Wissenschaftsbloggen IST eine Karriere – Ein Erfahrungsbericht

Wissenschaft, Familie und ein spannender, dann auch mal unbefristeter Beruf – kann das irgendwie zusammen gehen? Immerhin verlassen jährlich zahlreiche studierte Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler die Universitäten, ohne dass es für uns „natürliche“ Arbeitgeber (wie etwa für Theologen, Naturwissenschaftler oder auch Mediziner – obgleich Markus Dahlem da auch bedrückendes zu berichten hat…) gibt. Die Folgen sind oft harte Konkurrenz, personelle Abhängigkeiten und befristet-geteilte Arbeitsverhältnisse ohne Erfolgsgarantie.
Als nach dem Gewinn eines Bundes-Studienpreises überraschend ein (wissenschaftsnahes) Jobangebot kam und unser erstes Kind unterwegs war, entschied ich, keinen klassischen Karriereweg einzuschlagen, sondern neben dem Beruf weiter wissenschaftlich zu arbeiten: zu promovieren, zu publizieren, Lehraufträge anzunehmen und schließlich zu bloggen. Wie wirkte sich das aus? Ein Rückblick anläßlich des Bloggewitters „Bloggen und Karriere: Unvereinbar?“.
Wie kam es zur Bloggerei?
Es war zunächst einfach nur eine Spielerei, nachdem sich auf Dol2Day überraschend viele für Religionswissenschaft interessiert hatten, ein privates Tagebuch, in das ich Forschungsnotizen einstellte und mit Kommentatorinnen und Kommentatoren diskutieren konnte. Hier noch der damals selbstgebastelte Header des längst erloschenen Experiments… 🙂
Zu meiner Überraschung fand schon dieser Anfängerblog, über den ich auf meine Homepage mit den Materialien verlinkte, viel Anklang und es trudelten erste Anfragen von Kolleginnen und Kollegen sowie von Journalisten und Verlegern ein. Nach einem Gastbeitrag zum Zölibat bei Lars Fischer, der gleich mal 235 Kommentare auf sich zog, erhielt ich eine Einladung hierher – und bin seit 2008 glücklicher Scilogger je mit dem deutschen „Natur des Glaubens“ und seit 2009 auch dem englischen „Biology of Religion“.

Für manche nur ein Bus, für Blogger ein fahrender Arbeitsplatz. 🙂
Bild: Michael Blume

Wie geht das zeitlich?
Sicher: Bloggen braucht Zeit. Aus verschiedenen Gründen (Finanzen, Umwelt, Rentierstaatstheorie…) verzichtete ich vor einigen Jahren auf das eigene Auto und nutze stattdessen die Zeit in Bussen und Bahnen für Fachliteratur und das Kommentieren. Blogposts schreibe ich – oft schon für die Woche im Voraus – auf Zugfahrten, am Wochenende oder abends, wenn die Kinder schlafen. Meine Frau Zehra hat ihren eigenen Schwerpunkt auf Facebook. Dafür verzichten wir halt auf das meiste, was so im Fernsehen läuft und schauen per Festplattenrecorder nur noch Sendungen, die uns wirklich interessieren. Das Zeitfresser-Zappen fehlt uns irgendwie gar nicht.
Und ja, Kinder. Inzwischen haben wir drei – und genießen (und lernen) jede Sekunde, in denen sich das Leben um die Kleinen dreht. Auch da ist es genial, dass man die Zeit für das Netz-Engagement frei einteilen kann. Im Zweifel geht halt die Familie vor (was aber auch erklärt, warum Eltern in Netzaktivitäten unterrepräsentiert sind und einer oft familien-, frauen- und religionsfeindlichen Netzkultur weniger entgegensetzen können).
In der Evolution dreht sich immer alles um die nächste Generation… Und das kann man spüren… Bild: Elyas & Michael Blume

Wie hat sich das Bloggen ausgewirkt?
Klar, ernsthaftes Bloggen kostet auch oft Nerven. Und man braucht einen Partner oder eine Partnerin, die einerseits Verständnis haben, aber auch Stopsignale setzen, wenn es überhand nimmt. Danke, Zehra, dass es Dich gibt! Und die Vorteile, die sich dann aus dem Bloggen über den Spaß hinaus ergaben, hätte ich mir nicht erträumen können.
Es fängt ganz banal damit an, dass man sich in Themen und Thesen sehr viel besser vertiefen kann, wenn man darüber gebloggt und mit anderen diskutiert hat. Und auch als Wissenschaftler erklärt man ja nicht nur, sondern entdeckt (wie in guten Uniseminaren auch) durch Debatten neue Perspektiven und Argumente, zumal konstruktive Kommentatorinnen und Kommentatoren – das große Glück des Bloggers – sich oft Mühe machen, auch Links und Hinweise beisteuern. Eine große Rolle spielen auch wunderbare Mit-Bloggende, von denen sich jede Menge lernen lässt. Auf den Scilogs bekomme ich meine Dosis Interdisziplinarität täglich gratis.
Hinzu kommt die Sichtbarkeit: Journalisten, Verlegerinnen und auch Kolleginnen und Kollegen der Wissenschaft nutzen das Internet längst, um sich zu informieren, Ansprech-, Vortrags- und Publikationspartner zu finden. Das reicht auch über Berufsgruppen hinaus, beispielsweise zu Lehrkräften und Medizinern. Inzwischen muss ich die meisten Anfragen für Texte, Vorträge und Projekte sogar leider absagen. Auch Honorare spielen manchmal eine – bei einer kinderreichen Familie, zugegeben, nicht völlig unerhebliche – Rolle. Schließlich entstand über das Bloggen aber auch ein Werbeeffekt: So hat unser Sachbuch „Gott, Gene und Gehirn“ in drei Jahren drei Auflagen erreicht!
Dabei ist, was leider von manchem vergessen wird, das Prinzip des Bloggens die Vernetzung, nicht nur die Selbstdarstellung! Kein Mensch kann reihenweise interessanter Beiträge „nur aus sich“ schöpfen. Und warum auch? Es macht doch mindestens ebenso viel Freude, beispielsweise ein tolles Buch von Thomas Grüter, einen starken Blogpost von Beatrice Lugger, einen Forschungshinweis von Stephan Schleim, auch mal eine gelungene Ausgabe einer Tageszeitung, eine lesenswerte Dissertation von Christoph Sprich, den Mystik-Blog von Stefan oder das atemberaubende Gehirn-Projekt von Arvid Leyh (um nur wenige Beispiele zu nennen) aufzugreifen und bekannter zu machen. Sowohl die Leserinnen und Leser wie auch die Betreffenden freuen sich, manche erwidern die Freundlichkeit und es entsteht eine an interessanten Inhalten orientierte Aufwärtsspirale. Ehrlich gesagt finde ich sogar, dass wir dieses Potential von Gegenseitigkeit in der Blogosphäre heute nur unzureichend nutzen.
Besonders positiv hat sich das Bloggen und Vernetzen übrigens international ausgewirkt. Es kamen Einladungen zu mehreren, auch internationalen Kongressen, Mails, Bücher und auch Besuche von bekannten Kolleginnen und Kollegen und zum Beispiel auch die Bitte von David Sloan Wilson, den Religionsbereich von „Evolution – This View of Life“ zu betreuen. Realistisch gesehen: Ohne das Netz hätte sich wohl kaum herum gesprochen, dass da ein süddeutscher Religionswissenschafter zu Evolution & Demografie forscht und damit einen kleinen Beitrag wiederum zu anderen Forschungsprogrammen leisten kann.
Auch in der Lehre wirkt sich das Bloggen überraschend positiv aus: Viele meiner Studierenden erkundigen sich im Blog vorab über die Seminar- oder auch Prüfungsthemen und manche bleiben thematisch auch über Jahre „am Ball“. Auch kommen immer wieder Anfragen von Oberstufenschülerinnen und -schülern, die z.B. „Neurotheologie“ oder „Homo religiosus“ als Abitursthema wählen, ihre On- und Offline-Lektüre mit Interviewfragen aufpeppen und damit (soweit ich die Rückmeldungen sehe) Lehrkräfte durchaus überzeugen. Und zu öffentlichen Vorträgen wie bei der jährlichen Ringvorlesung Evolution an der Universität Tübingen (2012 am 17.7) kommen auch immer wieder ein paar interessierte Bloglesende „extra“.

Ist das Bloggen aber nicht auch risikoreich?

Auf jeden Fall! Die sozialen Medien sind neu und es haben sich auch noch kaum kulturelle Regeln durchgesetzt. Entsprechend wimmelt es von Menschen – meist frustrierten Männern -, die über das Netz ihre Verbitterung versprühen: Extremisten, Trolle, Basher (im Religionsbereich sehr viele davon), Stalker, Mobber. Man muss sich schon klar machen: Eltern, Frauen, glückliche Menschen mit Ehrenämtern etc. nutzen die Blogosphäre seltener und weniger aggressiv, so dass häufig noch halbstarke Pöbler den Ton angeben. Wer sich diesem Netz-Mainstream nicht fügt, muss sich immer wieder auf aggressive Mails, Blogposts und Tweets einstellen, mit denen Web-Machos einander in ihrer vermeintlichen Überlegenheit bestätigen und Shitstorms zu entfesseln versuchen.


Die Shitstorm-Skala (für größere Version anklicken) von Barbara Schwede und Daniel Graf der Schweizer Agentur „Feinheit“.

Und: Wir alle – auch wir Blogger selbst – sind auf diese halb-anonymen Online-Situationen evolutionär gar nicht vorbereitet, was zu weiteren Missverständnissen, auch eigenen Fehlern und bitteren Erfahrungen führt. Aber deswegen gar nichts riskieren? Hallo, wie viele Leben haben wir denn? Und wie viele Generationen haben schon die Chance, an der Entdeckung und Entwicklung ganz neuer Medien- und Erfahrungswelten mitzuwirken? Wer da nur auf Nummer Sicher gehen möchte, braucht sich auch nicht zu wundern, wenn andere die Geschichte(n) schreiben. Warum nicht auch die negativen Erfahrungen lieber als „teilnehmender Beobachter“ der dynamischen Netzkultur verarbeiten und wiederum Studien und Artikel daraus machen? Wir sind nun einmal Wildbeuter im Web 2.0.

 

Wissenschaftsbloggen – eine Karriere?

Wir leben in aufregenden Zeiten. Und in ein paar Jahrzehnten wird man über den Web-Machismo der ersten Netzgeneration wohl nur noch mitleidig schmunzeln. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dürften gelernt haben, das – Stichwort ARPANET – eigens für sie entwickelte Netz für Studium, Lehre und Forschung zu nutzen. Dynamische Akademien, Institute und Lehrstühle werden darauf achten, in ihren Reihen auch aktive Bloggende und Netizens zu fördern, die das Gelernte und Erforschte in die vernetzte Welt tragen. Und wie schon zu Zeiten der „Bürgerwissenschaftler“ Darwin und Einstein werden sich über das Netz auch Forschende und Lehrende aus Berufen und Familien heraus weiter in ihre Disziplinen einbringen, die Hauptamtlichen unterstützen und die Wissensgesellschaft mitgestalten. Das Internet bringt uns ganz sicher kein Paradies auf Erden – aber doch neben allen Gefahren auch jede Menge Chancen, etwas aufzubauen. Und wir sind ja erst ganz am Anfang…

So, das war mal etwas länger. Und wer dennoch (kostenlos) rund um Netzkultur & Religion(swissenschaft) weiterlesen mag – Klick!:

* Blume, M. (2012): „Gott in Wilden Netzen – Religion im Brennpunkt des Web 2.0“, In: Herder Korrespondenz 05/2012, S. 260 – 264

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bloggen schadet

    Ich habe in meinem Blog einen Artikel geschrieben mit dem Titel „Warum dieser Blog?“ Der Artikel behandelt zur Hälfte das Thema, warum Wissenschaftler nicht bloggen und kommt zu dem Ergebnis, daß das hauptsächlich daran liegt, daß Bloggen der Karriere schadet. In dem „Bloggewitter“ scheinen, soweit ich das im Moment sehe, alle der gegenteiligen Meinung zu sein. Darum scheint es mir sinnvoll, meinen Artikel irgendwie in das Bloggewitter einzubinden, damit es nicht so einseitig ausgeht. Geht das? Kann mir einer einen Tipp geben?

  2. Hallo Herr Blume

    Danke für diesen mutmachenden Beitrag zum Thema Bloggen. Leider habe ich mich nicht immer beruflich für Dinge entschieden, die mir Spass gemacht haben. Das sichere Geld verdienen spielte immer die entscheidende Rolle. Deshalb danke für eine andere Sichtweise.

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