Die Angst vor dem Atom

Den Opfern des schweren Erdbebens in Japan gebührt unser tiefstes Mitgefühl. Angesichts des Leids, das dort unzählige Menschen erfahren müssen, ist es nicht leicht sachlich zu bleiben und aus der Ferne zu analysieren, welche Auswirkungen die durch das Erdbeben ausgelösten Reaktorunfälle haben könnten. Dennoch habe ich mich über die Art der Berichterstattung in den großen Medien geärgert. Nicht Betroffenheit stand objektiver Berichterstattung entgegen sondern Angst und Unkenntnis.

Unkenntnis ist ja zunächt kein Vergehen, aber von Journalisten würde ich erwarten, dass sie Informationen nicht ausschließlich publikumswirksam aufbauschen, sondern vor allem einordnen und bewerten. So ist es für Nicht-Fachleute wenig sinnvoll, einfach wiederzugeben, die Strahlung sei außerhalb eines Kraftwerkes 400 mal höher als normal. 400 ist eine große Zahl und geeignet zu beeindrucken. Mit wenig Rechercheaufwand könnte man die dort auftretende Dosisleistung aber im Verhältnis setzen zu der Dosisleistung, die Passagiere während einer Flugreise ausgesetzt sind. Oder zu den Grenzwerten für die Dosis beruflich strahlenexponierter Personen. Erst dadurch wird die Aussage für das Laienpublikum zu einer verwertbaren Information.

In diesem Beitrag kann ich nichts zur aktuellen Lage in Fukushima beitragen und ich möchte auch keine weiteren Spekulationen zur Wahrscheinlichkeit und Konsequenz eines Super-GAUs anstellen. Das wäre, wie ein Kommentator im Nachbarblog ganz richtig anmerkt, mehr eine ingenieurwissenschaftliche Fragestellung. Mich interessieren mehr die beinah reflexartig panischen Reaktionen der deutschen Presse und Politik und ich möchte der Frage nachgehen, was denn eigentlich an der Atomkraft so angsteinflößend ist. Warum scheinen wir mehr Angst von Atomunfällen als vor Chemieunfällen oder Naturkatastrophen zu haben?
Angst ist in schlechter Ratgeber und ich denke, dass eine ergebnisoffene Energiediskussion nur möglich ist, wenn es uns Naturwissenschaftlern gelingt, die Menschen so weit über Kernphysik aufzuklären, dass nicht mehr irrationale Angst dominiert  und eine realistische Einschätzung von Risiken aber vielleicht auch Chancen der Kernkraft möglich wird.

Die unsichtbare Strahlung

Ionisierende Strahlung, die etwas ungenau auch radioaktive Strahlung genannt wird, können Menschen nicht sehen, schmecken, riechen, hören oder fühlen. Eine Art der radioaktiven Strahlung, die Gamma-Strahlung, durchdringt mühelos dichte Materie und lässt sich nur schwer abschirmen. Diese Kombination von Eigenschaften mach Radioaktivität suspekt. Dass einem bei dem Gedanken an eine nicht wahrnehmbare Gefahr mulmig wird, kann ich gut nachvollziehen. Ich staune jedesmal, wenn ich mit radioaktiven Quellen zu tun bekomme, wie harmlos diese aussehen.

In Forschung und Technik bleibt von der spukhaftigkeit der Radioaktivität dagegen wenig übrig. Alle Strahlungsarten können mit den passenden Messgeräten aufgespürt und sehr genau vermessen werden. Studenten der Physik und anderer Naturwissenschaften kommen (zumindest hier an der Hamburger Universität) schon sehr früh, in einem Praktikumsversuch zur Messung und Abschirmung von Gamma-Strahlung mit Radioaktivität in Berührung. Der eigene, vorsichtige Umgang mit Radioaktivität ist eine gute Möglichkeit, sich mit dieser Strahlung vertraut zu machen und die unbegründete Angst zugunsten gerechtfertiger Vorsicht abzulegen.

Stochastische Schäden

Radioaktivität ist schädlich. Das sind chemische Gifte aber auch. Was Radioaktivität besonders erschreckend wirken lässt, sind die stochastischen Strahlenschäden. Gemeint sind damit Folgen der Bestrahlung, die mit einer dosisabhängigen Wahrscheinlichkeit eintreten, deren Auswirkung aber von der Stärke der Bestrahlung unabhängig sind.

Zu den wichtigsten stochastischen Schäden zählen Krebs und Schädigungen der Erbanlagen in den Keimzellen. Schon ein einzelnes Alpha-Teilchen, Elektron oder Gamma-Quant der radioaktiven Strahlung kann in der  Erbinformation einer Körperzelle einen schwer reparierbaren Doppelstrangbruch verursachen. Die meisten so geschädigten Zellen funktionieren einfach weiter oder sterben ohne Schaden für den Organismus ab, aber im ungünstigsten Fall kann eine so geschädigte Zelle anfangen, sich unkontrolliert zu vermehren und ein Krebsgeschwür bilden.

Erschreckend an stochastischen Schäden ist, dass die Schäden selbst in ihrer Stärke nicht von der Strahlendosis abhängen. Sie können auch ganz ohne künstliche Radioaktivität zum Beispiel durch natürliche Radioaktivität oder andere Schädigungen des Erbguts auftreten. Jede noch so geringe zusätzliche Dosis radioaktiver Strahlung erhöht aber die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten stochastischer Schäden ein Wenig.

Wir Menschen haben offenbar kein besonders realistisches Gefühl für Wahrscheinlichkeiten. Die Hoffnung auf einen Lottogewinn ist bei vielen Menschen ebenso unrealistisch hoch, wie die Angst vor Strahlenschäden bei geringen Bestrahlungen, wie sie zum Beispiel bei Röntgenuntersuchungen vorkommen. Wichtig für die realistische Einschätzung der Schäden durch Radioaktivität ist es, sich klar zu werden, dass es ein Null-Risiko nicht gibt. Die natürliche Radioaktivität, der wir unausweichlich immer ausgesetzt sind, ist ebenso gefährlich wie künstliche Radioaktivität. Sicher ist, dass eine Belastung, die die natürliche Strahlenbelastung nicht wesentlich übersteigt, auch die Wahrscheinlichkeit stochastischer Schäden nicht deutlich erhöht.  Aber wie deutlich dürfen Risiken steigen? Durch welche Vorteile können sie hinnehmbar werden?

Für Fachleute machen es stochastische Schäden schwer, Grenzwerte festzulegen. Für beruflich exponierte Personen haben diese deshalb etwas beliebiges und für die Zivilbevölkerung gibt es erst gar keine. Es gilt das Prinzip, dass Bestrahlung so gering wie möglich zu halten ist.

Langzeit-Folgen

Radioaktive Verseuchung kann sehr langfristige Folgen haben. Radioaktive Nuklide, die in die Umwelt gelangen, werden ebenso in den Nahrungskreislauf eingebaut wie ihre nicht radioaktiven Entsprechungen. Chemisch unterscheidet sich ein radioaktives Jod-Isotop nicht von dem harmlosen stabilen Jod und radioaktives Strontium ist dem im Periodensystem eine Reihe höher stehendem Kalzium so ähnlich, dass es statt dessen in den Knochen eingelagert werden kann.

Die biologische Verwertbarkeit in Kombination mit den langen Halbwertszeiten von radioaktiven Stoffen, sorgt dafür, dass stochastische Strahlenschäden auch noch Jahre nach einem Atomunfall ausgelöst werden können. (Ein paar Anstöße zu diesem Themenkomlex hat Joe Dramiga zusammengestellt.) Zudem lässt sich die Verbreitung radioaktiver Stoffe, sind sie erstmal in der Nahrungskette angekommen, kaum noch kontrollieren. Man kann zwar importierte Lebensmittel auf Radioaktivität testen, man kann aber keinen Fisch und keinen Wind daran hindern, Grenzen zu überqueren.

Unpassende Vergleiche

In der Berichterstattung über Atomunfälle jeder Art werden fast automatisch der Super-GAU in Tschernobyl und manchmal sogar die Bombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki gezeigt. Psychologisch ist das das verständlich. Schließlich sind das die großen Katastrophen, die sich in das Bewusstsein der meisten Menschen eingeprägt haben. Was ich aber an der Berichterstattung vermisse, ist eine objektive Einordnung der Bilder.

Atomkraftwerke sind mit Atombomben nicht vergleichbar. Die Brennstäbe in einem Atomkraftwerk sind von sich aus nicht zu einer Kettenreaktion fähig. Es braucht einen Moderator, der die entstehenden schnellen Neutronen abbremst, um die Kettenreaktion im Reaktor aufrecht zu erhalten. Explosionen, wie sie in Tschenobyl oder Fukushima aufgetreten sind, sind keine Atomexplosionen. In Fukushima handelt es sich um chemische Wasserstoffexplosionen.

Auch der Vergleich zwischen Tschernobyl und Störfällen, wie sie 2007 in Krümmel und jetzt nach dem Erdbeben und Tsunami in Fukushima aufgetreten sind, kann unkommentiert nicht zur Aufklärung sondern allenfalls zur Panikmache beitragen. Mit Leichtwasser moderierte Siedewasserreaktoren, wie Krümmel und Fukushima, sind in ihrer Funktionsweise so sehr von dem Graphit-moderierten Kraftwerkstyp in Tschernobyl verschieden, dass vergleichbare Unfallabläufe ausgeschlossen sind. Leichtwaserreaktoren haben keine brennbaren Graphitstäbe und ihr Regelprinzip funktioniert grundlegend anders als das eines graphitmoderierten Kernkraftwerkes.

Gründe für Ängste

Wie diese kurze Übersicht hoffentlich zeigt, ist die Angst vor atomaren Unfällen nicht unbegründet. Stochastische Strahlenschäden und Langzeitfolgen radioaktiver Verseuchung sind reale Bedrohungen und können nicht wegdiskutiert werden. Tendenziell werden Gefahren durch Radioaktivität und speziell durch Atomkraftwerke aber unrealistisch hoch eingeschätzt. Vergleichbare Gefahren können auch bei Chemieunfällen, durch Krankheitserreger und bei Naturkatastrophen auftreten.

Kaum jemand hat ein zuverlässiges Gefühl dafür, was der Messwert von einem Sievert pro Stunde beinhalten, wenn er an einem Ort im Kernkraftwerk gemessen wurde. Die eilig zusammengestellten Sondersendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die ich gestern gesehen habe, haben kaum den Versuch unternommen, ein realistisches, nüchternes Bild der Lage zu geben. Die Japan-Korrespondenten waren selbst verängstigt und die Hintergrundberichte enthielten zum Teil eklatante Falschaussagen. Zum Beispiel behauptete ein Hintergrundbericht, natürliche Radioaktivität sei harmlos, weil der Körper daran gewöhnt sei und durch sie verursachte Schäden problemlos reparieren könne. Ein anderer Bericht tat so, als sei die am Zaun der Kraftwerksanlage gemessene Dosisleistung von 400 Millisievert pro Stunde die Belastung, der die Bevölkerung ausgesetzt ist. Solche Schnitzer sind meines Erachtens eher schädlich als hilfreich. Sie schüren Ängste anstatt Orientierung zu geben.

Jetzt wird’s politisch

Wenn wir aber einen demokratischen Beschluss über den Einsatz von Kernkraft oder den Zeitrahmen des Ausstiegs treffen wollen, dann muss die Diskussion objektiver werden. Sie darf Risiken nicht verharmlosen oder gar verschleiern, sie darf die Risiken aber auch nicht überhöhen.

Vor allem braucht eine gute Entscheidung brauchbare Alternativen. Die Bundesregierung hat den Fehler gemacht, ein Gutachten erstellen zu lassen, das nur vier Szenarien durchgerechnet hat, die alle eine Verlängerung der Laufzeiten beinhalteten. Die Fragestellung war: Welche Laufzeitverlängerung ist die günstigste, wenn wir voraussetzen, dass es  eine Laufzeitverlängerung geben wird? Das ist eine brauchbare Fragestellung, wenn der Weg politisch vorgegeben ist, aber sie kann nicht Grundlage einer Entscheidung für oder gegen Kernkraft sein.

Oberflächlich hält auch die schwarz-gelbe Regierung an dem Atomausstieg fest. Ein Wiedereinstieg sieht anders aus. Er würde den Neubau von modernen Reaktoren und die Stilllegung der alten beeinhalten. Bei den Wählern kommt die Laufzeitverlängerung aber wie ein Wiedereinstieg an. Man redet vom Ausstieg aus dem Ausstieg. Kaum jemand glaubt der Regierung, dass nach der Verlängerung keine weitere kommt. Man hat den Eindruck, dass die Verantwortlichen die alten Kraftwerke halten wollen, bis ein echter Wiedereinstieg in die Atomenergie mehrheitsfähig wird. Wenn dieser Eindruck stimmt, dann wäre das unehrlich und tut der Diskussion nicht gut.

Die Verlängerung der Laufzeiten alter Atomkraftwerke ist nicht alternativlos. Nur im Gutachten hat die Regierung keine Alternativen untersuchen lassen. Die Mehrheit der Bevölkerung möchte aber scheinbar einen schnellen Ausstieg aus der Kernkraft, deshalb müssen solche Alternativen untersucht werden. Diese Alternativen dürfen ebenso wenig idealisiert werden, wie die Kernkraft verteufelt werden darf. Nur durch eine realistsiche Gegenüberstellung von Energieszenarien mit und ohne Kernkraft wird die Gesellschaft in der Lage sein, eine informierte Entscheidung zu treffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Ausstieg ohne Risiken ist. Wir müssen deshalb nicht nur die Risiken der Kernkraft sondern auch die der Alternativen kennen und sie so objektiv wie möglich miteinander vergleichen.

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

38 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die wirkliche Angst

    Meine Angst bezieht sich weniger auf akute Strahlenbelastungen durch etwaige Unfälle oder Naturkatastrophen, sondern auf die ungeklärte Frage der Endlagerung. Was machen wir mit dem Atomschrott, den wir späteren Generationen für ein paar Jahre Strom aufbürden? In welchem Verhältnis stehen nutzbare Energie und die Folgen davon? Einzig und allein aus dem Grund sollten wir weg von der Atomenergie, solange diese weiterhin gefährliche Abfälle produziert. Auf diesen Aspekt ist dieser Blogeintrag nicht eingegangen.

  2. „Radioaktive“ Strahlung

    Vielen Dank für den unaufgeregten sachlichen Artikel.
    Ich störe mich allerdings an dem Begriff „radioaktive Strahlung“, den Sie zwar als ungenau bezeichnen, dann aber selber verwenden. Er wird auch ständig in den übrigen Medien gebraucht. M.E. ist er nicht ungenau, sondern physikalisch falsch denn die ionisierende Strahlung ist ja selbst nicht radioaktiv. Das ist lediglich das die Strahlung aussendende Radionuklid (vgl. z.B. Grupen, Grundkurs Strahlenschutz)
    Da Sie auf stochastische Strahlenwirkungen eingehen, hätten ich mir gewünscht, dass auch die deterministischen Strahlenwirkungen, die ja ab einer gewissen Schwellendosis eintreten (z.B. Erythem), erwähnt wären.

    Jaja, man kann es nicht allen Recht machen 😉

  3. Angst ist gerechtfertigt

    Ein schön geschriebener Beitrag. Trotzdem Einwände:

    In Ihren Augen sind Vergleiche zwischen Tschernobyl und Fukushima nicht zulässig. Freilich sind solcherlei Vergleiche zulässig: Es ist letztlich vollkommen gleichgültig, ob da ein Graphit-moderierter oder ein Leichtwasser-moderierter Reaktor Radioaktivität unkontrolliert an die Umwelt abgibt. Die „Angst vor dem Atom“ kann man weder dem schlechter noch dem besser informierten Teil Denkender nehmen, indem man sich in argumentativen Kümmelspaltereien wie diesen verliert.

    Die „Angst vor dem Atom“ ist gerechtfertigt, weil die Nutzung dieser Energie nicht sicher war, nicht sicher ist, und niemals sicher sein wird. Selbst der krasseste Atomkraftgegner hätte noch vor einer Woche nicht für möglich gehalten, dass es gleich in mehreren Blöcken eines Betriebsgeländes zur Kernschmelze kommen könnte.

    Und dann wäre da noch die weltweit ungeklärte Frage der Endlagerung radioaktiven Mülls. Diese Frage wird auch in Zukunft nicht zu klären sein, weil es kein Endlager geben kann, das Sicherheit über Jahrzehntausende bietet. Auch das bereitet vielen Menschen Angst – zu Recht!

    Sie schreiben: Sie darf Risiken nicht verharmlosen oder gar verschleiern, sie darf die Risiken aber auch nicht überhöhen.

    Genau das ist mit dem Gesetz zur Laufkraftverlängerung seitens der derzeitigen Bundesregierung aber geschehen. Es wurde verharmlost und verschleiert, wie diese Zitate zeigen mögen.

    Zitat Bundeskanzlerin Angela Merkel am 15.6.2009: „Wenn ich sehe, wie viele Kernkraftwerke weltweit gebaut werden, dann wäre es wirklich jammerschade, sollten wir aus diesem Bereich aussteigen.“

    Zitat Guido Westerwelle am 28.5.2009: „Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn Deutschland aus ideologischen Gründen aus der sichersten Kerntechnik der Welt aussteigt.“

    Zitat Stefan Mappus am 23.3.2010: „Ich bin für den Ausstieg aus dem Atomausstieg. Das heißt: Solange ein Atomkraftwerk sicher ist, muss man seine Laufzeit nicht begrenzen“

    Es stellt sich die Frage, ob eine – völlig berechtigte – „Angst vor dem Atom“ nicht auch in einer Angst vor solcherlei Politikern wie Merkel, Westerwelle, Mappus etc. münden sollte…

  4. Vielen Dank für wichtige Anmerkungen

    Nicht zuletzt dank des medialen Trommelfeuers ist es mittlerweile so, dass man nun noch sensationalisische Meinungsäußerungen gelten lässt.

    Die differenzierte Meinung, diejenige, die auf Fakten basiert sein möchte, gilt nichts oder wird gleich verunglimpft.

    Was mich wirklich verbittert, ist, dass ich mich wirklich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass es hierzulande in weiten Kreisen zu einer gewissen Enttäuschung führen würde, wenn es in Japan gelingt, die Probleme noch unter Kontrolle zu bekommen. Kennzeichnend für die irreführende Panikmache ist das Titelbild der Bildzeitung vom Montag: da wird formatfüllend ein Bild einer vom Tsunami zerstörten Stadt gezeigt, mit der Schlagzeile: „Atom-Horror“.

  5. @ CAS: radioaktive Strahlung

    Sie haben natürlich damit recht, dass ionisierende Strahlung nicht selbst radioaktiv ist. Dennoch ist „radioaktive Strahlung“ der Begriff, der sich hierfür umgangssprachlich eingebürgert hat. Ich versuche hier umgangssprachlich zu bleiben, weil es sich letztlich um ein polulärwissenschaftliches Blog handelt.

    Ja, die deterministische Strahlenwirkung hätte ich beschreiben können, aber sie hat meines Erachtens für die Angst der Bevölkerung keine große Bedeutung. Unter akuten Strahlenschäden wird voraussichtlich keine größere Menge an Menschen zu leiden haben. Auch das ist ein erheblicher Unterschied zur Atombombe.

  6. @Klaus Möller: Unvergleichlich

    Sie schreiben:
    „In Ihren Augen sind Vergleiche zwischen Tschernobyl und Fukushima nicht zulässig. Freilich sind solcherlei Vergleiche zulässig: Es ist letztlich vollkommen gleichgültig, ob da ein Graphit-moderierter oder ein Leichtwasser-moderierter Reaktor Radioaktivität unkontrolliert an die Umwelt abgibt.“

    Doch es ist ein großer unterschied. Sie müssen bedenken, dass diese Vergleiche schon ersten Tag der sich abzeichnenden Katastrophe gemacht wurden. Damit wird den Menschen suggeriert, es könne auch in Fukushima zu einem Abbrennen des Reaktorkerns unter großer Rauchentwicklung kommen, wie es in Tschernobyl der Fall ist. Das ist aber nicht so. Das Gefahrenpotential ist nach wie vor hoch, aber es ist eben nicht vergleichbar zu Tschernobyl. Es bestehen noch immer gute Chancen, dass vergleichsweise wenig radioaktives Material in die Umwelt gelangen wird.

    Hoffen Sie mit uns?

  7. Das ging ja schnell

    um 11:40 war der Artikel heraus, um 13:08 schon der erste der üblichen Kommentare mit all der üblichen Rhetorik. Aufzeigen fundamentaler Fehler in der Katastrophenberichterstattung ist angeblich nur Haarspalterei – das heißt, man muss sich gar nicht mehr dafür interessieren und auch gar nicht versuchen, herauszufinden, was nun tatsächlich geschehen ist und noch geschieht. Zahlen, Daten, Fakten – wer will das schon wissen, wenn wir doch schon zu wissen meinen, welches Ausmaß der Unfall hat.

    Woher wissen wir das? Na, es steht doch in den Medien. Ach, daher.

    Dann noch ein paar Behauptungen, die sich eleganterweise selbst beweisen sollen, und der Rest nur Politik. Man kann es wirklich schon mitsingen.

  8. Endlagerung ist technisch realisierbar

    Was für ein großartiger Artikel, sowas habe ich in den letzten Tagen wirklich vermisst.

    Ich selber bin Physiker und arbeite schon seit längerem in der Endlagerforschung. Und die Problematik der objektiven Berichterstattung ist mir sehr wohl vertraut. Daher habe ich vor einiger Zeit selber einen Blog gestartet.

    Dort versuche ich, möglichst objektiv diese Dinge zu schildern. Und an diejenigen, die die Abfallproblematik als Argument bringen möchte ich auf einen Artikel von mir verweisen da die eigentliche Argumentation hier zu lang werden würde: „Endlagerung in Deutschland – wie funktioniert das“ unter http://www.kerngedanken.de/?p=18

    Und in Bezug auf das Thema hier würde ich gerne für meinen Artikel „Risiken der Technik“ Werbung machen, dort habe ich mich ebenfalls schonmal zu dieser ganzen Problematik geäußert. Zu finden unter: http://www.kerngedanken.de/?p=38

    Ich bedanke mich noch einmal für diesen tollen Artikel.

  9. Daten dürfen nicht veröffentlicht werden

    Auf dem Nature Blog lese ich gerade, dass die CTBTO in Japan zwei Messstationen für Radionuklide in der Atmosphäre hat und seit Jahrzehnten misst. Sie darf diese Daten aber nicht öffentlich machen. Im Gegensatz zu den seismischen Daten welche für das Erdbebenmonitoring genutzt werden können.

  10. Denkanstoß

    Hm, netter Beitrag. So habe ich es noch nicht betrachtet.
    Ich finde es ja schade, dass die Japaner sich durch ihre mangelnde Kooperation hinsichtlich der Informationsweitergabe so blamieren- und dabei sei es mal egal, warum sie uns keine Infos geben (können/wollen).
    Für uns ist es wie hier auch richtig dargestellt nur Bild-Berichterstattung. Hier in De mag es ja egal sein und bestensfalls noch dazu führen, dass die AKWs schneller abgeschaltet werden. Aber – die Leute in Japan- die Leben ja in Todesangst.

  11. Endlagerung

    Selbst mit dem Ausstieg, ja sogar ohne Einstieg in die Kernenergie ist ein Endlager für radioaktive Stoffe notwendig.
    Radioaktive Abfälle fallen nicht nur in AKW an.
    In den weltweit bestehenden Lagern für radioaktive Stoffe sind nur rd. 50% aus AKW.
    Der Rest kommt aus der Industrie, der Medizin, der Landwirtschaft (ja auch daher). Mittels radioaktiver Kontrastmittel werden viele technische Verfahren erst ermöglicht.
    Ich persönlich kann mich an einen Problemfall in einem Endlager erinnern, wo wir lange nach der Quelle der dosimetrischen Belastung (bis zu 5,5 fach der Normaldosis) der Mitarbeiter gesucht haben, da in den Filteranlagen keine Rückstände zu finden waren. Im Endeffekt waren es 200 Fässer mit Uhrenzifferblättern. Die Leuchtfarbe produziert nämlich radioaktives Radon.

    Die Endlagerung sollte auch unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, das das was wir heute als Abfall betrachten vieleicht schon in ein paar Jahren wertfollster Rohstoff sein könnte.

    G.Heim

  12. Wie viel Angst ist denn angebracht?

    Vielen Dank für den sachlichen Artikel. Ich bin Atomkraftgegner und habe natürlich auch angst vor einem GAU.
    Es ist aber offensichtlich, dass die Medien so viel Panik verbreiten wie möglich. Sachliche Berichterstattung kann man in den Massenmedien nicht finden. Schön, dass sich hier mal jemand darum bemüht!

    Ich vermisse hier aber eine Bewertung der Strahlung und ihrer möglichen Ausbreitung. Wie steigt die stochastische Wahrscheinlichkeit mit der Strahlung? (Linear, exponential…) Ist schon jetzt ein Gebiet dauerhaft verstrahlt? Wie viel Radioaktivität bleibt (mit und ohne Regen) in der Umgebung? Könnte es wie in Tschernobyl eine unbewohnbare Zohne geben. Mit welchen Auswirkungen ist zu rechnen, wenn die Brennstäbe frei liegen? Kann sich Strahlung auch gegen den Wind ausbreiten?

    Ich hätte da viele Fragen, für die ich bisher keine sachlichen Antworten finden konnte.
    Die schwerste Katastrophe scheint mir der Tsunami zu sein. Um so viel Tod, Leid und (Umwelt-) Zerstörung zu bringen müsste im AKW wohl noch einiges schief laufen.

  13. @Tina: Genau umgekehrt

    Hier in De mag es ja egal sein und bestensfalls noch dazu führen, dass die AKWs schneller abgeschaltet werden. Aber – die Leute in Japan- die Leben ja in Todesangst.

    Sollte man meinen. Aber den Luxus der kollektiven Hysterie erlauben sich gerade die Deutschen, obwohl es nicht zu erwarten ist, dass wir in irgendeiner Form ernsthaft gefährdet sind.

    Die Japaner sind da gelassen. Was bleibt Ihnen auch anderes übrig? Das zeigen nicht nur Medienberichte, das sieht man auch im Fernsehen und – vor allem – das höre ich von diversen Leuten dort.

    Siehe beispielsweise hier:

    http://www.tabibito.de/japan_blog/blogs/

  14. @Michael Khan: „Aber den Luxus der kollektiven Hysterie erlauben sich gerade die Deutschen, obwohl es nicht zu erwarten ist, dass wir in irgendeiner Form ernsthaft gefährdet sind.“

    Eine geringe Gefährdung durch ionisierende Strahlen besteht schon. Auf dem Flug von Tokyo nach Frankfurt wird man einer Belastung von etwa 50 MikroSv ausgesetzt.

    Zu den durchaus relevanten Strahlenbelastungen bei Langstreckenflügen:

    http://www.helmholtz-muenchen.de/…ng_Fliegen.pdf

    Was ich aus Japan höre bestätigt die Einschätzung, „die Japaner sind da gelassen.“ Sehr besorgt, natürlich, aber nicht panisch. (Meine Freundin ist Japanerin. Aus der Familie, von Freunden und Bekannten ist niemand durch den Tsunami oder das Erdbeben direkt geschädigt.)

  15. Artikel „Angst vor dem Atom“

    Danke für diesen Artikel! Vieles was hier differenziert geschrieben steht, sehe ich ähnlich.
    In diesem Zusammenhang bewegen mich dabei noch folgende Gedanken.
    So habe ich immer mehr den Eindruck, dass das Leid und die menschlichen Tragödie der Auswirkungen von Erdbeben und Tsunami in den Hintergrund treten. Mitgefühl und Hilfsbereitschaft werden durch Panikmache und Halbwahrheiten überdeckt. Und diese werden für die Verunsicherung der Menschen genutzt und schlussendlich für parteipolitische Spielchen.
    Das Fernsehen ist voll von „Experten“, die teilweise stümperhaft ihre unausgegorene Meinung an den Mann bringen können. Nur ein Beispiel: So wird von der sofortigen Abschaltung aller AKW gesprochen. Als ob das so einfach wäre, rund ein Viertel des Stromverbrauchs sofort zu ersetzen. Man könne ja Strom importieren; vielleicht aus französischen Kernkraftwerken? Jahrelang wird dem Verbraucher die „Geiz ist geil“ – Mentalität eingetrichtert. Wechselt den Anbieter, es geht doch günstiger! Wer ist schon bereit, höhere Strompreise zu akzeptieren? Oder noch besser, wer beschränkt sich im Verbrauch ?
    Aber ist das nicht sowieso ein Grundübel unserer Zeit? Diese Gier nach immer mehr wollen und den Verbrauch ungezügelt nachgehen zu können. Unter dem Mäntelchen des Fortschrittes, des fortschreitenden Lebensstandards wird z.B. mit Strom, Wasser und Lebensmitteln sorglos und wenn es geht, zu billigsten Preisen umgegangen. So als ob es kein Morgen mehr gebe und die Risiken dabei werden negiert. Wenn dann aber Umstände eintreten, die diesen „Fortschritt“ einschränken, ist das Gejammere groß. So lange die Menschen nicht bereit sind, sich einzuschränken, werden erhöhte Risiken vorhanden sein. Und mit diesen müssen wir dann leben.
    (Ein Vergleich mit den Anfängen des Automobilisierung wäre in dem Zusammenhang zu primitiv. Aber Tausende Verkehrstote werden heute auch so „einfach“ akzeptiert, ohne das jemand die Abschaffung des Autos fordert.)

  16. @Zotte

    Ich versuche es mal:

    „Ist schon jetzt ein Gebiet dauerhaft verstrahlt?“
    nein, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.
    Die Strahlung am Zaun des Kraftwerksgeländes ist hoch, aber noch nicht direkt Gesungheitsschädlich. In der Nähe der Gegäude ist das schon anders. Aber trotzdem sind die Mitarbeiter zwar exponiert (wie mann das nennt) aber nicht primär Gefährdet.

    „Wie viel Radioaktivität bleibt (mit und ohne Regen) in der Umgebung?“

    Das hängt von der Art der Nuklide ab und deren Halbwertzeit, sowie von der Menge der Ausfällungen.
    Bisher gehe ich davon aus, das der Hauptanteil der Strahlung auf dem Gelände direkt von den Reaktorgebäuden ausgeht. Und dann ist es gleich ob mit oder ohne Regen.

    „Könnte es wie in Tschernobyl eine unbewohnbare Zohne geben.“
    ja, das Kraftwerksgelände und nein, das ist absolut nicht vergleichbar.
    In Tschernobyl wurde der Reaktor durch eine Explosion im inneren unter Überlast zerstört.
    Hier ist die Kühlung abgefahrener Reaktoren ausgefallen.

    “ Mit welchen Auswirkungen ist zu rechnen, wenn die Brennstäbe frei liegen?“
    Sie liegen schon frei.

    „Kann sich Strahlung auch gegen den Wind ausbreiten?“
    Ja, wie Licht. An Staub usw gebundene Teilchen aber nicht.

    G.Heim

  17. Spiegel-Online kapiert’s nicht

    Zwischen „den Reaktor kühlen“ und „Wasser für das Abklingbecken nachfüllen“ macht die Intellektuellen-Bild-Zeitung keinen Unterschied – das ist für die wahrscheinlich auch nur Haarspalterei.

  18. Gelassene Japaner @Michael Kahn

    “ Aber den Luxus der kollektiven Hysterie erlauben sich gerade die Deutschen, obwohl es nicht zu erwarten ist, dass wir in irgendeiner Form ernsthaft gefährdet sind.
    Die Japaner sind da gelassen. Was bleibt Ihnen auch anderes übrig? Das zeigen nicht nur Medienberichte, das sieht man auch im Fernsehen und – vor allem – das höre ich von diversen Leuten dort. „

    Vielleicht meinen die Deutschen sich hysterisch benehmen zu müssen, weil sie zu viele amerikanische Katastrophenfilme gesehen haben, wo die Menschen so reagierten.

    Aber warum bleiben die Japaner scheinbar gelassener? Natürlich könnte man das auf den Buddhismus oder Shintoismus zurückführen, auch die Kultur der Samurai macht sich da gut. Der österreichische „Standard“ schreibt: Die jetzt so bestaunte und teilweise auch bewunderte stoische Haltung der Japaner könnte man auch als (übergroße) Gefügigkeit interpretieren.

    Auffällig ist die Bereitschaft der Bevölkerung, sich (historisch wie aktuell), die undurchsichtigen Entscheidungen der Herrschenden nicht infrage zu stellen. Es gibt keine breite Bewegung, irgendwen in dem dichten Geflecht aus Konzernen, hoher Bürokratie, Politikern und „Bossen“ zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn etwas dramatisch schiefgeht, verbeugen sich die Chefs tief, entschuldigen sich feierlich – und das war’s dann.

    Aber auch eine so rigide und traditionelle Gesellschaft wie die Japans unterscheidet sich da in Kernpunkten nicht wirklich von westlichen, viel weniger traditionsgebundenen und sogar „antiautoritären“ Gesellschaften. (…)

    Der deutsche Soziologe Ulrich Beck, dessen Standardwerk Die Risikogesellschaft wenige Wochen vor Tschernobyl veröffentlicht wurde, hat das die „Sphäre der organisierten Verantwortungslosigkeit“ genannt.

    Innerhalb der komplizierten Machtstrukturen sind die Verantwortungslinien so verwirrt und verschachtelt, dass niemandem mehr eine endgültige Verantwortlichkeit zugeordnet werden kann.“

    Von hier: http://derstandard.at/…e-Verantwortungslosigkeit

  19. Fundierter Artikel, Weitere Einschätzung

    Hallo,

    sehr guter Artikel, insbesondere aufgrund der notwendigen Klarstellung der tatsächlichen Gefahren und nicht der gefühlt emotionalen, die die aktuelle Diskussion bestimmen.

    Ich bin selbst kein Freund der Atomkraft, allerdings auch kein entschiedener Gegner. Im wesentlichen stört mich die Fehlbarkeit der Betreiber, die als Industriegiganten zu Methoden neigen, die eine solche Technik erheblich gefährlicher machen als nötig.

    Aber eigentlich schreibe ich, weil ich mir eine Antwort auf zwei Fragen erhoffe, die ich bisher nicht gefunden habe:

    – Was ist so gefählich an einer Kernschmelze (in diesem Reaktortyp)?
    Seit Tagen wird dies als der potentielle GAU in den Medien gehandelt. Aber die eigentliche Konsequenz wird nicht zu Ende beschrieben. Wenn ich mir mit den mir zur Verfügung stehenden einfachen Recherche-Methodiken eine Antwort suche, dann komme ich zu dem Schluss, dass der Worst-Case eine 2000+Grad heisse radioaktive Sosse ist, die sich durch einen Stahlmantel am Boden frisst und dann in den darunterliegenden 10+ Meter Beton durch einen Selbskühlungsprozess aufgrund der Flächenverteilung irgendwann erkaltet. Klar, damit entsteht ein gigantischer Broken Atommüll, der in einigen Jahren (Jahrzehnten) mit erheblichen Aufwand abgetragen werden muss – aber was noch? Das wars? Und davor sollen 36Mio Japaner in Tokio Angst haben?

    – Warum stoppt die Kettenreaktion (in diesem Reaktortyp)?
    Dieser Teil der Physik ist mir leider auch nicht ganz klar. Wenn die Brennstäbe freiliegend zur Kettenreaktion führen und – im Notfall in Sekunden – einfahrende Steuerstäbe die Kettenreaktion beendet wird, warum startet sie _definitiv_ nicht mehr, wenn die Stäbe schmelzen? Die kritische Masse sollte durch den Schmelzvorgang doch erreicht werden und die Hitze ist als zusätzliche Komponente ebenfalls vorhanden. Die Steuerstäbe wären wohl ebenfalls verschmolzen und damit wirkungslos. Warum bleibt diese Masse ohne Kettenreaktion?

    Ich würde mich sehr freuen, hier mal eine emotionsfreie Erklärung zu finden,

    Vielen Dank!
    Jan

  20. Ein paar versuchte Antworten

    Zunächst danke an G.Heim, dass Sie sich hier mit Antworten zu Wort melden. Als Atomphysiker (nicht Kernphysiker) liegen meine Kompetenzen außerhalb der Details im Kraftwerkbereich. Ich habe mich allerdings im Studium im Nebenfach ausgiebig mit medizinischer Strahlenphysik beschäftigt. Das bleibt hängen.

    @Zotte:
    G.Heim hat ja schon geantwortet. Ich halte es für ein abschließendes Urteil noch für zu früh, aber so schlimm wie Tschernobyl kann es kaum werden, einfach weit die Dampf- und Rauchwolken, die wir im Fernsehen sehen, nicht direkt aus dem Reaktorkern kommen. Sie werden vermutlich deutlich weniger radioaktives Material tragen.

    @Jan:
    Kernschmelze:
    Wenn die Kernschmelze spätestens im Betonboden erstarrt, wird man sie wohl einschließen und von der Umwelt fernhalten können. Die größte Gefahr ist meines Wissens, dass die Schmelze in Kontakt mit Grundwasser kommen könnte. Dann könnten Radioaktive Isotope ausgewaschen werden und in die Umwelt gelangen.

    Kettenreaktion:
    Die Brennelemente sind absichtlich so gestaltet, dass keine kritische Masse zusammenkommen kann. Das ist schon deshalb notwendig, weil man ein Kraftwerk regeln können muss. Ein bei spontanem Zerfall entstehendes Neutron ist zu schnell, um Nachbaratome effektiv zum Zerfall anzuregen. In der Schmelze fehlt es am Moderator, der die Neutronen verlangsamt. Im Kraftwerk sind die Brennelemente deshalb vom Wasser umgeben: Die Neutronen gehen durch das Wasser, werden dabei abgebremst und erreichen dann als thermische Neutronen den nächsten Brennstab, wo sie eine weitere Kernspaltung auslösen können. Im Fall einer Schmelze verlassen die schnellen Neutronen die Schmelze, werden dann vielleicht durch Wasser thermalisiert, aber erreichen kein weiteres Brennelement und können deshalb keine Kernreaktion auslösen.

  21. Vorschlag / zwei Buchtipps

    Lieber Herr Schulz,

    zu den harmlos aussehenden Strahlenquellen wäre ein Bild vielleicht ganz anschaulich gewesen.

    Zu Katastrophen im Allgemeinen ein Buchtipp: Perrow, Charles: „Normal Accidents. Living with high-risk technologies.“

    In „The drunkard’s walk. How randomness rules our lives.“ setzt sich Leonard Mlodinow u.a. mit der (oft falschen) Wahrnehmung von Wahrscheinlichkeiten durch den Menschen auseinander. Sehr lesenswert.

    Freundliche Grüße,

    Gunnar Wegner

  22. Literatur

    Ein weiteres Werk zum Thema, das auch ausführlich auf die Ursachen verzerrter Risikowahrnehmung eingeht:
    Dan Gardner: „The Science and Politics of Fear“
    http://www.amazon.de/…Dan-Gardner/dp/0753515539/

  23. Fundierter Artikel, Weitere Einschätzung

    Vielen Dank!

    Die Antworten hatte ich so vermutet, es ist interessant Sie bestätigt zu bekommen. Denn damit scheint doch himmelschreiend klar für jeden, der sich wirklich damit auseinandersetzt, dass es ein lokal begrenztes Problem bleiben wird. Und damit doch fast ein gegenteiliger Schluss naheliegt (wie gesagt, dies ist alles andere als mein Wunschdenken): Der GAU dieser 4 AKWs ist vergleichbar schlimm mit einem Chemieunfall und damit zwar eine lokale Katastrophe, aber eben auch nicht mehr?

    Um mir aber selbst zu widersprechen, eine letzte Frage: Wenn Wasser die Neutronen verlangsamt und damit moderierend die Kettenreaktion steuert – dann würde die Schmelze bei Kontakt mit dem Grundwasser doch durchaus ein Restrisiko bedeuten, ebenfalls wieder (z.B. bei zwei oder mehr parallelen Schmelzsträngen) durch das moderierende Grundwasser zu einer Kettenreaktion zu werden?

    Danke,
    Jan

  24. Unvermögen

    Mich hat aber schon überrascht, dass der Ausfall des Stromversorgungsnetzes und der Notstromgeneratoren bereits ausreicht, um in einem hochentwickelten Land in eine so schwierige Lage zu kommen. Nicht das Atom ist das Problem, sondern das Unvermögen auch unter schwierigen Umständen ein paar Megawatt Leistung wegzukühlen.

  25. @JaP

    „Wenn Wasser die Neutronen verlangsamt und damit moderierend die Kettenreaktion steuert – dann würde die Schmelze bei Kontakt mit dem Grundwasser doch durchaus ein Restrisiko bedeuten, ebenfalls wieder (z.B. bei zwei oder mehr parallelen Schmelzsträngen) durch das moderierende Grundwasser zu einer Kettenreaktion zu werden?“

    Nein, wir brauchen dafür thermische Neutronen (langsame). Selbst ein Voll bestückter Reaktor braucht eine „Zündquelle“. Dafür wird Beryllium verwendet (Ein „Neutronenverstärker“).
    Neutronen aus den Spontanzerfall (zumeist von U238) treffen auf die Berylliumquelle und lösen dort neue Neutronen aus. Diese werden moderiert und lassen die Kettenreaktion anlaufen.
    Damit diese weiter läuft muss ein Ausgewogenes Verhältnis zwischen Moderator und Brennstoff bestehen.

    G.Heim

  26. @adenosine

    Das Problem ist in diesem Fall nicht nur der Ausfall der Stromversorgung und der Notstromaggregate, sondern ein anderes.

    Alle bisherigen schweren Störfälle, hatten eine intakte Infrastruktur in der Umgebung, die nutzbar war (wenn auch zeitlich begrenzt wegen zu hoher Radioaktivität in Tschernobyl). Im Fall Fukushima sind die Straßen der Umgebun entweder verschüttet, oder zerstört. Stromleitungen funktionieren nicht nur nicht,sondern sind eifach kilometerweit nicht mehr verfügbar und das Kommunikationsnetz ist teilweise zusammengebrochen.

    Das sind die Probleme, mit denen die Mitarbeiter vor Ort kämpfen. Alles muß improvisiert werden.

  27. Fukushima

    Die Desinformation scheint hier fast schon perfekt zu sein.

    @ JaP
    Warum stoppt die Kettenreaktion (in diesem Reaktortyp)?
    Die Kettenreaktion stoppt nicht. Nicht in diesem Reaktortyp und auch nicht in irgendeinem anderen Reaktortyp. Wenn eine Kettenreaktion unterbrochen wird (Reaktor wird abgeschaltet), dann heißt das nur dass die Aufrechterhaltung der Kettenreaktion unterbunden wird. Würde die Kettenreaktion stoppen, dann könnten Sie die Brennelemente mit der bloßen Hand ins Regal stellen.

    Es verhält sich ungefähr so wie eine Autofahrt bei 130 km/h auf der Autobahn. Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs (Energie des Fahrzeugs) verhält sich hier analog zu der Kettenreaktion im Reaktor.
    Möchten Sie die Geschwindigkeit halten, dann drücken Sie aufs Gaspedal, Sie halten so zu sagen die Kettenreaktion im Gange und verbrauchen dabei weniger Sprit als wenn Sie z.B. ‚Stop and Go’ fahren würden und im durchschnitt auf Tempo 130 kommen.
    Wenn Sie vom Gas gehen, dann unterbinden sie die Energiezufuhr (Sie Schalten den Reaktor ab), der Wagen stoppt aber nicht sofort, der Wagen muss noch ausrollen bis er zum stehen kommt. Der Wagen behält also eine Restgeschwindigkeit (Kettenreaktion) bei, er kommt erst nach mehreren Sekunden oder Minuten zum stehen.

    So, die Brennstäbe oder Brennelemente behalten also ihre Kettenreaktion bei, kommen aber nicht so wie ein Auto nach mehreren Sekunden oder Minuten zum stehen, sondern erst nach Jahren oder Jahrzehnten, sie kommen aber nie richtig zum Stehen, weshalb sie irgendwo verbuddelt werden müssen, wo sie hoffentlich niemand findet.

    Das ganze funktioniert aber nur dann, wenn die Brennelemente über all die Jahre permanent gekühlt werden, ihnen also ihre Restwärme, Restenergie permanent entzogen wird. Wenn das nicht der Fall ist, wie das der Fall momentan in Fukushima ist, dann kommt die Kettenreaktion, befeuert durch die eigene Restwärme der Brennelemente, so richtig in die Gänge, bis es zur Kernschmelze kommt.

    Die Schmelze wird sich dann durch den Boden des Reaktors fressen bis sie auf Beton und dann auf Wasser trifft, dann wird sich wie gehabt Wasserstoff bilden und dann wird es pro Reaktor eine Woche lang Feuerwerk geben. Genau so als vor einigen Jahren in Enschede (NL) die Feuerwerkfabrik in die Luft geflogen ist wird dann statt Feuerwerkskörper Kernschmelze durch die Luft fliegen und die Gegend im Umkreis von mehreren Kilometern radioaktiv verseuchen.
    Genau das gilt es zu verhindern, bzw. Zeit zu gewinnen, bis es soweit ist.
    Wir werden also nicht ein weiteres Tschernobyl mehr dazubekommen, sondern höchstwahrscheinlich gleich 4 Stück auf einmal dazu.

  28. @Euro vs. DM

    „Die Desinformation scheint hier fast schon perfekt zu sein.“
    Das bezweifle ich. Ich glaube da fehlen einige Grundkenntnisse

    „Die Kettenreaktion stoppt nicht. Nicht in diesem Reaktortyp und auch nicht in irgendeinem anderen Reaktortyp.
    Wenn eine Kettenreaktion unterbrochen wird (Reaktor wird abgeschaltet), dann heißt das nur dass die Aufrechterhaltung der Kettenreaktion unterbunden wird.
    Würde die Kettenreaktion stoppen, dann könnten Sie die Brennelemente mit der bloßen Hand ins Regal stellen.“

    Kettenreaktion und radioaktive Strahlung sind völlig unterschiedliche Sachen
    1. die Kettenreaktion stoppt: a) wnn kein spaltbares Material mehr da ist, b) wenn keine Neutronen mehr eingefangen werden können
    2. Radioaktive Strahlung tritt weiter auf, da Spaltprodukte radioaktive Nuklide sind.
    Ich glaube hier herrscht etwas Verwirrung in der Kenntnis von Radioaktivität und Kernspaltung.

    „Es verhält sich ungefähr so wie eine Autofahrt bei 130 km/h auf der Autobahn.
    Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs (Energie des Fahrzeugs) verhält sich hier analog zu der Kettenreaktion im Reaktor.
    Möchten Sie die Geschwindigkeit halten, dann drücken Sie aufs Gaspedal,
    Sie halten so zu sagen die Kettenreaktion im Gange und verbrauchen dabei weniger Sprit als wenn Sie z.B. ‚Stop and Go’ fahren würden und im durchschnitt auf Tempo 130 kommen.“
    Da fehlt mir irgendwas, ach so, ja, Stop and Go geht ja in einem Reaktor nicht. Stop heisst Xe-Vergiftung, Go geht dan lange Zeit nicht mehr.
    Das Gaspedal fehlt auch, da, wenn ich mehr Gas gebe, der Reaktor heisser wird, die Dichte des Wassers abnimmt und keine thermischen Neutronen mehr da sind, sprich: „Benzin mehr im Tank ist“.

    „Wenn Sie vom Gas gehen, dann unterbinden sie die Energiezufuhr (Sie Schalten den Reaktor ab), der Wagen stoppt aber nicht sofort, der Wagen muss noch ausrollen bis er zum stehen kommt.
    Der Wagen behält also eine Restgeschwindigkeit (Kettenreaktion) bei, er kommt erst nach mehreren Sekunden oder Minuten zum stehen.“
    Jo, ich unterdrücke die Neutronen durch Regelstäbe. Ich habe noch Restenergie (Restwärme). Aber mit meiner Bremse steht der Wagen.

    „So, die Brennstäbe oder Brennelemente behalten also ihre Kettenreaktion bei, kommen aber nicht so wie ein Auto nach mehreren Sekunden oder Minuten zum stehen,
    sondern erst nach Jahren oder Jahrzehnten, sie kommen aber nie richtig zum Stehen, weshalb sie irgendwo verbuddelt werden müssen, wo sie hoffentlich niemand findet.“
    Nein nochmals, kein Gas – keine Beschleunigung (Kettenreaktion).

    „Das ganze funktioniert aber nur dann, wenn die Brennelemente über all die Jahre permanent gekühlt werden, ihnen also ihre Restwärme, Restenergie permanent entzogen wird.
    Wenn das nicht der Fall ist, wie das der Fall momentan in Fukushima ist, dann kommt die Kettenreaktion, befeuert durch die eigene Restwärme der Brennelemente,
    so richtig in die Gänge, bis es zur Kernschmelze kommt.“
    Die im Volksmund so genannte „Kernschmelze“ ist nichts weiter als eine schlechte Übersetzung des englischen Begriffs Core(Kern) meltdown(Schmelzen).
    Als Core wird die aktive Zone in einem Reaktor bezeichnet. Bein meltdorn kommt es zum Schmelzen des Hüllenmaterials (Zr) der Brennstäbe bei Temperaturen > 2200C.
    Die „Restenergie“ der Brennstäbe ist in der ersten Zeit das Wärmespeichervermögen der Keramiken in den Brennstäben.
    Nach ca. 3 Tagen überwiegt die sog. Zerfallswärme (hat nichts mit Kettenreaktion zu tun, sondern mit der Abgabe von Alpha(He Atom)-, Beta(Elektron/Positron)- und Gamma(Röntgen/Licht)strahlung).
    Die Restwärme beträgt beim Abschalten ca. 20% der Thermischen Leistung und sinkt exponential. Nach 3 Tagen ca. 3%, nach 1 Woche ca. 1%.
    Die Kettenreaktion hat nichts mit der Restwärme zu tun. Die Radioaktive Strahlung erzeugt die Restwärme und nicht umgekehrt.

    „Die Schmelze wird sich dann durch den Boden des Reaktors fressen bis sie auf Beton und dann auf Wasser trifft,
    dann wird sich wie gehabt Wasserstoff bilden und dann wird es pro Reaktor eine Woche lang Feuerwerk geben. „
    Wasserstoff bilder sich aus der Oxidation des Hüllenmaterials Zr mit Wasser. Wenn die Temperatur unter 900C fällt bzw kein Zr mehr da ist, da alles schon oxidiert ist, gibt es auch keinen H2 mehr.

    „Genau so als vor einigen Jahren in Enschede (NL) die Feuerwerkfabrik in die Luft geflogen ist wird dann statt
    Feuerwerkskörper Kernschmelze durch die Luft fliegen und die Gegend im Umkreis von mehreren Kilometern radioaktiv verseuchen.“
    Na ja, wenn Feuerwerkskörper da sind, vieleicht, aber sonst eigentlich nicht, da die Flugkörper fehlen.

    „Genau das gilt es zu verhindern, bzw. Zeit zu gewinnen, bis es soweit ist.“
    Zeit ist ein wesentlicher Faktor!

    „Wir werden also nicht ein weiteres Tschernobyl mehr dazubekommen, sondern höchstwahrscheinlich gleich 4 Stück auf einmal dazu.“
    Nein, ads geht nicht mehr. Das wäre nur zum Zeitpunkt des Erdbebens vor der Abschaltung der Reaktoren so gewesen. „Leider“ sind die aber schon heruntergefahren.

    G.Heim

    PS: Ich komme mir vor wie bei der S.m.d.M. (und dem blauen Elefanten)

  29. eigene Meinung

    Ich beobachte und kommentiere hier mehrere Blogs parallel und versuche mit sachlichen Fakten etwas Klarheit in die Situation um das AKW Fukushima zu bringen.
    Langsam komme ich aber auch an meine Belastungsgrenze, deshalb sorry wenn ich nicht immer gleich auf alle Fragen antworten konnte und kann.
    Ich werde aber weiter versuchen, sachliche Fragen nach bestem Wissen (leider ist das auch schon ein paar Jahre alt) zu beantworten.

    Ja, ich bin für Kernenergie, weil sie für mich eine Technologie wie jede andere ist. Sie birgt Gefahren, aber sie ist nach meiner Meinung beherrschbar.

    Vor allem aber stört mich die hohe Emotionalität der Argumentation.
    Man wird schon mal als DUMM bezeichnet wenn man Fakten präsentiert und im Endeffekt wird die „braune Keule“ geschwungen.
    (Ein Kommentator schrieb in Entgegnung zu einem meiner Beiträge: „Muss ich Sie wirklich daran erinnern, dass „sachliche Fakten“ alleine sowohl praktisch belanglos bis sogar Wahrheits- und Fakten-verzerrend sein können? Beispiel gefällig: „In Sachsenhausen sind weniger Menschen umgekommen als jährlich durch Verkehrsunfälle sterben“ Insofern bitte ich doch um nochmaliges Hinterfragen, ob Sie hier „Fakten“ in derartigem Kontext stehen lassen wollen.“).

    Ich ignoriere so etwas in der Regel, aber manchmal überkommen mich bei so was auch Gewaltphantasien.
    Die Diskussion ist so von den Medien aufgeheizt, das die sachliche Ebene in den Hintergrund gedrängt wird.
    Journalisten recherchieren kaum noch, sondern reichern Meldungen anderer Agenturen um Vermutungen an. Es läuft fast wie bei der „stillen Post“: Vermutlich…, Wir haben gehört.., Es wird berichtet… usw. usf.

    Heute früh im Morgenmagazin hat es mich fast zum Schreikrampf getrieben:
    „Die Arbeiter in Fukushima Helden? Na ja, wir können die Gesichter nicht zuordnen.
    Es könnte sein, das sich da mehrere andere in Schutzräumen befinden und die immer ausgetauscht werden.
    Und überhaupt, da wird versucht von Hubschraubern Wasser abzuwerfen. Wie weit soll die Groteske noch getrieben werden.
    Wir werden Tokio verlassen. Da man ja nicht weiß welche Radioaktivität auf die Stadt niedergehen wird und in der auftretenden Massenpanik das schnelle Verlassen der Stadt unmöglich seinen kann.
    Wir haben eine Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitarbeitern.“

    Oh Mann, natürlich sind die Arbeiter in Fukushima Helden. Sie gehen an ihre psychischen und physischen Grenzen! Und hoffentlich werden sie ständig ausgetauscht, wie es auch in Tschernobyl war.
    Zitat: „Das war aber in einer Diktatur, da wurden Hunderttausende dazu gezwungen.“
    Ich kenne die Russen und die machen das, wie auch jetzt die Japaner freiwillig!!

    Es k… mich an solche Kommentare zu hören. Das ist auch für mich, der mit den Arbeitern vor Ort mitfiebert und hofft, dass sie alles in den Griff bekommen, ein Schlag ins Gesicht.
    Außerdem ist das beleidigend.
    Nur die deutschen Journalisten (uns auch Politiker aller Couleur!) sind allwissend! Alle anderen sind dumm, ignorant usw.
    Es wird Zeit, dass wir uns mal endlich wieder auf eine progressive Streitkultur besinnen und der, welcher eine eigene Meinung vertritt, nicht ins Abseits gestellt wird (Sarrazin lässt grüßen).

    Weil es hier in den Wissenslogs erstaunlich sachlich zu geht, poste ich hier auch meine Kommentare. Ich hoffe damit etwas für eine positive Grundstimmung zu tun.
    Die Japaner brauchen jetzt vor allem unsere emotionale Unterstützung und nicht Politikergetöse.

    Auch finanzielle Hilfe für die Opfer wäre gut.
    Vieleicht helfen auch ein paar Spenden. Nähere Infos hier:
    http://www.de.emb-japan.go.jp/…10317spenden.html

    G.Heim

    PS: ich werde diesen Beitrag auch noch in anderen Blogs hier posten. Ich hoffe damit etwas mehr Sachlichkeit in die Diskussionen bringen zu können.
    Lest und hört zu und bildet euch eure eigene Meinung!

    „Hinter der Trommel her
    Trotten dir Kälber
    Das Fell für die Trommel
    Liefern sie selber.“ (Brecht)

    Der Hinz und der Kunz sind rechte Toren: Lauschen offenen Munds, statt mit offenen Ohren! (E. Kästner)

  30. Emotionalität der Argumentation

    Hallo Herr Heim,

    „Vor allem aber stört mich die hohe Emotionalität der Argumentation.“

    Mit dieser Emotionalität muss man leben. In der Debatte um die friedliche Nutzung der Nuklearenergie hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung ein alternatives Expertenwissen gebildet. Ob dieses immer auf der Höhe des state of the art ist, sei dahingestellt. Eine Mehrheit (in Deutschland) ist immerhin der Meinung, dass sie nicht nur mitreden kann, sondern auch die besseren Argumente hat. In einer demokratischen Gesellschaft sollte man das zunächst einmal akzeptieren.

    Das Beispiel der Nuklearenergie ist dabei kein Alleinstellungsmerkmal einer möglicherweise irrenden Mehrheit. Vergleichbare Entwicklungen kennt man aus dem Bereich der Medizin (Homöopathie) oder der Haltung breiter gesellschaftlichen Schichten gegenüber der Fauna (Tierrechte). Wer sich über die Emotionalität der aktuellen Debatte beklagt, muss sich an die eigene Nase fassen. Zu bequem waren gerade auch jene Vertreter eines wissenschaftlich rationalen Paradigmas, die sich in diese Debatten nie eingemischt haben oder der Ansicht waren, diese vernachlässigen zu können. In einer Situation, die wir und vor allem die aktuellen Opfer in Japan durchleiden, drängen diese gesellschaftlichen Konfliktlinien nun zur Entscheidung. Dass dabei die Stimmung zugunsten derjenigen kippt, die sie und viele in der Wolle wissenschaftlich gewirkten Blogger und Kommentatoren irritieren, ist aber nachvollziehbar. Und vor allem legitim.

    Es ist hilfreich, wenn Joachim in diesem Artikel Klarheit über Strahlungsexpositionen herstellt, und es ist ebenfalls gut, wenn sie hier und in anderen Kommentarbereichen Rationalität zurückgewinnen wollen. Aber wir müssen alle zunächst auch einmal anerkennen, dass wir in Fukushima einer Situation gegenüberstehen, die nur noch mit workarounds eingedämmt wird. Wir müssen nicht abstrakt über die Einordnung dieses Störfalls als GAU oder einen INES-Wert reden, wir müssen einfach akzeptieren, dass in den betroffenen Reaktorblöcken keine inhärente Beherrschung der Störfälle mehr gegeben ist (ob die Wiederherstellung der Stromversorgung das zum Guten ändern wird, ist mehr als fraglich, da keine Informationen über die Verfügbarkeit der Kühlaggregate vorliegen).

    So gesehen können wir als rational denkende Menschen nur behilflich sein, wenn wir die unterschiedlichen Dimensionen der aktuellen Katastrophe anerkennen. Das Talent der meisten, die hier oder in anderen wissenschaftlich-technologischen Zusammenhängen das Wort ergreifen, wird in der Regel für zwei Aufgaben ausreichen. Sie können
    1. aufklärerisch wirken, was die technische Dimension des Störfalls betrifft,
    2. wir können beraten, was die Bewältigung der Folgen dieses Störfalls betrifft

    In der beklagten Emotionalität des gerade abgespulten gesellschaftlichen Konflikts ist diese Expertiese aber, mit Verlaub gesagt, wenig wert. Hier sind wir als Menschen mir unserer ethisch moralischen Kompetenz angesprochen und gefragt.

    In Katstrophenzeiten wirkt ein menschlicher Reflex besonders stark. Er projiziert seine individuelle Erschütterung auf eine Folie, die kurz gesagt die Botschaft beinhaltet: Nichts kann mehr so sein, wie es war! Wir wissen aus der Geschichte der Menschheit zur Genüge, dass diese Heilsbotschaft nicht lange trägt und zügig durch Kompromisse relativiert wird, ja moderiert werden muss. Die sogenannte Stunde der Wahrheit hinterlässt in der nachfolgenden Realität nachhaltig nicht jene Spuren, die jenen Umwälzungserwartungen im Mentalen und seiner unmittelbaren sozialen Manifestierung entspräche.

    Es besteht daher kein Anlass, aus einer rationalen Position heraus jetzt überwältig zu sein. Es besteht aber Bedarf, über die aktuell eskalierende Situation hinaus Szenarien offen zu kommunizieren, wie wir in Zukunft leben wollen. Das betrifft nicht nur die Nutzung der Atomenergie, sondern vor allem und nach wie vor, den Umgang mit den Hinterlassenschaften ihrer industriellen Nutzung. Auch die Mehrheit, die sich heute für den Ausstieg aus dieser Technologie ausspricht, muss sich dazu positionieren.

    Ist das Verbuddeln unseres Atommülls wirklich der Weisheit letzter Schluss? Stellen wir uns vor, die alten Ägypter wären die ersten und letzten gewesen, die KKWs zur Energieerzeugung eingetzt hätten und dann aus dieser Technologie ausgestiegen wären. Wären wir heute amused, auf deren Abfall aufpassen zu müssen? Liegt es nicht viel mehr in der Verantwortung unserer Generationen, die von der Nuklearenergie profitiert haben, diese Hinterlassenschaften zu begrenzen? Müssen wir nicht sogar die technologischen Möglichkeiten umsetzen, diesen Atommüll über einen geschlossenen Brennstoffkreislauf zu beseitigen? Solche Szenarien werden die Emotionalität der aktuellen Diskussionen sicher nicht reduzieren. Die Befassung damit einzufordern, wäre aber ehrlicher als eine an Symmetrien emporgeschaukelte Hysterie, der sich vielfach Befürworter und Gegner der Nuklearenergie gerade schuldig machen.

    Grüsse galileo2609

  31. @galileo2609

    Mit Interesse habe ich den Artikel und die Kommentare gelesen. Mich erfreut insbesondere die Sachlichkeit und Unaufgeregtheit mit der versucht wird, die deutsche hysterische Panikmache zu hinterleuchten. Gestern Abend bei Will gibt die Frau von einer dt.-jp. Gesellschaft eine Reaktion japanischer Freunde wider: Es sei Ihnen peinlich die Hysterie in DE ansehen zu müssen, die Japaner wären doch die Opfer und nicht die Deutschen!

    Mich hat Goethes Prosa fasziniert und sein Ausspruch ist nicht ganz aus der Welt gegriffen:

    Man erkundige sich ums Phänomen, nehme es so genau damit als möglich und sehe, wie weit man in der Einsicht und in praktischer Anwendung damit kommen kann, und lasse das Problem ruhig liegen. Umgekehrt handeln die Physiker: sie gehen gerade aufs Problem los und verwickeln sich unterwegs in so viel Schwierigkeiten, dass ihnen zuletzt jede Aussicht verschwindet.

    Selbstkritisch gehe ich da in mich! Auch Politiker und Journalisten sollten sich dieser Goethesche Weisheit stellen!

  32. @ Heim eigene Meinung

    Lieber Herr Heim,
    ich stimme Ihnen hundertprozentig zu, und das, obwohl ich nach wie vor Gegnerin der Kernkraftnutzung bin. Auch bezogen auf Sarrazin stimme ich Ihnen zu, aber vielleicht anders als Sie denken. S. ist das krasse Gegenteil von Ihnen, er hat über etwas geschrieben, wovon er selbst herzlich wenig Ahnung hat (ich kann das als auch wissenschaftlich geschulte Dipl.-Psychologin, die im Bereich Migration arbeitet, beurteilen) und ist nie sachlich auf Gegenargumente eingegangen, so wie Sie es hier mit einer Engelsgeduld tun. Im Abseits gelandet sind die zahlreichen sachlich fundierten Gegenargumente, weil in der S.-Debatte beide Seiten hochemotional agiert haben. ich will hier keine Sarrazin-Debatte vom Zaun brechen, sondern mich nur Ihrem Bedauern anschließen, dass es in D so schwer ist, eine Sachdebatte zu führen. Dieser Mangel ist weder auf ein Lager noch auf ein Thema beschränkt.
    Ihnen noch einmal herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Informationen. Sie geben mir Hoffnung, dass die Lage für die Menschen in Japan nicht ganz so katastrophal ist, wie manche Medien suggerieren.

  33. @D. Schmidt

    Danke für die netten Worte. Ich habe kein Problem mit Gegnern der Kernkraftnutzung. Im Gegenteil, nur durch eine (sachliche!) Diskussion können beide Seiten zu einem Konsens kommen. Und aus Kompromissen und Toleranz besteht nun mal unser tägliches Leben.
    Ich verweise auch mal auf den Blog von Alf Köhn (Formbar) Fukushima I – Eine kurze Übersicht (http://www.wissenslogs.de/…i-eine-kurze-bersicht) da versuche ich ein wenig Licht in die ganzen Zusammenhänge zu bringen.

    Ich bin guter Hoffnung, das bis Mo die Lage im AKW stabilisiert ist. Leider ist das aber für die Menschen in Japan nur ein „Randproblem“. Ich hoffe das die Japaner die Lage im ganzen Land mit der ihnen eigenen Disziplin und Stärke schnell in den Griff bekommen. Aber auch darin haben sie ja Erfahrung.

    G.Heim

  34. versuchte Antworten

    Ich danke Joachim Schulz für den Artikel. Eigentlich wollte ich nur eine Ergänzung geben. Aber nachdem ich mich durch die gesamte Diskussion gearbeitet habe, möchte ich mit einem Hinweis beginnen, der mir sehr wichtig erscheint: wir Fachleute (ich bin Kerntechnikingenieur)verwenden Fachbegriffe und vergessen dabei, dass sie nur mit Hintergrundwissen verstanden werden können. Hier: kritische Masse.
    Die nukleare Kettenreaktion benötigt nicht nur die kritische Masse, sondern auch die kritische Konzentration. Eine Atombombe funktioniert nur mit Spaltstoff, der auf über 90% konzentriert ist. Im Kernkraftwerk verwenden wir Konzentrationen unter 5%.
    Wenn der Reaktorkern schmilzt, mischt sich der sogenannte Brennstoff, der jedoch nur 2-3% Spaltstoff enthält, mit den geschmolzenen Hüllrohren und anderen Strukturmaterialien, so dass die Spaltstoff-konzentration noch weiter sinkt. Deshalb kann weder der intakte Reaktorkern noch seine Schmelze nuklear explodieren. Obwohl ausreichend spaltbare Masse vorhanden ist!
    Die Explosionen in Fukushima dürften Wasserstoffexplosionen gewesen sein, in Tschernobyl waren es Wasserdampfexplosionen.

    Meine Ergänzung zum Artikel: die Strahlenbelastung der Bevölkerung ergibt sich als Überlagerung der naturbedingten und der zivilisationsbedingten Strahlung. Beide können von einer Person zu einer anderen sehr unterschiedlich sein. Ich habe jedoch im Studium gelernt, dass bei einer Mittelung über Deutschland beide Anteile etwa gleich groß sind. Die Auswirkung der Kernkraftnutzung trägt zum zivilisations-bedingten Anteil weniger als 1% bei. Dabei sind Störfälle bereits berücksichtigt (Fukushima geht über einen Störfall hinaus). Mit anderen Worten: der deutsche Ausstieg aus der Kernkraftnutzung würde die Strahlenbelastung praktisch nicht verringern. Und das Unfallrisiko ebenfalls nicht. Denn es spielt keine Rolle, ob die AKWs am Rhein stehen (wie z. B. Biblis) oder an der Mosel (nämlich die französischen Kraftwerke).

  35. @Markus Lauer, Martin Huhn: Danke

    QMarkus Lauer: „Ein weiteres Werk zum Thema, das auch ausführlich auf die Ursachen verzerrter Risikowahrnehmung eingeht:
    Dan Gardner: „The Science and Politics of Fear“.

    Ich bin jetzt nach dem ersten Drittel von Gardners Buch so begeistert, daß ich Ihnen für den Tip herzlich danken möchte.

    @Martin Huhn: Dir auch herzlichen Dank für die Ergänzung des Scilogs-Home-Buttons!

  36. Mich würde interessieren, wie die momentane Studienlage zum Thema Hormesis vs. linear-no-threshold Modell (lineares Ansteigen stochastischer Strahlenschäden bei steigender Dosis) aussieht. Kann mir dazu jemand mehr sagen? Danke.

    PS: Schöner Artikel !

  37. @cmy : Nehmen Strahlenschäden linear zu?

    Die meisten Strahlenexperten gehen von einem linearen Zusammenhang Strahlenschäden/Strahlendosis aus.

    Doch einige Experimente und Daten von historischen Bestrahlungen scheinen dem zu widersprechen.

    Die folgende Quelle Low Doses of Radiation
    Reduce Health Risks
    berichtet über den protektiven Effekt von kleinen Strahlendosen bei Mäusen, Ratten und menschlichen Zellen und kommt zum Schluss
    – kleine Strahlendosen einige Zeit verabreicht vor grossen Strahlendosen oder vor der Verabreichung von karzinogenen Stoffe (die z.B. Hautkrebs auslösen) haben einen schützenden Effekt. Sie vermindern die Wirkung der grossen Strahlendosis oder des Karzingogens.
    – kleine Strahlendosen scheinen die Repartursysteme des Körpers zu aktivieren, was den protektiven Effekt erklärt.

    Der Artikel Responding to questions about the Hioshima long term radiation study berichtet über 10’000 Taiwaner, die 9 bis 20 Jahre lang Strahlung aus Cobalt-60 kontaminiertem Stahl (Bürogebäude) ausgesetzt waren und eine durschnittliche Dosis von 0.4 Sievert erhielten und dabei signifikant weniger an Krebs erkrankten als zu erwarten.

    Allerdings gehen alle Strahlenexporten nach wie vor von der Annahme aus, dass es keine Schwellendosis gibt und der Zusammenhang Strahlendosis/Schaden linear ist.

    Doch wie der Artikel Applying the Union of Concerned Scientist analysis of Chernobyl to Commercial Aviation zeigt bedeutet diese Annahme, dass in den letzten 10 Jahren durch die zusätzlichen Strahlendosen beim Fliegen 79’0000 zusätzliche Krebsfälle aufgetreten wären mit 40’000 zusätzlichen Todesfällen infolge Krebs durch Fliegen.

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