Bildungsplan Naturwissenschaft und Technik 2016 in BW: Kontext-Korsett

Zur Technikzentriertheit des Entwurfs für den neuen Bildungsplan 2016 für das Verbundfach „Naturwissenschaft und Technik“ (NwT), hatte ich mich bereits in Durchmarsch der Techniker geäußert. Mir ging es dabei zunächst um die Astronomie, die im Vergleich zum derzeit gültigen Bildungsplan massiv an Boden verloren hat. (Wir, genauer: 60 Lehrer/innen, Astronom/innen und weitere Menschen aus dem Bereich astronomische Bildung, hatten der entsprechenden Stelle im Kultusministerium vorab einen offenen Brief geschrieben, in dem wir die Wichtigkeit der Astronomie hervorhoben.)

Aber nachdem ich mir den Entwurf genauer durchgelesen habe, der letzte Woche online gestellt wurde (nicht nur für das Fach NwT, sondern für so gut wie alle weiteren Fächer) ist mein Eindruck, dass das Problem allgemeiner ist. Der Bildungsplan setzt die NwT-Themen in einen ungemein ungünstigen Kontext und macht sie so für Schüler, aber ganz besonders für Schülerinnen, ungleich unattraktiver als es sein müsste.

Konsens über Kontexte

Wie gut und wie erfolgreich Schülerinnen und Schüler naturwissenschaftliche Themen lernen, hängt ganz wesentlich vom Kontext ab. Entsprechend hat das Bundesministerium für Forschung und Technik vor ein paar Jahren die Projekte „Physik im Kontext“, „Chemie im Kontext“ und „Biologie im Kontext“, um Unterrichtsmaterialien und -konzepte zu entwickeln und zu testen, die besonders wirksam, für Schüler/innen besonders attraktiv und damit für die Vermittlung besonders geeignet sind.

Mögliche Kontexte für die Physik sind beispielsweise „Sport“, „Technologie“ („Wie funktioniert…?“), „Naturphänomene“ (z.B. Wetter), „Klima und Klimawandel“ oder „Astronomie/Astrophysik“, für die Chemie … oder für die Biologie „Erde und Umwelt“ oder „Leben und Gesundheit“.

Solche Kontexte bieten sich für ein naturwissenschaftliches Verbundfach geradezu an. Mir fällt kein interessanter Kontext ein, in dem nur ein einziges Fach eine Rolle spielte, oder in dem nicht in ganz natürlicher Weise auch Technikthemen ins Spiel kämen.

Monokultur im Bildungsplan NwT 2016

Der Bildungsplanentwurf NwT ist ganz entlang einem einzigen der möglichen Kontexte gestrickt: Jedes der Teilthemen, nach denen die inhaltlichen Kompetenzen strukturiert sind, ist entlang einer technischen Anwendung gestaltet; die Naturwissenschaften kommen als Zulieferer vor (physikalische Materialeigenschaften für …, die Grundgesetze der Elektrizitätslehre für die Konstruktion eines Schaltkreises und so weiter). Der dominierende Kontext sind ganz klar die konkreten technischen Anwendungen.

Ich habe die inhaltlichen Vorgaben des Bildungsplanes NwT Gymnasium auf Seite 2 dieses Blogbeitrages zusammengestellt. Mit einer Ausnahme (Eigenschaften von Stoffen und Materialien) läuft es dort immer auf die Technik hinaus. Das ist der Kontext, den die Zusammenstellung nahelegt; dafür werden die inhaltlichen Vorarbeiten geleistet.

Das war im Vorgänger-Bildungsplan 2004 (Gymnasium) übrigens noch anders: Dort gab es die Betrachtungsbereiche Mensch, Umwelt, Erde und Weltraum, und Technik direkt nebeneinander. Mensch, Umwelt und Erde und Weltraum sind als eigenständige Bereiche verschwunden; stattdessen ist der Bildungsplan NwT jetzt ganz auf die Technik ausgerichtet. Was da sonst noch an Klima, astronomisches Umfeld, Medizintechnik etc. vorhanden war wurde aus NwT gestrichen.

Freiheit / Flexibilität: Fehlanzeige?

