet. Interessant sind weniger die Äßerungen, zu denen sie verleitet, sondern die Tatsache, dass der Versuch der Psychoanalyse eines ganzen Volks sich auffallend häufig auf Japan bezieht. Warum schwadroniert denn nie einer beispielsweise über die andorranische Mentalität?

    Unlängst wieder:

    Ich war mit einer Japanerin in der Stadt und erwähne später einem deutschen Kollegen gegenüber beiläufig, dass ich sie dort fast verloren hätte, weil sie immer irgendwo hinter mir war und kaum mitkam, egal, wie langsam ich ging.

    Postwendend kam die Psychoanalyse, ich kann es schon mitsingen: „Ja, das liegt tief in der japanischen Mentalität verwurzelt, die Zurückhaltung und freiwillige Unterordnung der Frau [blah blah blah]“.

    Wohlgemerkt verfügt der betreffende Japanexperte keinerlei Sachkenntnis irgendeiner Art. Mit seiner Diagnose hätte er eigentlich kaum falscher liegen können: Die Japanerin kam deswegen nicht hinterher, weil sie grundsätzlich keinem Schaufenster widerstehen konnte.

    (Wie wir wissen, ist dieses Symptom bei europäischen Frauen vollkommen unbekannt).

  22. @Michael Khan: Nicht nur über Japaner…

    …haben die meisten Menschen festgelegte, aber unsinnige Vorstellungen. Es fällt Ihnen nur auf, weil Sie sich vermutlich besser mit Japan auskennen, als der Durchschnitt. Vielleicht stoßen Ihnen schwachsinnige Interpretationen über die russische Seele oder den American Way of Life weniger unangenehm auf, weil Sie da keinen so direkten Zugang dazu haben. (Nur als Beispiel, ich kann Ihre interkulturelle Kompetenz natürlich nicht einschätzen) Es gibt eben Völker, die in unserem Bewußtsein stark verankert sind und über die man eine Meinung hat. Diese beruht meist auf Klischees, die sich aus Medien, Filmen, Büchern, Witzen, Urlaubsberichten etc. speisen. Und das ist wohl auch nicht nur bei uns so. Wer keine reflektierten Eigenerfahrungen mit anderen Völkern hat, neigt zur Stereotypisierung, in Deutschland und anderswo. Wer in Andorra, Lettland oder Peru lebt und was für diese Menschen „typisch“ ist, darüber macht sich keiner Gedanken, weil diese Länder in der geistigen Landkarte der meinsten von uns gar nicht existieren.

  23. OT: Why Some Languages Sound So Fast

    Vielleicht darf Sie auf diesen interessanten Artikel aus dem TIME Magazine aufmerksam machen:

    http://www.time.com/…icle/0,8599,2091477,00.html

    Slow down! Why Some Languages Sound So Fast
    by Jeffrey Kluger

    Herzliche Grüße

  24. Klischees und Sprache

    So gibt es bei uns zum Beispiel das Klischee, daß die Franzosen sich selbst als „La Grande Nation“ bezeichnen, weil sie so furchtbar eingebildet sind. Kaum ein Gespräch über Frankreich und seine prestigesüchtigen und nationalistischen Bewohner, in dem nicht irgenwann der Ausruf „Ja,ja, die Grande Nation“ fällt. Dabei ist dieser Begriff in Frankreich nahezu unbekannt. Ja, er soll sogar in Deutschland geprägt worden sein, eben um die Franzosen als eitel und größenwahnsinnig darzustellen.

  25. …womit wieder geklärt wäre, dass das Feulletong (wieder den Gallizismen!) immer von den Leuten geschrieben wird, die keine Ahnung, aber ein ausgeprägtes Ego haben 😉

  26. @Michael Khan

    Um es den Psychoanalysten mit gleicher Münze heimzuzahlen, könnte man ja vermuten, daß sie meinen, im Japaner das fernöstliche Spiegelbild des Deutschen zu erkennen: Diszipliniert, industrialisiert, Verbletztsprachensprecher, Achsenmacht. 😉

    Die zahllosen Gemeinsamkeiten (mindestens vier!) machen die Unterschiede natürlich umso interessanter.

