Am Ende des Tages [Neufassung]

Sprachnörgler zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie immer wieder dieselbe Handvoll sprachlicher Phänomene kritisieren: die angeblich unlogische Redewendung Sinn machen, den Service Point, die Bahnhofstoilette Mc Clean und den Radleihdienst Call-a-Bike der Deutschen Bahn, das Scheinlehnwort Handy. Man hat manchmal den Eindruck, mit fünf kleinen Änderungen am Sprachgebrauch könne man sämtliche Sprachkritik zum Verstummen bringen. Ab und zu finden die Anglizismenjäger aber doch ein neues Feindobjekt. So haben sie vor kurzem die Phrase am Ende des Tages entdeckt und auf die Liste der zum Abschuss freigegebenen  Redewendungen gesetzt.

Hier zunächst ein paar Beispiele für diese Redewendung:

  1. Am Ende des Tages steht für mich eine renaturierte Ems“, sagt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. [Financial Times]
  2. Am Ende des Tages zählen Leistung und Zahlen“, sagt Peter Staab, zuständig für Investor Relations… [Welt.de]
  3. Die deutsche Singspielindustrie darbt. Am Ende des Tages können nur heiße Stoffe wie das Obama-Musical neue Hoffnung bringen. [Finanztreff.de]

Schon 2006 hat Chefnörgler Bastian Sick diese Phrase in einer Glosse als Beispiel für einen „Anglizismus“ erwähnt, allerdings nicht als besonders kritikwürdig klassifiziert:

Die englische Metapher „at the end of the day“ bedeutet „letzten Endes“, „schließlich“. Für die meisten Deutschen ist das „Ende des Tages“ keine rhetorische Figur, sondern nichts anderes als der Abend. Die Verwendung im Sinne von „schließlich“ ist ein Anglizismus.

Bei meiner regelmäßigen Lektüre sprachnörglerischer Befindlichkeitsbekundungen ist mir die Redewendung dann lange Zeit nicht untergekommen, aber im letzten Jahr ist sie mir immer häufiger begegnet.

Robert Sedlaczek bezeichnet sie in der Wiener Zeitung noch relativ neutral als „abgedroschene Phrase“ (Wiener Zeitung, 4. März 2009). Burkhard Spinnen will die Redewendung abschaffen, weil er die Gefahr sieht, dass des Englischen nicht mächtige Zeitgenossen sie fälschlicherweise wörtlich interpretieren könnten (Deutsche Welle, 11.9.2009). Alexander Jungkunz paraphrasiert in den Nürnberger Nachrichten Bastian Sick und bezeichnet die Redewendung dann schon etwas nörglerischer als „Quatsch“ (Fürther Nachrichten, 9.11.2009). Bernd Matthies möchte sie im Tagesspiegel sogar als „nervendste Redewendung des Jahres“ ausgezeichnet sehen (Tagesspiegel, 23.12.2009), und Christian Schachinger beschimpft sie im Standard als den „blöden Bruder“ der Redewendung das macht Sinn (Der Standard, 11. Januar 2010).

Auch sprachlich gelassenere Beobachter befassen sich mit der Phrase. Hermann Schreiber, dessen Kolumne im Hamburger Abendblatt früher eher sprachnörglerisch daherkam, der aber inzwischen sehr gut gelaunte Sprachglossen verfasst, möchte in klären, woher die Redewendung kommt; allerdings fällt ihm nicht viel dazu ein: „Und wie kommt so ein Spruch zustande? Ganz einfach: Einer „erfindet“ ihn, ganz zufällig, und die anderen plappern ihn nach“ (Hamburger Abendblatt, 7. November 2009 — leider hinter der neuen Bezahlwand des Abendblatts). Und Harald Freiberger möchte den Managern die Redewendung abgewöhnen, da sie ihm „unbeweglich und passiv“ erscheint:

Dabei passen die Floskeln gar nicht zu einem Manager. Denn er will agil und aktiv wirken, auf keinen Fall unbeweglich und passiv. Sagt er aber “am Ende des Tages”, bringt er sich automatisch in eine defensive Position; schließlich setzt die Formel „am Ende des Tages“ voraus, dass man vorher die Argumente der Gegenpartei nennt, um diese dann nach Einschub der Floskel zu widerlegen: „Alle sagen zwar immer, dass wir keine Rezepte für die Zukunft haben, am Ende des Tages aber wird sich zeigen, dass dem keineswegs so ist.“ [Süddeutsche Zeitung, 21.12.2009]

Florian Illies widerspricht Freiberger. Für ihn ist die Phrase ganz im Gegenteil typisch für die „Cowboys unter den Managern“:

[D]ie Sehnsucht nach Abgrenzung ist geblieben – gerade bei den Herren der Old Economy. Denn wer »am Ende des Tages« sagt, will zeigen, dass er ein echter Cowboy ist – und weiß, worum es abends am Lagerfeuer wirklich geht. Dabei wird völlig vergessen, dass natürlich niemand besser als ein Cowboy weiß, dass man weder mittags noch nachmittags sagen kann, wo man abends seine Pferdchen ins Trockene bringen wird. Sondern erst am Ende des Tages. Frauen ist der Zugriff auf diesen Marlboro-Code der Weltwirtschaft untersagt. Weicheiern ebenfalls.[Zeit Online, 30.12.2009]

Ob die Redewendung nun unbeweglich-passiv oder eher cowboyhaft verwegen klingt, kann ich aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht beurteilen. Interessanter ist für mich die Frage, die Hermann Schreiber in seiner Glosse stellt aber nicht (bzw. nur sehr allgemein) beantwortet: Woher kommt so eine Redewendung und wie verbreitet sie sich? Außerdem interessiert mich, warum die Sprachnörgler sich in letzter Zeit so massiv auf das Ende des Tages stürzen. Handelt es sich bei der Redewendung um ein neueres Phänomen, bzw. hat sie sich erst in letzter Zeit so stark verbreitet, dass sie sich praktisch aufdrängt? Ich habe dem SWR heute morgen ein kurzes Interview zu dieser Frage gegeben, das ich hier verlinken werde, sobald ich einen Mitschnitt habe. Im Folgenden stelle ich den Hintergrund für das dar, was ich dort gesagt habe.

Fangen wir mit der ersten Frage an. Sick geht in seiner Glosse davon aus, dass es sich um eine Entlehnung aus dem Englischen handelt, und es scheint mir plausibel, dass er damit Recht hat. Um es zu überprüfen, habe ich nach der Phrase für die Jahre 1999 bis 2003 in der Google-Büchersuche gesucht. Ich habe mir für jedes Jahr 100 Treffer angesehen und nach Verwendungen wie den oben zitierten gesucht.

Zwei Dinge fallen auf: fast alle Treffer stammen entweder aus Übersetzungen englischer Bücher und Zitate oder aus betriebswirtschaftlichen Abhandlungen und Ratgebern. Nur drei der insgesamt 23 Treffer fallen in keine der beiden Kategorien. Die Häufigkeit der Übersetzungen bleibt über den Zeitraum relativ konstant, er schwankt zwischen einer und zwei Verwendungen pro Jahr. Der Anteil in der betriebswirtschaftlichen Literatur steigt dagegen von 2 im Jahr 2000 auf 5 im Jahr 2003 an. Man kann also davon ausgehen, dass die Redewendung durch Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche gekommen und dann von Wirtschaftsdenkern besonders enthusiastisch aufgenommen worden ist.

An dieser Stelle kann man an zwei Punkten nachhaken. Erstens, wie kann eine derartige Redewendung überhaupt so einfach in eine andere Sprache übertragen werden? Zweitens, warum ist der Begriff gerade in der Wirtschaft so beliebt?

Zur ersten Frage ist zu bemerken, dass es sich, wie ja schon Sick richtig anmerkt, um eine Art Metapher handelt: die häufigste Verwendung der Redewendung ist die in (1) und (2) dargestellte, also die mit der Bedeutung „am Ende des relevanten Prozesses oder Zeitraums“. Das „Ende des Tages“ verstehen wir aufgrund unseres typischen Tagesablaufs automatisch als ein natürliches Ende für Aktivitäten als guten Zeitpunkt für eine Rückschau. In dem wir unsere Vorstellung eines Tages auf einen beliebigen Zeitraum projizieren, verleihen wir diesem Zeitraum eine Struktur. Diese Projektion drückt sich auch in dem Ausdruck Lebensabend aus. Die in (3) dargestellte Bedeutung stellt einen weiteren Übertragungsschritt dar: hier ist die Bedeutung „bei Berücksichtigung aller relevanten Fakten“, ohne dass diese Fakten notwendigerweise alle genannt werden müssen bevor die Aussage getroffen wird.

Interessant ist aber, dass diese Metapher im Deutschen recht selten verwendet wird. Außer Lebensabend fallen mir noch die Ausdrücke aller Tage Abend, fünf vor Zwölf und vielleicht Vorabend (am Vorabend des Zweiten Weltkriegs) ein. Im Englischen ist diese Metapher etwas produktiver. Neben den Entsprechungen für die hier genannten deutschen Begriffe (evening of life und on the eve of the Second World War) finden sich dort zahlreiche weitere Beispiele, wie etwa high noon, at the dawn of the century und sunset years (und natürlich Douglas Adams’ long, dark teatime of the soul. Das könnte ein Grund dafür sein, dass die Redewendung im Deutschen fremdartiger wirkt als im Englischen.

Allerdings ist die Redewendung bei Nörglern im englischen Sprachraum auch nicht beliebter: die Leser der Daily Mail wählten sie im Dezember zur „ärgerlichsten Bürofloskel des Jahres“ (der oben zitierte Tagesspiegel-Redakteur müsste begeistert sein). Diese Wahl deutet im Übrigen auch darauf hin, dass die Redewendung im englischen Sprachraum im Bereich der Wirtschaft besonders häufig verwendet wird, was auch die zweite eingeschobene Frage beantwortet: In der deutschen Wirtschaftssprache ist die Redewendung so häufig, weil sie aus der englischen Wirtschaftssprache stammt. Der Ursprung in der Wirtschaftssprache ist auch deshalb plausibel, weil in vielen wirtschaftlichen Zusammenhängen (z.B. an der Börse) tatsächlich am Ende des Tages abgerechnet wird.

Bleibt die eingangs erwähnte Frage, ob die Redewendung tatsächlich neu ist bzw. ob sie in der jüngeren Vergangenheit eine starke Verbreitung erfahren hat. Das ist in der Tat der Fall: Ich habe im Google-Nachrichtenarchiv vom Jahr 2009 an rückwärts nach der Phrase gesucht und jeweils den Anteil der Redewendung am Ende des Tages an der Gesamthäufigkeit dieser Phrase (die ja auch wörtlich verwendet werden kann) berechnet. Die reine Häufigkeit würde hier nichts nützen, weil im Archiv der Google-Büchersuche nicht für jedes Jahr dieselbe Anzahl von Büchern vorhanden ist, so dass Schwankungen in der reinen Häufigkeit auf unterschiedlich große Textmengen zurückzuführen wären.

Vor 1999 habe ich keine einzig Verwendung der Redewendung mehr gefunden. Ab 1999 steigt die Verwendung aber prinzipiell an, wobei sie 2003 einen ersten Höhepunkt erreicht, danach absinkt, und in den letzten Jahren wieder ansteigt. Die folgende Grafik zeigt dies:

Auf der Grafik habe ich außerdem dargestellt, wie häufig in dem betreffenden Jahr metasprachliche Kommentare zur Redewendung vorkommen. Dabei habe ich sowohl nebenbei gemachte Bemerkungen (4) oder Anführungszeichen (5) mitgezählt, als auch Glossen, die sich direkt mit dem Phänomen auseinandersetzen:

