Unkontrollierte Journalisten

Auslese 2011Die Diskussion darüber, ob Wissenschaftsjournalisten den Wissenschaftlern, über die sie berichten, ihre Texte zum Gegenlesen geben sollten, läuft in der englischsprachigen Online-Welt schon seit ein paar Wochen – und schwappt jetzt auch in die deutschen Medien. Ein Plädoyer für mehr Pragmatismus.

Wenn Journalisten ihren Gefühlen pro oder kontra so richtig freien Lauf lassen, kann sprachliches Feuerwerk dabei herauskommen. So geschehen in der Süddeutschen vom 15.10., wo Patrick Illinger unter dem Titel „Wissenschaftliche Hilfskräfte“ in eine Diskussion einsteigt, die seit einigen Wochen vor allem in der britischen Onlineszene am köcheln ist. alt

Worum geht es? Um eine Vorgehensweise, von der mir gar nicht klar war, dass sie so kontrovers sein kann: Dass nämlich einige Journalisten, die über Wissenschaftsthemen berichten und dazu Wissenschaftler interviewen, ihren Interviewpartnern den Artikeltext anschließend noch einmal zum Gegenlesen geben, um sicherzustellen, dass es mit den wissenschaftlichen Aussagen in dem Artikel seine Richtigkeit hat.

Pardon, das ist natürlich nur meine Lesart der Diskussion, die, soweit ich sehen kann mit einem Webcast aus der Serie „This Week in Virology“ vom 18.9. begann. Dort bekannte sich die Medizinjournalistin Trine Tsouderos zu eben dieser Praxis – ich vermute: ohne zu ahnen, was sie damit an Diskussionen ins Rollen bringen würde. Die Diskussionwelle begann zunächst auf Twitter (wo ich die Diskussion nicht verfolgt habe). Direkt anschließend schwappte sie auf das PLoS-Blog take as directed von David Kroll, der die Frage noch am gleichen Tag an seine Leser weitergab: „When do you fact-check article content with sources?“ Viele Kommentare der Leser sind wirklich aufschlussreich, zumal sich dort einige interessante Diskutanten zu Wort melden, z.B. John Rennie, der von 1994 bis 2009 Chefredakteur von Scientific American war, und Jennifer Ouellette von Cocktail Party Physics.

Die Kommentare zu diesem Blogbeitrag bieten eine interessante, differenzierte Diskussion von Für und Wider, Problemen und Lösungsansätzen: Dass es sinnvoll sei, „fact-checking“ in dieser Weise vorzunehmen. Dass selbst gestandene Wissenschaftsjournalisten durchaus nicht immer alle Nuancen des Themas so kennten, wie es für eine schlüssige Vereinfachung nötig sei. Dass einige Wissenschaftler anlässlich des Gegenlesens aber durchaus einmal versuchten, auch auf den Ton oder die weitergehenden Schlüsse des Artikels Einfluss zu nehmen, was natürlich nicht ginge. Dass es einige Wege gäbe, diese ungewollte Nebenwirkung des fact-checking zu verhindern: allein schon, wenn man die Rückmeldung per Telefon einholen würde (wobei der Journalist je nach Einzelfall gar nicht den ganzen Artikel, sondern nur einige Abschnitte referiert) würde dies die Lage bereits entspannen, und ein freundlich-bestimmter Hinweis ganz am Anfang, in welcher Rolle (fact-checker, nicht Hilfsredakteur) der Autor den Wissenschaftler hier um Hilfe angehe, täte ein übriges. In schwierigen Fällen, auch das sicher ein guter Tipp, könne man den Text ja einfach mit einem anderen Wissenschaftler als dem Interviewpartner besprechen; einem Wissenschaftler, der sich in dem betreffenden Fachgebiet gut auskenne, aber nicht an der Forschungsarbeit, über die berichtet werde, beteiligt sei.

Insgesamt eine aus meiner Sicht ausgewogene Diskussion, in der einerseits die Grenzen dessen, was ein Wissenschaftsjournalist leisten kann – selbst ein guter – zur Sprache kamen und andererseits klargestellt wurde, dass es natürlich, gerade bei kontroversen Themen, auch darum geht, dass der Journalist auch in der Wissenschaft kritische Distanz zu dem hält, worüber er berichtet.

Was die Substanz angeht, hätte die Sache damit erledigt sein können.

