Der Jargon der Anmaßung: Was „populistisches“ und „elitäres“ Sprechen gemeinsam haben?

(Mein Beitrag in der Frankfurter Rundschau, 4.4.2017, S. 30) Eine weit verbreitete Ansicht lautet: Die antipluralistische Grundhaltung bestimmter Politiker ist an ihrer Sprache zu erkennen. Dabei wird beispielsweise auf die ungerechtfertigte und anmaßende Verwendung der Losung „Wir sind das Volk“ durch Pegida verwiesen. Offensichtlich geschieht dies auch in Frankreich, wo eine Bürgervereinigung aus Lyon der Parteivorsitzenden des Front Nationale, Marine Le Pen, das Recht abspricht, den Slogan „au nom du peuple“ zu verwenden. Vergleichbares finden wir in Italien, wenn Beppe Grillo, der politische Kopf der Fünf-Sterne-Bewegung (Movimento 5 Stelle), von seinen Anhängern bewusst als „megafono“ oder Verstärker und nicht als „leader“ bezeichnet wird. Damit sollen seine politischen Äußerungen den Eindruck der Ursprünglichkeit und Originalität von Volkes Stimme erwecken. Und schließlich in den USA nennt der amtierende Präsident die Medien „the enemy of the American People“.

In allen Fällen haben wir es mit einer Form der Anmaßung zu tun. Politiker sprechen in allumfassendem Totalitätsanspruch für alle Menschen einer Gruppe – beispielsweise für das Volk. Die sprachliche Strategie der Anmaßung ist durch den Geist der Nichthinterfragbarkeit gekennzeichnet. Im Mittelpunkt stehen oft Anmaßungsvokabeln wie z.B. die Berufung auf den „Volkswillen“ oder noch pointierter: „Gesunder Menschenverstand statt Ideologie sollte Grundlage für die Entscheidung sein!“, schreibt die AfD in Sachsen. Sprecher verbreiten damit eine Aura der Unbestreitbarkeit. Diese Sprachstrategie, die jeden Widerspruch dem Prinzip nach ausschließt, wird einer pluralistischen Gesellschaft mit einer demokratischen Aushandlungskultur nicht gerecht. Es handelt sich um eine rhetorische Praxis, die ‚hinter‘ Worten das Eigentliche, das nicht mehr Hinterfragbare zu finden behauptet.

Was zeichnet Anmaßungsstrategien aus? Zwei Dinge: Zum einen wird die postulierte Wirklichkeit als so und nicht anders gegeben dargestellt. Und zum anderen setzen Anmaßungen einen absoluten Alleinvertretungsanspruch voraus. Zwischen dem völlig unproblematischen Anspruch von Politikern, für ihre richtige Sache in der Politik zu kämpfen, und anmaßenden Ansprüchen gibt es einen gravierenden Unterschied: Durch Anmaßungsstrategien wird ein Konsens der Unhintergehbarkeit unterstellt.

Wann aber ist ein politischer Geltungsanspruch in der Politik angemessen formuliert – wann stellt er eine Anmaßung dar? Dazu zwei Beispiele politischer Aussagen: (1) Unsere Politik wird den Menschen gerecht oder (2) Unsere Politik wird dem Volkswillen gerecht. Die erste Aussage behauptet den Interessen der Menschen zu entsprechen. Durch die Formulierung „den Menschen“ wird kein Totalitätsanspruch proklamiert, der ausnahmslos alle Menschen umfasst.

Die zweite Aussage weist darüber hinaus eine Besonderheit auf: Sie unterstellt, dass ein einheitlicher (monolithischer) Willen ermittelt werden könnte, den viele Millionen Menschen (ausgedrückt durch „Wille“ im Singular) einheitlich besäßen. Darüber hinaus wird versprochen, dieser Wille könne erfüllt werden.

Unangemessen und überzogen ist ein Zweifaches: Erstens das In-Aussicht-Stellen eines Zustands, den es in der versprochenen Form nicht gibt – nämlich alle Menschen eines Volkes hätten in einer Sachfrage nur einen Willen bzw. das gleiche Interesse. Und zum Zweiten wird unangemessen überspannt behauptet, dass eben dieses nicht einzulösende Versprechen (nämlich der einheitliche Willen der ganzen Bevölkerung) schon erfüllt wäre oder prinzipiell erfüllbar wäre.

Wo ist der Kern des Problems? Es wird suggeriert, einzelne Wörter müssten nicht im Kontext auf ihren Inhalt überprüft werden, sondern hätten ihre Erklärungskraft in sich selbst angelegt. Vergleichbare Ausdrucksweisen werden gerne von Sprechern politischer Bewegungen gebraucht, die vielfach als „populistisch“ eingestuft werden. Ein Kennzeichen dieser Gruppen ist ihr anti-elitärer Duktus, ihre grundsätzliche Skepsis gegenüber allem, was pauschal als Establishment bezeichnet wird.

Eine interessante Parallele findet sich in Adornos Kritik am „Jargon der Eigentlichkeit“ (1964), der die stilistischen Sprachmuster philosophischer und anderer Eliten anprangert. Sein Vorwurf lautet: Es werde völlig überzogen ein „Ursinn“ der Worte in Aussicht gestellt, den Zuhörern werde die Identität zwischen Wort und Sache eingeredet. Somit kann man zuspitzen: Anti-Establishment-Bewegungen bedienen sich mitunter eines Sprachduktus, der auch Züge eines elitären Stilmusters aufweist. Das identitätsstiftende Abgrenzungsbedürfnis („die da oben“ bzw. „die da unten“ und „die anderen“) könnte man als Gemeinsamkeit beider Gruppierungen betrachten, auch wenn sie ansonsten wenig gemeinsam haben.

Diese Zusammenhänge verschweigen aber das nicht minder gewichtige Problem, dass mitunter auch Politiker der politischen Mitte (die weder als „populistisch“ noch „elitär“ gelten) wie z.B. die Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Politik als „alternativlos“ bezeichnen. Aus diesem Grund wurde das Wort zum Unwort 2010 gewählt. Weit verbreitet ist auch der Autoritätstopos, der sich in Formulierungen offenbart wie der, dass die Experten sich in einer bestimmten Frage einig seien. Durch solche Worte verraten sich Politiker jedweder Couleur, indem sie Alternativen per se ausschließen.

Dazu ein Beispiel aus Großbritannien: Das Parlament müsse tun, was „das britische Volk will“, sagte Primierministerin Theresa May zur Bekräftigung ihrer Brexit-Politik (SZ 21.02.2017, S. 8). Dem stellen wir die folgende Formulierung gegenüber: Das Parlament müsse tun, wofür sich die Mehrheit des britischen Volkes entschieden hat. Die zweite Formulierung würde diejenigen Wähler, die anders gestimmt haben, zumindest nicht verschwinden lassen.

Was schlussfolgern wir daraus? Wann gilt eine Redeweise als antipluralistisch und undemokratisch? Adornos Antwort lautet: „Was Jargon sei und was nicht, darüber entscheidet, ob das Wort in dem Tonfall geschrieben ist, in dem es sich als transzendent gegenüber der eigenen Bedeutung setzt.“ Und der Jargon – so Adorno weiter – sorge dafür, „daß, was er möchte, in weitem Maß ohne Rücksicht auf den Inhalt der Worte gespürt und akzeptiert wird durch ihren Vortrag.“ Dass Adorno den selbst aufgestellten Ansprüchen nicht immer gerecht wurde und welche Motive ihn zu der Kritik veranlasst haben, all dies sei hier ausgeblendet.

In unserem Zusammenhang ist etwas anderes von Belang: Auch eine per se monologische Kommunikationsform wie die zwischen Politikern und der Bevölkerung folgt dann einem pluralistischen demokratischen Denken, wenn sie im Geiste struktureller Dialogizität geführt wird. Strukturelle Dialogizität ist eine Denkfigur, die in der langen Geschichte der politischen Rhetorik aus der Antike kommt. Heute findet sie in Vertretern wie Jürgen Habermas und Josef Kopperschmidt ihre Zuspitzung: Sie beharren auf die „Symmetrie von Berechtigungen und Verpflichtungen“ (Habermas) im Diskurs. Demokratische Kommunikationsstrukturen liegen vor, wenn öffentliche Rede dem Geiste nach auf Aushandlung angelegt ist. Strukturelle Dialogizität kann heute einfacher denn je umgesetzt werden – nämlich durch die Diskursteilnahme des Bürgers an der Social-Media-Kommunikation. Dass diese Dialogbeiträge pluralistischen Grundsätzen folgen möge, bleibt zu hoffen, ist aber leider nicht gewährleistet. Die technischen und diskurspraktischen Voraussetzungen sind auf alle Fälle vorhanden. Vor Hate Speech und anderen Formen der Verleumdung muss sich die Zivilgesellschaft anderweitig schützen – manchmal vielleicht sogar auf gerichtlichem Wege. Sprachkultur ist Denkkultur ist Demokratiekultur ist …

Veröffentlicht von

Ekkehard Felder ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Er initiierte 2005 die Gründung des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen. Diese Forschungsgruppe untersucht diskurs- und gesellschaftskritisch die sprachliche Zugriffsweise auf Fachinhalte in zwölf gesellschaftlichen Handlungsfeldern – sog. Wissensdomänen (z.B. Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik, Naturwissenschaft und Technik). Da Fachinhalte durch die Wahl der Worte geprägt werden und widerstreitende Positionen eine andere Wortwahl präferieren, ist ein Streit um die Sache auch ein Streit um Worte bzw. ein semantischer Kampf um die richtige Sichtweise. Deshalb heißt sein Blog bei SciLogs „Semantische Wettkämpfe – Wie die Sprache, so die Denkungsart“. Seine Forschungen beschäftigen sich mit der Fachkommunikation, der sozio-pragmatischen Diskursanalyse und der Untersuchung von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität. 2010 gründete er mit den Kollegen Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften (EZS). Als Fellow des Institute for Advanced Studies in Heidelberg (2008) und STIAS in Stellenbosch / Südafrika (2009) widmete er sich dem diskursiven Wettkampf um erkenntnisleitende Konzepte („agonale Zentren“). Felder ist Autor von fünf Monografien und (Mit-)Herausgeber diverser Sammelbände. Besonders bekannt ist die von ihm herausgegebene Reihe „Sprache und Wissen“ (SuW) bei de Gruyter und die dort mit Andreas Gardt herausgegebenen „Handbücher Sprachwissen“ (HSW).

63 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen, wenn nicht…
    zu vielen aktuellen Themen besteht weitgehend ein Meinungsmonopol der Medien, die meistens (nur) die Meinung der bestehenden „Eliten“ wiedergeben. Zufolge ihrer Vormachtstellung können sich diese hier leicht eines pluralistischen Sprachmusters bedienen, da ja man bei Zusammenstellung einer Fernsehsendung , eines Rundfunkprogramms oder einer Zeitungsausgabe auch bei „demokratischer Sprechweise“ problemlos mit anderen Mitteln Meinungsbildung oder „Gehirnwäsche“ versucht werden kann.
    Die anderen Gruppierungen der Zivilgesellschaft, denen solche Mittel nicht zur Verfügung stehen, können daher nur versuchen, ihre Botschaft sprachlich – wenn man will also mit eher unredlichen Mitteln – glaubhaft zu machen.
    Aber letztlich scheinen mir beide Vorgangsweisen unredlich.

  2. Politiker streben in der Regel ein Mandat an, sie haben dem (Wahl-)Volk insofern nahe zu sein und sind per se populistisch, Elit(ar)isten finden sich im Parteiwesen eher im Hintergrund, bei den parteigebundenen Stiftungen beispielsweise, dort finden sich -Trara!- sogar echte Liberale.
    Besonders populistisch sind aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen übrigens Wir-Aussagen der Art „Yes we can“ oder „Wir schaffen das“.

    Hierzu noch kurz:

    Gesunder Menschenverstand statt Ideologie sollte Grundlage für die Entscheidung sein!

    Die AfD ist ideologisch grundiert wie jede andere Partei auch, am meisten „unideologisch“ / populistisch müsste die bundesdeutsche CDU sein.

    Hierzu noch kurz eine Mini-Anekdote:
    Dr. W sitzt vor der Glotze, vielleicht 25 Jahre her, Dr. Wolfgang Schäuble erläutert seinen „Wertkonservativismus“, der, wie er sagt, sehr weitgehend unideologisch sei. Die anderen (die politisch Linken) würden hoch ideologisiert Politik betreiben und er, wie seine Partei im Grundsatz auch, wäre hier anders, würde Lösungen anstreben, nicht alles durch die Ideologen-Brille sehen.
    Was beim Schreiber dieser Zeilen wie der Täuschungsversuch eines besonders abgefeimten Ideologen daher kam.

