SPIEGELfechten um Wissenschaft, Journalismus und Blogs

Nach den vielfältigen Diskussionen über Wissenschaft und Journalismus in Zeiten von Online-Angeboten, Blogs & Co. im letzten Jahr ist es deprimierend zu sehen, dass das, was da erarbeitet und zumindest unter den Wissenschaftskommunikatoren wohl auch recht erfolgreich verbreitet wurde, an einer Reihe von Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten, schlicht vorbeigelaufen zu sein scheint. Vorhang auf für das SPIEGEL-Streitgespräch über Wissenschaft in den Medien von heute (15.2.2015) nachmittag. Die Teilnehmer: Wissenschaftsautor und -historiker Ernst Peter Fischer (Uni Konstanz), Wissenschaftsjournalist und Wissenschaftsjournalismusprofessor Holger Wormer (TU Dortmund) und Kommunikationswissenschaftlerin Corinna Lüthje (TU Dresden).

Kontrollfunktion: Blogs oder Journalisten?

Nach einigem Geplauder über Wissenschaft, Öffentlichkeit etc. geht es leider weiter mit etwas, das einige Journalisten anscheinend immer noch nicht lassen können: Wissenschaftsblogs abwatschen. Auf die Frage danach, ob Blogs die Wissenschaft kontrollieren können, kommt als Antwort: „Wohl kaum. Die meisten Forscher haben Angst, kritisch zu bloggen. Sie fürchten die Ausgrenzung durch Kollegen“ (Lüthje) und „Die sozialen Medien scheinen sogar den Korpsgeist unter Forschern zu fördern, Widerspruch wird oft bestraft“ (Wormer). Leider kommen solche Behauptungen dann ganz ohne Beispiele, Belege, sonstige Quellen daher. Und ich frage mich nicht zum ersten Mal: Was soll das?

Die Rolle von Rosie Redfield oder Alex Bradley für die Arsen-Bakterien-Story ist ja nun einigermaßen weit bekannt (Chronologie z.B. hier): Erst die NASA-Pressemitteilung zu den Arsen-Bakterien, in den Mainstream-Medien groß herausgebracht (z.B. dieser SPIEGEL-Online-Artikel vom 2.12.2010 – einer der beiden Autoren des Artikels ist Axel Bojanowski, der in dem Wissenschaft-Medien-Streitgespräch einer der beiden Fragesteller ist), dann die kritischen Blogbeiträge und anschließend, die bloggenden Wissenschaftler aufgreifend / zitierend, schwappt die Kritik dann auch in die Mainstream-Medien.

Oder, ganz aktuell, die BICEP2-Ergebnisse zum Nachweis urtümlicher Gravitationswellen, die Hinweise auf früheste Phasen des Urknalls geben sollten (meine eigene Zusammenfassung ist hier). Am 17.3.2014 schlug die BICEP2-Nachricht ein – auf den Wissenschaftsblogs ebenso wie in den professionellen Medien. Aber die Wissenschaftsblogger (insbesondere eine Reihe englischsprachiger Kollegen) hatten schon einige Tage später auch die möglichen Fehlerquellen und einige Anzeichen für Unregelmäßigkeiten zusammengetragen (bei mir, weitgehend auf die Online-Diskussion zurückgreifend, am 23.3.). Auf SPIEGEL-Online, hier wieder stellvertretend für die professionelle Berichterstattung, finde ich per Google-Suche („site:spiegel.de BICEP2“, zeitlich eingeschränkt auf 17.3.2014 bis 17.4.2014) im ersten Monat nach der ersten Meldung keinerlei Informationen zur kritischen Diskussion der Resultate. Anders ausgedrückt: Wer wirklich am Ball bleiben wollte, war bei den Wissenschaftsblogs in dieser Zeit besser aufgehoben.