Stattdessen folgte der nächste Akt: Im Blog Notes & Theories der britischen Zeitung The Guardian meldete sich am 29.9. Ananyo Bhattacharya zu Wort, seines Zeichens Chefredakteur von Nature online. Und schon waren wir auf dem besten Weg ins Scherenschnitt-Land: „Scientists should not be allowed to copy-check stories about their work“ lautete der Titel, und im Blogbeitrag selbst ging es um Grundsätzliches: Niemand solle den Wissenschaftlern, die anbieten, Artikel gegenzulesen, in die Falle gehen! Peng! Solch ein Vorgehen sei Betrug am Leser! Puff! Schon der bloße Umstand, dass jemand den Artikel gegenlesen lasse, setze den Journalisten der Gefahr aus, sich beeinflussen zu lassen! Kawumm! Und würde dieses Vorgehen nicht automatisch zeigen, dass Wissenschaftsjournalismus weniger ernstzunehmen sei als politischer oder Wirtschaftsjournalismus, wo den Journalistenkollegen gar nicht in den Sinn käme, ihre Geschichten vorher gegenlesen zu lassen?

Auf einmal waren die ganzen Nuancen wie weggeblasen – nicht mehr um praktische Fragen ging es, sondern die Seriösität des Wissenschaftsjournalismus an sich stand auf dem Spiel. Eigentlich schade. Und im Vergleich mit der erwähnten vorigen Diskussion ein klarer Rückschritt.

So plakative Meinungsäußerungen rufen Gegenspieler auf den Plan. In diesem Falle drei britische Neurowissenschaftler, die am 11.10. in einem Beitrag im gleichen Guardian-Blog argumentierten: „Scientists should be allowed to check stories on their work before publication“. Da schlug das Pendel dann in die andere Richtung aus: Wissenschaft ist anders! Wissenschaftliche Fachartikel hätten schließlich einen „peer review“ durchlaufen, also eine (mehr oder weniger tiefgehende) Beurteilung durch (in der Regel anonym bleibende) Fachkollegen.  Deswegen – der Blogbeitrag beschreibt das eher indirekt, aber den Grundtenor sollte ich richtig eingefangen haben – müsste da nicht auch noch der Journalist kritisch herangehen, und überhaupt gäbe es in der Wissenschaft ja gar keine Parteien wie in der Politik, Wissenschaftler würden ihren Kollegen sowieso schon kritisch gegenüberstehen, und so weiter und so fort. Nun gut, auch das kann man nur sehr begrenzt ernstnehmen.

Mit genau diesem Artikel schwappte die Diskussion dann in die Süddeutsche Zeitung (15.10.2011, S. 24; soweit ich sehen kann noch nicht online verfügbar). Es ist mir unklar, ob der Autor, Patrick Illinger, überhaupt mitbekommen hat, was da an vorangehender Diskussion überhaupt gelaufen war. Bei ihm liest es sich, als sei der Beitrag der drei Neurowissenschaftler quasi vom Himmel gefallen: „[Wissenschaftlern Artikeltexte vorzulegen] solle generelle Praxis werden, forderten in dieser Woche Neuroforscher und Psychologen in der britischen Zeitung The Guardian„, und dann beginnt das sprachliche Feuerwerk: Vom provokanten Titel „Wissenschaftliche Hilfskräfte?“ bis hin zur Formulierung, es gehe darum, Wissenschaftler wollten Journalisten kontrollieren, über das „groteske[] Weltbild“ der Neurowissenschaftler, das „an Naivität kaum zu überbieten“ sei, wird munter ‚draufgehauen. „[D]ie (durchaus vorkommenden) Fehlleistungen von Journalisten“ seien gar nicht das große Problem (und sind damit dementsprechend auch schon abgehandelt); viel problematischer sei die „Kakophonie moderner Wissenschaft“, bei dem man schon fast für jede Aussage und für ihr genaues Gegenteil Bestätigung durch einen Experten finden könne.