  1. Am Ende des Tages aber, so sagen wir’s gern neu-denglisch und so passte es auch nach zehn langen Stunden, sah die Realität weitaus nüchterner aus. [Tagesspiegel, 22.10.2003]
  2. Doch «am Ende des Tages» zählt für sie und viele andere Marktteilnehmer vor allem eine Stimme: jene von Alan Greenspan. [NZZ, 16.7.2003]

Interessant ist hier, dass solche metasprachlichen Signale anfänglich relativ häufig sind, dann seltener werden während die Verwendungshäufigkeit der Redewendung stark ansteigt, und erst danach wieder häufiger werden. Diese Entwicklung ließe sich möglicherweise wie folgt erklären. Wenn eine Redewendung neu in eine Sprache kommt, wirkt sie durch ihre Neuartigkeit fremd und wird von den Mitgliedern der Sprachgemeinschaft bemerkt und kommentiert. Je stärker sie sich durchsetzt, desto normaler wirkt sie. Durch ihre Häufigkeit wird es aber auch wahrscheinlicher, dass sie einem professionellen Sprachnörgler auffällt und von ihm kommentiert wird und dass diese Kommentare dann anderen Sprachnörglern (und den Lesern von Sprachglossen) plausibel erscheinen.

Wenn der in der Grafik dargestellte Verlauf typisch ist, würde er das zentrale Dilemma aller Sprachkritik zeigen: diese versucht sprachliche Phänomene immer erst dann zu unterbinden, wenn sie für die Mehrheit der Sprachgemeinschaft zu einem festen Bestandteil der Sprache geworden sind.

 

Freiberger, Harald (2009) Jedem Manager seine Floskel, Süddeutsche Zeitung, 21. Dezember 2009 [Link]

Illies, Florian (2009) Unter Cowboys, Zeit Online, 30. Dezember 2009. [Link]

Jungkunz, Alexander (2009) Am Ende des Tages . . . ist es Nacht, Fürther Nachrichten, 9. November 2009 [Link]

Matthies, Bernd (2009) Bitte einpflegen: Sale, Tagesspiegel, 23. Dezember 2009 [Link]

Schachinger, Christian (2010) Sätze für den Mistkübel, Der Standard, 11. Januar 2010 [Link]

Schreiber, Hermann (2009) Am Ende des Tages, Hamburger Abendblatt, 7. November 2009 [Link]

Sedlaczek (2010) Von rückwärts wächst des Volkes Drang, Wiener Zeitung, 7. April 2010 [Link]

Sick, Bastian (2006) Was meint eigentlich Halloween? Spiegel Online, 31. Oktober 2006 [Link]

Spinnen, Burkhard (2009) Am Ende des Tages, Deutsche Welle, 11. September 2009 [Link]

 

© 2010, Anatol Stefanowitsch

Die ursprüngliche Fassung dieses Beitrags erschien am 15. Januar 2010 im Bremer Sprachblog.

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

24 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @ AS

    „Entscheidend ist, was am Ende des Tages hinten rauskommt!“ (das sei H.K. zum 80sten gewidmet).

    Ja schön. Aber ist das „at the end of the day“ wirklich eine Metapher? Doch eher eine Synekdoche, ein pars pro toto, denn es müssen ja im allgemeinen viele Tage vergehen, bevor die Abrechnungen erfolgen, von denen die Rede ist.

    Sehr geistreich kann ich diesen Tropus per se nicht finden – weder auf Englisch noch auf Deutsch. Er stiftet – wenn isoliert – wirklich nur Verwirrung. Wenn er in einem Kontext von Redefiguren stünde, die von vorneherein mit der Idee der Kompression eines mehrtägigen Geschehens in einen Tageslauf spielen – dann ja. Aber isoliert…ich weiss nicht. Ich finde das unschön und zumindest rhetorisch mangelhaft.

