Kauf dich glücklich!?

„Endlich bekomme ich auch einen Firmenwagen, dann aber mit Leder-Vollausstattung. Und das BOSE-Soundsystem muss auch sein. Am besten für die kalte Jahreszeit die Sitzheizung mit dazu, und das Panorama-Schiebedach für den Sommer. Die 300 Euro weniger Gehalt im Monat stecke ich schon weg.“ Gedanken von Dieter (46), Vertriebsmitarbeiter, nach der Beförderung

„Bei der Weihnachtsfeier kommen sicher wieder viele in tollen Anzügen. Manche vielleicht sogar im Smoking wie letztes Jahr. Ich muss mir auch mal was Anständiges zum Anziehen kaufen. Hugo Boss sollte es schon sein, wenn ich was Vernünftiges haben will. Hält auch einfach länger.“ Gedanken von Heinrich (28), kaufmännischer Angestellter, vor der jährlichen Weihnachtsfeier

„Wenn ich ein iPad hätte, könnte ich morgens in der U-Bahn mehr Bücher lesen und überall Filme anschauen. Für die Kinder würde ich ein paar tolle Lernspiele installieren und meine ganze Musiksammlung auch … sieht man ja auch immer häufiger in der U-Bahn.“ Gedanken von Sonja (34), an der U-Bahn Station

 

Im Grunde beruht unsere Marktwirtschaft auf der Idee, dass Glück käuflich ist. Viele Firmen bewerben ihre Produkte, indem sie Glücksgefühle versprechen: „Genießen macht glücklich!“ (Meggle Group, Lebensmittelhersteller), „Schrei vor Glück!“ (Zalando, Modeunternehmen), „Als wär’s ein Stück vom Glück!“ (Alsfelder Brauerei), „Macht mehr als glücklich!“ (Deutsche Fernsehlotterie). Kann man Glück wirklich kaufen oder wird man beim Kaufen glücklich? Aus eigener Erfahrung weiß jeder, dass das Glück im Zusammenhang mit neuen materiellen Gütern in der Regel nur von kurzer Dauer ist. Ein Schatz, den wir gestern noch glücklich nach Hause getragen haben, ist heute schon ein gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand. Umgekehrt hat unsere materielle Lebenssituation natürlich einen Einfluss auf unser Wohlbefinden – der ist allerdings anders gelagert als gemeinhin angenommen. Wer mehr Geld auf seinem Konto hat, ist nicht automatisch auch glücklicher. Entscheidend ist, wie viel Geld man zur Verfügung hat. Bis zu einer bestimmten Grenze steht Geld in einem starken Zusammenhang mit dem Wohlbefinden. Es besteht ein riesengroßer Unterschied darin, ob man „kein“ oder „genug“ Geld hat, aber es macht kaum mehr einen Unterschied, ob man „genug“ oder „viel“ oder sogar „sehr viel“ Geld hat. Wenn wir für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse sorgen können, dann wirkt sich das natürlich positiv auf unser Wohlbefinden aus. Aber darüber hinaus hat die Summe auf unserem Bankkonto nur geringfügig etwas mit dem Grad unserer Zufriedenheit zu tun.

Viele Menschen in Deutschland führen ein Leben im Wohlstand und wollen trotzdem immer weiter nach vorn und immer höher hinaus. Besser leben war gestern, heute heißt die Devise: noch besser leben. Das Märchen vom Fischer und seiner Frau ist in Vergessenheit geraten. Was treibt uns dazu, die Dinge immer mehr zu steigern, immer stärker optimieren zu wollen? Möglicherweise ist es der Wettbewerb: Der Nachbar hat immer die schönere Frau, das größere Haus, den gepflegteren Garten, die älteren Weine. Unsere Zufriedenheit wird deutlich durch den sozialen Vergleich beeinflusst. Studierende wurden im Rahmen eines Experiments gefragt, ob sie lieber 50000 Dollar verdienen möchten, wenn das durchschnittliche Gehalt aller anderen 25.000 Dollar beträgt, oder ob sie sich lieber für 100000 Dollar entscheiden würden in einer Gesellschaft, in der der Durchschnitt 250000 Dollar nach Hause trägt.[i] Der Großteil der Befragten wählte das erste Szenario und verzichtete auf die Aussicht, zwar mehr zu verdienen, aber im Durchschnitt zu den „Geringverdienern“ zu zählen. Der Mensch scheint somit mitnichten das rational abwägende Wesen, welches die klassische Wirtschaftstheorie vormals mit dem Homo oeconomicus ausrief.

