Die Notizbücher: Destillate eines Forscherlebens

Ein paar alte Notizbücher aus den letzten zwanzig Jahren – das klingt ein bisschen mager für ein „siginifikantes Detail“. Aber wenn man der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston für ein paar Minuten zuhört wie sie über ihre Notizbücher spricht, dann kann man nicht anders als ihr aufs Wort zu glauben wenn sie sagt: „Diese Notizbücher sind das Wertvollste, das ich besitze.“ Und wenn sie dann den Bogen schlägt von ihren eigenen Notizbüchern zu den Beobachtungen der Naturforscher im 19. und frühen 20. Jahrhundert, zu Horace Bénédict de Saussure zum Beispiel, einem der ersten, die den Mont Blanc bestiegen haben, wie er bei Wind und Wetter auf seinem störrischen Maultier saß und kaum lesbare Notizen in sein Buch kritzelte, spätestens dann hat man an der Bedeutung des Notizbuchs keinen Zweifel mehr.

Vor und zurück in der Zeit, so geht es das ganze Gespräch über weiter, von der eigenen Geschichte in die große Geschichte, von der genauen Beobachtung im Detail zu weitreichenden Analysen. Und von der Rolle, die Frauen historisch in der Wissenschaft spielten, zu ihren eigenen Erfahrungen, als sie in den 90er Jahren aus den USA nach Deutschland kam und Direktorin am Max-Planck-Institut wurde. Für Daston ein Kulturschock: “Yes, I did find it difficult“, sagt sie. „I encountered a degree of prejudice here, which I never encountered quite so brutally and frontally in the United States.“ Sie hat Wege gefunden, sich zu behaupten. Auch davon erzählt sie im Interview.

Ursprünglich wollte Lorraine Daston gar nicht Historikerin werden, sondern Astronomin. Aber dann hatte sie ein Seminar bei Owen Gingerich in Harvard über die Geschichte der Astronomie. „After that I was hooked“ – süchtig nach Wissenschaftsgeschichte. Und dabei ist es bis heute geblieben.

Mein Name ist Kerstin Hoppenhaus. Ich habe Biologie studiert und später Wirtschafts- und Wissenschaftsfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg. Neben zahlreichen Beiträgen für Wissenschaftsmagazine im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (SWR, 3sat, ZDF) habe ich Dokumentarserien für Arte und die ARD als Regisseurin realisiert. Seit dem Frühjahr 2011 bin ich außerdem als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Die Aluscheibe am Schlüsselbund im Profilbild ist mein eigenes "signifikantes Detail": eine Spindmarke aus dem VEB Braunkohlekombinat Bitterfeld, die ich vor fast zwanzig Jahren gefunden habe, als ich als Werksstudentin am Bauhaus Dessau gearbeitet habe. Damals war ich noch Biologin und in meiner Arbeit ging es eigentlich um die Wasserkäferfauna in der Muldeaue. Aber die Muldeaue ist eingebettet in eine großartige Landschaft voller Widersprüche, mit Gärten und Parks, riesigen Braunkohlerestlöchern und Seen, Abraumhalden und zahllosen alten, oft sehr traditionsreichen Industrieanlagen. Und diese Landschaft interessierte mich mindestens so sehr wie die Käfer. Als ich anfing in Dessau zu arbeiten, waren die meisten der Industriebetriebe schon geschlossen. Übrig waren nur noch stillgelegte Maschinen, verlassene Werkhallen und kilometerlange Rohrleitungen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Tagelang bin ich mit Kollegen vom Bauhaus durch diese "stalkereske" Szenerie gezogen und ich glaube, dass ich in dieser Zeit angefangen habe, mich für das Dokumentarische zu interessieren. Seltsamerweise habe ich aus dieser Zeit kaum Fotos und so ist die kleine Spindmarke eins meiner wenigen greifbaren Erinnerungsstücke aus dieser Zeit. Ich halte sie in Ehren.

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