Das ist Polemik vom Feinsten; da ist nie von einem Experten die Rede, wenn auch ein „Weißkittel“ beschworen werden kann, und wen schert der Alltag kleinerer journalistischer Ungenauigkeiten, wenn man stattdessen den Stammzellenbetrüger Woo-Suk Hwang aufmarschieren lassen kann, samt der „500 Wissenschaftsjournalisten“, die zu den ihnen dagebotenen Unwahrheiten „ehrfürchtig“ „nickten“? Am Ende dann der Aufruf: „Nein, Wissenschaftsjournalismus muss sogar noch mehr hinterfragen, statt sich kontrollieren zu lassen.“

Zurück auf den Teppich: Meinen eigenen Erfahrungen nach ging es dort, wo Journalisten mir Teile eines Textes mit der Bitte, sie gegenzulesen, haben zukommen lassen, nicht um Kontroverses oder um Einschätzungen, bei denen ein Interessenskonflikt hätte gegeben sein können. Es ging um Grundlagen, um die richtige Darstellung bestimmter Forschungsergebnisse, -methoden oder der zugrunde liegenden physikalischen Theorien und, ja: ich hatte dann mehrmals die Gelegenheit, eine in die falsche Richtung vereinfachte Formulierung oder einen falschen Schluss, den der Journalist aus meinen Aussagen gezogen hatte, gerade zu rücken. Wurde der Artikel dadurch besser? Da habe ich keine Zweifel. Wurden die Journalisten dadurch zu „wissenschaftlichen Hilfskräften“ degradiert? Lächerlich; wie die Geschichte zu erzählen war, was sie daran wichtig und mitteilenswert fanden, das hatten die Journalisten selbst entschieden. Wenn man bei diesen Interaktionen einen der Beteiligten als Hilfskraft hätte titulieren wollen, wäre ich das gewesen.

Waren es „Fehlleistungen“ der Journalisten, die ich da abbiegen konnte? Aus meiner Sicht nicht. Im Wechselspiel mit einem Wissenschaftler auszuloten, welche Vereinfachungen noch zulässig sind, ist doch ein durchaus produktiver Arbeitsablauf. Eine Fehlleistung wäre gewesen, wenn die Journalisten ihre Formulierungen ungeprüft hätten stehen lassen.

Ich mache das übrigens, wenn ich für das Max-Planck-Institut für Astronomie Pressemitteilungen verfasse, ganz ähnlich: Ich rede mit den Kollegen, um deren Fachartikel es geht, schreibe dann möglichst klar und eindeutig so auf, wie ich die Sache verstanden habe – und merke, wenn ich meinen Textentwurf mit den betreffenden Kollegen noch einmal durchgehe, direkt, wo ich etwas in den falschen Hals bekommen, einen falschen Akzent gesetzt oder eine irreführende Formulierung gewählt habe.

Klar sollte sein, dass verschiedene Arten von Journalisten über Wissenschaft schreiben. Einige beschränken sich auf ein mehr oder weniger großes Teilgebiet der Wissenschaft, in dem sie sich sehr gut auskennen. Wieder andere, und das ist ja durchaus löblich, sind in verschiedenen Wissensgebieten tätig, fuchsen sich aber jeweils so in ihr Thema ein (oder vermeiden vielleicht Formulierungen, derer sie sich nicht ganz sicher sind?), dass auch ohne Wissenschaftler-Gegenlese-Hilfe ein solider Text dabei herauskommt. (Zu dieser Gruppe scheint, flüchtigem Durchlesen einiger seiner online verfügbaren Artikel zufolge, auch Patrick Illinger zu gehören.) Andere Journalisten wiederum scheinen es hilfreich zu finden, wenn Wissenschaftler zumindest einen Teil ihrer Texte gegenlesen. Davon geht die journalistische Welt nicht unter, und diesen Kollegen zu unterstellen, sie wüssten nicht, was sie da tun, wären sich der Risiken nicht bewusst und würden zu wenig hinterfragen, wäre dann doch ein ziemlich starkes Stück.

Ebenso klar sollte sein, dass die Gefahr der Einflussnahme je nach Situation unterschiedlich groß ist. Ein Artikel über die Entstehung von Sonnensystemen aus protoplanetaren Scheiben? Wahrscheinlich eher weniger kontrovers. Berichterstattung über ein neues, noch wenig erprobtes Medikament? Lieber nicht auf einen einzigen Wissenschaftler verlassen, sondern weitere Kollegen befragen. Und vielleicht besser die schon erwähnten Vorsichtsmaßnahmen ergreifen – z.B. die Fakten nicht durch den Protagonisten des Artikels, sondern durch unbeteiligte Fachleute prüfen lassen, wenn man denn einen Wissenschaftler gegenlesen will. Wiederum: Davon auszugehen, die beteiligten Journalisten würden die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Situationen nicht kennen und nicht geeignet berücksichtigen, wäre wiederum eine happige Unterstellung.

Die Wissenschaftler an der „Qualitätssicherung“ für Artikel zu beteiligen, ist für bestimmte Journalisten in bestimmten Situationen ein nützliches Werkzeug. Dieses Werkzeug sollte man nicht kleinreden oder undifferenziert verdammen.

Und sich, wenn man in die betreffende Diskussion einsteigt, nicht an einer Extremposition abarbeiten – erst recht nicht, wenn von dort bloße zwei Klicks auf einen deutlich differenzierteren Blogbeitrag führen.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kontrolle ist notwendig

    Die Kontrolle ist dringend notwendig, weil die Journalisten sonst erfahrungsgemäss reihenweise wissenschaftliche Fehler einbauen.

    Naturwissenschaftliche Ergebnisse werden nicht durch die demokratische Mehrheitsbildung bestimmt, sondern nur durch übereinstimmende Messungen.

  2. notwendig

    Ich habe schon einige Berichte über die Arbeit meiner Kollegen gesehen, die einfach völlig falsch waren. Dass Journalisten keine Experten für alles in dem weiten Bereich der Wissenschaft sind, ist klar, und dass sie bei dem Versuch, das Thema verständlich und oft auch möglichst spektakulär darzustellen, auch gerne mal übertreiben, ist auch verständlich. Daher halte ich einen einfachen Faktencheck für sehr notwendig und auch nicht irgendwie peinlich für den betreffenden Journalisten, ganz im Gegenteil

  3. @Karl Bednarik

    So pauschal würde ich das nicht sagen. Das erste Mal, dass ein Journalist mein Angebot, einen Text gegenzulesen, aus prinzipiellen Gründen ausgeschlagen hat, war das Ergebnis trotzdem einwandfrei. (Das war Ulf von Rauchhaupt von der FAS, und Herr Illinger scheint, so kritikwürdig ich den hier besprochenen Text finde, bei seinen normalen Wissenschaftsartikeln auch ohne Gegenlesen ganz gut zu fahren.)

    Es ist eben ein Werkzeug. Manche gebrauchen’s, andere nicht. Ungut sind nur Fälle, in denen Journalisten den Faktencheck eigentlich nötig hätten, ihn aber prinzipiell ablehnen – und keine alternative Qualitätssicherung haben.

  4. Gegenlesen

    Kleiner Hinweis aus der Praxis: Ich lasse Interviews stets von den Interviewten gegenlesen – was in der Redaktion von Spektrumdirekt allerdings generell Usus ist. Andere Texte legen wir dagegen nur in Ausnahmefällen vor. Natürlich unterlaufen uns dann auch Fehler in der Berichterstattung, allerdings sollten Wissenschaftler eines bedenken: bei der Fülle an Texten, die jeden Tag produziert werden, würden sie gar nicht wollen, dass ihnen alles vorgelegt würde – sie kämen dann nicht mehr zum Forschen 😉

  5. Gegenchecken

    Ich bin da ambivalent. Wenn ich mich nicht gut auskenne in dem Thema und mich nur schnell einlesen konnte, lasse ich mich gerne vom Forscher gegenchecken. Den ganzen Text schicke ich aber selten, denn:

    Es gibt leider auch vereinzelt Forscher, die dann anfangen, den ganzen Text umzuschreiben, überall Schachtelsätze einzubauen und Fremdwörter. Was das angeht – einfache, verständliche Sprache – lasse ich als Journalist wirklich nicht mit mir reden. Auch wenn es in Ausnahmefällen ein bisschen zu einfach wird. Aber meine Aufgabe ist erstmal, Leser dazu zu bringen, mein Thema spannend zu finden und ansatzweise zu verstehen.

  6. Freiwillige Massnahmen unter Beschuss

    Übrigens, der (oben nicht erwähnte) vorausgehende Artikel der Neurowissenschaftler
    http://www.guardian.co.uk/science/blog/2011/aug/22/riot-control-newspapers-distorting-science
    ist durchaus lesenswert und konstruktiv. Es wird dort ein *freiwilliges* Qualtitätslabel „fact-checked with source“ vorgeschlagen. Sowohl die Antwort des Chefredakteurs von Nature-Online als auch die anschliessende Replik der Forscher gehen völlig aneinander vorbei. Wenn man also den urspünglichen Artikel der Neurowissenschaftler kennt, deckt sich deren Meinung komplett mit dem obigen Blog-Artikel.

    Nur der Vollständigkeit halber – das Thema wurde auch bereits hier angeschnitten:
    http://www.scienceblogs.de/sic/2011/09/forscher-bieten-dem-boulevard-die-stirn.php

  7. @Daniel

    Von Interviews kenne ich das auch so – und selbst bei den Redaktionen, die aus Prinzip keine fertigen Texte herausgeben, habe ich eigene Zitate (die ja meistens nur fast wörtlich das wiedergeben, was ich gesagt habe, sondern etwas geglättet sind), soweit ich erinnere, auch noch einmal zur Freigabe bekommen. Das scheint der am wenigsten kontroverse Sonderfall dieses Themas zu sein.

  8. Gegencheck durch Dritte

    Es ist zumindest mir als Wissenschaftsjournalistin durchaus klar, wann ich Terrain betrete auf dem ich eher unsicher bin, bzw. nicht tief genug in der Materie stecke. Wenn immer möglich suche ich dann jedoch lieber einen Gegencheck durch Dritte Forscher, die nicht im Artikel vorkommen. Aber auch das Gegenlesen einzelner Passagen ist im Grunde kein Beinbruch. Man muss nur hart bleiben, wenn ForscherInnen beginnen wollen, alles neu und zu verwissenschaftlicht zu formulieren. Dann heißt es Haare auf die Zähne.

  9. Wo ist das Problem

    @Blugger und @pikarl:
    Ich verstehe jetzt euer Problem nicht ganz. Es ist doch nicht so, dass ihr den Wissenschaftlern einen Artikel zum Gegenlesen gebt und die den dann drucken. Die Verbesserungsvorschläge kommen doch vermutlich zu euch zurück und ihr könnt dann entscheiden, was ihr übernehmt und was ihr komplett verwerft.

    Oder übersehe ich ein Machtinstrument, mit dem wir euch zwingen könnten, unsere Veränderungen zu übernehmen?

  10. @pikarl

    Dass einige Wissenschaftler da zu tief eingreifen möchten und den Text verschlimmbessern würden, wenn man sie den ließe, klang in der Diskussion ja auch an.

    Dass man da als Journalist nicht mit sich reden lässt (oder zu den angegebenen Hilfsmethoden greift – Telefon oder alternativer wissenschaftlicher Ansprechpartner), ist dann ja auch völlig legitim.

  11. Journalismus

    Wer als Journalist einen kompletten Text zum Gegenlesen rausgibt oder die „Qualitätssicherung“ an seinen Gesprächspartner auslagert, hat in meinen Augen einfach seine Hausaufgaben nicht gemacht. Zur grundlegenden Arbeit eines Journalisten gehört eine vernünftige, wasserdichte Recherche. Und wenn beim Schreiben dann doch etwas unklar ist, greife ich eben zum Telefon und nerve den Gesprächspartner so lange, bis ich mir sicher bin, dass meine Fakten, meine Formulierungen und meine Einschätzungen stimmen. Das ist letztlich eine Frage der Arbeitseinstellung und des Selbstverständnis eines Journalisten, daher kann ich auch gut verstehen, dass Patrick Illinger hier prinzipiell und nicht pragmatisch argumentiert.

    Was mich an der gesamten Diskussion aber viel mehr stört, ist die Vorstellung, dass Wissenschaftsjournalismus etwas ganz Besonderes ist. Wissenschaftsjournalismus ist Journalismus. Punkt. Er muss handwerklich genauso sauber und ethisch genauso verantwortungsbewusst sein wie jede andere Art der Berichterstattung. Das heißt aber auch, dass es für die Objekte der Berichterstattung keine Sonderbehandlung gibt. Oder erwartet jemand, dass ein Artikel über die Steuerreform zunächst dem Finanzministerium zum Gegenlesen vorgelegt wird?

  12. @Alexander Stirn

    Aus meiner Sicht ist die Gefahr, allgemein gesagt: Wer eine eigentlich nachgeordnete Bestimmung zum Grundgesetz erhebt, verliert Flexibilität, die dann unter geeigneten Umständen bitter fehlt.