    MFG + weiterhin viel Erfolg,
    Dr. Webbaer

  3. Hallo, Frau Sochor,

    (…) zu vielen aktuellen Themen besteht weitgehend ein Meinungsmonopol der Medien (…)

    …witzigerweise ist dies zunehmend so bei den „Standardmedien“, die anscheinend weniger auf den Endkunden angewiesen sind und insofern besser, bestimmten Machtinteressen folgend, steuerbar erscheinen.
    Früher war dies anders, der Schreiber dieser Zeilen hat damals auf langen Reisen bspw. gerne die FAZ gelesen, sie hielt jeweils ca. vier Stunden, und hat sich an den zeils unkonventionellen Gedankengängen oft erfreut.

    Insofern sind „alternative“ Medien im Kommen, „Krautreporter“, die „Achse des Guten“ und „Tichy“ sind u.a. hier gemeint.
    „Breitbart“ kennt Dr. Webbaer übrigens nicht, aber Andrew Breitbart, eine streitbare Kraft und intellektuell,
    MFG
    Dr. Webbaer

    PS: Zweiter Versuch, V-2 sozusagen…

  4. Begriffsbestimmung:

    Der Populismus meint einen Ismus, der an die Bevölkerung, an die Leute („Populus“ vs. „Natio“ (vgl. mit ’nascere‘)) gebunden ist.

    Im übertragenden Sinne meint der Populismus, dass da welche politisch da sind, die die Leutz adressieren, um ein politisches Mandat zu erhalten, dass da welche da sind, die sozusagen frei von eigener Überzeugung alles tun, um dieses zu erhalten.
    Der Elit(ar)ist ist im übertragenden Sinne jemand, der sich für seine Person gewählt sieht, derart anstrebt, um mit Mandat ausgestattet in der Folge nicht versucht zu gefallen.
    Sondern durch seine Person und durch seine Haltung versucht nachhaltig zu überzeugen, um dann doch wieder sein Mandat qua Wahl zu erhalten.


    Q: Wer ist besser, der Populist oder Elit(ar)ist?
    A: It depends. – Beide politischen Daseinsformen haben ihre Berechtigung, womöglich gilt es hier im Politischen und Politiker meinend einen Mittelweg zu finden.

    Ganz schlecht im demokratischen Sinne bleibt es aber Populisten zu verdammen, weil so dem (nicht gerne genannten) Antonym, eben dem Elit(ar)ismus indirekt entscheidend zugesprochen wird.

    MFG
    Dr. Webbaer (auf einer Skala „populistisch-elit(ar)istisch“ ca. bei 8 (von 10), auf Seiten der Populisten)

  5. Bonus-Kommentar hierzu :

    Vor Hate Speech und anderen Formen der Verleumdung muss sich die Zivilgesellschaft anderweitig schützen – manchmal vielleicht sogar auf gerichtlichem Wege.

    Jein, in demokratischen, aufklärerischen Staaten wie bspw. in den US ist es schon so, dass Beleidigungen (die Ehrpusseligkeit meinend) und auch strenge politische Aussagen, die nicht jedem gefallen müssen, auch falsche Tatsachenbehauptung unverfolgt bleibt.

    Die allgemein im aufklärerischen Sinne bestehenden Grenzen der Freiheit der Meinungsäußerung bestehen in etwa so:
    A) keine Aufrufe zur Gewaltanwendung
    B) keine Aufrufe gegen Gesetze zu verstoßen

    Was Sie meinen, werter Herr Prof. Dr. Ekkehard Felder, ist womöglich die Kultur: wie Sie womöglich bemerkt haben, ist Dr. W beizeiten „nickelig“ (hier steckt auch der Nikolaus drinnen) und bewehrt.

    Niemand soll im Web wie beschrieben vorrätig werden, andererseits ist die sogenannte Hate-Speech [1] freie Meinungsäußerung, sofern nicht strafbewehrt.

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

    [1]
    ‚Hass‘ ist nicht gut, auch ‚Feindschaft‘, die ähnlich meint, jeweils zu Hassende, nicht, andererseits kann sog. Hate Speech nur zweifelsfrei festgestellt werden, wenn der Verlautbarende Sätze der Art „Ich hasse X“ oder „X soll gehasst werden“ beiträgt.
    Insgesamt geht es wohl, insbesondere: bundesdeutsch, darum die Freiheit der individuellen Meinungsäußerung (weiter) zu beschneiden.
    Klar, der Deutsche hat die Systeme der Aufklärung, die dbzgl. gesellschaftlichen Systeme eher notgedrungen aufgenommen -Von deutschem Grund sind die beiden Kollektivismen des letzten Jahrhunderts entwickelt worden, auch das, was zu D gehören soll, aus Sicht einiger, wird dankbar aufgenommen- abär dennoch, Dr. W adressiert hier Verständige.

  6. Lieber Herr Felder, ich kann nicht folgen. Wo fangen Sie denn da an, eine Anmaßung zu diagnostizieren?

    Wie ist es denn mit den allfälligen Phrasen und Sätzen wie:

    „Wir brauchen…“

    „Wir müssen…“

    „Wir Deutsche haben eine besondere Verantwortung…“

    „Es ist mit unseren Werten/unserem Selbstverständnis nicht zu vereinbaren…“

    „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe…“

    „Hier ist eine nationale Kraftanstrengung erforderlich“

    Übrigens: Der Wille des Volkes ist(!) der Mehrheitswille – das ist ja eine Grundidee der Demokratie, dass eine Abstimmung diesen Willen zutage fördert. Das kann man als bloße Sprechweise auffassen, oder aber auch ganz beim Wort nehmen. Beide Auffassungen werden vertreten.

    • @ Kommentatorenfreund ‚fegalo‘ :

      ‚Anmaßung‘ festzustellen ist nicht nur in gewisser Hinsicht: anmaßend. [1]

      Insofern liegt ein Versuch, ein Essay des hiesigen werten Inhalegebers vor, das nicht schlecht sein muss.

      Hier :

      (…) Strukturelle Dialogizität (…)

      …musste Dr. W ein wenig schmunzeln.

      MFG + schäne Woche noch,
      Dr. Webbaer

      [1]
      Psychologie funktioniert bekanntlich bidirektional, das Selbe gilt in der politischen Betrachtung; jeder, der hier beiträgt, schreibt oder spricht auch über sich.

  7. Guter Artikel. Populismus ist immer nur so stark wie der Elitarismus der „Eliten“ selber, die zu wesentlichen Teilen seit Jahren nur noch daran arbeiten, Kritiker zu diffarmieren, anstatt Argumente zu prüfen.

    Elitarismus findet sich zunächst bei denen selber, die sich (anmaßend) als Eliten bezeichnen, und dann bei den Populisten, die eine reine Gegenreaktion betreiben und daher folgerichtig genauso elitär- oder schlimmer – regieren, wenn sie an die Macht kommen.

    Einen Vorteil hat das Spannungsfeld vielleicht, das zwischen „Eliten“ und Populisten besteht- es eröffnet die Möglichkeit der gegenseitigen Neutralisierung, lachender Dritter könnte bereits mittelfristig eine Zunahme der Vernunft sein – allerdings keineswegs in jener Form, die nicht alle, aber viele vortragen, die sich selber als „liberale Demokraten“ bezeichnen.

    • Der hier dankenswerterweise beigebrachte Artikel ist insofern „saustark“, weil er die an sich bekannte Gegensätzlichkeit „PopulismdElitarismus“ betont hat, gar in der Überschrift / Headline.
      Derartige Antinomie bleibt oft unbetont.

      Dass sich ansonsten eher dem Elit(ar)ismus angeschlossen worden ist, im dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Artikel, macht den Braten nicht fett.

      Ein besonderer Gag besteht womöglich darin, monetär und qua Ausbildung an sich anders angelegt, dennoch populistisch zu sein.
      Das Volk liebend,
      MFG
      Dr. Webbaer

  8. Was elitäres (alternativlos) und populistisches (unsere Bewegung ist das Sprachrohr des Volkers) Sprechen gemeinsam haben ist die anvisierte Macht oder der bestehende Machthintergrund, den populisitsche und elitäre Politiker im Hinterkopf haben. Eine Politikerin, die den alternativlos richtigen Weg beschreitet, ist im Recht und tut das einzig Richtige, ein Aspirant der politischen Macht, der sich als Sprachrohr der Massen ausgibt, ist ebenfalls im Recht, er legitimisiert sich als Vertreter der Missachteten, also des gesamten Volkes, wenn der Politiker populistisch argumentiert.
    Es geht also in beiden Fällen – beim elitären und populistischen Sprechen – darum, eine gewaltige bestehenden oder angestrebte Machtfülle zu legitimieren.

    • Ergänzung: Das Anliegen von Ekkehard Felder ist die korrekte Sprechweise. Um korrekt zu sprechen müsste Theresa May sagen: „Der Brexit ist von der Mehrheit der Briten gewünscht“, anstatt: „Das britische Volk will den Brexit“.
      Meiner Meinung nach rührt das aber nur an der Oberfläche. Die tiefere Frage ist die Legitimationsfrage: Kann oder muss Theresa May den Brexit vorantreiben, ist Theresa May dazu legitimiert. Das dies die wirkliche Frage ist, wissen auch die britischen Parlamentarier, die das Recht Mays den Brexit am Parlament vorbei durchzuziehen, in Frage gestellt haben.

      • Meinen Sie nun Legitimität oder Legalität? Da die Briten nun keine geschriebene Verfassung haben, ist vermutlich schwer zu entscheiden, ob es rechtlich erforderlich ist, dass das Parlament den Volksentscheid bestätigt oder nicht. Es handelt sich dann um die Frage, wer die finale gesetzgebende Instanz ist im Land: das (gewählte) Parlament oder das (verfassungsgebende) Volk.
        Solche Fragen werden in der Praxis (bedauerlicherweise) nicht durch rationale Diskussion und ebensolche Entscheidungsfindung (wie in der idealen Vision von Demokratie) sondern durch die Schaffung von Fakten und machttechnische Chuzpe entschieden.

        • Legal ?, Illegal ??, Scheissegal!! So denken leider auch viele (etablierte oder ambitionierte) Politiker. Deshalb ist für Politiker Legitimierung viel wichtiger als Legalität. Legitimation kann nämlich auch rhetorisch erreicht werden, indem man sich die Anerkennung und Zustimmung zum Handeln „erredet“.

    • Janz jenau, werter Kommentatorenfreund Martin Holzherr :

      Es geht also in beiden Fällen – beim elitären und populistischen Sprechen – darum, eine gewaltige bestehende[] oder angestrebte Machtfülle zu legitimieren.

      Extrema sind auch hier zu meiden, der idealtypisierte und sozusagen schweinische Populist, der gänzlich ohne eigener politischer Meinung dasteht, stattdessen mit Aussagen, wie auch immer, nach dem Mandat lechzt, ist genau so zu verdammen wie der Elit(ar)ist, der idealtypisiert meint, dass er wegen seiner pers. Größe und Fachlichkeit gewählt worden ist.
      Allerdings regulieren demokratische Gesellschaftssysteme, im Sinne der Aufklärung, hier regelmäßig.

      Populisten sollen abär nicht verdammt werden,
      MFG
      Dr. Webbaer (auf einer Skala „populistisch-elit(ar)istisch“ ca. bei 7 (von 10), auf Seiten der Populisten – die ‚7‘ geht auch)

  9. Test, irgendetwas stimmt hier nicht, vgl. auch mit dem ‚D‘ und ‚d‘ weiter oben, wenn zens(ur)iert werden soll, dies gerne direkt ansagen.

  10. ein fröhliches hallo an alle sprachwissenschaftler hier vor ort …
    … da man hier auf den brexit als beispiel gekommen ist,möchte ich noch hinzufügen,dass man ihn auch als beispiel ansehen kann,wie eliten populismus der anderen,der übelsten art betreiben können: dann wenn der brexit von langer hand von den politischen eliten gewollt und vorbereitet wurde und man dann die populistische karte des volksentscheides zog,um auf gar keinen fall je als verantwortlich für das kommende desaster dastehen zu müssen,denn das volk hat ja angeblich so entschieden und damit den schwarzen peter hingeschoben bekommen.und unter diesem blickwinkel gesehen werden die vorausgehenden umfragen stimmig,die eine mehrheit gegen den brexit vorhersagten und der wahlbetrug mehr als wahrscheinlich …
    und die eliten konnten garnicht schnell genug von der angeblichen unumkehrbarkeit dieses brexit-entscheides sprechen,nicht nur die engländer,auch merkel und ihre co-europäer haben in dieses eine horn nur geblasen.
    als man des volkes wille nicht so beeinflussen konnte und nicht haben wollte,hat man des volkes wille geschickt zu umgehen gewusst,siehe ratifizierung der europaverträge …
    … spiele der macht …
    spiele mit worten …

    man wird sehen wie mit den iren und schotten umgegangen wird und daran möglicherweise den wahren politischen willen ersehen …der in england und europa der eine ist …

  11. Es ist schon ein kreuz mit den völkern dieser erde. Abgesehen davon, dass in demokratien mehrheiten, die erzielt werden, immer den anspruch generieren, für alle und nicht nur den prozentsatz der mehrheit sprechen zu dürfen, ist das „wir“, das dazu verwendet wird, immer eine kalkulierte unwahrheit. Weder gibt es eine homogene wählerschaft, noch ein wahlvolk oder gar ein volk. Der brexit ist da ein wunderbares beispiel, wales und england stimmten mehrheitlich für den brexit, schottland und nordiren mehrheitlich dagegen. Die briten aber in einer gedachten gemeinschaft sind fast 50:50 gespalten. Was lässt sich daraus ableiten? Weder ist es wahr, dass „die briten“ den brexit wollten, noch können schottland oder nordirland behaupten, sie hätten nun eine legitimation für ihre wählerschaft, ihr volk zu sprechen, und nun deshalb das recht ableiten, großbritannien verlassen zu dürfen, denn auch dort ist homogenität nicht gegeben. Und wie sieht es denn mit dem anteil aus, der nicht wählen gegangen ist? Klar, die haben auf ihr recht der wahl verzichtet. Dennoch verringert eben dieser anteil des „volkes“ die legitimität des „wir“, das nun agierende politiker für sich proklamieren. Denn bei einer wahlbeteiligung von 60% ergibt sich ein wir von einem drittel der briten, für die diese nun sprechen dürften. Und selbst unter diesen dürfte in manchen dingen uneinigkeit bestehen.

    Das war der eine punkt, auf den ich hinweisen wollte. Der zweite ist, dass „volk“ als begriff sehr unscharf ist, denn er kann meinen die gemeinschaft eines sprachraums, einer nation, eines staates, eines territoriums, einer region, einer kultur oder einer bestimmten abstammung. Immer aber meint es eine irgendwie geartete, vor allem aber behauptete gemeinsamkeit, die zu einer ebenso behaupteten einheit, einigkeit überstilisiert wird. In diesem sinne sind alle begriffe, die sich anmaßend über die inhomogenitäten dieser gesamtheit hinwegsetzen, wie etwa „wir deutschen“, „das deutsche volk“, „die europäer“ etc., grundsätzlich nicht wahr. Denn sie verweisen auf etwas, das es so nicht gibt. In diesem sinne sind all diese sprechweisen ideologisch und populistisch.

    Das wir, das sich aus solchen sprech- und denkweisen ableitet, hat auch mehrere sinne und zwecke. Zum einen soll es einheit und einigkeit demonstrieren, und derjenige, der es verwendet, beansprucht so etwas wie zugehörigkeit oder führerschaft, weil er für dieses wir spricht bzw. sprechen darf. Des weiteren hat dies aber auch immer den sinn, ein „wir“ gegen ein „ihr“ zu setzen, welches „die anderen“ meint, die, aus welchen gründen auch immer, nicht dazu gehören. Es ist also integrierend und gleichzeitig exklusiv gemeint. Und wer dagegen redet gehört auch nicht dazu. So können konstruktionen entstehen, die wir allenthalben gerade beobachten können. Die presse als feind des volkes, lügenpresse, alternative und wohlgefälligere fakten, die sich als unbeweisbare behauptungen herausstellen, aber gewicht bekommen, weil sie von einem „von uns“ vorgetragen wurden.

    Und nun noch ganz grundsätzlich, von volk in irgedeinem zusammenhang zu sprechen, propagiert völkisches denken. Darunter fallen auch alle hier genannten „wir“s, ihre teilmengen und erweiterungen. Die, die sie gebrauchen, zeigen ihren wahren geist und wes geistes kind sie sind. Das ist das problem mit dem demokratien zu leben haben, solange sie nationalstaaten bleiben. Denn da braucht es immer die ideologische konstruktion von „wir“ und „ihr“.

    Ihr ndray

    • „Und nun noch ganz grundsätzlich, von volk in irgedeinem zusammenhang zu sprechen, propagiert völkisches denken.“

      Das ist natürlich ausgemachter Unfug. So etwa wie:

      „Von Schlankheit zu sprechen propagiert Schlankheitswahn und Magersucht.“

      „Von Männern zu sprechen propagiert Patriarchat und Gewaltkult“.

      Diese Reihe des Unfugs könnte man fortsetzen.

      „Darunter fallen auch alle hier genannten „wir“s, ihre teilmengen und erweiterungen. “

      Machen wir (hehe) es doch kurz: Dieses „Wir“ ist in Ihrer Sicht das neue „Nazi“.

      „ Die, die sie gebrauchen, zeigen ihren wahren geist und wes geistes kind sie sind.“

      Bei „wes Geistes Kind“ ist es ermüdenderweise und immer nur ein und denselbe Geist, auf den angespielt wird.

      • Sie scheinen ja persönlich angegriffen zu sein, und können natürlich hineininterpretieren, was sie wollen. Mir ging es nur darum, zu zeigen, dass sprechweisen, also sprachgebrauch, denkweisen widerspiegeln. Und wer von volk redet, der denkt auch volk. Und in diesem sinne wird der begriff dann auch seinen sinn und zweck haben. Und nur zu gerne wird der begriff dann zur gemeinschaftsstiftung instrumentalisiert, wenn es denn wem auch immer in den kram passt. Und das können nun wirklich ideologen und eliten jeder couleur sein. Völkisch zu denken ist kein privileg der rechten, wie sie das wohl sehen.

        ndray

        • @ Andrej Kristuf

          Sie sind also imstande, aus der Verwendung eines vollkommen trivialen Begriffs aus dem deutschen Wortschatz auf „die Denkweise“ des Verwenders zu schließen.

          „Mir ging es nur darum, zu zeigen, dass sprechweisen, also sprachgebrauch, denkweisen widerspiegeln.“

          Hier ein paar Begriffe zum Üben:

          Gerechtigkeit

          Feminismus

          Autobahn

      • @ fegalo :

        Und nun noch ganz grundsätzlich, von volk in irge[n]deinem zusammenhang zu sprechen, propagiert völkisches denken. [Andrej Kristuf]

        Das ist natürlich ausgemachter Unfug. [Ihr Statement]

        Ist schon richtig angemerkt, von Andrej Kristuf, der Gag besteht aus Sicht Ihres Kommentatorenkollegen darin, dass nationalstaatlich gedacht werden darf.
        Es darf Deutsche geben. [1]

        Was Andrej Kristuf wohl meint, ist dass Nationalstaaten böse sind, von Populisten (vs. Elit(ar)isten) beworben werden, die wohl irgendwie böse sein müssten.
        Allerdings gilt es die Alternative anzufragen, und die ist der Vielvölkerstaat, das Imperium sozusagen.
        Witzigerweise ist Kollektivisten des nationalistischen wie des inter-nationalistischen Spektrums, zumindest: in praxi, gemein, dass sie Imperien anstreben.

        Ein oder Der kluge Gedanke des dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Artikels findet sich bereits in der Überschrift :

        Der Jargon der Anmaßung: Was „populistisches“ und „elitäres“ Sprechen gemeinsam haben?

        Extrema dieser Art sind zu meiden, sie sind ‚anmaßend‘.

        MFG + schöne Woche noch,
        Dr. Webbaer

        [1]
        Vorsichtshalber angemerkt, Dr. W ist keiner davon, hat allerdings den Zerfall eines Zweivölkerstaats miterlebt, wie auch die Zusammenführung „BRD-DDR“ wie noch Weiteres.

    • Weder gibt es eine homogene wählerschaft, noch ein wahlvolk oder gar ein volk.

      Was es zweifelsfrei gibt, ist das Staatsvolk, das wählen darf und nur dies.
      In diesem Sinne darf es auch, zweifelsfrei, Nationalstaaten und Nationales geben.
      Heißt wohl deutsch ‚völkisch‘ (’national‘ bleibt gemeint), ist aber wohl ganz politisch inkorrekt, in der d-sprachigen Version.
      Ansonsten natürlich Zustimmung, bei dem Wir wird dem Schreiber dieser Zeilen immer ganz mulmig, es gibt hier noch die Steigerung „Wir müssen“,
      generell ist es auch problematisch im politischen Sinne Wahrheit zu behaupten, ein kluger Mensch hat mal gesagt: ‚Wer Wahrheit sagt, will lügen!‘

      MFG
      Dr. Webbaer (der hier mit der Publikation seines kleinen Feed-Backs gewisse Schwierigkeiten hat; sollte es diesmal wieder nicht klappen, wird es erst zeitversetzt versucht werden, vielleicht im April)

  12. @ fegalo
    Blöder wäre es doch, einem sprecher, der ein wort benutzt, zu unterstellen, er meine es gar nicht. Von ausnahmen wie ironie und satire mal abgesehen, die ja unter uneigentliche rede zu fassen sind, da kann unter umständen auch das genaue gegenteil gemeint sein. Abgesehen davon glaube ich immer noch daran, dass einem sprechakt ein denkprozess vorangestellt sein müsste sowie eine kommunikationsabsicht. Sonst dürften wir (als menschen) ja davon ausgehen, dass sprechakte und redeweisen keine bedeutung haben. Dann wäre alles nur blabla und geblubber, dann hätte sprache jedoch all ihren sinn eingebüßt. Und noch fundamentaler gehe ich davon aus, dass der verwendung eines wortes die internaliesierung, also verinnerlichung, seiner bedeutung voraus geht. Deshalb bleibe ich bei meiner aussage.

    Ihnen zur übung schlage ich folgende begriffe vor:

    freiheit

    chauvinismus

    bayern

    geplapper

    bahnhof

    • Shannon-Weaver-Modell, das Fachwort, auch sozial höchst tauglich, der Benachrichtigende antizipiert ein Protokoll, in diesem Fall: die (deutsche) Sprache, um Inhalte zu kodieren in der Annahme, dass sie auf Seiten des oder der Empfänger ausschnittsartig, näherungsweise und an Interessen gebunden dekodiert oder abstrahiert werden können, wie vom Sender vorgesehen.

      Stets wagemutig und ein Versuch,
      MFG
      Dr. Webbaer

  13. zu dr. webbaer

    sie reimen sich da aber auch etwas zusammen, was ich mit keinem wort so geschrieben habe. Was ich viel eher gemeint habe, ist die intendierte identitätsstiftung über konzepte wie volk (wir sind das volk), die nation, europa, westlich-abendländische kultur, wertegemeinschaft usw. alle ideologisch aufgeladen sind, denn sie haben alle eine im hintergrund liegende und mitschwingende ideengeschichte, die sich bestimmter narrative, also erzählungen und mythen bedient, um sich zu legitimieren. Sogar der weltbürger zählt meiner ansicht nach dazu. Den würde es aber wohl brauchen in einer globalisierten welt. Und ganz gewiss bin ich kein imperialist, wie sie mutmaßen.

    Des weiteren gebe ich zu bedenken, dass deutschland ja auch keine homogene „volksmasse“ zu bieten hat, sondern sich aus mehreren unterschiedlichen bundesländern zusammensetzt, die sogar eigene verfassungen haben. Und diese gibt es erst seit 1949 bzw. nach 1989 in dieser form. Wie willkürlich diese bundesländer zum teil aus regionen zusammengefasst wurden, lässt sich an den namen deutlich ablesen. Ba-wü, Nrw, Meckpom. Ich selbst bin in hh geboren, in hessen aufgewachsen und habe lange in berlin gelebt. Mutter hamburgerin, vater bayer aus der oberpfalz. Will sagen, eine bunte mischung. Und so fühle ich mich auch. Weder bin ich das eine noch das andere.

    Für mich macht es keinen sinn, aus solchen kategorien identität abzuleiten, wie groß- oder kleinteilig der bezug auch immer sein mag. Deutscher, bayer, frankfurter. Am ende bin ich dann vom einen dorf und der andere vom anderen. Was soll das denn bedeuten? Nichts. Oder nichts weiter, als dass ich dort herkomme. Letztlich bin ich auch nur mensch, darauf würde ich mich einlassen.

    • @ Andrej Kristuf :

      Es darf Nationalstaat, das Deutsch-Sein und Heimat geben, es liegen idT unscharf umrissene Konstrukte vor, wie regelmäßig im Politischen, aber es macht Sinn mit ihnen zu arbeiten, die Deutschen verbinden Sprache und Kultur wie Gewesenes, also die Historie. – Auch weiche ‚Ideengeschichte‘, korrekt.

      ‚Weltbürger‘ gibt es nicht, sollten Sie Humanist sein, welcome!, aber Bürger der Welt sind undefinierbar; auch ist Ihnen nicht unterstellt worden ‚Imperialist‘ zu sein, sondern der Vielvölkerstaat ist als das (nicht gerne genannte) Antonym zum Nationalstaat vorgestellt worden.

      Übrigens würde der Schreiber dieser Zeilen, im Gegensatz zum dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Artikel, nie kulturmarxistisch argumentieren wollen, der Marxismus ist auch in diesem Ast gescheitert.

      MFG
      Dr. Webbaer

  14. @ Andrej Kristuf

    Zum einen begehen Sie hartnäckig den Fehler, dem Benutzer von Vokabeln („Volk“) pauschal zu unterstellen, er könne dies nur im ausschließlich normativ-affirmativen Sinne tun, also keinesfalls rein deskriptiv. Dazu nochmal Ihr Satz:

    „von volk in irgedeinem zusammenhang zu sprechen, propagiert völkisches denken.“

    Daraus folgt ja dann im Umkehrschluss, dass man diesen Begriff gar nicht mehr verwenden darf, wenn man nicht die Unterstellung auf sich ziehen möchte, man würde „völkisches Denken propagieren“. Ist das Ihr Ernst?

    Dann:

    Offensichtlich wollen Sie alle identitätsstiftenden Unterscheidungen aufheben, die die Menschen so anwenden, um erst beim bloßen „Mensch“ stehenzubleiben. Und als Begründung dafür liefern Sie, diese „Konstrukte“ müssten sich durch Mythen und Erzählungen legitimieren (wären also, so muss man Sie verstehen, aus sich selbst heraus gar nicht gerechtfertigt).

    Das ist schon mal in der Sache falsch, denn z.B. Deutsche oder Franzosen brauchen gar keine Mythen, um die Existenz ihrer Völker anzuerkennen, diese sind schlicht vorhanden, unabhängig davon, ob man ihre Geschichte kennt oder eine dazu erfindet.

    Sie geben sich ideologiekritisch, indem Sie Begriffe wie Volk, Nation, etc. „dekonstruieren“ und abschaffen wollen. In Wirklichkeit jedoch begehen Sie mit Ihrer Reduktion der Menschen auf den bloßen homo sapiens, dessen einzige politische Zugehörigkeit die zu seiner Spezies sein soll, selbst die größte denkbare ideologische Gewaltanwendung. Das Ausmaß der sich darin äußernden Naivität und Verzerrung der Gegebenheiten der menschlichen Existenz ist geradezu spektakulär zu nennen. Darum sage ich dazu nur zwei Sätze: Alle gesellschaftliche Solidarität, und damit alle politischen und sozialen Institutionen einer Gesellschaft haben ein Gemeinschaftsgefühl zur Voraussetzung, das nach aller Erfahrung der Geschichte größenmäßig spätestens an den Grenzen jener sozialen Einheit endet, die sich als Volk definiert und empfindet. Das Verschwinden solcher Identifikationsgrößen (ebenso: Sippe, Clan, Stamm etc.) mit ihren Folgen der Vereinzelung der Individuen in bloße Exemplare von „Menschen“ hätte den kompletten Kollaps von Frieden, Sicherheit und Solidarität zu Folge, und damit den Zusammenbruch des Sozialstaats, auf den – und das beweist die ebenso unfassbare wie unausrottbare Naivität von Euch Linken – eben jene Linke doch so fixiert ist.

    • @ fegalo :

      Völkisches Denken zu promovieren, ist OK, es soll nur nicht ungünstig ethnizistisch oder rassistisch werden, womöglich liegt hier Ihr pers. Mops. [1]
      Es darf das Nationale geben, Dr. W wiederholt diese Selbstverständlichkeit.

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      ‚möglicher Klops‘, metaphorisch, lautmalerisch und landschaftlich gemeint

  15. @ Andrej Kristuf

    „Was ich viel eher gemeint habe, ist die intendierte identitätsstiftung über konzepte wie volk (wir sind das volk), die nation, europa, westlich-abendländische kultur, wertegemeinschaft usw. alle ideologisch aufgeladen sind, denn sie haben alle eine im hintergrund liegende und mitschwingende ideengeschichte,“

    Sie haben ein merkwürdig ‚flächiges‘ Verständnis von Sprache, wenn Sie meinen, bestimmte sprachliche Konzepte (Begriffe) seien ideologisch aufgeladen, um Bedeutung zu erhalten.
    Nach Cassirer scheint alle logische Analyse des Begriffs zuletzt an den Punkt zu führen, an dem die Betrachtung der Begriffe in die der Worte und Namen übergeht: „ Der Gehalt des Begriffs geht ihm in dem Gehalt und der Leistung des Wortes auf. (…) Die Erforschung der Genesis der Wortbedeutungen und der Wortklassen erscheint als das einzige Mittel, um uns den immanenten Sinn des Begriffs und seine Funktion im Aufbau der Erkenntnis verständlich zu machen.“

    Bleiben wir mal bei der Herkunft der von ihnen genannten Wörter, dann kommt „Volk“ von althochdeutsch „fole“ – in der Bedeutung Haufe, Kriegerschar, Volk, mittelhochdeutsch „vole“, und kommt in der Zusammensetzung Fußvolk Kriegsvolk vor. Seine Bedeutung als „Gesamtheit der durch Sprache, Kultur und Geschichte verbundenen Menschen“ erhielt es im Humanismus.
    Nation kommt aus dem Lateinischen von natio – „geboren werden“, aber auch schon in der Bedeutung Volk(sstamm), Europa aus dem griechischen – die Dame auf dem Stier, Kultur aus dem Lateinischen von cultura – Landbau
    usw.
    Was Sie als Ideengeschichte bezeichnen, ist das dem Menschen inhärente Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit zum Zweck des Überlebens, dem mit diesen Begriffen Ausdruck verliehen wird und sie zu bezeichnen. Sie sind die Wurzeln, die eben deshalb identitätsstiftend sind – was über die bloße Entität -„Letztlich bin ich auch nur mensch, darauf würde ich mich einlassen“ – hinausgeht.

    • @ Kommentatorenfreundin ‚Trice‘ :

      Der Gehalt des Begriffs geht ihm in dem Gehalt und der Leistung des Wortes auf. (…) Die Erforschung der Genesis der Wortbedeutungen und der Wortklassen erscheint als das einzige Mittel, um uns den immanenten Sinn des Begriffs und seine Funktion im Aufbau der Erkenntnis verständlich zu machen.

      Klingt vely schlau, das von Ernst Cassirer Zitierte, Dr. W hat nie anders gedacht bis verstanden, die Alternative wäre der sprachliche Relativismus, auch die entwickelnden Altvorderen missachtend; ansonsten ist es schon so, dass Sprache sozusagen ungemein ‚ideologisch aufgeladen‘ ist, ‚um Bedeutung zu erhalten‘.
      Dies hier klang insofern hier nicht so supi-zustimmungsfähig:

      Letztlich bin ich auch nur mensch, darauf würde ich mich einlassen. (zu beachten womöglich der kleingeschriebene ‚Mensch‘)

      Niemand ist ’nur Mensch‘.

      MFG
      Dr. Webbaer

  16. @Dr. Webbaer

    „ansonsten ist es schon so, dass Sprache sozusagen ungemein ‚ideologisch aufgeladen‘ ist, ‚um Bedeutung zu erhalten‘.

    Wenn es um Weltanschauungen geht, schon. Aber darum geht es ja nicht immer.

    „Dies hier klang insofern hier nicht so supi-zustimmungsfähig:“

    Vermutlich, weil ich nicht hinzugefügt habe, worum es mir geht: Begriffe wie Volk, Nation, usw. wurden ja nicht in erster Linie geprägt, um eine Weltanschauung zu vermitteln, sondern sie sind sprachliche Repräsentationen für real vorgefundene Sachverhalte. Psychologisch (psychoanalytisch) interessant am Kommentar von @ Andrej Kristuf ist die Projektion, um die es in diesem Blog aber nicht geht. Von den ca. dreißig Abwehrmechanismen sind nur zwei als positiv zu bewerten und nur drei als in jeder Hinsicht unangemessen – die Projektion ist einer von den dreien. (Sowas fällt mir halt auf, 😉 )

    „Letztlich bin ich auch nur mensch, darauf würde ich mich einlassen. (zu beachten womöglich der kleingeschriebene ‚Mensch‘)
    Niemand ist ’nur Mensch‘.“

    Eben, und dann auch noch kleingeschrieben.
    (Immer wenn man etwas von sich gibt, gibt man etwas von sich (preis)).

    • @ Kommentatorinfreundin ‚Trice‘ :

      Von der Püschölogisierung hält Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund wenig, sie macht gelegentlich Sinn, wenn Mengen beobachtet werden, sozialphilosophisch, unserer Herr Dr. Thomas Grüter ist hier manchmal günstig unterwegs.
      Und, hey!, wenn sich bestimmte Dulligkeiten ergeben, wie könnte dann anders als die Menge versucht und das „Es“ meinend, versucht werden.
      Freud ist allerdings tot.

      Begriffe wie ‚Begriffe wie Volk, Nation, usw.‘ meinen ‚Weltanschauung‘, sie sind konstruiert und empirisch (vergleichsweise) instabil – oder: stabil, es gibt (aus konstruktivischer Sicht) keine ‚real vorgefundene[n] Sachverhalte‘.
      Sondern Begebenheiten, die oft schlicht Kultur genannt wird.
      Nicht sonderlich „real“ oder „realistisch“, Opi W müht sich mit Andersmeinenden gelegentlich im Kommentariat ab.

      Ansonsten, Herr Prof. Dr. Ekkehard Felder soll natürlich nicht besonders belastet werden, Dr. Webbaer könnte hier gegenreden, von „Rächtz“,
      Dr. Webbaer sieht sich zunehmend herausgefordert, in der deutschen Sprache, auch politisch rechts zu sein,
      MFG
      Dr. Webbaer

  17. @Dr. Webbaer

    „Begriffe wie ‚Begriffe wie Volk, Nation, usw.‘ meinen ‚Weltanschauung‘,
    Sie sind es in dem Sinne, dass sie ansonsten bedeutungsleer sind – dann gäbe es sie allerdings auch nicht – was man nicht kennt oder weiß, kann man nicht benennen (eins meiner Kinder fragte mal nach dem Begriff, der den Zwischenraum zwischen seinen Zehen betrifft … da wir keinen kannten, formulierte es selber einen. Im Kontakt mit Anderen wird der kaum weiterhelfen)

    „…sie sind konstruiert und empirisch (vergleichsweise) instabil – oder: stabil, es gibt (aus konstruktivischer Sicht) keine ‚real vorgefundene[n] Sachverhalte‘.“

    Wären sie keine, gäbe es keine Begriffe.

    „Sondern Begebenheiten, die oft schlicht Kultur genannt wird.“

    Vielleicht hilft das, um zu verstehen worauf ich hinaus will:
    ‚Wenn wir von Sprache reden, meinen wir auch den potentiellen Gehalt dieser Zeichen, oder genauer gesagt die Tatsache, dass mit diesen Zeichen Nachrichten übermittelt werden können und sollen. Sprache bloß als System von materiellen Lautgebilden oder Schriftmarken zu verstehen, würde daher seine Natur verkennen. Nicht die materielle Existenz und Form der Zeichen und auch nicht ihre regelhafte Vernetzung allein machen Sprache aus. Diese materiellen Gebilde können überhaupt erst als Sprachzeichen bezeichnet werden, wenn sie Bedeutung transportieren. Mit andern Worten, Sprache ist ein Zeichen- und ein Bedeutungssystem.‘
    (Reden über Wissen, Thomas Bernhard Seiler)

    „Dr. Webbaer sieht sich zunehmend herausgefordert, in der deutschen Sprache, auch politisch rechts zu sein,“

    Ich weiß nicht, ob das jetzt ‚politisch rechts‘ ist, aber ich empfinde es so, wie die Redaktion der Vierteljahresschrift TUMULT und ihre Autoren, dass man sich nicht der Übermacht des Gehorsams beugt, und ein Gespür entwickelt für Unwahrhaftigkeit, Indolenz, Bodenlosigkeit, das Mitläufertum, den akademischen Opportunismus, die Rhetorik des Hasses, u.v.m.

    • @ Kommentatorenfreundin ‚Trice‘ :

      Die Sprache meint Inhalt (wobei nicht ganz klar ist, was dieser bedeutet – vgl. auch mit ‚Information‘), um Inhalt zu transportieren und auszutauschen.
      Was ‚was man nicht kennt oder weiß, kann man nicht benennen‘ muss nicht stimmen, es gibt bspw. die feine Unterscheidung zwischen dem Known Unknown und dem Unknown Unknown. U.a. „Rummy“ hat sich hier abgerackert, gerne selbst recherchieren.
      ‚Volk‘ und ‚Nation‘ sind allerdings erfrischend begrifflich klar, vglw. klar, gemeint bleibt die Abstammungsfolge oder der staatliche Bezug, dann das Staatsvolk meinend.
      ‚Deutsch‘ bspw. als Ethnonym darf es geben, weil es Sinn macht.

      Schwierig, die Gesamt-Stoßrichtung des hier dankenswerterweise bereit gestellten sogenannten WebLogs kennt Dr. W noch nicht, immerhin konnte er bisher i.p. Feedback ausgehalten bleiben.

      MFG
      Dr. Webbaer

  18. @Trice // 8. April 2017 @ 20:03

    »Diese materiellen Gebilde können überhaupt erst als Sprachzeichen bezeichnet werden, wenn sie Bedeutung transportieren. […] (Reden über Wissen, Thomas Bernhard Seiler)«

    Wie ist das denn gemeint, „Bedeutung transportieren“?.

    Ich dachte, es sei Konsens, dass Bedeutung gerade eben nicht zusammen mit den Zeichen transportiert, sondern eben immer nur den „materiellen Gebilden“ jeweils zugewiesen wird.

  19. @Balanus / 9. April 2017 @ 01:27

    „Ich dachte, es sei Konsens, dass Bedeutung gerade eben nicht zusammen mit den Zeichen transportiert, sondern eben immer nur den „materiellen Gebilden“ jeweils zugewiesen wird.“

    Seiler schreibt , dass die Probleme beginnen, wenn es darum geht, die Beziehung zwischen Zeichen und Bedeutung zu präzisieren und den Begriff des Zeichens festzulegen. Und auf die Frage, ob Zeichen materielle oder ideelle Gebilde sind und wie die Tatsache erklärt werden soll, dass die Bedeutung der Zeichen weder notwendig und eindeutig ist und sie auch nicht ausschließlich mit einem einzelnen Zeichen verbunden ist, antwortet er, dass dies eben noch eine strittige Frage sei.

    Aber er meint halt, dass Zeichen einerseits aus physikalisch-materiellen Gegebenheiten oder beobachtbaren Verhaltensweisen bestehen, und dass sie andererseits einen Verweis auf etwas anderes einschließen, also einen Gegenstand, einen Sachverhalt, ein Ereignis, das nicht mit ihm identisch ist: “ Dieses andere und der Verweis darauf bilden das, was wir die Bedeutung des Zeichens nennen.“

    Letztlich aber geht es ihm um die Frage nach unserem Wissen, von dem er sagt, dass die verschiedenen Arten von Wissen – also nicht nur begriffliches Wissen, sondern auch das Wissen, das im Handeln und in vorbegrifflichen (intuitiven) Vorstellungen vorhanden ist -, das Fundament und der Ausgangspunkt jeder Bedeutungsimplementation sind.
    Oder etwas allgemeinverständlicher ausgedrückt: Bedeutung wird erlernt über die Leistungen Wahrnehmen, Erkennen, Verstehen (prädikative Folge) . Wenn Seiler also von Sprachzeichen spricht, dann ist gemeint, dass z. B. das Wort „Schlüssel“ für ein Kind noch ohne Bedeutung ist, auch wenn es diesen Gegenstand zum ersten Mal sieht, anfasst und das Wort „Schlüssel“ für dieses materielle Gebilde hört. Bedeutung erhält er erst, wenn verstanden ist, welchem Zweck er dient. Aber ein Wissen über den Gegenstand ist dann bereits vorhanden.

  20. @Trice // 9. April 2017 @ 18:54

    Wenn ich Ihre Erläuterungen richtig verstehe, dann war Seilers Aussage, dass Sprachzeichen „Bedeutung transportieren“, also nicht wörtlich gemeint. Manchmal kommt man um Metaphern ja nicht herum, aber manchmal können sie auch recht verwirrend sein.

    Die Diskussion hier im Kommentarstrang über die Bedeutung des Begriffs „Volk“ ist ja ein weiterer Beleg dafür, dass Sprachzeichen keine ihnen innewohnende Bedeutung haben.

  21. @Balanus / 12. April 2017 @ 10:42

    Ich denke auch, dass er Bedeutung transportieren in übertragendem Sinn meint. Er kannte ja Piaget noch, der sich mit der Intelligenzentwicklung beim Kind beschäftigt hat, und ich habe Seiler jedenfalls so verstanden, als wir uns dazu austauschten.

    „die Bedeutung des Begriffs „Volk“ ist ja ein weiterer Beleg dafür, dass Sprachzeichen keine ihnen innewohnende Bedeutung haben“

    Eben, :-). Auch wenn er es für Extremisten beider Lager wohl hat. Aber die brauchen ihn für andere Zwecke, da geht es um Machtfragen. Und auch wenn ich, was so unter Volksmusik läuft, grauenvoll finde, Volkslieder sind etwas ganz anderes. Letzteres gehört zum Brauchtum, sagt etwas über den Alltag der Menschen zu der Zeit, da sie entstanden aus, ersteres ist Kitsch.

  22. @Trice // 9. April 2017 @ 18:54

    »…Extremisten beider Lager…«

    Es kommt halt auf den Kontext an, in dem der Begriff „Volk“ gebraucht wird.

    Rein deskriptiv wird der Begriff ‚Volk‘ wohl nur im Plural (‚Völker‘) gebraucht, also insbesondere im ethnologischen Kontext. Das wäre das eine Extrem. Das andere Extrem wäre die Aufladung des Begriffs mit einer (oft unguten) ideologischen Bedeutung. Irgendwo dazwischen liegt wohl „Volk“ als Bezeichnung für einen Haufen Leute.

    Rein statistisch gesehen ist das zweite Extrem weitaus häufiger als das erstgenannte.

    Weiter oben (7. April 2017 @ 11:42) schrieben Sie von einem „dem Menschen inhärente[n] Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit zum Zweck des Überlebens, dem mit diesen Begriffen Ausdruck verliehen wird […]“.

    Der Mensch ist ein Sozialwesen, keine Frage. Aber um sein „inhärentes Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit“ zu befriedigen, braucht er keine Begriffe wie „Volk“ oder „Nation“. Solche Begriffe mögen dieses Bedürfnis bedienen, dienen aber einem anderen Zweck.

  23. @Balanus / 13. April 2017 @ 14:21

    „Es kommt halt auf den Kontext an, in dem der Begriff „Volk“ gebraucht wird.“

    Zum Beispiel: „Ein Staat kann zerbrechen, aber ein Volk will überleben“ (Theodor Heuss in seiner Rede bei der Amtseinführung von Heinrich Lübke als Bundespräsident), oder

    „Demokratie ist die Kunst, dem Volk im Namen des Volkes feierlich das Fell über die Ohren zu ziehen“ (Karlheinz Deschner)

    „Rein statistisch gesehen ist das zweite Extrem weitaus häufiger als das erstgenannte.“
    In unserer Epoche, ja.

    „Aber um sein „inhärentes Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit“ zu befriedigen, braucht er keine Begriffe wie „Volk“ oder „Nation“.

    Da wäre ich mir nicht sicher, denn Begriffe dienen nicht nur der Bezeichnung von etwas, sondern werden dazu erst durch die Bedeutung, die man mit ihnen verbindet. Der Historiker, Soziologe und Politikwissenschaftler Rolf Peter Sieferle schrieb über die Zugehörigkeit zu einer solchen Solidargemeinschaft, wie es sie in der Zeit vor der Gründung eines Rechtsstaates gab: „Zum Schlimmsten, was einem Individuum zustoßen konnte, gehörte die Exilierung aus der Gemeinde (…), wodurch man zu einem heimatlosen Vagabunden wurde.“

    „Solche Begriffe mögen dieses Bedürfnis bedienen, dienen aber einem anderen Zweck.“

    Eben. Zum Bedürfnis nach Zugehörigkeit kommt das Bedürfnis, überleben zu wollen, hinzu. Und dass es für etwas, das überlebensnotwendig ist, keine Begriffe geben sollte, ist kaum vorstellbar.

  24. @Trice // 13. April 2017 @ 22:42

    »„Zum Schlimmsten, was einem Individuum zustoßen konnte, gehörte die Exilierung aus der Gemeinde (…), wodurch man zu einem heimatlosen Vagabunden wurde.“ (Rolf Peter Sieferle)«

    Eine „Gemeinde“ ist halt etwas völlig anderes als ein „Volk“. Und noch etwas ganz anderes ist das sogenannte Volk, von dem Theodor Heuss spricht: „…ein Volk will überleben“.

    Heuss betrachtet „das Volk“ offenbar als eine Art Superorganismus, eine Entität mit Körper (dem „Volkskörper“) und dem Willen zu überleben. Ich finde das irgendwie abgefahren…

  25. @Balanus /
    14. April 2017 @ 16:56

    „Eine „Gemeinde“ ist halt etwas völlig anderes als ein „Volk“.“

    Nein, ist es nicht. Was sie letztlich gemeinsam haben ist, dass ihre Mitglieder auch wenn sie sich untereinander heftig befehden können, gegen einen gemeinsamen Gegner aber zusammenhalten. Das heißt, was neben der Familie das ausgeprägteste Wir-Gefühl erzeugt, ist die Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Nation. Nicht nur bei sportlichen Wettkämpfen, auch bei Terroranschlägen besinnen sich die Leute auf eben diese Zusammengehörigkeit – und das Brandenburger Tor wird plötzlich in die Farben der Nationalflagge getaucht.
    Ein Volk ist eine politische Handlungseinheit, die der gemeinsamen Daseinsbewältigung dient, und keine beliebig zusammengesetzte Menge von Individuen. Es ist eine Einheit zwischen dem einzelnen Menschen und seiner Familie einerseits und der Menschheit als Ganzer andererseits, mit einem gemeinsamen Wertekanon und dem Recht, selbst über sein Schicksal zu entscheiden.
    Und so hat auch Heuss es gesehen, nicht als ein Konstrukt, sondern als eine Gruppe von Menschen, die sich bei aller Unterschiedlichkeit auch der ‚Stämme‘ und der Dialekte durch ein Wir-Gefühl miteinander verbunden fühlen.

  26. Pingback: Sprache und Politische Korrektheit - ein komplexes Verhältnis.

  27. Wenn nach Herrn Felders Auffassung schon die Verwendung des Begriffs „Volk“ eine „Anmaßung“ darstellt, ist dann dieses Zitat aus dem deutschen Grundgesetz aus seiner Sicht ebenfalls eine Anmaßung:

    „Damit gilt dieses Grundgesetz für das gesamte Deutsche Volk.“

    Oder wenn auf dem Reichstagsgebäude in Berlin steht: „Dem deutschen Volke.“

    Auf der anderen Seite, wenn Angela Merkel angesichts der Flüchtlingskrise verkündet: „WIR schaffen das.“ – ist dieses „Wir“ etwa KEINE Anmaßung?

  28. @Karl / 17. April 2017 @ 13:04

    Herr Felder hat hier nicht den Begriff „Volk“ als Anmaßung gesehen, sondern die Aussage einer Gruppe: „Wir sind das Volk“, denn diese kann ja nicht für sich in Anspruch nehmen, für das gesamte deutsche Volk zu sprechen.
    Anders sieht es schon in dem Artikel zur Politischen Korrektheit aus, wenn Brecht zitiert wird, der für den Begriff „Bevölkerung“ statt „Volk“ plädierte. Denn Bevölkerung trägt bereits den Plural in sich, der deutlich macht, dass mit ihm keine klar definierte Gruppe von Menschen, sondern eine beliebige Menge Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeint ist.

    Immerhin aber steht in unserem Grundgesetz noch das „Deutsche Volk“. Dagegen wurde der Teil der Präambel, der lautete “ die nationale Einheit zu wahren“ ersatzlos gestrichen und Artikel 23 durch den Europa-Artikel, der nun auch Artikel 23 heißt, ersetzt.
    Diese Änderung wurde 1990 / 1992 vorgenommen, um möglichst schnell die deutsche Einheit zu vollenden, d.h., die neuen Bundesländer zu integrieren.

    Warum deshalb aber die nationale Einheit nicht mehr gewahrt werden muss, und Artikel 23 mit dem Wortlaut – „Dieses Grundgesetz gilt zunächst im Gebiete der Länder Baden, Bayern, Bremen, Groß-Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. In anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen.“
    durch den Europa-Artikel: https://dejure.org/gesetze/GG/23.html.
    ersetzt wurde und ob die , in deren Namen dieses Gesetz erlassen wurde, tatsächlich von diesem Willen beseelt sind, darüber lässt sich wacker streiten.

    Das „Volk Israel“ gab es übrigens schon im Alten Testament. Die „Nation Israel“ entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg…

  29. @Trice // 14. April 2017 @ 22:52

    »Das heißt, was neben der Familie das ausgeprägteste Wir-Gefühl erzeugt, ist die Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Nation.«

    Mit dem Begriff Gemeinde verbinde ich eher den Kontakt zu einer begrenzten Anzahl von Menschen, denen man hin und wieder begegnet und mit den man ein paar Worte wechseln kann. Wenn man aus seiner Gemeinde „exiliert“ (Sieferle) wird, kann das vor allem deshalb als sehr schlimm empfunden werden, weil so etwas den sozialen Bedürfnissen des Menschen und seiner Suche nach Anerkennung zuwiderläuft (Ausnahmen gibt es immer).

    Das sogenannte „Volk“ oder die „Nation“ hat meiner Auffassung nach mit solchen individuellen zwischenmenschlichen Erfahrungen, wie sie im sozialen Umfeld einer Gemeinde üblich sind (oder sein sollten), praktisch nichts zu tun, das liegt auf einer ganz anderen, nämlich abstrakten Ebene.

    Vielleicht wird dieser Unterschied deutlicher, wenn man „Volk“ durch „Gemeinde“ ersetzt, etwa bei Theodor Heuss:
    „Ein Staat kann zerbrechen, aber eine Gemeinde will überleben“. Selbst wenn dem Satz dem Grunde nach zustimmen könnte, stellt sich nach meinem Dafürhalten die Frage, was eine solche Aussage eigentlich bezwecken soll, warum sagt man so etwas überhaupt.

    Ich denke, dass Heuss den Überlebenswillen des Volkes beschwört, soll ein Wir-Gefühl überhaupt erst erzeugen, weil es eben nicht natürlicherweise vorhanden ist. Ohne dass man den Menschen von klein auf einredet, zu welchem Volk sie gehören und wie wichtig das Volk für alle, die dazu gehören, ist, gäbe es überhaupt kein volksbezogenes Wir-Gefühl, bei niemandem.

    »Ein Volk ist eine politische Handlungseinheit, die der gemeinsamen Daseinsbewältigung dient, und keine beliebig zusammengesetzte Menge von Individuen.«

    Das gilt sicherlich für die Nation, den Staat, aber nicht für das zweckdienliche Konstrukt Volk (vorausgesetzt, Sie meinen keinen abgeschieden lebenden Volkstamm irgendwo im Dschungel, da fallen Nation, Staat und Volk vielleicht wirklich in Eins).

  30. @ Balanus / 17. April 2017 @ 15:33

    Mit dem Begriff Gemeinde verbinde ich eher den Kontakt zu einer begrenzten Anzahl von Menschen, denen man hin und wieder begegnet und mit den man ein paar Worte wechseln kann. “

    Dann gehört man aber nicht zur Gemeinde, ;-). Gemeinde ist sehr viel mehr: dazu gehört zwar, dass alle Mitglieder am gleichen Ort wohnen und gemeinsam die ihre Gemeinde betreffenden Ereignissen betroffen sind, sondern es gibt tatsächlich ein Wir-Gefühl. Vor zig Jahren wohnten wir in einer Gemeinde im Rheingau – gleich, ob unsere Kinder dort den Kindergarten, die Schule besuchten, Mitglied im Sportverein waren usw. – wir gehörten nicht dazu. Nun wohnen wir seit 25 Jahren in einer kleinen Gemeinde in Bayern, hier wird sich geduzt, wir kennen uns, unterhalten uns, feiern miteinander – aber wir gehören immer noch nicht dazu.

    Was Sieferle meinte war noch etwas anderes, nämlich das für „vogelfrei“ erklärt werden. Das hatte nichts mit Bedürfnissen und Anerkennung zu tun. Aber auch heute wird ein Außenseiterdasein nicht deshalb als schlimm empfunden, sondern weil ausgegrenzt zu sein auch bedeuten kann, gemobbt zu werden, obdachlos geworden zu sein usw.

    Heuss hat am Grundgesetz mitgewirkt:
    http://www.ths.rt.schule-bw.de/host/heuss/parlrat.htm
    in dem es in der Präambel hieß:
    „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen,“ er hat den Volkswillen also nicht beschworen, sondern gesetzlich mit umgesetzt, was die Menschen in den drei Jahren nach dem Krieg wieder begonnen hatten, nämlich ihr Land aufzubauen.

    „Ohne dass man den Menschen von klein auf einredet, zu welchem Volk sie gehören und wie wichtig das Volk für alle, die dazu gehören, ist, gäbe es überhaupt kein volksbezogenes Wir-Gefühl, bei niemandem. “

    Das ist ideologischer Unfug. Damit wird etwas konstruiert, das es so nicht gibt oder gegeben hat, das aber einer menschenfremden Idee im Weg ist, und deshalb behauptet werden muss.
    Dieses Wir-Gefühl gibt es über alle Kulturen hinweg, das muss niemandem eingeredet werden.

    „Das gilt sicherlich für die Nation, den Staat, aber nicht für das zweckdienliche Konstrukt Volk“

    Es gilt für den Begriff „Volk“. Die Juden in aller Welt haben sich imer als Volk verstanden, und Eric Kandel schrieb einmal, seit der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem seien die Juden ein Volk des Buches gewesen, und er fragte, woher die Verachtung für ein ganzes Volk gekommen sei.

    Nation wird zwar meist synonym für „Volk“gebraucht, meint aber inzwischen die Gesamtheit der Menschen in einem Staat, aber auch die Gesamtheit der Menschen, die eine gemeinsame Kultur haben.

  31. @Trice // 17. April 2017 @ 16:46

    » Die Juden in aller Welt haben sich immer als Volk verstanden, …«

    Ja, eben, als Volk verstanden. Wobei es mit Sicherheit auch hinreichend viele Menschen jüdischen Glaubens gab und gibt, die sich als Deutsche, Amerikaner oder Polen verstehen oder verstanden haben. Mit welcher Begründung könnte z. B. ein atheistischer US-Amerikaner von sich behaupten, er gehöre dem Volk der Juden an? Bloß, weil vielleicht die Mutter so etwas von sich behauptet hat, und/oder weil man ihm als Baby die Vorhaut abgeschnitten hat?

    Wenn das volksbezogene Wir-Gefühl kein erworbenes kulturelles Konstrukt wäre, sondern quasi ein angeborenes Bedürfnis (einem Volk angehören zu wollen), dann wären doch alle Rituale, die dieses Volks-Wir-Gefühl stärken sollen, im Grunde überflüssig.

    » er [Heuss] hat den Volkswillen also nicht beschworen, …«

    In dem von Ihnen zitierten Satz hat er es nach meinem Sprachgefühl sehr wohl getan. Aber vielleicht hat er es nicht so gemeint, ich kenne ja nicht den Rest seiner Rede ….

  32. @Balanus / 19. April 2017 @ 13:37

    „Ja, eben, als Volk verstanden.“
    Sie haben nicht zuende gelesen, 😉 – ich schrieb, sie haben sich als Volk verstanden, nicht als Nation. Das ist ein Unterschied!

    “ Wobei es mit Sicherheit auch hinreichend viele Menschen jüdischen Glaubens gab und gibt, die sich als Deutsche, Amerikaner oder Polen verstehen oder verstanden haben. “
    Ja, und dann haben sie sich als einer Nation zugehörig verstanden.

    „Wenn das volksbezogene Wir-Gefühl kein erworbenes kulturelles Konstrukt wäre, sondern quasi ein angeborenes Bedürfnis (einem Volk angehören zu wollen), “

    Ich frage mal andersherum: Wenn das volksbezogene Wir-Gefühl nur ein kulturelles Konstrukt wäre, wieso haben dann kurz nach dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaats Sowjetunion wieder die Menschen, die sich als Volk verstanden, einen eigenen Staat gegründet – Polen, Rumänien, Ungarn, Kasachstan, usw. – , wieso zerfiel Jugoslawien wieder in Serbien, Kroatien, wieso wollen die Basken einen eigenen Staat usw.

    „…dann wären doch alle Rituale, die dieses Volks-Wir-Gefühl stärken sollen, im Grunde überflüssig. “

    Ganz und gar nicht. Denn gerade auch in ihnen und durch sie drückt sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit aus. Mir kommt vor, als verstünden Sie nicht viel von den Menschen, wenn Sie solche Dinge nicht wissen. Das ist wohl die besondere Tragik dieser vermeintlich großartigen Ideen zur Weltverbesserung: dass sie menschenfremd sind und weder die Voraussetzungen berücksichtigen, die gegeben sein müssten, um sie umsetzen zu können, noch die Konsequenzen zuende gedacht haben… wie Norbert Bischof einleitend in seinem Buch: „Moral. Ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten“ schrieb, dass es „von dem gefährlichsten, erbarmungslosesten Mordinstrument [handelt], dem mehr Menschen ihr Leben opfern mussten als den schlimmsten Naturkatastrophen.“
    Und man muss sich ja nur die Political Correctness anschauen, um zu sehen, wohin diese neue Weltordnung des Universalismus, Globalismus, Egalitarimus und Humanitarismus steuert.
    Es wird früher oder später wieder in Kriegen, Gewalt und „Strömen von Blut“ (Solschenizyn, Archipel Gulag) enden.

  33. @Trice // 19. April 2017 @ 20:01

    » …wieso haben dann kurz nach dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaats Sowjetunion wieder die Menschen, die sich als Volk verstanden, einen eigenen Staat gegründet…«

    Einige wenige hatten halt ein Interesse daran. Ich bestreite keineswegs, dass diese Volks-Erzählungen („wir gehören zum Volk der…“) bei vielen Menschen tiefe Spuren hinterlassen, die soziale Natur des Menschen begünstigt so etwas.

    »Denn gerade auch in ihnen und durch sie [den traditionellen Ritualen] drückt sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit aus.«

    Oder sie dienen gezielt dazu, den Zusammenhalt zu festigen, wohl wissend oder ahnende, dass sich sonst alles in Wohlgefallen auflösen könnte.

    »Mir kommt vor, als verstünden Sie nicht viel von den Menschen, wenn Sie solche Dinge nicht wissen.«

    Man sollte nicht unterschätzen, wie manipulativ der Mensch sein kann, wenn es um (seine) Interessen und/oder seinen Vorteil geht. Bei verklärenden Reden vom Volk, dem man angehört, werde ich jedenfalls misstrauisch und vermute dahinter nichts Gutes.

  34. @Balanus / 19. April 2017 @ 21:36

    „Einige wenige hatten halt ein Interesse daran. “

    Wären es nur einige wenige gewesen, hätten sie sich nicht durchsetzen können.

    „Ich bestreite keineswegs, dass diese Volks-Erzählungen („wir gehören zum Volk der…“) bei vielen Menschen tiefe Spuren hinterlassen, die soziale Natur des Menschen begünstigt so etwas. “

    Na sehen Sie, genau deshalb gibt es Völker, eben weil Menschen soziale Wesen sind, weil das Leben in der Gemeinschaft eine Gruppe, die sich als zusammengehörig empfindet, weil die Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil sich als Überlebensstrategie bewährt hat, insbesondere bei Ressourcenknappheit weil Zusammengehörigkeit Sicherheit gibt, vertrauensbildend wirkt, u.v.m. Da muss niemand irgendwelche Märchen erzählen. Und wer sich nicht zugehörig fühlen will, muss das ja auch nicht. Aber sich selbst auszuschließen, weil man keine Bindungen eingehen will oder kann, gibt nicht das Recht, dies von anderen Menschen ebenfalls zu fordern.

    „Man sollte nicht unterschätzen, wie manipulativ der Mensch sein kann, wenn es um (seine) Interessen und/oder seinen Vorteil geht. “

    Ganz genau. Und eben deshalb traue ich all denen nicht, die gewachsene Strukturen, genetisch/biologisch bedingte Bedürfnisse und Antriebe (auch ein Begriff, der der neuen Weltordnung zum Opfer gefallen ist und durch ‚Motivation‘ ersetzt wurde, was keineswegs dasselbe ist), die unverfügbar sind, nun wegdiskutieren wollen, um allen Menschen mit ihrer Ideologie oder Religion die größtmögliche Glückseligkeit zu verkünden. Und erreicht wurde stets das Gegenteil, weil zur Gleichmacherei halt auch gehört, dass Menschen alle anderen gleich behandeln müssten, es keine Bevorzugungen mehr geben darf und keine Bindungen an andere Menschen – denn die würde man ja dann bevorzugen und andere benachteiligen.
    Es würde, wenn man solche Menschen züchten wollte, denn von Natur aus sind Menschen nicht so, darauf hinauslaufen, seelenlose Roboter zu erschaffen. Da das aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wird auch dieser Versuch, allen Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden, enden wie die vorherigen.

    „Bei verklärenden Reden vom Volk, dem man angehört,“

    … also verklärende oder verherrlichende Reden vom Volk kenne ich nur von Diktaturen. Die kamen dann aber von denen, die an der Macht waren – Stichwort Manipulation – aber sicher nicht vom Volk. Imgrunde findet jede Diktatur, auch die, die eine werden will, ihre „Feind“-Wörter, die sie dann ideologisch auflädt, um sie (Projektion) dem Gegner als dessen Einstellung zu unterstellen und sie an ihm bekämpfen.
    Oder, in den Worten von Peter Furth*: „Kaum war nach dem Zusammenbruch des Kommunismus das Ende der Ideologien ausgerufen, trat eine neue Regelungsmacht auf den Plan, und zwar gerade auf der Seite der Sieger, im Lager der alliierten Demokratien. Hatte bis dahin der Antikommunismus die westliche Gesellschaft durch den Kampf gegen den äußeren Feind geeint, sorgte nun die ‚Political Correctness‘ durch die Bekämpfung innerer Feinde für gesellschaftliche Konformität.(…) Enthielt für die bisherigen Ideologien das Besondere, ob als Klasse, Rasse oder Nation, die Potenz des Allgemeinen in sich, so kommt umgekehrt für die Political Correctness aus dem Besonderen die Gefahr für das Allgemeine. (…)Die Gefahr, die die Political Correctness für dieses Allgemeine sieht, geht von der Sphäre des Besonderen dann aus, wenn partikuläre Existenzweisen des Menschlichen überhöht oder herabgesetzt werden, Chauvinismus in dem einen Fall, Rassismus in dem anderen.“

    „… werde ich jedenfalls misstrauisch und vermute dahinter nichts Gutes.“

    Und eben deshalb vermute ich hinter dieser neuen Weltordnung inklusive PC nichts Gutes . Denn gerade die PC ist in höchstem Maße manipulativ – und eminent feindselig. Ich werde misstrauisch, wenn eine neue Weltordnung mit moralischem Anspruch auftritt.
    Und anlässlich meiner speziellen Eigenart und den manipulativen Versuchen, meine Art der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung und meine Art zu sein zu normieren – selbstverständlich mit dem Anspruch, mir und meinesgleichen zu helfen – werde ich sogar äußerst misstrauisch, wenn schon wieder wer antritt, diesmal sogar mit dem Anspruch, alle Menschen zu normieren und gleich zu machen.

    Wenn dagegen anlässlich irgendwelcher Welt- oder Europameisterschaften sich Leute Fähnchen an die Autos stecken oder in die Balkonkästen, ist das mit Sicherheit kein Manipulationsergebnis, sondern einfach Ausdruck des eigenen Lebensgefühls.

    Und niemand hat des Recht, anderen Menschen die eigene Moral vorzuschreiben.

    * Peter Furth: (2015) „Massendemokratie“. Berlin: Landt-Verlag
    Furth war der Doktorvater von Rudi Dutschke, und er bedauert sehr, damals mit zu der Entwicklung, die wir heute erleben, beigetragen zu haben

  35. @Balanus / Manipulation?

    Da Sie schreiben:
    „Man sollte nicht unterschätzen, wie manipulativ der Mensch sein kann, wenn es um (seine) Interessen und/oder seinen Vorteil geht. Bei verklärenden Reden vom Volk, dem man angehört, werde ich jedenfalls misstrauisch und vermute dahinter nichts Gutes.“

    gehe ich darauf noch einmal ein. Der Begriff „Volk“ wurde Jahrhunderte lang verwendet, um größere Gruppen von Menschen zu bezeichnen, die sich aufgrund ihrer Sprache, Herkunft, Traditionen usw. als zusammengehörig empfunden haben. Dies gilt auch heute noch,z. B. für diese Volksstämme bzw. Völker:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Asaro_Mudmen
    https://de.wikipedia.org/wiki/Dogon

    die sich gerade auch anhand ihrer Rituale und Traditionen als Volk verstehen.

    Wenn nun ein hirnkranker Großk… diesen Begriff missbräuchlich verwendet, um seine menschenverachtenden Ideen zu verbreiten, dann liegt das nicht am Begriff selbst, sondern an seiner Verwendung. Wenn sich irgendwo eine Diktatur etablieren würde, die den Begriff „Bruder“ im Orwellschen Sinne verwendet, zu welchen sprachlichen Verrenkungen würde man sich versteigen müssen, um seinen Verwandten, der ein Bruder und keine Schwester ist, nicht mehr Bruder zu nennen?
    Manipulation wäre es, wenn man nun eine Ideologie der Moral entwickelt, mit der verhindert werden soll, dass männliche Kinder in die Welt gesetzt werden, die zu Brüdern werden könnten und diese Moral weltweit verbreitet werden muss, da sie den Anspruch erhebt, friedensstiftend zu sein.
    Manipulation wäre es, wenn jeder, der nun das Wort „Bruder“ verwendet, der Absicht verdächtigt wird, nun die menschenverachtende Auffassung des Diktators zu teilen.
    Manipulation ist es, wenn man sich, vom moralischen Anspruch der Ideologie fasziniert, dieser Auffassung anschließt und unreflektiert einen Begriff mit der Bedeutung versieht, die ihm in einer Diktatur gegeben wurde, die er aber zuvor nie hatte.
    Und genau das passiert gerade mit der PC: die elitäre Sprache versucht, ihrer Ideologie gemäß, einen Begriff mit einer Bedeutung zu versehen, die alle, die ihn verwenden, zu ihrem Gegner macht, der imsinne der Ideologie bekämpft werden muss. Die populistische Sprache versucht, einen vor Jahrhunderten eingeführten Begriff seiner missbräuchlichen Verwendung zu entkleiden und ihm seine ursprüngliche Bedeutung wiederzugeben.

    Man sollte Manipulation wahrhaftig nicht unterschätzen, denn gerade die eigene moralisch-ethische Einstellung macht anfällig für Manipulation.

  36. @Trice

    »Und eben deshalb traue ich all denen nicht, die gewachsene Strukturen, genetisch/biologisch bedingte Bedürfnisse und Antriebe (…), die unverfügbar sind, nun wegdiskutieren wollen, um allen Menschen mit ihrer Ideologie oder Religion die größtmögliche Glückseligkeit zu verkünden.«

    Man kann „genetisch/biologisch bedingte Bedürfnisse und Antriebe“ als gegeben betrachten und dennoch streng zwischen biologischen Bedingtheiten und kulturellen Errungenschaften unterscheiden. Die sogenannte Volkszugehörigkeit gehört nicht zur Biologie des Menschen. Und ob es ein biologisch begründetes Bedürfnis nach einer Volkszugehörigkeit gibt, das wäre erst noch zu zeigen. Mit PC hat das alles rein gar nichts zu tun.

    »Der Begriff „Volk“ wurde Jahrhunderte lang verwendet, um größere Gruppen von Menschen zu bezeichnen, die sich aufgrund ihrer Sprache, Herkunft, Traditionen usw. als zusammengehörig empfunden haben.«

    Ja, sicher, ist doch meine Rede, es handelt sich schlicht um eine Bezeichnung für eine kulturell definierte Einheit, und nicht um etwas natürlich Gewachsenes, also organische Einheit. Volkszugehörigkeit wird durch Lernen erworben und ist nicht angeboren (wobei die Sache mit der „Herkunft“ noch einer gesonderten Betrachtung wert wäre).

    Wenn mir z. B. ein Dogon-Mensch erzählt, er gehöre zum Volke der Dogon, dann fordert die Political Correctness, dass ich dies anerkenne. Mach ich gerne, warum nicht. Wenn mir ein Mensch aus Sachsen oder Hamburg erzählt, er gehöre zum Volke der Deutschen oder gar Germanen, dann frage ich mich, ob er noch richtig tickt, PC hin oder her.

    »Die populistische Sprache versucht, einen vor Jahrhunderten eingeführten Begriff seiner missbräuchlichen Verwendung zu entkleiden und ihm seine ursprüngliche Bedeutung wiederzugeben.«

    Die ursprüngliche Bedeutung gibt es ja noch, da gibt es nichts „zu entkleiden“. Im „Wir sind das Volk“ kommt sie m. E. ebenso zum Ausdruck wie im Volksbegriff der Ethnologen. Nicht so eindeutig verhält es sich, wenn z. B. gesagt wird: „Ein Volk will überleben“, das klingt dann doch schon sehr nach einem Volksbegriff, bei dem besondere Eigenschaften eines Volkes beschworen werden sollen, grad so, als sei ein Volk so etwas wie eine naturgegebene organische Einheit.

  37. @Balanus /
    24. April 2017 @ 21:56

    „Man kann „genetisch/biologisch bedingte Bedürfnisse und Antriebe“ als gegeben betrachten und dennoch streng zwischen biologischen Bedingtheiten und kulturellen Errungenschaften unterscheiden. “

    Ich fürchte, das ist der kleinstmögliche Nenner, auf den wir uns einigen können. Denn …

    „Die sogenannte Volkszugehörigkeit gehört nicht zur Biologie des Menschen.“

    …da endet das Gemeinsame auch schon. Zur Biologie des Menschen gehört die Gruppenbildung. Und ob man die Gruppe nun Gruppe, Gemeinschaft, Stamm, Clan oder Volk nennt, hängt u.a. von der Zahl der Mitglieder ab.

    „Und ob es ein biologisch begründetes Bedürfnis nach einer Volkszugehörigkeit gibt, das wäre erst noch zu zeigen.“

    Kommt darauf an, wo man anfängt. Auch ein Bienenvolk ist ein Volk – und Staatenbildung finden man vor allem (nicht nur) bei Insekten. Ihre Mitglieder erkennen sich u.a. am Geruch.
    Gruppenbildung findet man, das müsssten Sie noch besser wissen als ich, eben auch im Tierreich. Dass diese genetisch bedingte Gruppenbildung sich bei den verschiedenen Arten unterscheidet, hat verschiedene Ursachen und Gründe. Zur Gruppenbildung beim Menschen gibt es im übrigen Forschungen, z. B. die
    „Theorie der sozialen Identität“. Und ganz allgemein kann man dazu hier nachlesen:
    http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/gruppe/6113

    „Mit PC hat das alles rein gar nichts zu tun.“
    Es hat sogar ausschließlich etwas damit zu tun, wie Ihre Antwort zeigt:

    „Wenn mir z. B. ein Dogon-Mensch erzählt, er gehöre zum Volke der Dogon, dann fordert die Political Correctness, dass ich dies anerkenne. Mach ich gerne, warum nicht. Wenn mir ein Mensch aus Sachsen oder Hamburg erzählt, er gehöre zum Volke der Deutschen oder gar Germanen, dann frage ich mich, ob er noch richtig tickt, PC hin oder her. “

    Die Frage ist doch: wo ist der Unterschied, ob jemand sagt, er gehöre zum Volk der Dogon oder er gehöre zum Volk der Deutschen (die Germanen können wir außen vorlassen, sonst müssten wir noch die Alemannen, die Kelten usw. dazuzählen) ? Ob ein Deutscher aus Sachsen oder Hamburg stammt oder ein Dogon zu einer der diversen Gemeinden und einen der 15 verschiedenen Dialekte spricht und sich zum Islam bekennt, auch die Dogon sind, was das angeht, heterogen und dennoch ein Volk.
    Wenn Sie allerdings sagen, die PC _fordere_ bei den Dogon deren Anerkennung als Volk, während sie bei den Deutschen meint, Sprachhygiene üben zu müssen, und ideologisch motiviert vorgeht, wie beim Unterschied zwischen den Geschlechtern, der ebenfalls von der biologischen auf die kulturelle Ebene gehievt werden muss, um dem vermeintlich aufklärerischen Prinzip der Egalisierung zu dienen, dann ist das PC – und nicht etwas naturgesetzlich Begründbares. Wenn Sie also zwischen biologischer und kultureller Ebene unterscheiden wollen, dann dürfen Sie genau das nicht tun. Denn was auf biologischer Ebene gegeben ist, findet seinen Ausdruck _auch_ auf der kulturellen Ebene.

    Wenn Sie es bei den Dogon also gern machen, sie als Volk zu bezeichnen, einem Deutschen aber unterstellen, er ticke nicht richtig, dann liegt Ihrer Unterscheidung zugrunde, dass
    a) die Dogon nicht in den Genuss der Aufkärung gekommen sind, weshalb man ihnen aus der hohen Warte der Aufklärung ihre Rückständigkeit zubilligen kann, während ein Deutscher zur aufgeklärten Masse gehört und er deshalb als Gegner einer ethisch-moralischen Grundeinstellung angesehen (und bekämpft, ausgegrenzt, diskriminiert) werden muss, wenn er sich nicht indoktrinieren lassen will;
    und b) Sie die Welt offenbar nicht in der vorzufindenden Weise akzeptieren, sondern sie ideologisch motiviert verbessern wollen. Das Problem ist nur, dass es die Welt nicht deshalb gibt, weil es uns gibt und damit es uns gut geht, und der Zweck unseres Daseins in der Aufgabe liegt, den Menschen zu optimieren – Aufklärung hin oder her. Mit jeder Maßnahme, die in diese politisch korrekte Richtung geht, entsteht zugleich der Widerstand gegen sie. Oder anders ausgedrückt: Je mehr die Etablierung der neuen Weltordnung vorangetrieben wird, umso größer wird der Widerstand, und umso stärker wird eintreten, was man dank PC verhindern will.
    Oder ist Ihnen nicht aufgefallen, dass trotz ‚Toleranz‘ die Rohheit der Sprache enorm zugenommen hat, dass trotz PC, Antifa, den Ausgrenzungsversuchen und Angriffen gegen Konservative, um den Rechtsruck in der Gesellschaft zu verhindern, der Antisemitismus und die rechtsradikale Gewalt zugenommen haben? Ich nenne das den Laios-Dornröschen-Effekt.

    „„Ein Volk will überleben“, das klingt dann doch schon sehr nach einem Volksbegriff, bei dem besondere Eigenschaften eines Volkes beschworen werden sollen, grad so, als sei ein Volk so etwas wie eine naturgegebene organische Einheit.“

    Es _ist_ eine organische Einheit, und das Naturgegebene daran ist die Gruppenbildung. Was ich nicht begreife ist, wie man meinen kann, eine von Menschen ersonnene Ethik und Moral müssten wirkmächtiger sein als naturgegebene Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten, weshalb es uns obliegt, Welt und Menschheit zu verbessern.
    Klingt wie der Spruch, den meine Kinder vor 25 Jahren, in der Pubertät, so superkomisch fanden: Lieber Gott, gib doch zu, dass ich klüger bin als du. Und nun preise meinen Namen, denn sonst setzt es etwas. Amen
    Nur, dass wir statt Gott nun Natur einsetzen müssen …

  38. @Trice

    »Zur Biologie des Menschen gehört die Gruppenbildung. Und ob man die Gruppe nun Gruppe, Gemeinschaft, Stamm, Clan oder Volk nennt, hängt u.a. von der Zahl der Mitglieder ab.«

    Eine biologisch begründete Gruppenbildung geht bei H. sapiens wohl kaum über 100 Gruppenmitglieder hinaus. Alles darüber ist kulturell bedingt, d. h. von den Menschen so gewollt. Davon abgesehen, ab welcher Zahl wird denn die Gruppe zu einem Volk? (Wir haben es hier offenbar mit einer Variante des Sorites-Paradoxes zu tun, bringt der Begriff „Volk“ wohl so mit sich)

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Psychologie die Auffassung vertreten wird, dass der Prozess der Gruppenbildung bis hin zur Bildung eines Volkes geht.

    »Auch ein Bienenvolk ist ein Volk – und Staatenbildung finden man vor allem (nicht nur) bei Insekten.«

    Hier hat man der Tierwelt kulturelle Begriffe aus der Lebenswelt der Menschen übergestülpt. Damit lässt sich also schlecht argumentieren. Ein Bienenvolk oder Ameisenstaat ist eher so etwas wie ein aus vielen Einzeltieren bestehender Superorganismus. Die Arbeitsteilung dort ist voll genetisch determiniert (wie bei Zellen und Organen in einem Körper), während es beim Menschen allenfalls genetisch bedingte Begabungen und Neigungen für bestimmte Tätigkeiten gibt.

    »Die Frage ist doch: wo ist der Unterschied, ob jemand sagt, er gehöre zum Volk der Dogon oder er gehöre zum Volk der Deutschen (…) ?«

    Ich habe mich da an der Ethnologie orientiert. Wir finden auf Wiki eine halbwegs schlüssige (rein kulturelle) Beschreibung des Volkes der Dogon, aber keine inhaltlich ähnliche für das Volk der Deutschen.

    »Wenn Sie allerdings sagen, die PC _fordere_ bei den Dogon deren Anerkennung als Volk, …«

    Eigentlich habe ich von einzelnen Menschen gesprochen, die gerne als Teil eines (kulturell definierten) Volkes anerkannt werden möchten. Im Falle der Dogon akzeptiere ich das, weil eben das Dogon-Volk noch als ein umschriebenes kulturelles Gebilde erkennbar ist. Im Falle des Deutsch-Volkes kann ich nichts Vergleichbares erkennen. Ethnologisch gesehen gibt es kein dem Volk der Dogon vergleichbares Volk der Deutschen (das behaupte mich jetzt mal frech, im Vertrauen auf die Vernunft dieser Wissenschaftler).

    »Denn was auf biologischer Ebene gegeben ist, findet seinen Ausdruck _auch_ auf der kulturellen Ebene.«

    Kultur gehört zur Natur des Menschen, das ist im Grunde trivial. Eine Kultur, die der Natur des Menschen zuwiderläuft, ist zwar vorstellbar, aber meines Erachtens kaum (dauerhaft) realisierbar. Allerdings, wenn man sich so umschaut, wie divers die gelebten Kulturen weltweit sind, dann wir klar, dass die Biologie des Menschen extrem viel Raum für kulturelle Eigenarten lässt.

    »Was ich nicht begreife ist, wie man meinen kann, eine von Menschen ersonnene Ethik und Moral müssten wirkmächtiger sein als naturgegebene Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten, weshalb es uns obliegt, Welt und Menschheit zu verbessern.«

    Welche naturgegebenen Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten? Ich kann mich hier nur wiederholen: Wenn es um das Naturgegebene geht, spielen Ethik und Moral keine Rolle. Diese kommen erst dann ins Spiel, wenn es um Handlungen und Kreationen der Menschen geht—wie es eben bei Völker, Staaten und Nationen der Fall ist.

    Meine Unterscheidung von Kultur und Natur hat absolut nichts mit politischer Korrektheit zu tun, sondern ist in der Sache begründet.

  39. @Balanus /
    26. April 2017 @ 08:28

    „Eine biologisch begründete Gruppenbildung geht bei H. sapiens wohl kaum über 100 Gruppenmitglieder hinaus. Alles darüber ist kulturell bedingt, d. h. von den Menschen so gewollt. “

    Sie vergessen oder übersehen, dass es in der Natur auch so etwas wie einen Hang zur Gigantomanie gibt, allerdings bisher immer mit dem Effekt, dass, wenn etwas zu groß wurde, die Nachteile die Vorteile aufwogen und entweder wieder auf ein kleineres Maß zurückgestutzt wurde oder es ganz von der Bildfläche verschwand.
    Gegenwärtig leben wir wohl wieder in einer gigantomanischen Periode: Die Volksstämme werden größer und die Völker eben auch – was heißt, dass auch verschiedene, aber verwandte ethnische Gruppen ein Volk bilden können, und zwar deshalb, weil sich Strukturen herausgebildet haben, die auch die Organisation einer vergleichsweise sehr großen Gruppe noch möglich machen. Das hat weitaus weniger mit Kultur zu tun, als mit dem Hang zur Gigantomanie. Die ihre Grenzen allerdings dort hat, wo man – um beim Volk zu bleiben -, gegen die Interessen der Mitglieder eines Volkes verstößt. Und dann ist der Satz „Wir sind das Volk“ keine Anmaßung mehr, sondern ein Ausdruck berechtigter Interessen.

    Ob es allerdings gelingt, die Länder (und Völker) Europas zu einem Volk zusammen zu schließen, wage ich zu bezweifeln.

    „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Psychologie die Auffassung vertreten wird, dass der Prozess der Gruppenbildung bis hin zur Bildung eines Volkes geht.“

    In der Psychologie sicher nicht, das betrifft die Soziologen. Die Psychologen interessiert nur der Hang bzw. das Bedürfnis der Gruppenbildung.

    „Hier hat man der Tierwelt kulturelle Begriffe aus der Lebenswelt der Menschen übergestülpt. Damit lässt sich also schlecht argumentieren. Ein Bienenvolk oder Ameisenstaat ist eher so etwas wie ein aus vielen Einzeltieren bestehender Superorganismus. “

    Sehen Sie, :-), der Hang zur Gigantomanie, ;-). Damit lässt sich sogar hervorragend argumentieren, denn es kommt ja darauf an, in welcher Weise ein Großverband strukturiert und organisiert ist. Sie sollten aufs große Ganze achten, nicht auf die Detaisl und deren Beziehungsverhältnis, 😉 .

    „Im Falle der Dogon akzeptiere ich das, weil eben das Dogon-Volk noch als ein umschriebenes kulturelles Gebilde erkennbar ist. Im Falle des Deutsch-Volkes kann ich nichts Vergleichbares erkennen.“

    Nicht? Dann liegt das wohl daran, dass Sie den Begriff „Volk“ tatsächlich nur als Gebilde gemeinsame Rituale und Gebräuche sehen. Ich sehe ihn auch geschichtlich und kulturell bedingt – geschichtlich, was das deutsche Volk betrifft, beginnend mit den Ottonen, kulturell zähle ich hinzu, wer in den Künsten und in der Philosophie zur Entwicklung beigetragen hat.

    „Ethnologisch gesehen gibt es kein dem Volk der Dogon vergleichbares Volk der Deutschen (das behaupte mich jetzt mal frech, im Vertrauen auf die Vernunft dieser Wissenschaftler). “ Na, auf deren Vernunft würde ich mich derzeit nicht verlassen, sonst hätte es einen March of Science nicht geben müssen. (Ironie off)
    Das mit dem ethnologischen Vergleich dürfte schon deshalb schwierig werden, denn die Ethnologie vergleicht ethnologische Gruppen und indigene Völker, aber keine Staatengebilde, die sich als Volk bezeichnen. deshalb können sich aber auch verschiedene ethnische Gruppen als „einem Volk“ zugehörig bezeichnen.

    „Welche naturgegebenen Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten? Ich kann mich hier nur wiederholen: Wenn es um das Naturgegebene geht, spielen Ethik und Moral keine Rolle. “

    Na, jetzt aber: das ist doch, was ich moniere, dass mit der Political Correctness ständig , was auf die biologische und naturgegebenes Ebene gehört, auf die kulturelle gehievt wird – wobei die naturgegebene geleugnet werden muss – , nur um die moralisch-ethische Ideologie des Egalitarismus und Universalismus allen Menschen überzubraten. Und nun stimmen Sie mir plötzlich zu und schreiben, dass Ethik und Moral bei Naturgegebenem keine Rolle spielen?
    Und was Völker und Nationen seien „Kreationen“ von Menschen betrifft: die Kreation – imsinne von Schöpfung, Erschaffung – von Volk und Völkern ist ebenso in der Natur begründet, wie die _Kreation_ von Kultur. Nur die KulturPRODUKTE werden von Menschen erschaffen. Volkprodukte dagegen sind Staaten.

    Also: die missbräuchliche Verwendung der Begriffe, die Negierung des Einen, um es dem anderen zuzuweisen, ist nicht in der Sache, sondern in der Ideologie begründet.

  40. @Balanus: Nachtrag

    Jetzt habe ich in Wiki noch mal zu den Dogon nachgelesen… also da steht , sie seien eine afrikanische Volksgruppe – also eine _Gruppe_, die sich als Volk versteht. Ungeachtet dessen ist es nicht ausschließlich die Kultur, die ein Volk zum Volk macht, sondern die Abstammung.
    In meinem Personalausweis steht „Staatsangehörigkeit: deutsch“ , meine Eltern waren Deutsche, im Stammbaum habe ich diverse Holländer und Franzosen, die aber „eingedeutscht“ wurden (ihre Nachnamen waren in der nächsten Generation bereits verändert, und mit dem deutschen Nachnamen kombiniert worden), und zurückverfolgen kann ich meinen Stammbaum bis ins 12. Jahrhundert väterlicher- und 16. Jahrhundert mütterlicherseits. Da ich eine Staatsangehörigkeit habe, also einem Staat angehöre, der sich Deutschland nennt, und der sich nach der Drei-Elemente-Regel aus Staatsgebiet, Staatsvolk (sic!) und Staatsgewalt zusammensetzt, bin ich mir sehr sicher, zum deutschen Volk zu gehören. Wenn nun aus ideologischen Gründen der Begriff „Volk“ politisch nicht korrekt ist, dann stimmt etwas mit der Ideologie nicht.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +