Tipler, Physik des Christentums, Spektrum Direkt

Als kleines Schmankerl bekommen die hier vertretenen Wissenslogger freundlicherweise freien Zugang zu Spektrum Direkt. Heute war dort wieder einmal eine Sammlung von Buchrezensionen dran, unter anderem mit einem Beitrag zur „Physik des Christentums“ von Frank J. Tipler.  Aus Zeitknappheit (das Wissenschaftsfestival [Webseiten, Blog], das ich organisieren helfe, findet in weniger als zwei Wochen statt) hier nur soviel: Wenn der Review des Buches, den der Kosmologe Larry Krauss geschrieben hat, nicht völlig danebenliegt (und das halte ich bei Krauss nach meinen bisherigen Erfahrungen für extrem unwahrscheinlich), dann ist eine Rezension von Tiplers Buch, deren kritischste Bemerkung darin besteht, dass der Rezensent Tiplers abstruse Erklärung der Auferstehung (Zerstrahlung in Neutrinos/Antineutrinos, die sich wieder umkehrt, all das entgegen jeder Wahrscheinlichkeit) „etwas abenteuerlich“ nennt, und die uns ansonsten erklärt, Tipler lasse „keinen Zweifel daran, dass er jedes Phänomen des neuen Testaments rational und mit naturwissenschaftlichen Ansätzen erklären kann“, grobe Irreführung der Leser. Hallo, Spektrum Direkt-Redaktion? Ist der Kollege von der Qualitätskontrolle gerade im Urlaub?

 


 

Nachtrag: Um der lebhaften Diskussion über diesen Beitrag gerecht zu werden, habe ich mir Tiplers Buch jetzt ausgeliehen und gelesen.  Hier also Teil zwei meines Blogeintrags.

Mein Urteil nach der Lektüre: Die Kritik von Krauss kann ich gut nachvollziehen.  Die Konstruktionen in Tiplers Buch sind eine haarsträubende Mischung aus herkömmlicher Physik, spekulativer Physik, und arg strapazierten Analogien.

Dabei wird die Physik zunächst einmal recht verzerrt dargestellt. Tipler gibt zwar am Anfang kurz zu verstehen, dass die meisten Kollegen seine, Tiplers, „Theorie für alles“ „nicht mögen“, schiebt dann aber gleich eine aus meiner Sicht abstruse Begründung hinterher: Ursache für die Mißgunst der Kollegen sei, dass die Theorie zwingend die Existenz Gottes erfordere, und die betreffenden Kollegen seien nun einmal Atheisten. Und schon sind die letzten fünfzig Jahre Debatte über die Quantengravitation vom Tisch gewischt. Im Rest des Buches zählt dann nur noch Tiplers Außenseitersicht der Dinge, und der Leser muss den Eindruck gewinnen, das sei gesicherte Physik. Eine Rezension, die hier nicht einhakt und geraderückt, hat schon versagt.

So richtig geht das Kopfschütteln los, wenn es zu den Anwendungen geht. Nehmen wir die Auferstehung Jesu von den Toten, und akzeptieren wir einmal die von Tipler postulierte physikalische Grundlage, eine ungewöhnliche Zerstrahlungsreaktion von Protonen und Elektronen in Neutrinos.  Atome können in Neutrinos zerstrahlen.  Ein menschlicher Körper wie der von Jesus könnte also in Neutrinos zerstrahlen.  Solch eine Zerstrahlung ist extrem unwahrscheinlich, wie Tipler überschlägt – er kommt auf eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10 hoch 129. An dem konkreten Wert mag man zweifeln, aber auf den kommt es gar nicht an, denn diese Unwahrscheinlichkeit zählt gar nicht: Wenn es kosmisch gesehen notwendig ist, dass dieses Ereignis stattfindet, damit das Universum sich hin zu dem ihm vorherbestimmten Ende entwickeln kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses per Definition gleich 1!

Dieses Manövrieren eine „Erklärung“ der Auferstehung zu nennen, ist schon ziemlich happig.  Ähnlich geht es dann weiter.  Auf-dem-Wasser-wandeln?  Ein als Raketenmotor wirkender Neutrinostrahl! 

Wiederum: eine Rezension, die diese Verrenkungen so zusammenfasst, die Auferstehung sei „kosmisch erklärbar“, und die uns weismachen will, Tipler lasse „keinen Zweifel daran, dass er jedes Phänomen des neuen Testaments rational und mit naturwissenschaftlichen Ansätzen erklären“ könne, ist schwerlich ernstzunehmen.  Und das aus Gründen, die herzlich wenig mit Religion im allgemeinen oder Christentum im besonderen zu tun haben.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Tiplers vorheriges Buch…

    … war jedenfalls auch schon totaler Schrott. Ich kann mit einiger Zuversicht behaupten, weder vorher noch nachher jemals wieder einen derartigen Schwachsinn in die Finger bekommen zu haben.

  2. Selber lesen macht schlau

    Das Buch habe ich mir mal in einer Buchhandlung angeschaut und fand es wenig ansprechend, weil es ziemlich konfus wirkt. Dennoch würde ich mir kein Urteil über ein Buch erlauben, das ich selber nicht gelesen habe oder ein Buch schlecht finden, nur weil es Herr Krauss schlecht findet. Man sollte sich seine Meinung schon selber bilden.

  3. zur Qualitätskontrolle

    Lieber Markus Pössel,

    danke zunächst einmal für den kritischen Blick auf unsere Redaktionsarbeit. Ich sehe im konkreten Fall aber keine Einschränkung unserer Qualitätskontrolle. Wir veröffentlichen natürlich nicht jede Rezension und sind bei der Wahl der Rezensenten kritisch. Inhaltlich aber sind Rezensionen per se persönliche Ansichten und geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

    Wie sieht es nun bei der Rezension von Tiplers „Die Physik des Christentums“ aus: Es mag ungewöhnlich erscheinen, dass wir ein Buch rezensieren lassen, dessen Autor im Verdacht steht, dem Kreationismus nahe zu stehen. Unsere Haltung gegenüber dieser Bewegung ist bekanntermaßen ablehnend und auch der Rezensent ist kein Kreationist. Vielleicht ist es aber so, dass wir in Deutschland dem Thema „Naturwissenschaft und Religion“ entspannter begegnen können, als es in den USA der Fall ist, da der Kreationismus hier keine vergleichbare Akzeptanz findet. Und die vorliegende Rezension macht genau dies: Sie geht unbelastet an das Buch heran und beschreibt es als eine interessante und „abenteuerliche“ Lektüre. Und ich habe keine Sorge, dass durch dieses Buch oder die Rezension der Kreationismus in Deutschland Einzug erhält.

    Mit herzlichen Grüßen

    Richard Zinken
    Chefredakteur spektrumdirekt

  4. Soviel zu Spektrum Direkt….

    „Es mag ungewöhnlich erscheinen, dass wir ein Buch rezensieren lassen, dessen Autor im Verdacht steht, dem Kreationismus nahe zu stehen. Und ich habe keine Sorge, dass durch dieses Buch oder die Rezension der Kreationismus in Deutschland Einzug erhält.“

    Ein dreifaches Hoch auf die Freiheit des Gedankens und der Meinung in manchen akademischen Kreisen. Schon wer „im Verdacht“ steht, sich mal positiv über den Kreationismus geäußert zu haben (offenbar ein Gedankenverbrechen), kann scheinbar bei Spektrum Direkt mit keiner neutralen (oder überhaupt irgendeiner) Rezension seiner Arbeiten mehr rechnen.

    Ich habe das Buch von Tipler zwar nicht gelesen (und enthalte mich daher im Gegensatz zu anderen auch einer Wertung), weder der Rezension noch dem Verlagstexts des Buches konnte ich aber entnehmen, dass es in dem Buch überhaupt um Kreationismus oder Evolutionslehre geht – statt dessen stehen offenbar hauptsächlich physikalische Theorien des Autors im Mittelpunkt. Wie man angesichts dessen die hier von Herrn Pössel geäußerte Kritik mit dem Hinweis darauf zurückweisen kann, dass der Rezensent kein Kreationist sei, entzieht sich daher meinem Verständnis….

  5. Kreationismus

    ist eine aggressive Ideologie, deren Vertreter in den USA Denkverbote durch massive Propaganda und sogar Gerichtsverfahren zu erzwingen versuchen, um mit ihrer weltanschaulichen Agenda einen Fuß in die Tür zu bekommen.
    Es gibt genug Websites, auf denen die Bücher solcher Leute promoted werden; auf SpektrumDirekt sollte derartiger Obskurantismus keinen Platz haben.

  6. @ Richard Zinken

    Es wird wohl nicht der Eindruck einer Privatmeinung vermittelt, wenn man im Kasten daneben das Ganze als „Expertenberwertung“ deklariert. Wenn dann dem von Ihnen kritisch ausgewählte Rezensent zu Tiplers Neutrion-Woo nur einfällt, dass Quantenphysik halt revolutiönar ist, dann ist das schon sehr ärgerlich für einen wissenschaftlichen Verlag.

    (Pseudo-)Wissenschaftliche Argumente nicht mehr kritisch zu begutachten hat nicht das Geringste mit einem entspannten Umgang im Themenfeld Naturwissenschaft und Religion zu tun. Zumindest hoffe ich, dass das nicht der Standpunkt Ihrer Redaktion ist.

  7. Zum Rezensenten

    Hier klingt unterschwellig die Meinung durch, der Rezensent könne das Buch nicht einwandfrei sachlich bewerten, da er kein Physiker wäre. Dem möchte ich hinzufügen, dass er am MPI für Quantenoptik arbeitet!

  8. @ Daniel Lingenhöhl

    Ja, aber wie es scheint als Referent und Photograph. Seltsames Argument.

    Wobei ich die physikalischen Kenntnisse des Rezensenten nicht bewerten will oder kann, nur die Rezension, in der er diese nicht zur Schau stellt.

  9. Religion(en) und Wissenschaft

    Einerseits freut es mich sehr, dass das Thema Religion(en) und Wissenschaft auch im deutschsprachigen Raum deutlich an Fahrt gewinnt und stark nachgefragt wird. Andererseits möchte ich doch empfehlen, dass bei diesen Themen und Diskussionen die gleichen Kriterien angelegt werden wie bei anderen Wissenschaftsthemen auch: Nicht im Sinne eines Vorverdachtes strenger, aber auch nicht im Sinne einer paternalistischen Gutmütigkeit (a la „So sind halt Religiöse.“) weicher. Das erstere wäre voreingenommen, das letztere trüge nicht zur Klärung, sondern zur Verunsicherung gerade auch von Interessierten, Studenten und einsteigenden Wissenschaftlern weiter bei.

    Natürlich: da naturwissenschaftliche Arbeiten zu Religion(en) notwendig interdisziplinär und daher immer tastend und nach Begrifflichkeiten suchend ausfallen, können sie derzeit kaum die harten Standards innerfachlicher Arbeiten erreichen. Wenn Physiker, Biologen, Mediziner o.ä. daher über Religion(en) schreiben, haben sie bei mir daher schon einen Wohlwollensvorschuss, aber eben mit Grenzen. Denn allzu große Nachlässigkeit in der Sache bringt das Feld halt auch nicht weiter und führt nur zur Verbreitung von noch mehr „Es-könnte-ja-sein…“-Thesen ohne jede empirische Basis, die eher Verwirrung als Erkenntnisgewinn stiften.

    Nur wo mühsam und immer wieder fair die Spreu vom Weizen getrennt wird, kann auf Dauer ein echter Erkenntnisfortschritt (im Rahmen der Möglichkeiten empirischer und historischer Wissenschaften) zwischen Religion(en) und Wissenschaft entstehen. Und nur dann wird die laute Übermacht der allzu vereinfachenden Thesen (die häufig eher Polemiken sind) langsam zu überwinden sein. Argumente a la „Jeder, der mich kritisiert ist Atheist bzw. Kreationist.“ sind m.E. schon ein deutliches Indiz für fehlende, wissenschaftliche Seriosität.

  10. „Templeton Foundation“ – ein Maßstab?

    Lieber Michael,

    gerade da das Thema so bedeutend ist und wird, wird es immer wichtiger, daß man in wissenschaftlichen und wissenschafts-nahen Kreisen möglichst leicht Wissenschaft von Schrott zu unterscheiden lernt.

    Ehrlich gesagt, reicht mir da die Meinung von Lars zusammen mit so einigen anderen der gegebenen Eindrücke schon aus. Dir nicht? So viel Abstrusitäten hat doch ein Wissenschaftler gar nicht nötig, wenn er sinnvolle Beiträge zur Debatte leisten will, oder?

    Es gibt inzwischen doch viele Wissenschaftler, deren Argumente als dem Kreationismus nahestehend empfunden werden könn[t]en (nehmen wir Simon Conway Morris, Guillermo Gonzalez, Peter D. Ward , Michael Blume und so viele andere), und die in ihrem Argumentieren dennoch völlig (oder wenigstens zu 90 %) im Rahmen der Naturwissenschaft bleiben.

    Es schadet der Debatte unheimlich und gerade auch diesen genannten Wissenschaftlern, wenn sie mit Pseudo-Wissenschaft allzu leicht in einen Topf geworfen werden können.

    Schade, daß uns dazu der „unfehlbare“ Papst kein Kriterium an die Hand geben kann, und daß wir uns schlicht an die üblichen Kriterien in der Wissenschaft halten müssen. (Vielleicht aber auch gut so …)

    Bis zum Beweis des Gegenteils habe ich derzeit jedenfalls noch den Eindruck, daß die Templeton Foundation Wissenschaft von Schrott sehr gut unterscheidet. Ich denke, ihre Arbeit könnte für alle an der Diskussion Beteiligten so in etwa als Maßstab dienen.

    Selbst dann, wenn ihr einige Atheisten (siehe „The Edge“) kritisch gegenüber stehen.

    Puh, zum Glück „No results found“ als Antwort auf eine Personen-Suche nach Frank Tipler auf http://www.templeton.org

  11. @ Ingo: Natürlich…

    …erlaube ich mir kein absolutes Urteil über ein Buch, dass ich nicht gelesen habe – aber, wie von Markus Pössel geschrieben, wenn ein naturwissenschaftlich argumentierender Autor die Kritik von Kollegen tatsächlich mit dem Argument vom Tisch wischt, dies seien Atheisten – dann gehen auch bei mir alle Warnlampen an. Denn das ist ja gerade die Vermischung empirisch-deskriptiver und normativer Diskussionen, die ich für so hoch problematisch halte. Insofern stimme ich den Vorbehalten hier deutlich zu.

    (Und wenn Lars von einem Autor nach Lektüre entsetzt ist, gilt das bei mir offen gesagt auch eine Menge – denn Lars hat als Naturwissenschaftler bei mir in einem religionswissenschaftlichem Seminar mitgewirkt und sich als fairer und kundiger Naturwissenschaftler erwiesen.)

    Nur wäre es m.E. fatal, wenn wir umgekehrt die SpektrumDirekt-Redaktion nicht auch ermutigen würden, gerade auch solche Themen aufzugreifen. Die Religion-Wissenschaft-Diskussionen sind wichtig, das öffentliche Interesse ist groß und ich begrüße es sehr, wenn sich die Spektrum-Gruppe (ggf. auch an Erfahrungen lernend) da etwas zutraut. Erfreulicherweise gibt es ja längst auch in Deutschland eine Menge ernsthaft arbeitender Leute dazu.

    Was ich aber zurückweise ist Deine Einschätzung, (auch) meine Arbeiten könnten als kreationistisch gelesen werden. Damit kann wohl nur gemeint sein, dass ich (wie viele andere Wissenschaftler auch) die Möglichkeit eines Schöpfers nicht ausschließe bzw. durch Naturwissenschaft kaum widerlegbar halte und daher kein Problem damit habe, gleichzeitig Wissenschaftler und Christ zu sein.

    Aber meine religionswissenschaftlichen Arbeiten sind und bleiben streng dem methodologischen Agnostizismus verpflichtet, empirisch und evolutionstheoretisch orientiert und verweisen an keiner Stelle auf vermeintlich unabweisbar göttliches Eingreifen, einen „intelligenten Designer“ o.ä. Den zeitgenössischen Kreationismus in all seinen Spielarten halte ich für religiös und religionshistorisch widersprüchlich, wissenschaftlich unhaltbar und wissenschaftspolitisch gefährlich. In dieser Ecke lasse ich mich entsprechend auch nicht einordnen.

  12. @ Ingo: Templeton-Foundation

    Zitat: „Bis zum Beweis des Gegenteils habe ich derzeit jedenfalls noch den Eindruck, daß die Templeton Foundation Wissenschaft von Schrott sehr gut unterscheidet. Ich denke, ihre Arbeit könnte für alle an der Diskussion Beteiligten so in etwa als Maßstab dienen.“

    Naja, ganz so positiv sehe ich das (noch) nicht. Es stimmt schon, dass die Templeton in den letzten Jahren zunehmend seriöse Forschungen gesponsert und zunehmend auch in Deutschland den interdisziplinären Dialog zum Thema gefördert hat. Eine Entwicklungstendenz sehe ich da schon, ja.

    Allerdings gibt es m.E. auch weiterhin Arbeiten und Studienanordnungen, die ich für recht fragwürdig halte. Als „Maßstab für alle Beteiligten“ würde ich sie daher nicht gelten lassen, sondern empfehlen, sie und ihre Beiträge den gleichen kritisch-konstruktiven Bewertungen zu unterziehen wie andere auch.

  13. Wunder – ja und?

    Moin, moin!

    Die meisten der Wunder des NT lassen sich aber viel einfacher erklären, vorausgesetzt sie sind wirklich geschehen.

