H.M. ist gestorben

Henry Gustav Molaison, dessen Schicksal seit Jahrzehnten in Fachbüchern Studierenden die anterograde Amnesie veranschaulicht, ist im Alter von 82 Jahren vergangenen Dienstag verstorben.

H.M. wurden im Alter von 27 Jahren die medialen Strukturen beider Temporallappen (2/3 des Hippocampus, Teil der Amygdala, Anteile der angrenzenden Rindenfelder) entfernt, um seine schweren epileptischen Anfälle zu lindern. Nach der Operation war H.M. dann auch größtenteils anfallsfrei. Der Eingriff führte jedoch auch zu einer anterograden Amnesie. H.M. wurde quasi in dem Moment vor seiner Operation eingefroren. Er war nicht mehr in der Lage neue Informationen zu speichern. Jahrzehnte später zum Beispiel bezeichnete er sich als jungen Mann und erschrak über sein Spiegelbild. Für H.M. blieb die Zeit stehen, weil er nicht mehr zur Speicherung deklarativer Gedächtnisinhalte fähig war.

Auch Patienten, bei denen der Hippocampus z.B. durch Alkoholismus oder Sauerstoffmangel nach einer Operation angegriffen wurde, weisen diese schwere Art der Gedächtnisstörung auf. Sie sind zwar zu einer tiefsinnigen Konversation fähig, können Kopfrechnen und von ihrer Einschulung erzählen – verlässt man sie aber für kurze Zeit werden sie die Person bei der Rückkehr nicht wieder erkennen. Je nach Zeitpunkt der Zerstörung wissen sie nicht, wer Angela Merkel oder Barack Obama ist, dass der Tante Emma Laden um die Ecke schon lange dicht machen musste und D-Mark, Lire und Francs ausgedient haben. Die Hollywood-Version liefert Nolans Thriller „Memento“. Die Hauptfigur tätowiert sich alle neuen wichtigen Informationen auf den Körper, um nicht zu vergessen.

Der Patient H.M. wurde vielen Tests unterzogen und erstaunlicherweise wurde entdeckt, dass er neue Verhaltensweisen lernen konnte, wie das koordinierte Versetzen von Scheiben im Turm-von-Hanoi Spiel. Er behauptete zwar jeden Tag aufs Neue, dass er das Spiel noch nie gespielt hätte, wurde trotzdem aufgrund prozeduralen Lernens jeden Tag besser. Wegen der Zerstörung seines Hippocampus konnte er nicht sich aber nicht daran erinnern, dass er das Spiel erlernt hatte. Der Patient H.M. war ein Beweis, dass der Hippocampus entscheidend an der Gedächtniskonsolidierung, der Überführung von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis, beteiligt ist.

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Quelle: NY Times: „H.M., an Unforgettable Amnesiac, Dies at 82

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Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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