Exoplaneten: Sind die besten Namen schon weg?

Darüber, dass die Internationale Astronomische Union (IAU), also die Dachorganisation der professionellen Astronomen, jetzt einen Prozess begonnen hat, in dessen Verlauf die wichtigsten bekannten Planeten um andere Sterne (Exoplaneten) Namen erhalten sollen, ist in den letzten Tagen vielfach berichtet worden (z.B. Jan Hattenbach in der FAZ und mit Übersetzung der Regeln auf spektrum.deMeldung auf SPON, Florian Freistetter auf Astrodicticum Simplex); die offizielle Pressemitteilung der IAU gibt es hier.

Ein problematischer Aspekt der Namensgebungsregeln ist dabei aber, soweit ich sehen kann, bislang untergegangen. Es ist nämlich jetzt schon absehbar, nach wem bzw. was die Exoplaneten mit größerer Wahrscheinlichkeit nicht benannt werden:

  • Nach den bedeutendsten Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern
  • Nach Menschen, die sich um die Astronomie verdient gemacht haben
  • Nach Menschen, real oder fiktiv, die den Astronomen besonders wichtig, lieb und teuer sind
  • Nach Städten oder Ländern mit besonderem Astronomiebezug

Schuld sind die Maßgaben in Punkt 5 der IAU-Regeln: Die Exoplaneten-Namen sollten den Namen existierender Himmelskörper nicht zu ähnlich sein.

Nach all denjenigen Menschen (und zum weit geringeren Teil Stätten), die ihnen wichtig sind, haben die Astronominnen und Astronomen aber im Laufe der Jahrhunderte bereits Kleinplaneten benannt: (2001) Einstein läuft da ebenso um wie (232763) Eliewiesel, (2362) Mark Twain, (23990) Springsteen oder (21656) Knuth, im Bereich Belletristik ist (18610) Arthurdent ebenso vertreten wie (3552) Don Quixote, (38086) Beowulf ebenso wie (5049) Moriarty; an Städten und Regionen haben wir (526) Jena und (449) Hamburga ebenso wie (5820) Babelsberg und (325) Heidelberga (alles Observatoriumsstandorte, zugegeben, aber es gibt auch andere Asteroiden-Städte).

Wikipedia bietet in der List of minor planets named after people und der List of minor planets named after places viele weitere Beispiele, die ganze Liste der Namen als Textdatei gibt es, laufend aktualisiert, hier, und Suchmöglichkeit mit Namenserklärung bietet der JPL Small-Body Database Browser.

Dort kann man nachlesen, welche der rund 390.000 Menschen und Orte, die verschiedenen Astronominnen und Astronomen in den letzten Jahrhunderten besonders wichtig waren, bei der Exoplaneten-Benennung nicht zum Zuge kommen.

Wie wichtig ist es, Exoplaneten von Asteroiden unterscheiden zu können? Dazu sind sicherlich verschiedene Ansichten möglich. Die Vermeidung von Verdopplungen ist sicherlich ein nicht ungewichtiger Aspekt. Andererseits kreisen dort draußen aber z.B. ja bereits die Jupitermond-Zwillinge (52) Europa und(85) Io, zusammen mit mehr als 20 anderen Fällen, in denen Planetenmonde und Asteroiden gleiche oder fast gleiche (z.B. Kalypso vs. Calypso) Namen tragen.

Was bleibt übrig? Auf der positiven Seite: Menschen, die es verdient hätten, am Himmel verewigt zu werden, die aber bislang unter dem Radar der Astronominnen und Astronomen flogen – wenn euch da gute Beispiele einfallen, schreibt das bitte unten als Kommentar. Ansonsten: Autoren, Wissenschaftler, Sportler, Schauspieler, andere verdiente Menschen entweder aus der zweiten oder dritten Reihe; dort, wo das Copyright unproblematisch ist, sicher viele Namen aus der Literatur, vermutlich überproportional aus dem Bereich Science Fiction.

Außerdem bleibt natürlich noch Hoffnung der genauen Formulierung, denn „should not“, also „sollten nicht“, ist etwas anderes als „must not“, „dürfen nicht“.

Ich habe in dieser Sache durchaus gemischte Gefühle. Schau’n wir mal, wie es weitergeht.

 

 

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  2. gibt’s Karoline schon? (Nach Karoline Herschel) Und wie ist es mit Emmy (Noether, Mathematikerin)?

    • Laut den oben angegebenen Links: (281) Lucretia, nach dem Mittelnamen von Caroline Herschel [um Verwechslungen mit (235) Carolina zu vermeiden, der wiederum nach einer Inselgruppe benannt ist] und (7001) Noether.

    • Ein wenig werden die wohl schon auf die, ähem, Würde der Planeten achten. So mir nichts dir nichts zum Vergnügungsplanet erklärt zu werden ist ja auch nicht schön.

      Ansonsten dürfte es davon abhängen, ob z.B. die BBC das Copyright für den Namen soweit freigibt, dass er als Planetenbezeichnung verwendet werden kann.

  3. Die Kolonisten Amerikas standen vor einem ähnlichen Problem und haben sich damit beholfen, vorhandene Ortsnamen zu recylen – beispielsweise (New) York. Sicher gibt es noch viele Namen von Orten, die auf diese Weise auch für Planeten verwendet werden können. Eine weitere Strategie ist die Nummerierung, also beispielsweise „Neu Hintertupfingen IV“. So dürfte es nicht so schnell mit den Namen eng werden.

    Gibt es e