Wie ein Jeside bzw. Ezidi seinen Glauben versteht – Ein Gastbeitrag mit Fragemöglichkeit

Auf meinen Buchauszug zur fälschlich behaupteten „Teufelsanbetung“ von Jesiden habe ich eine Vielzahl überwiegend positiver Rückmeldungen bekommen. Ein Jeside wandte sich an mich und bot an, einmal aus der „religiösen Innensicht“ selbst zu beschreiben, wie er seinen Glauben versteht, außerdem auf sachliche Fragen von Leserinnen und Lesern von „Natur des Glaubens“ zu antworten. Das ermögliche ich gerne, hier ist also sein Gastbeitrag:

 

Allgemeines

In diesem Artikel möchte ich auf die Religion der Jesiden (Yeziden, Ezda oder Ezidi) eingehen. Damit der Rahmen dieses Artikel nicht gesprengt wird beschränke ich mich auf die wichtigsten Aspekte um einen groben Überblick über das Jesidentum zu schaffen.

Im Vorfeld möchte ich mich gleich bei allen LeserInnen für das Interesse bedanken.

Ursprung:

Bis heute ist immer noch nicht geklärt wann genau das Jesidentum entstand. Die ersten Schriftlichen Aufzeichnungen datieren das 12. Jahrhundert. Heute weiß man, dass die Religion ca. 5000 Jahre alt ist. Das Jesidentum ist die Ursprungsreligion der Kurden, welche vor ca. 3000 Jahre vor Christus entstand. Inzwischen geht man weiter davon aus, dass die Wurzeln des Jesidentums sogar noch vor dieser Zeit liegen. Die Jesiden verstehen sich ethnisch als Kurden. Die Forschung darüber ist relativ schwierig. König Dareios I. versuchte ca. 529 v. Chr die Spuren der alten Jesiden zu verwischen und sie mussten zugunsten der neuen zarathustrischen Religion in den Hintergrund treten.

Heute sind die Jesiden unter den Kurden eine Minderheit. Besonders nach der Entstehung des Islams um ca. 700 n. Chr wurden viele Kurden (Jesiden) Opfer der Zwangsislamisierung. Im Laufe der Zeit und auch bis heute werden die Jesiden immer noch auf Grund Ihres Glaubens verfolgt und Zwangs-bekehrt. Um das Überleben dieser Religion zu sichern wurden diverse Schutzmechanismen eingeführt, so auch die Einführung von Gebräuchen anderer Religionen. Die Jesiden haben kein Buch im Sinne einer Bibel. Der Glaube wird mündlich in sogenannten Qewl´s (gauls) Lieder weiter gegeben. Folgendes Foto Zeigt den Eingang zu Lalish, die Heiligste Stätte der Jesiden.

Lalish

Jesiden? Aber es heißt Ezidi und stammt vom Wort Ezda

Im deutschen Raum wird oft von Jesiden oder Yeziden gesprochen. Die Religion selbst bezeichnet sich als Ezidi oder Ezda. Ich möchte dennoch weiterhin das Wort Jesiden in diesem Artikel verwenden.

Das Wort Ezda:

Das kurdische Wort Ezda ist einer von vielen Namen die auf Gott zurückzuführen sind. Das Wort lässt sich folgendermaßen aufteilen:

Ez = ich

da = geben

 

Zusammengesetzt und in diesem Kontext hat es die Bedeutung:

 

„Der mich erschaffen hat“

 

Das Wort Xweda

Daneben gibt es noch das kurdische Wort Xweda (deutsch: Gott). Im kurdischen wird dieses Wort sowohl bei den Jesiden als auch bei den kurdischen Muslimen für Gott verwendet: Aufteilung des Wortes Xweda:

 

Xwe = Sich

da = geben

Das Kurdische Wort für Gott heißt übersetzt:

 

„Der sich selbst erschaffen hat.“

 

Der sich selbst erschaffen hat und der mich erschaffen hat ist im Jesidentum quasi das Logo. Alles führt darauf zurück, dass Gott alles und jenes erschaffen hat. Ferner erkennt man hier den ersten Weg zu einer monotheistische Religion.

 

Übersetzung der 1. Zeile des Abendgebetes:

 

Ya rebî tu xwedayî, tu ezdayî

Oh Schöpfer, der sich selbst erschaffen, der mich erschaffen hat

 

Hier sind auch die beiden Wörter Ezda und Xweda wieder zu finden. Auch ist nun geklärt, warum es richtiger ist zu sagen Ezidi.

Die Urperle (deutsch Urknall):

Alles begann damit, dass Gott sich selbst erschaffen hat. Anschließend wurde die Urperle erschaffen. Dort befand sich Gott in Mitte eines Zeitlosen Raumes. Gott füllte diesen mit Wasser und alles was zum Aufbau der Materiellen Welt nötig ist. Auch wurden die Religionen erschaffen. Gott gab ihnen diverse Farben.

„Das Jesidentum weigert sich zu behaupten, das sie die wahre Religion sind. Da sie davon ausgehen, dass Gott alle Religionen erschaffen hat und jede ein Teil der Wahrheit ist. Ferner beten alle Menschen den einen Gott an.“
Gott trennte sich von der Perle und aus der daraus erfolgten Explosion ging das Universum hervor.
Jedes Jahr im April feiern die Jesiden am rotten Mittwoch diesen Tag. Es werden Eier bunt gefärbt und Häuser werden mit Blumen geschmückt. Jeder Mittwoch in der Woche ist ein heiliger Tag.

Engel:

Gott erschuf aus seinem Licht sieben Engel. Diese sollen die Planeten auf den richtigen Bahnen lenken und bei der Entstehung der Erde mitwirken. Weiterhin symbolisieren die verschiedenen Engel die Naturgesetze. Den sieben Engeln werden zudem die Planeten im Sonnensystem zugeordnet. Die Jesiden sind Sonnenanbeter, da für sie die Sonne der sichtbare Beweis für Gott ist.

Taws-i Melek

Der wichtigste der sieben Engel ist Tawsi Melek (Tausi Melek) zu deutsch der Engel Pfau. Gottes erstes und wichtigstes Gebot war an den Engeln, dass sie sich niemanden außer Gott selbst unterwerfen dürfen.

Als Adam erschaffen wurde befahl Gott den sieben Engeln sich vor ihm zu verneigen. Alle taten es bis auf Tawsi Melek. Es war eine Prüfung und der Engel Pfau hat das erste Gebot nicht vergessen. So wurde dieser Engel zum obersten aller Engel.
Im Islam existiert eine ähnliche Geschichte: Iblis verweigerte es, sich ebenfalls zu verneigen. Jedoch tat er dies aus Arroganz nicht. Gott schickte ihn in die Hölle und er Symbolisiert somit im Islam den Teufel.
Im Jesidentum existiert keine Hölle oder gar ein Teufel. Nach ihrer Vorstellung wäre Gott schwach, wenn er eine zweite Macht neben sich herrschen lassen würde. Abgesehen davon, handelt es sich nicht um die gleichen Engel. Daher ist der Begriff Teufelsanbeter völlig unangebracht.

MelekTausJezidismus

Das Jesidentum ist somit sehr streng monotheistisch. Das Böse existiert lediglich im Menschen selbst. Um das nachvollziehen zu können muss man sich vom klassischen Muster von gut und böse (Himmel und Hölle) befreien. Nach Jesidischer Vorstellung wird Gott sich nicht in dieser Welt einmischen. Er hat uns die Sinne und die Gabe des Handelns gegeben. Und nur der Mensch selbst kann für sich den richtigen Weg gehen.

Der Tod

Die Jesiden glauben an einer Wiedergeburt (Seelenwanderung). Es gibt eine Art Lebenskreis. Nach dem Tod muss sich jeder für seine Taten vor Gott und den Engeln verantworten. Einfach gesagt: War der Mensch gut, bekommt er Zutritt ins Paradies und sein eigentliches Leben endet. Ansonsten wird er wiedergeboren, er erhält einen neuen Zustand und je nach Taten hat er ein gutes oder weniger gutes „Karma“.

Andere Religionen

Das Jesidentum erkennt alle Religionen und ihre Propheten an. So haben die Jesiden und die Christen ein sehr gutes Verhältnis. Es gibt dennoch Unterschiede was die Beschreibung z.B von Jesus angeht. So heißt es in einem Gebet:

 

Jesus hat keinen Vater aber eine Mutter

Er ist ein heiliger Mensch

Es besteht keinen Zweifel Jesus wurde aus Gottes Licht erschaffen

 

Der Unterschied hier ist, dass Jesus nicht Gottes Sohn ist. Das wiederum würde nach Jesidischer Vorstellung die Allmacht und Einzigartigkeit Gottes missachten.

Das Kastensystem

Im 12 Jahrhundert wo das Jesidentum fast ausgerottet wurde führte Scheich ʿAdī (Nach Jesidischer Vorstellung ist er die Inkarnation von Tawsi-Melek) ein erweitertes Kastensystem ein. Diese lassen sich in drei Hauptklassen unterteilen:

 

Pirs(der Ältere ), Scheich, Murid (die Laien).

 

Wobei die ersten beiden die religiösen Führungskräfte darstellen.

Es kann nur innerhalb der Kaste selbst geheiratet werden. Als Jeside wird man geboren. Es finden keine Missionierungen statt. Dies ist auch gar nicht nötig, da wir vor Gott alle gleich sind. In einem Gebet wird gesagt:

 

Schütze erst die anderen Völker und erst dann uns selbst.

 

Weiter wird gelehrt, dass ein guter Mensch nicht zwangsläufig Jeside sein muss.

Ferner kann auch ein Jeside Schlechtes hervorbringen.

Innerhalb der Scheichs und Pirs gibt es weitere Kasten. Auch hier ist eine Heirat nach außen ausgeschlossen. Die Kasten, die heute noch existieren, wurden eingeführt, damit die Religion die Zeiten überdauert. So gab es strenge Aufgaben, die den verschiedenen Kasten aufgelegt wurden. Die Pirs waren z.B dafür zuständig, die Religion und ihre Geschichte weiter zu geben. Da das Jesidentum auf Grund ihrer Verfolgung geheim gehalten wurde, war dies die einzige Möglichkeit um die Religion an nachfolgenden Generationen weiter zu geben.

Um im nahen Osten nicht aufzufallen flossen Teile des Islams und des Christentums in die Religion ein, welche heute noch praktiziert werden. So ist das Essen von Schweinefleisch im Jesidentum nicht verboten und dennoch wird heute davon abgesehen dies zu tun. Innerhalb der heutigen Generation, besonders hier in Deutschland, wird das schon gar nicht mehr so eng gesehen. Da es uns hier in Deutschland erlaubt ist, unsere Religion frei auszuleben, werden einige Riten bereits wieder entfernt. Auch das Tragen von Kopftücher ist nicht teil dieser Religion. Diese Regel wurde in Deutschland so gut wie ganz abgeschafft. Lediglich die älteren Jesidischen Frauen tragen noch teilweise Kopftücher, welche sich allerdings stark zu dem im Islam unterscheiden. Auch ist das Trinken von Alkohol gestattet.

 

Es gibt noch vieles zu der Entstehungsgeschichte und den sieben Engel zu sagen. Auch viele Riten wurden hier im Artikel nicht aufgenommen. Der Artikel soll lediglich das Jesidentum grob beschreiben. Ich hoffe dies ist mir gelungen.

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

80 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber @Ezidi,

    herzlichen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, uns Ihre Sicht Ihrer Glaubenstradition vorzustellen! Ich denke, dass es wichtig ist, dass die Menschen einander kennenlernen und in angemessenem Ton befragen können.

    Konkret hätte ich Nachfragen zum Thema Familie:
    Was lehrt das Jesidentum zu Ehe und Familie? Wird das Heiraten empfohlen, wie werden Kinder gesehen, gibt es Lehren zu Verhütungsmitteln und Abtreibungen und wie werden Scheidungen gesehen?

    Vielen Dank für Ihr Engagement!

    • Hallo Herr Blume,

      sehr gerne.

      Ehe und Familie hat ein sehr hohen Stellenwert und das Heiraten wird durchaus empfohlen und gefördert.

      Scheidungen sind zwar selten aber üblich. Es gibt unterschiedliche Sichtweisen was Scheidungen angeht. Manche sehen es sehr streng, andere wiederum sind realistisch und sehen es ein, dass es manchmal besser ist sich scheiden zu lassen. Es sind recht bunte Gefühle.
      Im Prinzip versucht man auch vieles damit eine Ehe hält. So unterstützt der Jenseitsbruder den Verlauf der Ehe und steht den Ehepartnern bei Problemen als Vermittler zur Verfügung.

      Um sicher zu gehen das die Personen auch wirklich heiraten möchten, kommt vor der Hochzeit der Priester und fragt die Personen dreimal ob sie wirklich heiraten möchten. Das ist nochmal die letzte Gelegenheit sich um zu entscheiden. In der Praxis funktioniert dies auch sehr gut.

      Leider gibt es auch Fälle von Zwangsehen besonders im nahen Osten. Auch gab es diese vor einigen Jahren hier in Deutschland. Mittlerweile wird diese Praxis negativ angesehen.

      Sollte man sich an den Glauben richten und ihre Regeln befolgen stehen alle Mitteln zur Verfügung um in Frieden zu heiraten oder in Frieden sich scheiden zu lassen. Der Mensch hat aber manchmal seine eigenen Regeln. So werden Ehen außerhalb der Religionsgemeinschaft oft kritisch angesehen. Es neigt auch zum Extremen das darf man nicht verschweigen. Aber auch hier hat sich in den letzten Jahren vieles getan.

      Es ist glaube ich wie in vielen Kulturen. Einen Knaben möchte man sehr gerne haben, da er den Namen weiter trägt. Was aber in keinem Fall bedeutet, dass man seine Tochter weniger liebt. Der Vater hat doch meist besonders starke Gefühle gegenüber seine Töchter oder?

      Verhütungsmitteln sind so nicht vorgesehen. In Deutschland werden sie genutzt. Die Menschen entwickeln sich eben weiter. Ich kenne auch einige Fälle von Abtreibungen. Nach der Religion wird es kritisch angesehen. Der Mensch tut es heutzutage nach eigenem Ermessen. Gesellschaftlich gibt es auch hier unterschiedliche Meinungen.

  2. Der Artikel soll lediglich das Jesidentum grob beschreiben. Ich hoffe dies ist mir gelungen ist.

    Sehr schön, danke für die Zusammenfassung der Basics.

    MFG
    Dr. W (den immer auch Problemlagen interessieren, wie sie sich ergeben könnten, wenn Jesiden in den Systemen zu leben pflegen, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend implementiert haben, gibt es die I.E. ?)

    PS + Bonusfrage:
    Steht das Jesidentum mit den sog. abrahamitischen Religionen in irgendeinem (Abstammung-)Verhältnis?

    • Hallo Dr. Webbaer,

      von der Religion sind jede Anpassungen an den jeweiligen Ländern möglich es gibt kaum etwas, was zur Sünde führen könnte. Es hilft auch immer der Leitspruch:

      Ein Mensch ist gut, wenn er gut denkt, gut redet und sich gut verhält. Gute Taten führen zur Ganzheit und Ewigkeit.

      Was die Eheschließung mit Menschen außerhalb der Religionsgemeinschaft angeht. Das führt in der tat oft zu Problem und auch heute noch. Das ist eben ein besondere Punkt denn dieser Schritt entscheidet ob man austretet oder bleibt.

      Ja! Inzwischen wird in einigen Fällen außerhalb der Religionsgemeinschaft geheiratet und meist ist die Liebe zu den Kindern dann größer als die Durchsetzung der Religion. Aber auch hier kommt es, zwar selten, zu extremen Handlungen.

      Der Unterschied zu Deutschland und dem nahen Osten ist dabei recht groß. In Deutschland ist das immer weniger ein Problem und im nahen Osten ist es schwierig. Das liegt besonders daran, dass die Jesiden inzwischen den 73. Völkermord hinter sich haben und sie daher sehr zurückhaltend leben. Das Vertrauen zum Islam z.B ist nachhaltig geschädigt. Aber auch hier in Deutschland ist es wieder anders.

      Es ist wirklich nicht schwer ein Jeside zu sein 😉

      Es gibt Bräuche der altertümlichen Mithra-Kultur. Was die sogenannten abrahamitischen Religionen angeht ich fürchte da kenne ich mich zu wenig aus.

      • @ „Ezidi“ :

        Was die Eheschließung mit Menschen außerhalb der Religionsgemeinschaft angeht. Das führt in der tat oft zu Problem und auch heute noch.

        Aja, sehr nett, Sie können sich nicht (in der hier gegebenen Sprache) nur vortrefflich ausdrücken, sondern ahnen auch, welche Problematiken Ihr Kommentatorenfreund im Visier hatte.

        Schwierig, wichtich scheint es nicht sog. Parallelgesellschaften (vs. ‚Gegengesellschaften‘) vorzubeugen, die gab es in den aufklärerischen Systemen immer und mussten kein Problem darstellen, sondern über Auf- und Einstellungen offen debattieren zu können.
        Man hat im Jesidentum wohl „einige“ Erfahrung mit Widerständen den eigenen Glauben betreffend gesammelt, der Schreiber dieser Zeilen kann dies: ein wenig empathisch nachvollziehen.

        Vielleicht etwas plump und zusammenfassend festgestellt: Jesiden und andere (Religionen/Religiöse) glauben definitiv nicht an denselben Gott, right?

        MFG
        Dr. W

        • Es war nicht meine Absicht durch meinen Ausdruck bestimmtes zu verharmlosen. Lediglich möchte ich weiterhin konstruktiv bleiben und keine Vorurteile treffen. Ich versuche so gut es mir geht Objektiv zu bleiben. Parallelgesellschaften würde ich jetzt so nicht stehen lassen. Ich denke es brauch immer eine gewisse Zeit, wenn man neu in einem Land flüchten muss sich dann der Gesellschaft hier anzupassen. Ich glaube wenn so unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen brauch es eine gewisse Lernphase. Und dennoch gibt es immer wieder Menschen die sich einfach nicht anpassen wollen. Ich würde mich allerdings davor hüten jetzt alle in diesen Topf zu werfen, weil ich es auch einfach anders kenne.

          Nach Jesidischer Vorstellung glaube alle an den selben Gott. Nicht aber an die selbe Kultur und die gleichen Prohpeten und deren Aussagen.

          • @ „Ezidi“ :

            ‚Parallelgesellschaften‘ können in den genannten Gesellschaftssystemen ausgehalten, toleriert & geduldet werden.

            …war die kommentarische Einschätzung weiter oben. Es gab sie immer und sie sind im Gegensatz zu den zitierten Gegengesellschaften OK, können befruchtend wirken, waren dies auch regelmäßig, im Sinne einer wohlverstandenen Diversität.
            Wichtich bleibt es halt miteinander offen kommunizieren zu können, was bei Ihnen und hoffentlich auch bei den Jesiden allgemein möglich zu sein scheint.

            MFG
            Dr. W

  3. Heute weiß man, dass die Religion ca. 5000 Jahre alt ist. Das Jesidentum ist die Ursprungsreligion der Kurden, welche vor ca. 3000 Jahre vor Christus entstand.

    Woher weiß man das? Wenn die Lehre nur mündlich tradiert wurde, dann müssen die Aufzeichnungen darüber ja von anderen Gruppen stammen, oder?
    Oder sind Bauwerke gemeint?

    Inzwischen geht man weiter davon aus, dass die Wurzeln des Jesidentums sogar noch vor dieser Zeit liegen.

    Wieso geht man davon aus?

    • Es sind Bauwerke und archäologische funde gemeint deren Symbolik dem Jesidentum zugeordnet werden. Aber auch Gebräuche die noch immer praktiziert werden wie z.B ich zitiere mal:

      „Es ist die Pflicht eines jeden Ezidis, ein speziell geschnittene weiße Kleidungsstück unter den täglichen Kleidern anzuziehen. Um den Kopfausschnitt beziehungsweise den Rundkragen dieses Kleides müssen neun Knöpfe oder Löcher angebracht werden. Diese Löcher symbolisieren die neun Planeten, die die Sonne umkreisen, und der herausragende Kopf des Menschen symbolisiert die Sonne.“

      Dies ist ein Brauch der alten Mithra-Kultur.

      Die Kurden können auf eine rund. 5.000 jährige Geschichte zurückblicken die unterschiedlich belegt werden können. Die Ursprungsreligion der Kurden ist das Jesidentum, welche ebenfalls durch Funde nachgewiesen worden ist.

    • @Skeptiker & @Ezidi

      Ich darf an dieser Stelle ergänzen, dass sich hier erkennbare strukturelle Überschneidungen mit dem Alevismus und Alawismus ergeben. Auch hier haben sich über Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende hinweg unterschiedliche kulturelle, religiöse und auch ethnische Traditionsströme verbunden, die wegen ihrer – teilweise – mündlichen Weitergabe und Neu-Kombination auch flexibel geblieben sind. Auch einige strukturelle Entsprechungen gibt es: So die Institution der verbundenen Familien („Jenseitsgeschwister“ im Jesidismus) und die Ablehnung von Mission und Mischheiraten. Allerdings befindet sich der Alevismus schon etwas länger in einer Reflexions- und Dialogphase sowohl mit anderen Religionen wie vor allem mit den Wissenschaften. Dies wirkt sich auch auf das religiöse Selbstverständnis aus – bis hin zur Gestattung bzw. „Wiederaufnahme“ von Konversionen.

      Insofern teile ich die Auffassung von @Ezidi, dass sich der Jesidismus in der westlichen Welt (und gerade auch in Deutschland) am Anfang einer Reflektions-, Dialog- und Entwicklungsphase befindet. Rechtsstaatliche Sicherheit sowie Religions- und Wissenschafts- (inkl. Theologie-)Freiheit sind dafür ebenso entscheidend wie der formale Bildungsaufstieg v.a. jüngerer Jesidinnen und Jesiden. Auch dieser Blogpost und diese Diskussion sind ein (kleiner) Teil dieses überaus faszinierenden und chancenreichen Prozesses – so etwas wäre vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen.

      In diesem Sinne: Vielen Dank in die Runde – vor allem an den besonnen antwortenden @Ezidi -, ich lese mit höchstem Interesse mit! 🙂

  4. @Dr. Webbaer

    Absolut richtig. Kommunikation ist immer die Grundlage für vieles und ist so wichtig. Ich habe Ihren ersten Kommentar eben etwas anders verstanden. Obwohl er doch klares aussagt 😉

  5. Lieber Ezidi, vielen Dank für den lehrreichen Artikel und die ausführlichen Antworten.

    Ich hätte zwei Fragen:

    In dem Artikel von Herrn Blume und auch anderen Ausführungen über das Jesidentum habe ich gelesen, dass der Koran und die Bibel und deren Propheten Muhammad und Jesus anerkannt werden. Ist dem wirklich so, oder wurde das eher in die Religion integriert, um Verfolgungen o. Ä. zu entgehen?

    Meine zweite Frage ist, wenn das Jesidentum 3000 – 5000 Jahre alt ist und die Urreligion der Kurden, wie kommt es, dass der Engel Pfau auch bei den kurdischsprachigen Ezidi einen arabischen Namen hat?

    Vielen Dank im Vorraus!

    Ich möchte noch anfügen, dass ich hoffe die Ezidi entkommen der Verfolgung und es wird möglich, das alle Religionsgemeinschaften, sei es in Europa oder woanders auf der Welt, in Frieden zusammenleben können.

    Liebe Grüsse und Salam, Anas Ben

    • Es ist in der tat so. Dies wird schon klar, wenn man sich die Schöpfungsgeschichte anschaut. Dort wird beschrieben, dass auch die Religionen von Gott erschaffen wurden und jeder ein Teil der Wahrheit ist. Ferner werden einige Propheten explizit in wichtige Gebete aufgenommen so z.B Jesus. Auch heute wird uns gelehrt, dass wir die Propheten anerkennen sollen. Zunächst kann man auf den Gedanken kommen, dass die Jesiden es integriert hätten. Wäre da nicht der Schöpfungsmythos der die dies, in meinen Augen, eindeutig widerlegt.

      Ist dem so? Die kurdische Sprache ist deutlich älter als die arabische Sprache. Möglicherweise hat sich da was vermischt oder wurde übernommen?

      Man kann noch heute weitere Symbole der kurden erkennen die auf das Jesidentum zurückzuführen sind. Z.B die kurdische Flagge heute. Die Sonne in der Mitte und die Farben sind ebenfalls Symbole des Jesidentums.

