Wie Goldman Sachs Greg Smith und dieser viele Bankenkritiker enttäuschte

Auf einer Rückreise vom Mittleren Osten – wo mir die verhägnisvolle Macht des Öls wieder vor Augen getreten war – stieß ich neulich auf das Buch des Ex-Bankers Greg Smith „Why I left Goldman Sachs / Warum ich Goldman Sachs verlassen habe“ (Hachette). Wie sich später zeigte, liegt es inzwischen auch als „Die Unersättlichen: Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab“ bei Rowohlt in deutscher Übersetzung vor. Da ich ja auch selbst nach Abitur und Wehrdienst zunächst eine Finanzausbildung absolviert, mich aber dann doch im Studium gegen eine Banklaufbahn entschieden hatte, interessierte mich das Buch – und war überrascht, wie viel es dann doch auch religionswissenschaftlich zu bieten hatte.

greg-smith-why-i-left-goldman-sachs-coverIm Kern dreht sich Smiths Buch um zwei Aspekte: Um die Erzählung seiner biografischen Identität und der Bedeutung von Firmen-Kultur. Als durchaus konservativer – wenn auch nicht orthodoxer – Jude aus Südafrika stürzt sich Smith zunächst begeistert in „den amerikanischen Traum“ und wird Praktikant, dann Auszubildender bei „der“ Traditionsbank Goldman Sachs. Durchaus glaubwürdig schildert er die Härten, aber auch die Aufregung jener ersten Jahre, die ihm mit viel Anerkennung und auch stetig steigendem Gehalt vergoldet werden. Dazu gehört auch seine Prüfung am 11. September 2001 – die durch den Terroranschlag auf das World Trade Center dramatisch unterbrochen wird und deshalb später wiederholt werden muss.

Doch in Smiths Leidenschaft für die Karriere bei Goldman Sachs mischt sich zunehmend Bedauern und schließlich Kritik über den „Verlust an Kultur“ des bald 150jährigen Hauses. Zunehmend würden die Banker „alter Schule“ verdrängt von rücksichtslosen Egomanen, die langfristige Kundenbindungen für schnelle Bonuszahlungen ausbeuteten. Gutgläubige Kunden seien zunehmend als „Muppets“ verhöhnt worden und langsam habe sich eine Verachtung der täglichen Bankarbeit zugunsten schneller Millionengeschäfte („Elephanten“) breit gemacht. Die Banken- und Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte seien nicht mehr als Weckrufe zu echter Erneuerung verstanden worden, sondern als quasi sozialdarwinistische Auslesezeiten, nach denen das Geldverdienen – gerne auf dem Rücken der Steuerzahler – umso schneller wieder in Gang kommen solle.

Nach einem Wechsel nach London – und einer nach intensiven Jahren doch gescheiterten Beziehung – habe er, Smith, den wachsenden „Kulturverlust“ bei Goldman Sachs immer weniger ertragen. Seine über Jahre tagebuchartig notierten Zweifel habe er schließlich in einem Beitrag für die New York Times zusammengefasst, der zugleich seine Kündigung markierte. „Why I Am Leaving Goldman Sachs“ vom 14. März 2012 löste tatsächlich ein mediales Erdbeben aus – in dessen Folge auch das Buch entstand.

Zwischen den Stühlen: Den einen zu radikal, den anderen zu lasch

Da seitdem ja nun doch einige Jahre vergangen sind, konnte ich nach der Lektüre des Buches auch die verschiedenen Kritiken dazu in Augenschein nehmen. Und eine Seite der Kritik war ja auch zu erwarten: Schon unmittelbar nach Erscheinen des New-York-Times-Artikels zogen die PR-Profis der Finanzbranche los, um die Glaubwürdigkeit des Autors unter Beschuss zu nehmen. Sein Buch enthalte „nichts Neues“, sei allzu „unspezifisch“ und im Übrigen habe Smith doch eigentlich nur gekündigt, weil ihm bei einem Bonus von 500.000 USD eine Beförderung und Gehaltserhöhung abgeschlagen worden war.

Etwas weniger erwartbar schienen mir die Kritiker von der anderen – vor allem linken – Seite: Smith enthülle nicht genug, betone fast nur die Bedeutung weicher Faktoren wie eben der „Kultur“ und packe also nicht wirklich über mutmaßliche Banker-Superverschwörungen aus. Bemängelt wird zudem, dass er überhaupt soviel Geld verdient habe. Kurz: Diesem Kritikerkreis fehlt die bußfertige, radikale Umkehr samt tätiger Reue, fehlt die Selbstbezichtigung und Bitte um Vergebung. In dieser „Bankenkritik“ steckt erkennbar viel säkularisiertes Christentum, samt der Verdammung von Zinsgeschäften und hohen Einkommen.