    Nicht das Gegenleseverbot sollte Teil des Selbstverständnisses sein, sondern, dass der Journalist gesunde und kritische Distanz zu dem zu wahren hat, worüber er berichtet. Ob daraus in einer gegebenen Situation folgt, dass man dem Interviewpartner einen ganzen Text zum Gegenlesen gibt, einen Teil des Textes, oder den ganzen Text einem nicht beteiligten Wissenschaftler, oder ob man nur Passagen am Telefon klärt – warum sollen die Journalisten nicht auf den Einzelfall zugeschnitten entscheiden dürfen, wie sich das mit dem Grundsatz der kritischen Distanz vereinbaren lässt oder eben nicht?

    Die Gefahr, das Gegenleseverbot zum heiligen Grundsatz zu erheben, liegt in einer nicht-idealen Welt auf der Hand: dass ein Journalist, der sich eben nicht tief genug eingearbeitet hat, um die fachlichen Feinheiten selbst einschätzen zu können (und wieweit das bei komplexeren Wissenschaftsthemen – es gibt ja auch einfachere – realistisch, zu fordern, durchzusetzen, praktikabel ist, ist eine andere Frage), ohne weitere Reflexion auf das Gegenlesen-lassen verzichtet, weil es ja ein eherner Grundsatz des Selbstverständnisses ist, so etwas nicht zu tun. Und dass das Endprodukt, der Artikel, darunter leidet.

  13. Hallo Alexander Stirn,

    der Wissenschaftsjournalismus ist tatsächlich etwas ganz Besonderes, und er unterscheidet sich von allen anderen Gebieten des Journalismus.

    Über politische Parteien, Richtungen der Kunst, Wirtschaftssysteme, Soziologie, Psychologie, oder Philosophie kann man jederzeit unterschiedliche Meinungen haben.

    Über die Masse und die Ladung des Elektrons, und über den Betrag der Lichtgeschwindigkeit gibt es weder Zweifel, noch demokratische Meinungsbildung, weil das einfach Messwerte sind.

    In der Naturwissenschaft gibt es nachprüfbare Messergebnisse, Theorien, und Arbeitshypothesen.

    Bei den Arbeitshypothesen sagen die Wissenschaftler aber immer dazu, dass das eine Art von begründeter Meinung ist, und nicht, dass das irgendwie eine Glaubensrichtung ist.

    Nachdem die meisten Journalisten die Qualität irgendwelcher anderen Meinungen mit den Arbeitshypothesen gleichsetzen, nehmen ihre Artikel oft abenteuerliche Formen an.

    Selbst wenn die beiden Relativitätstheorien völlig falsch wären, dann wäre da noch eine ganze Liste von Messergebnissen, die man dann irgendwie anders erklären müsste.

    Ich wiederhole mich hier sehr gerne:

    Wir beobachten die Natur, und sonst nichts.

    Liebe Journalisten, beschreibt die Natur, und sonst nichts.

  14. @Karl Bednarik

    Das ist die, pardon: naive Sichtweise, die sicher in nicht wenigen Fällen dahinter steht, wenn Journalisten Probleme mit textgegenlesenden Wissenschaftlern haben.

    Dass Journalisten nicht nur über hinreichend gesicherte Ergebnisse, sondern auch über unsicheres Wissen, Expertenkonflikte, Anwendungen von Wissenschaft, ethische Probleme oder den ganzen Fragenkomplex was von wem mit wieviel gesellschaftlicher Unterstützung wie aufwändig erforscht wird, sollte sich doch eigentlich von selbst verstehen, oder? Und überall da (und in noch einigen weiteren Fällen) muss der Journalist selbstverständlich kritisch nachfragen. Und seinen wissenschaftlichen Gesprächspartnern, die, was den größeren Zusammenhang angeht, ja nicht selten weniger gut informiert sein werden als er selbst, nichts durchgehen lassen, was fragwürdig oder hinterfragungswürdig ist.

  15. a pragmatic step too far?

    This is a classic culture clash. From a journalist’s point of view, you are asking them to pragmatically bend the basic rules of the game. The analogy for a scientist is a press release prior to peer review: journalists will see this as being right and proper for an important development, while most scientists will think that is bending the rules pretty badly. (Now mind you, as a scientist, I think that the process you have described does work, but for the press to accept it will require spinning science journalism off into its own ghetto, which is probably an unacceptable development, for reasons several previous commenters have already given.)

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