Wer andere Kontexte zur Grundlage der eigenen Unterrichts nehmen möchte, dem werden durch diese Vorgaben einige Hindernisse in den Weg gelegt. Er oder sie muss sich wahrscheinlich auch fragen lassen, warum denn in seinem/ihrem Unterricht soviele Aspekte vorkämen, die im Bildungsplan gar nicht vorgegeben seien – denn für Kontexte wie Klimawandel, Astronomie oder Sport müsste selbstverständlich entsprechendes spezifisches Vorwissen geschaffen werden, das eine vernünftige Einbettung der vorgegebenen NwT-Inhalte in den gewählten Kontext erlaubt.

Dann wäre da noch die Ressource Zeit. Bleiben die Stundentafeln so wie gehabt (z.B. hier oder hier), dann stehen für den NwT-Unterricht je 4 Stunden in den Klassenstufen 8, 9, 10 zur Verfügung. Der Bildungsplanentwurf macht zwar keine konkreten Zeitvorgaben für die darin enthaltenen Themen, aber schreibt eine ganze Menge an zu vermittelnden Inhalten bis ins Detail verbindlich vor. Das schränkt die Flexibilität natürlich ebenfalls ein. Eine Lehrerin oder ein Lehrer können sich eine noch so stimmige Weise einfallen lassen, NwT in einem für Schüler/innen attraktiven Kontext zu vermitteln – wenn dadurch keine Zeit mehr für alle Pflichtthemen bleibt, hat der/die Betreffende ein Problem.

Zeitmangel und „steht aber nicht da!“ betreffen bis auf die Technikanwendungen alle möglichen Kontexte, wenn auch nicht gleichermaßen: Zur Astronomie dürfte man auch in dem neuen Bildungsplan noch einige schöne Bezüge unterbringen können (andere nicht), aber wie man z.B. Klima und Klimawandel in diesem Rahmen unterrichten könnte, ist mir schleierhaft.

So kommt es zu der absurden Situation, dass der Bildungsplan 2016 ganz allgemein, auf höchster Ebene,  „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ als eine von sechs Leitperspektiven aufführt – aber im Vergleich zu seinem Vorgänger aus dem Jahre 2004 einen fächerübergreifenden Unterricht zu Klima und Klimawandel so gut wie unmöglich macht. [Nachtrag 21.9.: @RegierungBW hat auf Twitter zu Recht darauf hingewiesen, dass der Klimawandel immerhin noch im Fach Geographie untergekommen ist. Aber warum dort, warum nicht als interdisziplinäre Steilvorlage im Verbundfach Naturwissenschaft und Technik?]

Und dass ihm als weitere Leitperspektive die „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)“ vorangestellt ist, aber diejenigen Bereiche z.B. der Astronomie herausstreicht (sprich: im wesentlichen den gesamten vorigen Bereih Erde und Weltraum), die den Schülerinnen und Schülern am deutlichsten vor Augen führen, dass wir hier auf der Erde alle im gleichen Boot sitzen.

NwT vor allem für Jungen?

Mit seiner Ausrichtung auf den Technik-Kontext hat der neue Bildungsplan noch ein weiteres Problem. Hier sind einige Ergebnisse der ROSE-Studie, einer internationalen Studie zu Schülerinteressen (auf die ich vor ein paar Wochen in diesem Blogbeitrag näher eingegangen bin), nämlich die verschiedenen Kontexte, in denen Mädchen bzw. Junge wissenschaftliche Fragestellungen besonders interessant finden (Tabelle 5 auf S. 14 aus Elster, Doris 2010: Zum Interesse Jugendlicher an den Naturwissenschaften. Ergebnisse der ROSE Erhebung aus Deutschland und Österreich. Online-Publikation: Shaker):

Thema Mädchen Jungen Gesamt
Astronomie 2,70 2,85 2,76
Wissenschaft/Technik u. Gesellschaft 2,33 2,78 2,53
Natur der Naturwissenschaft 2,35 2,44 2,39
Sinnlich-ästhetisches 2,51 2,23 2,38
Umwelt/Umweltschutz 2,44 2,51 2,47
Mystik und Wunder 3,11 2,47 2,81
Medizin 3,00 2,58 2,80
Gesundheitsthemen für Jugendl. 3,15 2,63 2,90
Gesundheit allgemeiner 2,92 2,86 2,89

Die Mittelwerte habe ich selbst anhand der angegebenen Anzahlen befragter Jungen/Mädchen ausgerechnet.

