Die Deutschen und der Nachthimmel

Ich gebe zu: Wenn ich eine Pressemitteilung im Postfach finde, in der mir eine Firma (in diesem Falle die nimax GmbH) bzw. die von ihr beauftragte Kommunikationsagentur eine Befragung nahebringt, die positive Konnotationen für das von der Firma verkaufte Produkt hat (in diesem Falle universe2go – klingt nach einer netten Idee, habe aber keine eigenen Erfahrungen damit und verweise auf diesen Review von ClearSkyBlog), dann bin ich natürlich erst einmal skeptisch. Insbesondere, wenn die Ergebnisse auch noch gut in meine eigene Sicht der Welt passen, geht es doch um das große Interesse der Deutschen an der Astronomie.

Aber auf Nachfrage hat mir die Agentur ganz unkompliziert das Originalmaterial zugeschickt, und der Firma TNS-Emnid, die die Befragung durchgeführt hat, traue ich auch zu, die Befragung vernünftig durchgeführt zu haben (Quelle des Zutrauens: Hey, machen die nicht auch Hochrechnungen und so für die Mainstream-Medien?). Auf ein paar mögliche Schwächen gehe ich nachher bei den Fragen selbst noch ein; nach dieser offenlegenden Vorrede nun zur Befragung selbst.

Befragt wurden insgesamt 1003 Personen; diese repräsentativ ausgewählt zu haben, dürfte derjenige Bereich sein, wo das Fachwissen von TNS-Emnid am deutlichsten einfließt: 491 Männer und 512 Frauen sind es geworden, also 48,9% zu 51,1% (in der Gesamtbevölkerung laut Destatis 48,8% zu 51,2%). 829 Einwohner aus dem Westen sind es, 174 aus dem Osten, also 82,7% zu 17,3%. (Dass ich mit Destatis auf etwas andere 80,3% vs. 19,7% komme, dürfte daran liegen, dass ich Berlin als Bundesland beim Zusammenrechnen komplett dem Osten zugeschlagen habe; vermutlich trennt TNS-Emnid hier zwischen Ost- und Westberlin.) Als Eigenprüfung genügt mir das; ich gehe davon aus, dass TNS-Emnid auch bei der Schulbildung, der Zuordnung zu den einzelnen Bundesländern, der Haushaltsgröße und dem Haushaltseinkommen ähnlich repräsentativ gearbeitet hat. Kommen wir zu den Fragen, die in der Studie gestellt wurden.

Die Studie in der mir vorliegenden Form liefert, aufgeschlüsselt nach verschiedenen Untergruppen (Alter, Einkommen, Personen im Haushalt, Region, m/w, Einkommen), auf ganze Zahlen gerundete Prozentangaben.

Interesse für den Sternhimmel

Der erste Fragenkomplex betraf das Interesse der Befragten am Nachthimmel.

Hier sind die Fragen im Wortlaut, rechts jeweils meine Kurzformel für die Diagramme:

Ich interessiere mich sehr dafür und beobachte regelmäßig bewusst die Sterne sehr/regelmäßig
Ich finde das Thema spannend und blicke ab und zu mal in den Nachhimmel spannend/ab und zu
Ich interessiere mich für das Thema, habe mich aber noch kaum damit beschäftigt Interesse / kaum
Sterne interessieren mich nicht kein Interesse
keine Angabe keine Angabe

 

Die allgemeine Situation zeigt das folgende Diagramm:

interesse-sternenhimmel

Das ist für alle, die wie wir am Haus der Astronomie astronomische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit machen, natürlich erst einmal ein schönes Ergebnis, das auch der subjektiven Erfahrung entspricht: Astronomie, das merken wir in der Praxis immer wieder, hat breite Faszinationswirkung. Fasst man die obigen Zahlen zusammen, dann finden 72% der Deutschen den Sternhimmel interessant.

Nach Männern und Frauen getrennt ergibt sich folgendes Bild:

interesse-sternenhimmel-mw

Auch das ist ermutigend und entspricht der Erfahrung, das Astronomie gerade deswegen einen guten Einstieg in die Naturwissenschaften gibt, weil sie Mädchen und Jungen gleichermaßen anspricht – in diesem Falle die Frauen ja im Bereich „spannend“ durchaus mehr als die Männer!

Die Studie schlüsselt auch nach Schulbildung auf, und dabei werden diejenigen Befragten, die jetzt gerade Schüler sind, als getrennte Gruppe aufgeführt. Leider sind die Zahlen bei den Schülern etwas weniger positiv als im Durchschnitt:

interesse-sternenhimmel-schueler

Zwar immer noch mit 58% überwiegendes Interesse, aber weniger als in der Durchschnittsbevölkerung. Die Untergruppe der Schüler ist mit 55 Personen allerdings auch nicht besonders groß.

Was die Studie nicht abfragt, ist der Hintergrund des Interesses. Es bleibt also offen, ob da Science-Fiction-Affinität den Sternhimmel attraktiv macht, oder naturwissenschaftliches Interesse, Interesse an der schlichten Schönheit des gestirnten Himmels über uns oder, oh Graus, astrologisches Interesse.

Ein wenig hilft hier der vierte Satz von Fragen weiter.

Aussagen zur Astronomie

Bei diesen Fragen geht es um spezifische Aussagen zur Astronomie, die verschiedene Zusammenhänge und Themenbereiche abdecken. Ich führe hier die Aussagen an, die den Befragten in dieser Situation vorgelegt wurden, samt meiner Kurzfassungen für die Diagramme. Die Frage dazu lautete jeweils: Stimmen Sie dieser Aussage zur Astronomie zu?

Ich habe schon einmal durch ein Teleskop in den Sternenhimmel geblickt Teleskop
Ein wenig Basiswissen über die Sterne wirkt beeindruckend auf andere Menschen Beeindrucken
Satelliten wie die Raumstation ISS faszinieren mich Satelliten / ISS
Ich habe in den letzten Jahren ein Planetarium besucht Planetarium
Ich habe bei Date schon einmal meinem Partner den Sternenhimmel gezeigt Date
Ich möchte mehr erfahren über Galaxien, Sternhaufen und weitere Deep Sky-Phänomene Galaxien
Ich interessiere mich für die mythologischen Geschichten, die sich um die Sterne ranken Mythologie
keine Aussage davon nichts davon
keine Angabe keine Angabe

 

Hier erst einmal wieder die Gesamtaufstellung. Mehrfachnennungen waren natürlich explizit möglich:

aussagen-astronomie-alle

Eine bunt gemischte Reihe an Aussagen. Erfreulich finde ich, das zumindest über die Hälfte der Befragten bereits selbst einmal durch ein Teleskop geschaut haben, und immerhin ein knappes Drittel in den letzten Jahren ein Planetarium aufgesucht hat. Dass man mit astronomischem Basiswissen beeindrucken kann, finde ich auf den ersten Blick so na-ja, aber auf den zweiten heißt es doch, dass fast für die Hälfte der Befragten Astronomie als Thema nicht so uncool ist, dass man mit Ignoranz punkten könnte.

Auch wenn die Frage nach Galaxien, Sternhaufen und Deep Sky-Objekten (wieviele von den Befragten wohl den Begriff „Deep Sky“ überhaupt kannten?) eher auf Amateurbeobachtungen abzielen dürfte: das ist die einzige Frage, die jenseits des Sternhimmels auch richtige astronomische Themen umfasst; dass immerhin 30% der Befragten da mehr wissen möchten, finde ich wiederum ermutigend.

Schlüsseln wir die Antworten wieder nach männlichen und weiblichen Befragten auf, kommt das folgende heraus:

aussagen-astronomie-mw

Das entspricht (leider) auch dem, was ich von ähnlichen Studien erinnere: Weltraumfahrt interessiert Männer mehr als Frauen, die Mythologie hat dagegen unter den Frauen mehr Interessenten. Auch Galaxien & Co. haben bei den Männern einen Vorsprung. Immerhin liegen die Zahlen aber sowohl bei der Teleskoperfahrung als auch beim Planetarium nicht allzu sehr auseinander.

Wie ist es mit den Schülern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung? Das ist hier dargestellt:

aussagen-astronomie-schueler

Bei Teleskop und Satelliten/ISS keine großen Unterschiede – dafür sind mehr der befragten Schüler der Meinung, dass man mit astronomischem Basiswissen beeindrucken kann, Schüler waren überdurchschnittlich oft im Planetarium (vermutlich dann mit der Klasse?), und das Sternenhimmel-Zeigen auf einem Date ist bei den Schülern merklich weniger verbreitet. Dafür interessieren sich Schüler überdurchschnittlich für Galaxien & Co.

Sternbilder erkennen?

Die Umfrage hat noch einige weitere spezifische Fragen gestellt – unter anderem nach den Sternbilden bzw. Sternen, die Menschen erkennen. Das ist allerdings derjenige Teil, dem gegenüber ich am skeptischsten bin. Hier sind die Zahlen für die Gesamtbevölkerung für das Erkennen von Sternbildern. Die Frage lautete „Welche der folgenden Sternbilder bzw. Sterne erkennen Sie am Himmel?“

aussagen-sternbilder

Großer Wagen: OK, das kann ich glauben. Aber der kleine Wagen mit dem Polarstern ist schon deutlich schwieriger zu finden; es würde mich wirklich wundern, wenn 70% aller Deutschen den am Himmel finden. Dem Orion hätte ich dagegen deutlich mehr Erkennbarkeit zugetraut, aber da mag ich mich irren. Und vielleicht hätte Kassiopeia ja unter der Alternativbezeichnung „Himmels-W“ einen etwas größeren Prozentsatz eingefahren. Interessant ist der „Stern des Südens“, der zwar direkte Verbindung zum durchaus irdischen FC Bayern hat, aber in dieser Form nicht am Himmel steht. Der war offenbar als Kontrollfrage eingebaut. Dass immerhin 17% der Befragten angaben, diesen Stern zu kennen, rüttelt dann doch ziemlich an der Aussagekraft der Zahlen.

Informationsquellen

Ebenfalls abgefragt wurde, wie die Befragten ihre Informationen über die Astronomie beziehen. Hier standen folgende Möglichkeiten zur Auswahl; rechts daneben wieder meine Kurzform:

Schulunterricht / Studium Schule / Studium
Presse / TV / Radio herkömml. Medien
Freunde und/oder Bekannte Freunde / Bekannte
Internet Internet
Bücher und Seminare Bücher / Seminare
Apps für Smartphone / Tablet Apps
keine Angabe keine Angabe

Hier als erstes wieder die Werte für die Gesamtheit der Befragten:

infoquellen-gesamt

Für mich überraschend bis erfreulich, wieviele offenbar in der Schule von astronomischen Themen erfahren (das Studium macht da vermutlich einen eher geringen Anteil aus). Andererseits kann man auch sagen, dass es da noch 49% an Menschen gibt, die man über die Schule erreichen könnte.

Die generelle Ordnung ist so, wie ich es erwartet hätte – herkömmliche Medien weit vorne, Internet weiter hinten, Bücher/Seminare nur für die weitergehend Interessierten und daher weiter hinten (aber, immerhin: 24%!), Apps vermutlich noch zu neu, um eine große Rolle zu spielen.

Gerade bei diesem Thema ist es natürlich interessant, mal zu schauen, was in den jüngeren Altersgruppen los ist. Die jüngste Gruppe, für welche die Befragung Daten liefert, ist die der 14- bis 29-jährigen. Hier sind deren Werte im Vergleich mit der Gesamtheit:

infoquellen-jung

Am Nutzen der Schule scheint sich nicht sehr viel geändert zu haben; die herkömmlichen Medien spielen, wie zu erwarten, eine etwas kleinere Rolle, das Internet dafür umso mehr. Interessant wäre zu wissen, wieweit die Information durch Freunde und Bekannte über die sozialen Medien erfolgt. Apps spielen eine größere Rolle, aber Bücher und Seminare (ich vermute einmal: mehr Bücher als Seminare) sind immer noch deutlich vertreten – ein Fünftel statt einem knappen Viertel geben sie an. Da hätte ich einen deutlicheren Rückgang befürchtet.

