Große und kleine Quantensprünge

Es gibt Menschen, die krümmen sich innerlich, wenn jemand ‚das‘ mit ‚dass‘ verwechselt. Diese können vielleicht gut nachvollziehen, wie es einem Naturwissenschaftler geht, wenn jemand vom großen Quantensprung faselt. Ein Ärgernis. Jedes Mal möchte man in der Redaktion anrufen, den Politiker schelten, die Wirtschaftsexperten weiser machen, in dem man ihnen ausführlich erklärt, was es mit so einem Quantensprung, den es im übrigen als instantanen ‚Sprung’ gar nicht gibt, auf sich hat.

Vorgestern zum Beispiel bekräftigte laut Börse Online der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Vitor Constancio, "die Forderung der EZB nach einem Quantensprung bei der Reform des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts". Wobei, womöglich stimmt es sogar und es wird praktisch nichts reformiert.

Ist der ‚Quantensprung’ vielleicht längst seiner eigentlichen Definition enthoben und zum festen Bestandteil des deutschen Wortschatzes mit anderer Bedeutung geworden? Dürfen Fachbegriffe so zweckentfremdet werden? Auf Wikipedia wird der Quantensprung in seiner umgangssprachlichen Verwendung als "großer Fortschritt" oder "Paradigmenwechsel" beschrieben, nur steht da auch: Die Metapher ist zwar weit verbreitet, aber falsch.

Immerhin, einige Medien, wie ‚Die Zeit‘ haben schon lange die "sprachliche Dummheit" erkannt. Dort empfahl Mathias Senoner vor 15 Jahren: "Für Germanisten könnte sich hier ein interessantes Arbeitsgebiet eröffnen. Die Ausbreitungsgeschichte des Quantensprungs in der deutschen Alltagssprache unter besonderer Berücksichtigung der Rückwirkungen auf die theoretische Physik – das wäre doch ein Promotionsthema."* Das Phänomen gibt es übrigens auch in anderen Sprachen. Ein besonderes Fundstück im Englischen: "Teleportation Takes Quantum Leap Forward".

Wenn wir dieser Quelle glauben dürfen, hat uns Deutschsprachler sogar das Englische in die Irre geführt. Demnach sei in der englischen Version aus dem in der Fachliteratur verwendeten ‚quantum jump’ der ‚quantum leap’ geworden, und diese andere Bedeutung habe schließlich auch in Deutschland Fuß gefasst.

Nun, in der Chemie, die dereinst meine Profession war, hat man es mit Quantensprüngen vornehmlich im Sinne kleinster Änderungen des Energieniveaus von Elektronen in Atomen und Molekülen zu tun. Eine Anhebung in einen höheren Quantenzustand kann durch Absorption von Energie hervorgerufen werden. Springt das Elektron wieder zurück in seinen ursprünglichen Quantenzustand wird Energie in Form von Wärme oder Strahlung frei.

So sind es zum Beispiel Sprünge von Elektronen von einem Quantenzustand in einen anderen, die unsere Welt farbig machen und für Fluoreszenz sorgen. Vereinfacht und gut erklärt findet man dies bei Ulrich Helmich.

Bis etwa Anfang des 20. Jahrhunderts wurden alle Vorgänge in der Natur und damit auch der Übergang von einem physikalischen Zustand in einen anderen als kontinuierlich betrachtet. Es galt im Grunde seit Aristoteles: ‚natura non facit saltus’, es gibt keine sprunghaften Zustandsänderungen (die Natur macht keine Sprünge). Doch vor etwa einem Jahrhundert erzwangen neue Erkenntnisse der (Quanten)Physik die Anerkennung sogenannter diskreter Zustände. So untersuchte etwa Max Planck Atome und entdeckte, dass diese Lichtstrahlung nicht kontinuierlich aufnehmen oder abgeben können, sondern nur Strahlung ganz bestimmter, diskreter Beträge. Der jeweilige Strahlungbetrag steht für ein Quant (von lat. quantus ‚wie viel’ hier abgeleitet als kleine Menge), eine nicht weiter teilbare Menge. Wird dieses Quant aufgenommen oder abgegeben, muss im Atom (oder Molekül) eine Zustandsänderung von einem Quantenzustand zu einem anderen erfolgen: Der Quantensprung. Während des Sprungs von einem Quantenzustand in den anderen kann zudem der Zustand des Systems nicht definiert, bzw. erkannt werden. Dies alles kann ‚Der Quantenmechaniker’ von den Wissenslogs sicher ganz en Detail erklären.

