Das Sprachlog: (Fast) eine Geburtsanzeige

Gestern habe ich mich im Bremer Sprachblog verabschiedet, heute, genau drei Jahre nach meinem ersten Beitrag dort begrüße ich Sie in meinem neuen Zuhause, das jetzt schlicht „Sprachlog“ heißt. Das „Bremer“ fällt weg, weil dies ganz offiziell mein eigenes Blog sein wird, das „b“ fällt weg, weil das „Sprachlog“ zwar ein „Sprachblog“, aber natürlich nicht das einzige Sprachblog ist.

Ich freue mich darauf, meine Gedanken zu Sprache und Sprachen, und manchmal auch zu dem, was mich sonst noch so bewegt, im Umfeld der Wissenslogs, Brainlogs, Chronologs, Techlogs und Kosmologs entwickeln zu können und möchte meine alten — und hoffentlich auch ein paar neue — Leser/innen willkommen heißen.

Den alten Leser/innen möchte ich versichern, dass das Sprachlog kein kompletter Neuanfang ist, sondern die Traditionen des Bremer Sprachlogs fortführen soll, auch wenn im Laufe der Zeit natürlich auch Neues hinzukommen wird. Den neuen Leser/innen möchte ich kurz andeuten, was diese Traditionen sind. Das Sprachlog soll ein Ort für eine allgemeinverständliche Darstellung sprachwissenschaftlicher Inhalte und Methoden und für sprachwissenschaftlich inspirierte Alltagsbetrachtungen sein, die manchmal durch Berichte, Kommentare und Glossen in den alten und neuen Medien, manchmal durch Fragen und Hinweise von Leser/innen und manchmal durch sprachlich interessante Erlebnisse angeregt werden.

Dabei wird für neue Leser/innen wohl vor allem die sprachwissenschaftliche Sichtweise auf Sprache ungewohnt sein: Die Sprachwissenschaft betrachtet sprachliche Prozesse und Phänomene objektiv und versucht, sie zu beschreiben und zu erklären, ohne sie ästhetisch oder normativ zu bewerten. Solche Urteile haben in der Wissenschaft nichts verloren — und bewirken können sie ohnehin nichts, denn Sprache wird zwar von Menschen gemacht, aber ihre Regeln lassen sich nicht willentlich formen oder verändern. Der Düsseldorfer Sprachwissenschaftler Rudi Keller hat das so auf den Punkt gebracht:

Unsere Sprache ist, wie alle natürlichen Sprachen, weder natürlich noch künstlich. Sie ist weder ein Naturphänomen noch ein Artefakt. Sie ist ein Phänomen der dritten Art, die unbeabsichtigte Konsequenz individueller (intentionaler) kommunikativer Handlungen. Während Naturphänomene kausale Erklärungen fordern und Artefakte intentionale (finale), ist der adäquate Erklärungsmodus eines Phänomens der dritten Art die invisible-hand-Erklärung. [Keller 1984: 66]

Ich selbst habe vor kurzem versucht, dasselbe bildhaft auszudrücken:

Sprachwandel entsteht aus unzähligen Einzelentscheidungen. Wie bei einem Kartenspiel, bei dem jeder Mitspieler seine Karten so ausspielt, wie er es für richtig hält, haben Sprecher, wenn sie den Mund aufmachen oder zum Stift greifen, die Möglichkeit, die Entwicklung ihrer Muttersprache zu beeinflussen. Nicht, indem sie am Sprachgebrauch ihrer Mitmenschen herumnörgeln, sondern indem sie Wörter verwenden, die ihnen in der jeweiligen Situation am ausdrucksstärksten erscheinen. [Stefanowitsch 2009]

Indem es diese einfache Wahrheit anerkennt, unterscheidet sich das Sprachlog — wie vor ihm das Bremer Sprachblog — grundsätzlich vom öffentlichen Diskurs über Sprache, der vom Normdenken selbsternannter Oberlehrer und der Apokalyptik kulturpessimistiescher Sprachbewahrer dominiert wird.

Das hat in der Vergangenheit nicht allen meinen Leser/innen gefallen und wird es vermutlich auch in Zukunft nicht. Trotzdem freue ich mich über alle, die den Weg hierher finden.

KELLER, Rudi (1984) Bemerkungen zur Theorie des sprachlichen Wandels. Zeitschrift für Germanistische Linguistik 12(1), S. 63–81.

STEFANOWITSCH, Anatol (2009) Sprachnörgler sollten das Spiel mitgestalten. Hamburger Abendblatt, 18. September 2009, S. 4 [Link]

© 2010, Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

25 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Auf zu neuen Ufern

    Ich finde man könnte diesen Neuanfang nutzen um ein bisschen from Sprach-Basher-Bashing (*gg*) weg zu kommen.
    Wenn man sich immer nur an tatsächlichen oder eingebildeten Kleingeistern abarbeitet läuft man Gefahr, dass sie auf einen abfärben, oder man zumindest schrecklich einfallslos wirkt…

  2. Gefällt mir gut, das neue Zuhause! Bei der Gelegenheit habe ich mir Ihren Abendblatt-Artikel noch mal durchgelesen. Mir ist aufgefallen, dass die dort genannten Neologismen-Beispiele (Neuentlehnungen aus dem Englischen vs. Neuschöpfungen aus deutschem Sprachmaterial) an Ihrer Argumentation etwas zweifeln lassen: Die genannten Neuentlehnungen „Tweetcast“ und „Adblocker“ bezeichnen Neuerungen und sind potenziell gekommen, um zu bleiben. Die genannten „heimischen“ Neuschöpfungen „Tigerentenkoalition“ und „Abwrackmuffel“ sind dagegen eher situative Schöpfungen, die wohl nicht dauerhaft in den Sprachgebrauch eingehen werden. Haben Sie sich mit dieser Unterscheidung schon einmal befasst und untersucht, wie es da jeweils mit dem Anglizismenanteil aussieht?

  3. Frei von Wertung – finde ich gut!

    Hallo, ich bin erst heute auf den Sprach(b)log aufmerksam geworden. Und ich begrüße die Idee, wertfrei über die Sprache zu diskutieren. Vor allem, wenn es um junge Leute geht, hört man viel zu oft den hysterischen Aufschrei: Die deutsche Sprache verkommt! Meine Kollegen und ich untersuchen die Sprache von Jugendlichen. Hierfür haben wir im letzten Jahr ein Online-Tutorium entwickelt, sicher auch was für Erwachsene: http://alltagstauglich.jugendsprache-berlin.de/
    Ich freue mich auf die zukünftigen Beiträge!

  4. Alles Gute zum Umzug!

    Ich unterstütze die Anregung im zweiten Kommentar. Gelegentliches Bashing von Sprachpuristen und Sprachnörglern trägt zur Unterhaltung bei. Aber es wäre schade, wenn der Eindruck entstünde, dass sich die deskriptive Linguistik mehr oder minder im Eindreschen auf Normativisten erschöpft.

  5. Sprachnörglerbashing

    Ob im Bremer Sprachblog oder hier, das „Bashing“ von Sprachnörglern muss unbedingt weitergehen!

  6. Herzlich Willkommen …

    … bei den SciLogs bzw. WissensLogs.

    Das hat ja beim ersten Beitrag alles gut geklappt. Ich denke, hier gibt es nicht viel für mich zu tun. 🙂

    Kommentare gibt es ja auch schon einige. Ich bin sicher die treue Leserschaft wird den Weg hierhin finden und es wird bestimmt neue hinzu kommen.

    Ich bin gespannt, wie sich das Blog hier entwickelt.

  7. Ich teile die Begeisterung für den Spektrum-Verlag und wünsche frohes Bloggen im neuen Zuhause!

    Eine kleine Kritik habe ich aber schon: der Text ist mir zu sehr an den linken Rand geklatscht – gerade auf meinem protzigen Breitbild-TFT sieht das ziemlich ulkig aus. *angeb* Wobei ich nicht weiß, ob man das ändern kann, denn mir geht es mit sämtlichen Spektrum-Seiten so.

  8. Herzlich Willkommen hier, das war ja ein „Schock“ im ersten Augenblick, der Nachruf auf das Bremer Sprachblog!

    @Thomas Müller: es gibt ja auch noch Menschen mit 4:3 und 12″-Bildschirm, so gesehen ist das eine Wohltat, gerade die (längeren) Kommentare im alten Blog waren sehr ermüdend für die Augen…. 🙂

  9. @ Müller

    Die Blogs waren anfangs zentriert, aber weil alle Spektrumseiten links ausgerichtet sind, mußten sich die Blogs dem Diktat der Masse beugen. 😉

  10. A-soziale Kommentarfunktion

    So sehr ich die Gründe für den Blogumzug verstehe, so gewöhnungsbedürftig ist diese Kommentar-Funktion. Weil sie nicht unter dem neuesten Kommentar platziert ist, sondern immer direkt unter dem Beitrag steht, erschwert sie die fortlaufende Debatte und zwingt einen immer wieder dazu, zum Ursprungsbeitrag zurückzukommen. Je intensiver die Debatte, desto störender dürfte das werden.

  11. Layout, Kommentarfunktion etc.

    Ich habe ja nun keinen direkten Einfluss mehr auf das Layout und die Funktionen des Blogs, aber Herr Huhn, der hier der Technikchef ist, hat bisher alles machbare getan um meine Wünsche zu erfüllen. Ich werde deshalb Anregungen und Beschwerden sammeln und immer dann an die Scilogs-Technik weiterleiten, wenn mir ein kluger Lösungsvorschlag dazu einfällt.

  12. @ A.S.

    Über die Kommentarfunktion wie Guertler hat sich hier noch niemand beschwert. Andere finden die Platzierung auch sehr gut, weil sie nach dem Lesen direkt zum Kommentieren einlädt. Neue Leser scrollen vielleicht nicht ganz bis nach unten.

    Ich denke, so Umgewöhnungsschwierigkeiten sind normal.

  13. Invisible Hand

    Das „Phänomen der dritten Art“ erklärt sich mir als Physiker am ehesten als Massenphänomen. Ein makroskopisches physikalisches System kann sich aus einer großen Anzahl von Komponenten zusammensetzen, die einzeln bestimmten mikroskopischen Gesetzen gehorchen. Als
    Beispiel kann man sich vorstellen, dass sich die Gas-Moleküle in einem Raum wie Billiardkugeln verhalten. Das Ergebnis ist aber ein neues und – wenn man die chaotischen Stöße zwischen den Molekülen betrachtet – überraschendes Konzept: Der Druck, der über weite Strecken und Zeiten konstant bleibt.

    In dieser Weise kann man aus den Massenphänomenen jeder Wissenschaft Lehren für die Linguistik ziehen. Soweit ich weiß, benutzt man tatsächlich die physikalische Diffusionstheorie für die Vermischung von Sprachen zwischen Nachbarländern.

  14. Auch von mir…

    … beste Wünsche für den Neuanfang.

    Wie schon ein paar Kommentatoren vor mir, würde ich mich darüber freuen, wenn Sie etwas mehr über „richtige“ sprachwissenschaftliche Themen bloggen (wie z.B. den Bremer Sprachblog-Eintrag „Sprache im Blut“ über Dediu & Ladd (2007)). Ab und zu tut aber ein bisschen Sprachkritikkritik auch ganz gut… 😉

  15. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig finde ich es auch, dass die Antwortfunktion zwischen dem Artikel und dem ersten Kommentar ist, statt unter dem letzten. Das Argument, dass das zum Kommentieren einlädt ist irgendwie ein bisschen schief, da ich das Antwortfeld gar nicht sehe, bevor ich nicht auf ‚Kommentare‘ geklickt habe.

    Ansonsten freue ich mich natürlich auf die Zukunft des Blogs – ob mit oder ohne Bashing.

    Interessant übrigens: dies ist die allererste Seite, auf der ich „Blog“ mit neutralem Genus gesehen habe.

  16. Verschreibung

    „(…)kulturpessimistiescher…“ – „miest“ wäre irgendwie gerächter! – Ich wärde jeden Tach hia nachkucken. (Ohne ohne Verschreiber mit Gewinn. – Danke!)

  17. Hm

    Zitat: „Nicht, indem sie am Sprachgebrauch ihrer Mitmenschen herumnörgeln, sondern indem sie Wörter verwenden, die ihnen in der jeweiligen Situation am ausdrucksstärksten erscheinen.“

    Das ist sehr optimistisch ausgedrückt. Sprache wird im Alltag unter Zeitdruck produziert, da nimmt man das geläufige, das gewohnte, das gelesene Wort — sprich, die Phrase, das Klischee, die gestanzte Formulierung. Und das tun nicht die Jungen, die im Netz mit lg, tx und awk kommunizieren, sondern die bezahlten Texter in den Medien.

    Insofern wünschte ich mir von der Sprachwissenschaft doch kräftiges Eingreifen in die Mediensprache.

  18. Wünsche jede Menge Spaß beim Weiterbloggen und bin ganz gespannt, was sich ändert und was bleibt 🙂