Mendeley in den Händen von Elsevier

Nun sind sie also eingezogen. Die Guten bei den Bösen. Die Stars der jungen Szene öffentlicher Wissenschaft, Mendeley, gehören seit vorgestern zu Elsevier. Genau jenem britisch-niederländischen Verlag also, der mit seiner Lobbyarbeit rund um den sogenannten Research Work Act vor gut einem Jahr, einen Boykott der Wissenschaftscommunity provozierte. Insgesamt gilt der Verlag als einer der Preistreiber und Verhinderer der Open Access Bewegung.

Entsprechend groß ist das Raunen, das nun durch Blogs und Tweets weht. Mendeley wurde 2008 von drei deutschen Forschern gegründet. Es bietet die Möglichkeit Literaturdaten und pdfs zu verwalten und zu teilen. Ein Referenzmanagement zählt dazu sowie das erst im Sommer 2012 vorgestellte Analysetool, das neben Downloadraten erfasst, wie häufig Artikel tatsächlich in der Community ausgetauscht und gelesen werden.

Laut TechCrunch war das junge Unternehmen Elsevier zwischen 69 und 100 Millionen Dollar wert. Das ist viel. Allerdings für Elsevier mit einem Jahresumsatz von über 6 Milliarden Pfund (Handelsblatt 2012) ein guter Weg, um ähnlich Thompson Reuters mit Endnote ihre Position in diesem Markt zu stärken. Außerdem bekommen sie mit dem Kauf die fachliche Kompetenz des Mendeleyteams sowie nicht zuletzt die Userdaten in das eigene Verlagshaus. Und genau dagegen sträubt man sich nun in der Wissenschaftsgemeinde.

Allen voran ist interessant, was ehemalige Mendeley-Teamplayer sagen.
Jason Hoyt etwa, früher führender Forschungskopf bei Mendeley ist heute einer der Gründer des neuen Open Access Journals PeerJ.  Er beschreibt (My thoughts on Mendeley/Elsevier & why I left to start PeerJ) sachlich seine Gründe, weswegen er Mendeley verlassen hat. Dabei geht es vor allem um Veränderungen in der Open Access Strategie.

„If one is honest, from a business perspective the Mendeley founders did the right thing to comply with Elsevier’s demands. My personal passions about Open Access hindered that, so no surprise it didn’t work out for more than a few years.“

Harschere Worte findet dagegen der ehemalige Mendeley-User Tim Poisot (Elsevier acquired Mendeley. It’s not as bad as I thought). Ihn stört besonders, dass Elsevier Zugriff zu den Mendeley Daten und damit den Daten der Forscher und Institutionen bekommt.

„Hey Mendeley, do you seriously expect that we are going to take the sale of our usage data to Elsevier with a smile, because of some PR speak, and an attempt to mitigate the reactions on twitter? Do you think anyone will be fooled by the same usual litany of „But we are bringing value to the user“?“

Auf Seiten von Mendeley und Elsevier lesen sich die Dinge naturgemäß ganz anders.

Einer der Managing Direktoren von Elsevier, Olivier Dumon, etwa heißt Mendeley willkommen (Elsevier welcomes Mendeley) und schreibt:

„By joining forces, we will be in an even better position to support the needs of researchers. Our resources will enable Mendeley to continue building on its platform, keeping it free for individuals while introducing new content and interoperability that will make it even more useful.“

Auf einer speziellen Q&A-Seite bei Mendeley erfahren die User, dass sie unter dem neuen Dach sogleich ein Geschenk in Form von mehr Speicherplatz bekommen. Auf die Frage, ob Mendeley weiterhin Open Access und Open Science unterstützen und vorantreiben wird, lautet die Antwort: „Yes. In fact, Elsevier are accelerating their Open Access initiatives as well.“

Genau das wird die Wissenschaftsgemeinde in den kommenden Monaten genau beobachten.

Weitere Artikel zum Thema auf
gruenderszene.de
Scientific American Blog Information Culture
Svpow.com

 

Am Wegesrand gefunden

Elsevier

@Puplett stellte diesen Screenshot eines Papers online, das in einem Elsevier -Journal publiziert ist. Der Artikel über Open Access ist natürlich nicht Open Access.

 

Veröffentlicht von

Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und ist seit 2008 Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, seit 2012 des Nobel Week Dialogue und seit 2013 des Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie stellvertretende Wissenschaftliche Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik. Sie twittert als @BLugger.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das scheint ein Trend zu werden …

    Der Springer-Verlag hat sich vor ein paar Monaten mekentosj einverleibt, die mit Papers einen der Mendeley-Konkurrenten verkauft haben. Am Ende wirds für jeden Verlag ein eigenes Literaturverwaltungsprogramm brauchen 😉

    Oder gewinnen am Ende doch die Guten?

  2. Fronties, Nature, HBP, Kommert

    Tja, komisch – die Frontiers-Journals, Pioniere auf dem Gebiet von Open Access und neuer Peer Review-Ideen, haben sich gerade mit der Nature Publishing Group (NPG) zusammengeschlossen.

    Nature genießt natürlich hohes Ansehen unter den Wissenschaftlern, die NPG gehört aber über Macmillan zum von Holtzbrinck-Verlag, zu dem letztlich auch diese Blogs hier gehören. Das heißt, dass Frontiers jetzt mit einem gewinnorientierten Unternehmen verknüpft ist.

    Letztlich haben auch u.a. frustrierte Nature-Editors vor einigen Jahren die Public Library of Sciences gegründet, weil sie mit der Arbeitsweise bei Nature nicht zufrieden waren.

    Interessant übrigens auch, dass Frontiers von Henry und Kamila Markram gegründet wurde; ja, dem Henry Markram vom Human Brain Project (HBP). Wie ich hörte, hat dieser wiederum den vielen Forscherinnen und Forschern im Projekt verboten, etwas ohne seine Zustimmung über das HBP zu publizieren. Wie ist das mit wissenschaftlichen Standards vereinbar?

    Naja… Hoffen wir, dass die Frontiers-Ideen Nature verbessern und nicht umgekehrt die Nature-Sichtweise Frontiers kommerzialisiert; schade wär’s!

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