Weitere Studien untersuchten, inwiefern die Assoziation von Geld das Verhalten von Menschen beeinflusst.[ii] Die Testpersonen wurden zum Beispiel gebeten, in Sichtweite eines Monitors Fragebögen auszufüllen. Auf dem Bildschirmschoner sah die eine Gruppe Fische und die andere Geldscheine. Für den zweiten Teil des Versuchs sollten die Probanden schon mal einen Stuhl für sich und den angekündigten zweiten Teilnehmer hinstellen. Die Gruppe mit den Geldscheinen im Unterbewusstsein stellte den Stuhl im Durchschnitt fast einen halben Meter weiter weg als die Gruppe mit den im Hintergrund dargebotenen Fischen. Weiterhin untersuchten die Wissenschaftler um Vohs, wie sich die Präsenz von Geld auf die Hilfsbereitschaft auswirkt. Im Rahmen eines Monopoly-Spieles bekamen drei verschiedene Gruppen von Testpersonen entweder 4000 Dollar Spielgeld oder 200 Dollar Spielgeld oder gar kein Spielgeld. Danach führten sie die Versuchsteilnehmer auf den Flur, wo eine Mitarbeiterin vermeintlich zufällig eine Handvoll Stifte fallen ließ. Je mehr Geld die Testpersonen bekamen, desto weniger Stifte hoben sie auf. Warum auch? Wer reich ist, braucht nicht auf die Unterstützung seiner Mitmenschen hoffen, er kann sich die Hilfe einfach kaufen. Menschen, die mit Geld gelockt wurden, arbeiten auch länger an schwierigen Aufgaben, bevor sie andere um Hilfe bitten. Wer an Geld erinnert wurde, verhält sich egoistischer und selbstbezogener. Eine andere Studie fand heraus, dass Versuchspersonen, die sich Fotos von Luxusgütern anschauten, danach lieber alleine sind und sich ängstlicher und trauriger fühlten als die Kontrollgruppe, die neutrale Bilder sah.[iii] Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass sich materialistisch eingestellte Menschen stärker um ihre Position in der Gesellschaft sorgen, was zu stärkeren Ängsten und erhöhter Unzufriedenheit führen könne. Andere Untersuchungen belegen, dass Probanden, die materialistischen Reizen ausgesetzt waren, hinterher im Allgemeinen unzufriedener waren.[iv] Die Gegenwart von Geld verändert die Menschen – offenbar nicht zum Positiven.

Der Psychologe Bas Kast stellt die These auf, dass der Wohlstand unserer Gesellschaft auf Kosten persönlicher Beziehungen gehe: „Verkehrsmittel verführen dazu, weniger zu Fuß zu gehen – dennoch sind wir für unser körperliches Wohl auf Bewegung angewiesen. Auf ähnliche Weise verführt eine reiche Gesellschaft dazu, unser soziales Leben zu vernachlässigen, auch wenn es für unser psychisches Wohlbefinden das A und O bleibt.“[v] Hinzu kommt: Wer viel besitzt, hat viel zu verlieren. Sich ängstlich an seinen Besitz zu klammern ist das Gegenteil einer gelassenen Lebenseinstellung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Eigentum von unserem Eigentum werden.

Wenn Sie überlegen, ob Sie sich lieber eine neue Couch anschaffen oder Ihr Geld in einen Wochenendtrip nach Barcelona investieren wollen, entscheiden Sie sich für das Erlebnis. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Besitztümer offensichtlich nicht der Schlüssel zum Wohlbefinden sind, sondern viel eher bedeutsame Erfahrungen.[vi] Selbst außergewöhnliche Produkte werden zu gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen, die schnell in Vergessenheit geraten. An Erlebnisse erinnern wir uns deutlich länger und sie tragen zudem stärker zu unserer Identität bei als materielle Dinge. Außerdem können wir unsere Erfahrungen mit anderen Menschen teilen. Der Schriftsteller Hans Habe sagte einmal, dass Erfahrungen der einzig wahre Reichtum seien, weil wir ihn nicht verlieren, sondern nur verschenken können – und ihn auch dann behalten, wenn wir ihn verschenkt haben. Deshalb machen uns Erlebnisse viel zufriedener als der schnöde Mammon.

 

Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag„, (2013), Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag.


