March for Science: Mitmachen oder nicht?

Eigentlich ein lohnendes Ziel: Demonstrieren für freie und offene Wissenschaft und Forschung, am 22. April 2017 weltweit und auch in vielen Städten in Deutschland. Aber zumindest von den Wissenschaftler/innen, mit denen ich bislang über das Thema gesprochen habe, hatten eine Reihe eine durchaus zögerliche Haltung. Hier auf den SciLogs hat Martin Ballaschk gerade über sein ambivalentes Verhältnis zum March for Science gebloggt. Länger nicht gebloggt hat dagegen SciLoggerin Tanja Gabriele Baudson, die aber vermutlich als Koordinatorin des Science March Germany derzeit nicht zu derlei Dingen kommt.

Die grundlegenden Bedenken sind dabei einigermaßen universell. Da wäre zuerst ein gewisses Grundmisstrauen: Ja, klar, man könnte mitmarschieren, aber lässt man sich damit nicht eventuell für etwas instrumentalisieren? Wird die eigene Unterstützung dann eventuell in einer Weise aufgefasst, die man gar nicht gemeint hat? Als Votum für alle Aspekte des derzeitigen Wissenschaftssystems etwa? Als unkritische Haltung gegenüber der Wissenschaft?

Demonstrationen vereinfachen

Zum Teil ist die Skepsis sicher vorprogrammiert. Die meisten Aspekte von Demonstrationen vereinfachen. Das Adjektiv „plakativ“ hat seine Bedeutung nicht von ungefähr. Slogans sind verkürzend und vereinfachend. Wissenschaftler/innen, so hofft man, neigen im Gegensatz eher dazu, zu differenzieren, Einschränkungen und Grenzen des betrachteten Modells zu benennen. Derlei Poster werden vermutlich eher unhandlich. Aber vielleicht sehen wir beim March for Science ja auch Poster mit Fußnoten und Literaturverzeichnis.

Insofern ist die Teilnahme an einer Demonstration per se erst einmal keine sehr differenzierte Meinungsäußerung. Von den Redner/innen auf dem Podium mal abgesehen stehen die Teilnehmer/innen vereinfacht durch ihre Anwesenheit für „wir sind dafür“; durch Aussagen der mitgeführten Poster können sie zumindest etwas differenzieren, wofür sie stehen.

Demonstrieren für’s Establishment?

Andererseits: So kompliziert ist die Lage dann doch nicht. Da kann ich eine Reihe z.B. von Martin Ballaschks Aussagen nämlich nicht nachvollziehen. Demonstrieren die Teilnehmer beim March for Science „für den Erhalt [des] Systems [des wissenschaftlichen Establishments]“? Befürworten sie mit der Teilnahme implizit auch all die Dinge, die im Wissenschaftsbetrieb nicht so gut laufen?

Nein, sorry, aber das sehe ich nicht. Möglicherweise hat mir der Slogan-Generator des March for Science Deutschland da bislang zufällig die entsprechenden Slogans vorenthalten („Keep post-docs short and snappy!“). Aber zumindest bei den Aussagen von potenziellen Teilnehmern, oder Organisatoren des Marsches, die ich gehört habe, geht es um deutlich Grundlegenderes. Insbesondere darum, wie unsere Gesellschaft entscheidet, auf welcher Wissens-Grundlage sie Entscheidungen trifft. Darum, welche Rolle das Instrumentarium der Wissenschaft mit seinen Möglichkeiten, einigermaßen gesichertes Wissen zu produzieren, in diesem Zusammenhang spielen kann und sollte.

