Wir autopoietischen Systeme

Im Advent habe ich mich mit Hilfe des Einführungsbuchs Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme von Georg Kneer und Armin Nassehi mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann vertraut gemacht. Hier möchte ich Ihnen ein paar Eindrücke von diesem Zugang zu Sozialwissenschaften geben.

Wissenschaft hat immer die Aufgabe, ein großes, zusammenhängendes Ganzes gedanklich in Einzelteile zu zerlegen. Dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt, ist zwar eine korrekte Beobachtung, nur hilft sie für ein tieferes Verständnis der Welt nicht weiter. Wissenschaft braucht also Theorien, mit denen Strukturen sichtbar und untersuchbar gemacht werden. Eine Möglichkeit, die Welt gedanklich in Wirkeinheiten zu zerlegen, ist die Unterscheidung von Systemen, die weitgehend selbstständig funktionieren und von der Umwelt abgegrenzt sind.

Ganz naiv stellte ich mir eine Systemtheorie der Gesellschaft so vor, dass verschiedene Funktionseinheiten der Gesellschaft (Unternehmen, Schulklassen, Vereine, Familien) als Systeme betrachtet werden, in denen Menschen miteinander agieren und von der Umwelt abgegrenzt sind. Es findet viel mehr Interaktion innerhalb des Systems als über die Systemgrenzen hinweg mit der Umwelt statt. Das mag eine Systemtheorie sein, sie mag sogar in vielen Fällen brauchbar sein, sie hat aber eher wenig mit Luhmanns Theorie sozialer Systeme zu tun.

Autopoietische Systeme

Nach Luhmann sind soziale Systeme selbsterzeugende und selbsterhaltende Systeme1 aus Kommunikation. Nicht Menschen sind die kleinsten Einheiten der Systeme sondern Kommunikationen. Kommunikation beschreibt Luhmann als einen Auswahlprozess von Information, Mitteilung und Verstehen. Damit ist klar, dass Kommunikation nicht einem Menschen zugeordnet werden kann, es sind mindestens zwei Menschen nötig, damit Kommunikation möglich ist. Und wenn wir uns über Gesellschaften unterhalten, dürfen es gerne ein paar mehr sein.

Die Abstraktion Luhmanns geht aber noch ein gutes Stück weiter. Nach seiner Theorie sind Menschen gar nicht Teil eines soziales Systems. Sie sind vollständig außerhalb des Systems und gehören zu seiner Umwelt. Das erscheint erstmal erstaunlich, ist aber auf dem zweiten Blick schlüssig.

Menschen und Bewusstsein

Menschen sind nach Luhmann selbst keine Systeme und auch keine Elemente des Systems. Sie bestehen aus verschiedenen Systemen: Nervensystem, Immunsystem, psychisches System und andere. Zwischen diesen Systemen gibt es grundsätzlich keinen Austausch. Nehmen wir als Bespiel das Nervensystem und das psychische System eines Menschen. Das Nervensystem ist ein selbstbezügliches Netzwerk aus Neuronen, in dem Zustandsänderungen einzelner Neuronen weitere Zustandsänderungen anderer hervorrufen.

Das psychische System ist ebenfalls ein selbstbezügliches System, das aber aus Gedanken und Vorstellungen besteht. Hier erzeugen Gedanken neue Gedanken. Auch wenn Nervensystem und psychisches System nicht unabhängig voneinander existieren können, haben unsere Gedanken keinen direkten Zugang zu neuronalen Zuständen und umgekehrt. Solch eine unauflösbare Verbindungen von Systemen, zwischen denen es keinen Austausch von Komponenten gibt, wird bei Luhmann als strukturelle Kopplung bezeichnet.

Solch eine strukturelle Kopplung besteht auch zwischen psychischen Systemen und sozialen Systemen. Psychische Systeme (also wir) bestehen aus Gedanken, soziale Systeme aus Kommunikation. Gedanken können Kommunikation reizen und Kommunikation kann Gedanken reizen, aber es gibt keinen direkten Übergang von Gedanken in soziale Systeme und weiter in andere psychische Systeme. Kommunikation ist kein Gedankenaustausch.2 Wir haben auch durch noch so gute soziale Systeme keinen direkten Zugang zu den Gedanken anderer Menschen.