    „Auf-dem-Wasser-wandeln? Ein als Raketenmotor wirkender Neutrinostrahl!“

    Ich denke eher an ein Geländer dicht unter der Wasseroberfläche. Petrus war eingeweiht und trat absichtlich daneben, um sich „retten“ zu lassen und so der Vorführung noch mehr Dramatik zu verleihen.

    „Auferstehung (Zerstrahlung in Neutrinos/Antineutrinos, die sich wieder umkehrt, all das entgegen jeder Wahrscheinlichkeit)“

    Jesus Christus war scheintot, vermutlich durch Meditation geplant herbei geführt, um ein Fanal zu setzen. Hinweis von Pilatus: „Was schon tot?! Der Glückliche!“. Die erfahrenen Römer kannten das Phänomen „Scheintot“, deshalb haben sie den toten (oder scheintoten) Delinquenten sicherheitshalber die Beine gebrochen. Damit konnte ein Mensch sein Gewicht nicht mehr mit den Beinen abstützen und musste aus anatomischen Gründen garantiert schnell ersticken. Die Anhänger von Jesus wussten das Beinebrechen aber zu verhindern (steht auch bei den Propheten, dass seinem Leichnam kein Bein gebrochen wird) und haben dieses Verfahren vorzeitig als Blasphemie deklariert. Deshalb wurde Jesus ersatzweise mit einer Lanze die Lunge aufgestochen. Wenn er dabei tief ausgeatmet hatte (jahrelange Atemmeditation vorausgesetzt), war es nicht unwahrscheinlich, dass der römische Soldat die Lunge verfehlt hat.

    Mit freundlichen Grüßen
    Lutz

  14. Was ist überhaupt die Intention dahinter, so ein Buch zu schreiben? Wer liest denn so etwas???

    Ist das Buch der ultimative Freibrief für religiösen Menschen, um sagen zu können: „Ja, aber damals war das alles wirklich so, wie seriöse Wissenschaftler nun herausgefunden haben. Lies mal das Buch von Tipler.“?

  15. @ Michael: wir sind uns einig

    Ja, Michael, wir sind uns erfreulicherweise ganz einig.

    Ich hatte auch Dich keineswegs zu den Kreationisten zählen wollen – Gott (oder Darwin) bewahre!

    Ich meinte es nur in dem Sinne wie bei Conway Morris: Er macht über 400 Seiten hinweg reine Naturwissenschaft. Und im Nachwort schreibt er dann etwas über Christentum.

    Ich halte das völlig für legitim, da die Gewichtigung ja klar ist. (Inwieweit die Argumente des Nachwortes legitim sind, muß natürlich diskutiert werden.)

    Oder noch einmal so: Wir wissen, es GIBT (prinzipielle) Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Und jeder Wissenschaftler darf sich nach getaner Arbeit auch einmal dazu äußern, wie er mit diesen Grenzen umgeht.

    Natürlich können (müssen) solche Äußerungen mitunter als dem Kreationismus nahestehend empfunden werden. So muß ja schon jede Äußerung empfunden werden, die glaubt, Teilhard de Chardin Positives abgewinnen zu können. Oder glaubst Du nicht?

    Übrigens scheinst Du noch Aspekte der Arbeit von „Templeton“ zu kennen, die ich nicht kenne. Berichte doch bei Gelegenheit mal darüber.

    Die Spektrum-Redaktion zu ermutigen, über diese Themen zu berichten, ist ganz, ganz richtig. Aber es gibt eben BESSERE Leute als den Tipler. Ich nannte einige wichtigere, über die in der deutschen Naturwissenschafts-Berichterstattung kaum etwas zu hören ist.

    Wahrscheinlich deshalb, weil die ETWAS schwieriger zu verstehen sind, als der Tipler … 😉

  16. Zum jüngsten Buch von Tipler

    Einst hat Frank J. Tipler zusammen mit dem renommierten Kosmologen und Sachbuchautor John D. Barrow ein Standardwerk zum sogenannten „Anthropischen Prinzip“ veröffentlicht. Genauer gesagt im vergangenen Jahrhundert – und zwar im Jahre 1988.
    Ging es in diesem Werk noch um die gewichtige und hinreichend spannende Frage, inwieweit die kosmologische Feinabstimmung diverser Naturkonstanten als zufällige oder als zielgerichtete Voraussetzung für das Entstehen von Leben im Universum aufgefasst werden kann, so schüttelt den Autor seit 1994 das Thema Eschatologie mit ganzer Leidenschaft und offenbar leider auch mit wachsendem Wahnsinn bei dessen intellektuellen Hörnern. Was dabei in jüngster Zeit herauskam, kann ich persönlich nur noch mit Bedauern kommentieren, allerdings nicht, ohne mich „kurz“ auf sein Vorgängerwerk zu beziehen, denn dieses enthält bereits wesentliche Aussagen des hier zur Debatte stehenden Nachwerks.

