Journalisten: Vertrauen ist gut – wie geht’s besser?

Ich finde in meinen Mitteilungsströmen bei Facebook und Twitter mehr und mehr Nachrichten, bei denen mein erster Gedanke ist: Könntet ihr Journalisten das bitte mal nachrecherchieren? Hat Trump tatsächlich diejenigen Länder von den Einreisehürden ausgenommen, aus denen die tatsächlichen Terroristen kamen? Stimmt diese Geschichte eines seit Jahren in den USA lebenden Wissenschaftlers, der jetzt nicht mehr zurück darf? Diese hier eines US-Veteranen über seinen ehemaligen irakischen Übersetzer?

Ich möchte in den Zeiten von Fake News nichts teilen, nur weil es in mein Weltbild passt. Dafür brauche ich Nachrichtenorganisationen, denen ich hinreichend vertraue – BBC, New York Times, Washington Post, Spiegel, Zeit, FAZ & Co.

Vertrauen ist wichtig, […]

Andererseits: Ich will ja nicht blind vertrauen. Und ich habe oft genug kritisch über Wissenschafts-Berichterstattung derselben Medien gebloggt, deren Berichterstattung ich eigentlich vertraue: Über Astro-Fernsehsendungen zum Schütteln, über zweifelhafte Darstellungen zu resistenten Keimen bei Correctiv/Spiegel, problematischen Umgang mit Temperaturkurven beim Spiegel und anderen (hier 2013; hier 2015) usw. Und auch politikbeeinflussende Fake-Berichterstattung gibt es Offline, siehe Stefan Niggemeiers lesenswerter Beitrag auf Übermedien.

Was also sage ich einem hypothetischen Trump-eigentlich-ganz-gut-Finder, dem über die deutsche Flüchtlingspolitik und entsprechende Berichterstattung besorgtem Bürger oder ähnlichem, wenn er mich fragt, wo denn eigentlich der Unterschied bestünde: ich würde den/einigen herkömmlichen Medien vertrauen, er nicht. Ist das nicht irgendwie dasselbe?

Oder umgekehrt: Wie scheide ich in einer Zeit, wo es dank Website-Layout, Photoshop, Consumer-Kameras/YouTube/Vimeo verhältnismäßig einfach ist, Fake News das Erscheinungsbild von richtigen Nachrichten zu geben, richtig und falsch?

…wie geht das denn in der Wissenschaft?

Verwandte Frage: Wie mache ich es denn bei wissenschaftlichen Ergebnissen? Das System Wissenschaft beruht darauf, dass zumindest jemand mit geeigneter Ausbildung und Ausrüstung nachrechnen, nachprüfen, nachexperimentieren könnte, was in einem Fachartikel behauptet wird.

Journalisten, die ihre Quellen vernünftig angeben: Beispiel ZEIT Wissen

Positives Beispiel „ZEIT Wissen“ – Angaben dazu, wie und wo recherchiert wurde, mit Links auf Quellen. Hier die Seite für die Ausgabe 1/2017.

In der Praxis kann ich zumindest für einige wenige Artikel aus meinem engeren Fachgebiet nachrechnen, was Sache ist. Aber bei der erdrückenden Mehrheit der Fachartikel kann ich das nicht. Immerhin kann ich in begrenztem Maße nachprüfen, ob die Argumente plausibel sind, ob logisch argumentiert wird. Das kann ich bei Nachrichten natürlich auch. Meine persönliche Erfahrung aber ist: So einfach lässt sich Fake News nicht entlarven. Faul ist daran seltener der Argumentationsgang als die Behauptungen, auf denen die Argumentation beruht.

Quellen bitte!

Immerhin ist in Fachartikeln üblich, dass man sich auf vorangehende Arbeiten beruht. In einer Zeit, wo ich nicht mehr in die Bibliothek muss, sondern viele Fachartikel beliebiger Fächer online abrufen kann, ist es einfacher denn je, zumindest stichprobenartig nachzuprüfen, ob ein Artikel sicher in den Vorarbeiten verankert ist, sprich: ob er die Quellen, die er anführt, korrekt zitiert oder ihnen Aussagen unterschiebt, die dort nicht enthalten sind.

Ähnliches gilt auch für Nachrichten außerhalb der Wissenschaft. Parteiprogramme, Gerichtsurteile, Berichte von Kommissionen oder Behörden, Protokolle oder sogar Videos von Reden: Alles das ist online vorhanden. Es sollte selbstverständlich sein, in Artikeln, in denen solche Informationen als Quellen dienen, Links zu setzen. Einige Negativbeispiele hatte ich jüngst in Medienblasen, externe Links und die PISA-Studie angeführt. Die Studie war/ist online und sollte verlinkt werden. Nicht zuletzt um ein Zeichen zu setzen, dass Links und explizite Quellenangaben selbstverständlich sein sollten.

Ein positives Beispiel ist bei „ZEIT Wissen“ die Seite „Hier haben wir recherchiert“, z.B. hier für Ausgabe 1/2017. Da werden Hintergrundartikel, Links auf weiterführende Texte und Fachartikel präsentiert. So etwas wünsche ich mir für alle Artikel in den Medien.

Wenn entsprechende öffentliche Dokumente nicht online sind, sollte das am besten auch erwähnt werden – durchaus auch als Hinweis an die Verantwortlichen.

Die ganze Geschichte

In wissenschaftlichen Fachartikeln muss nachvollziehbar dargelegt werden, wie die Autoren zu ihren Schlussfolgerungen kommen. Zum Teil ist das ja auch in Nachrichten so. „Ein Sprecher der Polizei Berlin sagte, dass“ gibt mir eine Quelle an. Und im Kontext dürfte auch klar sein, warum genau diese Quelle wichtig war.

Bei anderen Experten bin ich mir gar nicht so sicher, warum gerade diese Person befragt wurde. Und aus der eigenen Erfahrung in der wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit habe ich den Eindruck, dass zumindest die nicht-Wissenschaftsjournalisten, die über Wissenschaftsthemen, manchmal etwas, sagen wir mal: unsystematisch auswählen, wen sie zu einem bestimmten Thema befragen. Ich hoffe, dass das z.B. im Ressort Politik anders ist.

Da würde ich mir mehr Hintergrundinformationen wünschen, die ja durchaus in die Geschichte eingearbeitet sein können. Dieses Vorgehen hat ja auch innerhalb des Journalismus durchaus Vorbilder: Einige der spannendsten Reportagen haben die journalistische Arbeit eingewebt und erzählen, wie die Recherche des Autors verlief, wie der Autor auf bestimmte Informanten aufmerksam wurde, wen er warum zu interviewen beschloss und dergleichen mehr. Solche Transparenz wünsche ich mir ebenfalls häufiger.

Journalisten sichtbar machen

In der Wissenschaft sind Fachartikel direkt mit der Person des Autors/der Autoren verbunden. Die Institution steht in zweiter Linie. Bei Journalisten schien es zumindest früher im redaktionellen Teil eher zum guten Stil zu gehören, dass die Person hinter dem Text zurücktritt. Aus der Zeit, in der ich noch regelmäßig gedruckte Zeitschriften und Zeitungen gelesen habe, erinnere ich jedenfalls nicht, dass da neben oder unter den Artikeln ausführlicher etwas zu den Autoren gestanden hätte.

Das hat sich glücklicherweise geändert. Wenn ich jetzt bei Spiegel Online, FAZ, ZEIT oder Süddeutscher Zeitung Artikel lese, sind die Autorennamen in der Regel anklickbar, und ich kann nachlesen, wer da schreibt – und was für Qualifikationen die Journalisten mitbringen. Das ist eine nicht zu unterschätzende vertrauensbildende Maßnahme!

Qualitätssicherung sichtbar machen

Was ist denn nun eigentlich der Unterschied zwischen einem Artikel, den ein qualifizierter Blogger geschrieben hat, und einem Artikel eines Journalisten? Zu einem wichtigen Teil sicher die Qualitätssicherung hinter dem journalistischen Artikel. Aber wie sieht die aus? Ich muss zugeben: das weiß ich für die großen deutschen Zeitungen nicht, und schon gar nicht im Detail.

Von der New York Times weiß ich, dass es da Factchecker gibt, auf die man sehr stolz ist. Ich hoffe, bei deutschen Zeitungen gibt es ähnliches. Es gibt sicher auch Regeln, wer alles einen Artikel intern gegenliest, bevor der Artikel veröffentlicht wird. Vor der Schlussredaktion, die grammatische und Rechtschreibfehler ausmerzen soll, sicher ja auch noch inhaltliche Prüfungen. Aber von wem, nach welchen Kriterien?

Warum weiß ich so etwas nicht? Ich bin damit vermutlich ja bei weitem nicht alleine. Warum steht nicht unter jedem Online-Artikel ein Link „Unsere Standards“, der mir und anderen Lesern so etwas erklärt? Die Qualitätssicherung ist ja durchaus ein wichtiger Grund, den Artikeln in einem bestimmten Medium Vertrauen entgegenzubringen. Die ZEIT hat seit kurzem das „Glashaus“ als ihr neues Transparenz-Blog. Da würde so etwas doch gut hinpassen. Und von FAZ, Süddeutsche & Co. würde mich auch interessieren, wie da die Qualität gesichert wird.

Fazit

Guter, unabhängiger, vertrauenswürdiger Journalismus ist wichtiger denn je. Wer einen anderen Eindruck hat, der hat vermutlich verpasst, was in den USA diese Woche gelaufen ist.

Liebe Journalisten der seriösen Medien in Deutschland: ich habe ein bestimmtes Grundvertrauen in euch, möchte euch aber nicht blind vertrauen, und werde euch – natürlich vor allem dort, wo ich mich auskenne – immer auch auf die Finger schauen. Bitte macht es mir (und den anderen Lesern) einfacher, mein Vertrauen durch Hinterfragen abzusichern: Indem ihr Quellen verlinkt, Hintergrundmaterial postet, mir ausführlich erzählt wie ihr auf eure Aussagen und Schlussfolgerungen kommt, mir erzählt wer ihr eigentlich seid und mir erklärt, wie euer Medium ganz allgemein seine Qualität sichert.

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

29 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es ist nicht möglich, alles auf Korrektheit zu überprüfen, weder in der Wissenschaft, noch im Journalismus. Sicherheit bei Fakten ist immer nur relativ, sie sollte so gut wie möglich sein, aber eine Hürde ist zweifellos der Zeitaufwand, der eine Überprüfung braucht.
    Das gilt ja ähnlich auch in der Industrie: ein Produkt wurde x-mal geprüft, x + 1 -mal wäre besser, aber teurer und aufwendiger. Also überlässt man dem Kunden das Finden des Fehlers.
    Wenn sich Journalisten, wie es heißt, auf zwei unabhängige Quellen als Standard verlassen, muss das keineswegs ausreichen, erst recht nicht in der Wissenschaft.
    Man muss immer mit größeren und kleineren Unsicherheiten bei der Nachrichtenlage rechnen, genauso wie bei Wikipedia und, ja auch bei wissenschaftlichen Lexika (man versuche mal, die Lebensdaten einer historischen Person, aus der zweiten oder dritten Reihe hundertprozentig herauszufinden). Hinzu kommen Unklarheiten bei der sprachlichen Formulierung eines Sachverhaltes.
    Die Nachfrage nach einem Beleg oder Beweis ist ein beliebtes Argument, wenn über sehr strittige Themen diskutiert wird. Da wird oft keine Quelle, kein „Beweis“ (was ist das denn außerhalb der Mathematik?) gelten gelassen, zu allem wird ein Einwand gefunden.
    Kurz: was als belegte Tatsache anerkannt wird, hängt in der Diskussion von dem Anspruch an der Beweiskraft ab, die Latte kann beliebig hoch gelegt werden und damit unterliegt diese Anspruchsforderung auch einer instrumentalisierbaren Willkürlichkeit.

    • Im Prinzip ja. Und klar: Immer bessere und immer mehr Belege zu fordern kann auch ein Versuch sein, die Diskussion lahmzulegen.

      Ganz auf Belege und Hintergrundinformationen zu verzichten halte ich aber auch nicht für richtig. Das verlinkte ZEIT Wissen-Beispiel zeigt ja z.B. wie es ohne großen Aufwand besser geht; so etwas würde ich mir für Meldungen ganz allgemein wünschen.

  2. Je mehr sich eine Nachricht als Fakt ausgibt, desto mehr bedarf diese Nachricht einer Überprüfung. Und klar erwartet der Leser von Zeitungen, dass sie sich dieser Aufgabe stellen, während Twitterer und Facebook-Postende von vornherein weniger Kredit erhalten.
    Lange nicht alles was in einer Zeitung steht, hat aber eine enge Fakten-Beziehung, vielmehr ist eine klare Faktenbeziehung eines politischen oder wirtschaftlichen Artikels eher die Ausnahme. Was Zeitungen vor allem machen, ist Fakten interpretieren. Beispiel: Es ist ein Faktum, dass das Pro-Kopf-BIP Italiens zwischen 2006 und 2016 leicht geschrumpft ist. Zeitungen machen dann daraus eine Diskussion darüber inwieweit die Einführung des Euro dieses BIP-Schrumpfung verursacht oder mitverursacht hat. Ganz ähnlich interpretierten viele Zeitungen den geringen Oberflächentemperaturanstieg zwischen 1998 und 2014 als „Erwärmungspause“. Wobei man sich hier schon fragen kann, ob eine solche behauptete „Erwärmungspause“ auf die gleiche Stufe stellen kann wie der behauptete Einfluss des „Euro“ auf das fehlende Wirtschaftswachstum in Italien. Meiner Ansicht nach nicht, denn ob eine „Erwärmungspause“ vorliegt, kann man an eindeutigen statistischen Kriterien festmachen – und die waren bei der behaupteten „Erwärmungspause“ nicht erfüllt.

    • Ich glaube nicht, dass die genannten Interpretationen die Aufgabe von Journalisten sind. Da dürften in beiden Fällen noch Experten konsultiert werden; abzuwägen, wen er da konsultiert und was er daraus macht ist dann wieder Sache des Journalisten. Und mir als Leser würden Hintergrundinformationen nach dem Motto „Warum wurde gerade dieser Experte befragt?“ eben weiterhelfen, um einschätzen zu können, was ich davon halte. Im Falle der „Erwärmungspause“ ist der Aspekt „Trend plus Störungen“ so elementar, dass ich da auch von einem Wissenschaftsjournalisten erwarten würde, nicht in die Hiatus-Falle zu tappen.

  3. Journalisten werden nur dann kritisch recherchieren, wenn es ihren Lesern wichtig ist. Wenn die Leser Nachrichten aber vor allem als Unterhaltungsstoff sehen („Ich hab jetzt mal 5 Minuten frei und lasse mich auf SPON berieseln“), gibt es nirgendwo einen Anreiz, Fakten zu prüfen oder eine Nachricht in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

    Genau das passiert gerade auch bei Trumps Einreisestop. Offenbar bezieht sich sein Dekret auf eine ganz ähnliche Entscheidung 2015, die auf einem Kompromiß der Obama-Regierung mit dem Kongreß beruht (damals gab es viel weniger Wirbel). Hier einige Infos der US-Grenzschutzbehörde zu den Einreiseverboten. In einigen nicht unerheblichen Details ist Trumps Dekret wohl schärfer und vor allem rechtlich mit der heißen Nadel gestrickt, aber die Zielsetzung ist dieselbe.

    Wichtig ist: Die Geschichte ist sehr viel komplexer, als wir jetzt überall lesen können. Die Darstellung von Trumps Dekret ist nicht direkt Fake News, aber durch den Anti-Trump-Bias journalistisch nicht sauber. So bauen wir sicher keine moralische Überlegenheit gegenüber dem Trump-Lager auf.