[i] Solnick, S. J. & Hemenway, D. (1998): „Is more always better?: A survey on positional concerns“, in: Journal of Economic Behavior & Organization, Volume 37, Issue 3, S. 373–383.

[ii] Vohs, K. D., Mead, N. L. & Goode, M. R. (2006): „The psychological consequences of money“, in: Science, Vol. 314, no. 5802, 1154-1156.

[iii] Bauer, M. A., Wilkie, J. E. B., Jung K. K. & V. Bodenhausen, G. (2012): „Cuing Consumerism: Situational Materialism Undermines Personal and Social Well-Being“, in: Psychological Science, 23(5), 517-523.

[iv] Kasser, T. & Ryan, R. M. (1993): „A dark side of the American dream: correlates of financial success as a central life aspiration“, in: Journal of personality and social psychology. Aug. 65(2): 410–22.

[v] Kast, B. (2012): „Ich weiß nicht, was ich wollen soll. Warum wir uns so schwer entscheiden können und wo das Glück zu finden ist“, Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag.

[vi] Van Boven, L. & Gilovich, T. (2003): „To Do or to Have? That Is the Question“, in: Journal of Personality and Social Psychology 85, 1193-1202.

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Wenn Sie überlegen, ob Sie sich lieber eine neue Couch anschaffen oder Ihr Geld in einen Wochenendtrip nach Barcelona investieren wollen, entscheiden Sie sich für das Erlebnis.“

    Wenn sie überlegen müssen, was und wie sie in / für ihre systemrationale Bewußtseinsbetäubung investieren sollten, dann haben sie schon wieder kapituliert vor dem Wettbewerb, dem geistigen Stillstand seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ und der gleichermaßen manipulierbar-gepflegten Bewußtseinsschwäche in Angst, Gewalt und „Individualbewußtsein“, vor allem aber haben sie wieder verloren, den Faden zum Weg in Möglichkeiten des geistig-heilenden Selbst- und Masenbewußtseins!

    „Die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. (Siegmund Freud)

    Vernunftbegabung zu eindeutiger Wahrheit und zweifelsfreiem Verstand von Menschenwürde, in „gott“gefälliger Nutzung der Kraft des Geistes von dem wir alle im SELBEN Maß durchströmt sind – Überwindung des Schicksals / der „göttlichen“ / schöpferischen / zentralbewußten „Sicherung“ vor dem Freien Willen und …, mehr als nur 10% der Hirnkapazität!? 🙂

  2. „Deshalb machen uns Erlebnisse viel zufriedener als der schnöde Mammon.“
    Deswegen ist das Verkaufserlebnis eben so wichtig! Das haben die US-Bürger und vor allem ihre Marketingstrategen wie Vance Packard schon sehr früh herausgefunden.
    Die Liste von Vance Packards Büchern ist sehr aufschlussreich und zeigt seinen psychologischen Ansatz:
    – 1946 How to Pick a Mate – a guide co-authored with the head of the Penn State marriage counseling service
    – 1950 Animal IQ – a popular paperback on animal intelligence
    – 1957 The Hidden Persuaders – on the advertising industry – the first of a popular series of books on sociology topics
    – 1959 The Status Seekers – describing American social stratification and behavior
    – 1960 The Waste Makers – criticizes planned obsolescence describing the impact of American productivity, especially on the national character
    – 1962 The Pyramid Climbers – describes the changing impact of American enterprise on managers, the structured lives of corporate executives and the conformity they need to advance in the hierarchy
    – 1964 The Naked Society – on the threats to privacy posed by new technologies such as computerized filing, modern surveillance techniques and methods for influencing human behavior

    Eigentlich witzig, dass ein Buch von 1964, nämlich The Naked Society, welches vor dem Überwachungs- und Gängelungsstaat warnt, so brandaktuell ist.

    Sein letztes Buch ist übrigens:
    1989 The Ultra Rich: How Much Is Too Much? – examines the lives of thirty American multimillionaires and their extravagances

    Passt doch sehr gut zu diesem Beitrag.

  3. „Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag““

    Mehr Gelassenheit im Alltag? darüber schreibt jemand, ein intelligenter Mensch zumal, ein Buch? – von Gelassenheit haben wir seit jeher mehr als wir verkraften können. Es hätte den deutschen Faschismus in seiner immanent perversen Ausprägung (bis heute) nicht geben können ohne die bis ins Absurde reichende „Gelassenheit im Alltag“ – das ist Ihnen hoffentlich klar. Wenn Sie schon „kleine Handbücher“ schreiben zu müssen meinen.

