Auch in 2012 darf man „in 2012“ sagen

Aussenstelle-NeufassungIm Zuge der Nominierungen zum Anglizismus des Jahres ist auch die Verwendung von in mit Jahreszahlen nominiert. „Es ist für mich der kleinste aber widerwärtigste Anglizismus, den jedes halbakademische Bullshitbingoopfer in jeder Besprechung allzu häufig verwendet“, schreibt der Nominierende. „Warum müssen wir in unserem Sprachgebrauch ein Wort einfügen, wo es bei uns gar nicht notwendig ist? Das hatten wir bereits 2010 diskutiert und nicht in 2010 – meinetwegen im Jahre 2010.“

Mit dieser Abneigung ist er nicht allein. Immer wieder wird behauptet, dass es sich dabei um einen „lästigen Anglizismus“ aus dem „Wirtschaftsjargon“ handelt, der von „schlechtem Stil zeugt“, und dass er zwar „weit verbreitet“ aber „tatsächlich falsch“ sei.

Trotzdem hat die Konstruktion im Wettbewerb keine Chance. Denn erstens ist sie schlicht zu alt, wie diese Beispiele zeigen:

  • Aus „Die Löbliche Herren Herren Stände Deß Ertz-Herzogthumb Oesterreich ob der Ennß“ (1732): „der Seelen selig abgeleidigte Leib der Wohl-Gebohrnen Frauen Frauen Annæ … ist gestorben zu Aggstein den 3ten Februar. nach 12. Uhr Vormittag in 1617. ihres Alters in 51. und ihres Wittib-Stands in 26. Jahr …“ ([Link])
  • Aus „Ruebezahlider Schlesische Provinzialblaetter“ (1799): „Nur bisweilen erschienen keine Verbote, wie in 1627 …“ ([Link])
  • Aus „Geschichte der Mathematik seit der Wiederherstellung der Wissenschaften“ (1800): In 1615 hatte Kepler ein trauriges Schicksal wegen seiner Mutter, er erzählt das Krügern im 293. Briefe.“ ([Link])
  • Aus „Astronomische Nachrichten“ (1855): „Ich habe oben gezeigt, dass das westliche System, welches im Jahre 1600 sich in dem östlichen Theile von Europa befand, sich nach dem östlichen Sibirien bewegt hat, und das östliche System, welches in 1600 das westliche Europa und einen Theil des Atlantischen Meeres einnahm.“ ([Link])
  • Aus „Die Einwohnerzahl der ehemaligen Reichsstadt Nürnberg“ (1857): „Ueber 1800 stieg die Zahl 2mal, in 1622 und 1624; über 1700 4mal, in 1606, 1608, 1620; über 1600 7mal, in 1601, 1603, 1604, 1612, 1615, 1619, 1621; über 1500 nur 3mal in 1602, 1607, 1613; über 1400 nur 1mal, in 1617; über 1300 3mal, in 1636 1637, 1639; über 1200 nur 1mal, in 1641.“ ([Link])

Und zweitens ist es auf der Grundlage eben dieser Beispiele unwahrscheinlich, dass es sich bei [in + JAHRESZAHL] überhaupt um einen Anglizismus handelt. Viel wahrscheinlicher haben wir es mit einem lupenreinen Latinismus zu tun: Im Lateinischen würde man in Anno Domini MDCXVII usw. sagen. Die Konstruktion findet sich außerdem in vielen anderen europäischen Sprachen, z.B. im Französischen (en 2012), im Niederländischen (in 2012) im Dänischen (i 2012) und im Spanischen (en 2011).

Aber selbst, wenn sie tatsächlich aus dem Englischen käme: Zweihundert Jahre reichen, um eine urdeutsche grammatische Struktur daraus zu machen.

 

Übrigens: Nominierungen für den Anglizismus des Jahres werden noch bis Ende Dezember entgegengenommen.

© 2011, Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

73 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Im Lateinischen würde man in Anno Domini MDCXVII usw. sagen.“

    Wirklich?

    In den nachklassischen lat. Inschriften steht meist nur der nackte Ablativ „anno [Zahl]“. Und in der klassischen Zeit zählten die Römer die Jahre ohnehin ganz anders: „Cn.Pompeio et M.Crasso consulibus“ ist z.B. 70 v.Chr., wenn ich mich nicht verguckt habe.

  2. Anglizismen

    Die schleichende Einführung der Präposition „in“ begann Ende der 70er Jahre und ist ein eindeutiger Anglizismus, egal was die Römer sagten. Allerdings kann es ja wohl nach über 30 Jahren nicht mehr als ‚Anglizismus des Jahres‘ bezeichnet werden. Ich persönlich würde gerne ‚realisieren‘, im Sinne von ‚erkennen‘ auf die Liste setzen. Unsinnige Formulierungen, wie ‚Er realisierte, dass er sich geirrt hatte‘ (He realised that he had been wrong‘) stellen die ursprüngliche Bedeutung von ‚realisieren‘ ad absurdum: etwas in die Tat umsetzen. Jetzt haben wir für ZWEI Bedeutungen EIN UND DAS SELBE Wort. Wo liegt da der Vorteil?

  3. @ Eva Tanner

    Es gab keine schleichende Einführung, die Verwendung von „in“ vor Jahreszahl ist schon viel älter, wie die zitierten Beispiele aus dem 18. Jh. zeigen.

    Es kann natürlich sein, dass diese Verwendung in den 70er Jahren aus irgendwelchen Gründen in Mode gekommen ist. Und da könnte das Englische durchaus eine Rolle gespielt haben. Das macht das ganze aber immer noch nicht zum Anglizismus, Jahr hin, Jahrhundert her. Außer man will argumentieren, es sei ein neu eingeführter Anglizismus, der zufällig einer schon seit fast 300 Jahren bekannten, wenn auch seltenen, Ausdrucksweise im Deutschen genau entspricht. Da bin ich aber nicht sicher, wie sowas einzuordnen ist.

  4. Ob es nun ein Anglizismus ist oder nicht, ist doch egal. In jedem Fall handelt es sich um eine sprachliche Wichtigtuerei nach dem Motto „viel hilft viel“, die ähnlich aufdringlich klingt wie die in den 90ern verbreitete Mode, das Plusquamperfekt für jegliche Vergangenheit, sei sie auch nur fünf Minuten her und keineswegs vorzeitig, zu verwenden. Mancherorts hat sich das immer noch gehalten. In Kombination ist das dann sehr hübsch:

    „In 2012 war ich bereits zweimal im Urlaub gewesen.“

  5. “ Im Lateinischen würde man in Anno Domini MDCXVII usw. sagen. „

    Also im klassischen Latein würde man das nicht tun. Zeitangaben setzen Cicero und Konsorten in den reinen Ablativ.

    Neuer Menge §394
    oder Rubenbauer-Hoffmann §156

  6. Anglizismenjagd

    @Eva Tanner: Ich bin verblüfft, wie sie in einem einzigen Kommentar gleich diesen Artikel und den Anglizismus des Jahres (evtl. mutwillig) falsch verstehen können.

    Nein, wenn halb Europa und auch Deutschland historisch etwas verwendet und das nur (aufgrund von bloßen Vermutungen Ihrerseits) seit einigen Jahrzehnten etwas häufiger Auftritt ist etwas kein lupenreiner Anglizismus. Im Gegenteil, dann ist es ein lupenreiner nicht-Anglizismus.

    Und nein, ein Wort ist noch nicht als Anglizismus des Jahres qualifiziert weil sie es irgendwie doof finden. Dass das Wort nun 2 Bedeutungen hat mag sein – bei Veriwrrung fragen sie mal die Engländer, die kommen mit den zwei Bedeutungen auch super klar (Kontext hilft). Ich mag „realisieren“ in der Zweitbedeutung weil sie schön zwischen „bewusst werden“ und „deutlich worden“ liegt, also zumindest bei mir so gefühlt.

    Der Angliszismus des Jahres ist übrigens für Worte die eine Bereicherung des deutschen Wortschatzes geworden sind. Dass sie ein Wort gleichzeitig nominieren und darüber wehklagen verwirrt.

    Und nur noch mal am Rande bemerkt: dass sich die Leute immer über angeblich wichtigtuerische Anglizismen aufregen – Persönlich finde ich Menschen, die sich über Anglizismen aufregen und andere Leute deswegen korrigieren viel wichtigtuerischer. Es steht doch jedem frei, die Sprache so verwenden wie es ihnen genehm ist. Aber drastische Werturteile über Leute aufgrund einer Präposition zu machen finde ich viel ärgerlicher als das Verwenden der Präposition.

  7. @ Feathers McGraw

    „Es steht doch jedem frei, die Sprache so verwenden wie es ihnen genehm ist.“

    Offensichtlich.
    *seufz*

  8. @Eva Tanner

    „Jetzt haben wir für ZWEI Bedeutungen EIN UND DAS SELBE Wort. Wo liegt da der Vorteil?“

    Da fragen Sie noch? Im Zuge der Finanzkriese sollten wir auch beim Sprachgebrauch Einsparungen vornehmen wo wir nur können.

  9. realisieren

    Ich persönlich würde gerne ‚realisieren‘, im Sinne von ‚erkennen‘ auf die Liste setzen. Unsinnige Formulierungen, wie ‚Er realisierte, dass er sich geirrt hatte‘ (He realised that he had been wrong‘) stellen die ursprüngliche Bedeutung von ‚realisieren‘ ad absurdum: etwas in die Tat umsetzen.

    Diese Bedeutung hat realisieren aber nicht nur im Englischen sondern auch in anderen europäischen Sprachen (schon wieder verschwören sich alle Europäer gegen uns), wie die folgenden Beispiele aus dem Französischen und Niederländischen zeigen:

    F: L’année dernière il a réalisé que son studio lui coûtait plus qu’il ne lui rapportait.

    NL: Op dat moment realiseerde hij zich pas dat hij zich reeds op de bloedbank had moeten melden.

    Ich könnte mir vorstellen, dass es in anderen Sprachen auch diese Verwendungsart gibt, aber ich kann ansonsten nur Aussagen über das Russische treffen und dort hat @50;87>20BL die ursprüngliche deutsche Bedeutung. Aber die französischen und niederländischen Beispiele zeigen ja schon, dass es nicht allein die Engländer sind, die sich unverschämterweise einer anderen Bedeutung des Wortes bedienen.

  10. Danke.

    Hmm … danke. Das schönste, was ich heute lesen durfte. Ich schmunzele immer noch, und Schmunzeln ist ja bekanntlich Vanille für die Seele, wie uns der große, große Max Goldt gelehrt hat. In dem Sinne noch einmal: Danke!

  11. @Eva Tanner
    Was wäre denn die ursprüngliche Bedeutung von ‚realisieren‘? Und wieso sollten ausgerechnet wieder einmal die Deutschen* sie als einzige korrekt verwenden und alle anderen falsch?

    Es interessiert mich übrigens wirklich, weshalb diejenigen, die sich über den Sprachgebrauch der anderen Deutschen aufregen, sich dann überall darob beklagen, statt einfach selbst „korrekt“ zu sprechen und zu schreiben. Sie wissen doch wie es geht, dann machen sie es. Heben Sie sich doch ab vom deutschfaulen Plebs. Vergessen Sie auf Effekt, sprechen und schreiben Sie „sauber“.

    Ich bin ganz froh, dass – da wir hier von Anglizismen schreiben – die englische Sprache so flexibel im Ausdruck ist, weil sie oft mehrere Wörter für ein und dieselbe Sache hat. Das hängt natürlich mit der Geschichte zusammen, keltische Elemente, germanische, lateinische, altfranzösische, französische … u.a. deswegen gibt es dort sehr fein abegstufte register, die im deutschen nur sehr schwer [oder gar nicht] nachgeahmt werden können.**

    ‚In 2012‘ oder ‚realisieren‘ oder sonstige geschmäcklerische Schmerzverursacher richten weniger Schaden an, als nicht-gesetzte Blinker und die meisten Falschparker.

    *OK, die guten Deutschen, die, die noch wissen, wie es richtig geht.
    **für Übersetzungen zum Beispiel

  12. Leicht off-topic: Ich hatte ohnehin in der Nominierungs-Kommentarspalte auf der „Anglizismus des Jahres“-Website bei einigen Einreichungen des Gefühl, dass da jemand – bloß weil „Anglizismus“ draufsteht – automatisch davon ausgeht, es gehe bei der Wahl um einen Pranger der schlimmsten Lehnwörter aus der englischen Sprache. Interessant, wie einige bereits die Verwendung des Wortes „Anglizismus“ mit einer „Anti-Haltung“ assoziieren.

  13. OT: @impala: Russisches Wort

    Hier taucht wieder einmal ein russisches Wort auf, das impala als @50;87>20BL schreibt (zumindest zeigt das mein Browser). Ist das gängige Umschreibung und wenn ja, wo finde ich darüber Informationen? Oder kann das Forum kein Kyrillisch? Mal testen: @50;87>20BL (realisieren, laut Langenscheidt Euro-Wörterbuch)

  14. OT: @impala: Russisches Wort

    Na gut, das Forum kann kein Kyrillisch: Aus meiner Eingabe, die hier vor dem Absenden ganz korrekt angezeigt wurde, machte sie den gleichen Mist wie offensichtlich auch bei impala.