      Der groß teil der muslimischen Kurden mit den ich gesprochen haben bestätigten mir dies und weiter wurde mir immer wieder berichtet, dass sie diese Information von Generation zu Generation weiter geben und weitergeben sollen.

      Ich danke im übrigen für Ihren Nachtrag. Ich wünschte die Menschen könnten alle ihre Religionen in den Herzen tragen.

  6. @Ezidi

    Wie würden Sie die Rolle der Scheichs und Pirs bewerten? Mir sind sowohl Aussagen bekannt, nach denen Muriden sich zu Fragen der Religion gar nicht äußern, sondern hören sollten – wie auch andere Auffassungen, nach denen weniger die Geburt als die Gelehrsamkeit über die religiöse Autorität entscheide.

    (Auch im Alevismus/Alawismus gibt es übrigens Traditionen der „heiligen Familien“, allerdings kaum noch im Sinne von Heiratskasten. Und auch dort werden entsprechende Debatten geführt.)

    • Beides was Ihnen begegnet ist kann ich bestätigen. Meiner Erfahrung nach gilt das insbesondere für Deutschland.
      Ich selbst bin Pir! Vor einigen Jahren besuchte ich Jesidische Familien in den USA und hatte lediglich durch meine Kaste eine sehr hohe Autorität dabei spielte es für die keine Rolle ob ich in der Religion gelehrt war oder nicht. In Deutschland kann man schon sagen, dass wer besser gelehrt ist eher höher gestellt wird. Aber einen Grund Respekt gib man allen Pirs und Scheichs.

  7. @Ezidi Vielen Dank für den guten Artikel, der hat mir sehr gefallen. Auf Grund Ihrer Offenheit bzw. Ihres Auftretens schließe ich, das Sie einen höheren Bildungsgrad haben. Und genau da knüpft meine Frage an. Wie stehen sie persönlich zu dem Kastensystem. In den früheren Jahrhunderten war es für das Überleben der Yesiden von großer Wichtigkeit. Wie siehts aber in der heutigen Zeit aus. Die Yesiden in Europa können ihre Religion frei ausüben. Hat es dann nicht eine Stagnatorische Wirkung. Gibt es da schon Bestrebeungen gewisse Reformen durchzusetzen

    • Nun vor der Reform im 12 Jh. gab es ja nur die beiden Kasten Murid und Pir. In wie fern sie darunter noch unterteilt waren kann ich heute nicht mehr sagen.

      Ich denke das Jesidentum brauch eine weitere Reform. Heute ist es für eine Unterkaste der Pir´s inzwischen schwierig zu heiraten, da es von dieser Unterkaste kaum noch welche gibt.
      Meine Persönliche Meinung ist, dass man erstmal alle Unterkasten auflösen sollte. So dass man sich Schritt für Schritt öffnet. Ich denke man sollte zurück zum Ursprung. Es ist eben schwierig dies von heute auf morgen zu tun weil das jetzige Kastensystem hat sich stark eingebrannt. Besonders die Stagnatorische Wirkung die Sie ansprechen stellt in meinen Augen immer mehr ein Problem dar.

      Es gibt bereits erste Bestrebugen was den Unterkasten angeht. Leider benötigen diese Reformen auch immer zu viel Zeit.

      • Der Name „Murīd“ klingt wie ein Wort aus den Arabischen, „Pīr“ wie ein Wort aus dem Persischen.
        Kann es sein, dass die Namen der Kasten später importiert wurden, wie im Christentum das Wort „Hölle“ von der Unterwelt „Hell“ oder „Hellheim“ aus der nordischen Mythologie?

        Nach Recherche habe ich gelernt, dass es in der jesidischen Religion (Jesidentum?) drei Kasten gibt: Murīd, Pīr, Scheichs. Wobei die Kaste der Scheichs sich noch mal in drei Untergruppen aufteilt, die jeweils nur untereinander heiraten sollen.
        Ich kann mir vorstellen, dass es in dem Fall als Scheich schwer sein kann, einen akzeptablen Ehepartner zu finden. Nur meine Frage: Wenn ein Jeside einen Andersgläubigen heiratet, verfällt seine Zugehörigkeit zu seiner Religion. Was passiert, wenn ein Scheich (oder ein weibliches Mitglied dieser Kaste) eine nicht standesgemäße Liebe heiratet? Ist das dann eine läsliche oder schwere Sünde, er bleibt aber Jeside oder verliert er dadurch auch seine Zugehörigkeit?

  8. Erstmal möchte ich mich herzlichst für das Interesse für die Religion des Jesidentums bedanken. Ich bin selbst auch ein Ezidi und möchte gerne direkt auf den Beitrag von Carpediem eingehen. Während meines Lebens habe ich mich sehr intensiv und vor allem kritisch mit meiner Religion auseinander gesetzt. Durch die Einteilung in das besagte Kastensystem sollte zu einem der Fortbestand der Religion gesichert werden und zum anderen die Zuweisung religiöser Pflichten erfolgen. Die Berechtigung bzw. Dringlichkeit einer derartigen „Reformation“ ist auf die damalige Bedrohung und Verfolgung der Jesiden zurückzuführen. Ich bin der Meinung, dass die Kasten keine Restriktionen bezüglich der Entstehung von Ehen aufkommen lassen sollten. Jesiden sollten alle uneingeschränkt untereinander heiraten dürfen. Jetzt könnte der Einwand kommen, warum die Jesiden nicht mit anderen Religionsangehörigen heiraten dürfen. Also dieser Einwand ist in gewissermaßen angebracht. Da man nur als Jeside geboren werden kann, müssen beide Elternteile Jesiden sein. In einer strengen religiösen Auslegung würde das Jesidentum zwangsläufig aussterben, wenn Ehen mit anderen Religionsangehörigen eingegangen werden. Zugegebenermaßen klingt dieser Sachverhalt besorgniserregend. Da kommen Fragen auf, wie zum Beispiel: „Was passiert, wenn ein Jeside sich in einer Andersgläubigen verliebt?“ Dann sagt die Religion, dass die Ehe mit einer Person einer anderen Religion mit der eigenen Entscheidung über den Austritt aus der Religionsgemeinschaft einhergeht. Das ist die Theorie. In der Praxis ist der Mensch einem so wichtig, dass man über diese bedauernswerte(eigene Meinung) Entscheidung oftmals hinwegsieht.(Eigene Erfahrungen im Freundes- und Familienkreis) Diese Heiratsregelung und die Tatsache, als Jeside nur geboren werden zu können, hat jedoch einen nennenswerten und gerade bei den gegenwärtigen Ereignissen nicht zu missachtenden Nebeneffekt. Ein Jeside versucht niemanden von seiner Religion zu überzeugen und erhebt keineswegs den Anspruch zu behaupten, dass das Jesidentum die einzig richtige Religion ist. Es wurde über die lange Geschichte seitens des Jesidentums kein Glaubenskrieg geführt, kein Blut vergossen. Die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben ist auf diesem Fundament der Toleranz geschaffen. Den Missionargedanken gibt es nicht. Wie sollte es diesen denn auch geben? Ab dem Moment, in dem man über Religion und Glauben spricht, muss man doch ganz nüchtern feststellen, dass Gott einem -von Geburt an – die Religion als Geschenk in die Wiege gelegt hat. Auch wenn du dich dann persönlich da gegen entscheidest, ist das wohl dein eigenes „Naturrecht“, das dir von keinem aufgezwungen oder auf sonstiger Art beeinflusst werden darf… Ich bin in meinen Ausführungen etwas abgeschweift. Dennoch möchte ich resümieren, dass die Ehen zwischen den Kasten erlaubt werden sollten, da es nicht mehr zeitgemäß und das eigentliche Ziel der Einführung verfehlt, vielleicht sogar das Gegenteil bewirkt. Als Lösungsvorschlag könnte ein Ehepartner, wie es heute mit den Nachnamen geschieht, die Kaste des anderen annehmen. Zu der Frage, ob dies schon diskutiert wurde, möchte ich noch kurz mit einem deutlichen Ja antworten, aber die Bemühungen stoßen vor allem bei den älteren Generationen auf Ablehnung… MfG Eddi

  9. „Dann sagt die Religion“

    Besser ist es, wenn man sich seine Religion selber macht -das ist das Gesetz und die Propheten -wie _ich_ (wer sonst?)) sie verstanden habe! Denn wer sind die Propheten? Sind sie nicht mit den selben Naturgaben ausgestattet -wie jeder Einzelne von uns? Höherer Bildungsgrad? Ich glaube nicht daran! Jeder Einzelne ist in Hinblick des Internets für seine Bildung selbst verantwortlich! Und zu früheren Zeiten? Da war es Neugier, Wissensdrang, Sehnsucht, Ausbruch aus zu enge gewordenen Welten. Und heute? Ist die Sehnsucht noch aktiv? Fragen wir uns noch? Oder sind wir satt?

    „Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!“ (Nietzsche -wer sonst?)

  10. @ Dietmar Hilsebein

    Leider habe ich den Kern Ihres Beitrags nicht so ganz verstanden. Ich bitte im Voraus um Nachsicht und versuche mal soweit mein Verständnis ausreicht, darauf einzugehen. Zwischen den Zeilen lese ich eine allgemeine Kritik an Religionen und deren Figuren(Propheten). Zunächst einmal möchte ich betonen, dass Sie das Recht auf eine eigene Meinung haben. Oftmals wird dieses Recht fälschlicherweise mit der Forderung einer allgemeinen Gültigkeit verwechselt. Mit Blick auf die Geschehnisse rund um den Erdball erhält diese Aussage einen zweideutigen Charakter. In diesen Tagen findet die Religionskritik wohl den fruchtbarsten Nährboden, was für mich als gläubiger Mensch verständlich ist. Ich schreibe hier bewusst „als gläubiger Mensch“, da ich fest an Gott glaube und die Religionen in meinen Augen einen eher wegweisenden Charakter aufweisen, die schließlich alle das selbe Ziel haben. Da ich von meinem Wesen ein eher zielorientierter Mensch bin, habe ich in der Hinsicht meine Religion, wie in Sie es in Ihrem Beitrag schreiben, „selbst gemacht“. Zufälligerweise besagt das Jesidentum, dass Gott den Menschen den Verstand und somit die Eigenschaft geschenkt hat, sich für den richtigen Weg entscheiden zu können, was zweifelsfrei auf jeden Menschen jeglicher Religion zutrifft. „Der Weg ist das Ziel.“ Zurück zu dem Beitrag… „Sind sie nicht mit den selben Naturgaben ausgestattet -wie jeder Einzelne von uns?“…eine rhetorische Frage. Daraus könnte man schließen, dass sich alle Menschen, obgleich ihrer Leistungen, Erkenntnisse, Taten oder ähnlichem nicht unterscheiden, was bei der ständigen gesellschaftlichen Bewertung vom Kindesalter an (Schulnoten, Abschlüsse, Zertifikate) realitätsfern erscheint. Um Missverständnisse vorzubeugen, möchte ich betonen, dass jeder Mensch von Grund auf gleich ist, aber in der zitierten Aussage erkenne ich eine andere Intention. Ich sehe Propheten oder religiöse Figuren nicht als Menschen mit übersinnlichen Kräften. Ich denke, dass es Menschen gab(z.B. Jesus), denen durch ihre Lehren, ihrer Lebensweise, ihrer Einstellung und schließlich ihrer Nähe zu Gott ein berechtigter Status gebührt. Bemerkenswert zum Ende Ihres Beitrags hin ist der Abschluss mit einem Zitat von Nietzsche, der doch Ihrer Ansicht nach auch nur mit den Naturgaben ausgestattet ist. Dennoch wird er zitiert und da hörte mein persönliches Verständnis auf, da die vorangegangenen Ausführungen und der Gedankengang in gewisser Weise einen Widerspruch implizieren, wenn man im nächsten Moment einen Menschen zitiert. Um in meinem Beitrag keinen spöttischen Unterton aufkommen zu lassen und dem Versuch eines sachlichen Beitrags nachzukommen, möchte ich einen kleinen Denkanstoß hinterlassen. Nimmt Nietzsche in Ihrem Weltbild nicht die Funktion eines Jesus, in dem Weltbild eines gläubigen Christen, ein…?!
    MfG Eddi

    • @Eddi

      Sie gefallen mir! Sie denken! Ich kann gar nicht anders als in Widersprüchen zu denken -da ich ein Mensch bin -mit allen Für und Wider! Was gehen mich das Ja oder das Nein an? So etwas wird auf dem Marktplatz verlangt! Auch ich bin ein tief religiöser Mensch, doch glaube ich an den UNBEKANNTEN Gott -von dem ich _nichts_ weiß! Ich spüre aber eine Sehnsucht und ER -was immer er ist? dient mir der Psychohygiene (Aufrichtung, wo kein Mensch mehr mich aufrichten kann, in die Schranken weisen, wo Größenwahn droht). Die Naturgaben sind allen Menschen gegeben -doch Faulheit und Feigheit hindert sie daran, sich derer zu bedienen. (->I.Kant) Letztlich aber ist es ein Anspruch an den Menschen, sich seiner Naturgaben zu bedienen, um sich als mündig zu erweisen! Einem Guru nachzulaufen… -der Deutsche weiß, wohin das führt! Das hat ihm die Geschichte ein für allemal auf das Schärfste eingebleut!