    • Es hätte den deutschen Faschismus in seiner immanent perversen Ausprägung (bis heute) nicht geben können ohne die bis ins Absurde reichende „Gelassenheit im Alltag“ – das ist Ihnen hoffentlich klar.

      Die Kollektivismen entstanden idR auf Grund einer deutlichen Unzufriedenheit mit dem wie gesellschaftlich implementiert worden ist, sie sind aus sich heraus „ungelassen“. Ansonsten bleibt aus der zitierten Nachricht womöglich eine gewisse Unzufriedenheit mit der Bürgerlichkeit herauszulesen, diese darf gerne beibehalten werden, sofern sie im Rahmen des Üblichen gepflegt bleibt.

      MFG
      Dr. W

  4. @ ungelassen: „Es hätte den deutschen Faschismus in seiner immanent perversen Ausprägung (bis heute) nicht geben können ohne die bis ins Absurde reichende „Gelassenheit im Alltag““. Sie können sicherlich Belege für Ihre These aufführen, wenn Sie schon kleine Kommentare schreiben müssen? Dann könnten die anderen Leser und Kommentierer unter Umständen etwas dazu lernen – das ist Ihnen hoffentlich klar?

    • Er meint sicher auch den Kreislauf des geistigen Stillstand seit der „Vertreibung“ und die dafür zeitgeistlich-reformistisch-gebildete Suppenkaspermentalität auf stets systemrationaler Lösungs-, Schuld- und Sündenbocksuche – Vernunftbegabung ist somit gescheitert am Geschäftssinn und seinen stumpf-, blöd- und wahnsinnigen Symptomatiken im nun „freiheitlichen“ Wettbewerb um …!?

  5. Unsere Zufriedenheit wird deutlich durch den sozialen Vergleich beeinflusst.

    Ein kluger Satz, wobei die Adjektivierung auch wegfallen kann.

    Schöne Weihnachtstage!

    MFG
    Dr. W

  6. Von theoretischen Erkenntnissen der Glücksforschung bleibt allerdings das Konsumverhalten der meisten Menschen unberührt. Schließlich will man sich für die durch entfremdete Arbeit und Alltagshektik entstandene Sinnleere entschädigen. Meist nicht mit etwas, was einem echten Lebenssinn entspricht. Schon die Frage, was echte von künstlichen Bedürfnissen unterscheidet, bringt Viele ins Schwitzen.
    Zumal „Bedürfnisse“ schon sprachlich auf den Zustand der Bedürftigen hinweist. Es gab eine Zeit, in der sich die meisten Menschen weitgehend selbst versorgten.
    Der Wandel zur Moderne wurde spätestens mit der Vertreibung von Bauern von ihren Feldern und dem Zwang zur Arbeit in Fabriken vollzogen. Von nun an waren sie belieferungs- bedürftig.
    Das Grundübel heißt Landnahme. Der erste Mensch, dem es einfiel, einen Zaun um ein Stück Land zu ziehen und zu sagen: „Das ist meins“ war der Ur- Kapitalist.
    Denn mit dem Land hatte er auch die dort lebenden Menschen „erworben“. Daher sprechen wir auch von „Land und Leute“.
    Bedürftigkeit heißt Abhängigkeit. Es heißt auch, selbst nichts mehr schaffen zu können- allenfalls Teil- Arbeiten zu einem Fertigprodukt leisten zu können.
    Damit bleibt nur noch der Heimwerker oder Kleingärtner als tatsächlich „Werkender“ übrig. „Werken“ ist im Unterschied zum „Arbeiten“ mit einem eigenen Schaffensprozess verbunden. Man schafft etwas, von der Idee über die Bearbeitung des Materials bis zum fertigen Produkt. Gelingt es, hat man „Freude“. Das ist weit mehr als kurzweiliger „Spaß“. Diese Art Freude ist ein wichtiger Teil von Glück.

  7. Ich würde ebenfalls die 50.000 statt der 100.000 nehmen. Warum? Weil (zumindest hier im Text) nichts darüber ausgesagt wurde, wie die Preise sind. Wenn aber das Durchschnittsgehalt 250.000 beträgt, werden die Preise entsprechend sein. Fragen Sie sich doch mal, ob Sie mit einem Gehalt leben möchten, das so weit unter unserem heutigen tatsächlichen Durchschnittseinkommen liegt…

    Generell jedoch ein schöner Artikel.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben