Ende der Wende?

Dusche (Foto: Rainer Sturm./Pixelio)„An den Grenzen der Leitung“ titelte die Süddeutsche Zeitung vor zwei Wochen, und thematisierte damit ein Problem der Energieversorgung: Unflexible Großkraftwerke blockieren schon heute die Stromversorgung durch erneuerbare Energien. Mit der „Brückentechnologie“ Atomkraft hat Schwarz-Gelb somit die erste Brücke erfunden, die die gegenüber liegende Seite weiter fort rückt.

Ein gerne bemühter – und nicht gänzlich unbegründeter – Kritikpunkt an den erneuerbaren Energien ist ihre unberechenbare Leistung. Wind und Sonne sind eben nicht planbar, was dazu führt, dass die Energieeinspeisung ins Stromnetz schwankt. Doch mit neuen Speichertechniken und den verlässlichen Quellen Wasserkraft und Geothermie lassen sich diese Schwierigkeiten bewältigen. Es ist ja auch offizieller wirtschaftlicher wie politischer Konsens, dass wir langfristig eine zu 100 Prozent regenerative Stromversorgung wollen.

Wie passt es da bloß ins Bild, dass die zukünftige Regierung aus CDU und FDP nicht nur an neuen Kohlekraftwerken festhalten möchte, sondern heute bekannt gibt, die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängern zu wollen?

Das deutsche Hochspannungsnetz soll eine Frequenz von 50 Hertz aufweisen. Dazu müssen die Stromversorger ständig die eingespeiste Menge an den sekündlich wechselnden Bedarf anpassen. Doch bei Kohle- und Atomkraftwerken ist – anders als bei Gas oder Erneuerbaren – nichts mit mal eben anpassen. Hoch- oder Runterfahren dauert Stunden, eine Teillast ist schwierig. Da wir in Deutschland eine hohe Überproduktion von Strom haben, ist das Netz oftmals „dicht“, bevor die erneuerbaren Energien ein Watt beigetragen haben – Grundlast geht schließlich vor. Die Folge ist, dass regelmäßig Windkraftwerke abgeschaltet werden müssen, um das Netz vor einem Zusammenbruch zu bewahren. Die Rentabilität der Windparks sinkt, die CO2-Bilanz Deutschlands verschlechtert sich. Kurzum: Der Ausbau der erneuerbaren Energien verzögert sich, die Klimaschutzziele werden unerreichbar.

In den nächsten Jahren kommen Offshore-Windparks hinzu, die auch schwankende Energiemengen produzieren. Bleiben die Atomkraftwerke am Netz und kommen neue Kohlekraftwerke hinzu, kollidieren fossile und regenerative Energien unweigerlich. Lediglich Gas-Kraftwerke haben die notwendige Flexibilität. Von der Atomkraft als „Brückentechnologie“ zu sprechen, ist der reine Treppenwitz. Längere Laufzeiten von Atomkraftwerken verzögern den Umstieg auf erneuerbare Energien und die Entwicklung geeigneter Speichertechniken – ganz davon abgesehen, dass überhaupt kein „Überbrückungsbedarf“ besteht.

Als ich jung und naiv war, dachte ich mal, Politiker sollten das tun, was für die Gesellschaft am besten ist – und nicht das, was Milliarden in die Kassen von vier Konzernen spült, den Menschen aber nur Probleme beschert. Angela Merkel ist Physikerin und war Umweltministerin. Mir kann niemand erzählen, dass dieser Frau nicht klar ist, welchen Blödsinn sie den Wählern verkaufen will.

Foto: Rainer Sturm/Pixelio

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Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielleicht kann man ja ein Gesetz machen, dass der Stromverbraucher sein Verbrauchsverhalten flexibel an Wind und Sonne anpassen muss?
    Aber vielleicht ergibt sich als Kollateralnutzen der Klimacomputermodelle ja auch, dass kurzfristige präzise Wettermodelle die Zusammenarbeit zwischen den flexiblen Erzeugern und den zuverlässigen Erzeugern verbessern.

  2. @adenosine: Schwankungen

    Andersherum wird ein Schuh daraus: Ein Vorteil der Erneuerbaren und Gas gegenüber Kohle und Atom ist ja, dass sie sich dem Verbraucher anpassen lassen. Wasserkraft kann schon heute über Pumpspeicherwerke Schwankungen ausgleichen und Vorräte für Spitzenbedarf schaffen, Windkraft lässt sich drosseln, um Überproduktion zu vermeiden, und Solarenergie gibt es dann am meisten, wenn aufgrund höherer Temperaturen und Klimaanlagen auch Spitzenbedarf herrscht. Auch das in Planung befindliche Stromtankstellennetz und die Elektrofahrzeuge werden als Speicher funktionieren. Und Gaskraftwerke fangen die verbliebenen Schwankungen ab, bis die Speichertechnik ausgereift ist.

    Ohne Gas und/oder Erneuerbare wäre eine Stromversorgung mit Kohle und Atom netztechnisch gar nicht möglich – andersherum sehr wohl.

  3. Und ich habs gelesen 🙂

    Und ich versteh nach wie vor nicht, warum man solche Konzerne bzw die Regierung nicht für solche „Lügen“ verklagen kann. Kann doch nicht sein, daß man die Leute andauernd für doof verkauft.

  4. Der Atomausstieg ist verfrüht.

    Atom- und Kohlekraftwerke können nur langsam auf wechselnden Bedarf reagieren. Man hält die Produktion deshalb möglichst konstant und deckt Lastspitzen mit Gaskraftwerken und Pumpspeicher.

    Mit Wind- und Solarstrom wird das um vieles schlimmer. Der fließt völlig unregelmäßig und ist überhaupt nicht steuerbar. Es kann ohne weiteres sonntags um 4h Unmengen an Strom geben und keiner braucht ihn. Oder Windstille im Dezember während einer Verbrauchsspitze: riesige Nachfrage, aber kein Strom da. Die paar Pumpspeicher (die auch nicht gerade billig und zudem ökologisch umstritten sind) können das nie ausgleichen, keine Chance.

    Was fehlt sind leistbare, effiziente Speichertechnologien. Hier müssen Milliarden vorrangig investiert werden, ob noch ein paar GW Windräder mehr oder weniger herumstehen, ist zweitrangig, das mag in der Statistik nett aussehen (auch für mich), bringt uns aber nicht wirklich näher zum Ziel der Vollversorgung mit EE.

    Der Atomausstieg ist verfrüht, wer AKWs heute durch Wind+Gas ersetzt (was funktionieren würde), versenkt Milliarden, erhöht den CO2-Ausstoss und macht D noch abhängiger von fossiler Energie und den Launen der russischen Machthaber.

    Dass die EE noch nicht weit genug sind (wegen fehlender Speicherung, die Kosten wären zumindest bei Wind akzeptabel), sieht man auch daran, dass in D ca. 30 Gigawatt (mehr als die Leistung aller AKWs !) an Kohlekraftwerken geplant oder in Bau sind.

  5. @Christof: Marktanreize

    Ja, Wind- und Solarenergie sind eine Herausforderung für das Stromnetz. Aber: Wer soll denn in erneuerbare Energien investieren, wenn für deren Strom gar kein Platz im Netz ist? Und wer soll dann Speichertechnologien entwickeln, wenn keiner die erneuerbaren Energien weiter ausbaut? Bislang war der Atomausstieg für 2020 geplant, Zeit genug, noch so Einiges zu entwickeln und zu installieren – aber eben nur, wenn Planungssicherheit besteht und Forschung gefördert wird. Daran rüttelt Schwarz-Gelb gerade.

    Die geplanten Kohlekraftwerke (von denen immerhin einige in letzter Zeit aufgegeben wurden) sind eher ein Zeichen dafür, dass subventionierte, einheimische Kohle billig ist (vor allem, wenn sie dem eigenen Konzern gehört). Würden CO2-Zertifikate endlich mal gesteuert, sähe das mit der günstigen Kohle übrigens ruckzuck anders aus.

    Die Unabhängigkeit von Importen ist der einzige Aspekt, den Kohle tatsächlich Gas voraus hat. Für Atomkraftwerke gilt das jedoch nicht, Uran muss importiert werden.

    Und zuletzt ein Hinweis auf einen ausnahmsweise mal gelungenen Spon-Artikel: http://www.spiegel.de/…and/0,1518,655420,00.html

  6. Jawohl!

    Sehr schöner Artikel, der es treffend, ungeschminkt, kurz und bündig auf den Punkt bringt!

    Wir müssen uns auch fragen, wie wir die Lobbyisten der Atomkonzerne „entmachten“ können, weil sie ja die eigentlichen Dämonen in dieser Geschichte sind…

  7. Maßlos überschätzte erneuerbare Energien

    „Ohne Gas und/oder Erneuerbare wäre eine Stromversorgung mit Kohle und Atom netztechnisch gar nicht möglich – andersherum sehr wohl.“ Wie kommt es da wohl, daß bis Ende der 90er Jahre überhaupt eine sichere Stromversorgung möglich war, bevor Wind- und Sonnenenergie, mit Milliardenbeträgen subventioniert, einen meßbaren Beitrag leisten konnten? Die Windkraft leistet mit gegenwärtig fast 24.000 Windmühlen gerade einmal 6,3 % der Stromerzeugung, die Sonnenenergie weniger als 1 %. Die völlig unregelmäßige Leistungsabgabe kann nur genutzt werden, wenn konventionelle Kraftwerke auf halber Kraft und damit unwirtschaftlich laufend in Bereitschaft gehalten werden müssen. Nur durch die Leistungsabsicherung mit konventionellen Kraftwerken ist eine sichere Stromversorgung und vor allem eine sichere Bereitstellung der Grundlast möglich. Die ach so unflexiblen Grundlastkraftwerke sind für eine sichere Stromversorgung bitter notwendig! Im Jahre 2008 wurden 85,2% des in Deutschland verbrauchten Stroms durch Kernkraftwerke oder mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke erzeugt. Strom muß in dem Moment erzeugt werden, in dem er benötigt wird- eine Speicherung in großen Mengen ist nicht möglich. Alle Pumpspeicherkraftwerke in unserem Land könnten die Stromversorgung nur für wenige Stunden sicherstellen, dann sind sie erschöpft und müssen neu „aufgeladen“ werden!
    Haben Sie sich mal überlegt, warum der Mensch das Dampfschiff erfunden hat und die umweltfreundlichen Segelschiffe heute nur noch Museumscharakter haben? Warum laufen die umweltfreundlichen Windmühlen seit Jahrzehnten nicht mehr und warum wird das Korn elektrisch gemahlen? Bitte denken Sie mal ein wenig nach und verabschieden sich von Ideologie und Wunschdenken!

  8. @Armin Quentmeier

    Es geht heutzutage nicht nur um eine sichere, sondern auch um eine Umweltfreundliche Stromversorgung. Außerdem werden die fossilen Brennstoffe irgendwann erschöpft sein. „ Die völlig unregelmäßige Leistungsabgabe kann nur genutzt werden, wenn konventionelle Kraftwerke auf halber Kraft und damit unwirtschaftlich laufend in Bereitschaft gehalten werden müssen. Nur durch die Leistungsabsicherung mit konventionellen Kraftwerken ist eine sichere Stromversorgung und vor allem eine sichere Bereitstellung der Grundlast möglich.“ Die Forschung geht auch hier weiter und wird das Problem sicher einmal lösen können.
    Momentan ist man ja daran, die großen Wärmeverluste von herkömmlichen Kraftwerken in den Griff zu bekommen. Dazu werden Mini- oder Mikro-Blockheizkraftwerke für Einfamilienhäuser entwickelt.
    http://www.das-energieportal.de/…aerme-kopplung/

    „Haben Sie sich mal überlegt, warum der Mensch das Dampfschiff erfunden hat und die umweltfreundlichen Segelschiffe heute nur noch Museumscharakter haben?“ Neuerdings gibt es aus Energiespargründen auch wieder Schiffe mit Zusatzsegel.
    http://www.skysails.info/…f_mit_dem_Zusatzsegel.
    pdf

    „Warum laufen die umweltfreundlichen Windmühlen seit Jahrzehnten nicht mehr und warum wird das Korn elektrisch gemahlen? Bitte denken Sie mal ein wenig nach und verabschieden sich von Ideologie und Wunschdenken!“ Na ja, Windmühlen zur Stromerzeugung gibt es ja. M.E. sind moderne Energieanlagen fern ab von jeder Ideologie. Bei ständig steigenden Energiepreisen überlegen sich doch auch konservative Häuslebauer, ob man durch ein paar Sonnenkollektoren auf dem Dach oder einer Wärmepumpe im Garten nicht ein paar Euro an Stromkosten einsparen kann.

  9. @Armin Quentmeier: Grundlast

    Sie fragen: „Wie kommt es da wohl, daß bis Ende der 90er Jahre überhaupt eine sichere Stromversorgung möglich war, bevor Wind- und Sonnenenergie, mit Milliardenbeträgen subventioniert, einen meßbaren Beitrag leisten konnten?“ Die Antwort steht in meinem Beitrag: durch Gaskraftwerke. Ohne diese wäre eine fossile Stromversorgung nicht möglich, und genauso helfen die Gaskraftwerke dabei, die Lücke zu füllen, wenn mal gleichzeitig Nacht und Windstille ist, der Erdkern erfriert, das Wasser bergauf fließt, sämtliche Biomasse heimlich verrottet ist und wir gerade einen Spitzenstrombedarf haben, den Speicher nicht abfangen können.

    Entschuldigen Sie die Polemik, aber zum einen ist Ihr Kommentar damit ja auch gefüllt, zum anderen ist Ihre Sorge ein mehrfach entkräftetes Argument, und ich denke, das wissen Sie:

    – Sie selbst schreiben, Strom müsse erzeugt werden, wenn er verbraucht wird. Kohle- und Atomkraftwerke produzieren immer gleich viel Strom, immer Überschuss. Nachts sind die Strompreise von Kohle- und Atomkraftwerken an der Leipziger Börse häufig negativ, weil das günstiger ist, als die unflexiblen Kraftwerke runterzufahren.
    – Längerfristiger Spitzenbedarf besteht eigentlich nur, wenn im Sommer die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Da produziert die Solarenergie aber entsprechende Höchstmengen.
    – Der Spitzenbedarf durch die abendliche Beleuchtung wird durch Energiesparlampen und LEDs drastisch sinken.
    – Sie selbst schreiben davon, dass Speicher nur einige Stunden puffern können. Genau, und das genügt.
    – Deutschland hat selbst dann noch Strom exportiert, als zahlreiche AKWs mal wieder aufgrund technischer Probleme nicht am Netz waren. Wir haben genug Überschussleistung, und durch den Ausbau der Erneuerbaren und Energiesparmaßnahmen wird das Abschalten von AKWs und Kohlekraftwerden bestens kompensiert.
    – Ohne den Ausbau der Erneuerbaren bekommen wir den Klimawandel ziemlich sicher nicht mehr in den Griff, mit Erneuerbaren *und* Atom-/Kohlekraftwerken gibt es Netzprobleme und die technische Weiterentwicklung von Erneuerbaren und Speichermöglichenkeiten verläuft zu langsam.
    – Und um noch mal auf die Stichworte Ideologie und Unwirtschaftlichkeit einzugehen: Welches Unternehmen im Desertec-Konsortium ist Ihrer Meinung nach Öko-Ideologe und hat von BWL keine Ahnung?

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