Gesellschaft

Für die Sozialwissenschaft ist entscheidend, wie sich soziale Systeme, also Gesellschaften differenzieren. Hierfür scheinen mir die Begriffe Beobachtung und Codierung entscheidend. In Luhmanns Theorie können Kommunikationen beobachten, indem sie etwas Bezeichnen und dabei unterscheiden. Sie können also unterscheiden zwischen Recht und Unrecht, Wahr und Falsch, Wissenschaft und keine Wissenschaft und anderes. Hier spielt das Gesetz vom fehlenden Dritten rein, von dem ich mal im Artikel zur Quantenlogik geschrieben habe. Dieses Gesetz ist ein Nebeneffekt des Zerlegens sozialer Handlungen in einzelne Beobachtungen. Eine Beobachtung trifft eben nur eine zweiwertige Unterscheidung, aber dieselbe Sache kann unter verschiedenen Bezeichnungen unterschieden werden. Dadurch gibt es selbstverständlich mehr als zwei Möglichkeiten Dinge zuzuordnen.

Beobachten kann eine Kommunikation und damit ein soziales System natürlich alles. Einschließlich sich selbst. Eine Beobachtung einer Beobachtung nennt Luhmann Beobachtung zweiter Ordnung. Damit wären wir bei der Sozialwissenschaft selbst angekommen. Eine umfassende Theorie gesellschaftlicher Systeme muss natürlich die Gesellschaftswissenschaft selbst mitbeschreiben. Luhmann hat den Anspruch, dass seine Theorie universell ist, dass sich mit diesem Ansatz jede form sozialer Interaktion beschreiben lässt. Vom profanen Smalltalk bis zur Systemtheorie selbst.

Universalität bedeutet aber nicht, dass diese systemtheoretische Theorie die einzige Theorie ist, mit der Gesellschaft beschrieben werden kann. Sie ist allumfassend aber nicht exklusiv. Sicher lässt sich einiges auch mit anderen Ansätzen beschreiben. Vielleicht sogar besser. Mir erscheint die Systemtheorie nach dieser ersten Einführung jedenfalls vielversprechend. Etwas sperrig zunächst, weil der Abstraktionsgrad recht hoch ist, aber vielleicht ist das gerade eine Stärke. Systemtheorie erklärt Gesellschaft mit gehörigem Abstand. Das ist etwas, was von Wissenschaft mit einigem Recht oft erwartet wird.

Anmerkungen:
1. Das Fachwort für selbsterzeugend und Selbsterhaltend ist autopoietisch, womit auch die Überschrift dieses Artikels erklärt wäre.
2. Was natürlich nicht bedeutet, dass „Gedankenaustausch“ nicht als Metapher für Kommunikation in Frage kommt.
Joachim Schulz

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Eine Beobachtung trifft eben nur eine zweiwertige Unterscheidung, aber dieselbe Sache kann unter verschiedenen Bezeichnungen unterschieden werden. Dadurch gibt es selbstverständlich mehr als zwei Möglichkeiten Dinge zuzuordnen.“
    Grundsätzlich ist die Systemtheorie ein genialer Ansatz. ich bin kein Luhmann-Experte, aber ich habe genau an dem zitierten Absatz mein Probleme mit der Theorie. Ich kann derselben Sache beliebig viele Bezeichnungen zuordnen und sie unter beliebigen Aspekten zerlegen. Damit bringe ich mich um jede Eindeutigkeit bei der Anwendung der Theorie auf reale Vorgänge oder soziologische Fakten. Hier fehlt der Theorie, wie ich meine, der entscheidende Anschluss an die Realität. Sollte ich das falsch sehen, lasse ich mich gerne korrigieren.

    • Joachim Schulz

      Entschuldigung, dieser Beitrag war aus mir unersichtlichen Gründen im Spamordner gelandet.

      Ich denke, dass die Antwort darin liegt, dass Luhmanns Systemtheorie alle sozialen Systeme abdecken will und keine reine Wissenschaftstheorie ist. Nun gibt es Gesellschaften, in denen nahezu beliebiges als Wahrheit bezeichnet werden darf und es gibt Gesellschaften, die sehr restriktiv sind.
      Naturwissenschaften gehören zu den restriktiveren sozialen Systemen, in denen es recht strikte Programme gibt, die regeln, welche Kommunikationen anschlussfähig sind und welche nicht. Das heißt, man kann praktisch beliebiges behaupten, nur riskiert man damit, das wissenschaftliche System zu verlassen und nicht weiter ernstgenommen zu werden.
      Ich denke schon, dass sich auch naturwissenschaftliche Theorienbildung systemtheoretisch betrachten lässt und das die Ergebnisse weniger beliebig sind, als es auf dem ersten Blick erscheint. Aber dazu müsste ich mich wohl tiefer einarbeiten.

    • Da die Systeme mit-/ gegeneinander wirken, manchmal auf ein anderes aufbauend, über dritte Systeme Informationstransfer stattfindet, sind Systeme und ihre gegenseitige Beeinflussung schlecht erklärt, wenn immerzu nur ein einziges Erklärungsmodell als gültig gillt. Daher können die beliebigen (was sie nicht sind – nur erscheinen) Aspekten sinnvoll sein – nicht falsch sein „müssen“, weil es einen einzigen direkten Ursache/Wirkungsmechanismus gibt, den man dem Phänomen zuweisen kann. Denn diese „einzigen“ und ihre Bedingungen sind eben nicht auf sich selbst gestellt in ihrer Funktion, sondern in ihrer Umwelt multikausal bedingt und so also auch in einem bretien Kontext verankert, der sich aus vielen Perspektiven mit unterschiedlichen Faktoren beschreiben lässt.
      Und ein und der selbe Ablauf hat auf seine beteiligten Systeme vielseitige Auswirkungen (nicht beliebig) und wenn man Wirkungsbezogen analysiert, ergeben sich daher auch die verschiedenen Möglichkeiten, einen Ablauf, eine Situation zu beschreiben.

      Wenn man Fieber beschreiben will, muß man erklären, warum das auch bei minus 20 Grad Celsius auftreten kann und die Körpertemperatur nicht durch äußeren Energieüberschuß zustande kommt. Wenn sie in die Sauna gehen (ordentliche Sitzung) dann haben sie sicher auch „Fieber“ danach (oder könnten), aber es wird nicht so genannt.

      Sie werden „sauer“ bei solch Erklärungsthesen – der Neurowissenschaftler erklärt ihnen das anhand Neurotransmitter.

      Das dabei „unterschiede“ bestünden, die nahelegten, man spreche von etwas anderem, ist eher nicht der Fall, sondern man redete vom Selben, mit anderer Perspektive auf das Ereignis.

      Es ist, wie wenn sie zu einem Franzosen deutsch sprechen würden. Der Inhalt des gesagten kann dem Thema angemessen sachlich sein, der „Fremdsprachler“ aber versteht sie nicht.

      Zuletzt sei das Subjekt durch seine einmalige Entwicklung in der Lage, eine einmalige Repräsentation der Welt zu erstellen – seine Welt aus seinen Augen eben.. Freilich: ohne Synchronisation besteht Mangel an kooperationsmöglichkeit. Aber eine maximale Synchronisation würden sie nicht wollen. Und es würde sein, als seien sie eine Ameise etwa. Aber das würden sie dann nicht mal merken – vielleicht sind sie es schon – maximal synchronisiert?

      Zur veranschaulichung warne ich davor, einen einmalige, aber streng naturwissenschatliche Versuchanordnung zu sehr für allgemeingültig zu halten, weil in der Sache Gültigkeit der Ergebnisaussagen nur für diesen einen versuchsaufbau besteht. Das kommt daher, weil derart streng reduzierte Versuchsszenarien eben wegen ihrer Detailaussagefähigkeit diese Reduktion der Bedingungen erfordern – dann aber nur für den einen Versuchsaufbau sicher gelten können/werden – allgemeine Gültigkeit unter Beteiligung der vielen Systeme in der normal zu erwartenden Umwelt nicht durch den reduzierten Versuchsaufbau gegeben ist. Die freie „Wildbahn“ zeigt dann die Relevanz des Ergebnisses aus dem reduzierten Versuch mittels Empirie auf – oder eben doch nicht.

  2. Ich habe aus der Distanz – also bisher ohne Primär-Kektüre von Luhmann – das Problem, dass ich Kommunikation immer für einen Ausschnitt von (wenigstens versuchter) Kooperation halte. In die Kooperation geht noch das gemeinsame Anliegen oder Werk ein. Es werden also nicht nur Worte, sondern auch Taten ausgetauscht. Worte haben nur dann eine Bedeutung.
    G.K.

    • herr kugler, Sie legen Ihren finger auf den blinden fleck der luhmann’schen systemtheorie.

      das problem ist: wenn luhmann diesen seinen blinden fleck betrachten will, kann er seine (so viel gerühmten) theoretischen aussagen nicht mehr machen.

  3. Luhmann und Habermas setzen beide die Kommunikation in den Mittelpunkt wobei Luhmann Kommunikation zu einer Art neuem 5. Element macht, der Kommunikation also eine Art Eigenleben zugesteht, während Habermas in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ Kommunikation als Voraussetzung für legitimes, herrschaftsfreies, politisches Handeln sieht.
    Es gibt aber viele Gemeinsamkeiten im Denken von Habermas und Luhmann, auch wenn sie sich gegenseitig diffamierten. So gibt es auch bei Habermas den Gedanken, dass erst Kommunikation Vernunft schafft, dass also das kommunikative System viel mehr ist als eine Summe von kommunizierenden Individuen. In der Wikipedia liest man dazu: “ Zwar ist nach Habermas der einzelne Mensch nicht von sich aus zur Vernunft begabt , aber als mögliche Quelle der Vernunft sieht er stattdessen die Kommunikation zwischen Menschen, insbesondere die in der Form der Sprache“
    Luhmann geht es aber letztlich um eine Systemtheorie, in der Kommunikation selbst ein Agens, eine Kraft ist, der sich auch der Mensch unterwerfen muss während Habermas Kommunikation mehr als Verständigungs- und Verhandlungsprozess sieht, aus dem als Resultat konsensuelle Handlungen hervorgehen.
    Luhmann ist also eine Art Soziotechniker während Habermas den Menschen als Zoon politikon sieht.

    • Joachim Schulz

      Das mit dem Unterwerfen habe ich in dieser Einführung so nicht gefunden. Im Gegenteil, für Luhmann ist nicht nur ein soziales System ein abgeschlossenes autopoietisches System von Kommunikation, sondern jedes einzelne psychische System eines Menschen, sein Bewusstsein, ist ein ebenso abgeschlossenes und autopoietisches System von Gedanken. Es unterwerfen sich weder die Gedanken den Kommunikationen, noch die Kommunikationen den Gedanken. Die einen sind jeweils für die anderen Umwelt. Eine existenznotwendige, strukturell gekoppelte Umwelt, aber doch eine, die nicht in die eigene Sphäre einbrechen kann.

  4. Hallo Herr Schulz, liebe Kommentatoren,

    Wer Luhmann wirklich verstanden hat, und wer behauptet das schon von sich, ist meist gebannt und kann sich nur mehr mit diesem Blick auf die Welt ausdrücken. Das will sagen, es braucht eine Zeit bis der von Luhmann aufgrund von Kriegstrauma und analytischer Theorie aus seiner Theorie herausgeworfene Begriff Menschen also wir, die wir aus Fleisch und Blut , einem Bewußtsein , einem Unterbewußtsein und einem Überbewußtsein bestehen, im Falle von Luhmann aber Systeme , bis sich also unser Denksystem luhmännisch codiert hat. Aber dann ist für die Anhänger von Luhmann die Welt und was darin vor geht nur mehr ein Sprachspiel, dessen Pointe stets eine geniales apercu ist, dass die Argumente, die ein Beobachter als Gesprächspartner einbringt schwuppdi wupps in ein anderes System auslagert und daher die Theorie immer besser ist, als die die über sie reden. Mann kan mit Luhmann heute noch immer akademische Karrieren beschleunigen, oder als systemischer Berater die Welt im Sinne von Luhmann codieren. Die Bezüge zur Quantentheorie finde ich interessant. Denn es ist weniger bekannt, wie der Jurist und Talcott Parsons Schüler Luhmann seine gerade um ihn sich versammelte Gemeinde überraschte als er den Biologen Varela nach Bielefeld einlud und der der versammelten Schar von Soziologen nun etwas von biologischen Systemen und ihrer Erhaltung in die Diktiergeräte sprach, die mitliefen. Der Versuch Medien in einen Funktionolismus a la Luhmann zu pressen, darf aber mit der neueren Forschung von Harald Wenzel, der den Abenteuern der Kommunikation in den Echtzeitmassenmedien nachging als gescheitert angesehen werden. Die Verlockung sich mit einer Systemtheorie und nicht mehr empirisch mit den sozialen Problemen der Medien zu beschäftigen ist natürlich groß in einer Welt in der Medien mehr darüber berichten, was Menschen tun um in die Medien zu kommen, als über dien Wert zu reflektieren, den eine solche Berichterstattung hat. Ich habe von dem Soziologen Norbert Elias gelernt mich mit der biografischen Fundierung einer Theorie auseinanderzusetzen um das Werk zu verstehen. Hier bildet Luhmann ein sehr interessantes Beispiell, ihn in die Mentalitätsgeschichte von Nachkriegswissenschaftlern, die den Krieg aber noch miterlebt haben einzuordnen. Luhmann traute den Menschen und ihren Gefühlen nicht mehr über den Weg, er musste mitansehen wie eine Granate seinen besten Freund im Bruchteil einer Sekunde von einem Menschen in ein lebloses System verwandelte und darum, entwarf er eine Theorei die mit dem Subjekt Mensch Schluss machte, zugunsten einer Systemtheorie. Habermas machte genau dasselbe, nur auf eine andere Weise, indem er nurmhr sich dem Recht und der Wirkungsmacht der Verfahren vor Gericht anvertraute, und in 10 Jahren Freisemester suchte er in Theorie des kommunikativen (!!!) Handelns die Goldstäubchen „seiner“ Theorie zusammen. Für5 das Verständnis dessen was sich heute als digitale Revolution aller Lebensbereiche erst andeutet – sorry- da werden wir mit Luhmann und Habermas nicht wirklich weiter kommen, und ich fürchte, das sich das was dort passiert einer genialen Theorie eines Einzelnen entzieht, sondern das wir es hier mit einer neuen sozialen Intelligenz zu tun haben werden, die wir erst ansatzweise überhaupt beschreiben können, deren Strukturen aber unübersehbar und vor allem sehr schnell eine andere Form annehmen können. Ob hier die Quantentheorie wieter hilft? Freue mich auf neue Erkenntnisse.

    • … Mentalitätsgeschichte von Nachkriegswissenschaftlern, die den Krieg aber noch miterlebt haben …

      Das ist ein folgenschwerer Nebenschauplatz, dem man ganz eigene „Systematik“ zuordnen kann.

      Und etwas, was den Funktionen der Quantenmechanik gleicht/ähnlich ist, kann hier ganz sicher hilfreich sein.
      Mit Luhmann und Habermass werden wir in ihrer prädigitalen (und wie gesagt: kriegsversehrten) Vision nicht weiterkommen, als jene selbst.

      Schon das Problem der „Kommunikation“ als einzigste Informationsbereitstellung/übermittlung muß schon damals nicht ausreichend gewesen sein. Es bedarf darin einige Ergänzungen, welche übliche Kommuniktionskanäle (Sprache, Gestik usw…) um fundamentale erweitert – hier un-/teilbewusste Interaktion, die ohne Beteiligung des Bewusstseins funktioniert, sich im Bewusstsein aber in einer Art Rechtfertigungsversion im Nachvollzug repräsentieren. Bewusstsein als letzte Instanz, die Kenntnis erlangt – und noch nicht mal sichere Erkenntnisse generiert.
      Daher kann ich die im Artikel beschreibene Aussage, dass Nervensystem sei ein „selbstbezügliches“ System nicht für Wahr halten. Darüber ist sicher nicht genug bekannt, um solches zu sagen. Nervenzellen reagieren auf nahezu alle physikalischen kräfte im jeweiligen Umfeld. Auf Schall, auf Licht, und auf elektrische und chemische Reize sowieso. Ein Nervensystem in Kombination mit quantemechanischen Funktionen kann zudem erwartbar mehr Funktionspotenzial/bandbreite bereitstellen, die bisher absolut keine Beachtung in den Wissenschaften fanden. Die Neurowissenschaften sind uns dabei aber auch wenig hilfreich. So frage ich mich schon länger, was der Austausch von erwartbar vorhandenen und zur Funktion von Organen notwendigen Elementen gegen ein kompatibles Nuklid oder Isotop für Auswirkungen in der Funktion der Organe hat. Hier etwa Beispielhaft Kalzium gegen eines seiner Isotope ausgewechelt; was es vor allem für das Nervensystem bedeutet. Besonders gefragt: wie sich die radioaktiven varianten auswirken – und wie gegenüber den stabilen Elementen.

      Bleibt also von Luhmanns Output, dass es als Konzept und Strategie zur Visualisierung und Sortierung beobachtbarer Phänomene und deren unsichtbaren Bedingungen ausbaubar sei, Luhmanns Inhalte jedoch wenig hilfreich seien. Beim Habermass kenn ich mich nicht aus – ist aber erwartbar ein ähnlches Problem.

    • lieber herr fuhr, luhmann hat doch nicht francisco varela nach bielefeld geholt, sondern humberto maturana.
      die geschichte der ersten begegnung dieser beiden männer (wenn man sich ein bisschen mühe gibt, kann man sie im internet recherchieren) zeigt viel von dem abgrundtiefen graben, der diese beiden männer verband.
      ich glaube, dass die systemtheorie erst dann die höhe der zeit erreicht, wenn sie eine brücke über diesen graben gebaut hat

  5. Die Beschäftigung mit dem Sozialen, wissenschaftlich Soziologie genannt, ist natürlich Systemtheorie und systemtheoretische Veranstaltung.
    Es wird denn um Begriffe gerungen und um Erkenntnis unterschiedlicher Granularität, wobei diese sinnhaft oder sinnvoll oder sinnstiftend zu wählen ist; es mag erkenntnistheoretisch korrekt sein die Sachlichkeit („Realität“) abzulehnen, aber es muss auf einer bestimmten Granularitätsebene zusammengefunden werden, um die Begriffe und Ideen zu bestimmen und natürlich zuvor: zu erörtern.
    Keine Ahnung aber, warum Menschen mit ihren Gedanken (und Welten) keine (Sub-)Systeme sind oder sein sollen.

    MFG
    Dr. W

    • Es ergibt sich also in der Kommentatorik, dass ‚Menschen sind nach Luhmann selbst keine Systeme und auch keine Elemente des Systems.‘ durch ‚Im Gegenteil, für Luhmann ist nicht die ein soziales System ein abgeschlossenes autopoietisches System von Kommunikation, sondern jedes einzelne psychische System eines Menschen, sein Bewusstsein, ist ein ebenso abgeschlossenes und autopoietisches System von Gedanken.‘ ergänzt werden konnte.

      MFG
      Dr. W (der mit ‚Die Abstraktion Luhmanns geht aber noch ein gutes Stück weiter. Nach seiner Theorie sind Menschen gar nicht Teil eines soziales Systems. Sie sind vollständig außerhalb des Systems und gehören zu seiner Umwelt. Das erscheint erstmal erstaunlich, ist aber auf dem zweiten Blick schlüssig.‘ keine Probleme hat, dennoch bleibt das Output der Menschen Kommunikation und insofern Teil der ‚Systemtheorie der Gesellschaft‘)

      PS: Kann man’s nicht ein wenig „trockener“ zusammenführen, beispielsweise mit unterschiedlichen Welten hantieren, wobei die Menschenwelten nur insofern ‚autopoietisch‘ sind, solange sie einer anderen Autopoiese oder Autopoiesis unterworfen bleiben?
      Und was soll dann das ‚Auto‘?

  6. @Joachim Schulz / @Thomas Grueter

    »Ich denke, dass die Antwort darin liegt, dass Luhmanns Systemtheorie alle sozialen Systeme abdecken will und keine reine Wissenschaftstheorie ist.«

    Eine Anmerkung dazu, um das alles vielleicht etwas besser einordnen zu können, soweit mir das möglich ist. Luhmanns soziologische Systemtheorie ist eigentlich ein Ableger der im wesentlichen auf Ludwig von Bertalanffy zurückgehenden Allgemeinen Systemtheorie. Die Vorstellung von „System“ war dort schon sehr allgemein gehalten, und zur thematischen Fragestellung lässt sich in einem Satz zusammenfassend sagen (nach Melanie Mitchell, Complexity, OUP, 2009):

    System theorist Anatol Rapoport characterized the main themes of general system theory (as applied to living systems, social systems, and other complex systems) as preservation of identity amid changes, organized complexity, and goal-directedness.

    Einen Versuch der Auseinandersetzung mit den ersten beiden dieser Themata stellt der von H. Maturana und F. Varela eingeführte Begriff Autopoiesis dar. Es kommt dann bei Luhmanns soziologischer Theorie aber noch eine weitere, entscheidende Zutat hinzu, und zwar George Spencer Brown mit seinem sogenannten „Kalkül“. Mathematisch ist das zwar ganz schlicht Boolesche Algebra, Luhmanns Soziologen wollen hingegen darin den genialsten Geistesblitz seit der Erfindung des Rades erkennen. Dazu möchte ich lieber schweigen und stattdessen auf folgenden Aufsatz verweisen:

    Hennig, Boris (2000) Luhmann und die Formale Mathematik. In: Die Logik der Systeme. Universitätsverlag Konstanz, Konstanz. [Abstract]

    • Kürzen Sie mal kurz ab, Chrys, sind Sie der Zitierte?, können Sie die Nachricht auf die Schnelle kommentarik-tauglich machen?

        • @ Chrys:
          Boris Hennig betreffend, Sie sind doch anscheinend eine schlaue Maus, die sich hier fachlich bemüht, wie Ihr Kommentatorenfreund Sie einschätzt, einschlägig und mit Erfolg.

  7. Luhmanns Auffassung der Gesellschaft als operativ geschlossenen Prozess sozialer Kommunikation hat als Konsequenz die Selbstreferenzialität (Selbstbezug) und und die grosse Bedeutung von Kommunikationsmedien und Codes womit Luhmann das meint, worum sich die Kommunikation dreht. In der Finanzwirtschaft ist das Kommunikationsmedium beispielsweise die Frage nach Profit oder nicht Profit, im politischen System die Frage nach Macht haben oder keine Macht haben.
    Damit macht Luhmann die Kommunikation, die die meisten von uns als Mittel zum Zweck sehen, zum Zweck der Verständigung eben, zu einem selbstbezüglichen, sich selbst genügenden System. Der Zweck der Kommunikation ist also nach Luhmann die Kommunikation.

    Ist Luhmanns Sicht der Kommunikation nicht ein Zerrbild? Vielleicht hat er nicht unrecht, wenn er nur die Kommunikation so sähe. Doch für ihn ist die Gesellschaft ja nichts anderes als ein Prozess sozialer Kommunikation. Seine Urteile über das Wesen der Kommunikation sind somit Urteile über die Gesellschaft an und für sich.

    • Damit macht Luhmann die Kommunikation, die die meisten von uns als Mittel zum Zweck sehen, zum Zweck der Verständigung eben, zu einem selbstbezüglichen, sich selbst genügenden System. Der Zweck der Kommunikation ist also nach Luhmann die Kommunikation.

      Der Ansatz das Individuum erst einmal auszuklammern, auch weil dieses in oder mit seiner Welt nicht (wissenschaftlich) verstanden werden kann, mag OK sein.
      Es gibt hier ja auch recht witzige Fragen, wie bspw. die Frage nach der, ob der Mond existiert („aus sich heraus ist“), wenn keiner zuschaut.
      Der Konstruktivist ist hier recht locker und weist selbst dem Aus-Sicht-Heraus-Sein den kommunikativen Gedanken von Erkenntnissubjekten zu, die sogar das Aus-Sich-Heraus-Sein, die Existenz einer Sache, in diesem Fall die des Mondes, erst der Kommunikation obliegen lassen.
      Wie dem auch sei, die Kommunikation der Kommunikation obliegen zu lassen, kann keine Luhmannsche Idee gewesen sein; insgesamt scheint der Kollege, dem der Schreiber dieser Zeilen nie schriftlich direkt gefolgt ist, sehr ordentlich unterwegs gewesen zu sein – Angaben aus anderen Quellen folgend.

      MFG
      Dr. W

    • Als autopoietisches System muss Kommunikation sich zuerst einmal selbst erhalten. Doch die Formulierung „Der Zweck der Kommunikation ist also nach Luhmann die Kommunikation.“ geht vielleicht zu weit. Luhmann hat sich schon mit dem Sinn der Kommunikation auseinandergesetzt allerdings gibt er sich wiederum mit wenig zufrieden, sieht er doch einen Sinn schon dann geschaffen, wenn die Dinge in eine Ordnung gebracht werden (Zitat Wikipedia):„Der Sinnbegriff umfasst jegliche Ordnungsform menschlichen, bewussten Erlebens; es gibt demnach kein sinnloses Erleben.“
      Weiter liest man (scheinbar wieder von George Spencer Browns Law of Form beeinflusst), Sinn sei in Luhmanns Sicht

      „die Einheit der Differenz von Aktualität und Potentialität“. Kommunikation konstituiert immer Sinn, ist aktuelle Selektion aus der Potentialität aller zuvor gegebenen Möglichkeiten. Sinn reguliert nach Luhmann die selektive Erlebnisverarbeitung, ist die selektive Beziehung zwischen System und Welt. Sinn ermöglicht gleichzeitig die Reduktion und Erhaltung von Komplexität. Sinn lässt sich demnach verstehen als Prämisse der Erlebnisverarbeitung. Sinn ermöglicht dem Bewusstsein eine Auswahl und verweist über das Gewählte auf das Nichtgewählte und somit auf die Grenzenlosigkeit der Welt. Kommunikation kann nach dieser Terminologie keine Übertragung von Sinn oder von Informationen sein, sondern Kommunikation ist gemeinsame Aktualisierung von Sinn, die mindestens einen der Teilnehmer informiert.

      Es hat sicher etwas an sich, dass Sinnfindung immer auch eine Selektion, eine Auswahl aus einer Vielzahl von Möglichkeiten ist. Das ist eine Notwendigkeit, es fragt sich nur ob es auch ausreichend ist.

  8. Das Problem der Luhmann’schen Systemtheorie scheint mir darin zu bestehen, dass seine Lehre die zunehmende ‚Übergriffigkeit‘ der binären Logik von Subsystemen auf andere Systeme nicht zu erklären vermag. Zum Beispiel die ökonomische Logik des Wirtschaftssystems (‚Profit“Non-Profit‘) auf andere Sozialsysteme, auch auf dasjenige der Wissenschaft, dessen Logik doch eher ‚wahr“unwahr‘ lauten sollte, das trotzdem längst in weiten Bereichen selbst dem fremdsystemischen Profitschema unterliegt.

    Diese zunehmende Dominanz bestimmter Logiken ist mit dem Konzept einer prinzipiellen ‚Geschlossenheit‘ dann nicht mehr zu erfassen. Es scheint so zu sein, dass im Rahmen der Sozialsysteme bestimmte Logiken sich über ihre angestammten Grenzen hinaus ausbreiten können, in meinen Augen mit Hilfe jener ubiquitären Kommunikation, welche die Geschlossenheit dann transzendiert. Faktisch geschieht dies vor allem mit Hilfe ‚generalisierter Kommunikationsmedien‘, um Luhmanns Wortgebrauch hier zu verwenden. Man könnte auch von ‚Ideologien‘ sprechen, von Logiken also, die gewissermaßen ‚fern ihres Heimathafens‘ operieren und damit eine systemische Fehlerhaftigkeit erzeugen.

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