  27. Bildbetrachtung

    Wie viele alte europäische Meister hat sich auch der Künstler Katsushika Hokusai einer Symbolsprache bedient. Man muss sich also sein Kunstwerk genau anschauen um es entschlüsseln zu können. Viele Menschen hier haben sich gewundert, warum die Japaner angesichts der Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima so ruhig geblieben sind, wenn man das Bild „Die große Woge“ betrachtet so sieht man , dass die Männer trotz der großen Gefahr ebenfalls gelassen bleiben und zusammenhalten. Insofern wird hier doch eine andere Mentalität dargestellt, oder hat der Künstler ein Lehrstück geschaffen?

    Auf onlinekunst.de gibt es eine Interpretation des Bildes: http://www.onlinekunst.de/hokusai/

  28. Anmerkung

    Nebensaechliche Anmerkung: Wenn man es genau nehmen will handelt es sich um einen Holzschnitt. „Bild“ ist hier etwas irrefuehrend.

  29. @Minotauros

    „Nebensaechliche Anmerkung: Wenn man es genau nehmen will handelt es sich um einen Holzschnitt. „Bild“ ist hier etwas irrefuehrend.“

    Es ist ein Bild in Holz geschnitten. Der Holzschnitt dient als Druckstock – zum drucken von Bildern.

    Siehe auch: http://www.druckhandwerk.de/…er-holzschnitt.html

  30. @Mona

    Das ist mir schon bewusst (obwohl auch das Druckerzeugnis als „Holzschnitt“ bezeichnet werden kann und wird).
    Ich habe auch nicht geschrieben, es handle sich nicht um ein Bild. Nur glaube ich, dass die meisten Leser bei „Bild“ nicht gleich an „Druckgrafik“ denken, sondern vielleicht annehmen es sei mit Farben gemalt (insofern „irrefuehrend“).
    Aber wie gesag: Das alles ist ohnehin voellig nebensaechlich.

  31. Weltuntergang ist ein Begriff der deutschen Sprache und heißt verharmlosend „Untergang der Welt“ (vgl. „Untergang eines Ruderboots“). Im Land der „Zweite Kasse aufmachen!“-Brüller und Würstleverkäufer gibt es kein Wort für die mörderische Wucht einer gigantische Zerstörung allen Seins.

  32. Terminatoren

    Nun ja, die Deutschen haben natürlich schon das Wort „Totsein“ und auch das Wort „Sterben“.

    Aber was machen sie? Sie schreiben sowas ungern. Stattdessen:
    Dahingegangen,
    Verschieden,
    Nicht-Mehr-Unter-Uns-Weilen,
    Frieden gefunden haben,
    von uns gehen,
    Abschied nehmen,
    geborgen sein in Gottes Liebe.

    Das zeigt deutschen, sicher nicht nur deutsche, aber doch auch sehr deutsche Mentalitätsstrategie:Dort zu verharmlosen, wo es gilt Klartext zu sprechen, das ist deutsche Sprechmaxime.

    Und: Man spricht gern von Kollateralschaden, Humankapital, Rentnerschwemme, sozialverträglichem Frühableben. Ein Paradigma, das es zu untersuchen lohnt. Später vielleicht. Jetzt nur so viel:

    Romantisch-religiöses Verbrämen.
    Technokratisch kühles Sezieren.
    Das ist deutsche Mentalität, gefroren in Sprache.

    🙂

  33. @Mona

    Sie nehmen in Ihrem Kommentar ironisch auf eine schwurbelige „Interpretation“ des bestagten Holzschnitts auf onlinekunst.de Bezug. Deren Autorin beschränkt sich in der Tat darauf Belege für ihre Klischees und Vorurteile herbeizuziehen, wenn notwendig an den Haaren.

    Sachverstand oder vertiefte Kenntnis der Kultur Japans ist von jemanden eher nicht zu erwarten, der lang und breit über den „Fudschijama“ und seine angebliche kulturelle Bedeutung vom Leder zieht. Diese „Bildbetrachtung“ ist somit schon symptomatisch für die im Blog-Artikel beschriebene Einstellung.