  15. Sprachökonomisch ist „in“ überflüssig

    Das „in“ in Verbindung mit Jahresangaben ist nur eben absolut überflüssig.
    Man braucht es nicht. Es ist eine von vielen Rendern doch an ihren Geltungsdrang verschwendete redundante Silbe.
    Redner, die gern etwas auswärtig klingen möchten, sparen die Silbe dann gern woanders in Verbindung mit „erinnern“ wieder ein und sagen dann so etwas wie „Ich erinnere die Krise vor drei Jahren…“.

  16. Lieber Anatol

    1. Dass im Lateinischen von „in Anno Domini MDCXVII“ die Rede ist, führt nicht zu „in 2010“, sondern zu dem von dir bereits genannten „im Jahre [des Herrn] 2010“.

    2. Die Beweiskraft der Textpassagen aus dem 18. und 19. Jhrd finde ich zweifelhaft. Galt das dort geschriebene damals als korrekt? Gab es bereits verbindliche Regeln?

    Was sagen Duden und Co zu dieser neuen Formulierung? Denn neu ist sie und mir im letzten Jahrtausend nie begegnet.

  17. @Frank Rawel

    Ich vermute, das vermehrte Auftreten von ‚in [Jahreszahl]‘ hat was mit dem Jahr 2000 zu tun, das sich alleine irgendwie seltsam anhört – zu wenig Silben oder so etwas. Es wird ja als Alternative gerne ‚im Jahr [Jahreszahl]‘ geboten, das erheblich weniger wirtschaftlich mit dem Atem umgeht, was dafür spricht, dass auch die Kritikaster ein leichtes Stechen fühlen, wenn sie die Jahreszahl alleine benutzen.

    Vielleicht hat ja eine der lesenden LinguistInnen dazu eine Studie?!

  18. Leute, die ihre vorgefasste Meinung trotz glasklarer gegenteiliger Evidenz beibehalten. Ich frag mich immer, was die hier wollen.

  19. 2000 (Dierk)

    Die genannten historischen Beispiele sind recht alt, sie stammen allesamt aus der Zeit vor der „Reichsgründung“ 1871. Möglicherweise ist das vorher (häufig oder sporadisch?) auftauchende Jahres-„in“ anschließenden Vereinheitlichungs- und Ökonomisierungsbemühungen zum Opfer gefallen. Dem Englischen käme dann eventuell die Rolle der Wiederbelebers zu.

  20. Ungeheuerlichkeit

    „Jetzt haben wir für ZWEI Bedeutungen EIN UND DAS SELBE Wort. Wo liegt da der Vorteil?“

    Ich perhorresziere eine Sprache, in das tatsächlich öfters der Fall sein könnte! Wie soll man noch entscheiden können, welche Wortbedeutung in welchem Kontext die richtige ist? Wir wären zu hilflosem Stammeln verurteilt, insbesondere diese bildungsfernen Schichten wänre überfordert. EINE Bedeutung für jedes Wort reicht. Wirklich.

    Meine Aktionswebseite:

    http://www.initiative-eine-bedeutung-pro-wort.de

  21. temporaler Akkusativ

    Das „in“ ist im Englischen garnicht so üblich! Es überwiegen die Google-Fundstellen ohne „in“. Beispiel „was born 1956“ hat mehr Fundstellen als das gleiche mit „in“. In den romanischen Sprachen überwiegt das „in“, dergleichen die Entsprechungen im Ungarischen und Arabischen.

    Es scheint aber ein Phänomen zu sein, das sich auf Jahreszahlen beschränkt, denn in all diesen Sprachen, auch Latein und Griechisch, existiert für den Zeitpunkt die Möglichkeit, das Wort ohne Artikel im Akkusativ als Temporalbestimmung zu setzen. (Beispiele: morgen, mañana, demain, holnap, :/’K )

  22. @Florian Regeln

    Es ist immer wieder faszinierend, wie die Menschheit zehntausende von Jahren ohne aufgeschriebene Regeln kommunizieren konnte. Muss ja alles falsch gewesen sein.

    /ironie off

    Es ist uebrigends auch voellig unerheblich ob die verwendeten Textstellen ‚regelkonform‘ waren, sie zeigen trotzdem, dass es keine neue Erscheinung ist.

  23. @Sabine Wichtigtuer

    Die einzigen Wichtigtuer sind die, die andere anhand ihrer Sprache als Wichtigtuer einstufen.

  24. @ Florian

    Der Duden bezeichnet in 2009 als „nicht standardsprachlich; nach englischem Vorbild“ (duden.de).

    @ impala, @ Dierk

    Die ursprüngliche und weiterhin gebräuchliche Bedeutung von realisierenist im Französischen, Englischen und Deutschen die gleiche. Die zusätzliche Bedeutung erkennen, gewahr werden ist erst später im (zunächst wohl amerikanischen) Englisch aufgekommen. Diese Bedeutung ist dann aus dem Englischen ins Französische übernommen worden. Entsprechendes gilt vermutlich auch für das Niederländische.

  25. Jeder Aspekt menschlichen Lebens ist pausenlos der Kritik unterworfen: Bücher, Filme, Musik, Theater, Tanz, Restaurants, Computerspiele, Mode, Architektur, Sitten und Gebräuche jeder Art und jeder (Sub-) Kultur.

    Nur die (Alltags-) Sprache soll aus irgendeinem unerfindlichen Grund davon ausgenommen sein – wer die zu kritisieren und zu bewerten wagt, ist ein Nörgler oder ein Wichtigtuer, wie hier wieder an den Kommentaren erkennbar. Warum nur?

  26. „in“+Jahreszahl für Zahlenkolonnen

    Vielen Dank für die interessanten Nachweise. Gerade das letzte von A.S. gebrachte Zitat zeigt, wann ein „in“ vor der Jahreszahl sinnvoll ist, dann nämlich wenn Jahrezahlen mit anderen Zahlen, die noch dazu kolonnenhaft auftreten, in engem Zusammnhang stehen. Dann markiert ein „in“, dass jetzt eine Jahreszahl folgt.

    Im vergangenen Jahrhundert wurde die Markierung einer Zahl als Jahreszahl auch durch die Zahlenbildung möglich, (Neunzehnhundertsiebenundachtzig ist eine Jahrezahl, eintausendneunhundertsiebenundachtzig die Zahl der Schweinehälften). Denkbar erschine es, dass deshalb ab 2000 die Verwendung des „in“ stieg.