      Ich zitiere Nietzsche gern, weil er ein Suchender war -mit allen Wirrungen und Irrungen. Er war einem Seefahrer gleich, der sich aufmachte, nach neuen Welten Ausschau zu halten -ohne das Ufer zu kennen. Er hat meinen vollen Respekt! Und er war sprachlich gewandter als ich. Ich schmücke mich nie mit fremden Federn. Wenn es passiert, so habe ich es nicht besser gewußt. Alles, was ich zu sagen meine, haben andere schon besser gesagt!

    • @ Eddi :
      Sehr beeindruckend, wie und was Sie hier vortragen, wie der Schreiber dieser Zeilen findet.
      Was auch für den hiesigen Gast-Kommentator oder hier temporär wirkenden Inhaltegeber gilt.
      Insofern muss an dieser Stelle nicht auf Nach- oder Vorteile des Kastenwesens verwiesen werden und darauf, wie sich die Strenge bei der Heiratsausübung, sozial und insbesondere auf das gegebene Gesellschaftssystem auswirkt.
      BTW, das hier vorgeführte intellektuell-kognitive Niveau die Glaubensrichtung betreffend, ist dieses für den Durchschnitt oder die Menge typisch?

      MFG
      Dr. W (der bei Bejahung der Frage schon ein wenig blass werden würde (was natürlich eher spaßeshalber gemeint ist))

  11. Es muss im Bereich der Religion genauso Veränderungen geben, wie in allen anderen Bereichen. Die Vorstellung, dass Gott die Welt „geschaffen“ hat, ist überholt. Im Übrigen wäre der Mensch eine Maschine, wenn er ein „Geschöpf“ Gottes wäre. Es gäbe keine Freiheit und keine Liebe.
    Es ist auch unsinnig, anzunehmen, dass Jesus der „Sohn Gottes“ ist, Mohammed aber nicht. Alle Religionen müssen gleichberechtigt sein.

  12. @ Dr. Webbaer

    Ich bin auch sehr beeindruckt von ihrer Art sich mitzuteilen. Die Kombination zwischen Selbstreflexion und Humor bringt einen hohen Unterhaltungswert mit sich. Zu Ihrer Frage: Ich denke und hoffe, dass das hier vorgetragene Niveau nicht das Maximum „unter unseren Leuten“ ist, aber wenn Sie mir garantieren, es für sich zu behalten, dann kann ich Sie beruhigen und Ihnen verraten, dass es – wie übrigens überall – auch andere gibt.

    @ Dietmar Hilsebein

    Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, als würde unsere Diskussion oder unser Wortwechsel daraus ausgelegt sein, den anderen fertig zu machen. Ich würde auch die Hand ins Feuer legen, dass Sie höheren Alters sind und mehr Lebenserfahrung mit sich bringen.(Führe ich auf die Affinität zur altertümlichen Sprache zurück) Dennoch habe ich während meines Lebens versucht, viel theoretisches Wissen auf die entsprechenden Lebenslagen und -phasen zu anzuwenden. Mit der Zeit habe ich mich von einem hohen Anspruchsdenken und einer unnötigen Erwartungshaltung befreit. Man könnte jetzt aufschreien und behaupten, dass diese Tugenden für die Erreichung von Zielen nötig sind. Gewiss, doch der gesellschaftliche Druck und der fortschreitende Aufbau des Egos(bewussten Ichs) erweisen sich unter der Maske der Sozialisation als ein veraltetes Relikt, das in ihrer Intensität nicht mehr nötig ist, denn heutzutage wird das Verhalten und die Lebensweise durch Gesetze gesteuert. Nicht zu vergessen ist, dass die Überlegungen auch in Aspekten der Gesundheit gestützt werden können. Nie gab es soviele Menschen, die an Depressionen, Burnout und etc. erkrankt sind. Ich merke gerade wieder, wie weit ich gehe und drehe mich gedanklich um, sodass ich wieder zurück zu Ihnen komme. Ich lese diese philosophischen Grundzüge kombiniert mit dem hohen Anspruchsdenken. Ein Mensch muss sich nicht zwangsläufig widersprechen, aber Vorleistungen ist, dass ein Mensch sich selbst die Erlaubnis gibt, sich widersprechen zu dürfen, ohne gleich vom Ego einen aufn Deckel zu bekommen. Der Einklang mit sich selbst, der ein hohes Maß an Toleranz für andere und Ihnen ihre Daseinsberechtigung zuspricht und die innewohnende Ruhe, die durch den Einfluss der Medien und Gesellschaft etwas verborgen in uns steckt, ist der Schlüssel für ein ausgeglichenes und sozialfähiges Leben. Mich interessiert es nicht, ob jemand das, was ich sagen möchte und noch sagen werde, schon mal besser gesagt hat. Wieso sollte es auch? Hat dieser Mensch in dem Moment denn in meinem Körper gesteckt? Ist die Sprache nicht auch ein Gefängnis, in das wir versuchen unsere Worte und Gefühle zu packen, wobei die Unzulänglichkeit der Ausdrücke oft deutlich wird?! Bei dem Gebrauch des Wortes Enttäuschung könnte in mir eine Welt zusammen brechen. Der andere gebraucht es, wenn er mit seiner Mannschaft in einem -Vorsicht beabsichtigte Abwertung- läppischen Spiel eine „enttäuschende Leistung erbracht hat. Das mit dem Wort Enttäuschung war ein Beispiel um meine Position zu verdeutlichen. Ferner möchte ich abschließend sagen, dass es keinen Menschen gibt, der wichtiger ist als ich…und ernüchternd feststellen, dass es auch keinen gibt, der „unwichtiger“ ist.
    MfG Eddi

    • @ Eddi :
      Gut wäre es schon, wenn auf Basis der hier erörterten Glaubenskongregation vorgetragen werden könnte; ‚Ezidi‘ war dementsprechend fortlaufend bemüht.

      MFG
      Dr. W

  13. @ Dr. Webbaer

    Ich muss zugeben, dass mir das auch schon aufgefallen ist:) Alles andere würde auch die Absicht von Herrn Dr. Blume verfehlen.

    Vielleicht zeigt dieser Exkurs aber auch die facettenreiche Weltanschauung, die mit dem Jesidentum vereinbar ist oder vielleicht erst durch meine Religion und der darin verankerten Aufgabe bzw. der eigenen Verantwortung zur Gelehrsamkeit begünstigt und gefördert wurde.

    • Lieber @Eddi,

      vielen Dank, aber darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen.

      Selbstverständlich interessieren hier v.a. Aspekte des gewachsenen Jesidismus. Religionswissenschaft erforscht aber nicht, wie Religion sein „sollte“, sondern wie sie „ist“. Und da gehören Menschen, die sich über ihre Religionszugehörigkeit hinaus auch ganz eigene Gedanken machen ebenso dazu wie solche, die in der jeweiligen Tradition leben. (In freiheitlichen Gesellschaften tendieren übrigens erstere bald zu Mehrheiten zu werden.)

      Also ein herzliches willkommen auch Ihnen! 🙂

  14. @ Michael Blume

    Vielen Dank für Ihre verständnisvolle Einstellung! Ich weiß diese gesunde Neugier gepaart mit der wohlwollenden Offenheit sehr zu schätzen. Das richtet sich an alle Beteiligten dieser Runde.

    Schön, dass man sich auf diesem Wege näher kennenlernen kann.

    MfG Eddi

  15. Zunächst einmal herzlichen Dank an alle Diskutieren den in dieser Runde. Es macht Spaß mal wieder einen so humorvollen Meinungsaustausch zu lesen!

    Zu meiner Frage: Wie ist die Haltung der Jesiden zu Behinderung und Krankheit? Diese Frage hat zunächst eine praktische Dimension: Wie gehen Jesiden mit Behinderten um?

    Aber auch auf die religionsphilosophische Dimension bin ich neugierig: Wenn das Böse in der Welt weder von Gott geschaffen wurde, es aber auch keinen Widersacher gibt – woher kommt dann das schicksalbedingte „Leid“?

    Neugierige Grüsse
    Marion Mahnke

    • „Leid“

      Das Werden scheint mit trail and error einher zu gehen. Ob am Ende etwas herauskommt, weiß kein Mensch.

    • Ja! Ich mag ebenfalls diese Diskussion Marion Mahnke.

      Die Haltung der Jesiden zu Behinderung ist ganz klar. Es gibt keinen Unterschid zwischen einen behinderten Menschen und einen der keine hat. Ausser den erhöhten Pflegebedarf, habe ich in der Gesellschaft (zum Glück) noch nicht erlebt, dass es Ablehnungen gab. Dies spiegelt sich aber auch auf die Religion wieder. Was ich persönlich beobachten konnte, dass die Gesellschaft den behinderten Menschen großes Mitleid entgegen gebracht wird. Dies ist meiner Meinung nicht immer richtig. Ich denke je nach Grad der Behinderung sollte man sich diesen Menschen gegenüber normal verhalten bzw. so gut es geht. Wenn ich schreibe „diesen Menschen“ klingt das nach eine gesellschaftliche Teilung, was nicht meine Absicht ist.
      Ich Persönlich versuche mich so gut es geht normal zu verhalten. Grenzwertig wird es für mich wenn der behinderte Mensch weiß das er behindert ist, es aber nicht ändern kann. Dies verursacht bei mir ein gewisses Mitleid und der lässt sich bei mir auch nicht immer verbergen.

      Nun das Böse gibt es neben Gott als Macht nicht. Die Jesiden selbst behaupten ja nicht, dass es nichts böses gibt. Den gibt es sogar sehr wohl. Nämlich im Menschen selbst. Der Mensch ist allein für das Leid dieser Welt verantwortlich und er ist auch der Verursacher. Nach dem Tot muss er sich allerdings für seine Taten rechtfertigen. Der freie Wille im Jesidentum hat ein hohen Stellungswert. So hat Gott den Menschen alles gegeben, um seinen freien Willen auszuüben. Nun, manchmal oder sogar recht oft findet der Mensch nicht den richtigen Weg.

      • Würde noch gern hinzufügen.

        Wenn jemand schicksalbedingt Leid erfährt, gibt es meist oder oft Verursacher. Und wenn der nicht existieren sollte so wird die Diskussion sehr komplex. Da Gott nach dem Jesidentum sich nicht in dieser Welt einmischen wird ist es schwierig zu sagen, dass der leidene Mensch zum „großen Plan“ gehört. Ich denke und glaube daran, dass ungerechtigkeiten, die einen Menschen passieren auch in irgend einer Form wieder belohnt werden. Wenn man im Hinterkopf das kurze Menschenleben gegenüber das Ewige Leben berücksichtigt.

  16. @ Marion Mahnke

    Ich begrüße Sie herzlichst uns freue mich, dass Sie sich der Runde angeschlossen haben. Im folgenden gehe ich auf Ihre Fragen ein. Dabei werde ich zunächst einmal auf die religiösen Aspekte und im Anschluss auf meine persönliche Lebenserfahrung eingehen, die wahrscheinlich von höherem Interesse ist und im Endeffekt bei nähere Betrachtung, die einzige Quelle unseres Bewusstsein ist.