    Was dabei herauskommt, wenn jemand, der sich im Lande gar nicht auskennt, wild drauflos-psychoanalysiert und dabei auch gar nicht überprüft, ob das, was er an einem anderen Land auszumachen meint, vielleicht überhaupt gar nicht typisch für jenes Land ist, sieht man in dieser kürzlich in Vanity Fair erschienen journalistischen Perle.

    Klar, viele verwechseln sowas mit Recherche. Ich halte das eher für Seitenschinderei.

  34. Direkte Entsprechungen Japanisch/Deutsch

    In der zitierten Grafik ist nicht nur „jishin“/Erdbeben ein direktes Äquivalent zwischen Japanisch und Deutsch.

    Dies trifft auch auf „jisuberi“/Erdrutsch („ji“=Erde und „suberu“=rutschen) und „neppa“/Hitzewelle („netsu“=Hitze, Fieber, „ha“ ist die On-Lesung fur das Kanji für „Welle“, bekannt aus „Tsunami“ zu.

    Hm.

    Jetzt bin ich aber konsterniert. Was sagt das denn über uns Deutsche aus? Ist es nur Zufall, dass hier die Sushi-Bars wie Pilze aus dem Boden schießen?

    Als nächstes kann sich der Herr Michael Lewis von „Vanity Fair“ mal fragen, was es denn über Amerikaner aussagt, dass man an jeder Straßenecke „shit“ and „fuck“ hört. Falls sein albernes Herumreiten auf diesem Thema nicht einfach nur eine Trotzreaktion darauf ist, dass sein Käseblatt in Deutschland eine saubere Bauchlandung hinlegte.

  35. @Michael Khan

    Ich weiß jetzt beim besten Willen nicht was die Interpretation auf onlinekunst.de mit Vanity Fair zu tun hat. Wenn jemand ein Kunstwerk interpretiert, dann liegt es ja bekanntlich im Auge des Betrachters was er da sieht. Natürlich kann ein Fachmann die Technik beurteilen, aber eine „objektive“ inhaltliche Interpretation eines Kunstwerks wird es kaum geben. Ein Künstler ist auch nicht in der Pflicht, das zu malen was für ein Land typisch ist, denn dann schafft er in der Regel oft nur einen Haufen Kitsch.

  36. @Mona

    Ich weiß jetzt beim besten Willen nicht was die Interpretation auf onlinekunst.de mit Vanity Fair zu tun hat.

    Das habe ich doch geschrieben. Zum Text, auf den ich mich bezog, habe ich einen Link gegeben, als Hyperlink in meinem Kommentar.

    Wie ein Bild oder irgendetwas anderes auf jemanden persönlich wirkt, ist in der Tat subjektiv und kann nicht kritisiert werden.

    Wer aber darüber hinausgehend Interpretationen oder Meinungen bezüglich der „Mentalität“ einer Nation macht oder gar eine Verbindung zwischen einem Holzschnitt des frühen 19ten Jahrhunderts und den Ereignissen nach dem Unfall in Fukushima konstruiert … der wird hoffentlich wenigstens diese Nation gut kennen.

    Wie Sie auf die Idee kommen, ein Künstler stünde in der Pflicht, etwas für sein Land typisches zu malen, verstehe ich nicht, ich habe dazu kein Wort geschrieben.

  37. Differenzieren @Michael Khan

    „Wie ein Bild oder irgendetwas anderes auf jemanden persönlich wirkt, ist in der Tat subjektiv und kann nicht kritisiert werden.“

    Ja, allerdings bringen Sie im nächsten Satz bereits wieder Einschränkungen:

    „Wer aber darüber hinausgehend Interpretationen oder Meinungen bezüglich der „Mentalität“ einer Nation macht oder gar eine Verbindung zwischen einem Holzschnitt des frühen 19ten Jahrhunderts und den Ereignissen nach dem Unfall in Fukushima konstruiert … der wird hoffentlich wenigstens diese Nation gut kennen.“

    Wann kennt man denn eine Nation gut genug ohne in Klischees zu verfallen? Japan hat eine andere Geschichte, eine andere Kultur und eine andere Sprache. Insofern wird es also schon gewisse Unterschiede geben. Der Autor des Artikels in der Main-Post hat sich leider nicht sehr gründlich informiert. Wenn er schreibt: „In Japan nennt man die Dinge nie gern beim Namen“, so ist das natürlich eine grobe und unsinnige Pauschalisierung. Allerdings gibt es in der japanischen Sprache eine Vielzahl an Wörtern, die sich auf Ausdrücke von Höflichkeit beziehen, damit kann man einiges umschreiben, was ansonsten „unhöflich“ klingen würde.

    Wichtig ist, dass man die Dinge differenziert betrachtet und nicht in holzschnittartige Klischees verfällt – auch wenn man einen Holzschnitt beschreibt. 🙂

  38. @Mona

    Wichtig ist, dass man die Dinge differenziert betrachtet und nicht in holzschnittartige Klischees verfällt – auch wenn man einen Holzschnitt beschreibt.

    Das kann wohl niemand in Abrede stellen. Ich bin vollkommen Ihrer Meinung.

  39. Wo ist der Dank?

    Da zeigt uns jemand, dass Hokusai in Wirklichkeit einen Tsunami malte, obwohl es
    sowohl im Japanischen Titel , wie im Deutschen Titel und sogar im Englischen Titel als Welle(wo da allerdings das „groß“ noch herkommt?) bezeichnet wird.
    Macht uns darauf aufmerksam, dass Hokusais 36 Ansichten gar keine Holzschnitte sind, sondern Figuren und Szenen nur dazugepinselt wurden (Am Ende des Artikels).

    Dann wird auch noch eine mit sehr viel Liebe fürs Detail ausgearbeitete Interpretation als „schwurbelig“ bezeichnet, obwohl die Autorin trotz anscheinender Ahnungslosigkeit in Bezug auf die Bilderserie „36 Ansichten des Fuji“, Hokusai, jap. Holzschnitte(Ukiyo-e), Zielgruppe der Ukiyo-e, Japan im 19Jh., Seefahrt im 19Jh etc. und dementsprechend auch ohne Bezugnahme zu diesen Aspekten ganze 6 Seiten beschreibt und „interpretiert“.

    Nur wo ist unser Dank?
    \(^_^)/

  40. Deutsche Mentalität

    Windhose ist ein Begriff der deutschen Sprache und heißt verharmlosend „Hose aus Wind“. Im Land des Reinheitsgebots gibt es kein Wort für die mörderische Wucht, mit der Bierbänke wie -zelte fortgeweht und ganze Landstriche dem Erdboden gleich gemacht werden, überhaupt gibt es kaum Begriffe für Katastrophen. Die Mentalität verlangt, auch das Brutale der Natur zu verharmlosen, um die Schrebergarten-Idylle nicht zu stören.

  41. Respect the Hose aus Wasser

    »Niemals darf man den Mut verlieren; wenn die Trübsale sich am furchtbarsten über einem türmen, dann erblickt man in den Wolken eine hilfreiche Hand.« Also sprach Se. Wohlehrwürden Jesper Morten im letzten Nachmittagsgottesdienste. Ich bin nun gewohnt, mich fleißig unter freiem Himmel umherzutreiben; aber so etwas habe ich nie bemerkt. Vor einigen Tagen ward ich auf einer Tour über Feld solch ein
    Phänomen gewahr. Eigentlich war’s wohl keiner Hand, eher einem Arme ähnlich, der sich aus dem Gewölke hervorstreckte. Ich versank in Nachdenken. Es fiel mir ein: wäre nur Jesper Morten jetzt zur Stelle,
    um zu entscheiden, ob er diese Erscheinung gemeint habe! – Wie ich so mitten in diesen Gedanken dastehe, werde ich von einem Wanderer angeredet, wel-
    cher, nach den Wolken emporzeigend, spricht: »Sehen Sie die Wasserhose? in diesen Gegenden sieht man sie seltener: sie reißt zuweilen ganze Häuser mit sich
    fort.« »Ih, Gott bewahre!« dachte ich, »ist das eine Wasserhose?« Und ich nahm Reißaus, so schnell ich konnte. Was hätte der ehrwürdige Pastor Jesper Morten an meiner Stelle gethan? –

    Søren Kierkegaard. Entweder-Order