March for Science in den Worten der Organisatoren

Aber ich muss das ja gar nicht in eigene Worte fassen. Hier die Version auf der Einstiegsseite von Science March Germany:

Kritisches Denken und fundiertes Urteilen setzt voraus, dass es verlässliche Kriterien gibt, die es erlauben, die Wertigkeit von Informationen einzuordnen. Die gründliche Erforschung unserer Welt und die anschließende Einordnung der Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, ist die Aufgabe von Wissenschaft. Wenn jedoch wissenschaftlich fundierte Tatsachen geleugnet, relativiert oder lediglich „alternativen Fakten“ als gleichwertig gegenübergestellt werden, um daraus politisches Kapital zu schlagen, wird jedem konstruktiven Dialog die Basis entzogen. Da aber der konstruktive Dialog eine elementare Grundlage unserer Demokratie ist, betrifft eine solche Entwicklung nicht nur Wissenschaftler/innen, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.

Klar, vielleicht könnte man das noch an einigen Stellen leicht umformulieren. Aber grundsätzlich finde ich das, was hier gesagt und wofür zum Science March aufgerufen wird, unterstützenswert.

Aber was ist mit…?

Heißt diese Unterstützung, dass für mich das Wissenschaftsystem perfekt ist, so wie es ist? Dass ich das derzeitige Wissenschaftssystem bis zum letzten i-Tüpfelchen des Status Quo gutheiße? Ähm… nein. Und ich verstehe auch ehrlich gesagt nicht, auf welcher Grundlage jemand solche oder ähnliche Schlüsse zieht.

Wird der Science March eine unkritische Fanboy-Veranstaltung? Das hängt ja wohl von den Mitwirkenden ab. Zumindest etwas an Selbstkritik, an Hinweisen auch auf die Grenzen der Wissenschaft würde ich z.B. bei den Ansprachen schon erwarten. Aber in dieser Hinsicht habe ich beispielsweise bei uns in Heidelberg durchaus Vertrauen, dass Redner wie Beatrice Lugger, unsere MPIA-Doktorandin Thales Gutcke oder Wissenschaftsministerin Theresia Bauer da kein rosarot idealisiertes Bild von Wissenschaft zeichnen.

Aber muss man dafür auf die Straße gehen?

Das ist für mich schon eine schwierigere Frage. Was bringt so eine Demonstration?

Sicher ist so ein Wissenschafts-Marsch erst einmal eine Geste. Aber auch Gesten haben einen Einfluss. Es ist ja nun einmal so, dass sich die öffentliche Diskussion, sowohl in den Massenmedien wie in Blogs und dergleichen, zumindest zum Teil nach Anlässen richtet. Der March for Science wird hoffentlich Aufmerksamkeit für die entsprechenden Themen generieren: Welche Rolle spielt Wissenschaft bei uns derzeit? Welche Rolle sollte sie spielen? Wenn alles gut läuft, ist der March for Science ein Impuls für die Diskussion um diese und weitere Fragen.

Viele von denjenigen, deren Äußerungen zum March for Science ich gelesen habe, beteiligen sich jetzt schon an dieser Art von Diskussion – und dürften das auch in Zukunft tun. Deswegen glaube ich auch nicht, dass sich die Beteiligten nach der Demonstration „alle gegenseitig auf die Schultern klopfen und zur Tagesordnung übergehen“ – dann würde der March for Science tatsächlich eine eher leere Geste werden. Aber in solchen Dingen muss man ja nicht nur Bedenken vor sich hertragen, sondern kann auch aktiv werden – etwa mit den anderen Teilnehmern reden und das Thema ansprechen: Was macht ihr denn so nach dem March for Science?

Geht die Demonstration nach hinten los, weil zu wenig Teilnehmer dabei sein werden? Das dürfte mit der schwächste Grund zu sein, selbst nicht teilzunehmen. Wer von Sache und geplanter Umsetzung überzeugt ist, sollte kommen; wer nicht überzeugt ist, wegbleiben; die Zahlen ergeben sich dann von alleine.