    Angefangen hatte es also 1994 in Deutschland mit dem Buch „The Physics of Immortality: Modern Cosmology, God and the resurrection of the Dead“ (Deutsch: “Die Physik der Unsterblichkeit: Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten”), welches dem Leser nichts weniger verspricht, als die physikalisch begründete Gewissheit des ewigen Lebens am Ende aller Zeiten. Tipler hat dabei ein gerüttelt Maß an Energie darauf verwendet, den Leser von dessen persönlicher Willensfreiheit zu überzeugen, ganz gemäß der biblischen Prämisse von der Freiheit des Menschen und im Versuch der Entkräftung von Descartes Uhrwerk- bzw. Maschinenuniversum.
    Umso erstaunlicher ist, dass die Konklusion dieses Vorgängerwerks auf eine von Maschinen emulierte „Jenseitswelt“ hinausläuft, die gemäß Turing durch und durch deterministisch gedacht werden muss. Am Ende aller Zeiten, so Tipler, werde es einen Supercomputer geben, der – irrsinnig genug – die Scherkräfte eines in sich kollabierenden Universums dazu benutzt, um seine Rechenkapazität sukzessive ins „Unendliche“ zu steigern. Die Existenz dieser unendlichen Rechenschritte pro endlicher Zeit ermöglichen eine unendliche Simulation aller denkbaren, wünschbaren Zustände und somit auch aller paradiesisch-religiösen Hoffnungen bis in alle – subjektiv empfundene – Ewigkeit.
    Bewerkstelligt wird all dies auf Software-Ebene durch künstliche Intelligenz, die, laut Tipler, wiederum sukzessive in den nächsten paar Millionen Jahren – durch Menschenhand geschaffen- evolviert. Was für den Otto-Normalgläubigen vor der Lektüre noch mit Gott assoziiert war, sollte sich gemäß Tipler nach dem Lesen seines Buches für jeden als das „natürliche Erwachen“ dessen, was wir Gott nennen, erweisen, oder gar jetzt schon offenbaren. Denn Gott, so der Autor, sei jener Punkt am Ende aller Zeiten, der mit Hilfe seiner inhärenten und bis dahin über alle Maßen gewachsenen künstlichen Intelligenz die Schafe von den Böcken scheiden wird und nur das emuliert, was wirklich „emulierenswert“ ist. Auf der Hardware-Ebene bedient sich Tipler weder knallharter Physik noch dem gesundem Menschenverstand, sondern meines Erachtens schlicht einer Form von Größenwahn.

    Nun kann ich mir das Erscheinen seines neuen Werkes „The Physics of Christianity” (Deutsch: „Die Physik des Christentums: Ein physikalisches Experiment“) nicht anders erklären, als dass diese teleologische Fortsetzung seiner 1994 erstmals in Deutschland veröffentlichten religiös-physikalisch verbrämten Visionen entweder eine eilig konstruierte und ideologisch motivierte Replik auf Dawkins` „Der Gotteswahn“ ist, der Autor aufgrund der Tatsache, dass seine Bezüge als Professor an der Tulane University nach Erscheinen von „Physik der Unsterblichkeit“ massiv gekürzt wurden, einen Medienhype benötigt oder aber Tipler sich nun endlich als – verkannter – Prophet der Menschheit verstanden wissen will. Möglicherweise treffen auch alle 3 Gründe zu, eines ist für mich jedenfalls sicher: Auf die Frage der Deutschen Ausgabe im Piper-Verlag (zu finden auf der Rückseite des Schutzumschlages) kann ich nur antworten: Gefährlicher Unsinn.

    Warum? Hatte Tipler in „Die Physik der Unsterblichkeit“ noch eigens ein Kapitel mit dem Inhalt „Weshalb ich kein Christ bin“ mitgeliefert, so kommt er dem Leser in seinem neuen Werk mit pseudophysikalisch verbrämten Erklärungen neutestamentlicher Wunder. Unbefleckte Empfängnis, Jesus Schreiten über das Wasser, der Stern von Bethlehem, die Auferstehung Jesu und dergleichen können nun physikalisch exakt erklärt werden – glaubt man den vielen „wenn…dann“-Gedankengängen des Autors. Selbst die christliche Dreifaltigkeit kann nun auf physikalische Mechanismen reduziert werden bzw. auf dieser Basis als geklärt gelten.
    Das eigentlich GEFÄHRLICHE ist aber weder Tiplers eigener Anspruch auf wissenschaftliche Vernunft noch sein suggestiver Schreibstil, sondern dass er selbst konsistenterweise vor der Apokalypse nicht halt zu machen gedenkt: Die letzte Konsequenz seiner Kosmologie benötigt offenbar die Zerstörung der Menschheit durch sich selbst (denn die universelle Wellenfunktion ist streng deterministisch, wie er neuerdings dem Leser versichert). Und zwar mit Hilfe neuer, ultrapotenter Massenvernichtungsmittel. Und das nicht irgendwann, sondern wenn man dem ordentlichen Professor aus New Orleans Glauben schenken mag noch innerhalb der nächsten 50 Jahre.
    Dass bis dahin sowohl künstliche Intelligenz als auch deren Fähigkeit zur Selbstreplikation (auf Software- wie auch auf Hardware-Ebene) auf unserer Erde existiert, steht für ihn völlig außer Frage – was gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür ist, wie Tipler mit „wenn….dann“-Aussagen den Leser in seine ganz bestimmte Richtung zu ziehen versucht. Wer so viele schlüpfrige und äußerst fragwürdige Prämissen pro Bucheinheit zu einem konsistenten Ganzen zu verweben versucht, verdient es meiner Meinung nicht, allzu ernst genommen zu werden – wenn da nicht der Hang von politischen Führern zu religiös verbrämten Extrempositionen wäre….

    Ganz nebenbei ist festzustellen, dass Tipler stark auf die sog. „Multiversumstheorie“ der Quantenmechanik setzt, die bereits Richard Dawkins in seinem oben erwähnten Werk in der ein oder anderen Form – freilich unter anderen Vorzeichen – bemüht. Tipler jedoch schafft es dabei, sich ein weiteres Mal gegenüber seinem ersten Werk zu widersprechen, denn eine universelle Schrödinger-Wellenfunktion kann zwangsläufig nur streng deterministisch ablaufen und lässt dem Menschen keine Wahl- bzw. Willensfreiheit. Der Autor hält dies jedoch für kein Hindernis sondern gar für eine Art Beweis dafür, dass sein „Gott“ am Ende aller Zeiten bereits hier und heute „weiß“, welcher Mensch sich für welche Handlungsalternativen entscheidet. Ein paar Unendlichkeiten in den Formeln und die sehr beliebten zeitsymmetrischen, Einstein`schen Gleichungen, und der Leser gewinnt den Eindruck, Tipler habe soeben den heiligen Gral entdeckt.
    Aber stimmt das auch? Nein. Und vor allem, was ist angesichts des Leides in der Welt von solcherart Philosophien zu halten? Wenig, denn nähmen wir Tiplers Kosmologie ernst, so könnten wir uns tatsächlich gemeinsam fröhlich in den Untergang stürzen. Eine Garantie, dass es einen „Omega-Punkt“ am Ende aller Zeiten gibt, hätten wir damit freilich immer noch nicht, aber auf alle Fälle jede Menge mehr Leiden auf dieser Welt. Alleine diese Vorstellungen erinnern mich irgendwie an den Science-Fiction Filmklassiker „Das schwarze Loch“, mit Maximilian Schell in der Hauptrolle des irren Wissenschaftlers, der sich schließlich mit seinem Raumschiff aufmacht, die „unendlichen Weiten“ eines solchen Monstrums zu bezwingen.

    Nun aber zu den härteren Fakten der Physik: Die Fachwelt ist sich jedenfalls einig, dass sich unser Universum offenbar momentan in einer Phase der beschleunigten Expansion befindet, was nichts anderes heißt, als dass Tiplers Energiequelle für seinen Supercomputer wahrscheinlich in den nächsten paar Milliarden Jahren nicht oder schlimmer noch – nie – existieren wird. Damit wären dann auch seine gesamten weiteren Schlussfolgerungen ad acta zu legen. Nun hat der Autor aber offenbar vergessen, abzuwägen, inwieweit es wahrscheinlich sein könnte, dass wir bereits hier und heute in einer Computersimulation leben. Seine These „einmal Simulation, immer Simulation“ jedenfalls kann diese Möglichkeit mitnichten ausschließen sondern lässt sie im Gegenteil noch wahrscheinlicher „sein“ (erscheinen). Die damit verbundenen konzeptionellen wie auch logischen Probleme werden von Tipler so gut wie gar nicht berührt, was zeigt, dass seine Prämisse eines bewussten (und auch noch ewigen) Lebens auf Basis der Informationsverarbeitung mehr als schlecht durchdacht ist.
    Davon ausgehend wir lebten tatsächlich in einer solchen Computersimulation bzw. SIND eine solche, dann muss man sich doch erstens fragen, welche physikalische Basis dieser Computer hat (für Tipler ist es offenbar die Quantenmechanik) und zweitens, woher diese Basis letztlich stammt. Denn sie kann schwerlich wiederum ad infinitum simuliert sein. Beide Fragen werfen ernste physikalische und erkenntnistheoretische Probleme auf, so dass ich angesichts der Zuversicht, die Tipler mit seinen Visionen an den Tag legt, nur Chris Clarke zustimmen kann, der in einem Interview in der Zeitschrift „Physics Today“ bekannte:

    „My first reaction on reading the ideas behind this book in preprint form, was that Frank Tipler had gone mad.“

  17. Nachzügler – Theologischer Einwand

    Erst gestern entdeckte ich diese Diskussion, komme also als Nachzügler – vielleicht trotzdem noch an.
    Als Theologe verstehe ich relativ wenig von Physik; unterstelle aber wie bei anderen Wissenschaften auch, dass – eine offene Diskussion vorausgesetzt – die Wahrheit im MainStream und nicht bei Sonderlingen zu finden ist. Besonders bei Tipler, wenn er nur ideologische Gründe dafür findet, dass er zum Einzelgänger gemacht werde: Die andern seien ja alle böse Atheisten.
    Als Theologe halte ich diesen ganzen Weg für verfehlt, Wunder durch (Natur-)Wissenschaft zu erklären. Das ist eine Neuauflage von Versuchen auch namhafter Theologen aus dem 19. Jahrhundert. Hat man alle chemischen, physikalischen Tricks schon durchgekaut. Heutiges Ergebnis im Mainstream der Theologie,der man Wissenschaftlichkeit nicht absprechen kann: Zum Weltbild der Antike gehören eben Wunder. Jungfrauengeburt, Wandeln auf dem Wasser, Auferstehung, Jüngster Tag… sollte man nicht physikalisch sondern religionshistorisch angehen. Ist im Grunde schon alles gesagt in „The Physics of Nonsense“ by Tim Callahan, auf der gleichen Seite wie der Review von Lawrence Krauss, unter diesem zu finden: http://www.skeptic.com/…c/07-08-01.html#review01
    Für mich die Quintessenz: Tipler missachte „…the disciplines of linguistics, biblical scholarship, comparative mythology, history, and archaeology…“.

    Nur harmloser Unsinn? Nein, auch gefährlich. Und deshalb auch mein Protest gegen die zumindest verharmlosende Renzension T.Naesers in spektrum-direkt.

    Für mein Dafürhalten besonders gefährlich: Man kann wohl unterstellen, dass es Querverbindungen Tiplers auch zu deutschen Theologen gibt: Michael Welker und Wolfhart Pannenberg. Ein flüchtiger Überblick durch eine Suchmaschine legt das nahe, kann es aber nicht erschöpfend belegen.
    Beide Genannten kenne ich nicht zur Genüge, habe aber meine Gründe, von ihnen Abstand zu halten. Und sehe, dass es seit ein paar Jahren bei einigen Kollegen als modern und aufgeschlossen gilt, auf deren Weise in den Dialog mit Naturwissenschaften einzutreten. Ich kann es nicht schriftlich belegen, weiß es nur aus Gesprächen zwischen Tür und Angel. Aber: Danke, das genügt.

    Basty

  18. Zur Physik der Unsterblichkeit samt Omeg

    Der obigen Rezension und Kritik ist vollinhaltlich zuzustimmen.Tiplers Problem ist u.a., daß er sich überhaupt nicht mit dem Phänomen unseres Geistes im klaren ist, daher sein eher bigottes Fabulieren über eine Seele.Aus seinem offensichtlich nur oberflächlich angelesenen „Nichtwissen“ etwa über Buddhismus erkennt man bald, daß er aus seiner materialistischer Anhaftung nicht wegkommt. Zeitverschwendung, sich mit derartiger Literatur zu beschäftigen; andererseits interessant, auf welch abstruse Ideen auch Universitätsprofessoren kommen.Vieleicht sollte man dieses Buch Herrn Bush empfehlen?

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