Als letztes habe ich mir noch die Information durch die Schule in Abhängigkeit von der Schulbildung der Befragten angeschaut. Dabei kommt das folgende Diagramm heraus:

schule-schulbildung

Was mich an dieser Aufstellung wundert, ist dass diejenigen, die Abi oder einen Universitätsabschluss haben (311 der Befragten), Schule bzw. in dem Falle ja auch Studium vergleichsweise selten als Informationsquelle nennen, diejenigen mit mittlerem Schulabschluss (331) dagegen deutlich häufiger, und diejenigen, die zum Befragungszeitpunkt noch Schüler waren (66) noch häufiger (der Vollständigkeit halber: Volks- bzw. Hauptschulabschluss hatten 305 der Befragten). Bei den aktuellen Schülern kann man immer noch sagen, dass denen die Information durch die Schule wahrscheinlich schlicht präsenter ist als denjenigen, deren Schulzeit weiter zurückliegt. Aber dass die Astronomie bei denjenigen mit mittlerem Abschluss in der Schule so deutlich wichtiger ist, dafür habe ich keine Erklärung. Hm.

In einem weiteren Frageblock wurde dann noch nach der Dunkelheit des Nachthimmels in jener Region gefragt, in der die Befragten leben. Immerhin 48% wünschten sich optimal dunkle Beobachtungsbedingungen.

Fazit

Insgesamt keine großen Überraschungen, aber es ist doch gut, von einer repräsentativen Umfrage bestätigt zu werden. Nicht zuletzt können solche Befragungen ja auch zeigen, dass das, was man für selbstverständlich hingenommen hat, in Wirklichkeit ganz anders ist. Das ist in diesem Falle aber nicht so: Astronomie stößt auf breites Interesse; dem Schulbereich kommt eine wichtige Rolle dabei zu, dieses Interesse zu bedienen – aber gerade bei konkreten astrophysikalischen Themen gibt es durchaus noch Luft nach oben.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online [http://www.einstein-online.info]. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie [http://www.haus-der-astronomie.de] leitet, ein neues Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Inwieweit hat das Interesse an der terrestrischen Sicht auf Extraterrestrisches (a.k.a. „Nachthimmel“) eigentlich etwas mit dem Interesse an Astronomie [1] zu tun?
    MFG
    Dr. W (der die sogenannte Lichtverschmutzung noch vermisst hat im WebLog-Artikel)

    [1]
    vs. „Astrovisiologie“ bspw.

    • Weil so ziemlich jeder, der sich näher darüber informieren will, was ihn da am Nachthimmel interessiert, bei der Astronomie landet? (Habe es jedenfalls noch nie gehabt, dass jemand Interesse an den Lichtpunkten da oben hatte und dann abgewinkt hätte, wenn es um Sterne, Galaxien usw. geht. Kann aber natürlich prinzipiell vorkommen.)

      • Ihr Kommentatorenfreund, Herr Dr. Pössel, interessiert sich außerhalb der Sonne und gelegentlich nächtens das Mondlicht meinend so ziemlich genau null für den „Nachthimmel“, auch besondere Konstellationen meinend, findet aber die Astronomie und die Physiklehre ausgezeichnet und wichtig. [1]
        Nur insofern ist hier ein wenig genagt / gemöppelt worden,
        MFG + weiterhin viel Erfolg!
        Dr. W

        [1]
        Auch der an gutem Essen Interessierte muss nicht gastroenterologisch interessiert sein und der Freund guter Fahr- und Fluggeräte nicht physikalisch.

  2. Bei den Studienabschlüssen müsste man nach Studienrichtung differenzieren- Physik/Astronomie … oder Jus, Germanistik, Wirtschaft..

  3. Interessante Beitrag. Wäre wirklich interessant zu wissen, wie bereits von Cassandra angemerkt, ob die Befragung sich auch nach Studienrichtung differenzieren lässt…