Affensprache

Jedes Mal, wenn ich mich aus irgendeinem Grund auf die Webseiten des VDS begebe (was übrigens sehr selten ist: In den bisher fünfzig Beiträgen im Sprachlog werden die Dortmunder Sprachnarren nur viermal erwähnt, [1], [2], [3], [4]), finde ich neben der typischen sprachpflegerischen Wirrnis auch Kuriositäten, über die sogar andere Sprachnörgler nur den Kopf schütteln dürften.

In der unteren Ecke der Startseite verlinkt der Verein per Zufallsrotation auf die Pressemeldungen des Jahres, und als ich für meinen letzten Beitrag recherchiert habe, stieß ich auf dieses Juwel vom März oder April dieses Jahres:

Einen Fehltritt leistete sich Thomas Steinfeld von der Süddeutschen Zeitung. Er behauptete, der Verein Deutsche Sprache würde die Verflachung des Deutschen mit „Affensprache“ bezeichnen. Noch dazu hatte er schlecht recherchiert und glaubte, die „Deutsche Sprachwelt“ sei die Vereinszeitung des VDS. Nach vielen Beschwerden erfolgte einige Tage später eine teilweise Korrektur der SZ. [Pressemeldung des VDS, 2010]

(Der Artikel, auf den sich die Pressemeldung bezieht, findet sich hier, die erwähnte „teilweise Korrektur“ konnte ich nicht finden).

Eine Verwechslung der „Deutschen Sprachwelt“ mit den „Sprachnachrichten“ des VDS ist wegen einer gewissen inhaltlichen Nähe noch nachvollziehbar. Obwohl, wenn ich genauer darüber nachdenke, ist die Deutsche Sprachwelt im direkten Vergleich mit dem gedanklichen Abwassertank, den der VDS anstelle einer Vereinszeitung publiziert, beinahe ein Musterstück rationalen Diskurses über Sprache.

Aber darum soll es auch gar nicht gehen, sondern um die Behauptung der SZ, der VDS würde die „Verflachung des Deutschen“ mit dem Begriff Affensprache bezeichnen. Das ist eine geradezu infame Unterstellung, denn der VDS verwendet hier ausschließlich einen viel präziseren Begriff:

Die Firma TUI Touristik Union Ihr Free-World-Guide (powered by IQ) ist neben dem notorischen Jil-Sander-Interview in der FAZ vom April 1996 der bisherige Gipfel an Sprachverhunzung in der Bundesrepublik. Da die darin zelebrierte Schimpansensprache anders als etwa bei der CDU, der Lufthansa und der Deutschen Bank nicht nur beim Führungspersonal, sondern auch bei den sonstigen Mitarbeitern sehr verbreitet ist, kommt hier ausnahmsweise eine ganze Firma auf die Vorschlagsliste. [Pressemeldung des VDS, 2000]

Aber der Vorsitzende des VDS stellt auch gerne andere Vergleiche an:

Pidgin ist ja eine Sprache mit einer reduzierten Grammatik, einem reduzierten Vokabularium, 500 Wörter, einige simple Regeln, mit denen man in der Karibik Fische kaufen kann, oder auch Bananen verladen kann irgendwo im Hafen, aber keine Gedichte schreiben und auch keine physikalischen Abhandlungen verfassen kann. Das heißt, indem wir diese Pidginsprache benutzen begeben wir uns auf das Niveau von Bananenhändlern hinab, und wer will denn dass? [Walter Krämer, in Harald Woetzels Film „Wer rettet die Deutsche Sprache“ (SWR, 2005)]

Wir halten also fest: Beim VDS werden Menschen, die englische Lehnwörter verwenden, grundsätzlich nicht als Affen, sondern ausschließlich als Schimpansen oder Bananenhändler bezeichnet. Wer etwas anderes behauptet, ist ein gemeiner Lügner.

 

©2010, Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Korrektur in der SZ

    Die Zeitschrift Deutsche Sprachwelt eröffnet ihre Ausgabe von Frühjahr 2010 mit einem Artikel, in dem es um die angebliche Verwandlung des Deutschen in eine „Affensprache“ geht. Diese These nahm Thomas Steinfeld in seinem Artikel „Das Deutsch, das Affen sprechen“ auf Seite 11 vom 29. März zum Ausgang eines Widerspruchs. Der Herausgeber von Deutsche Sprachwelt ist jedoch nicht, wie behauptet, der „Verein Deutsche Sprache“, sondern der „Verein für Sprachpflege“. In der Zeitschrift wird allerdings darauf verwiesen, dass Walter Krämer, der Vorsitzende des „Vereins Deutsche Sprache“ schon vor zehn Jahren erklärt hatte, Deutsch verkomme zur „Schimpansensprache“.

    (3.4.2010)

  2. Rassismus

    Ich frage mich gerade, ob es wohl zutreffend (und juristisch zulässig) wäre, den Vorsitzenden des VDS als Rassisten zu bezeichnen, da er im letzten Zitat eindeutig Karibikbewohner auf „Bananenhändler“ verkürzt und „die Deutschen“ kollektiv über diese stellt, da sie sich auf deren Niveau „hinablassen“ könnten.
    Nur um nochmal zu verdeutlichen, mit welcher Stufe von Idioten wir es beim VDS zu tun haben.

  3. VDS

    Ich kannte VDS noch nicht, war aber sehr amüsiert über einen Abschnitt beim Sprachpanscher Fritz Pleitgen:

    „Der Sprachpanscher des Jahres wird seit dem Jahr 1998 gewählt. Zu den bisherigen „Preisträgern“ zählen Ex-Postchef Klaus Zumwinkel, Johannes Ludewig und Hartmut Mehdorn, zwei jeweils kurz danach entlassene Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG.“

    Soll da etwa zwischen den Zeilen eine gewisse Kausalität vermittelt werden? Ich lach‘ mich tot 🙂

    Link: http://www.vds-ev.de/…itgenistsprachpanscher2010

  4. Es gehört längst zu den Gepflogenheiten beim VDS, mehr oder minder explizit abstruse Kausalitäten herzustellen. Stichwort: „Gutes Deutsch und klares Denken gehören zusammen“.

    http://vds-ev.de/…einem-mitglied-ottmar-hitzfeld

    Besonders im Rückblick ein herrliches Stück Realsatire…

  5. Die Startseite hat noch mehr zu bieten

    Viel besser noch finde ich die Zufallssprüche gepaart mit sorgfältig ausgewählten Bildern ganz oben auf der Startseite. Wirrer gehts wirklich kaum noch.

  6. Ich bin schockiert, dass Walter Krämer das lateinische Vokabularium verwendet statt der eingedeutschten Variante Vokabular.


  7. Wäre das dann nicht Lateutsch? Sollte er nicht ‚Wortschatz‘ vorziehen?

    Gegen Lehnwörter aus dem Lateinischen, Griechischen oder Französischen hat er ja nichts einzuwenden. (Es ist ja bekannt, dass gerade Latein von Wichtigtuern ja nie benutzt wird.)

  8. Lichtblicke 2007

    Unter obiger Rubrik wurde ich vom VDS auf deren Webseite (http://www.vds-ev.de/lichtblicke/lichtblicke-2007) mit folgendem Satz gelobt: „Die Firma XYZ verzichtet mit Rücksicht auf den VDS kein Weihnachtsspecial an, sondern ein Weihnachten-ist-ja-nur-einmal-im-Jahr-Angebot.“
    Und das, obwohl mein Vater, Groß- und Urgroßvater Bananenhändler waren.
    Soviel zu den Fähigkeiten des VDS. Obwohl ich die Bücher von Wolf Schneider immer gerne gelesen habe …

  9. apropos Kuriositäten

    Ich habe mich nun auch einmal durch die Untiefen der VDS-Webpage geklickt und dabei dieses Werk entdeckt: http://vds-ev.de/…ds-dichter-gafuerst-anglomanie
    Besonders gut gefällt mir dabei die vorletzte Zeile.

    Schöne Grüße aus Tübingen!

  10. Na fragt sich, was Goethe & Schiller schneller im Grabe rotieren lässt: Anglizismen oder so grottige Gedichte…

  11. Bananenhändler haben auch Muttersprachen

    Zu Pidgin und Kreolsprachen hätten die guten vielleicht mal Wiklipedia konsultieren oder – wie so oft – das zweite Semester Sprachwissenschaft nicht verschlafen sollen. So steht in der Wikipedia zum Beispiel: „Ein Pidgin hat zunächst keine muttersprachlichen Sprecher.“ Die Bananenhändler sprechen also nur wenn nötig diese Sprache. Über ihr Niveau sagt das natürlich nichts aus, und schon gar nicht über die Eloquenz in ihrer Muttersprache. Nett auch, wie selbstverständlich hier von den selbsternannten Sprachsanitätern Niveau mit sprachlicher Komplexität zusammengebracht wird.

    Ein Schelm wäre, wer jetzt mit deutschen Schlagertexten so was wie eine Vocabulary Growth Curve machen würde. Eigennamen mal abgezogen, wie viele (tausend) Liedtexte bräuchte man da wohl, bis man über die 500 Types der Bananenhändler käme?

  12. Adverbien korrekt verwendet

    „Nach vielen Beschwerden erfolgte einige Tage später eine teilweise Korrektur der SZ.“

    Wäre nicht von einem Verein zur Rettung der deutschen Sprache zu erwarten, dass er die verbreitete adjektivische Verwendung von Adverbien auf „~weise“ als Sprachverfall geißelt, statt ihrer selbst zu verfallen?

    Aber das ist wohl nicht Anglizismus genug.

  13. dass?

    Dass sich hier niemand über den Rechtschreibfehler im zweiten Zitat beschwert wundert mich – zeigt aber, dass auch Sprachinteressierte nicht sprachlich unfehlbar sind.
    Danke für den Rest, habe laut geschmunzelt!