Unter „Wissenschaft/Technik u. Gesellschaft“ (im Original wohl so etwas wie „Science, Technology and Society“) sind bei dieser Auswertung die Fragen wie „Wie funktionieren Radio und Fernsehen?“ eingeordnet – also gerade der technische Kontext, entlang dessen der neue Bildungsplan NwT gestrickt ist.

Das ist nun aber leider der für Mädchen am wenigsten interessante Kontext überhaupt. Das zeigt wohl offenbar auch in der (noch nicht vollständig veröffentlichten) Gesamtauswertung der ROSE-Studie: Technik ist für Mädchen deutlich uninteressanter als für Jungen – siehe z.B. S. 19 in Sjøberg, Svein & Schreiner, Camilla 2010: The ROSE project. An overview and key findings).

Das heißt nicht, dass man nicht auch technische Inhalte – die den Verfassern des NwT-Bildungsplans ja offenbar sehr wichtig sind – an Mädchen vermitteln könnte. Aber der im Bildungsplan gewählte Kontext ist dafür denkbar ungeeignet.  Und macht es leider, wie erwähnt, durch seine detaillierten und umfangreichen Vorgaben nicht einfach, einen für Mädchen geeigneteren Kontext zu wählen.

Fazit

Mit der Dominanz der Technik – und insbesondere, im Vergleich zu 2004, der Streichung der Betrachtungsbereiche „Mensch“, „Umwelt“ und „Erde und Weltraum“ sind aus dem Bildungsplan 2016 für „Naturwissenschaften und Technik“ die für Schülerinnen und Schüler interessantesten und attraktivsten Kontexte weitgehend verdrängt. Einige Teile davon dürften engagierte Lehrer zwar noch herüberretten können, wenn auch unter erschwerten Bedingungen (Fülle der Pflichtinhalte und Zeitknappheit). Andere, wie eine Reihe von astronomischen Themen, aber auch der Komplex Klima und Klimawandel, dürften mit dem Wechsel zum neuen Bildungsplan ganz oder so gut wie ganz aus dem NwT-Unterricht verschwinden.

Bei Lehrern, die „Bildungsplan-minimalistisch“ unterrichten, sich also ganz an den dort gegebenen Pflichtinhalten orientieren und es scheuen, darüber hinaus zu gehen, kommt ein NwT-Unterricht im komplett technischen Kontext heraus – der insbesondere Mädchen systematisch benachteiligt, denn die interessieren sich, geht man nach den entsprechenden Studien, vor allem für andere Kontexte.

Umso wichtiger ist es, dass sich so viele wie möglich derer, die Interesse am naturwissenschaftlichen Unterricht in Baden-Württemberg haben – oder darüber hinaus; die Rückmeldemöglichkeit gilt ausdrücklich „für jeden und jede“-, kritisch zu Wort melden:

Rückmeldungen müssen bis zum 30. Oktober 2015 eingegangen sein, um beim Anhörungsverfahren einbezogen zu werden.

 


Anhang zu diesem Blogbeitrag auf Seite 2: Der Bildungsplan 2016 „Naturwissenschaft und Technik“ Gymnasium

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

23 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Naturwissenschaft wird also im Bildungsplan 2016 neu vor allem und fast nur als Grundlage der Technologie gesehen, kaum aber als Grundlage für astronomisches, geologisches, klimatisches oder physiologisches Wissen. Und das ist neu war es doch im Bildungsplan 2004 noch ganz anders.
    Da möchte man doch fragen:
    1) Welche schulischen Experimente, Erfahrungen und Rückmeldungen aus dem Schulunterricht und welche Auswertungen von Fragebögen, die von Schülern und Lehrern ausgefüllt wurden, haben zu dieser Umorientierung geführt.
    2) Welche didaktischen Grundsätze und Überlegungen stehen im Hintergrund dieser Orientierung der Naturwissenschaft hin zur Technik. Frage: Geht es etwa um mehr Praxisbezug und mehr berufliche Orientierung womit Naturwissenschaft dann seine Rechtfertigung als Grundlage für technische Berufe gesehen wird?
    3) Welche Leute stehen hinter der Umorientierung und Fokussierung des naturwissenschaftlichen Unterrichts hin zur Technik und wie ist ihre Zusammensetzung in Bezug auf das Verhältnis Männer zu Frauen

