Der Sinn der Doktorarbeit oder bitte keine Hochstapler in der Politik

Wir lesen und hören in der Berichterstattung zu den Plagiatsaffären von Guttenberg, Koch-Mehrin und anderen  immer ähnliche Formulierungen: Er oder sie habe zahlreiche Formulierungen übernommen, ohne diese ordnungsgemäß als Zitate zu kennzeichnen. Diese Formulierung ist zwar richtig, aber sie geht am Wesentlichen des Vorwurfs vorbei. Es geht bei den Vorwürfen an Frau Koch-Mehrin und Herrn Guttenberg nicht primär um den Diebstahl geistigen Eigentums, sondern um das Erschleichen eines Titels.

Den Doktortitel verleiht eine Universität für eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit. Dazu werden in der Regel zwei Dinge verlangt. Erstens muss die Doktorandin oder der Doktorand eine schriftliche Arbeit, die Dissertation einreichen. Zweitens muss sie oder er in einer mündlichen Verhandlung (Disputation, Kolloquium, Prüfung) eine wissenschaftliche Diskussion zu diesem Thema führen. Manchmal werden zudem Beiträge in der Lehre des Fachbereichs gefordert. Die Details legen die Fachbereiche der Universitäten fest.

Die Doktorarbeit ist nicht als Abschlussarbeit einer Ausbildung zu verstehen. Die Ausbildung schließt ein Wissenschaftler in der Regel mit einem Diplom, einem Magister oder einem Master ab. In der Diplomarbeit und -prüfung sollte bereits die Fähigkeit zur wissenschaftlichen Arbeit nachgewiesen worden sein. Analog sollte man auch von einem Master-, Magister- oder Staatsexamenskandidaten erwarten können, dass sie oder er die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens verstanden hat. In einer Doktorarbeit beweist man also nicht, dass man weiß, wie eine wissenschaftliche Arbeit angefertigt wird. Man legt vielmehr die Früchte mehrjähriger Wissenschaftlicher Arbeit vor und bekommt in Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung die Doktorwürde verliehen.

Deshalb können sich die berühmten Plagiatoren auch nicht mit Unwissenheit herausreden. Wenn sie ihre Wissenschaften nicht beherrschten, dann hätten sie die Abschlussprüfungen vor Beginn der Dissertation nicht bestehen können. Sie müssen sehr gut gewusst haben, wie eine Arbeit in ihrem Fachbereich aussieht und wie man ordentlich zitiert. Wenn sie dann viele, viele Zeilen mit unwesentlichen Veränderungen von fremden Arbeiten übernommen haben, manchmal sogar duch Umformulierungen und Synonyme leicht verschleiert, dann ist das ein absichtlicher Täuschungsversuch. Das ist, wenn nicht illegal, zumindest unredlich.

Unredlichkeit ist keine Eigenschaft, die man Politikern durchgehen lassen darf. Wir brauchen, nicht nur in Regierung und Bundestag, sondern auch im oft nicht ganz so wichtig genommenen Europaparlament integre, vertrauenswürdige Volksvertreter. Deswegen war es richtig, dass Herr Guttenberg nach Bekanntwerden seiner Plagiate gehen musste, und deshalb ist es wichtig, dass Frau Koch-Mehrin die Konsequenzen trägt. Wenn nicht freiwillig, dann vielleicht unter öffentlichem Druck. Aus diesem Grund habe ich die Anatol Stefanowitschs Petition für den Rücktritt von Frau Koch-Mehrin unterzeichnet. Über 6500 Unterzeichnende gibt es bisher. Wenn auch Sie sich wieder mehr Glaubwürdigkeit in der Politik wünschen, möchte ich Ihnen diese Petition ans Herz legen. Es geht nicht nur um Wissenschaft. Unsere Volksvertreter müssen keine Wissenschaftler sein, aber wenn sie es nicht sind, dann dürfen sie nicht versuchen, sich durch Betrügereien einen akademischen Grad zu erschleichen. Wir brauchen keine Hochstapler.

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Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Wenn sie ihre…

    …Wissenschaften nicht beherrschten, dann hätten sie die Abschlussprüfungen vor Beginn der Dissertation nicht bestehen können.“

    Ich hege ja inzwischen die Vermutung, dass etliche derer, die sich ihren Doktortitel erschlichen haben, bei der Erlangung ihres Diplom- oder Master-Grades bereits ähnlich vorgegangen sind. Warum sollte jemand das ganze Studium hindurch wissenschaftlich sauber und korrekt arbeiten und dann erst im Rahmen der krönenden Dissertation auf die Idee verfallen, es doch auch einmal mit Betrug und Plagiat versuchen zu können? Im Grunde sollte jede Uni, die einen Doktorgrad entzieht, bei der Gelegenheit auch noch einmal die Abschlussarbeit des oder der Betroffenen im Hinblick auf mögliche Plagiate unter die Lupe nehmen…

  2. Doktorarbeit „nebenbei“

    @Christian

    Ich kann mir sogar vorstellen, dass in deren Studium alles normal gelaufen ist.

    Auffällig ist ja, dass die (in den besagten Fällen) geisteswissenschaftlichen Arbeiten praktisch „nebenbei“ zur Arbeit/Politik, usw. angefertigt wurden.

    In meinen Augen ist genau das doch schon der Knackpunkt: Wo werden die Prioritäten gesetzt?

    Ich kenne kaum einen Naturwissenschaftler, der sowas machen würde. Es wäre auch kaum möglich, weil der Umfang der notwendigen eigenen Forschungsarbeit ein „nebenbei“ gar nicht möglich macht.

    Liegt hier nicht das Problem?

  3. Kompetenz @Christian

    „Ich hege ja inzwischen die Vermutung, dass etliche derer, die sich ihren Doktortitel erschlichen haben, bei der Erlangung ihres Diplom- oder Master-Grades bereits ähnlich vorgegangen sind.“

    Ein Schelm, wer Böses dabei denkt:

    http://www.youtube.com/…BRFI&feature=related

    http://www.youtube.com/…JVjk&feature=related

  4. Anatol und die Ehrlichkeit, 22.6.11

    „Die Skandale um die Doktorarbeiten von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg und der Europapoltikerin Silvana Koch-Mehrin werfen ein schlechtes Licht auf den Forschungs- und Publikationsbetrieb.“ >> Ihre Art der Reaktionen – u.a. die empfohlene Pettion – schaden dem Ansehen der Wissenschaft inzwischen ebenso sehr! Die Eiferer vom Juni 2011 übersehen, dass Ehrlichkeit tatsächlich „nicht alles“ ist – haben Sie vergessen, was Universität sonst noch bedeutet?

  5. Erosion des Vertrauens @ Stephan Fröhder

    „Die Eiferer vom Juni 2011 übersehen, dass Ehrlichkeit tatsächlich „nicht alles“ ist – haben Sie vergessen, was Universität sonst noch bedeutet?“

    Ehrlichkeit mag nicht alles sein, aber ein erschwindelter Doktortitel suggeriert dem einfachen Bürger, dass Unredlichkeit nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft gang und gäbe sein könnte. Warum schmücken sich denn Politiker überhaupt mit einem Doktortitel? Thomas Grüter schrieb dazu mal: „Wenn man zynisch wäre, könnte man auf die Idee kommen, dass die Distinktion vom gemeinen Volk sicher auch eine Rolle spielt.“ Klar, man will vorgeben etwas Besseres zu sein, sich selbst einer gebildeten oder einer höheren sozialen Schicht zuordnen, damit das Volk nicht merkt, wie es verarscht wird. Zu letzterem passt auch , dass Koch-Mehrin jetzt zwar auf Druck verschiedener Wissenschaftsorganisationen den Forschungs- und Industrieausschuss des EU-Parlaments verlässt, aber nur um in einen anderen Ausschuss zu wechseln, wie ihr Sprecher mitteilte.

  6. @Stephan Fröhder

    „haben Sie vergessen, was Universität sonst noch bedeutet?“

    Mögen Sie uns auf die Sprünge helfen? Ich weiß einiges, was Universität noch bedeutet. Worauf wollen Sie hinaus?

  7. Ehrlichkeit in der Wissenschaft / Forts.

    @Joachim @Mona – Danke für Ihre Antwort! >> „Worauf wollen Sie hinaus?“ / Einmal abgesehen vom notwendigen Grad der berechtigten Empörung: Ehrlichkeit in der Wissenschaft zu fordern, ist etwa so originell wie die Forderung nach Mobilität im Verkehrswesen! Es sei denn, die Wissenschaft steht im Stau.. 🙂

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