Vor diesem Hintergrund kommen mir die Behauptungen von Wormer und Co. reichlich weltfremd vor. Der Artikel im gedruckten SPIEGEL vom 30.3.2014 (14/2014, hier als PDF online) ist aus meiner Sicht ein schönes Beispiel für guten Journalismus: Da wurden die Protagonisten interviewt, das Ergebnis in den historischen Zusammenhang gestellt, der Text ist lebendig geschrieben und auch der „human interest“ kommt nicht zu kurz, das ganze schön gelayoutet und mit netten Infografiken versehen. So etwas findet man vermutlich nicht eben mal so im selbstgemachten Blog. Allerdings, wie gesagt: Was man zu der entsprechenden Zeit zwar nicht in diesem Artikel, aber eben in Wissenschaftsblogs und auf Facebook lesen konnte, waren die möglichen Schwachstellen, inklusive der Vordergrund-Signale, die das BICEP2-Resultat dann letztlich auch gekippt haben. Journalismus kann bestimmte Dinge gut, andere weniger gut. Bei Blogs ist es ähnlich, aber die Schwächen und Stärken sind andere. Und die beiden Kommunikationsformen können sich gerade deswegen gut ergänzen.

Wie sollte die Wissenschafts-Medienlandschaft aussehen?

Ich weiss nicht, wer behauptet, „Dass Wissenschaftsblogs Journalismus betreiben oder ihn gar ersetzen könnten“ – laut Wormer „ein Mythos, der im Wesentlichen von Wissenschaftsbloggern verbreitet wird“. Vielleicht rede ich einfach nur mit den falschen Wissenschaftsbloggern. Oder es handelt sich möglicherweise um einen Mythos über Wissenschaftsblogger, der im Wesentlichen von Journalisten verbreitet wird.

Bei den Diskussionen, an denen ich bislang teilgenommen habe, schien jedenfalls weitgehender Konsens zu sein, dass Journalisten eine wichtige Kontrollfunktion haben und dass der Wissenschaftsjournalismus auch in der zukünftigen Wissenschafts-Medienlandschaft eine wichtige Rolle zu spielen hat. Insofern: Klar, Zustimmung, die meisten Wissenschaftsblogs (und insbesondere die, in denen die Wissenschaftler selbst schreiben) sind kein Journalismus. Aber das heißt, siehe oben, nicht, dass sie nicht wertvolle Beiträge zur Wissenschaftskommunikation leisten können.

Ich hoffe für die Zukunft auf eine Wissenschafts-Medienlandschaft, in der all die verschiedenen Kommunikationsformen einen Platz haben: herkömmlicher Wissenschaftsjournalismus, der der Wissenschaft (zumindest zum Teil) kritisch auf die Finger schaut, aber (Massenverbreitung!) schauen muss, dass er nur Themen von einigermaßen allgemeinem Interesse aufgreift. Forschungsorganisationen und Institute, die ihre Wissenschaft auch direkt an die Öffentlichkeit tragen – mit oft anderer Themenauswahl als in den herkömmlichen Medien. Und eine Vielfalt oft spezialisierter Wissenschaftsblogs, die denjenigen, die ein Thema besonders interessiert, tiefere Informationen geben – und, siehe BICEP2, an einigen Entwicklungen schlicht näher dran sind als die Journalisten.

Und ich hoffe auf eine Zukunft, in der die Wechselwirkungen stärker sind: In der die herkömmlichen Medien der Wissenschaft, aber auch ihren eigenen Kollegen kritisch auf die Finger schauen. In der Blogs eine Qualitätskontrolle bekommen, indem herkömmliche Journalisten auf besonders gute und informative Blogartikel verlinken – und das von Verlagsseite ohne den Reflex „Oh Gott, dann verlassen die Leser ja unsere Webseiten und sehen unsere Online-Anzeigen nicht mehr!“ sondern mit der Erkenntnis, dass solche Kuratorfunktion einen wertvollen Mehrwert darstellt.

In der Blogs kritisch auf die Wissenschaft und kritisch auf die Wissenschaftsberichterstattung schauen – und Blogs und herkömmliche Medien sich zu Wort melden, wenn eine Forschungsorganisation ihre eigenen Ergebnisse allzu unkritisch an die allgemeine Öffentlichkeit zu bringen versucht.

Ich bin auch durchaus optimistisch, dass die Entwicklung langfristig in diese Richtung geht. Auch wenn es zwischendurch immer einmal Rückschritte gibt wie das erwähnte SPIEGEL-Streitgespräch mit seinem naiven Blogs-wollen-den-Journalismus-ersetzen-aber-sind-kein-Journalismus-Abwehrreflex.

In solch einer zukünftigen Welt würde dann sicher auch so ein Streitgespräch anders präsentiert – was dort auf SPIEGEL-Online steht, ist schon sehr auf einfache Pointen, griffige Formulierungen usw. zugespitzt. Hätte jede/r der Beteiligten dazu noch einen eigenen Blogeintrag geschrieben, bekäme so ein Gespräch ganz anderen Tiefgang – und ein interessierter Leser wie ich bekäme vielleicht die erwünschten Quellenbelege, Beispiele und näheren Ausführungen (Transkript?), anstatt sich ob der Verkürzungen und zweifelhaften Behauptungen ärgern zu müssen.


Frühere Gedanken von mir zum gleichen Thema:

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wissenschaftnahe WebLogs sind jedenfalls eine ganz vorzügliche Ergänzung zum Fachjournalismus, betreiben durch ihre Periodizität (bei absteigender zeitlicher Sortierung) auch Journalismus, why not?
    Und das mit dem Ersetzen ist wohl in der Tat nie behauptet worden.
    War Herr Fischer gut in Form?
    MFG
    Dr. W (der für Ihre Nachricht und Sicht wieder einmal zu danken hat)

  2. Viele, die über Wissenschaftskommunikation diskutieren sind offensichtlich zu sehr Partei als dass sie etwas Wahres sagen könnten, etwas was über ihren eigenen Standpunkt hinausgeht. Ein Journalist – selbst ein Journalist einer Onlineplatfom – wird heute wohl an seine jetzige und zukünftige berufliche Situation denken und darum Mühe haben einzugestehen, dass Blogs, die von Nichtjournalisten geführt werden, etwas bringen, was sie nicht selber auch und sogar besser können.
    Journalisten denken – gerade heute – an ihr Zielpublikum und befürchten, dass ihnen Nichtjournalisten einen Teil ihrer Leser wegschnappen. Sie berücksichtigen zu wenig, dass Wissenschaftsblogs eine andere Perspektive haben und auch Personen ansprechen, die vom Wissenschaftsjournalismus nicht abgeholt werden (andere Wissenschaftler beispielsweise, speziell Interessierte und Menschen, die eine Diskussion entfachen wollen).
    Letztlich geht es um das neue Medium Blog und die richtige Einschätzung seiner Möglichkeiten. Ein Weblog, als Stelle, in dem ein Autor das reflektiert, was ihn gerade beschäftigt , will eben nicht in erster Linie den Stand der Wissenschaft reflektieren und dem Bildungsbürger Häppchen für das nächste Partygespräch zuwerfen. Er ist also nicht der Fotoreporter, der Bilder vom Stativ aus schiesst, sondern eher der Kameramann, der zugleich Regisseur und Drehbuchschreiber ist.

    • Was der Schreiber dieser Zeilen an WebLogs immer sehr gut findet, ist dass oben ein Name [1] drüber steht und davon ausgegangen werden kann, dass da einer berichtet und kommentiert, der seine Position vertritt.
      Klingt vielleicht trivial, ist es aber nicht.

      MFG
      Dr. W

      [1]
      Der ‚Name‘ schließt Pseudonyme ein, nicht aber Anonyme, auch nicht die Benachrichtigung unter wechselnden Namen. – Es gilt oder galt zumindest im Web als unpassend anonym oder unter wechselnden Namen Nachrichten zu versenden, Pseudonyme sind oder waren aber anerkannt, bei Pseudonymen ist darauf zu achten, dass sie als Pseudonym erkennbar sind.

