100 Prozent erneuerbare Energien sind möglich – und notwendig

Greening the Economy Logo (Foto: Böll-Stiftung)

In der letzten Session der Great-Transformation-Konferenz ging es um die Frage, wie wir 100 Prozent erneuerbare Energien erreichen können. Dabei zeigte sich, dass das Zwei-Grad-Ziel gar keine Alternative lässt. Noch wichtiger ist jedoch die Botschaft, dass Europa das Ziel erreichen kann – und das fast ohne Zusatzkosten.

Bei heutigen Emissionen müssen wir bis 2030 CO2-frei wirtschaften

Es war kein Panel der Ökofreaks, es waren Wissenschaftler und Wirtschaftsexperten, die einstimmig Optimismus verbreiteten. Den Anfang machte Eicke Weber, der Leiter der Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme. Er betonte, dass zum Unterschreiten einer Erwärmung von zwei Grad bis zum Jahrhundertende weltweit maximal 750 Gigatonnen CO2-Äquivalente ausgestoßen werden dürfen. Bei den aktuellen 30 bis 35 Gigatonnen pro Jahr müsste die Welt 2030 CO2-frei wirtschaften. Und das sei möglich.

Europa hat mehr als genug erneuerbare Ressourcen

Weshalb diese Prognose naheliegend sei, unterstrich Michaele Schreyer, ehemalige EU-Haushalts-Kommissarin und Vizepräsidentin des Netzwerks Europäische Bewegung Deutschland. Aktuell verbraucht Europa jährlich rund 3550 Terawattstunden Strom. Das nutzbare Potenzial an Solarenergie beträgt jedoch im Jahr 2020 voraussichtlich 5780 Terawattstunden, Offshore-Windkraft könnte 2600 Terawattstunden liefern und Onshore-Windkraft sogar 9600. Doch da von den 360 Millionen Euro Förderung für CO2-arme Technik 250 Millionen in die Atomkraft fließen, bleibt die Frage: Wie finanziert man das?

Studie zeigt, 80 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 kostet nicht mehr als heutiger Strommix

Die Antwort darauf liefert eine aktuelle Studie, die David Porter von der Wirtschaftsberatung KEMA und Martin Rocholl von der European Climate Foundation vorstellten. Das Besondere an der Studie: Alle Daten entstammen der Wirtschaft, und „vorbelastete“ Einrichtungen wie beispielsweise ein Öko-Institut waren an der Erstellung nicht beteiligt. Die Ergebnisse der Studie in Kürze:

  • 2050 wird die EU 4900 Terawattstunden pro Jahr an Strom benötigen, um auch Elektroautos etc. versorgen zu können.
  • Szenarien mit 40, 60 oder 80 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 kosten genauso viel wie das Beibehalten des heutigen Strommixes. 100 Prozent wären marginal teurer.
  • Alle vier Szenarien sind technisch möglich.
  • Die Summe aus Sonnen- und Windenergie ist etwa konstant, im Winter mehr Wind, im Sommer mehr Sonne. Schwankungen können durch Wasserkraft ausgeglichen werden, denn:
  • Speicher werden maximal in Höhe von drei Prozent des Strombedarfs benötigt. Je höher der Anteil an erneuerbaren Energien ist, desto höher muss allerdings auch die installierte Kapazität sein.

Der Knackpunkt sind natürlich die Prämissen:

  • Wir müssen anfangs viel Geld in die Hand nehmen, das sich langfristig rentiert durch geringere Betriebskosten (keine Brennstoffe nötig).
  • Wir brauchen die schon angesprochene, etwa 220 Gigawatt höhere Backup-Kapazität.
  • Das Ganze funktioniert nur als europäische Lösung, indem man beispielsweise im Norden stark mit Offshore-Energie arbeitet, im Osten mit Biomasse und im Süden mit Solarenergie.
  • Notwendig dazu ist ein interregionales Stromnetz, das zehn Mal leistungsfähiger ist als das heutige. Dennoch ist es ebenfalls zehnfach günstiger, ein solches Netz aufzubauen als Einzelstaatenlösungen umzusetzen. Das gilt jedoch nur, wenn das Netz zu 75 Prozent überirdisch geführt wird – sonst wird es deutlich teurer.

Ohne ein einiges Europa ist der Klimawandel nicht zu bremsen

Daraus können wir noch eine Lehre ziehen: Weil das Zwei-Grad-Ziel unabdingbar ist und es sich nur als ein Europa erreichen lässt, wird ein einiges Europa zukünftig noch wichtiger, als es je war. Könnte das bitte jemand Frau Merkel ausrichten, falls sie wieder mal plant, aus Landtagswahltaktik Europa beinahe gegen die Wand zu fahren? Danke.

Björn Lohmann

Veröffentlicht von

www.buero32.de

Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. 100% „Erneuerbare Energien sind möglich“

    Die Menschheit hat vom Neandertaler bis hin zum Mittelalter bewiesen das 100% „Erneuerbare Energien“ möglich sind. Es stellt sich allenfalls die Frage ob der Lifestyle eines Neandertalers erstrebenswert ist.

