Neue Netzwerke der Wissenschaft

Facebook, Google+, Blogs und Twitter sind in aller Munde. Parallel dazu bauen Forscher Social Media auf, die an die Bedarfe der Wissenschaft angepasst sind. Damit erobern sie das Internet, das ursprünglich für die Kommunikation unter Forschern gedacht war, wieder für sich.

Für das Verbundjournal des Forschungsverbund Berlin habe ich rund um das Thema Wissenschaft im Web 2.0 ein paar Texte zu den Themen Science 2.0, Altmetriken, Citizen Sciences geschrieben, die natürlich gekürzt werden mussten, deshalb von jetzt ab peu a peu die Originale hier im Blog. Vor allem mit mehr Quotes von im Science 2.0 aktiven Forschern. Lesenswert ist auch der Kommentar von Elmar Diederichs – ehemaliger Scilogger – ‚Mind at Work‚.

Titelzeile Verbundjournal

Zum Wintersemester 2011/2012 startete von Berlin aus der hochschulübergreifende digitale Campus Iversity. Bereits 22.000 Nutzer stellen dort, begleitende Angebote zu Lehrveranstaltungen und Konferenzen oder für Forschergruppen online. „Iversity ist eine Plattform für eine asynchrone und interdisziplinäre Form der Zusammenarbeit“, beschreibt Hannes Klöpper, der gemeinsam mit Jonas Liepmann den digitalen Campus aus der eigenen Not heraus kreiert hat. Denn die beiden Geistes- und Sozialwissenschaftler vermissten während ihres Studiums Möglichkeiten, auch außerhalb von Seminaren mit Kommilitonen und Dozenten zu diskutieren oder Termine abzusprechen.

Wie viel Potenzial in derartigen Netzwerken steckt, zeigen etwa die drei Jahre junge Literaturverwaltung und -Vernetzung Mendeley mit 1,3 Millionen Nutzern, das Diskussionsportal Researchgate mit ebenso vielen Mitgliedern, das Facebook für Forscher Academia.edu mit 770.000 oder das Spezialnetzwerk BiomedExperts mit 390.000 Mitgliedern. Neben Facebook, Google+, Twitter, Xing und LinkedIn tauschen sich heute Millionen Wissenschaftler zusätzlich in solchen wissenschaftlichen Social Media aus. Sie erobern das Medium Internet, das ursprünglich für die Kommunikation unter Forschern gedacht war, wieder für sich. 

Carsten Hucho etwa, wissenschaftlich-administrativer Koordinator am Paul-Drude-Institut, betreibt ein privates Blog (The SmartS Club – Science meets art and Social science) und twittert seit einem Jahr fleißig. Er sieht zweierlei konstruktive Funktionen im Web für Forscher. Den wissenschaftlichen Disput samt Open Access auf der einen Seite. Hierzu zählt er etwa Researchgate, Mendeley oder arXiv.  Auf der anderen Seite sieht Hucho Medien wie Twitter und Blogs, „die dem einzelnen Forscher zwar wenig für dessen wissenschaftliche Arbeit nutzen, sie sind aber als Marketingtool interessant.“

Wissenschaftliche Blogs haben in Deutschland vor allem mit den beiden Portalen ScienceBlogs und Scilogs seit 2007 an Leserschaft gewonnen. Doch innerhalb der Wissenschaftscommunity herrscht nach wie vor eine auffallend große Unsicherheit zum Thema Blogs. „Weniger als jeder zehnte deutsche Wissenschaftler hat etwas mit Weblogs am Hut“, sagt Alexander Gerber, Geschäftsführer des Forschungszentrums innokomm. Befragt man aber professionelle Wissenschaftskommunikatoren und Kommunikationsforscher, so zeichnet sich ein anderes Bild ab. Immerhin die Hälfte der rund 30 von Gerber für die Trendstudie Wissenschaftskommunikation 2011 Befragten, glaubt, dass sich Themenblogs mit fachkundigen Experten und Wikis durchsetzen werden. 40 Prozent waren sich aber unsicher. Aktuell zeigen beispielsweise öffentlich geführte Dispute rund um das Neutrino-Thema auf dem Standardformat arXiv oder in Blogs wie viXra log, wie hoch die Qualität und die positive Außenwirkung sein können.

Olof Bengtsson, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ferdinand-Braun-Institut, setzt für sich persönlich auf einen anderen Web-Klassiker: „Seit 2006 bin ich mit meinem Profil auf LinkedIn.“ Zunächst habe er dies wirklich nur genutzt, um Geschäftskontakte aufzubauen und zu pflegen. „Inzwischen bin ich Mitglied in 18 Workgroups, die mir bei meiner Arbeit helfen“, erzählt er begeistert. In einer Gruppe etwa diskutieren die Mitglieder spezifische Geräteeinstellungen, in einer anderen fachliche Fragen. „Über eine wöchentliche Zusammenfassung der Aktivitäten per E-Mail bekomme ich aktuelle Diskussionen mit. Es ist für mich eine Art wissenschaftliches Nachrichtenportal“, berichtet Bengtsson.

Auch das soziale Netzwerk Facebook kann für Forscher hilfreiches Instrument sein. Der Fischkundler Devin Bloom von der Universität Toronto untersuchte Anfang dieses Jahres in Nordguyana den Fischbestand des Cuyuni. Er und seine Kollegen hatten aber vor Ort zu wenig Zeit, um alle 5000 gesammelten Fischproben zu identifizieren. Also stellten sie Bilder der Fische auf Facebook, wo jeder von ihnen mit vielen weiteren Fischkundlern befreundet ist. Innerhalb von 24 Stunden waren nahezu alle Fische identifiziert (Nachlese in ScienceDaily).

Andere Forscher, wie Gregor Hagedorn, Biodiversitätsexperte am Julius Kühn-Institut, Berlin, sammeln bereits Erfahrungen auf Google+. „Für mich ist das zum Austausch mit Leuten aus Bereichen wie Biodiversität, Open Content und Wikimedia interessant. Oft entspannen sich dort gute Diskussionen“, meint Hagedorn. Er glaubt: „Ähnlich, wie Emails die Post weitestgehend abgelöst haben, werden die neuen Online-Plattformen die Wissenschaftskommunikation verändern.“

Informationen über aktuelle Publikationen bietet die Literaturdatenbank Mendeley ihren über 1,3 Millionen Nutzern. Das System erkennt aufgrund der eigenen Bibliografie die Interessen und gibt Empfehlungen zu anderen Veröffentlichungen. Ein Klick auf ein Buch bei Amazon, einen Fachartikel in BiomedCentral, Nature, PLoS, Science oder andere genügt und zentrale Angaben zu Autoren, Titel, Abstract, Datum, Journal, Ausgabe etc. werden in die eigene Literaturverwaltung gezogen und können ergänzt oder kommentiert werden. So wuchs Mendeley binnen kurzem zu einer gigantischen Bibliothek. Längst können auch Forschergruppen gemeinsame Bibliografien erstellen und besser kooperieren. Das System wertet zudem aus, in welchen der auf Mendeley inzwischen gelisteten weiteren Publikationen der jeweilige Artikel zitiert wurde und welche Passage davon (mehr dazu und Academic Search von Microsoft hatte ich hier bereits geschrieben).

Der Biophysiker Leif Schröder vom Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie kennt Mendeley noch nicht, ist aber von der Literaturfunktion von Researchgate angetan, ein ebenfalls 1,3 Millionen Nutzer schweres wissenschaftliches Netzwerk. „Wenn ich etwas via PubMed nicht finden kann, suche ich auf Researchgate und habe oftmals Glück“, sagt Schröder. Denn jeder Forscher könne seine eigenen Publikationen etwa als Wordtexte mit der zugehörigen DOI-Nummer hochladen, beschreibt er die Möglichkeiten für Artikel, die nicht Open Access sind. Viele Verlage akzeptierten diesen Weg.

Primär ist Researchgate jedoch gemacht, „damit sich Wissenschaftler über ihre Forschung austauschen“, betont Ijad Madisch, einer der drei Gründer des Netzwerks. Auch bei ihm und seinen Freunden entstand die Idee aus der Not heraus. Woher bekommt man Rat, wenn Experimente nicht gelingen? Und so begannen sie das Netzwerk aufzubauen, in dem Forscher über Fächer- und Ländergrenzen hinweg offen über Fragestellungen oder Methoden diskutieren können. Aus solchen Diskussionen hat Schröder bislang jedoch nicht allzu viel gezogen. Seine Erfahrung„Die Fragen betreffen erstaunlich oft Lehrbuchwissen.“

Dafür ist Schröder ein Anhänger geschlossener Gruppen auf Researchgate. So hat er bereits rund 140 seiner Mitstreiter aus dem Emmy Noether Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingetragen. Im geschlossenen Zirkel teilen sie nun Ankündigungen, Links und Wissenswertes zu Förderrichtlinien. Mit rund zehn Mitarbeitern aus dem FMP bearbeitet er in einer anderen geschlossenen Gruppe gemeinsam Dokumente oder plant etwa Messzeiten.

Eine Nebenfunktion von Netzwerken wie Mendeley oder Researchgate sind die automatisch generierten Forscherprofile. Sönke Bartling, Forscher des Deutschen Krebsforschungszentrums, betrachtet diese etwa gerne auf Researchgate: „Man sieht die Netzwerke der anderen, deren Publikationslisten und die via Researchgate zugeordneten Impact Punkte. Das hilft mir in der Einschätzung anderer Forscher.“ Der Science 2.0-Anhänger Bartling glaubt, dass die kollaborativen Möglichkeiten der Social Media insgesamt Forschung beflügeln können und werden.

All diese Einzelbeispiele zeigen, dass Science 2.0 sehr vielschichtig sind – von internationalen Forschernetzwerken, über Tagesplanungen für Forschungsgruppen bis hin zu Literaturaustauschen im Sinne von Open Access durch die Hintertür. Mit der einen oder anderen Anwendung bahnen sich grundlegende Veränderungen an.

Veröffentlicht von

Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gute Sammlung von Erfolgsbeispielen

    Danke,Beatrice, solch eine Sammlung von prägnant beschriebenen Erfolgsbeispielen habe ich an anderer Stelle noch nicht gelesen.

    Vielleicht hilft dem einen oder der anderen an dieser Stelle noch der Hinweis auf den Workshop mit WPK und TELI im Sommer, u.a. mit Videostatements der oben im Text z.T. auch erwähnten / zitierten Chefs von ResearchGate, Mendeley, NatureNetwork etc.

    http://www.scienceblogs.de/sic/2011/06/cyberscience-without-scientists.php

  2. Anmerkung

    Auch mein Text im Journal des Forschungsverbundes Berlin ist vom Direktor des WIAS, Prof. Sprekels, in Zusammenarbeit mit der Wissenschaftsjournalisten Gesine Wiemer massiv gekürzt und sinnentstellend verändert worden.

    Ich hätte da sicher noch intervenieren können, aber solche Aktionen verursachen natürlich für alle noch mehr Arbeit. Das Resultat meiner Abwägung kann man im Journal des Forschungsverbundes Berlin nachlesen.

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