      • PS:
        Q: Warum ist für den Abnehmer die oben beschriebene Namenszuordnung hilfreich?
        A: Hilft bei der Einordnung von Nachricht sozusagen: ungemein.

  3. Vielen Dank Herr Pössel für diesen Artikel!

    Er deckt sich mit meinen Erfahrungen bzgl. wissenschaftlicher Berichterstattung in professionellen Medien, ins besondere auf SPIEGEL-Online (SPON). Mehrmals täglich informiere ich mich auf SPON über aktuelle Themen. Dabei ist auffällig wie, kurz und knapp über wissenschaftliche und technische Entwicklungen berichtet wird. Eine journalistische Aufarbeitung der Themen findet selten statt. So nutze ich SPON vor allem als Hinweisgeber und google nach Blogs, die sich dem jeweiligen Thema tiefgreifender widmen. Ebenso vermisse ich eine Nachverfolgung der Themen, mit erneuten Artikeln beim erreichen von Meilensteinen in der Entwicklung. Wie ich dies, von den von mir gelesenen deutsch- und englischsprachigen Blogs, gewohnt bin.

    Ein konkretes Beispiel, aus SPONs technischer NETZWELT-Berichtersattung, möchte ich anführen. Am 28.02.2014 las ich dort das erste Mal von Googles Vorhaben ein modulares Smartphone zu entwickeln. Dieses „Project Ara“ genannte Smartphone soll ein Baukasten-Handy werden, das der Nutzer individuell aus Modulen zusammen setzen kann. So das er es seinen eigenen spezifischen Bedürfnissen anpassen kann. Die Modul-Hardware selbst wird nicht von Google kommen, sondern nur von Google über einen Online-Store vertrieben werden. Zur Entwicklung und Herstellung der Module sind Entwickler weltweit aufgerufen.

    Ich war sofort Feuer und Flamme für diese Idee, und verfolge dieses Projekt bis heute. Nicht so SPON! Erstmalig berichtete SPON am 29.10.2013 über Project Ara, und letztmalig am 16.04.2014 mit der Überschrift „Bausatz-Handy soll im Januar (2015) auf den Markt kommen“. Das im Januar 2015 lediglich die zweite von drei Entwicklerkonferenzen, mit der Präsentation des 2. Prototypen, stattfand wurde nicht berichtet. Ebenso wenig das für das dritte Quartal 2015 eine Pilot-Einführung in Puerto Rico bevorsteht.

    Als größtes deutsches Nachrichtenmagazin hätte ich zumindest erwartet, dass der Ankündigung des deutschen Unternehmens und Sound-Spezialisten Sennheiser, dem Project Ara zwei Audio-Module beizusteuern, ein Artikel Wert ist. Das hätte ein Weckruf an den deutschen Mittelstand sein können, sich mit dieser neuen Open-Source-Technologie zu beschäftigen, um nicht den Anschluss zu verpassen.

    Ebenso verschläft SPONs GESUNDHEIT-Ressort die, mit Project Ara verbundene, mHealth-Entwicklung. mHealth steht für mobile Gesundheit, und meint gesundheitliche Soft- und Hardware-Entwicklungen für mobile Endgeräte. Für Project Ara sind mehrere Module unterschiedlicher Hersteller in der Entwicklung, die z.B. den Blutzuckerspiegel und Blutsauerstoffgehalt messen oder auch Radioaktivität messen.

    Evtl. möchte sich ja ein SciLogs-Blogger diesem Thema annehmen. Ein Ausgangspunkt könnte mein Gast-Beitrag im Socialmedia- und Technik-Blog http://www.gunnarsocial.de sein.

    http://www.gunnarsocial.de/ist-project-ara-die-naechste-grosse-it-revolution/