    Aus den genannten Gründen empfinde ich das in+Jahreszahl als Wirtschaftsdeutsch und nicht so sehr passend in Zusammenhängen wie: „In 2011 habe ich mich endlich wieder verliebt“

  27. Unicode?

    Na gut, das Forum kann kein Kyrillisch: Aus meiner Eingabe, die hier vor dem Absenden ganz korrekt angezeigt wurde, machte sie den gleichen Mist wie offensichtlich auch bei impala.

    Das darf doch wohl nicht wahr sein. Wie kann es sein, daß in 2011 immer noch Software frei herumläuft, die sich nicht einen Deut um Unicode schert. Ich bitte den technisch Verantwortlichen, das zu reparieren!

  28. Sprache und Schrift

    Aus der täglichen Arbeit:

    Als Mitarbeiter eines Landesministeriums ist es meine regelmäßige Aufgabe, sowohl Schreiben aufzusetzen als auch Reden zu schreiben. Dies mache ich inzwischen unter meinem achten Minister (Okay, war auch eine Ministerin darunter) unterschiedlichster politischer Ausrichtung.

    Eins war und ist allen gemeinsam: Bei Reden wird das „in 20**“ benutzt, bei Schreiben „im Jahr 20**“. Für mich ein schönes Beispiel für den Unterschied zwischen geschriebener und gesprochener Sprache, vergleichbar mit „diesen Jahres“ (Sprache) und „dieses Jahres“ (Schrift).

  29. @Stefan
    Na, wenn Sprachregeln nebensächlich und sowieso nur was fürs fantasielose Establishment sind, können wir ab morgen auch „auf 2012“ schreiben.

    Es ist natürlich NICHT nebensächlich, ob „in 1871“ damals korrekt oder nur der Schreibfehler eines legasthenischen Bauernjungen war!

    @NörglerIn
    „Der Duden bezeichnet in 2009 als „nicht standardsprachlich; nach englischem Vorbild““

    Gut, dann hätten wir das ja geklärt. Auch wenn „in 2012“ vor einigen hundert Jahren möglicherweise als korrekt galt, nach der heutigen Rechtschreibung ist es das nicht mehr.

  30. An der Rechtschreibung ist da nun wirklich nichts auszusetzen. Bei „in“ und bei Jahreszahlen kann man aber auch wirklich nicht viel verkehrt machen.

    Im Übrigen muß ich darauf aufmerksam machen, daß die deutsche Sprache nicht das Eigentum der Duden-Redaktion ist, sondern meins.


  31. vergleichbar mit „diesen Jahres“ (Sprache) und „dieses Jahres“ (Schrift).

    Wer das falsch spricht, weiß es nicht besser und schreibts auch falsch.

  32. @ Anatol … grmpf

    Behaupten, dass „in anno“ ein Latinismus sei. Bewiesen bekommen, dass es nicht stimmt.

    Schweigen.

    Das zeichnet den Politiker.

  33. @Wicht

    Vielleicht spannt er auch über die Feiertage aus.

    Ich hätte da einen kurzen lateinischen Text:

    Anno Domini Millesimo Octocentisimo primo Die Decima Septi-
    ma Aprilis obiit Infans Famella nomine Orsula in anno aetatis suae quinto ex morbo
    ospa filia Laboriosorum Mathiae Michalski et Marianna Woytowna consortio coniugum
    legitimorum ex predicta villa subditorum Sepulta in Caemeterio.

    Nö, habe ich nicht selbst zusammengeklöppelt, dafür ist das bei mir schon viel zu lange her.

    Bewiesen wurde übrigens nicht, dass es kein Latein ist, sondern nur behauptet.

    PS: Ihre implizite These, dass ‚in anno‘ nicht lateinisch sei, braucht nur ein Gegenbeispiel, daher habe ich jetzt nicht noch die ganzen mittelalterlichen Predigtsammlungen durchgesehen.

  34. @ Dierk

    „PS: Ihre implizite These, dass ‚in anno‘ nicht lateinisch sei, braucht nur ein Gegenbeispiel, daher habe ich jetzt nicht noch die ganzen mittelalterlichen Predigtsammlungen durchgesehen.“

    Feuerländer sind keine Widerlegung der französischen Grammatik. (Kurt Tucholsky).

  35. Teekesselchen

    „Jetzt haben wir für ZWEI Bedeutungen EIN UND DAS SELBE Wort. Wo liegt da der Vorteil?“

    @stan: Wollt ich auch grad sagen …. Dieses schöne Spiel könnten wir garnicht mehr spielen, wenn jedes Wort nur eine Bedeutung hätte 😉

    Ausserdem haben wir auch ohne Lehnwörter im Deutschen Wörter oder Wendungen, die mehrere Bedeutungen haben.

    Ein Beispiel : aufgeben

    Ich kann in einem Kampf aufgeben
    Ich kann das Klavierspielen aufgeben
    Ich kann Hausaufgaben aufgeben
    Ich kann ein Päckchen aufgeben

    Dergleichen hat vermutlich bislang noch keinen Sprachschützer gestört.

  36. Satzanfang

    Ist es nicht auch so, dass es in geschriebenen Texten als regelrechter Fehler gilt, wenn ein Satz mit einer Zahl beginnt?

    Das könnte ja auch ein Grund sein, eine solche Konstruktion ins Deutsche zu übertragen: im Englischen darf man einen Satz, wie in der gesprochenen Sprache auch, mit der Jahreszahl beginnen, was in vielen Fällen Vorteile hat, was Klarheit und Dramaturgie des Satzes betrifft – weil ja immer noch die Präposition davor kommt.

    Man kann sich zumindest vorstellen, dass deutsche Schreiber, die ein unbändiges Verlangen hatten, die Jahreszahl vorne im Satz zu verwenden, auf einen solchen Import verfallen sind.

    Für mich persönlich habe ich das Gefühl, es könnte auch noch ein kleiner Bedeutungsunterschied bestehen zwischen „2011“ und „in 2011“. – „In 2011 habe ich mich endlich wieder verliebt“ kommt mir komisch vor, aber „Ich schreibe allen Frauen, in die ich mich in 2011 verliebt habe, eine Weihnachtskarte“ klingt für mich besser. Es scheint mir eine kleine Betonung zu enthalten auf die Abgeschlossenheit und auch die Länge dieser Liste. Geht das anderen auch so?

  37. Tucholsky

    [verdammte clumsiness!]