Fazit

Greg Smiths Buch habe ich als sehr informativ und lesenswert empfunden – und zwar nicht nur als rechtfertigende Erzählung einer durchaus interessanten und relevanten Biografie, sondern auch als interkulturelles und interreligiöses Zeitdokument, das je nach Weltanschauung wiederum ganz unterschiedlich bewertet wird. Wer sich nur diese oder jene Vorurteile bestätigen lassen möchte, kann die Finger davon lassen. Wer aber über die schnelle Empörung hinaus Stoff zum Entdecken, Betrachten und Nachdenken sucht, dem hat Greg Smith viel zu bieten. Denn darauf, wie wir unsere Identitäten verstehen und erzählen und wie wir die Kulturen unserer Gesellschaften, Gemeinschaften und auch Arbeitsplätze gestalten, kommt es tatsächlich mehr denn je an.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ist diese Kultur nicht gar der härteste Faktor? Oder sollte es sein? Sind dann nicht auch die Linken Kritiker in einer völlig falschen Kulturvision verhaftet oder gestrandet? Sagt das nicht schon viel über das Hauptproblem dieser derzeitigen Population aus?

    Darf man also tatsächlich noch auch nur einen Cent auf deren (dieser mangelhaften Kultur) weiteres Bestehen setzen? Mit gutem/reinem Gewissen?

  2. Firmenkultur ist wichtich, nicht ganz klar bleibt einigen dieser Exit, vgl. :
    -> https://en.wikipedia.org/wiki/Goldman_Sachs#Greg_Smith_resignation_letter
    -> http://www.spiegel.de/wirtschaft/greg-smith-enthuellungsbuch-ueber-goldman-sachs-enttaeuscht-a-862859.html

    Dass Unternehmen (erst einmal [1] ) opportunistisch handeln, amoralisch (vs. unmoralisch), könnte jedem klar sein.
    Bei besonderen Veröffentlichungen, gerade von Aussteigern, entsteht (bei einigen natürlich nur) der Eindruck, dass da welche per Publikation aufspecken möchten.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Diese Einschränkung bleibt wichtich und bezieht sich ausschließlich auf Unternehmen in der sogenannten freien Welt.
    Hier ergeben sich idF regelmäßig auch sogenannte Philanthropen, manche dies ernst meinend, manche nur zur Vorschau; grundsätzlich bleibt diese wissenschaftliche Veranstaltung aber erst einmal amoralisch, aber nicht schlecht.
    Mitmachen muss natürlich nicht jeder, gerade das (höhere) Management meinend.
    >:->

    • Den Spiegel-Beitrag habe ich damals gelesen. Ich vertseh nur nicht, wie man ihm mangelnde Einblicke in die Praktiken vorwerfen kann, wenn man seine Kunden indiesem Maße verachtet, zeugt das von einem echten Kulturverlust, den man kaum akzeptieren kann.
      Unternehmen sind freilich keine Nullnummern, was deren Geschäftsangelegenheiten betrifft. Opportunismus mag man jedoch im Rahmen der kulturellen Gesamtvision beschränkt intendieren. Und sich in eienr Funktion innerhalb des gesamtsystems erkennen,d as eine Aufgabe zu erfüllen hat. Alles und jeden bis aufs Hemd abzuzocken gehört jedoch sicher nicht zu dieser Vision von „Kultur“.
      Auch, wenn ich damals zugeben musste, dass man als unbedarfter Anleger eben nicht auf jeden Scheiss reinfallen darf; also sein Geld nicht jedem daherlaufenden Finanzpropheten in den Enddarm zu stecken und dann meinen, damit wären sie weit vorne…Reichtum verpflichtet und wenn man sich dumm verhält dabei, wird man eben abgezockt.