Ob man an einer der verschiedenen Versionen des March for Science teilnimmt, ist jedenfalls gerade keine derjenigen Fragen, auf die sich mithilfe der Wissenschaft eine einigermaßen eindeutige Antwort finden ließe. Eine ganze Reihe meiner Kollegen werden hingehen. Andere werden sich dagegen entscheiden; das ist auch OK; jeder muss und sollte das für sich selbst abwägen. Ich für meinen Teil ziehe jedenfalls aus dem, was ich bis jetzt über den March for Science, seine Ziele und die für Heidelberg geplanten Redner gehört habe, den Schluss, dass ich am 22. April in Heidelberg dabei sein werde.

 

 

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Locker bleiben. Jene Teile des Establishments, die einen Tritt vors denkfaule Schienbein gut gebrauchen können, sind erfahrungsgemäß eher nicht diejenigen, die bei solchen Demos in Massen mitmachen. Diejenigen, die es dennoch tun, werden dadurch geerdet und gezwungen, Farbe zu bekennen, was ebenfalls nicht schaden kann.
    Und wer mal wo mitmarschiert, was sich dann später als doch nicht so helle rausstellt, hat auch nicht gleich zum Weltuntergang beigetragen.

  2. Ich habe jedenfalls mein T-Shirt schon bestellt. Wer sich keiner Gruppe anschliessen will, weil er fürchtet, vereinnahmt zu werden, wird am Ende einsam und machtlos sein.

  3. Schöner Post! Ich werd dabei sein: die gefährlichste Weltanschauung ist die derer, die die Welt nicht angeschaut haben…!

    • Und die Konsequenz daraus, dass ich im März 2013 nicht vor dem Landwirtschaftsministerium in Hannover demonstriert habe und gestern nicht vor dem Abgeordnetenbüro von Frau Kotting-Uhl ist, dass ich am 22. April nicht mitmarschieren darf oder was? Eine unlogische Argumentation, die dadurch nicht besser wird, dass Sie sie nicht explizit ausformulieren sondern nur zwei Links mit anklagenden Fragen in die Kommentarspalte schütten.

      • Sie dürfen gegen alles und jeden demonstrieren. Nur Ihre Motivation „für die Freiheit der Wissenschaft“ erhält in meinen Augen einen Dämpfer, wenn es nur um Wissenschaft geht, deren Ausrichtung Ihnen persönlich gefällt.

        Niemand, fast niemand, im heutigen deutschen Wissenschaftsbetrieb wagte es bisher, gegen den antiwissenschaftlichen Mainstream und die Restriktionen in Bezug auf Kernkraft, Gentechnik oder dergleichen mehr den Mund aufzumachen.

        Gegen Trump ist man wenigstens auf der „richtigen“ Seite, nicht wahr?

        • So sehe ich es auch, Frank Heinze! Gegen Trump und „Populismus“ zu sein, gilt heute als 1a gesellschaftskonform. Da traut sich dann auch der steuergeld- und projektfinanzierungsabhängige Wissenschaftler auf die Straße, ganz schön verwegen! Dass der Kernkraftausstieg und die unausgegorene „Energiewende“ nichts anderes als blanker Populismus waren und den Wiederwahlzwecken einer CDU-Kanzlerin dienten, hat die gleichen edlen Geister bisher recht ruhig schlafen lassen – nun aber möchten sie tapfer auch der richtigen Seite stehen – in enger Tuchfühlung mit Institutschefs, Rektoren, und Politikern.

  4. Aber muss man dafür auf die Straße gehen?

    Das ist für mich schon eine schwierigere Frage. Was bringt so eine Demonstration?

    Howdy, Herr Dr. Markus Pössel.
    Liberale rennen idR nicht auf der Straße herum, einerseits nicht wegen Dünkel, andererseits auch aus Gründen der Effizienz nicht; muss erst einmal von (wenigen) Liberalen auf der Straße herum gerannt werden, ist es womöglich ohnehin vorbei.

    Opi W hat sich aus den 30ern in Deutschland oder Doitschland berichten lassen, durch Zeitzeugen. Wenn die Straße derart belegt ist, ist es wohl demokratisch vorbei: hier sind nicht nur nationalsozialistische Stiefel gemeint.

    Sie herrschen in gewisser Hinsicht über das Web, andere auch,
    MFG + schöne Ostern!
    Dr. Webbaer

    • Sehe jetzt nicht, dass das eine sonderlich evidenzbasierte Antwort wäre; denke auch, dass die Sache nicht so hoch hängt, wie Sie behaupten, und dass es z.B. wegen der Science Marches „womöglich ohnehin vorbei“ wäre. Kann mir aber durchaus denken, dass die typische Science March-Klientel eher zuviel als zu wenig nachdenkt, und in Sachen auf-die-Straße-gegen mit der einhergehenden Vereinfachung (wie im Haupttext schon geschrieben) eher zögerlich ist. Gleichfalls Frohe Ostern!

      • Gemeint war, lieber Herr Dr. Pössel, dass, wenn ‚erst einmal von (wenigen) Liberalen auf der Straße herum gerannt werden [muss], es womöglich ohnehin vorbei [ist]‘ und dass Liberale womöglich am besten medial und politisch wirken.
        So wie bspw. Sie es tun, wobei wiederum nicht behauptet worden ist, dass Sie (explizit) liberal sind.

        Womöglich ging es Ihrem Langzeit-Kommentatorenfreund um die selbe Stoßrichtung wie im (nachdenklichen?) dankenswerterweise von Ihnen bereit gestellten WebLog-Artikel,
        MFG
        Dr. Webbaer

  5. Was mich neben Trump und den anderen Populisten mit ihren alternativen Fakten auf die Straße treibt ist mein Ärger darüber, wie wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse immer wieder von Möchtegern-Experten aus dem Mainstream verdrängt werden.
    Man muss sich heute viel zu oft rechtfertigen, weil man sein Kind impft und nicht beim ersten Anflug von Unwohlsein mit Globuli vollstopft.
    Ich denke auch, dass der march for science hierzulande eher in dieser Richtung wahrgenommen wird. Vielleicht noch als allgemeine Aufforderung, die Politik den Fakten anzupassen und nicht die Fakten der Politik.

    Obwohl also konkrete Problemfelder wie Gentechnik oder Atomkraft schwer im Rahmen von Demonstrationen diskutiert werden können, lohnt sich finde ich die Teilnahme, um ein Zeichen für den Grundgedanken der Wissenschaft zu setzen, sowie für weniger Esoterik und Hysterie und mehr aufgeklärtes Denken und politischer Ideenwettstreit auf Grundlage von nachprüfbaren Fakten zu werben.

    Wer Angst hat, alle Aspekte unseres sicher verbesserungswürdigen Wissenschaftssystems mit seiner Teilnahme zu unterstützen sollte Bedenken, dass es erstens darum in den Medien nicht gehen wird und zweitens eigentlich jeder wissen sollte, dass Demonstrationen aus heterogenen Gruppen und Individuen bestehen, die sich hinter einem Grundkonsens versammelt haben, allerdings bei weitem nicht in allem einer Meinung sind.

    Beispiel: Auf einer Anti-Nazi-Demo reden schon Mal ein SPD-Oberbürgermeister und ein Antifa-Vertreter. Beide dürften politisch sehr, sehr wenig gemeinsam haben.

    Ich würde mir wünschen, dass am Samstag möglichst viele WissenschaftlerInnen und UnterstützerInnen über ihren Schatten springen und teilnehmen.

  6. Dass man für OpenAccess auf die Straße geht ist eine gute Idee. Weil man so die Idee einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht, seine eigene Position stärkt und zum Nachdenken anregt. Dass sich dieser Protest gewissermaßen gegen sich selber richtet muss nicht automatisch ein Nachteil sein https://en.wikipedia.org/wiki/Pogo_(comic_strip) Dies bezeichnet die OpenAccess Bewegung als radikale Protestform, die in Richtung Punk geht.

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