Update: Thirty Meter Telescope vs. heiliger Berg und mehr

Vor anderthalb Monaten hatte ich an dieser Stelle über den Bau des Thirty Meter Telescope (TMT) auf dem Berg Maunakea in Hawaii sowie über die Proteste der Native Hawaiians dagegen geschrieben. In der Zwischenzeit bin ich den Online-Diskussionen insbesondere der Astronomen über das Thema gefolgt und hatte auch selbst ein sehr spannendes Treffen mit einem jungen Native Hawaiian, der Wissenschaftler ist und sich über die astronomischen Hintergründe informieren wollte.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich bei mir das Gefühl einer doch sehr verfahrenen Situation vertieft: Auf der einen Seite die TMT-Astronomen die überzeugt sind, sich an alle Regeln gehalten und ausgiebige Vorab-Anhörungen durchgeführt zu haben und daher frustriert sind, dass sich der Bau jetzt verzögert; auf der anderen Seite die Native Hawaiians, für die das TMT sich leider nur zu nahtlos in die Kolonialgeschichte einpasst (siehe meinen erste Artikel zum Thema) und die entsprechend frustriert wird, wenn die TMT-Konstruktion jetzt stur weitergehen sollte.

Insbesondere hatte ich den Eindruck: Von Seiten der Astronomen und TMT-Befürwortern ist es in einer solchen Situation mit reinen Erklärungen nicht getan. Ein Dialog nur über das TMT, bei dem der Ausgang (TMT ist legal und wird gebaut!) für die Astronomen schon feststeht, ist kein echter Dialog sondern etwas sehr Einseitiges. Ein Kompromiss, bei dem die Native Hawaiianer nicht (wie in ihrer Geschichte schon so oft) ganz zurückstecken müssen, musste bedeuten, dass auch die Astronomen ihre Position ändern – und das ist bei einer Ja-Nein-Frage wie dem TMT-Bau abgesehen von einer kompletten Kehrtwende nicht möglich.

Gestern hat sich nun der Gouverneur des Staates Hawaii, David Ige, zur Situation geäußert und einen Kompromissvorschlag gemacht. Ige hatte sich vorher bereits in den Konflikt eingemischt und zum Konstruktionsbeginn einen freiwilligen Baustop von einer Woche gefordert; daraus ist, soweit ich sehen kann, geworden, dass die Bauarbeiten bis heute nicht angefangen haben.

Iges Pressekonferenz kann man hier direkt ansehen:

Hier kann man die Zusammenfassung nachlesen. Ige hat noch einmal bekräftigt, dass das TMT nach der jetzigen Rechtslage – einige Verfahren sind noch anhängig – das Recht hat, mit dem Bau zu beginnen, und dass diejenigen, die friedlich protestieren, auch dazu das Recht haben. Die Aussage, dass rechtmäßige Nutzung der Straßen möglich sein muss, zeigt aber auch schon, dass die Proteste eingeschränkt werden – wenn das TMT weiterbauen möchte, sollen die Baufahrzeuge durchkommen.

Ige hat die Proteste aber auch direkt an die Zukunft von Maunakea geknüpft. Zugangsbeschränkungen, ein Mauna Kea Cultural Council, das könnte man als bloße Beschwichtigungsgesten abtun, wenn Ige sie nicht direkt in den Zusammenhang mit der Verlängerung des Observatoriums-Mietvertrags gestellt hätte, der noch bis 2033 läuft. Der Cultural Council soll nämlich auch in Bezug auf solche Mietverträge Mitspracherecht haben, und der Universität Hawaii hat Ige gleich eine ganze Latte von Empfehlungen gegeben, wie sie sich verhalten sollte, wenn der Staat ein „langfristiger Partner (und Vermieter)“, Wink mit dem Zaunpfahl, sein solle:

Eine bindende Aussage, dass das TMT die letzte neue Fläche für Teleskope wird. Freiwillige Rückgabe derjenigen 4000 Hektar, die nicht für die Astronomie genutzt werden bzw. für das TMT verplant sind. Einen weniger langfristigen Mietvertrag (der jetzige läuft insgesamt 65 Jahre). Abbau von einem Viertel der bestehenden Teleskope, vollzogen bis das TMT fertig ist. Und eine deutlich höhere Miete als der jetzige symbolische Dollar pro Jahr, am besten freiwillig bereits jetzt.

Damit sind jetzt Karten auf dem Tisch, wie ein Kompromiss aussehen könnte, bei dem weder die jetzigen Proteste umsonst waren noch die Astronomen ein bereits voll durchfinanziertes und genehmigtes TMT zurückziehen müssten. Ob die beteiligten Parteien das auch so sehen, bleibt abzuwarten. Die für einen Nature-Newsbeitrag befragten Astronomen haben sich verhalten positiv geäußert. Wieweit diejenigen, die protestieren, einen solchen Kompromiss mittragen würden, kann ich nicht beurteilen. Dort, wo sie in den Medien überhaupt befragt wurden, war die Reaktion eher negativ. Und die Gerichtsverfahren um das TMT sind auch noch nicht abgeschlossen.

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online [http://www.einstein-online.info]. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie [http://www.haus-der-astronomie.de] leitet, ein neues Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Forderungskatalog von Ige ist ein – wie man bereits erkennen kann – vergeblicher Versuch, die Protestler zu besänftigen, der gleichzeitig mit insbesondere der Forderung nach dem Abriss mehrerer kleinerer aber wissenschaftlich produktiver Teleskope erheblichen Schaden für die Astronomie wie auch für die Wirtschaft von Hawaii verursacht, wenn er denn umgesetzt wird. (Ob das der Governor einfach so anordnen kann, ist auch noch die Frage.) Da darf man als Astronom schon mal „einseitig“ Position beziehen …

  2. Ob vergeblich oder nicht bleibt abzuwarten. Und klar kann man einseitig Position beziehen – unter diesen Vorzeichen lief das auf dem Maunakea ja nicht zuletzt über Jahrzehnte. Aber das ist doch gerade der Punkt: „Wir sind zum Dialog bereit, solange das nicht bedeutet, dass wir irgendwelche Abstriche machen müssen“ ist nunmal keine Haltung, die ernsthaftes Interesse an den Anliegen der Gegenpartei erkennen lässt.