    Wertloser Zufallsstrom aus Wind und Sonne kostet ein zig-faches dessen dem Verstande geschuldeter Energie. Gem. der altmodischen Mathematik ist demzufolge ein Mix mit 80% „Erneuerbarer Energie“ ein Vielfaches teurer als eine industrielle Stromerzeugung mittels Kohle und Kernenergie. Vermutlich hat der Autor die Regeln der Mathematik überwunden.

    Der Autor schreibt, dass die Summe aus Sonnen- und Windenergieeinspeisung etwa konstant sei. Ich habe es mir erlaubt einige Einspeisediagramme für Wind- und Solarstrom auf meiner Homepage http://www.oekoreligion.npage.de darzustellen. Die Wirklichkeit ist nicht im Einklang mit dieser Aussage.

    Die Speicherung von Strom ist sehr aufwändig und teuer. In der Wirklichkeit ist die Stromspeicherung häufig teurer als die dessen Erzeugung. Um die Erzeugungsschwankungen der umweltschädlichen Windmühlen und Solarzellen auszugleichen bedürfte es einer Monatsspeicherung. Der ideale Monatsspeicher ist Wasserstoff. Der Speicherwirkungsgrad liegt bei 30 – 40%. Die Kosten derartig gespeicherten Solarstroms liegen bei weit über 1 €/Kwh, etwa dem 50-fachen einer Erzeugung mittels Braunkohle, oder umweltfreundlicher Kernenergie.

    Vandale

  2. @Tummler: Falsche Zahlen

    Wie wäre es, wenn Sie zunächst mal in die Studie schauen, die ich im Beitrag verlinkt habe? Die Daten und Berechnungen stammen u.a. von McKinsey, Wissenschaftlern des Imperial College London und der Oxford Economics. Ein Ökoinstitut o.ä. suchen Sie vergebens.

    Demnach kosten 90 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 nicht mehr als der heutige Mix. Das ist letztlich sogar trivial, weil die Erneuerbaren Energien keine teuren (und teurer werdenden) Rohstoffe verbrauchen, sondern lediglich einmal hohe Investitionskosten haben. Aber sicher können Sie besser rechnen als die Leute bei McKinsey und haben seriösere Zahlen als die Energiekonzerne, die die Daten zu dieser Studie beigetragen haben.

    Dass Sonnen- und Windenergie sich übers Jahr grob zu einer Konstanten ergänzen, gilt für Gesamteuropa und beruht auf den Daten der europäischen Wetterdienste. Letztlich ist selbst das für einen Meteorologen nicht besonders überraschend.

    Stromspeicher sind eine erst wenige Jahre alte Technologie, die jedes Jahr neue Ideen hervorbringt (Wasserstoff, Wasser, Sand, Batterien…). Auch hier gilt: In ein bis zwei Jahrzehnten wird das wirtschaftlich sein – warum sonst sollte ein Konzern wie Evonik schon in diesem Jahr den ersten Prototypen einer 1-MW-Batterie in Betrieb nehmen? Warum sollte ein Konzern wie RWE sich an DeserTec beteiligen? Die wollen auch Geld verdienen, und das würden sie nicht, hätte die Technik keine wirtschaftliche Perspektive.
    Davon abgesehen zeigt die genannte Studie auch, wie wenig Speicherbedarf überhaupt herrschen würde, selbst bei 100 Prozent EE. Wasserkraft könnte das fast vollständig abfangen.

    Ich werde in der nächsten Zeit noch mal näher auf diese Studie eingehen, habe es bislang leider aus Zeitgründen nicht geschafft.

  3. Lohmann -Kosten konventioneller Energie

    Sie sprechen davon das Ihre Zahlen von renomierten Instituten stammen. Es gibt in der Tat in diesen renommierten Instituten Fachleute mit denen ich mich nicht messen kann. Wenn allerdings diese Fachleute aus „politischen“, oder anderen Gruenden der Opportunitaet sich von der Wirklichkeit entfernen, dann werden diese wertlos. Erinnern Sie sich bitte 10 Jahre zurueck als die renomiertesten Finanzfachleute der Telekom Aktie ein Kurspotential von 150 Euro einraeumten. Man hatte aus Opportunismus ein Kennzahlensystem entwickelt das abseits der Realitaet funktionierte. Mittels simpler Mathematike der bekannten Geschaeftszahlen (KGV, Cash Flow, Verschuldung) errechnete ich einen Wert von 10 – 15 Euro.

    Gerade in Faellen wo grosse Namen politisch instrumentalisiert werden bietet es sich an eine Analyse der bekannten Zahlen vorzunehmen, sofern man bereit ist einen eigenen Glauben in Frage zu stellen. Sie koennen sich gerne meine Analysen ansehen. Ich selber lese gerne Analysen wobei ich dann manchmal nachrechne und nicht immer zum selben Schluss komme wie der Autor.

    Sie behaupten das die konventionellen Brennstoffe teurer werden muessten. Nun fuer die Stromerzeugung bietet sich zunaechst die Kohle an. Braunkohle kostet seit 10 Jahren etwa 40 Euro/to SKE, Import Steinkohle kostet nicht mehr als 1981. Kernbrennstoff kostet nicht mehr als 1979 (seinerzeit mit Wiederaufbereitung).

    Wind u. Sonnenenergie erfordern nicht nur eine einmalige Investition sondern verursachen hohe Betriebskosten. Die Betriebskosten der umweltschaedlichen Windmuehlen liegen ueber dem potentiellen, nicht subventionierten Ertrag. Solarzellen verlieren an Leistung und erfordern Wartung. Auch hier liegen die reinen Betriebskosten ueber dem moeglichen Ertrag.

    Hinsichtlich der Stromspeicherung setzen Sie einfach das Prinzip der Hoffnung das die Wirklichkeit sich Ihrem Glauben anpasst.

    Vandale

  4. @Trummler: Klub der Leugner

    Ein amerikanischer Kreationist sagte bei einer Anhörung mal den schönen, selbstentlarvenden Satz, jemand müsse ja den Experten die Stirn bieten. Vielleicht sollten Sie einen Aufnahmeantrag in den Klub stellen?

  5. Wie armselig…

    …von Ihnen Herr Lohmann, ihren Kritiker in die Kreationisten-Ecke stellen zu wollen, statt auf die Kritik einzugehen.

  6. @Toastboot: Argumente

    Bitte lesen Sie doch die Argumente, die Horst Tummler hier im Blog regelmäßig vorträgt. Es ist genau die Argumentationsweise der Kreationisten, Impfgegner, Holocaustleugner, etc. Damit sage ich nicht, Herr Tummler zähle zu diesen Gruppen. Aber es gibt eben die Gemeinsamkeit, dass in der Wissenschaft unumstrittene, plausibel begründete Dinge auf unseriöse Weise geleugnet werden.

    Konkret in diesem Fall:

    – Herr Tummler unterstellt den Studienmitwirkenden von Unternehmensberatung bis Forschungsinstituten, sich von der Wirklichkeit zu entfernen – weil ihm das Ergebnis der Studie nicht passt, und nicht etwa, weil er Fehler in der Studie entdeckt hat.

    – Er vergleicht ingenieur- und wirtschaftswissenschaftliche Analysen mit Börsenprognosen – was für sich schon absurd ist. Ich erinnere nur an das Experiment, in dem ein Affe eine Gruppe Börsenmakler beim Spekulieren geschlagen hat. Natürlich hat er Jahre später als Einziger alles vorher gewusst; ich frage mich bloß, weshalb er nicht mit Put-Optionen Milliardär geworden ist…

    – Zu Kohle und Uran nennt er unbelegte Zahlen, vergleicht unseriös zwei Einzelpunkte, wo es um einen Trend geht. In der Literatur findet man belastbare Zahlen, beispielsweise bei HWWI und IWF, dass sich der Preis für Importkohle, russisches Erdgas und Öl zwischen Januar 2002 und Dezember 2007 rund vervierfacht hat. Das BAFA zeigt mit den Steinkohlepreisen von 1996 bis 2009 einen klaren Trend: Der Preis hat sich kontinuierlich erhöht (knapp verdreifacht) und selbst die Wirtschaftskrise hat nur einen kleinen Knick verursacht.

    – Wind- und Sonnenenergie haben natürlich – wie jedes Kraftwerke – Wartungskosten. Doch gerade Solarkraftwerke weisen dort nur minimale Kosten auf, weil es keine beweglichen Verschleißteile gibt. Herr Trummler stellt eine unbelegte Behauptung auf, die im Widerspruch steht zur detailliert belegten Aussage in der Studie. Man beachte: Erneut zeigt er nicht, wo die Studie Fehler macht, sondern behauptet einfach was anderes.

    – Beim Thema Stromspeicherung wirft er mit billiger Rhetorik um sich, anstatt Fakten überhaupt nur zu betrachten. Wenn ein Konzern wie Evonik noch in diesem Jahr die erste Batterie für Großkraftwerke in Betrieb nehmen will und sich in der Fachliteratur neue, immer günstigere und leistungsfähigere Konzepte der Energiespeicherung finden, sollte man sich fragen, wer nicht in der Wirklichkeit lebt.

    Ich gehe mit Argumenten meiner Kritiker sehr sorgfältig um. Ich bin Journalist, nicht Dogmatiker. Dafür finden sich in den Diskussionen hier genügend Beispiele. Aber wenn jemand gar nicht argumentiert, sondern nur behauptet – und zwar Unsinn – , dann gehe ich irgendwann tatsächlich nicht mehr im Detail darauf ein.

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