    • Zitat:

      nirgendwo einen Anreiz, Fakten zu prüfen oder eine Nachricht in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

      Der Spiegel (und wohl auch SPON) will nach eigenem Bekunden Nachrichten nicht als reine Fakten, sondern als Narrative portieren und über Stories/Geschichten den Leser ansprechen. Der grössere Zusammenhang wird also durch Spiegel und SPON durchaus hergestellt.
      Beim Fakten Überprüfen wird es schwieriger. Soviel ich weiss werden beim gedruckten Spiegel die Fakten von eigens dafür angestellten Personen überprüft, unter anderem über das umfangreiche Spiegel-Archiv.
      Mir scheint, dass Zeitungen ein Eigeninteresse am Faktencheck haben, denn eine Zeitung, die faktenmässig falsch informiert, handelt sich ja einen schlechten Ruf ein. Allerdings wirkt dieser Mechanismus nur, wenn die „Faktenuntreue“ überhaupt bekannt wird und in irgend einer Weise abgestraft wird.

      • Ob die Fakten jetzt Fakten sind oder auch nicht spielt im Allgemeinen keine große Rolle. Die Strategie, insbesondere von SPON, ist eine ganz andere: Hier spielen das Weglassen und das Aufbauschen eine eminente Rolle.

    • Nachrichten als Unterhaltungsstoff ist ja gerade das, was Clickbait so erfolgreich macht. Und sich von Clickbait abzusetzen sollte den Journalisten auch ohne explizite Lesernachfrage ein Bedürfnis sein.

      Zum Einreisestop: Vorsicht, das „Obama hat das genau so gemacht!“ scheint so auch nicht so zu stimmen. Das Link, das Sie setzen, bezieht sich ja auch auf das Visa Waiver Program. Sprich: da geht es darum, wer überhaupt ein Visum braucht. Jetzt auf den US-Flughäfen ginge es darum, dass Menschen mit Greencard und anderen gültigen Aufenthaltserlaubnissen urplötzlich nicht mehr hinein und das hieß zum Teil: ins langjährige Zuhause durften. Das ist aus meiner Sicht etwas fundamental anderes (und das sehen erste US-Gerichte ja wohl ähnlich). Aber die Details führen uns in der Tat zu weit weg vom eigentlichen Thema. Das wäre hier eher gewesen: Gesetzestexte, Originaltexte, Stellungnahmen verlinken. Haben die Medien ja z.T. auch gemacht.

      • @ Markus Pössel

        Jetzt auf den US-Flughäfen ginge es darum, dass Menschen mit Greencard und anderen gültigen Aufenthaltserlaubnissen urplötzlich nicht mehr hinein und das hieß zum Teil: ins langjährige Zuhause durften. Das ist aus meiner Sicht etwas fundamental anderes

        Ja, aber das ist doch nun wirklich nicht der Haupttenor der Kritik an Trumps Dekret. Der Aufschrei ist: Rassismus und Nepotismus (weil ja enge wirtschaftliche Partner der USA wie z.B. Saudi-Arabien ausgenommen sind). Beide Vorwürfe treffen aber schon die vorherige Regelung, die ich oben verlinkt habe und die genau dieselbe Länderauswahl trifft. Hat das damals jemanden interessiert? Nein. Gab es weltweite Proteste? Nein. Aber jetzt stürzen sich alle drauf, weil es diesmal von Trump kommt und entsprechend wenig elegant verpackt ist.

        Natürlich: Trumps Entscheidung, bestehende Visa nicht mehr zu akzeptieren, ist schon ein starkes Stück und rechtlich natürlich nicht haltbar. Aber dieser technische Aspekt ist doch wirklich nicht Grund, warum die Menschen auf die Straße gegangen sind.

        Jetzt hat Trump natürlich bequem die Möglichkeit, den Medien ihre Voreingenommenheit nachzuweisen. Seine Anhänger werden sich freuen.

        • Aber hallo. Wenn ich schaue, was die US-Kollegen in meinen Timeline schreiben, die zu den Flughäfen gefahren sind, dort protestieren und darüber berichten, ist das genau der Grund: dass da konkret Menschen Schaden zugefügt wird. Dass Menschen auf den Flughäfen festgehalten werden, die eigentlich ein Recht zur Einreise haben. Dass da ein Fünfjähriger nicht zu seiner Mutter gelassen wird, ein Professor, der schon sieben Jahre in den USA arbeitet nach einem Auslandsaufenthalt nicht ins Land darf. Das ist alles andere als ein technisches Detail. Und es ist der Grund, warum es die ersten Eilklagen und Gerichtsbeschlüsse gab/gibt.

          Soweit ich sehen kann, kam die Auswahl für das Visa Waiver Program (wie gesagt, etwas von der Wirkung her deutlich anderes!) übrigens nicht von der Regierung Obama, sondern war vom Kongress so beschlossen worden. Der Unterschied zwischen „nach öffentlichen Diskussionen im Parlament als Gesetz beschließen und dann nach Monaten in Kraft zu setzen“ und „innerhalb weniger Tage als Dekret durchdrücken“ dürfte ein wichtiger Grund sein, warum Trump jetzt so stark kritisiert wird. Ersteres bietet Gelegenheit zu öffentlicher Diskussion, für Beschwerden, Nachbesserungen. Eil-Dekret ist sofort da, und das entstehende Chaos ist ja nicht nur ein Formfehler, sondern trägt zur Rechtsunsicherheit bei und, siehe oben: schadet Menschen.

          Und auch da, um zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Ich wünsche mir sorgfältige journalistische Berichterstattung unter Einbeziehung von Experten, die sich mit dem Thema auskennen. Die den Unterschied zwischen Visa und Visa Waiver Program herausarbeitet. Die klarstellt, welche der Länder vom Kongress ins VWP-Gesetz hineingeschrieben wurden und was durch das DHS festgelegt wurde. Bitte mit Quellen, wo möglich – so eine Berichterstattung wird sich ja auf Gesetze, Verlautbarungen etc. berufen, die man verlinken kann.

          • Die den Unterschied zwischen Visa und Visa Waiver Program herausarbeitet. Die klarstellt, welche der Länder vom Kongress ins VWP-Gesetz hineingeschrieben wurden und was durch das DHS festgelegt wurde.

            Das wäre wünschenswert. Eben den Kontext darstellen und Fakten ermitteln, die „schlimmstenfalls“ auch zu einer alternativen Sicht der Dinge führen können. Statt dessen springen Journalisten (und zwar längst nicht nur online) nur zu gern auf den bandwagon auf, um schnell und billig auf Reichweite zu kommen. Empörungswellen eignen sich dafür perfekt.

            Das ist übrigens ein Aspekt, der mir an der Fake-News-Debatte zu kurz kommt: Es genügt nicht, Fakten richtig darzustellen – man muß alle relevanten Fakten darstellen. Themen-Auslassung ist eine besonders subtile Form der Falschinformation.

          • „Gefragt hatte Trump seinen Minister nicht vor seiner Entscheidung. Dabei sind es Kellys Ministerium und die untergeordneten Behörden, die für einen Einreisestopp zuständig sind. Und dann, mitten im Telefonat, sah einer der Teilnehmer hoch zum Fernseher in seinem Büro, und sagte, fassungslos: „Der Präsident unterschreibt gerade das Dekret, das wir hier diskutieren.“

            http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/donald-trump-einreisestopp-weisses-haus-dekret-bundesrichter-niederlage-regierung

            Herr Pössel, das was Tim macht, ist genau das, was ich meine. Die Diskussion wird mit schiefen Vergleichen und Analogien zugemüllt. Immer wird noch ein „aber“ hinterhergeschoben, die Diskussion endet erst mit physischer Erschöpfung.
            Journalisten können gerne die Originaldokumente verlinken, das ist selbstverständlich ein gute Idee. Das wird absurde Diskussion um die richtige Exegese aber oft nur befeuern und nur wenige zum Nachdenken bringen.
            Ich sehe z.B. bei ZEIT-Online auch, dass dort Kommentatoren aus ein klaren Aussagen das Gegenteil lesen, was dort steht, nur um etwas in ihr Weltbild zu zwängen. Wichtiger als die Wahrheit ist den meisten Menschen, Recht zu haben. Es wurde viel kritisiert, das die Linksliberalen, die „Gutmenschen“ etc. in einer Blase leben.
            Die Blase der Rechtspoplisten ist dabei viel fester und stabiler. Trumps Truppe bewegt sich offenbar in einem fest geschlossenen Wahnbild.

        • @Stefan: Zitat:

          Trumps Truppe bewegt sich offenbar in einem fest geschlossenen Wahnbild.

          . Oder/Und Trumps Handeln ist ideologisch (mit-)bestimmt durch seinen Chefstrategen Steve Bannon, dem Steve Bannon, der vor kurzem noch Chef von Breitbart war und der von Trump am Samstag zusätzlich zu seiner Chefstrategen-Rolle zum permanenten Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat gemacht wurde. Wenn Steve Bannon „mitregiert“, dann sind die aufmerksamkeitsheischenden über TV verkündeten Exekutiv-Direktiven Trumps gut nachvollziebar. Sie dienen dazu 1) Aufmerksamkeit zu wecken 2) den Nachweis zu erbringen, dass Trump Wahlversprechen erfüllt 3) der Schaffung einer Quelle von alternativen Fakten (= Fakten, die dem Medienmainstream widersprechen).

          Mein Eindruck: Trump scheint seinen Chefstrategen mitinszenieren zu lassen, weil Trump schon immer sehr viel auf Inszenierung setzte. Allerdings ist es weit mehr als eine Inszenierung, was die beiden anbieten. Zur Realitätssicht von Trump und Bannon gehört auch eine tüchtige Portion Ideologie.

  4. Prof.em. Thomas Meyer, einem Politikwissenschaftler, veröffentlichte 2015 ein Buch mit dem Titel „Die Unbelangbaren. Wie politische Journalisten mitregieren.“ [1]
    In seinem Vorwort bezieht er sich u.a. auf einen inzwischen verstorbenen Journalisten, der zwei „manifeste Probleme des politischen Journalismus“ ausgemacht hat: die zunehmende Bereitschaft der Medienleute, per Selbstermächtigung im politischen Betrieb [2] mitzumischen und sich zu politischen Großinquisitoren aufzuschwingen, und zum anderen die Produktionsbedingungen der Branche, in der der Echtzeitdruck immer weniger Raum lässt für Distanz, genauer Prüfung und kritische Selbstreflexion.

    Letztlich ist es also weniger eine Frage des Vertrauens, sondern eher die Forderung nach einem Sapere aude, sich also selbst kundig zu machen. Die Offenlegung der Quellen von den Medien zu fordern, wird da nicht viel bringen, wo sie selbst die Quelle sind.

    [1] Erschienen bei edition suhrkamp
    [2] Womit u.a. gemeint ist: „Die politische Macht hat, wer über die Zulassung von Themen zur Öffentlichkeit entscheidet.“

    • Selbst da, wo die Medien selbst die Quelle sind, kann man die Dinge transparenter gestalten. Beispiel: der leidliche Streit um die Trump-Inaugurations-Besuchszahlen, wo diejenigen Berichte am überzeugendsten waren, wo viele Bildquellen, mit Zeitangabe, mit Nachweis dass das während der eigentlichen Inauguration und nicht davor war.

      Ansonsten würde mir, wie geschrieben, wenn die externen Quellen sichtbarer würden: Links auf Artikel/Berichte/Gesetztestexte, Aussagen zur Expertenauswahl.

  5. > Hat Trump tatsächlich diejenigen Länder von den Einreisehürden ausgenommen, aus denen die tatsächlichen Terroristen kamen? … Quellen bitte!

    The Department of Homeland Security today announced that it is continuing its implementation of the Visa Waiver Program Improvement and Terrorist Travel Prevention Act of 2015 with the addition of Libya, Somalia, and Yemen as three countries of concern, limiting Visa Waiver Program travel for certain individuals who have traveled to these countries.

    Last month, the United States began implementing changes under the Act. The three additional countries designated today join Iran, Iraq, Sudan and Syria as countries subject to restrictions for Visa Waiver Program travel for certain individuals.

    Das war aber schon im letzten Februar der Fall: https://www.dhs.gov/news/2016/02/18/dhs-announces-further-travel-restrictions-visa-waiver-program

    • Siehe den verlinkten Tweet: Da geht’s konkret auch darum, wieviele für (zivile?) Tote in den USA verantwortliche Terroristen aus den betreffenden Ländern kamen. Erstmal eine ziemlich prägnante Infografik (es gibt eine, die noch eine Spalte für Trumps Geschäftsbeziehungen mit dem entsprechenden Land dabei hat).

      Da reicht als Quelle nicht ein Link auf das Visa Waiver Program (das, soweit ich weiß, ja sogar noch etwas anderes ist als das, worum es jetzt bei Trump geht – dort geht es um Visa-Ausnahmen, aktuell bei Trump um bestehende Visa und Green Cards), sondern man müsste im Einzelnen nachforschen: Was gab es für Anschläge, wer war beteiligt. Kann man, wenn man die Zeit hat, sicher auch selbst machen. Aber so etwas wünsche ich mir von den Journalisten. Und je nachprüfbarer (Link auf bestehende Statistik?), desto besser.

      • > Da reicht als Quelle nicht ein Link auf das Visa Waiver Program

        Der Link verweist auf „Visa Waiver Program Improvement and Terrorist Travel Prevention Act of 2015„. Den zweiten Teil sollte man nicht nach eigenem Ermessen unterdrücken. Unterer anderen pflegen z.B. Physiker wie unsereins alle Fakten auf den Tisch zu legen.

        Hierzulande wird in den weiter verbreitenden Medien nur ganz am Rande, wenn überhaupt auf Trumps Erlass verwiesen: http://edition.cnn.com/2017/01/28/politics/text-of-trump-executive-order-nation-ban-refugees/

        > Was gab es für Anschläge, wer war beteiligt. Kann man, wenn man die Zeit hat, sicher auch selbst machen.

        http://dailysignal.com/2015/09/10/a-timeline-of-73-islamist-terror-plots-since-911/

        Unless we want to simply accept Muslim immigrant terror as a fact of American life, a short-term ban on entry from problematic countries combined with a systematic review of our security procedures is both reasonable and prudent:

        http://www.nationalreview.com/article/444370/donald-trump-refugee-executive-order-no-muslim-ban-separating-fact-hysteria

        • Haben Sie den dort verlinkten Text durchgelesen? Bei den konkreten Maßnahmen, die da angekündigt werden, ist immer nur davon die Rede, wer jetzt nach den neuen Regeln nicht mehr unter das Visa Waiver Program falle und welche Einschränkungen es bezüglich dieses Programms gäbe. Im letzten Abschnitt wird sogar gesagt, die betroffenen Individuen könnten nach wie vor Visa beantragen.

          Insofern finde ich Ihre Beschwerde, ich hätte da etwas „unterdrückt“ nicht nachvollziehbar. In dem verlinkten Text sind keine Konsequenzen erwähnt, die nicht das Visa Waiver Program beträfen, und es wird explizit auf Visamöglichkeiten hingewiesen. Das ist ein grundlegender Unterschied zu dem, was Trump jetzt verfügt hat. Darauf hatte ich hingewiesen. Das Link geht schlicht am jetzigen Thema vorbei.

  6. Von der New York Times weiß ich, dass es da Factchecker gibt, auf die man sehr stolz ist. Ich hoffe, bei deutschen Zeitungen gibt es ähnliches.

    Herr Pössel, glauben Sie, dass das entscheidend ist? Ich vermute, dass dieses Fact-Checking bei Meinungsartikeln keine Rolle spielt. Meinungsartikel (früher waren das mal die Leitartikel) scheinen mir aber eine immer größere Rolle in – zumindest – Onlinemedien zu spielen.

    Und, nebenbei, eine interessante Stellungnahme zu Trumps Dekret.

  7. Lieber Markus Pössel,

    Ihr Anliegen in Ehren – ich fürchte nur, es geht an der journalistischen Wirklichkeit vorbei. Sie vernachlässigen nämlich zwei Grundbedingungen journalistischen Arbeitens – interessanterweise entstammen beide der Naturwissenschaft. Die eine ist der Faktor Zeit. Die andere ist die Mengenlehre.

    Erstens: Zeit.

    Wissenschaft ist im Ideal eine zeitunabhängige Angelegenheit. Ob einer ein Problem schnell oder langsam löst, ist heutzutage vielleicht für seine Drittmittel-Anwerbung interessant und dafür, ob sich seine Forschung noch zu Lebzeiten in einer Startup-Ausgründung rentiert. Aber im Prinzip erwartet niemand von einem Forscher Tempo. Hingegen erwartet jeder, dass er seine Erkenntnisse und Experimente so gut wie möglich absichert und lieber sechsmal zu häufig als ein Mal zu wenig überprüft. Das System Wissenschaft stellt Nachprüfbarkeit an die oberste Stelle; ja sie ist geradezu sein Definitionsmerkmal. Wer zu wenig oder die falschen Quellennoten setzt, kann den Doktortitel knicken, gegebenenfalls auch nachträglich.

    Journalismus hingegen ist, das steht in seinem Namen, Geschäft für den Tag. Der Journalist muss sein Bestmögliches tun, um korrekt zu arbeiten. Für das Best-Denkmögliche fehlt ihm die Zeit. Das gilt auch für Links auf Belegstellen – wünschenswert, sicher, aber das dauert.

    Denn, zweitens, die Mengenlehre spielt ebenfalls eine Rolle. Wir stehen nicht nur unter Zeitdruck, wir sind in der Regel auch verdammt wenige. Ich würde mir ja wünschen, dass mir aus dem Stand abrufbar ein Heer von Dokumentaren, Gegenlesern, Fotoarchivaren und Webseitenbauern zur Verfügung steht. Tut es aber nicht. Die Tageszeitung, die sich dieses Heer leisten könnte, würden Sie nicht bezahlen wollen.

    Übrigens bekommen wir in der Berichterstattung vor allem über Politik und Wirtschaft die interessantesten Informationen häufig nur unter der Bedingung zu hören, dass wir den Informanten nicht nennen und höchstens grob andeuten, aus welcher Ecke die Info kommt – aus „Regierungskreisen“ oder von „Koalitionspolitikern“ zum Beispiel.

    Nun arbeitet aber auch der Journalist nicht ohne jede Kontrolle. Wir haben unsere Handwerksregeln: Zwei Quellen (nur in Ausnahmefällen eine, wenn sie langjährig geprüft und für korrekt gefunden wurde). „If in doubt, leave it out“ – keine Nachricht zu haben ist besser als eine falsche. Und was in der Wissenschaft die Kollegen sind, sind’s bei uns auch. Ich habe lange für eine internationale Nachrichtenagentur gearbeitet und schreibe heute für eine renommierte Zeitung. Ich mag mich nicht blamieren. Wenn ich Unsinn verzapfe, fragt mich ganz sicher anderntags ein Kollege, ob ich Fieber hatte. Wenn ich häufig Unsinn schreibe, wird die Zahl meiner Gesprächspartner nicht nur unter Kollegen, sondern auch unter Politikern und anderen Informanten rasch kleiner.

    Von diesem Kontrollsystem bekommen Sie natürlich nichts mit und können nicht prüfen, ob es funktioniert. Ihnen als Leser wird darum häufig nicht viel anderes übrig bleiben, als Ihre Ansprüche an Nachprüfbarkeit auf ein „good enough“-Maß zu reduzieren – und mir zu glauben.

    Aber, und das scheint mir wichtig, nicht in dem Sinne, in dem Sie einem Forscher „glauben“, der für seine Forschung den Nobelpreis bekommen hat und dessen Theorie den Praxistest bestanden hat. Sondern in dem Sinne, dass Sie mir glauben, dass ich mich nach bestem Wissen und Gewissen bemüht habe, in knapper Zeit mit beschränkten Mitteln der tagesaktuellen Wahrheit nahe zu kommen. Das ist, wenn man es schafft, schon sehr, sehr viel. Und ich bin der letzte, der von sich behauptet, dass ich das immer hinbekomme.

    Es gibt vielleicht ein anderes Mittel, mit dem Journalismus seine Glaubwürdigkeit zumindest verstärken könnte. Meine alte Nachrichtenagentur hat jeden kleinsten Fehler sofort korrigiert, und zwar nicht heimlich, sondern mit einer eigenen Korrekturmeldung und in schweren Fällen mit EILT-Klingel. Leser und Kunden konnten nicht sicher sein, dass keine Fehler passieren. Aber sie hatten die Garantie, dass Fehler, die entdeckt wurden, nicht stehen blieben.

    Im angelsächsischen Zeitungsjournalismus ist die „Corrections“-Spalte fester Bestandteil jedes seriösen Organs. Hierzulande ist sie nicht üblich. Ich finde das falsch. Aber ich muss zugeben: Manchmal verstehe ich’s auch. Ich habe hier nämlich schon öfter erlebt, dass eine Korrektur einem keine Anerkennung einbringt, sondern hämische Kommentare: Ertappt, der Kerl musste zurückrudern – der Rest wird dann schon auch falsch sein!

    • Lieber Herr Birnbaum,

      vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung auf der Basis langjähriger Erfahrung.[1]

      Mir ist klar, dass die Zeitskalen im Journalismus andere sind. Wobei es ja auch da Unterschiede gibt – beim Verfassen eines Hintergrundartikels mehr Zeit als für eine tagesaktuelle Meldung. Und klar kann man nicht dieselbe Ausführlichkeit erwarten wie in einem Fachartikel. Aber was die Kollegen bei ZEIT Wissen mit der obigen Rechercheseite machen, finde ich schon sehr gut – und es dürfte vertretbarer Aufwand und technisch leicht umzusetzen sein.

      Sie werden, vermute ich, wenn Sie eine Trump-Aussage zitieren, in den meisten Fällen doch keine Papierkopie als Vorlage haben, sondern eine online verfügbare Ressource (Verlautbarung, Video, …) – oder nicht? Kann man da nicht schnell ein Link setzen? Eine verstärkte Setzung solcher Links (auf Quellen, Studien etc.) wäre schon viel wert, finde ich.

      Danke auch für die Schilderung des Kontrollsystems – das aber, wie Sie ja selbst schreiben, kaum nach sichtbar ist. Ich finde, da und bei Regeln z.B. für das interne Gegenlesen (Vieraugenprinzip etc.) stellen die Redaktionen ihr Licht derzeit unter den Scheffel.

      Sichtbare und rasche Fehlerkorrekturen: Was die Häme angeht, sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Meine Hoffnung wäre: wenn sich Korrekturspalten einbürgern, wird sich auch der Umgang damit normalisieren. (Kenne allerdings aus der Wissenschaft ein ähnliches negatives Beispiel: In der Debatte Evolution vs. Kreationismus hörte ich von Kreationisten das Argument, dass Wissenschaft unzuverlässig sein sehe man doch bereits daran, dass sich die Wissenschaft laufend mit neuen Erkenntnissen korrigieren würde!)

      [1] Ich habe beim Tagesspiegel auch nach ihrer Biografie gesucht, aber auf der entsprechenden Seite steht nur eine knappe Beschreibung – das machen FAZ, Spiegel, Zeit und Süddeutsche besser, finde ich!

  8. Ein großes Problem sehe ich auch darin, dass Nachrichten eine Ware sind. Die großen Nachrichtenagenturen produzieren und verkaufen die Meldungen, die dann in einem großen Teil der deutschen Presse aus meiner Sicht meist ungeprüft veröffentlicht werden. Und an der Stelle haben wir aus meiner Sicht gleich mehrere Probleme:
    – Die Nachrichten werden anonym unter Angabe der Agentur veröffentlicht.
    – Die Zahl der Anbieter ist für eine Qualität erzeugende Konkurrenz aus meiner Sicht zu gering.
    – Die vielen Regionalzeitungen recherchieren lokal, bei überregionalen Meldungen verlassen sie sich aus Kostendruck auf die Agenturen und veröffentlichen meist ungeprüft.

    Vielleicht könnte eine interessante Perspektive sein, wenn die großen, selbst recherchierenden überregionalen Medien in diesen Markt mit einsteigen und quasi „geprüfte Qualitätsmeldungen“ in Konkurrenz zu den Nachrichtenagenturen anbieten.
    Ich habe allerdings keine Ahnung, ob so etwas schon läuft und ob die gesetzlichen Rahmenbedingungen dies zulassen würden.

  9. Fake News in der Form von Spins sind ein Grundproblem auch der konventionellen Medien. Denn Zeitschriften und Zeitungen wollen plausible Stories erzählen und nicht einfach Nachrichten transportieren (Hans Magnus Enzensberger 1957, These 2: Das „deutsche Nachrichten-Magazin“ ist kein Nachrichten-Magazin).
    Und was macht man, wenn sich die Einzelfakten nicht zur gewünschten Geschichte zusammenfügen. Man unterdrückt die nicht passenden Fakten oder erfindet sie gar, wie das gemäss „Fake News“ und der blinde Fleck der Medien bei den Bestechlichkeits-Vorwürfen an Bundespräsidenten Christian Wulff geschah, wo die Erfinder einer „passenden“ Nachricht gar mit dem Preis für ihre „investigative Leistung“ ausgezeichnet wurden.

    Es ist interessant, dass viele vermeintlich neue Phänomene wie eben „Fake News“, sich bei genauerer Betrachtung als inhärente Probleme einer Institution oder einer Idee herausstellen. Das inhärente Problem des Journalismus ist die Gier nach der tollen Story. Wer die Story sucht, der wird sie finden. Allerdings muss er dazu nicht selten schummeln. Und es gibt genug Journalisten und Redaktionen, die bereit sind dazu.

    • Man muss das Geschäftsmodell der Medien kritisch hinterfragen. Dieses Geschäftsmodell besteht darin, die Leser mittels Stories in den Bann zu ziehen, die Leser mittels Stories einzufangen. Im besten Fall erklärt und bestätigt eine Story eine bestimmte Weltsicht wie das der SPON-Artikel Affäre Fillon: Frankreich und die Gier der Eliten exemplarisch vorexerziert.
      Der Leser dieses Artikels lernt hier:

      Ein Einzelfall ist das nicht – Gier kennt in Frankreich keine Parteigrenzen.

      Im gegebenen Fall kann diese Berichterstattung über Francois Fillon durchaus korrekt sein und auch die Schlussfolgerung, das Fillon typisch für den sich selbst bedienenden Politiker steht, der in Frankreich normal ist, kann stimmen. Doch wenn nicht alles in dieses Bild passt, dann ist für Journalisten die Versuchung gross, es passend zu machen.

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