    Das Jesidentum besagt, dass dem Mensch von Geburt an der Verstand geschenkt wurde und somit die Fähigkeit zwischen Gut und Böse entscheiden zu können. In Ihrem Post haben Sie richtig festgestellt, dass Menschen mit Behinderungen diese Gabe nicht geschenkt wurde. Diese Menschen sind von Geburt an nach unserem religiösen Verständnis von dieser Theorie befreit. Menschen mit Behinderungen und sonstigen Einschränkungen sind der eigenständigen Entscheidungsgewalt beraubt und Gott hat ihnen folglich einen ewigen Platz im Himmel vorherbestimmt. Dennoch erfüllen diese Menschen eine Aufgabe auf dieser Erde. Ab diesem Abschnitt fängt meine persönliche Erfahrung an. Diese liebenswürdigen und vor allem bedürftigen Menschen fordern einerseits die Güte und Barmherzigkeit der Personen, die mit dieser denkbar schwierigen Herausforderung auserwählt wurden, die es durch eine göttliche Prüfung zu beweisen gilt. Vielleicht ist hier die Erwähnung der biblischen Hiobs-Geschichte angebracht, dessen Botschaft war, die unerschütterliche Treue zu Gott trotz tragischer Schicksalsschläge belohnt wird. Andrerseits habe ich eine äußerst eigene Interpretation des Lebens eines behinderten Menschens. Zum näheren Verständnis muss ich hinzufügen, dass ich seit meinem siebten Lebensjahr mit meiner geistig behinderten Tante (Schwester meines Vaters) in einem Haushalt lebe. Ihr würde ärztlich eine 100%ige geistige Behinderung attestiert. Glücklicherweise betrifft dies nicht ihrer Kontrolle über körperliche bzw. motorischen Fähigkeiten. Sie ist in der Lage, eigenständig zu essen,trinken,sich anziehen oder sanitären Bedürfnissen nachzukommen. Soweit die grobe Schilderung zu ihrem Gesundheitszustand…Zu der Frage: „Wie gehen Jesiden mit Behinderungen um?“ Ich weiß nicht, inwiefern Sie oder der Leser dieses Beitrags mit einem Menschen, der einschränkende Lebensumstände hat, zu tun hatten. Stellen Sie sich vor, dass Sie einen sich weigernden Menschen dazu mehrmals bitten müssen, auf Toilette zu gehen, weil dieser Mensch es selbst nicht weiß oder vergisst. Stellen Sie sich vor, dass Sie einen Menschen mehrmals einfachst und verständlich einen Sachverhalt erklären und auch vorführend darstellen, aber dieser Mensch versteht sie nicht. Und dann stellen Sie sich vor, dass Sie bei all diesen Anstrengungen meistens nur ausgelacht werden, weil Sie sich in den Augen dieser Person zum Affen machen. Diesem Umstand können Sie nicht einfach aus dem Weg gehen, wie einer Person, mit der man sich nicht versteht. Nein, Sie tragen die Verantwortung über das Wohlbefinden und der Gesundheit dieser Person, weil dieser Mensch mit einer geistigen Behinderung selbst nicht in der Lage ist. Also ich denke in meinen Schilderungen, kann man die mühseligen und nervenraubenden Situationen herauslesen. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als mein Opa von uns ging(der Vater meiner Tante). Wir haben ihr über den plötzlichen und tragischen Tod in unserer Trauer und mit Tränen erzählt… Sie lachte. Unsere Herzen bluteten und sie lachte. Wir weinten und sie lachte. Sie erhielt die Nachricht, dass ihr Vater verstorben ist und sie lacht. Darf man ihr das vorwerfen? Darf man ihr das übel nehmen??? NEIN!!! Sie würde nicht so reagieren, wenn sie gesund wäre. Sie würde nicht lachen, wenn sie es verstehen könnte. Sie würde nicht so reagieren, wenn ihr Bewusstsein nicht getrübt wäre… Dennoch hat man allein aus dem Aspekt heraus, ein Mensch mit Gefühlen zu sein, daran zu hadern. Dann kam mir der Gedanke: „Eddi, ist es wirklich ein Nachteil eine Behinderung zu haben? Es klingt vielleicht makaber, aber wer macht sich Sorgen über seine Rechnungen, über die Zukunft, über die Gesellschaft, über die Ereignisse in der Welt, über das, was andere über einen denken??? Sie ganz bestimmt nicht!!! Wer hat hier wirklich den Durchblick in einer Welt, in der täglich Menschen andere Menschen töten, sich bekriegen??? Wer macht sich Sorgen über die Wirtschaft, die berufliche Perspektive oder das Eigenheim?“ Meine Tante ist stets am Lachen und ich danke Gott, dass sie ihr ständig ein Lächeln in ihr schönes Gesicht zaubert. Solange ich die Kraft habe, werde ich diesem Menschen stets die Freude und Glückseligkeit bescheren…
    MfG Eddi

  17. Die Diskussion ist zwar wohl abgeschlossen, mir fielen aber noch zwei Ungereimtheiten auf, vielleicht findet irgendein Fachkundiger meinen Post zwecks Stellungnahme:

    Nr.1: Threadtext:
    „Gott erschuf aus seinem Licht sieben Engel. Diese sollen die Planeten auf den richtigen Bahnen lenken und bei der Entstehung der Erde mitwirken…… Den sieben Engeln werden zudem die Planeten im Sonnensystem zugeordnet.“

    Da diese Aussagen ja bereits vor einigen Jahrtausenden getroffen wurden, vermute ich, dass mindestens einem der damals fünf bekannten Planeten am Himmel
    mehrere Engel zugeordnet waren/sind.

    Nr.2 @Ezidi 22.08. 10:32 Uhr
    „Es ist die Pflicht eines jeden Ezidis, ein speziell geschnittene weiße Kleidungsstück unter den täglichen Kleidern anzuziehen. Um den Kopfausschnitt beziehungsweise den Rundkragen dieses Kleides müssen neun Knöpfe oder Löcher angebracht werden. Diese Löcher symbolisieren die neun Planeten, die die Sonne umkreisen, und der herausragende Kopf des Menschen symbolisiert die Sonne. Dies ist ein Brauch der alten Mithra-Kultur. Die Kurden können auf eine rund. 5.000 jährige Geschichte zurückblicken…“

    Die Symbolverknüpfung mit neun Planeten kann aber erst nach 1930 A.D. entstanden sein.

  18. Da sind einige falsche Informationen.
    1. „…Qewl´s (>gauls<)…", "gauls" höre ich zum ersten mal. Qewls sind religiösen Gedichte, Erzählungen und Lobeshymnen.
    2. "… Im Jesidentum existiert keine Hölle oder gar ein Teufel." Falsch, im Êzîdentum existiert sehr wohl eine Hölle, jedoch kein T…
    3. "Um das nachvollziehen zu können muss man sich vom klassischen Muster von gut und böse (Himmel und Hölle) befreien." Wieso? Gutes Handeln, gute Taten usw. sind der Weg zum Paradies, gegenteiliges zur Hölle.
    4. "Der Tod – Die Jesiden glauben an einer Wiedergeburt (Seelenwanderung). Es gibt eine Art Lebenskreis. Nach dem Tod muss sich jeder für seine Taten vor Gott und den Engeln verantworten. Einfach gesagt: War der Mensch gut, bekommt er Zutritt ins Paradies und sein eigentliches Leben endet. Ansonsten wird er wiedergeboren, er erhält einen neuen Zustand und je nach Taten hat er ein gutes oder weniger gutes „Karma“." Richtig ist: Sowohl Paradies, als auch Hölle sind in der Herrschaft Gottes selbst. Außer dem Paradies und der Hölle, gibt es im Êzîdentum eine weiteren Weg, die den Gang der Seele bestimmen könnte. Nämlich die der Reinkarnation. Diese Reinkarnation ist aber lediglich jenen Menschen bzw. Seelen zugedacht, die ihr Leben in Frömmigkeit, Ehrfrucht und Rücksicht bzw. Toleranz gelebt haben. Solche wären z.B. die êzîdîschen Würdenträger, die ihr Leben in völliger Askese verbringen, die sog. Feqîrê. Die Feqîrê widmen ihr Leben freiwillig der Religion und verzichten dabei auf materielle Besitztümer. Feqîr kann jeder Êzîde werden, der sich dazu berufen fühlt und dazu in der Lage ist. Letzte Erklärung von http://www.ciwanen-ezidi.de (Hayrî Demir).

  19. Sehr geehrte Damen und Herren,

    Wie ich sehe gibt es hier eine große Interesse mehr über unsere Religion der Êzîden zu erfahren.
    Um meinen Pîr Ezidi einwenig den Rücken zu stärken möchte ich Ihnen liebe Leser hier den Link zu meine Schriften zu diesem Thema bekannt geben.
    Hier finden Sie teilweise detaillierte Informationen zu ihre Fragen.

    Ihr musst jedoch verstehen, dass wir nicht jede Frage bis zur letzten quentchen beantworten können.
    Das Kostet erstmal viel Zeit und verständlicherweise ist nicht jeder in allem so umfassend allwissend.

    Mein besonderer Dank gilt meinem Pîr Ezidi dafür, dass er sich hier so Tapfer angargiert.

    Zu meiner Person. Ich bin Mirîd und wie sie sehen können auch gut informiert. Das ist der Beweis Dafür, dass bei uns niemand auf Grund seine Kastenzugehörigkeit im Nachteil ist. Also, das Kästensystem ist kein Hindernis dafür, um als Êzîdê Ehre und Rühm zu erlangen.

    Hier der Link zu meiner Internetseite. Unter dem Reiter „Religion / Dîn“ finden Sie meine ausführliche Dchriften in Mehrere Kapiteln.

    http://www.hed-u-sede-ezidiya.com/index2.html

    Mit freundlichen Grüßen
    Ferhun Kurt

    • Auf jeden Fall noch einmal ein deutliches Dankeschön für die Erläuterungen, lustig auch das Kastenwesen und die allgemeine Fitness,
      LG
      Dr. W

  20. Toller Artikel.

    Frage 1.
    Viele hier in Deutschland sagen aber dass das Êzîdentum keine Religion sei, sondern die Nationalität und Sherfedin sei ihre Religion?

    Was ist dran?

    Und was waren die Êzîden vor dem Kurdendum?

    Hatten die Êzîden vlt vorher keine, sag ich mal, direkte Nationalität?

    Sie waren vlt Êzdî, nur Êzîdî, und haben ihre Religion gelebt.

    • @Keca Ezdi

      Lieben Dank für die Rückmeldung!

      Aus religionswissenschaftlicher Perspektive kann ich beitragen, dass die moderne Unterscheidung zwischen Staatsangehörigkeit, Ethnizität und Konfession sehr neuzeitlich ist und erst mit der Verschriftung von religiösen Lehren sowie moderner Staatlichkeit erfolgen kann. Davor und daneben wird Identität mündlich und sozial vermittelt und noch nicht weiter ausdifferenziert.

      So kann ein Mensch heute Deutscher (Staatsangehörigkeit), Kurde (Ethnie) und Jeside (Religionszugehörigkeit) gleichzeitig sein, ebenso z.B. Britin, Roma und katholische Christin. Und Identitäten entwickeln sich ständig, wie Staatswesen und religiöse Traditionen auch.

      • Naja, so ganz stimmt das nicht!

        Das Ezidentum bzw. die Eziden sind eine ethnische Religion (Abstammung bzw. Endogamie), in der Religion und Ethnie deckungsgleich sind, wie im Judentum. Deshalb kann man von den Eziden als ethno-religiöse Gruppe sprechen.

        • @Ezidi

          Die Grenzen waren und sind fließender, als man gemeinhin denkt: Zum Judentum kann man konvertieren – wenn auch nicht ganz leicht -, zum Alevitentum inzwischen auch (wieder). Und ich bin zuversichtlich, dass dies zukünftig auch im Ezidentum (wieder) möglich werden wird… 🙂

    • Hallo Keca Ezidi,

      Yeziden sind von der Nationalität Kurden ihr glaube ist das Jesidentum. Sowie eben viele Deutsche Christen sind. Dieses belegen auch Genetische Untersuchungen von Kurdische Muslime und Kurdische Yeziden. Sherfedin war ein Yezidischer Krieger der sich gegen die Islamisierung wiedersetzt hatte. Dieses wird auch schön in der Hymne von Sherfedin beschrieben.
      Es gibt in der tat einige Eziden, die heute sagen, sie seien keine Kurden. Dies hat aber eher den Grund, da sie von vielen Kurdischen Muslime enttäuscht sind. Noch im Mittelalter bekannten sich die meisten Kurden zum Jesidentum. Das bestätigt die Evangelische Zentralstelle und viele andere Quellen. Das Thema Kurden ist recht komplex und durch ihre Unterdrückung leider auch sehr unerforscht.

  21. @Ezidi, habe durch Zufall die Seite besucht .. Bin begeistert von deinem Beitrag .. Echt gut erklärt und beschrieben.. Mach weiter so. Xwedê te bihelê

  22. hallo @Ezidi
    ich habe momentan im werte und normen unterricht umgang mit der natur der einzelnen religionen ich habe die yezidin genommen weil ich selber eine bin ich weiss leider nicht so viel meine eltern schon aber halt nicht sehr viel ich wollte dich mal fragen ob du zu diesem thema was weisst also was ich zum beispiel nicht verstehe ist die schwarze schlange an der tür von lalish
    meine frage: umgang mit derr natur bei denn jesiden also die tiere die sonne und die pflanzen
    würde mich echt freuen wenn du mir ein paar informationen geben könntest
    danke sehr

  23. Lieber Herr Blume, Liebe Diskussionsteilnehmer,

    Vielen Dank für diesen aufklärenden Beitrag! Es gefällt mir sehr, in welcher sich gegenseitig respektierenden Art und Weise hier miteinander kommuniziert wird.

    Herr Blume, in Ihrem Beitrag erklären Sie die Bedeutung und Herkunft einiger Worte wie ‚Ezda‘ und ‚Xweda‘ und schreiben auch: „Die Religion selbst bezeichnet sich als Ezidi/Êzidî oder Ezda. Ich möchte dennoch weiterhin das Wort Jesiden in diesem Artikel verwenden.“
    Leider erklären Sie nicht warum Sie trotz der Eigenbezeichnungen ‚Êzidî‘ oder ‚Ezda‘ weiterhin das Wort ‚Jesiden‘ gebrauchen.

    Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie eine kleine Erläuterung zu Ihrer Entscheidung das Wort ‚Jesiden‘ zu gebrauchen geben würden.

    Mir ist bewusst, dass in vielen Beiträgen im Internet und sogar in Büchern das Wort ‚Jeside(n)‘ verwendet wird und es wird nicht unbedingt falsch sein die Religionsgemeinschaft der Eziden auch als Jesiden zu bezeichnen, dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass der Gebrauch des Wortes ‚Jeside(n)‘ sehr einfach mit ‚Yaziden‘ und ‚Yazid‘ verwechselt werden kann.

    Yazid ist ein männlicher Name der im arabisch-muslimischen Raum gebräuchlich war und teilweise immer noch ist. Auch wenn es geschichtlich betrachtet viele Berühmtheiten mit dem Namen ‚Yazid‘ gegeben hat, wird er doch überwiegend mit Yazid ibn Muawia assoziiert. Yazid ibn Muawia war ein muslimischer Kalif der im 7. Jh. (um ca. 680) nach Christi Geburt lebte und regiert. Er war für den Tod des Husain ibn Ali verantwortlich ist. Husain ibn ali war ein Enkel des Propheten Mohammed und eine sehr wichtige Figur des schiitischen Glaubens.

    Leider ist es nun so, dass die irrige Meinung besteht, dass die Regligionsgemeinschaft der Êzidî für den Tod des schiitischen Heiligen Husain ibn Ali verantwortlich ist, lediglich auf Grund der Ähnlichkeit der Worte ‚Yazid‘ und ‚Jesidi‘. Diese falsche Auffassung hat sich so hartnäckig gehalten über die Jahrhunderte, dass sogar einige Êzidî glauben ihre Vorahnen wären tatsächlich für den Mord an Husain ibn Ali verantwortlich. Dies ist aber offensichtlich falsch!

    Die Êzidî wurden oftmals von Radikalen schiiten als Sündenböcke für ein Ereignis abgestempelt, welches sie niemals hätten begehen können. Denn die Êzidî haben schon immer andere Religionen respektiert, waren gewaltfrei und nicht missionarisch. Neben ihrer Überzeugung können die Êzidî des Weiteren aus rein logistischen Gründen am Mord an Husain ibn Ali nicht beteiligt gewesen sein, da die Êzidî nie ein wanderndes, geschweige denn plünderndes oder kriegstreiberisches Volk gewesen sind. Im Gegenteil, die Êzidî sind für ihre sesshafte Lebensweise bekannt, die viel Wert auf eine geschlossene Gemeinschaft legen.

    Warum ist diese Unterscheidung so wichtig?
    In vielen muslimischen Ländern ist die Geschichte des Yazid ibn Muawia der für den Tod des Husain ibn Ali verantwortlich war bekannt. Da nun Yazid ibn Muawia Anhänger hatte (und vermutlich immer noch welche hat) können die Êzidî leicht mit jenen Anhängern des Yazid ibn Muawia leicht verwechselt werden, wenn man mit einem Pakistani oder Iraner über Jesiden spricht. Allerdings wird dieses Missverständnis er gar nicht entstehen, wenn man über die Êzidî redet. Dies aus dem einfachen Grund, da es in der persichen Sprache (Farsi) das Sprichwort „bengehe ezidi“ existiert, was so viel bedeutet wie „Gottes Haus“. Der Gebrauch dieser Worte in Farsi wird auch zum Beispiel in weiten Teilen Pakistans verwendet (wurde mir von einem pakistanischen Kammilitonen aus Lahore bestätigt). Somit wir das Wort ‚Êzidî‘ in einigen muslimischen Ländern mit ‚Gott‘ übersetzt. Das Wort Jeside/Yazide hingegen wird mit den Anhängern des muslimischen Kalifen Yazid ibn Muawia gleichgesetzt.

    Um diesen kurzen Beitrag abzuschliessen, möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass der Gebrauch des Wortes ‚Jesiden‘ leicht mit ‚Yazid(en)‘ verwechselt werden kann. Aus diesem Grund ist die Verwendung des Wortes ‚Êzidî‘ die beste Möglichkeit, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, denn die Regligionsgemeinschaft der Êzidî musste bereits wegen zu vielen Vorwürfen und fatalen Missverständnissen leiden.

    Nochmals danke für die Beantwortung meiner Frage Herr Blume.

    • Liebe @Melanie,

      vielen herzlichen Dank. Es gibt auch die wissenschaftliche Meinung, nach der sich die frühen Jesiden selbst als Nachkommen Yazids verstanden, bzw. auf dieser Grundlage von sunnitischen Verfolgungen verschont wurden. Auch viele ezidische Institutionen – einschließlich des Zentralrates – schreiben sich bislang gar mit „Y“.

      Ich nehme vor allem in den jüngeren Generationen ein stärkeres Abrücken von diesen auch islamischen Wurzeln wahr und vermute, dass sich mittelfristig die eigenständigere Form „Ezide/in“ durchsetzen wird. Da ich als Religionswissenschaftler in dieser religionsinternen Debatte nicht Partei ergreifen will, bleibe ich erstmal beim „J“ zwischen den Flügeln.

      Beste Grüße

      Michael Blume

  24. Und wieder hat man es geschaffen. Den Bösen ISLAM. Warum kann man nicht einfach objektiv beschreiben.
    Ohne Quelle und ohne Fakten, einfach nur Kaffeeklatsch. Schade um die Ausarbeitung, die zuerst sehr interessant wirkte…

  25. Liebe Melani,
    Sehr geehrter Herr Blume,
    Zunächst möchte ich Ihnen beiden und alle anderen hier Beteiligten dafür dankendanken, dass sie sich für uns und unsere Religion interesieren.
    Vieleicht kann ich etwas Licht in die Dunkle Ecke des Nemengebung des Êzîdentums werfen.
    Sie beide haben mit ihre Ausführungen Recht. Es gibt in der Tat viele Schreibweisen der êzîdischen Religions.
    Die Ursachen sind vielfältig und wir können nicht alle hier in kurze abhandeln. Hier einige Bezeichnungen, die ich bis dato gefunden habe:
    „Jesiden, Jesiden, Yesiden, Yesidis, Yezidiler, …..“

    Wir selber kennen zwei und die heißen:
    häufiger in Gebrauch ist „Êzîdî“
    und gelegentlich in Gebrauch ist auch „Ezdayî“
    Alle anderen sind der historische, geschichtliche Tatsachen geschuldet.
    Wie Sie wissen Êzîden leben bzw. Lebten bis in den 80er Jahren des letzten Jahrtausend überwiegen in Ländern in denen ihnen alles bis hin der Gebrauch eigener Muttersprache verboten war. Das schlimmste war, dass ihnen der Gebrauch ihrer Muttersprache unter Androhung von harter Strafen strengstens verboten war. Sie hatten/ haben „0,0000“ Schanzen und Möglichkeiten sich in Schriftform mit ihrer Geschichte und Tradition zu befassen. Die wenigen schrifliche Erwähnungen über sie findet man bei den Berichten von europäern, die als Reisenden über sie gesammelt haben und auch diese hauptsächlich aus dritter Hand, währsnd man sich sevr viel Mühe gab sie meist falsch darzustellen.
    Was bleibt einem Volk übrig, das gezwungen wurde zu 100% Analphabet zu bleiben übrig, ausser sich mit dem zufrieden zu geben, was andere ihnen vorgeben?
    In genau so eine Situation stecken wir Êzîden auch heute noch. Wir haben auf der einen Seite mit einer älteren Generation zu tun, die durchaus geistig hoch gebildet ist, aber leider außer im Stande ist ihr wissen schriftlich zu fixieren und auf der anderen Seite stehen ihnen gegenüber eine jungere Generation, die zwar eine Schulbildung hat, aber oft ausser im Stande ist ihre Ältere zu verstehen, weil zwischen ihnen oft Sprach und kulturelle Barieren stehen. Diese jungeren sind gezwungenermaßen auf die nachweislich fehlerhafte Quellen von Fremden angewiesen, die ihnen vorgelegt werden.
    Erschwerend kommen noch politisch desorientierte Illusionen dazu.
    Kurz um, man kann behaupten, dass sie gerade eine Identitätskrise durchlaufen.
    Hier möchte ich beenden und hoffe Ihnen doch etwas geholfen habe einer Antwort auf Ihre Frage näher zu kommen.
    Schöne Grüße
    Ferhun Kurt

  26. Lieber Sahin@

    niemand kann den Islam als böse dafarmieren, ausser sie tun es selber.
    Man kann niemanden in eine Gewand zwingen, wenn es dem nicht passt.
    Überall auf der Welt geschehen auch in diesen Tagen viele schreckliche Dinge, die eindeutig dem Islam bzw. ISLAMISTEN zuzuschreiben sind.
    Mehrere Millionen Menschen sind vor ihnen auf der Flucht und erleben tagtäglich schreckliche Dinge. Wieviele bereits im Namen des Propheten und seinen Gott gestorben sind kann niemand mehr sagen und täglich kommen tausende dazu.
    Also, bitte wasche deine Hand nicht in das Unschuld anderer, damit Ihr Gewand nicht mit schmutzige Spritzern bekleckert wird.

  27. „Also, bitte wasche deine Hand nicht in das Unschuld anderer, damit Ihr Gewand nicht mit schmutzige Spritzern bekleckert wird.“
    wooww
    Das ist mit Lichtjahren Abstand das vernünftigste was ich in diesem „geistvollen“ Forum bis jetzt gelesen hab. There’s still hope.

  28. Leider es wird immer wieder gesagt daß jeziden leben aktuell in iran das ist aber falsche, vor tausende Jahren schon aber jetzt nicht mehr

  29. Ich selbst bin Yeside pir und ich fand diesen Beitrag äußerst interessant! Wenn ich ehrlich bin konnte ich nicht aufhören zu lesen, selbst die Kommentare waren interessant und beeindruckend, schön dass sich so viele Menschen für diese Religion interessieren.Ich wollte Dankeschön sagen, man kann nie aufhören Dankeschön zu sagen, das hat mich um einiges schlauer gemacht 😀

  30. Einige Yeziden halten an der Meinung fest, im Yezidentum würde es zwar keinen Teuf*l geben, aber eine Hölle würde existieren. Sie glauben aber auch daran, dass die Seelenwanderung existiert, diese aber nur bestimmten Personen vorbehalten sei wie z.B. den sogenannten Faqîr, die ihr komplettes Leben der Religion widmen und auf „irdische“ Vorzüge verzichten.
    Wenn man sie fragt, wer denn über die „Hölle“ herrscht, wenn es doch keinen Teuf*l gibt, bekommt man die Antwort „Gott herrscht sowohl über Hölle als auch über das Paradies“ mit Bezug auf den Qewlê ŞeŞims in dem es heißt „Destekî Şêşimis dojeye yek buhişt e“ was mit
    „Die eine Hand Şêşimis (Gottes) ist die „Hölle“ die andere das Paradies“ ins Deutsche übersetzt werden kann.
    Die Behauptung, dass die Seelenwanderung nur bestimmten Personen zustehen würde, steht im Gegensatz zu unseren Prinzipien. Mit dieser Aussage würden wir die Seelenwanderung nur für uns Yeziden vereinnahmen, obwohl es in unserer Religion heißt „Jede Religion ist ein Teil der Wahrheit“.
    Der kurdische Begriff den man mit „Hölle“ assoziiert ist das Wort „dojeh“, welches im Avestischen als „daožahuua“ überlierfert wurde und lässt sich auf die beiden Indoeuropäischen Wörter „*deu̯s“ (deutsch: schlecht) und *h1és-u̯-o- ( deutsch: Leben/Dasein) zurückführen.
    Demnach war die ursprüngliche Bedeutung von „dojeh“ (deutsch: Hölle) eigentlich „schlechtes Leben“.
    Das Wort „buhişt“ (deutsch: Himmel/Paradies) wurde im Avestischen als „vahishta-“ überliefert und bedeutete ursprünglich „das Beste“.
    Es wird ersichtlich, dass die ursprünglichen Bedeutungen von Himmel und Hölle im Yezidentum keine Orte beschreiben, sondern Zustände. Wenn also im Yezidentum von Himmel und Hölle die Rede ist, so bezieht es sich auf ein schlechtes bzw. ein besseres Leben nach dem Tod.
    Im Gegensatz dazu lassen sich die im Islam und Judentum verwendeten Begriffe eindeutig auf Orte zurückführen.
    Der arabische Begriff Cehenem (Dschahanam) „Hölle“, der seinen Ursprung im hebräischen „Gehinnom“ hat, bedeutet so viel wie „Schlucht von Hinom“. Der Begriff cana (Dschana), welches mit dem im hebräischen verwendeten Wort „Gan“ verwandt ist, beschreibt ebenfalls einen Ort, eine Art Garten Eden.
    In Anbetracht der von uns aufgeführten Tatsachen ergibt es also Sinn, dass in den Qewls von „Himmel“ und „Hölle“ die Rede ist, die beide unter der Herrschaft Gottes liegen, diese aber keine Orte beschreiben sondern Zustände in die man nach dem Tod wiedergeboren wird.

  31. Ich danke Ihnen für das Interesse an dem Ezidentum.
    Was ich bei meinem Kommentar noch hinzufügen wollte, arabische und auch kurdische Autoren versuchen immer wieder, Sheikh Adi als einen Araber hinzustellen und schreiben ihm das Heirats- und Konvertierungsverbot zu. Das ist nicht korrekt. Diese Regeln wurden viel später eingeführt. Kurdische Nationalisten versuchen Sheikh Adi diese Regeln, die von einigen Eziden verachtet werden, zuzuschreiben, um ihn dann als Araber, der die Eziden mit solchen Regeln vernichten wollte, hinstellen. Damit soll eine Reformierung und letztenendes auch eine Öffnung des Ezidentums hervorgerufen werden. Man versucht gezielt Sheikh Adi aus dem Ezidentum zu drängen, um Zarathustra, der nichts mit dem Ezidentum zu tun hatte und sogar tausende von uns abschlachtete, als Propheten des Ezidentums zu etablieren.
    Weiterhin möchte ich noch eine Frage beantworten, die in den Kommentaren gestellt wurde.
    Die meisten Eziden sehen sich als eigenes Volk, besser gesagt als ethno religiöse Gruppe, ähnlich wie die Juden. Das mag den in Deutschland lebenden Menschen komisch vorkommen, denn die Eziden aus Deutschland kennen das gar nicht. Während die Eziden in der Türkei und Syrien damals unter dem Einfluss des kurdischen Nationalismus standen, der ihre Religion und sie selbst manipulierte, waren die Eziden aus den anderen Staaten (Irak, Russland, Armenien, Georgien) kaum davon betroffen. Sie verstehen sich als eigenes Volk mit einer eigenen Religion. Die Eziden können sich als eigenes Volk sehen, wie sie auch von der UN anerkannt sind, oder sich als Kurden verstehen. Normalerweise sind sie keine, hierzu ein informierendes Video
    (https://m.youtube.com/watch?feature=youtu.be&v=NEDQ1nDtGQQ)

    Sherfedin war ein ezidischer Kämpfer und zugleich die Personifizierung des Ezidentums, lieber Autor. Dazu gibt es auch ein Qewl, in dem es heißt „Sherfedin dine me ye“, also „Sherfedin ist unsere Religion“.Dieser Text wurde schon oft durch kurdische Nationalisten verfälscht und in „Sherfedin ji dine me ye“, also „Sherfedin ist von unserem Glauben“ geändert. Dazu hier mehr (http://ezidipress.com/blog/serfedine/)

    Und hier noch etwas interessantes zu Sheikh Adi(Şêx Adî):

    Der Adawîya-Orden | Terîqeta Edewîya

    Şêx Adî gründete den nach ihm benannten Derwisch-Orden der Adawîyas. Derwêş, andere Bezeichung: Mystiker. In der damalige Gesellschaft waren alle Menschen Ordensanhänger der Derwische. Die Derwischbewegung ist von Religionen unabhängig und viel älter als der Islam. Eine Strömung hat sich dem Islam angenähert durch Al-Ghazali, diese wird heute Sufismus genannt, aber Şêx Adîs Derwischtum nicht. Deshalb lehnte er die Annahme der Sheriet (Scharia) ab und akzeptierte nur Heqiqet (Wahrheit), Teriqet (Orden) und Marifet (Würde). Die Sufisten werden aufgrund ihrer toleranten Philosophie von orthodoxen Sunniten als Kuffar angesehen. Sie sagen das hat mit Islam nichts zu tun und sie haben recht. Şêx Adî war kein Muslim, er war ein Derwisch-Mönch, dessen Derwischtum außerhalb der islamischen Mystik (Sufismus) anzusiedeln ist. Das lässt sich ganz klar anhand der êzîdîschen Texte belegen. Also noch mal. Şêx Adî war ein Derwisch-Mönch, aber kein islamischer Mystiker, er hat die Scharia abgelehnt, so steht das in den Qewls. Die Derwisch Bewegung ging in den darauffolgenden Jahrhunderten komplett im Sufismus auf und ist zu einem Synonym für den Sufismus geworden. Der Adawîya-Orden (d.h. Anhänger Adîs) hingegen löste sich in der êzîdîschen Bevölkerung auf. Wie genau, weiß man nicht, es ist aber prägend gewesen. Mit dem Adawîya-Orden gewann Şêx Adî, über die Hekkari Region hinaus viele Anhänger und missionierte sie zum Êzîdentum, er brachte es zu einer berühmten Persönlichkeit seinerzeit, er vereinigte die Êzîden zu einer starken Einheit und vergrößerte unsere Zahl. Schaut man auf Wikipedia, findet man dutzende Derwisch-Orden, die aber alle islamisch sind, hier einige Beispiele:
    – Nasiriyya
    – Haksariyya
    – Safawiyya uvm.
    Aufgrund der Tatsache, dass die Derwisch Bewegung im Sufisten aufging, gingen Reisende und viele Theologen sowie Autoren davon aus, dass Şêx Adî selber ein Sufi-Mönch gewesen sein muss, das ist natürlich falsch, meist jedoch nicht beabsichtigt von den Schriftstellern.

    Wir wissen, dass wir Êzîden unser heutiges Dasein ihm zu verdanken haben. Ohne seiner Erscheinung und seine Reformen wäre diese Religion in seiner früheren Form in solch einer Feindseligen und untoleranten islamischen Welt nicht existenzfähig. Er hat diese Religion noch rechtzeitig vor dem Untergang bewahrt.

    In einem der Glaubensbekenntnisse der Êzîden heißt es:
    Al-hemidillah ji Adîya
    Em Vavartîn ji kafira, ji Şerîétê
    Em havêtîne ser pişka sunnetê

    Gelobt sei Gott für die Familie Adi,
    sie haben uns vor der Scharia bewahrt
    und uns in der Tradition verortet.

    Dieser Inhalt findet sich ganz oft in verschiedenen Kontexten in den êzîdîschen Texten. Daraus folgt eindeutig, dass Şêx Adî die islamische Scharia von den Êzîden ferngehalten hat, die Êzîden haben die Scharia abgelehnt. Dank Şêx Adî und alle anderen Adîs, insb. Şêx Hesen (Şêxsin) sind die Êzîden heute keine Scharia-Anhänger, also Muslime.

    Zu erwähnen ist, dass Şêx Adî das Kastensystem nicht eingeführt hat, er hat überhaupt nichts damit zu tun. Die Entwicklung des Kastensystems begann schon lange vor Şêx Adî und entwickelte sich lange nach Şêx Adî weiter. Das ist ein großes und komplexes Gebiet für sich.

    Hier sind zwei Zitate von Şêx Adî, die seine Weisheit & Philosophie verdeutlichen:
    „Ohne Buch weise ich den Weg, jene, die mir lieb sind und mir anhangen, führe ich aus dem Verborgenen her, was ich euch lehhre, hat keine Mühsal in sich.“
    „Siehe, der Glaube ist Wort und Tat und fester Vorsatz; er wächst durch Gehorsam und wird durch Widersetzlichkeit vermindert.“
    – Şêx Adî

    Zum Schluss noch einige Psalmen aus unseren Qewls, in denen es um die Adawîyas & Derwische geht.

    1:
    Şîxadî li Laliş bû
    Xemilî bi xerqê reş bû
    Edewîya hal pê xweş bû

    Şêx Adî war in Laliş
    geschmückt mit schwarzem Xerqê
    Die Adawîyas waren darüber in guter Laune

    2:
    Meke em derwêş
    Rêya heq bikîn teftêş
    Liber nav û dikrêd te bibîn hawêş

    3:
    Bi te didin xêr û şer e
    Hîmeta te hebe bi me re
    Em derwêşin bi navê te re

    4:
    Ewe rewaq li rew e
    Qendîlê wê di înin perî wê li hew a
    Qubleta me mêrê edewî ew e

    5:
    Ev diniya erdê derwêş e
    Têda di gerin cimle cêş e
    Kesek bi nefisa kibar naçe pêş e

    Es gibt natürlich noch viel mehr Passagen in unseren Qewls, in denen es um die Derwische sowie Adawîyas geht, die Gesamtheit würde den Rahmen hier aber sprengen. Empfehlen kann ich euch zu diesem Thema „Qewlê Derwêş Adem“.

  32. Mithras-Kult & Ezidentum hatten beide Glaubensrichtungen eine Verbindung? Oder war das Ezidentum das damalige Mithras-Kult?

    • Ja, @Mithra – obwohl schriftliche Quellen fehlen, gibt es in Überlieferung, Symbolik und Selbstverständnis viele Hinweise auf eine Verwurzelung des Ezidentums im späteren Zoroastrismus bzw. (persisch- & kleinasiatischem) Mithraismus.

      Dazu gehören u.a. die Verehrung der Sonne, Sprache und Region, die Verehrung von Yazdas/Engeln. Doch die Forschungen und Debatten dazu sind noch länger nicht abgeschlossen…

  33. Pingback: Der Baba Sheikh – Religiöses Oberhaupt der Yeziden und Reformer › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  34. Hallo erst mal..
    Also ich sag mal auch selber herzlichen dank als yezide und bin echt positiv Überrascht und sehr beeindruckt.. Ich habe selber was dazu gelernt und lerne nie aus,sondern mehr dazu..ich habe diese einen Problem was grade sehr aktuell ist ,am 13.3.2016 dieser (eiskalter)Mord wird als Ehrenmord abgestempelt.. und ich sage selber das hat mit Ehre nicht zu tun wenn ein Mensch Mord begeht ,gescheiterte ehe ist das und egoistische Selbstwertgefühle…was sagst du dazu oder wie kann ich das trennen .es ist kein zwang seine Ehre mit Mord zu waschen und schon gar nicht bei uns..bitte um Aufklärung.. Wenn du möchtest kannst mich sehr gerne bei facebook adden ..mein Name ist Hasan Orke orke .MFG

    • Vielen Dank für die Rückmeldung, @Orke Hassan.

      Meines Erachtens dürfen Morde weder im Namen der „Ehre“ noch der Religion gerechtfertigt werden. Es gilt das Gewaltmonopol des Rechtsstaates und das Menschenrecht der Religionsfreiheit.

  35. Hallo ,
    vielen Dank für diesen Beitrag und die Forumsbeiträge.
    vielleicht können sie mir weiterhelfen.
    ich bin auf der Suche nach den Gepflogenheiten, die am geheiligten Mittwoch bzw. jeden Mittwoch durchgeführt werden, sollten oder müssen – also sowas wie Verhaltensregeln für diesen Tag. was ist erlaubt – was ist verboten – gibt es Ausnahmen – sind siese Vorschriften für Männer und Frauen gleich – oder Jungen und Mädchen
    Herzliche Grüße
    Ursel Passon

  36. Hallo Forumsteilnehmer,

    im Moment stelle ich fest, dass viele jesidische Flüchtlinge die Nähe zu christlichen Religionsgemeinschaften suchen. Oftmals wird mir mit gewissem Stolz eine Bibel und ein Kreuz vorgezeigt, wobei trotzdem gleichzeitig das Jesidentum betont wird und auch die jesidischen Traditionen und Tabus gepflegt werden.

    Nun ist mir nicht klar, warum diese Annäherung stattfindet.

    Ist es die Sehnsucht zur „christlichen“ Mehrheitsgesellschaft in Deutschland zu gehören, nachdem man so viele Jahrhunderte eine verfolgte Minderheit war?

    Verspricht man sich Vorteile zu dieser Bekennung zu christlichen Symbolen ohne das Christentum auch inhaltlich übernehmen zu wollen?

    Glaubt man durch die gemeinsame Ablehnung des Islam in Christen Verbündete zu haben?

    Zieht junge Jesiden unsere extrem liberale und alles tolerierende Gesellschaft an und glauben sie fälschlicherweise dieses wäre ein Kennzeichen des Christentums?

    Worin besteht Ihres Erachtens diese Affinität jesidischer Flüchtlinge zu christlichen Symbolen?

    • Lieber Herr Blume,

      Ihre Antwort auf die Fragen von Woody Book würde auch mich sehr intressieren, da wir uns um jesidische Flüchtlinge kümmern und genau diese o-g. Fragen beschäftigen uns!!

    • Lieber @Woody Book, liebe @Heidrun,

      tatsächlich habe ich diese große Zuneigung zu Christentum und christlichen Symbolen in Begegnungen und Gesprächen mit Yeziden auch oft erlebt. Besonders drastisch wurde mir dies nach der Landung eines Flugzeugs des Sonderkontingentes in Stuttgart bewusst, als die Frauen und Kinder auch von einer Gruppe Nonnen begrüßt wurden. Einige Mütter liefen freudestrahlend auf die Nonnen hinzu und vertrauten ihnen praktisch gleich ihre Kinder an!

      Eine befreundete Scheicha (Yezidin aus der Scheich-Kaste) erzählte mir auch von ihrer Liebe zu christlich-katholischen Gottesdiensten, in denen sie als Kind sogar ministriert hatte.

      Im Wesentlichen sehe ich für diese enge Affinität vor allem drei Gründe:
      1. Das Yezidentum ist eine synkretistisch gewachsene Religion und hat auch aus dem Christentum viele Elemente aufgenommen, beispielsweise die Taufe in Lalish, das wohl ursprünglich selbst eine christliche Mönchsstätte war und Lobgesänge auf Jesus als „Licht Gottes“.
      2. Historisch haben sich Christen und Yeziden in der Region immer wieder gegenseitig unterstützt und Zuflucht gewährt. Auch die yezidische Theologie einer göttlichen Allversöhnung ist für Christen leichter nachvollziehbar, wie auch umgekehrt (viele) Yeziden in Sheikh Adi eine Inkarnation des Göttlichen zu erkennen glauben.
      3. Die brutalen Verfolgungen durch den so genannten „Islamischen Staat“ haben das oft mühsam geknüpfte Vertrauen in die muslimischen Nachbarschaften tiefgreifend zerstört. Viele Yezidinnen und Yeziden glauben nicht mehr an eine Zukunft unter Muslimen, nehmen islamische Symbole als bedrohlich wahr und suchen umgekehrt Zuflucht in der Umgebung von Christen, dern Symboliken also zu Zeichen der Hoffnung und Zukunft werden.

      Hinzu kommen schließlich auch wachsende Konflikte insbesondere der jungen Generationen mit den (noch) starren Kasten- und Eheregeln des Yezidentums. Vielen erscheint das Christentum daher mit seinen Botschaften nicht nur des Glaubens und der Hoffnung, sondern auch der (freieren) Liebe als sehr ansprechend.

      Zu Reformprozessen und Reformbedarf innerhalb des Yezidentums:
      http://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-baba-sheikh-religioeses-oberhaupt/

      Soweit meine Beobachtungen zum Thema – danke für Ihre konstruktiven Anfragen!

  37. Gabs im Mithras-Kult auch Engel oder Götter die Tier gestalten hatten? Ich spreche hier von Tausi-Melek!In der Antike wurde nie über eine Engelsgestalt namens Tausi-Melek gesprochen die die Form eines Pfaues hatte!

  38. Hallo,

    Ich möchte sehr gerne wissen wer diese Artikel geschrieben hat. Ich möchte mehr über meine Religion wissen und haben einige Fragen für Sie. Wenn Sie Kontakt mit mehr aufnehmen wäre das super sein.

  39. Ein Grüß an alle,

    Wie ich sehe wird hier noch sehr aktiv und aktuell weiter diskutiert.
    Ich möchte versuchen kurz auf die Fragen von Wood Book zu antworten.
    Grundsätzlich stehen wir als Êzîden (Yeziden) alle Menschen unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit sehr offen und möchte mit Ihnen in einem friedlichen Einklang leben. Solche Erfahrungen haben wir bereits früher mit Christen gemacht, die in unser Nachbarschaft gelebt haben und stets all unser Leid teilen müssten, was man auch heute im Irak und Syrien, Türkei, … sieht und erleben kann.
    Also die beiden Religionsgemeinschaften waren nicht nur aus wirtschaftlichen und Sozialen Gründen engt mit einander verbunden, sonder sie waren stets auch Leidensgenossen.
    Als 1915 die Jung- Türken an Armenier das Genozid verübt haben würden mit ihnen auch alle anderen christliche Ethnien verfolgt und größtenteils massakriert. Viele der Überlebenden haben ihr Leben ihre êzidische Nachbarn zu verdanken. Alleine in Schengal, wo heute ein Völkermord (Genozid) verübt wird (ist noch am Gange) haben mehrere Tausend Armenier und andere christliche Minoritäten bei den Êzîden Schütz gefunden und so ihre Henkern entkommen. Der Legendere Geistige (Feqîr) Hamo ê Şero (sprich: Schero) hat sie damals aufgenommen und sich mit alle ihm zur Verfügen stehenden Kräften und Mittel den Verfolgern (osmanische Streitkräften) entgegengesetzt.

    Auch im Tur Abdin (östlich der Türkei, Distrikt Mardin) haben viele von ihnen bei ihre ezidischen Nachbern Schütz gefunden, bis die Gefahr „vorüber“ war. Das war natürlich selbst für die Êzîden selbst, die bis dahin unendliche Male das Ziel von Verfolgung und Genoziden waren sehr lebensbedrohlich.
    Darüber habe ich bereits in den 90er Jahren ausführlicher geschrieben.

    Kurzum!
    Eine sehr wichtige Botschaft für alle Helfer!

    Êzîden sind mit alle christliche Lehren sehr wohl vertraut und kennen sich damit bestens gut aus.
    Sie tragen gewöhnlich keine christliche Symbole mit sich, wenn manche von ihnen dennoch welche bei sich tragen kann als Zeichen dafür gedeutet werden, dass sie ihre Gegenüber folgende Botschaft mitteilen wollen: “ wir sind mit den Lehren von Jesus vertraut“
    Ich selber habe oft bei Êzîden ein Bild von Jesus an der Wand hängen sehen. Das ist nur als Zeichen von Toleranz und friedlichen Zusammenleben zu deuten, weiter nichts.

    Das darf auf keinen Fall als Zeichen dafür gedeutet werden, sie sein bereit Christen zu werden.
    Damit würde man eine unwiederbringliche Barriere zwischen sich und ihnen aufbauen.

    Niemand von ihnen denkt daran zu konvertieren, im Gegenteil, sie haben von solche Absichten gerade satt. Sie befinden sich gerade nicht zuletzt deswegen auf der Flucht.

    Auf die Bemerkung von Herrn Blum, dass Êzîden viele Symbole von den Christen übernommen haben kann ich nicht bedingungslos teilen.
    Das kann auch umgekehrt der Falk sein. Ein Beispiel dafür sind die buntbemalte Ostereier.
    Auch bei den Êzîden werden die Eier zum Fest Çarşemba sere Nisanê (auch Çarşemba sor bzw. Sersal genannt) bunt bemalt. Damit symbolisieren die Erneuerung der Erde bzw. Anfang und Wandel des Jahres mit Beginn im Frühling.
    Mit dem Fest Çarşemba sor selber wird an die ersten Sonnenstrahlen am Ur-Beginn und damit die Belebung unseren Planeten erinnert. Alleine daran sieht man wie tiefgründig die êzidische Theologie ist, die leider nicht schriftlich fixiert ist.

    Ich hoffe Ihnen allen hiermit etwas mehr geholfen habe.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ferhun Kurt

    • Dazu kein Widerspruch von mir, @Ferhun Kurt: Lebendige Religionen & Kulturen haben sich immer auch gegenseitig beeinflusst und bereichert – vor allem dort, wo es freundschaftliche Beziehungen gab.

  40. Herzlichen Dank, Herr Blume und Herr Kurt, für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen, die sich auch mit meinen Erfahrungen größtenteils deckt.
    Lediglich dem Punkt, dass niemand darüber nachdenkt zu konvertieren, kann ich nach meiner Beobachtung nicht zustimmen.
    Mittlerweile kenne ich einige, die Gottesdienste besuchen und auch (aus unterschiedlichen Motiven) Christen werden möchten, aber den Ausschluss aus ihrer engen Gemeinschaft fürchten.
    In Georgien und Armenien sind im Laufe der letzten 100 Jahre wohl auch viele Jesiden zum Christentum konvertiert. Sicher auch weil die enge Verbindung zum kulturellen „Stammland“ verloren gegangen ist.
    Andere, vor allem jüngere, bekennen sich ganz offen zum Atheismus, wohl auch aufgrund der schlimmen Erfahrungen in der Heimat. Letzteres scheint auch innerhalb der Gemeinschaft eher akzeptiert zu werden als die Bekennung zum Christentum.
    Bei Jesiden mit höherer Schulbildung hat das Jesidentum offensichtlich auch kaum mehr Bedeutung als den gemeinsamen kulturellen Ursprung. Der religiöse Aspekt scheint völlig verschwunden zu sein.
    Natürlich geht die fortschreitende Säkularisierung und religiöse Beliebigkeit nicht am Jesidentum vorüber.
    Aber das sind lediglich meine persönlichen Erfahrungen mit meinen jesidischen Mitmenschen.

    Viele Grüße

  41. Sehr geehrter Herr Blume,
    da ich seit ein paar Monaten kurdischen Schülern in der Schule Nachhilfe gebe, interessiert mich außer der Religion das Alltagsleben. Der Umgang miteinander, Fettnäpfchen in die ich treten könnte. Bislang habe ich darüber nichts gefunden.
    Es würde mir Einiges erleichtern.
    Vielen Dank
    Elke Ballhausen

    • Sehr geehrte Frau Ballhausen,

      vielen Dank, die Anregung nehme ich gerne auf und würde ggf. einmal nach einer Gastbloggerin suchen. Ginge es Ihnen allgemein um kurdische oder kurdisch-yezidische Schülerinnen und Schüler?

      Mit herzlichen Grüßen

      Michael Blume

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