    Tucholsky schrieb im selben Satz übrigens weiter: ‚ – sie beweisen aber, daß es auch ohne diese Grammatik geht.‘

  38. @Drago Starcevic

    Ich finde den Satz „Ich schreibe allen Frauen, in die ich mich in 2011 verliebt habe, eine Weihnachtskarte“ ein kleines bisschen weniger schräg als „In 2011 habe ich mich endlich wieder verliebt.“ Denn der Weihnachtskartensatz hat schon etwas Buchhalterisches. Noch plausibler klingt aber: „Allen Frauen, denen ich in 2010 eine Weihnachtskarte geschrieben habe, erhalten ebenfalls eine in 2011.“

  39. Verliebt in 2011

    Ich finde den Satz „Ich schreibe allen Frauen, in die ich mich in 2011 verliebt habe, eine Weihnachtskarte“ ein kleines bisschen weniger schräg als „In 2011 habe ich mich endlich wieder verliebt.“ Denn der Weihnachtskartensatz hat schon etwas Buchhalterisches. Noch plausibler klingt aber: „Allen Frauen, denen ich in 2010 eine Weihnachtskarte geschrieben habe, erhalten ebenfalls eine in 2011.“

  40. realisieren

    @NörglerIN:

    Die ursprüngliche und weiterhin gebräuchliche Bedeutung von realisierenist im Französischen, Englischen und Deutschen die gleiche. Die zusätzliche Bedeutung erkennen, gewahr werden ist erst später im (zunächst wohl amerikanischen) Englisch aufgekommen. Diese Bedeutung ist dann aus dem Englischen ins Französische übernommen worden. Entsprechendes gilt vermutlich auch für das Niederländische.

    Entschuldigen Sie die weihnachtsbedingte Verspätung meines Kommentars, aber hätten Sie für diese Aussagen irgendwelche Belege oder ist das Ihr intrinsisches Wissen über diese drei bzw. vier Sprachen?

  41. Um mal Öl ins Feuer zu gießen:

    Es gibt nach meinem Verständnis keinen strengen Grund weshalb es nicht „im 2012“ heißen sollte…

  42. @ Lars

    „Es gibt nach meinem Verständnis keinen strengen Grund weshalb es nicht „im 2012″ heißen sollte…“

    So gesehen, gibt es eigentlich keinem Gründe, noch auf irgendeinem Casus einen Rücksicht zu nehmen. Nach dem Abschaffung von das Deklination schlage dem Konjugation abschafft vor ich. Süntax und Offergrafei sowiso den Freiheit Freigabe Wortstellungs wurscht. Wie in Lateinischen. Oder so. So oder?

    Im den Jahr in 2012 wir dem packen! Wenn schon sein Welt Stuss, Recht wieviel haben mehr Stussens reden wir?

  43. @Wicht

    Also ist ‚im Jahr [Jahreszahl]‘ korrekt und gut und schön, während ‚im [Jahreszahl]‘ jedenfalls falsch und schlecht und hässlich ist; ebenso ‚in [Jahreszahl]‘. Beim Präpositionspaar in/im wäre ich sehr vorsichtig, diese beiden sind nicht sonderlich stark voneinander abgegrenzt.

    Bringt mich zur wichtigsten Frage überhaupt: Hat jemand mehr als seinen persönlichen Geschmack in das Thema einzubringen?*

    *Ergänzende Frage: Wann wurde Rechtschreibung [siehe weiter oben], Syntax, Semantik und Stil alles eins? Und was ist eine Ellipse?

  44. @Dierk: Frage präzisieren

    „Bringt mich zur wichtigsten Frage überhaupt: Hat jemand mehr als seinen persönlichen Geschmack in das Thema einzubringen?“

    Offenbar decken sich die persönlichen Geschmäcker von Menschen ja teilweise. Was wir für sprachlich richtig oder falsch, schön oder häßlich halten, ist einigermaßen ähnlich.

    Sollte die Frage nicht besser heißen, woher diese Übereinstimmung kommt? Ob sie sozial konstruiert ist oder sich aus der Funktion von Sprache ergibt oder beides? Und die zweite Frage, wie wir mit dieser Übereinkunft (willkürlich oder funktional begründet oder beides) umgehen?

    Konservativ oder ‚everything goes‘? Oder etwas dazwischen?

    Etwas spannendes?

    Wie die Texte von Helmut Wicht, die ich und andere für die ästhetisch reizvollsten auf den scilogs halten.

  45. @ Bolt @ Dierk

    @ Bolt – danke

    @ Dierk „persönlicher Geschmack“

    Es steht selbstverständlich Ihnen und jedermann sonst frei, Präpositionen „ad libitum“ vor die Jahreszahlen und diese in Kasus „al gusto“ zu setzen. Die grammatischen Regeln – und darin bin ich mir, hoffe ich, mit Anatol Stefanowitsch einig – sind nicht vom Himmel gefallen, sind keine Naturgesetze, sondern der kodifizierte Mehrheitsgeschmack.

    Der pingelige Korinthenkacker in mir besteht aber darauf, dass der Mehrheitsgeschmack im klassischen Latein die Jahresangabe in den blanken Ablativ setzte. Da können noch so viele mittelalterliche Wanderprediger „in anno“ gesagt haben – Cicero hätte das nicht getan. „In 2012“ ist kein Latinismus. Auch schon deshalb nicht, weil das postklassische „in anno XXX“, das zur Rechtfertigung angeführt wird, noch das Wort „Annus“ – und nicht nur die blanke Zahl – enthält. „In dem Jahr 2012“ – dagegen hat kein Mensch etwas einzuwenden.

    Aber wie gesagt – es kann jeder machen was er will. Ich verweise allerdings auf den schönen Satz von FeathersMcGraw, den ich weiter oben zitiert habe: „Es steht doch jedem frei, die Sprache so verwenden wie es ihnen genehm ist.“ Wenn ich mir jetzt noch die Freiheit nehme, die fehlerhafte Grammatik dieses Satzes dadurch zu korrigieren, dass ich ihm ein Iota raube – nein: ein grosses statt eines kleinen Iota in das „Ihnen“ setze – dann wird die Intention des Schreibers glatt auf den Kopf gestellt. Statt des intendierten demokratischen haben wir plötzlich ein totalitäres Statement, dass uns die Freiheit auferlegt, dem Adressaten des Satzes nach dem Mund zu reden.

    Die Juristen geben sich nicht ohne Grund so grosse Mühe mit ihren Sätzen. Dass das, was dabei herauskommt, oft unverdaulich ist, ist eine andere Sache…

    Der Schreiberling in mir pocht auf die Regel – um sie verletzen zu können. Wenn „anything goes“ – dann geht nämlich literarisch nicht mehr viel. Die Regel sanft oder grob gegen den Strich zu bürsten: das ist meiner Ansicht nach eine der Künste des Rhetors/Schreibers. Und wenn es keine Regeln gibt – dann kann man nicht mit ihnen spielen. Das wäre schade.

  46. @NörglerIN

    In dem Etymologischen Wörterbuch des Niederländischen (s.o.) ist nur die ursprüngliche Bedeutung von realiseren aufgeführt.