    Eine andere Trope für „schliesslich“, „endlich“, für „am Schluss wird abgerechnet“, aber das Ergebnis ist momentan noch unsicher“? Ich würd’s, in Anlehnung an Kohl, mit einem räumlichen Gleichnis probieren:

    „Erst wenn wir den Raum verlassen haben, wird sich entscheiden, ob wir ihn so hinterliessen, wie wir ihn vorzufinden/weiterzugeben wünschten.“

  2. Klar ist die Floskel ärgerlich, aber nicht weil die Metaphorik schwer verständlich wäre oder weil irgendeine angeblich besserer Sprache aus einer implizit schlechteren übernähme oder weil das ganze zu stark/zu schwach wäre [bloß nicht ‚Passiv‘ hineinverwechseln!]. Die Floskel ist ärgerlich, weil der Sprecher sehr oft meint: ‚Sach ruhig was willste, ich mach‘ nachher doch was ich will!‘ Sowohl in England wie auch in Deutschland.

    Und so eine Einstellung ist widerwärtig.

  3. Bezahlwand (eigentlich nicht zum Thema)

    Die Bezahlwand des HA wird in dem Moment durchlässig, in dem man die Überschrift googelt und dann auf den Link geht. Die Frage ist bloß, ob der Artikelinhalt den Aufwand rechtfertigt.

  4. und wenn?

    bei uns in der firma taucht die redewendung auch immer häufiger auf. ist das schlimm, weil es aus dem englischen kommen könnte? mitnichten. jeder weiß, was gemeint ist und es ist astreines deutsch. auf diesen weg sind früher unzählige redewendungen ins deutsche übernommen worden, was soll daran schlecht sein? die kritik macht doch keinen sinn hier 🙂

  5. gern gelesen

    mich regt die „Am-Ende-des-Tages-Floskel“ auch schon seit einiger Zeit auf, daher habe ich den Artikel sehr genossen (wobei ich vielleicht hinzufügen sollte, dass ich Floskeln generell nicht mag)

  6. Augen auf!

    „Sprachnörgler zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie immer wieder dieselbe Handvoll sprachlicher Phänomene kritisieren: die angeblich unlogische Redewendung Sinn machen, den Service Point, die Bahnhofstoilette Mc Clean und den Radleihdienst Call-a-Bike der Deutschen Bahn, das Scheinlehnwort Handy.“
    Da geht der Herr Stefanowitsch aber reichlich mehläugig durch die Welt. Fast jeden Tag werde ich mit schwachsinnigen Anglizismen konfrontiert. Ob es in der Mensa Hähnchenfilet mit „Potatoes wedges“ (sic!) gibt, nachdem in der Vorwoche die „country cubes“ auf dem Speiseplan standen, die AOK „Easy cooking menues“ schmackhaft machen will, VW den „woman-driving award“ ausschreibt oder ein „Mercator Research Center Ruhr“ eingerichtet wird – man kann diesem pseudo-weltoffenen Dummgebabbel einfach nicht entkommen. Da freue ich mich doch ungemein über Leute wie den unbeugsamen und immer kampfeslustigen Herrn Krämer und den Verein Deutsche Sprache, die diesem alltäglichen Unsinn entgegentreten. Soll Herr Stefanowitsch ruhig weiter nörgeln – der Kampf geht weiter!

  7. @Arnim Quentmeier
    ich frage mich jetzt ernsthaft, was eigentlich „Anglizismen“ sind… Ich meine, darunter Wörter englischsprachiger Herkunft zu verstehen, die ihre Verwendung in der (deutschen) Alltagssprache finden. Computer oder Sport wären Beispiele dafür, nicht doch aber „Mercator Research Center Ruhr“…

    Und noch was Grundsätzliches: Weder Anglizismen, noch englische Phrasen nerven, sondern wenn überhaupt die Leute, die sie verwenden.

    Mich zum Beispiel nervt Bastian Sick, wenn er in seiner Fernsehsendung ein bewusst korrektes Bilderbuchdeutsch spricht, aber dann ist Sick es, der mich nervt, nicht die deutsche Sprache.

  8. @Armin: Sie und viele Sprachkritiker verwechseln häufig die natürliche Alltagssprache und die künstliche Werbesprache. Wer auf dem „ServicePoint“ der Bahn oder den Werbesprüchen anderer Unternehmen rumreitet, hat nicht verstanden, dass es nicht den Sprachgebrauch wiederspiegelt. Ich lehne mich vielleicht sehr weit aus dem Fenster, aber ich behaupte, dass Reisende am Bahnhof nach der „Information“ fragen. So gesehen ist mit unserer Sprache ja auch alles in Ordnung.

    Ich finde ja auch nicht jeden „Anglizismus“ prickelnd – aber ich höre meiner Umgebung seit einiger Zeit sehr aufmerksam zu in dieser Hinsicht und komme immer häufiger zu dem Schluss, dass im wirklichen Sprachgebrauch keine „Durchsetzung“ statt findet.

    Und hat tatsächlich ist es so, dass – wer Herrn Stefanowitschs Blog(s) aufmerksam liest – die Wörter, die wir aus der englischen Sprache aufgenommen haben, grundsätzlich nicht vollkommen synonym zu ihren deutschen Entsprechungen sind. Auch wenn es vielleicht wenig einleuchtend ist: das „Ferngespräch“ ist das Telefonat, welches ich führe, der „CityCall“ ist das, wofür mich die Telekom zur Kasse bittet. Die Akzeptanz dieses Arguments hängt natürlich von Anglizismusekel eines jeden ab.

    Der „Anglizismusindex“ des VDS hat eine völlig andere Gewichtung („gute“ und „schlechte Anglizismen“), als das bei mir der Fall ist. Beim überwältigenden Teil der vom VDS als „unnötig“ eingestuften Anglizismen mache ich persönlich einen Bedeutungsunterschied aus, und würde sie selbst als bereichernd einstufen.

    Wie Patrick bereits angedeutet hat – Anglizismus ist ein neutraler (Fach)Ausdruck und besagt erst mal nichts anderes, als dass ein Wort aus dem Englischen stammt. Denglisch ist das, wovor sich Sprachkritiker fürchten.

  9. Armin Quentmeier,

    Ob es in der Mensa Hähnchenfilet mit „Potatoes wedges“ (sic!) gibt

    Über den Fehler sollten Sie sich nicht aufregen, Ihr Genosse im Geiste Sick zeigt doch regelmäßig mit seinen Zwiebelfischchen, dass gerade in der Gastronomie sprachübergreifend Fehler auf Aushängen und Speisekarten gemacht werden.

    Davon abgesehen sind mir wedges um Einiges lieber als die gekünstelte Eindeutschung Kartoffelspalten, die ich noch nie jemanden habe sagen hören.

    Übrigens, Herr Quentmeier, fühlen Sie sich in der Mensa eigentlich auch von Sauce Hollandaise, Chop Suey und Spaghetti Bolognese gestört und nennen diese holländische Soße, gemischte Stücke und Bologner …? Ich hoffe doch sehr. Diesen perfiden Angriff auf die deutsche Sprache sollten Sie sich nicht länger bieten lassen!

  10. Immer schön locker bleiben. „Am Ende eines Tages wartet ein großer Weinbrand auf Sie…“

    See you later, Alligator. Don’t Wörner be happy -oder so. Alles für umme oder sale -Saale hellem Strande. Die Kids aus dem Patchwork sind auch nicht mehr das, was sie früher waren. Wundert mich auch nicht, da die Beziehung zwischen Mann und Frau Flickwerk ist und schon immer war.

  11. Nachtrag

    Vielleicht hätte ich das l in Flickwerk in Klammern setzen sollen.

  12. Nachtrag2

    Ist heut‘ kein Problem mehr. Ich benutze öffentliche Verkehrsmittel: Was geht’n, Alten, fett oder, guckst du…Mein alter Lehrer in Musikgeschichte pflegte zu sagen: ihr könnt nichts dafür…die Banane ruft.

  13. Nachtrag3

    Banane? Veronika, der Spargel wächst! Die Schlange auf dem Thron! Die Dummheit emanzipiert sich! Wir degenerieren! Was ist der Mensch?

  14. @ Hilsebein

    „Was ist der Mensch?“
    Du schriebst’s doch selbst:
    F(l)ickwerk.

  15. Am Ende

    Information zur Fernsehdoku „neoSonntag ‚Traumjagd‘: Bettgeschichten: Geheimnisse des Schlafs“ (11.04., 21:45 Uhr), gefunden auf http://www.klack.de:

    „Am Ende des Tages hat der Mensch rund 24 Jahre seines Lebens verschlafen. Sechs bis acht Stunden täglich, das summiert sich. […]“

    Ohne weitere Worte 🙂

  16. @ Michael

    Einstein-Rosenbrücke 🙂 Ein Wurm frißt sich durch den Apfel, eine Schlange wickelt sich um den Baum der Erkenntnis. Ein Rohr wird verlegt und ein Braten hineingehegt. Der Kolben poppt den Zylinder. Man bin ich heut‘ wieder drauf.

  17. potatoes wedges

    Zu „potatoes wedges“ oder „Kartoffelspalten“ (nie gehört) haben wir früher „Kartoffelschnitze“ gesagt. Aber das würde Winzigweich Wort wahrscheinlich als „Dialekt“ bezeichnen.


  18. Zu „potatoes wedges“ oder „Kartoffelspalten“ (nie gehört) haben wir früher „Kartoffelschnitze“ gesagt. Aber das würde Winzigweich Wort wahrscheinlich als „Dialekt“ bezeichnen.

    Davon würde ich ausgehen. Schnitze ist mir weder als Wortbestandteil noch als selbstständiges Wort jemals untergekommen.

  19. @suz

    „das „Ferngespräch“ ist das Telefonat, welches ich führe, der „CityCall“ ist das, wofür mich die Telekom zur Kasse bittet.“

    Dann hätten Sie aber wirklich Glück gehabt, denn mit CityCall bezeichnet die Telekom die Tarife für Ortsgespräche. Ferngespräche heißen, je nach Distanz, „Regio Call“ oder „German Call“.

    Und genau hier sehe ich das wirkliche Problem. Ob notorische Querulanten sich echauffieren, ist mir egal. Denen kann man eh nichts recht machen.

    Aber in diesem Fall, und wahrscheinlich auch in vielen anderen Fällen ist es so, dass voellig ohne Not eindeutige, allseits verstandene Begriffe wie „Ortsgespräch“ oder „Ferngespräch“ (oder, wenn das zu lang ist, „Ortsruf“ und „Fernruf“) aus werbetaktischen Gründen durch andere, weniger eingängige Begriffe ersetzt werden und es dadurch zu Verwirrung oder Verwechslung kommt.

    Wie wir es hier gesehen haben. Gut, die Konsequenzen sind im gegebenen Beispiel nicht so dramatisch. Bloß, wozu überhaupt das Ganze?

    In meiner Branche ist das etablierte Prozedere durch folgenden heuristisch erworbenen Leitsatz gekennzeichnet: „If it works, don’t […] with it!“ (das fehlende Verb ist je nach Geschmack vom Leser zu ergänzen). Dieser eherne Leitsatz sollte eigentlich in allen Bereichen gelten.

  20. Kartoffelschnitze

    Google hat immerhin 12.900 Treffer für „Kartoffelschnitze“. Bei einem Dialektausdruck würde ich erheblich weniger annehmen.

  21. Geheimtip

    …ein anderer, noch viel subtilerer Fall von schleichendem Sprachwandel nach, ähem, ungelungener Übersetzung: „ersetzen *mit*“…

  22. Liebe machen?

    Mir ist gerade aufgefallen dass „Liebe machen“ auch direkt aus dem englischen „making love“ übersetzt zu sein scheint. Ist dass dann nicht auch furchtbar schlimm? Und wieso hat das noch keiner bemerkt? zeter Mordrio!

    Im ernst: Wieso konzentrieren sich Sprachnörgler eigentlich immer auf dieselben Sätze?