      Aber so war das mit dem Neoliberalismus: Im Strassenverkehr ist man auf Wohlverhalrten derart bedacht, dass fast täglich dieses durch Wegelagerei eingefordert wird und haufenweise pingelige Vorschriften erstellt wurden, dass man meinte, der Mensch sei ein vollkommen stumpfsinniges Wesen, dass man vor Schaden schützen muß (Gängellei und so), aber in den Höhen der Finanzaristokratie setzt man auf liberalität bis zum Abwinken?
      Das wars betreffend des Neoliberalismus, der bei den Elitären anders interpretiert wurde, als beim simplen Volk. Wärend man in der Wirtschaft allen Nonsens freie Bahn lies, gängelte man in den Sphären des simplem Volkes an jeder Ecke bis zum Erbrechen. „liberal“ war da dann nichts mehr auf der Strasse. Deutlich zu viel zweierlei Maß. Wenn das nicht ein echter Kulturmangel sei, der da sich bahnbrach, dann weiß ich auch nicht.

      Aber sie, Herr Webbaer, sind wahrlich ein liberaler, nicht wahr? Bei ihnen geht auch fast alles durch.

  3. Zitat aus dem Artikel:
    »Zunehmend würden die Banker „alter Schule“ verdrängt von rücksichtslosen Egomanen, die langfristige Kundenbindungen für schnelle Bonuszahlungen ausbeuteten.«

    Da hab ich schon ein bisschen mehr respekt für diese Leute übrig: Goldman Sachs war – als ich das letzte mal nachgeschaut habe – das einzige US-Finanzinstitut das offen als Investmentbank firmte. Dazu gehört schon Mut.
    Auch sehe ich ein, dass man heute nicht mehr so Banking betreiben kann wie vor 50 Jahren. Jedenfalls, wenn man sich nicht durch FinTech obsolet machen will…

    Zitat aus dem Artikel:
    »Die Banken- und Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte seien nicht mehr als Weckrufe zu echter Erneuerung verstanden worden, sondern als quasi sozialdarwinistische Auslesezeiten, nach denen das Geldverdienen – gerne auf dem Rücken der Steuerzahler – umso schneller wieder in Gang kommen solle.«

    Ich kann das im Detail nicht nachvollziehen. Es gibt aber genug Leute, die damals zur Bankenkrise die Position vertrene haben: Marktbereinigung.
    Das hat nichts mit Darwinismus zu tun, nur mit der Einsicht (*, dass die Bankenrettung den Keim der nächsten Krise schon in sich trägt. Wenn es zuviele Banken gibt, zuviel Geld dort im Spiel ist, dann muss ds Geld eben abgeschrieben werden.
    Die Marktbereinigung ist schmerzhaft, das hinauszögern hilft dagegen niemanden. Nur den Politikern, die damit ihren Nachfolgern die Bombe als Erbe übergeben und vielleicht den ein oder anderen Banker, der sich nicht einen neuen Job suchen will…
    So jedenfalls, vielleicht nicht ganz so überspitzt, war auch mein Standpunkt zur damaligen Zeit gewesen. Je weniger sich der Staat einmischt, umso besser würde es langfristig laufen. Heute bin ich ein bisschen skeptischer als damals.

    Übrigens: Den Bankensektor geht es auch nach der Krise nicht besonders gut.

    Zitat aus dem Artikel:
    »chon unmittelbar nach Erscheinen des New-York-Times-Artikels zogen die PR-Profis der Finanzbranche los, um die Glaubwürdigkeit des Autors unter Beschuss zu nehmen.«

    Ich will nicht ausschließen, dass es so war. Aber vielleicht war es ja für die Kenner dieser Literatur wirklich „nichts neues“ mehr?

    Nette Kaufempfehlung jedenfalls
    ~~~
    *: Heute würde ich freilich von einer „Theorie“ sprechen. Dass aber Leute anderer Meinung sind, ist kein Beweis des Gegenteils; es gibt ja auch Leute, die glauben, die Erde sei flach.

  4. demolog,
    Geld, Moral, Verantwortungsbewusstsein.
    Da gebe ich Ihnen recht, da tun sich Abgründe auf.

    Ich denke, die Firmenchefs der Nachkriegszeit hatten noch so etwas wie Verantwortungsgefühl der Gsellschaft gegenüber. Die haben noch am eigenen Leib erlebt, dass man Solidarität und Nächstenliebe nicht kaufen kann.
    Jetzt ist eine neue Generation von „Machern “ an der Spitze. Das sind viele „Buchhalter“ ohne Gemeinschaftsinn.
    Kurzeitig bringt das große Bilanzgewinne und die Steuereinnahmen steigen.
    Langfristig führt diese Entgwicklung zum Auseinandertriften der Gesellschaft.
    2/3 die von der Entwicklung profitieren und 1/3 das bilanztechnisch abgeschrieben wird. Nur bei den Wahlen werden die dann wieder umworben, weil die angst vor radikalen Parteien die folge ist.

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