Kurz und knapp: Wir bewegen uns in der Welt der kleinsten Teilchen und Änderungen derer Quantenzustände sind denkbar klein. Winzig klein und keineswegs groß.

Nun ist dieses Beispiel sehr eindrücklich. Aber es gibt noch viele solcher Missverständnisse, wenn wissenschaftliche Begriffe in den Volksmund übergehen. Und es ist (sind) mitunter die Wissenschaft(ler) durch einen unsauberen Umgang mit dem eigenen Wortschatz mit schuld an so manchen Sprachverwirrungen. Mehr dazu demnächst…

*Hinweise erbeten, falls es inzwischen eine wissenschaftliche Analyse gibt.

 

Veröffentlicht von

Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und ist seit 2008 Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, seit 2012 des Nobel Week Dialogue und seit 2013 des Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie stellvertretende Wissenschaftliche Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik. Sie twittert als @BLugger.

41 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Entschuldigung, aber ich halte diese Zurückweisung der umgangssprachlichen Verwendung des Wortes Quantensprung selbst für falsch. Ein Quantensprung charakterisiert einen plötzlichen und radikalen Wechsel des Zustandes eines Systems, und dieser Wechsel ist dadurch ausgezeichnet, dass es keinen allmählichen Weg von einem Zustand zum anderen gibt, sondern dass es ein Sprung ist. Dass die Veränderung des Energieniveaus eines Elektrons uns aus makroskopischer Perspektive als klein erscheint ändert nichts daran, dass er für das Elektron ein grundsätzlich anderer Zustand ist – und genau das wird mit dem Begriff Quantensprung ausgesagt.

  2. Ich habe das eigentlich immer so verstanden. Weil man seinerzeit davon ausging, daß die Änderungen kontinuierlich sind, es eben keine Sprünge sind, dann aber diese Sprünge entdeckt wurden, es sich damit relativ gesehen, um einen „riesen Satz“ handelt. Geometisch ist der Sprung zwar außerordentlich klein, aber im Vergleich mit einer kontinuierlichen Veränderung, doch eine sehr große Entfernung.

  3. Ansonsten möchte ich Dich noch herzlich Willkommen heißen.

    Darf ich weiterhin „daß“ mit „ß“ verwenden? 😉

  4. @Jörg Da gibt es nur einen Haken: Was könnte ein großes Quant sein? Was die Quantenzustände? Und der Sprung, ist wie gesagt, eben kein instantaner Sprung, sondern ein Übergang. Der Ursprung des Quantensprungs ist die Quantenmechanik.

    @Martin der s.o. vermeintliche Sprung ist kein Riesensatz… Und solange ‚daß‘ dort verwendet wird, wo es hingehört;-) Danke fürs welcome

  5. Beatrice, es ist eben eine Metapher. Auch in der Quantenphysik selbst ist der Quantensprung schon eine Metapher, denn ein Quant springt nicht. Die Metapher vom Quantensprung besagt, dass man in ein System eine ganze Weile Energie reinstecken kann, ohne dass etwas passiert. Aber wenn man genau die richtige Menge Energie auf genau die richtige Weise zuführt, dann ändert sich der Zustand des Systems ziemlich plötzlich und ziemlich radikal. Um zu verstehen, was ein Quantensprung für so ein armes Elektron bedeutet muss man sich mal die verschiedenen Orbitale ansehen, die sich für die Elektronen in den verschiedenen Quantenzuständen ergeben. Dann sieht man: So ein Quantensprung ändert für das Elektron alles radikal.

  6. @jörg Siehst Du, es lohnt sich doch sehr darüber nachzudenken und darüber zu sprechen, was der Einzelne damit assoziiert und darunter versteht. Für mich bleibt bei aller Metapher der Sprung ein kleiner. Auch für das ‚arme (?warum?)‘ Elektron. Und es springt ja nicht das Quant, sondern das Quant ist der (eben kleine) Betrag etwa eines Photons mit dessen Hilfe sich der Quantenzustand des Elektrons ändert.

  7. Qualität, nicht Quantität

    Man kann es auch kurz und eindeutig sagen: Bei Quantensprüngen geht es bei der allgemeinen sprachlichen Verwendung immer um grundlegende qualitative Veränderungen. Die Quantität spielt dabei trotz des Namens überhaupt keine Rolle. Mit „einem Quantensprung bei der Reform des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts“ wird keine Aussage über die Menge der Paragraphen, Sätze, Wörter oder Vorschriften gemacht. Es geht einzig und alleine darum, dass eine grundlegende Änderung herbeigeführt werden soll.

    Im sprachlichen Blick befindet sich also nicht die Energie des Elektrons, die sich verändert hat, sondern das Orbital.