    Das liegt daran, dass das Niederländische zwischen realiseren als „in die Tat umsetzen“ und zich realiseren als „sich einer Sache bewusst werden“ unterscheidet.

  47. @Wicht

    Wir beide sind uns auf jeden Fall darin einig, dass der Schreiberling sich gefälligst über Sprachregelungen hinweg zu setzen hat, wenn es seinem Effekt, seiner Geschichte dient. Ich poche allerdings nicht darauf, dass die Anderen sich gefälligst an die Regeln zu halten hätten. Wir sind aller Schreiber, Leser und Sprecher, wir haben alle das Recht, uns so auszudrücken, wie es effektiv ist. Selbst, wenn es das nicht ist, dürfen wir gegen Sprachregeln verstoßen, besonders, wenn es sich um rein stilistische handelt, die immer nur Traditionen [und nicht immer die besten oder ältesten] sind.

    Es scheint mir auch gewagt anzunehmen, dass „der Leser“ weiß, wann der Schreiberling sich was bei einem Fehler gedacht hat und wann nicht. Es ist nicht selten, dass Leserbriefschreiber und Blogkommentatoren fröhlich ‚Foul‘ rufen, wenn der Autor bewusst Regelbruch beging.

  48. wg. Latein

    Rom wurde so um und bei 753 v.C. gegründet, das Römische Reich ging dann irgendwann zwischen 300 und 400 nach C. unter. Macht roundabout 1000 Jahre aktive Sprachgeschichte. Aber danach war der tägliche Gebrauch des Lateinischen nicht zu ändern, in der katholischen Kirche hält er sich bis heute. Bis weit in die Aufklärung hinein schrieben und sprachen Gelehrte, Mönche, kirchliche Würdenträger [bis zur Gemeindebene runter] Latein. Und veränderten es dabei. Selbst wenn wir nur bis ins ausgehende Mittelalter rechnen, weil die Benutzung danach konservativ war, kämen wir auf 2000 Jahre aktive Sprachgeschichte des Latein.

    Als sprachlich gültig nur anzuerkennen, was Cicero, Cäsar und Horaz geschrieben haben, also die Entwicklung des Lateinischen auf ca. 100 Jahre einzuschränken, ist, mit Verlaub geschrieben, hanebüchen und fernab jeder sinnvollen Diskussion.

  49. Falsch verstanden

    Der Herr Nominator hat scheinbar sowieso die Intention der Seite falsch verstanden:
    „Mit der Wahl zum „Anglizismus des Jahres“ möchten wir den Beitrag, den die englische Sprache zur Entwicklung des Deutschen macht, angemessen würdigen und freuen uns auf Ihre Nominierungen für den „Anglizismus des Jahres 2011“
    Es handelt sich also bem Anglizismus des Jahres mitnichten um eine Schähung (außer das ganze ist sehr subtil satirisch gemeint?)

  50. @impala

    “Zich realiseren” finde ich auch nicht in diesem Wörterbuch.

    Dagegen finde ich beim niederländischen Wikipedia eine „Liste häufiger Fehler im Niederländischen“ (http://nl.wikipedia.org/…outen_in_het_Nederlands).

    In dieser Liste finde ich „zich realiseren“.

  51. @NörglerIN

    Nein, da haben Sie etwas falsch verstanden. In der Liste auf Wikipedia geht es genau darum, dass häufig der Unterschied zwischen realiseren und zich realiseren nicht gemacht wird. So sagen manche wie in dem Wikipedia-Beispiel „ik realiseer dat het koud is“ statt „ik realiseer me dat het koud is“. Das nichtreflexive realiseren entspricht „in die Tat umsetzen“, wie dem Beispielsatz „Het project had nooit gerealiseerd kunnen worden …“ zu entnehmen ist. Der zweite Beispielsatz „Ik realiseer me dat ik met deze opmerking velen tegen de haren in strijk …“ ist einwandfreies Niederländisch.

  52. @impala

    Sie haben recht. Ich habe zu flüchtig gelesen. Auch meine Unkenntnis des Niederländischen mag dazu beigetragen haben.

    Es bleibt aber noch die Frage, ob diese Bedeutung im Niederländischen, wie im Französischen und im Deutschen, auch aus dem Englischen stammt.

    Das halte ich jedenfalls für die plausibelste Hypothese. Leider enthält das zitierte etymologische Wörterbuch diese Bedeutung nicht, so daß sich daraus die Hypothese nicht belegen läßt.

    Da Sie sich im Niederländischen offenbar gut auskennen, haben Sie vielleicht sonstige Quellen dazu?

  53. @NörglerIn

    Ich habe gerade in dem größten niederländischen Wörterbuch nachgeschlagen, das die Bibliothek der UvA zu bieten hatte, da auch im traditionellen Van Dale (das niederländische Duden-Äquivalent) keine Angaben zum Ursprung des Wortes gemacht wurden.

    Dort stand jedenfalls, dass realiseren seit 1535 im Niederländischen benutzt wird und aus dem Französischen übernommen wurde. Die reflexive Verwendung ist erst 1908 zum ersten Mal belegt, aber leider ohne Ursprungsangabe. Die nicht-reflexive Verwendung mit der Bedeutung „sich bewusst werden“ ist etwa 20 Jahre später zum ersten Mal aufgetreten und nur zu dieser Verwendung wird angeführt: „Invloed van eng. to realize is hierbij waarschijnlijk“. Es scheint dazu also keine näheren Angaben zu geben. Die Quelle aus 1908 ist jedenfalls keine Übersetzung und 1908 war die Form auch im Französischen schon verbreitet. Wie genau zich realiseren Eingang ins Niederländische gefunden hat, lässt sich also leider nicht nachvollziehen.

  54. Nicht alles, was hinkt, …

    Ich finde den Versuch, uns die Verwendung von „in 2012“ mit dem Verweis auf entsprechende Konstruktionen schmackhaft zu machen, eher peinlich. Die Übertragung der Syntax und Semantik von Präspositionalkonstruktionen von einer Sprache in die andere muss eigentlich daneben gehen.

    Ja, die Schweden sagen i 2012, aber die sagen auch i år für dieses Jahr. Müssen wir das jetzt auch übernehmen?

    Transrhenanisch macht man Ferien im agrarischen Umfeld nicht sur, sondern à la ferme. Verbringt man die freie Zeit in der Hauptstadt dieses schönen Landes, folgt auf das aller à Paris dann das être à Paris. Sollen wir outre-Rhin unsere Präpositionen für Richtung und Ort in eine zusammenmatschen, nur weil’s die Gallier so halten?

    Und ja, nach meiner Wahrnehmung hat die Verwendung der hier diskutierten Konstruktion im Deutschen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren deutlich zugenommen.

    Und nein, sie gefällt mir nicht 😉

  55. Standardsprache = korrekt ?

    „Der Duden bezeichnet in 2009 als „nicht standardsprachlich; nach englischem Vorbild““

    Gut, dann hätten wir das ja geklärt. Auch wenn „in 2012″ vor einigen hundert Jahren möglicherweise als korrekt galt, nach der heutigen Rechtschreibung ist es das nicht mehr.“

    Sie interpretieren die Formulierung „nicht standardsprachlich“ als „falsch“. Dies halte ich für unzulässig und das sieht vermutlich auch die Duden-Redaktion so. Ansonsten wäre auch das schöne Wort „Jänner“ oder der grundsätzliche Verzicht auf das „ß“ wie in der Schweiz, als „falsch“ anzusehen. Ist es natürlich nicht. Es ist allenfalls „nicht standardsprachlich“, was also eher eine Kategorisierung in üblich/unüblich darstellt.

  56. Unübliche Standardsprache

    > Sie interpretieren die Formulierung „nicht
    > standardsprachlich“ als „falsch“. Dies halte
    > ich für unzulässig (…) Ist es natürlich
    > nicht. Es ist allenfalls „nicht standardsprachlich“,
    > was also eher eine Kategorisierung in
    > üblich/unüblich darstellt.

    Selbst das würde ich anzweifeln. Im Alltag sind nicht-standardsprachliche Konstruktionen häufig viel üblicher als standardsprachliche. Darüber hinaus stellt sich natürlich die Frage, wie sich die deutsche Varietät „Standardsprache“ denn herstellt. Auch die Duden-Redaktion hat hier keine Definitionsmacht, sondern kann lediglich beschreibend wirksam werden.

    Das, was uns als Hoch- oder Standardsprache entgegenkommt, ist letzlich auch nur das, was mehrheitlich, als eine Art „Konsens ohne Absprache“ also, in der Öffentlichkeit, in den Medien, in offiziellen Verlautbarungen, Reden usw. gepflegt wird. Und gerade hier ist nach meiner Wahrnehmung das „in 2012“ gar nicht so selten. Viel häufiger zumindest als in den alltäglichen Gesprächen, deren ich so Zeuge werde. So gesehen handelt es sich bei dieser Konstruktion wohl eher um unübliches Standarddeutsch.

    Ich meine mich außerdem zu erinnern, dass die fragliche Konstruktion in der Schweiz keinerlei Befremden auslöst, sondern eben im Schweizer Hochdeutsch durchaus Standard ist. Aber ich kann mich täuschen.

  57. üblich/unüblich

    Sie haben wohl Recht die Kategorisierung „üblich/unüblich“ trifft aus nicht richig. Aber unser Schluß ist letztendlich der gleiche.

    „Auch die Duden-Redaktion hat hier keine Definitionsmacht, sondern kann lediglich beschreibend wirksam werden.“

    Und in wenigen Jahren wird „in xxx“ wohl so verbreitet sein, dass der Duden den Zusatz nicht-standardsprachlich wohl oder übel wird streichen müssen.

  58. @ Leo

    Und in wenigen Jahren wird „in xxx“ wohl so verbreitet sein, dass der Duden den Zusatz nicht-standardsprachlich wohl oder übel wird streichen müssen.

    Sie haben vermutlich vollkommen recht. Ähnlich wird es wohl vielen anderen nützlichen oder überflüssigen Anglizismen ergehen. Schon heute führt der Duden z.B. realisieren im Sinne von einsehen, klar werden ohne entsprechenden Zusatz auf. Merkwürdigerweise bezeichnet er dagegen realisieren im Sinne von in die Tat umsetzen als
    „bildungssprachlich“.

    In diesem Blog-Eintrag geht es aber nicht darum, sondern darum, ob man die Ausdrucksweise in 1999 heutzutage als Anglizismus ansehen kann oder nicht. Die Beispiele von A.S. zeigen nur, daß die Jahresangabe mit in auch früher schon im Deutschen vorgekommen ist. Sie sagen aber nichts darüber aus, ob diese Ausdrucksweise damals „standardsprachlich“ war oder nicht. Vielleicht gibt es auch heute Mundarten, in denen diese Ausdrucksweise üblich ist. Deshalb ist sie aber noch nicht „standardsprachlich“.

    Daß diese Ausdrucksweise schon früher vorkam, geht übrigens schon aus dem Grimmschen Wörterbuch hervor:

    im jahr 1876; dafür im kaufmännischen geschäftsstil auch blosz in 1876, wol fremdem sprachgebrauche nachgeahmt, franz. en 1876, ital. nel 1876, engl. in 1876: die russischholländische anleihe begann in 1816 .. die griechische anleihe wurde noch in 1853 ausgezahlt.

    Aber auch hier wird diese Verwendung als sondersprachlich und als mutmaßlich fremdsprachliche Entlehnung angesehen.

    Dann hat A.S. noch die erstaunliche (und unbelegte) Behauptung aufgestellt:

    Viel wahrscheinlicher haben wir es mit einem lupenreinen Latinismus zu tun: Im Lateinischen würde man in Anno Domini MDCXVII usw. sagen.

    Wie aber soll man erklären, daß die Jahresangabe mit in, jedenfalls nach dem Eindruck vieler Deutscher, sich gerade in jüngster Zeit im Deutschen so ausgedehnt hat? (Diesen Eindruck empirisch genauer zu belegen oder zu widerlegen, wäre sicherlich wünschenswert, wäre aber auch kein einfaches Unterfangen.)

    Daß ein (angeblich) lateinischer oder kaufmannssprachlicher oder vielleicht mundartlicher Ausdruck sich ausgerechnet in jüngerer Zeit im Deutschen so stark ausbreitet, erscheint jedenfalls sehr unwahrscheinlich.

    Angesichts des seit etwa einem halben Jahrhundert sehr starken Einflusses des Englischen auf das Deutsche, scheint doch die naheliegendste Hypothese zu sein, daß auch die Verbreitung dieser Ausdrucksweise dem englischen Einfluß zu „verdanken“ ist. Die Argumente von A.S. sind jedenfalls keine ausreichende Falsifikation dieser Hypothese.

    Deshalb scheint es mir vollkommen zu rechtfertigen, heutzutage die Jahresangabe mit in als Anglizismus anzusehen.

  59. Empirie

    Ja, wie erklärt man das? Wie erklärt man das starke Gefuehl, das Sie, Ihre Katze, Ihr Nachbar und mindestens noch 2 andere Leute im Internet so haben? Gar nicht, man ignoriert es. „Starke Gefühle“ in der Sprachwissenschaft zählen eher weniger. Haben sie Zahlen, Nachweise irgendeiner Art dass das tatsächlich stärker auftritt? Nein? Oh.

    Ausserdem: Herr Stefanowitsch hat ganz gute Nachweise geliefert dass jene Konstruktion schon seit 200 Jahren im Deutschen vorhanden ist. Auch wenn die Beliebtheit von Konstruktionen schwankt, irgendwann ist ein Wort oder eine Konstruktion im Deutschen einfach angekommen. Das scheint in diesem Falle für „in [Jahreszahl]“ genauso zu gelten wie für die Worte „Keks“ und „Handy“.

  60. @NörglerIn

    Mir ging es weniger darum ob die Formulierung „in 2012“ nun ein Anglizismus ist oder nicht.

    Mir ging es vielmehr um die Argumentationskette von Florian.

    Schauen wir doch mal in den Duden – ah da steht nicht-standardsprachlich – also ist nicht nicht korrekt.

    Und dann schwingt natürlich noch mit: Jeder der es benutzt ist ein Volldepp.

    Zurück zur Frage ist „in 2012“ ein Anglizismus. Interessant finde ich die Tatsache, dass es das Konstrukt offenbar in vielen anderen Sprachen gibt.

    @NörglerIn
    Haben Sie hierfür eine Erklärung? Sind das alles Entlehnungen aus dem Englischen? Oder ist hier nicht ein älterer gmeinsamer Ursprung wahrscheinlicher?

  61. @Nörglerin

    Ist eine Wendung, deren Herkunft wenigstens als „unklar“ bezeichnet werden kann, die im Deutschen Wörterbuch zumindest als sondersprachlich bezeichnet wird und deren Verwendung sich – mal angenommen es sei so – unter dem Einfluss des Englischen verstärkt, ein Anglizismus?

    Ich weiß ja nicht. Im Deutschen Wörterbuch sind wenigstens noch das französische und das italienische als mögliche Herkunft erwähnt. Die Beispiele, die Anatol Stefanowitsch hier herausgesucht hat, deuten auch nicht unbedingt auf eine Kaufmannssprache hin.

    Es mag sein, dass sich der Gebrauch von „in + Jahreszahl“ ausweitet, das wäre aber wohl erst noch zu belegen, ich höre und lese das nicht sehr oft. Es mag ferner sein, dass der aktuelle Einfluss des Englischen hier eine Rolle spielt, aber auch das wäre – gesetzt den Fall die Verwendung würde tatsächlich häufiger – erst mal zu zeigen. Andere Faktoren könnten auch eine Rolle spielen.

    Da die Wendung wenigstens seit dem 18. Jh. in deutschen Quellen vorkommt und offenbar problemlos verstanden wird, wird sie in meinen Augen nicht durch eine – wohl erst mal nachzuweisende – Ausweitung unter dem – ebenso bislang nur vermuteten – Einfluss des Englischen zu einem Anglizismus.

  62. Empirie

    Ja, die Empirie… Der Blogautor hat einige gedruckte Quellen von anno tobak ausgegraben, dort die Konstruktion „in XXXX“ gefunden und den messerscharfen Schluss gezogen,

    Aber selbst, wenn sie tatsächlich aus dem Englischen käme: Zweihundert Jahre reichen, um eine urdeutsche grammatische Struktur daraus zu machen

    Und:

    Viel wahrscheinlicher haben wir es mit einem lupenreinen Latinismus zu tun

    Erste Florettfechterei: Das corpus delicti ist so alt, dass es „urdeutsch“ ist und kein Anglizismus mehr. Durch Zeitablauf sozusagen.

    Zweite Florettfechterei: Der Anglizismus ist keiner, sondern ein Latinismus. Und ein Latinismus wird durch Zeitablauf nicht „urdeutsch“?

    Wäre es vielleicht zumutbar, dass diejenigen, die Zugang zu Korpora und Auswertungswerkzeugen haben, mal eine Häufigkeitsanalyse über die letzten 30 Jahre anstellen? Der angeführte Eintrag aus dem Grimmschen Wörterbuch legt ja nahe, dass die Wendung im 19. Jhdt. nicht allgemein verbreitet war, sondern als irgendwie speziell wahrgenommen wurde. Jetzt könnte man sich ja der Frage widmen, ob es in jüngerer Vergangenheit einen Häufigkeitsanstieg gegeben hat oder schon die Brüder Grimm als sprachnörglerische Mimosen einzustufen sind, die hier Geschmacksurteile haben einfließen lassen.

  63. Latinismus

    Die Vermutung, dass es sich um einen Latinismus handelt, halte ich für nicht überzeugend.

    Das genannte Beispiel belegt dies ja auch:

    1801,[in seinem fünftem Lebensjahr…].

    Vielleicht ist die Wendung „in seinem XX. Lebensjahr“ aus dem Lateinischen übernommen; sicherlich die, hier auch ohne Präpostion stehende, Angabe der Jahreszahl nicht. Natürlich kann man im Deutschen und Lateinischen für alles einen Beleg finden; ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass im Kirchenlatein diese Wendung üblich war, die guten Lateiner aber werden sie mit Hinblick auf Cicero nicht verwendet haben.

    Interessanter ist die Frage, ob es eine semantische Differenzierung gibt. Vielleicht bezieht sich „in + Jahreszahl“ tendenziell eher auf den Zeitraum.

    Sofern der Begriff „guter Stil“ einem etwas bedeutet, wäre es aber sicherlich zu tadeln diese Wendung zu verwenden.

    (Ich bin kein guter Stilist.)

    Ob es ein Anglizismus ist, nun ja, das kommt wohl dann auf die Definition an. Ein Einfluss scheint mir aber wahrscheinlich.

  64. „urdeutsch“ vs. „Wirtschaftsjargon“?

    Mir erscheint dieser Gegensatz reichlich künstlich. Sinn macht (;) ) er nur dann, wenn man davon ausgeht, dass Jargon und sprachliches Imponiergehabe und die Eigenschaft, „urdeutsch“ (im Sinne von „am deutschen Wesen…“) zu sein sich gegenseitig ausschließen.

    Ebenso künstlich ist jedoch der Gegensatz zwischen „urdeutsch“ im historischen Sinne („schon immer“ oder „sehr lange“ in der deutschen Sprache existent) und „Anglizismus“. Dass Wörter bzw. Konstruktionen in einer Sprache vor mehr oder weniger langer Zeit mehr oder weniger verbreitet war, heißt ja keineswegs, dass sie nicht später durch Vermittlung einer anderen Sprache erneut/stärker/anders konnotiert Verbreitung finden.