    Prognose: Irgendwann werden sogar Leute aus dem geisteswissenschaftlichen Umfeld, Leute die beispielsweise Bildungspläne zusammenstellen der Öffentlichkeit Red und Antwort stehen müssen und ihre Entscheidungen begründen müssen.

    • Diejenigen Lehrer, mit denen ich in Kontakt bin, haben alle die Freiheiten genutzt, die der Bildungsplan 2004 bot und die jetzt weitgehend futsch sind.

      Mein Verdacht: In der Teilkommission saßen vor allem Techniker. (Allerdings Techniker, die nicht genügend berücksichtigt haben, dass die Kontextproblematik gerade auch das Lehren der technischen Inhalte in NwT arg behindert!)

  2. Ich persönlich würde nicht damit argumentieren, dass sich Mädchen für andere Kontexte interessieren. Vor allem nicht mit einem Verweis auf „Mystik und Wunder“. Da sind rollende Augen vorprogrammiert. Zudem zementiert man so eigentlich doch nur die Vorstellung, dass Mädchen eben „anders ticken“, nur weil sie Mädchen sind? Mich jedenfalls irritiert das gerade ziemlich.

    Volle Zustimmung jedoch zum Hinweis, dass augenscheinlich ohne plausible Begründung eine breite Fächerung ( = Allgemeinwissen) zugunsten einer sehr eingeschränkten Anwendung aufgegeben wird und dies nicht akzeptabel ist. Egal ob Männlein oder Weiblein.

    • Ich finde das im Gegenteil wichtig. Klar sind „Mystik und Wunder“ in dem Kontext peinlich, aber es ist doch so: Wer heute Unterricht gestaltet, tut gut daran, sich daran zu orientieren, welche Einstiegsthemen für Mädchen und Jungen besonders interessant sind. Wen bestimmte Einstiegsthemen für naturwissenschaftlichen Unterricht nicht tauglich sind (wie, weitgehend, „Mystik und Wunder“) kann man die natürlich nicht nehmen. Aber unter denjenigen Themen, die tauglich sind, sollte man tunlichst nicht nur welche nehmen, die Jungen oder Mädchen bevorzugen – sondern etwas, das für Jungen wie Mädchen interessant ist.

      • Ich würde es dennoch eher damit begründen, dass Themen wie Gesundheit usw. für _alle_ relevant sind. Das ist ein ebenso valides Argument, wenn nicht gar ein noch besseres.

        Die Frage ist ja auch: Warum interessieren sich Mädchen mehr für Gesundheitsthemen etc.? Weil sie mitkriegen, dass Muttern zu Hause die Oma pflegt? Und ahnen, dass ihnen das auch blüht, während die Brüder und Männer meist ungeschoren davon kommen, weil sie als „Techniker“ ja Geld verdienen müssen? OK, das war nun etwas polemisch formuliert, aber ich halte die Schiene „Alle Themen sind für alle relevant!“ wirklich für die sinnvollere.

        Die Bedingung, dass die (derzeitigen!) Interessen der Mädchen besser bedient werden sollen, wäre damit ja gleichzeitig auch erfüllt, aber man müsste nicht so darauf herum reiten. Obendrein aber macht man so aber auch den Mädels klar, dass der Rest sie ebenfalls etwas angeht. Das muss in beide Richtungen gehen, finde ich. Und wer weiß: Demnächst sehen die Interessen der Mädchen dann vielleicht auch schon ganz anders aus…

        • @Ute Gerhardt
          Lassen Sie uns das Thema bitte nicht mit pseudo-wissenschaftlichen Gender Sciences verwässern. Wenn sich die Interessen ganz objektiv unterscheiden, sollten alle das akzeptieren und danach handeln.

          Sie fordern statt dessen sofort wieder, die Fakten zugunsten irgendeiner Ideologie zu „interpretieren“ („Ich persönlich würde nicht damit argumentieren, dass sich Mädchen für andere Kontexte interessieren. […] Da sind rollende Augen vorprogrammiert.“) und feuern ohne jeden Themenbezug gegen Männer („während Brüder und Männer meist ungeschoren davon kommen“).

          „Alle Themen sind für alle relevant!“ – Ja, aber nicht in gleichem Maße. Genau darum geht es ja in diesem (guten!) Text.

        • Aus meiner Sicht ist es wichtig, zwischen den Lehrinhalten und dem Kontext zu differenzieren – auch wenn es da natürlich Überschneidungen gibt und man (für mich schlüssig!) argumentieren kann, dass allein das Fortlassen von Lehrinhalten wie „Erde und Weltraum“ schon ein großes Problem mit dem Bildungsplan 2016 ist.

          Mein Hauptpunkt oben ist aber: Selbst wenn man sich auf die dort vorgegebenen (arg technikzentrierten) Lehrinhalte einlässt ist es wichtig, die in einen oder mehrere interessante Kontexte zu stellen. Dabei finde ich es durchaus legitim auf die (aktuellen) Interessen von Schülerinnen und Schülern zu schauen. Und wichtig, dann Kontexte zu wählen, die nicht nur eine der Gruppen ansprechen, sondern beide – das ist bei der Astronomie ja z.B. gerade der Fall, aber auch bei Gesundheitsthemen. Derzeit ist der Kontext für die Technikinhalte aber einer („Wie funktioniert…?“), der nachweislich vor allem Jungen anspricht; das sollte man korrigieren.

          Und wenn sich die Kontexte wandeln, z.B. die Interessensunterschiede zwischen Jungen und Mädchen schrumpfen, sollte man das entsprechend anpassen.

    • Im Moment gibt es eben noch unterschiedliche Interessen bei Mädchen und Jungen. Es ist sicher nicht sexistisch das zu berücksichtigen. Zudem gibt es wohl kaum einen Physiker, der Physik vor allem für den Bau von beispielsweise Waffen und Kraftwerken heranziehen will nicht aber für die Erklärung des Klimas oder für die Erklärung von Vorgängen im menschlichen Körper: Gerade Physiker halten so viel von ihrem Fach, dass sie die Physik nicht auf ein Anwendungsgebiet beschränken wollen. Das wollen wenn schon Didaktiker. Und der hier vorgestellte Lehrplan deutet schon darauf hin, dass die daran beteiligten Didaktiker – vielleicht sogar weibliche ebenso wie männliche – vor allem Technik als Anwendungsgebiet zum Beispiel der Physik sehen.Und Technik ist nun mal in der klassischen Sichtweise etwas für Jungen. Damit wird die Trennung in eine männliche Welt, in der Naturwissenschaft und Techologie dominieren und eine weibliche Welt in der das Soziale und Kommunikative den Pol bilden, perpetuiert.

      • Da widerspreche ich Ihnen auch gar nicht. So, wie geplant, ist der Lehrplan Mist.

        Aber meines Erachtens sollte man tunlichst keine Lehrplanänderung damit begründen, dass man „mehr für $Schülerteilmenge“ tun möchte. Denn wenn ich z.B. Gesundheitsthemen mit der Hauptbegründung lehre, das sei „für die Mädchen“, dann wird es in den Augen der anderen auch „für die Mädchen“ bleiben.

        • Aber das ist es doch gar nicht, was Markus hier fordert. Es geht darum, die einseitige Fixierung auf Technik zugunsten von mehr Vielfalt aufzugeben. Es geht also darum, die Teilmenge, die besonders Technikinteressiert ist, nicht mehr so stark zu bevorteilen.

          • Ja und nein. Ich verstehe, was du meinst, aber wir reden aneinander vorbei.

            Primär geht es Markus darum, die Mädchen mit ins Boot zu holen, indem er ihren Interessen mit berücksichtigt. Das ist völlig OK – ! wenn ! es denn nicht bei dieser Teilbegründung bleibt. Denn solange die Kultusminister und vor allem die Lehrer den Eindruck haben müssen, dass bestimmte Themen ja nur wegen einer Teilmenge der Schüler im Lehrplan gelandet sind, werden diese Themen als Zugeständnis, nicht aber als Notwendigkeit betrachtet werden. Eine Notwendigkeit sind sie aber. Für Jungen wie für Mädchen. Die Argumentation von Markus ist also korrekt, aber m. M. n. nicht ausreichend.

            Deshalb sage ich, es ist besser, gleich von Anfang an klar zu machen, dass – unabhängig von persönlichen Vorlieben – alle Themen für beide Gruppen relevant sind, und Punkt. Die Berücksichtigung der Mädcheninteressen ist damit ja schließlich auch gewährleistet. Aber auf diesem Level würde ich wie gesagt gar nicht erst argumentieren. Sondern die Forderung nach einer Lehrplanänderung direkt mit einer allgemeinen Notwendigkeit statt mit den Interessen einer speziellen Gruppe begründen. Das trifft die Sache a) vom gesellschaftlichen Standpunkt aus besser auf den Punkt, und b) dürfte es auch mehr Aussicht auf Erfolg haben.

          • PS: Markus schreibt ja im unteren Teil seines Textes explizit davon „… einen für Mädchen geeigneteren Kontext zu wählen“, und nicht „einen alle wissenschaftlich relevanten Themenbereiche umfassenden Kontext zu wählen“. (Anderes Zitat: „Das ist nun aber leider der für Mädchen am wenigsten interessante Kontext überhaupt.“) Daher habe ich schon den Eindruck, dass es ihm in dem Textteil eher um die Interessen der Mädchen geht, als um die Notwendigkeit von Allgemeinwissen für alle Gruppen, die noch weiter oben Diskussionsgegenstand war. Um diese Notwendigkeit jedoch geht es nun wiederum mir. Da wären die Interessen der Mädchen nämlich sogar automatisch mit drin.

            Persönliche Interessen, die Markus als „noch ein weiteres Problem“ identifiziert, sind somit also gar kein weiteres Problem, sondern ein Teilproblem dessen, was er ohnehin schon angesprochen hatte. Ein Nebenkriegsschauplatz also, auf den man gar nicht erst viel Energie verschwenden muss, wenn man sich direkt dem übergeordneten Problem widmet: Erhalt von Allgemeinwissen.

  3. Der Lehrplan ist wirklich Mist. Ich hatte allein 4 h Physik, 2 h Physikpraktikum und 2 h Chemie – und es kam alles vor. Und ich bestreite, dass Mädchen sich nicht für Technik und Naturwissenschaft interessieren. Was mir auffällt, dass es zu meiner Zeit keine Esoterik und keine Mystik gegeben hat- die wird erst heute so gepuscht, hat aber in der Schule nichts zu suchen. Vielleicht sollte man die Mütter ins Boot holen die zT die Mädchen ins helfende Eck drängen.

    • Mein Hauptpunkt ist (und da scheinen die verschiedenen Studien recht konsistent zu sein) ist, dass sich Mädchen (derzeit) mehrheitlich in anderen Kontexten für Wissenschaft und Technik interessieren als Jungen. Das sollte man sinnvoll nutzen und die Bildungspläne so gestalten, dass die Kontexte Mädchen und Jungen möglichst gleichermaßen ansprechen. (Und für Mystik/Wunder sehe auch ich keine rechte Rolle in diesem Zusammenhang.)

      • Man könnte sich das Interesse für „Mystik und Wunder“ zunutze machen, um frühestmöglich über Homöopathie, Granderwasser & Co. aufzuklären. Diesem ganzen Hokuspokus scheinen ja in der Tat mehr Frauen als Männer aufzusitzen, aus welchem Grund auch immer.

        OK, OK, ich bin ja schon still. ^^

      • Betreffend Mystik+Wunder: Der Physikunterricht böte gute Gelegenheit um zu zeigen, dass wundersame und scheinbar mystische Dinge zum Teil gute physikalische Erklärungen haben. Die Schule vermittelt sowieso nicht nur Fachwissen. Sie kann auch zu kritischem und methodischem Denken anhalten. Wie klärt man etwas scheinbar mystisches und übernatürliches mit physikalischen Mitteln auf wäre beispielsweise durchaus einer kurzen Erwähnung wert.

        • Imho hat der Umstand, dass Mädchen sich mehrheitlich „weniger“ oder „in anderen Kontexten“ für Mint interessieren, oft wenig mit den Inhalten und dafür viel mit den Büchern, den Lehrern und dem leider häufig empfundenen Vorsprung der Buben auf diesem Gebiet (z.B. dank Elektronik-Baukasten & diverses Technikspielzeug) zu tun. Ich glaube deshalb nicht, dass es irgendwem weiterhilft, Mint-Inhalte für Mädchen weichzuspülen.

          • Ich glaube nicht, dass „Weichspülen“ das erklärte Ziel ist. Sondern eben eine Ausdehnung auf Bereiche wie Medizin und Gesundheit. Deren Relevanz für alle Bevölkerungsgruppen ist ja nicht von der Hand zu weisen, auch wenn sie als „Mädchenthemen“ verschrieen sind. Genau dieses Clichée kann man dann vielleicht auch mal endlich aufbrechen.

          • Wie Ute schon sagt, geht es nicht um weichspülen und auch nicht um die Anpassung der Inhalte (also dessen, was vermittelt werden soll).

            Es geht um Kontexte, also wie man die Inhalte einbettet, um sie zu vermitteln. (Dass jeder Kontext wiederum eigene Teilinhalte mitbringt, die dann auch mit vermittelt werden, ist natürlich korrekt.)

            Und in Bezug auf Kontexte sagen die Studien (oben ja z.T. angegeben) eben, dass es durchaus Geschlechterunterschiede gibt. Sprich: Je nachdem welchen Vermittlungszusammenhang man wählt erreicht man die Mädchen weniger oder mehr, und die Jungen weniger oder mehr. Hier wurde ein Kontext gewählt (Anwendungen der Technik im Alltag, „Wie funktioniert…“) der nachweislich Mädchen deutlich weniger interessiert. Dasselbe Grundwissen über Technik könnte man Mädchen im Schnitt besser vermittelt, wenn man einen anderen Kontext wählt. Wird hier aber nicht gemacht.

  4. Ich versteh das Problem, ehrlich gesagt, noch nicht ganz. Hier geht es um den NwT-Lehrplan. Im Stundenplan, zu dem Sie verlinkt haben (Goethe-Gymnasium KA) stehen aber weiterhin Bio, Chemie und Physik als eigenständige Fächer ab Stufe 5 bzw 7 drin. Ausserdem „Naturphänomene“ für die Stufen 5 und 6. Kommt die Astronomie nicht im „normalen“ Physikunterricht vor?

    • NwT ist in der Tat zusätzlich zu Physik, Chemie, Biologie (auch wenn deren Stunden, soweit ich weiss, etwas reduziert wurden, als NwT eingeführt wurde – klar, irgendwo muss die Zeit ja herkommen).

      NwT sollte als Verbundfach interdisziplinär Naturwissenschaften und Technik vermitteln und verknüpfen. Bis jetzt gab es dazu eine Vielfalt möglicher Kontexte (Bildungsplan 2004): Mensch und Gesundheit gehörte dazu, die Erde im Weltraum (und darin viel schöne Astronomie), Umwelt usw. auch. Das wurde jetzt alles gestrichen – ersatzlos, zugunsten eines rein auf technische Anwendungen konzentrierten Lehrplans. (Nicht mehr NwT, sondern im wesentlichen T, wie eine Lehrerin an dieser Stelle kommentierte.)

      Wo die Astronomie überall war und jetzt weitgehend nicht mehr ist habe ich hier gesondert aufgezählt. Im normalen Physikunterricht (damit meine ich: das, was z.B. alle Gymnasiasten in Physik lernen) ist Astronomie so gut wie weg – 2004 waren da noch Weltbilder, Modelle und ihre Grenzen, als Beispiel Sonnensystem (geo- vs. heliozentrisch). An anderer Stelle war als Lernziel aufgeführt, die Schülerinnen und Schüler sollten die Stellung der Erde im Sonnensystem kennen. Das ist jetzt alles weg, die Astronomie (mit einigen Wahl-Ausnahmen) auch.