Amtlich: Keine Stromknappheit in Deutschland

Steckdose (Foto: Olaf Sachsenweger/Pixelio)

Wann immer es um erneuerbare Energien, Kohle- und Atomkraftwerke geht, geistert ein Gespenst durch die Diskussionen, auch hier im Blog: Deutschland könne nicht auf Atomkraftwerke verzichten, weil der Ausbau des Kraftwerkparks mit klimafreundlichen Alternativen zur Kohle nicht schnell genug sei. Das hatte zuletzt die Deutsche Energieagentur im Frühjahr behauptet. Jetzt stellt ein Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums klar: Das Gegenteil einer Versorgungslücke wird der Fall sein.

Das Niveau der Versorgungssicherheit ist und bleibt hoch, so das Fazit des zweijährlichen Monitoring-Berichts zur Versorgungssicherheit im Bereich der Elektrizitätsversorgung in Deutschland im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Konkret sieht das so aus:

  • Zum Zeitpunkt der Jahreshöchstlast in 2006 (77,8 Gigawatt Last) bestand noch eine verbleibende Leistung von von 8,4 Gigawatt zuzüglich eine Reserve für Systemleistungen von 7,9 Gigawatt. Und das, obwohl 23,8 Gigawatt Kraftwerksleistung zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar waren (beispielsweise durch niedrigen Wasserstand an Wasserkraftwerken).
  • Bis 2020 werden weitere 20 Gigawatt Leistung benötigt, um die Abschaltung der Atomkraftwerke auszugleichen. Geplant sind von den Energiekonzernen bis 2015 sogar mehr als 31 Gigawatt allein mit Gas und Kohle – die Überversorgung würde deutlich steigen.
  • Der Bericht erwartet bis 2020 einen Anteil der regenerativen Energien von 23 Prozent, andere Expertenschätzungen rechnen mit bis zu 30 Prozent – also noch mehr Puffer.

Kurzum: Zusätzlich zu den Atomkraftwerken könnte ein Großteil der geplanten Neubauten von Kohlekraftwerken komplett entfallen, ohne dass es in Deutschland eine Versorgungslücke geben würde. Nur wenn alle noch nicht begonnenen Kraftwerksneubauten scheitern würden und sich die Energiekonzerne gleichzeitig weigern würden, notfalls einzelne Altkraftwerke wenige Jahre länger laufen zu lassen, könnte es ganz theoretisch eng werden. Ein Szenario, das wirklichkeitsferner nicht sein könnte.

In der Pressemitteilung des Wirtschaftsministeriums liest sich das übrigens wieder einmal etwas anders. Dort sagt Michael Glos: „Ich plädiere mit Nachdruck dafür, noch einmal darüber nachzudenken, ob wir uns den Luxus eines vorzeitigen Kernkraftausstiegs leisten können. Wir riskieren Versorgungssicherheitsprobleme, setzen die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie wegen hoher Strompreise aufs Spiel und erschweren unnötig unsere ehrgeizigen Bemühungen beim Klimaschutz. Alle rationalen Gründe sprechen für eine Verlängerung der Kernkraftwerkslaufzeiten.“ Ob Glos in den Bericht schon mal reingeschaut hat?

Foto: Olaf Sachsenweger/Pixelio

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Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Tja, nach dem Motto ´Dummheit siegt´ werden nach Abschaltung der Kernkraft die alten Kohlekraftwerke mit geringem Wirkungsgrad wohl weiter betrieben werden, ergänzt durch neuesubventionierte Gaskraftwerke. Als ökologischer Hoffnungsträger bleibt in Deutschland dann noch der Geburten- und Bevölkerungsrückgang; in Verbindung einem Fahrverbot für Alte könnte der Spritverbrauch dann überproportional reduziert werden. Die Aussicht auf einen wichtigen Weltmeistertitel ist also tatsächlich vorhanden.

  2. Optimismus pur

    Auch wenn der Bericht keine Verosrgungslücke zeigt, so werden entscheidende Punkte nur wenig berücksichtigt. Es wird angegeben, dass 11 GW neugebaute Leistung als gesichert angesehen werden können. Allerdings müssen dann auch ein Großteil der geplanten Kraftwerke auch gebaut werden. Aber wo werden denn die Kraftwerke tatsächlich gebaut? Überall wird ja protestiert und blockiert. Denn wenn jeder Standort blockiert wird, dann gibt es ein ernsthaftes Problem.

    Und die Tatsache, dass ein altes Kohlekraftwerk schädlicher als ein neues ist, das wird von der Bevölkerung auch nicht berücksichtigt.

  3. Keine Kohlekraftwerksneubauten?

    Hallo,

    so ganz verstehe ich die Argumentation hier (nicht in der Original-Publikation) nicht. Nach Aufzaehlung der Punkte, dass im Moment ein grosser Puffer da ist, bis 2020 neue 20 GW benoetigt werden und ueber Neubauten von Kohle- und Gaskraftwerken 31 GW zusaetzlich erzeugt werden, kommen Sie zu dem Schluss:

    „Kurzum: Zusätzlich zu den Atomkraftwerken könnte ein Großteil der geplanten Neubauten von Kohlekraftwerken komplett entfallen, ohne dass es in Deutschland eine Versorgungslücke geben würde.“

    Das ist fuer mich nicht ersichtlich. Dafuer ist doch wichtig, wieviel der 31 GW von Kohlekraftwerksneubauten kommen. Wenn das fast alle sein sollten, dann wuerde zumindest der Puffer kleiner werden und damit zumindest relativ die Versorgungssicherheit beeintraechtigt werden.

    MfG

    Utz P.

  4. Überkapazität durch Windkraft

    Bei der Betrachtung angeblicher Kraftwerks-Überkapazitäten in Deutschland muß zunächst einmal zwischen Grundlast und Spitzenlast unterschieden werden. Grundlast ist derjenige Teil des Stromverbrauchs, der rund um die Uhr benötigt wird. 50% der Grundlast werden durch Kernkraftwerke bereitgestellt, der Rest zum größten Teil von Steinkohle- und Braunkohlekraftwerken. Im Laufe eines jeden Tages schwankt der Stromverbrauch stark. Natürlich wird nachts weniger Strom verbraucht als tagsüber; am Morgen, zur Mittagszeit und am Abend gibt es ausgeprägte „Belastungsspitzen“: der Stromverbrauch steigt stark an. Der Spitzenlast-Strom wird meist durch Pumpspeicherkraftwerke und Gasturbinen-Kraftwerke erzeugt, die nur wenige Stunden am Tag laufen können und niemals 24 Stunden am Tag. Strom kann nicht in großen Mengen gespeichert werden, er muß dann erzeugt werden, wenn er verbraucht wird. Daher können Kohlekraftwerke nicht für die Deckung der Spitzenlast eingesetzt werden, denn ein Hochfahren von Null auf 100% dauert hier mehrere Stunden oder gar einen ganzen Tag. Daher kann die Gesamtheit aller Kraftwerke in Deutschland nie pauschal betrachtet werden: es muß immer zwischen Grund- und Spitzenlast unterschieden werden. Um die notwendige Netzstabilität zu gewährleisten, muß immer eine gewisse Überkapazität vorgehalten werden, um sofort Strom bereitstellen zu können, wenn ein Kraftwerk ausfällt.
    Die sogenannten alternativen Energien Windkraft und Sonnenenergie sind überhaupt nicht grundlastfähig: der Wind weht nun einmal völlig unbeständig und die Sonne steht nachts nicht zur Verfügung. An trüben Tagen (leider gibt es bei uns mehr Wolken- und Regentage als Sonnentage) sinkt die Leistungsabgabe von Sonnenzellen schnell auf weniger als 10 % des Wertes bei vollem Sonneschein. Windkraftwerke im Binnenland geben nur zu etwa 10 % der Laufzeit die installierte Leistung ab; an der See zu etwa 25 %. Die Leistungsabgabe kann innerhalb kürzester Zeit zwischen 0 und 100 % schwanken. Um diese Schwankungen auszugleichen, müssen konventionelle Kraftwerke vorgehalten werden. Da Gasturbinen- und Pumpspeicherkraftwerke nicht in erforderlichem Umfang bereitgestellt werden können, müssen Kohlekraftwerke mit halber Kraft laufen –wider alle wirtschaftliche und ökologische Vernunft!
    Für jedes MW installierte Windkraft-Leistung muß daher 1 MW durch konventionelle Kraftwerke bereitgestellt werden – daher kommt ein großer Teil der von Herrn Lohmann kritisierten Überkapazitäten von 23,8 (laut Studie 22,8) Gigawatt. Gegenwärtig sind Windkraftwerke mit 22 Gigawatt Windstrom-Leistung installiert – und daher müssen 22 Gigawatt konventionelle Kraftwerke in Reserve bereitstehen! Ich zitiere aus der Studie: „Die Entwicklung zeigt, dass die inländische Kraftwerksleistung insgesamt stetig angestiegen ist. Dies resultiert laut Angaben des VDN zu 87 % aus dem Zubau von Windkraftanlagen. Diese zunehmende Kraftwerksleistung geht einher mit einem Anstieg der nicht einsetzbaren Leistung, da die zunehmenden Windenergieanlagen-Kapazitäten aufgrund der volatilen Einspeisung lediglich mit einem geringen Anteil zur gesicherten Leistung beitragen können.“

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