    Nebenbei bemerkt: Fachterminologie ist Fachterminologie. Selbst wenn die allgemeinsprachliche Metapher nicht zu der fachterminologischen Verwendung des Begriffs passen würde, wäre der Einwand mit dieser einfachen Feststellung bereits erledigt.

  8. @anton Lustig nur, dass in der Quantität wiederum das Quant also ebenschon die Größe, Menge enthalten ist. Ich beanspruche deshalb im Umgang mit Quantensprung durchaus auch die Quantität.

  9. Ich sehe das Problem – außer in [Semi]Fachgesprächen – überhaupt nicht, solange die Konzepte dahinter entweder überhaupt keine Berührungspunkte haben oder so weit übereinstimmen, dass sich keine nennenswerten Fehler ergeben. Der angesprochene Quantensprung mag für unsere Verhältnisse sehr klein sein, für die Elektronen ist er sehr groß, qualitativ ebenso wie quantitativ.

    Aber spielen die fachlichen Details überhaupt eine Rolle für Metaphern? Spätestens seit Bohr wird in weiten Teilen der Physik nur noch in [schiefen] Metaphern beschrieben, der ‚Sprung‘ stammt aus der Umgangssprache, nicht umgekehrt. Gleiches gilt für Einsteins ‚Relativität‘, was viele, viele Geisteswissenschaftler immer wieder in große, große Löcher fallen lässt*. Das Konzept hinter dem ‚Quantensprung‘ ist doch umgangssprachlich wie physikalisches dasselbe: hier ändert sich etwas gewaltig!

    Bei Bombenwetter erwarte ich auch nichts, das explosiv vom Himmel fällt, nicht einmal Wasser in großen Tropfen.

    *Gleiches gilt für Erkenntnisse von Gödel, Schrödinger, Bohr, Heisenberg …

  10. @Dierk Ob ein Vorgang, der sich mit unermesslicher Häufigkeit in Atomen und Molekülen des Universums pro Millisekunde (oder noch weniger) abspielt und das in kleinen Dimensionen, gewaltig ist, ich weiß nicht.
    Gut, wenn Du das kleine Elektron in seinem Atomuniversum betrachtest und es nun eine Treppenstufe höher steigen darf…
    Nur wird es meist bald wieder hinunterplumpsen. Quantensprünge in der Physik sind sehr sprunghaft und werden gerne sogleich wieder rückwärts gemacht, sprich keine dauerhafte Veränderung eines Systems. Dann hat de EZB gleich die Gegenreform zur Reform mit dabei.

  11. @Beatrice: Welcome to the blog

    Leider seh ich das Problem nicht – weder als Physiker noch als Sprachphilosoph oder als Sprachbenutzer: Folgt man der kognitiven Metapherntheorie nach Lakoff/Johnson, dann versucht uns eine Metapher über etwas völlig Neues zu informieren. Manchmal merkt man dann, daß die Metapher fehlgeleitet war, denn worüber informiert werden sollte, stellt sich ab und zu als Irrtum heraus. Aber keine sprachliche Regel verbietet die Bildung einer bestimmten Metapher – jedenfalls solange keine ungrammatischen Ausdrücke gebildet werden wie „Caesar ist und.“ oder sowas.

    Stattdessen scheint mir eine an einen Pleonasmus grenzende Metapher für eine unstetige (das ist der Punkt!) Zustandsänderung vorzuliegen, die in der Physik geboren wurde und in die Alltagswelt zurückverpflanzt wurde. Und auch daran kann ich nichts erkennen, aus dem man ein Thema für einen wissenschaftlichen blog machen könnte.

  12. Recht hast Du

    Der Quantensprung ist auch für mich das Vorzeige-Beispiel, wie eine unzureichende Wissenschaftskommunikation durch Halbwissen eine weite Verbreitung findet und letztlich sogar im Duden landet! Beide Erklärungen sind hier zu finden, die umgangssprachliche und die physikalische.
    Weitere Beispiele in der Reihe sind die genfreien Tomaten oder der Genmais…

  13. @Elmar Doch genau ein Thema. Weil diese erste Diskussion schon so viele weitere Perspektiven aufweist, wie und was jeder nur allein mit diesem Wort verbindet. Die Kommunikation darüber finde ich spannend. Die ‚Ergebnisse‘ aus den Kommentaren sind doch wertvoll.
    Genau das finde ich wichtig. Verschiedene Denkarten und Zugänge. Das sollte ein wissenschaftliches Grundprinzip sein: Es gibt sie nicht, die eine Meinung.
    In diesem Sinne dank für Deine Meinung.

  14. Ist doch korrekt …

    Meistens ist der Gebrauch des Begriffs doch – wenn auch unfreiwillig – korrekt: Meistens wird damit eine zwar pompös angekündigte, in der Realität aber kleinstdenkbare Änderung von irgendwas bekanntgegeben. 😉
    (Bei der Eingabe von „Quantensprung in der …“ bei Google war gerade allerdings dieser Blogeintrag Treffer Nr. 1. In diesem Sinne, herzlich willkommen. Möge das mehr als ein Quantensprung sein. ^^)

  15. Verstärkung jeder Art

    Hier geht es gleich los. Da komme ich gar nicht zum Begrüßen, weil ich erst lesen und dann nachdenken muss. Nun aber.

    Ich freue mich über die Verstärkung in den BrainLogs. Es ist schon ein gehöriger Sprung, dass wir nun „eine Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie“ bei uns haben, die noch dazu offenkundig Expertin für Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft ist (ein Thema das mich selbst sehr interessiert).

    Ich habe schon bei Michael Filuschs Einstieg zu den BrainLogs gefragt, ob und wenn ja welches Schwerpunktthema es denn geben werde und so will ich es auch bei Dir halten. Natürlich könnte ich einfach all Deine alten Beiträge lesen (und teilweise habe ich das schon) aber vielleicht wird es ja eine thematische Neuausrichtung geben und außerdem interessiert es sicher auch den ein oder anderen Leser hier.

    Mich freut Verstärkung jeder Art! In diesem Sinne: Herzlich Willkommen.!

  16. @Beatrice: Nachsetzen

    „In diesem Sinne dank für Deine Meinung.“

    Nein, so leicht wirst du mich nicht los – zumal du in deiner Antwort gar nicht mehr von korrekter Sprachbenutzung oder Metaphern redest, sondern nur noch über deine persönlichen Präferenzen, von denen dein Artikel jedoch gar nicht handelt.
    Das macht die Sache noch verwirrender.

    Insbesondere bringst du neue Themen ins Spiel, die eigentlich unabhängig von der Metapher der Quantsprungs sind – aber äußerst kontrovers sind:

    „Verschiedene Denkarten und Zugänge. Das sollte ein wissenschaftliches Grundprinzip sein: Es gibt sie nicht, die eine Meinung.“

    Diese Art von Gummisprechweise halte ich für bedenklich und sie in der Öffentlichkeit zu benutzen, für unklug: Ich meine, mich zu erinnern, im Philosophiestudium gelernt zu haben, daß Francis Bacon (in echt kluger Typ übrigens, dessen Einstellung zu Wissenschaft heute noch erfolgreich praktiziert wird) der Urheber der Strategie war, daß man nicht erwarten kann, daß dieselben Methoden bei ganz verschiedenen Problemen funktionieren können. Aber das hat nichts damit zu tun, daß der Weg eine Erkenntnis zu generieren (Unterschied zwischen context of discovery und context of justification) oder die innere Beschaffenheit dieser Erkenntnis eo ipso dazu führen, daß man zwischen ihnen in punkto Wahrheitsindikativität nicht mehr unterscheiden kann. Auch nicht-realistische physikalische Modell, die einzelne Aspekte experimenteller Daten zu modellieren beanspruchen, lassen sich hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit als frameworks ein natürlichen Vorgangs sehr wohl vergleichen – auch wenn das im Einzelfall schwierig sein mag.

    Hinter dieser Art von Schwammigkeit versteckt sich leider auch Michael Blume und man sollte sich sehr genau überlegen, ob man das nachmachen will, denn wenn man das tut, dann wird

    „Die Kommunikation darüber finde ich spannend.“

    zu einem völlig akademischen Glasperlenspiel, weil es ohne die Konkurrenz unserer Aussagen in punkto Wahrheitsindikativität im Grunde um überhaupt nichts mehr geht: Wir erfreuen uns nur noch am Rhythmus der Worte und der unaufdringlichen Überraschung semantischer Kontraste.

    Ich sehe überhaupt kein Motiv, warum wir unsere Behauptungen generell dermaßen trivialisieren sollten – und auch keinen Vorteil darin. Im Gegenteil: Was du hier einleutest, geht über die Weichspül-Wissenschaftskommunikation für sich sich letztens Leonie Seng stark gemacht hat, noch weit hinaus: Insofern nach deiner Ansicht offenbar jeder irgendwie ein bißchen recht hat, wird vielleicht jeder gebauchpinselt, aber wenn wir als Wissenschaftler für einen Erfolg grade stehen sollen, der nicht in der Psyche des Auditoriums liegt, dann hilfst uns dein Standpunkt nichts. Und genau das muß in der Wissenschaftskommunikation deutlich werden, wenn sie von Wissenschaft handeln und keine Gutenachtgeschichten erzählen will.

    „Die ‚Ergebnisse‘ aus den Kommentaren sind doch wertvoll.“

    Schöner Knicks vor den Kommentatoren: Worin besteht denn der Wert genau, wenn es nicht mehr darum geht, etwas im Hinblick auf Wahrheit zu begründen? Oder meinst du im Ernst, daß des ein Elektron interessiert, was die Mehrheit der Leute so denkt oder wie das Meinungsspektrum in Bezug auf Elektronen so beschaffen ist?

    Natürlich sind das Fragen, die alle off topic sind. Aber die Verstärkung, die wir in letzter Zeit auf den SciLogs bekommen, läßt uns keine Möglichkeit, solche Fragen zu ignorieren. Ich selbst werde – und damit folge ich auch einer Anregung von Michael Blume – deinen Kommentar zum Anlaß nehmen, um über solche Fragen zu bloggen.

    Damit wir auch ein Forum für solche Grundsatzdiskussionen haben.

  17. Ergänzungen

    ‚Akzeptiere die Metapher’ – Kann ich versuchen, dennoch bleibt für mich die Frage, wie es dazu kam, dass aus einem kleinen Abstand in der Umgangssprache ein großer wurde. Und wie es sein kann, dass man umgangssprachlich meint, nach dem Quantensprung einen dauerhaften oftmals besseren Zustand erreicht zu haben, während in der Quantenwelt nach einem Quantensprung meist sogleich der nächste, wieder zurück auf Start, erfolgt.

    Warum sagen also sagen wir, wie ein Bekannter von mir gestern meinte, nicht etwa heute ‚das Finale war sehr spannend, X erreichte nur einen Quantensprung Y voraus das Ziel’.

    Meine erweiterte Suche heute brachte dieses Fundstück von 1985 zutage. Wenn die Quanten springen von Ralf Bülow. „Der Sprachdienst“, 1985, H. 9/10

    „…In den zwanziger Jahren nun bürgerte sich unter den Physikern für jene Übergänge die Bezeichnung Quantensprung ein. Wer sie zum ersten Mal gebrauchte, wissen wir nicht; die früheste schriftliche Erwähnung, auf die wir stießen, findet sich in einem Aufsatz von Max Born aus dem Jahre 1924 (siehe Dokumente der Naturwissenschaft, Band 2, Stuttgart, 1962, S. 33). Born benutzte den Ausdruck auch in seinen Vorlesungen über Atommechanik, die 1925 als Buch herauskamen und dort den Registereintrag „Quantensprung“ aufweisen. Die sekundäre Bedeutung muß also irgendwann zwischen 1925 und 1985 aufgekommen sein.

    Wir wollen nicht ausschließen, daß dies zuerst im deutschen Sprachraum geschah. Es gibt einen frühen Beleg aus dem Jahre 1962, und zwar – ein dickes Lob dem Deutschen Fremdwörterbuch von Schulz/Basler/Kirkness et. al. (3. Bd., 1977, S. 23) für den Hinweis – in der Aufsatzsammlung Homo Creator (Wiesbaden, 1962, S. 215) des Soziologen Wilhelm E. Mühlmann. Der Autor vergleicht dort das Entstehen einer neuen Religion auf der Basis einer älteren mit einem »historischen Quantensprung«.

    Ungleich mehr Belege finden wir allerdings im Englischen. Diverse amerikanische Lexika fuhren quantum jump mit der übertragenen Bedeutung, so etwa Webster ’s Ninth New Collegiate Dictionary (Springfield, 1983): „2. an abrupt change, sudden increase, or dramatic advange – called also quantum leap.“ Schon vorher brachte The Barnhart Dictionary of New English Since 1963 (Bronnville, 1973) zwei Zitate mit quantum jump bzw. quantum leap in der neuen Verwendung, beide aus dem Jahr 1970. Seit kurzem kann man einen quantum leap übrigens käuflich erwerben: So nennt sich das jüngste Produkt der britischen Computerfirma Sinclair (meist abgekürzt als „Sinclair QL“).
    Woher kommt nun diese Beliebtheit? Vielleicht daher, daß das englische quantum auch ‚große Menge‘ heißt; im amerikanischen Englisch existiert es sogar als Adjektiv im Sinne von „groß“ oder „bedeutend“ (belegt seit 1942, siehe den Webster sowie The Second Banhart Dictionary of New English, Bronxville, 1980). Ein quantum jump läßt sich also ganz wörtlich als „großer Sprung“ deuten….“

    Nun könnte man meckern, das hätte ich wohl besser vorher recherchiert. Hatte ich aber nicht bzw. nicht gefunden. Und damit bin ich’s nun zufrieden.
    Für mich wird es vermutlich so bleiben, dass ich mich über vermeintlich große Quantensprünge innerlich ärgere, aber ich bemühe mich um Akzeptanz der Metapher vor dem oben skizzierten möglichen Hintergrund ihrer Gestehung.

    Und umso zufriedener bin ich mit der Wahl dieses Namens für mein Blog. Versuch einer Aufklärung gehört dazu!

  18. @Blugger: nochmal

    „dennoch bleibt für mich die Frage, wie es dazu kam, dass aus einem kleinen Abstand in der Umgangssprache ein großer wurde.“

    Meine vorherige Antwort scheint nichts gefruchtet zu haben. Daher noch einmal ganz explizit:

    Die besondere Bedeutung des Quantsprungs liegt in der Unstetigkeit der bezeichneten Änderung. Mit „groß“ und „klein“ hat das wenig zu tun.

  19. @Elmar Du beziehst Dich auf den Sprung. Ich mich auf das Quant (z.B. Photon) der Quantenphysiker. Historischer Ursprung. Wenn wir doch jetzt nur Heisenberg oder Planck oder am besten noch Schrödinger, der das Wort eh nicht mochte, weil der Sprung eben kein instantaner Sprung ist (sic!), fragen könnten.

    Dies ist kein Gummisprech: Es gibt sie nicht die eine Meinung. Und das ist gut so!

  20. @Blugger: unnötig

    „Wenn wir doch jetzt nur Heisenberg oder Planck oder am besten noch Schrödinger …. fragen könnten.“

    Warum? Wir können doch diee Sachargumente austauschen, ohne irgendwelche Autoritäten zu bemühen.

    „Dies ist kein Gummisprech:“
    Es ist sogar eine Verschleierungstaktik.

    „Es gibt sie nicht die eine Meinung.“

    Hier müßte von dir erst einmal definiert werden, was für eine Art These das überhaupt sein soll. Wer nicht klar sagt, was er behauptet, der immunisiert sich gegen Kritik und diese Kultur sollte hier nicht gepflegt werden.

  21. @ Elmar

    „… und diese Kultur sollte hier nicht gepflegt werden.“

    Erinnere ich richtig, dass Du in Deidesheim eindeutige Positionen bei einer möglichen Einschränkung Deiner Freiheit bezogen hast?

    Und jetzt erklärst Du anderen, was in den Scilogs erwünscht ist und was nicht?

    Have you ever noticed that anybody driving slower than you is an idiot, and anyone going faster than you is a maniac?
    George Carlin

  22. @Arvid: SciLogs intern

    „Erinnere ich richtig, dass Du in Deidesheim eindeutige Positionen bei einer möglichen Einschränkung Deiner Freiheit bezogen hast?“

    Ja, du erinnerst dich richtig: So wie ich keine Lust habe, in moderierten blogs zu kommentieren, wollte ich im internen SciLogs-Forum keinen Aufpasser, der Kommentare zensiert. Lars hat das in Deidesheim dann privat mir gegenüber konkretisiert und von „Hausmeisterarbeiten“. Daß ich das akzeptiert habe, sieht man ja an meinen Kommentaren im Forum.

    „Und jetzt erklärst Du anderen, was in den Scilogs erwünscht ist und was nicht?“

    Ich erkläre anderen, was ich in SciLogs zu sehen wünsche und was nicht. Und solange ich meine Kritik begründe, ist dagegen meines Wissens nach auch nichts einzuwenden.

    Würden wir dagegen unsere Zeit damit verbringen einander gegenseitig nur Komplimente zu machen, dann würde uns bald niemand mehr ernst nehmen.

    „Have you ever noticed that anybody driving slower than you is an idiot, and anyone going faster than you is a maniac?“

    Nein.

  23. @Blugger, Arvid: Wegen Elmar

    Macht Euch nicht allzu viele Gedanken. Mich hat @Elmar auf meinem Blog gerade mal eben pauschal wissen lassen, dass meine wissenschaftliche Arbeit „Quatsch“ und „Scheiße“ sei – nachdem er mich als Theologen beschimpfte (ich bin zwar Religionswissenschaftler, aber der Unterschied war ihm wohl gar nicht klar.)

    Wo das Problem steckt, weiß ich nicht. Aber offenbar bin ich nicht der einzige, der hier gezielt und persönlich angerempelt wird. Mit einer konstruktiv-freundlichen Atmosphäre, wie sie unter Blognachbarn selbstverständlich sein sollte, hat das alles leider nichts mehr zu tun…

  24. „Mit einer konstruktiv-freundlichen Atmosphäre, wie sie unter Blognachbarn selbstverständlich sein sollte, hat das alles leider nichts mehr zu tun…“

    Ich bin nun mal nicht deiner Meinung. Aber im Gegensatz zu dir lösche keine kritischen Kommentare aus meinem blog. Du hingegen hast gleich mehrere Autoren, die meiner Meinung über deinen Diskussionsstik sind, aus deinem blog verbannt.

    Möchte sich die SciLogs-Redaktion vielleicht dazu äußern? Dann können wir auch gleich öffentlich diskutieren, warum Monika Armand damals gegangen ist.

    Wäre bestimmt auch für die anderen Blogger interessant.

  25. Schön, dass sich die Diskussion gar nicht mehr um die Sache geht, sondern nur um (verletzte) Eitelkeiten andere Blogger.

    Da weiß doch unsere Neubloggerin gleich was auf sie zukommt… *kopfschüttel*

  26. @Benny: so geht’s wirklich nicht

    „Schön, dass sich die Diskussion gar nicht mehr um die Sache geht, sondern nur um (verletzte) Eitelkeiten andere Blogger.“

    Richtig. So geht das wirklich nicht. Wir müssen eine andere Lösung dafür finden.

  27. Erweiterung meiner Trolliste

    Mensch der Diederichs, jetzt haben Sie den Platz neben Hr. Blume ergattert. Herzlichen Glückwunsch!

  28. Fehlender Bezug

    Wie gross ist ein Quantensprung?
    Der kleinste Quantensprung aus dem Grundzustand des Wasserstoffatoms beträgt etwa 10eV; das entspricht einem Photon der Wellenlänge 122nm und wird damit der starken UV-Strahlung zugeordnet. Warum soll das klein (oder gross) sein? Und vor allem: im Vergleich zu was?

    Unwissenschaftlicher als die obige Behauptung (ein Quantensprung wäre klein) geht es gar nicht mehr. Und das von einer Chemikerin?
    Mal sehen was der Sprachwissenschaftler dazu schreibt…

  29. @ Physiker

    …10 Elektronenvolt für den Quantensprung? In Masse umgerechnet ist das aber, wenn ich mich nicht irre, ein rechter Pups: irgendwas mit 10 hoch minus 35 kg.

    Für unstetige Vorgänge gibt’s das schöne makroskopische Wort: „Zäsur“. Der Schnitt.

  30. Dehydrierung vs. Dehydratisierung

    Erstmal herzlich willkommen auf den SciLogs! Was verschlägt eine Chemikerin auf die BrainLogs? Wirst du hier allgemeine Wissenschaftskommunikation betreiben oder schon spezifischer auf Neurofragen aus chemischer Sicht eingehen?

    Aber es gibt noch viele solcher Missverständnisse, wenn wissenschaftliche Begriffe in den Volksmund übergehen.

    Da fällt mir prompt ein Beispiel ein, was mich schon seit Jahren äußerst stört und nervt: Der Volksmund spricht bei Wassermangel oder Wasserverlust von Dehydrierung, dabei ist dies falsch, da es Dehydratation bzw. Dehydratisierung heißen müsste. Dehydrierung ist nichts anderes als Abspaltung von Wasserstoff. Die Dehydratation bzw. Dehydratisierung bezeichnet hingegen korrekterweise die Abspaltung von Wasser.

    Ist das noch jemandem hier auch schon aufgefallen oder bin ich völlig blöd?

  31. Dehydriert

    @ Sebastian. Herzlichen Dank für Dein Willkommen und Dank auch für dieses Beispiel. Ein Blick in das Roche Lexikon Medizin verrät dazu folgendes:

    Dehydrierung: die – der Oxidation verwandte – Abspaltung von Wasserstoff aus einer chemischen Verbindung mit Hilfe von Katalysatoren bzw. von Enzymen (Dehydrogenasen); z.B. beim Fettsäureabbau, beim Alkoholabbau zu Aldehyd oder Keton.

    Dehydration – Entwässerung:
    a) Syn. Dehydratation: Mangel an Körperwasser, d.h. der generelle, absolute oder relative Flüssigkeitsmangel im Extra- u. Intrazellularraum (EZR; IZR) als Folge einer Störung des Wasser-Elektrolyt-Haushaltes
    b) Fach Chirurgie: die monopolare Endothermie.

    Dehydratation – Entwässerung:
    a) Dehydratisierung
    b) Dehydration

    Tiefer steige ich jetzt hier nicht ein.

    Und zu Deiner anderen Frage: Ja, ich will über Wissenschaftskommunikation, Wissenschaft im Dialog, Öffentlichkeit und neue Öffentlichkeit von Wissenschaft, Wahrnehmung von Wissenschaft etc. bloggen.
    Dies ist also kein Wissenslog in dem vornehmlich über neue Erkenntnisse der Wissenschaft gebloggt wird. Es ist natürlich auch kein Chronolog oder Kosmolog. Da Wahrnehmung, Reflexion und Bewertung im Kopf stattfinden, fühle ich mich bei den Brainlogs richtig verortet. Wenn das für Euch in Ordnung geht.

    Und heute an diesem warmen Tag genug trinken, nicht dass jemand dehydriert, ah, dehydratisiert;-)

  32. Zäsur vs. Quantensprung

    Helmut Wicht bringt, finde ich, einen interessanten Aspekt in die Diskussion: Unabhängig davon, ob die Metapher „Quantensprung“ funktioniert oder nicht ist die Frage, ob sie überhaupt gebraucht wird – genauer gesagt, wer sie braucht. Warum wird eine bestehende Metapher durch eine andere abgelöst?

  33. Wissenschaftskommunikation

    Da wurde meine Frage ja gleich mit beantwortet:

    „Ja, ich will über Wissenschaftskommunikation, Wissenschaft im Dialog, Öffentlichkeit und neue Öffentlichkeit von Wissenschaft, Wahrnehmung von Wissenschaft etc. bloggen.“

    Ich freue mich über diese Themen und aus meiner Sicht geht dies völlig in Ordnung auch ohne Begründung warum genau BrainLogs.

  34. Wechsel der Weltanschauung

    Eigentlich bezeichnet der Quantensprung eben eine teilweise überraschende Veränderung von einer Weltanschauung zu einer Neuen. Das heißt, es ist die Entwicklung von der klassischen mechanistischen Physik zu der „neuen Physik“, die durch die Entdeckung der Quantenwelt begründet wurde und im Grunde unser ganzes physikalisches Weltbild neu begründete bzw. erheblich erweiterte.

    Daher soll meines Wissens der Quantensprung seine Bedeutung haben. Alles andere würde mich schwer wundern.

    Möglicherweise liegt das Verständnissproblem mit dieser Redewendung vielmehr darin begründet, das einige Menschen weniger gut mit Veranschaulichungen umgehen können, weil sie alles buchstäblich begreifen und den Raum für Zwischen(be)deutungen der Begriffe einfach nicht parat haben?

    MFG

  35. @Helmut Wicht

    Sie können alles in Einheiten von irgendetwas anderem umrechnen so dass es beliebig klein/groß erschein. Das nennt sich dann Manipulation.

    Schnitt/Zäsur und Quantensprung bezeichnen verschiedenes.

  36. Auch ein herzliches Hallo von meiner Seite.
    @Dieter:
    „Eigentlich bezeichnet der Quantensprung eben eine teilweise überraschende Veränderung von einer Weltanschauung zu einer Neuen.“ Angenommen, das stimmt, ist es dann nicht erstaunlich, dass sich offensichtlich die Euphorie der Wissenschaftler über den neuen, überraschenden Fund, so in der wissenschaftlichen Sprache niederschlägt? Die mit dieser teilweisen Überraschung einhergehenden beglückenden Gefühle müssen offenbar überwältigend gewesen sein!

    Hinter wissenschaftlichen Befunden stecken ja auch immer Menschen, die ihrer Profession bestenfalls mit Eifer nachgehen. Darum finde ich es völlig in Ordnung, solchen Redewendungen auf den Grund zu gehen – und womöglich auf interessante Gimmicks wissenschaftlicher Tatsachen zu stoßen.

    So scheint mir auch die wissenschaftlich gesehen falsche Verwendung von „Philosophie“ im Alltag entstanden zu sein. Wer von seiner „persönlichen Philosophie“ oder der „Firmenphilosophie“ spricht, möchte seinen Worten möglicherweise ein geheimnisvolles Flair verleihen – und offenbart zugleich seine Unkenntnis und Missachtung der Philosophie als Wissenschaft!

    Mir fallen außerdem noch eine Reihe weiterer Sprünge ein, bei denen eigentlich gar nichts springt, aber der Überraschungseffekt besonders hoch zu sein scheint: „Zeitsprung“, „Gedankensprung“ usw. – anders als beispielsweise beim Lachssprung und dem Trampolinsprung.

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