Wie erfolgreich war die DDR-Familienpolitik? Informationen zum Honecker-Buckel (n-tv 3)

Gerade auch in Deutschland gibt es lange Traditionen der Staatsgläubigkeit, verbunden mit einem tiefen Misstrauen gegen zivilgesellschaftliche Selbstorganisationen (wie Familien, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften). Daher werde ich immer wieder – auch im n-tv-Interview – gefragt, ob der Staat denn nicht auch die familienbezogenen Funktionen von Religionsgemeinschaften „ersetzen“ könne? Empirisch gesehen ist die Antwort darauf: Bestenfalls teilweise, bislang ist ihm das jedoch noch nie vollständig gelungen. Gegenüber n-tv.de hatte ich daher erläutert:

Es gab auch Gesellschaften wie zum Beispiel das sozialistische Rumänien oder NS-Deutschland, in denen säkulare Ideologien versucht haben, eine höhere Geburtenrate zu erzwingen. In beiden Fällen endete es im Desaster. Wir haben noch keinen Fall, wo es einer staatlichen Ideologie gelungen wäre, auf Dauer größere Familien zu erzwingen. In Rumänien brachen die Familien zusammen, zehntausende Kinder wurden ausgesetzt. In NS-Deutschland gab es zum Schluss sogar diese wahnsinnigen „Lebensborn“-Projekte, als Himmler gemerkt hatte, dass nicht einmal die SS am Ende noch die hohen Geburtenraten erreicht. Sogar eine totalitäre Politik kommt in Familienfragen an ihre Grenzen.

Einige Leserinnen und Leser ließen mich wissen, dass ich jedoch ein „Positivbeispiel“ vergessen hätte: Die DDR. Gelang es der Deutschen Demokratischen Republik, durch ihre Familienpolitik die Geburtenrate dauerhaft über 2 Kinder pro Frau zu heben?

Selbst wenn wir davon absehen, dass diese „Familienpolitik“ mit teilweise erheblichen Freiheitsbeschränkungen verbunden war, so lautet die Antwort doch klar: Nein, auch die DDR schaffte weder die völlige Abschaffung der Religionsgemeinschaften noch den Erhalt der demografischen Bestandserhaltungsgrenze. Ihre Familienpolitik erzielte jedoch durchaus demografisch messbare Effekte.

 Familie Honecker beim Spaziergang im WinterErfolgreiche Familienpolitik? Der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker (links) mit seiner dritten Ehefrau und „Volksbildungsministerin“ Margot Honecker (Mitte), Enkel Roberto und Tochter Sonja um 1980.
Bild: Bundesarchiv, Bild 183-W0910-321 / CC-BY-SA

Zuwanderung vs. Geburtenförderung: Wie West- und Ostdeutschland auf den Kindermangel reagierten

Einen später „Baby Boom“ genannten Geburtenaufschwung erlebte (West-)Deutschland nach dem Krieg, als Heimatvertriebene und zunehmend auch DDR-Flüchtlinge in die entstehenden Bundesländer strömten und zudem eine gesellschaftlich starke Rückkehr in die Kirchen sowie das länger anhaltende „Wirtschaftswunder“ einsetzte. Gerade der so zeitweise stabilisierte Familien-Traditionalismus trug jedoch ab Mitte der 1960er Jahre zu einem schnell massiven Einbruch der Geburtenraten bei, als sich die Nachkriegsgenerationen den starren Familienrollen versagten, dazu auch neue Verhütungsmöglichkeiten nutzten („Pillenknick“) sowie den Kirchen zunehmend den Rücken kehrten. Seit 1972 übersteigen die Sterbe- die Geburtenzahlen in der (gesamten) Bundesrepublik.

Während Westdeutschland den Arbeitskräftebedarf der Nachkriegszeit jedoch durch Anwerbeabkommen mit Ländern wie Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei und Tunesien zeitweise und kostengünstig decken konnte, reagierte die ostdeutsche SED auf Auswanderung und Geburteneinbruch vor allem mit dem massiven Ausbau von Betreuungseinrichtungen, um die Berufstätigkeit von Frauen zu fördern, teilweise gar zu erzwingen.

Auf ihrem 20. Parteitag um 1970 verschrieb sich die SED-Führung der aktiven Steigerung der Geburtenraten, unter anderem durch direkte finanzielle Leistungen (inklusive Krediten, die „abgekindert“ werden konnten) sowie dem schnelleren Bezug von Wohnungen, Autos und Urlaubsreisen für Eltern. Um 1975 besuchten in der damaligen DDR bereits über 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen sozialistische Betreuungseinrichtungen.

Die massiven Maßnahmen führten tatsächlich zu einem zeitweisen Anstieg der ostdeutschen Geburtenraten bis auf 1,9 Kinder pro Frau, die jedoch mit Beginn der 1980er Jahre schon wieder absanken, ohne die Bestandserhaltungsgrenzen erreicht oder gar gehalten zu haben: der unter Demografen nach dem damaligen SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden benannte „Honecker-Buckel“. Nach einem massiven Einbruch der ostdeutschen Geburtenraten nach der Wende und Wiedervereinigung um 1989/90 haben sich die Geburtenraten der alten und neuen Bundesländer inzwischen angeglichen.

Religionsdemografisch gesehen haben wir es dabei in Deutschland mit einem einzigartigen „historischen Experiment“ zu tun. In Westdeutschland hatten sich kirchlich-religiöse Traditionen samt traditioneller Familienrollen stärker erhalten, in Ostdeutschland war dagegen eine staatliche Unterdrückung des religiösen Lebens mit einem massiven Ausbau staatlicher Betreuungsangebote einher gegangen. Da heute die Geburtenraten nahezu identisch sind, lässt sich also sehr gut fragen, ob und wie sich diese beiden Pfade überhaupt auf Familienstrukturen ausgewirkt haben.

Die Analyse zeigt: Das haben sie ohne Zweifel! Knapp gesagt lässt sich feststellen: Der Mangel von Betreuungseinrichtungen führt zu mehr Kinderlosigkeit, ohne religiöse Gemeinschaftsbindungen entstehen aber auch mit ausreichenden Betreuungsangeboten nicht ausreichend kinderreiche Familien.

So sind in den westdeutschen Bundesländern (je ohne Berlin) 26,6% der zwischen 1964 und 1968 geborenen Frauen kinderlos geblieben. Unter ihren Altersgenossinnen der ehemaligen DDR waren es nur 15,7%. Im Westen hatten aber 14,2% der Frauen auch mehr als zwei Kinder; im Osten nur 9,0%. Die Mehrheit (!) der ersten Kinder in Ostdeutschland war schließlich außerhalb bzw. vor einer Eheschließung geboren worden und immerhin 14,5% der ostdeutschen Frauen mit ein oder zwei Kinder leben in nichtehelichen Gemeinschaften (drei oder mehr Kinder: 0,0% (!)). In Westdeutschland waren die meisten Kinder in Ehen geboren worden, nur 4,4% der Frauen leben in nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern. Auch der Anteil der alleinerziehenden Frauen in Ostdeutschland lag mit 18,2% fast doppelt so hoch wie der westdeutsche Anteil von 10,4%.

So ist es der aktiven Familien- und repressiven Religionspolitik in Ostdeutschland also gelungen, ein bis zwei Kinder pro Frau auch vor oder außerhalb der Ehe zur gesellschaftlichen Regel zu machen, wogegen allerdings der (häufiger religiös begründete) Kinderreichtum (3+ Kinder) zur seltenen Ausnahme wurde.

Die stärker traditionelle Familienpolitik in Westdeutschland führte dagegen zu einer stärkeren Polarisierung zwischen weiterhin verheirateten und häufiger kinderreichen, religiös geprägten Familien einerseits; und einer wachsenden Zahl häufiger konfessionsloser Kinderloser andererseits. Von den westdeutschen Paaren mit Frauen der oben genannten Geburtsjahrgänge, in denen 2010 beide Partner in Vollzeit erwerbstätig waren, erwiesen sich zum Beispiel massive 46,6% als kinderlos, in Ostdeutschland in der gleichen Konstellation nur 8,3%. Dafür hatten 28,3% der (häufigeren) westdeutschen Paare mit nur männlichem Erwerbstätigen drei oder mehr Kinder; im Gegensatz zu nur 19,9% der (seltenen) ostdeutschen Paare, in denen nur der Mann erwerbstätig war.

Fazit: Auch die DDR-Familienpolitik bestätigt die religionsdemografischen Befunde – ein aktives Bildungs- und Betreuungsangebot in Verbindung mit finanziellen Leistungen trägt dazu bei, dass sich mehr Menschen überhaupt für Kinder entscheiden (können). Kinderreiche Familien (mit 3+ Kindern) bleiben ohne entsprechende, auch religiöse Überzeugungen jedoch die Ausnahme. Eine freiheitlich orientierte Familienpolitik könnte also demografisch erfolgreich sein, wenn sie Familien, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften einerseits und den Staat andererseits nicht länger als Gegner, sondern als möglichst freiwillig kooperierende Partner begreift. Dies haben aber trotz ihrer jeweiligen Erfahrungen weder Ost-, noch West- und bislang auch nicht Gesamtdeutschland geschafft…

Dieser Blogpost enthält ausführliche Textauszüge aus meinem sciebook „Religion & Demografie“ (erhältlich als eBook & Taschenbuch).

ReligionundDemografie2014

Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

25 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Interessant! Aber wie immer, wenn Menschen-Populationen das Studienobjekt sind, stellt sich die Frage, welche anderen Parameter das „Experiment“ noch beeinflusst haben.

    Konkret würde mich z. B. interessieren, inwiefern der „Pillenknick“ der 60er Jahre eine Rolle spielt. Gehe ich richtig in der Annahme, dass die Pille in der DDR später als in der BRD eingeführt wurde? Könnte das mit zu einer zeitweilig höheren Geburtenrate in der DDR beigetragen haben?

    • Michael Blume

      @Panagrellus

      Ja, da bestehen Zusammenhänge. Wir sehen das ganz deutlich z.B. im sozialistischen Rumänien, das Verhütungsmittel gesetzlich verbot und deren Benutzung verfolgte. In der DDR sollten die Frauen dagegen arbeiten, es sollten also Berufstätigkeit und Familie „vereinbart“ werden. Verhütungsmittel waren also grundsätzlich okay, Kinderlosigkeit wurde aber ungern gesehen und nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich „bestraft“ (späterer Bezug von Wohnung, Autos etc.). Entsprechend setzte sich in der Generation meiner (in der damaligen DDR aufgewachsenen) Eltern eine selbstverständliche Vorstellung von ein bis zwei Kindern durch – weniger oder auch mehr galt als seltsam. Im damals freiheitlicheren Westdeutschland klaffte dagegen eine stärkere Kluft zwischen Kinderlosigkeit einerseits und kinderreichen (häufiger: religiösen) Familien andererseits.

  2. “ Entsprechend setzte sich in der Generation meiner (in der damaligen DDR aufgewachsenen) Eltern selbstverständliche Vorstellung von ein bis zwei Kindern durch – weniger oder auch mehr galt als seltsam.“

    Ist das nicht heute (wieder) genau so? Bei Eltern mit einem Kind fragt die gesame Verwandtschaft ständig „Und, wann kommt Nachschub“, aber Eltern mit 3 oder gar mehr Kindern werden teilweise schief angeschaut. Völlig unwissenschaftlicher Eindruck jetzt….

    • Michael Blume

      @Panagrellus

      Wieder richtig! 🙂

      Befragungen zeigen, dass wohl jede Gesellschaft (wie auch teilweise in Abgrenzung dagegen: jede Gemeinschaft) auch eine „Idealvorstellung“ von der „angemessenen“ Kinderzahl entwickelt. Wer deutlich darunter oder darüber liegt wird sozial abgestraft (z.B. bemitleidet, belächelt oder auch verhöhnt). In der DDR wurde diese Meinung stärker zwangs-vereinheitlicht, wogegen in Westdeutschland religiöse Milieus höhere und konfessionslose Milieus niedrigere „Idealvorstellungen“ entwickelten. Das merkt man in vielen Debatten (auch bei vielen Kommentaren auf diesem Blog) bis heute noch! 😉

  3. Naja die Eltern wollen in ihre Kinder sowohl Zeit und Geld investieren und möglichst eigenes Zimmer, gute Schule für jedes. Das geht halt mit 3 noch vielleicht halbwegs aber mit 4 oder 5 wird es schwierig. Als Kinder noch mit Kinderarbeit Geld in den Haushalt reinbrachten war das noch anders. Heute gilt es schon fast als Verbrechen das zwei Brüder sich ein Zimmer teilen.

  4. Zitat: „Es gab auch Gesellschaften wie zum Beispiel das sozialistische Rumänien oder NS-Deutschland, in denen säkulare Ideologien versucht haben, eine höhere Geburtenrate zu erzwingen. In beiden Fällen endete es im Desaster. Wir haben noch keinen Fall, wo es einer staatlichen Ideologie gelungen wäre, auf Dauer größere Familien zu erzwingen. In Rumänien brachen die Familien zusammen, zehntausende Kinder wurden ausgesetzt.“

    Rumänien dürfte ein schlechtes Beispiel für rein „säkulare Ideologien“ sein. „Die orthodoxe Kirche kooperierte mit dem kommunistischen Regime. Es war beinahe eine symbiotische Beziehung”, sagt Christian Vasile, Forschungsleiter am IICCMER. Diese Kooperation habe eine lange Tradition und gehe zurück bis in das 19. Jahrhundert. Damals entstand die rumänisch-orthodoxe Kirche. Die Beziehung zum Staat war seit jeher eng – eine ideale Grundlage für die Kommunisten, um die Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu instrumentalisieren.“
    Von hier: http://europamoderne.journalisten-akademie.com/aus-dem-schatten-von-ceausescu/

    Der Diktator Ceausescu inszenierte sich selbst als Herrscher von Gottes Gnaden und als sakraler Heilsbringer. Zur Familienpolitik kann man auf Wikipedia lesen: „Ceaușescu hatte die Vorstellung, die Zahl der Einwohner Rumäniens von gut 19 Mio. im Jahr 1966 bis zum Jahre 2000 auf 30 Mio. zu steigern. Das Ziel der Politik war daher eine 5-Kinder-Familie. Dies wurde zu erreichen versucht, indem Verhütungsmittel und schulische Aufklärung zur Verhütung bei Strafe verboten wurden (Dekret 770). Frauen, die eine Abtreibung vornahmen oder vornehmen ließen, wurden mit Gefängnisstrafen bis zu 25 Jahren bedroht. Trieben sie illegal ab, durften sie im Falle von Infektionen von den Ärzten nicht behandelt werden. Während seiner Amtszeit starben so rund 10.000 Frauen. Das Ergebnis war eine Flut von Kindern und überlastete Familien, die an Nahrungsknappheit litten und die überzähligen Kinder teilweise verstießen. Auch noch lange nach dem Ende der Diktatur wirkte sich diese Politik in Form von stark überfüllten Kinderheimen (ca 140.000 Kinder um 1990) sowie einer großen Zahl von Straßenkindern (geschätzt >100.000) ohne jegliche Schulbildung und Zukunftschancen aus.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Nicolae_Ceau%C8%99escu

    • Michael Blume

      @Mona

      Ceaucescu verstand sich als glühender Kommunist. Dass er und sein brutaler Geheimdienst schließlich nach nordkoreanischem Vorbild von „allen“ Kräften Kooperation und Huldigungen erzwang, macht sein Regime auch im Nachhinein nicht glaubwürdiger. Es war übrigens nicht zuletzt die Ermordung eines regimekritischen, evangelischen Pfarrers, die die Serie von Aufständen bis zu seinem Sturz auslöste. Wie ja auch die katholische Solidarnosc in Polen und die Kirchen in der DDR (trotz aller auch dort erzwungenen Kooperationen) ihren Anteil am Sturz der säkularen Diktaturen hatten. Auch das versuchte Umdeuten von Geschichte(n) sollte Grenzen haben…

      • Meines Erachtens sollte man den rumänischen Sonderweg etwas differenzierter sehen. Die Kirche war dort nicht nur Opfer, sondern auch Täter, das lässt sich nicht leugnen. Während der kommunistischen Ära saßen auch mehrere orthodoxe Kirchenvertreter in der Nationalversammlung. Was nicht ausschließt, dass sich unter den Oppositionellen auch der eine oder andere evangelische Pfarrer befand.

        • Michael Blume

          Ist klar, @Mona.

          Vorhin hast Du noch behauptet, das kommunistische Regime sei nicht säkular gewesen – nun verweist Du nur noch auf Opportunisten in der Hauptkirche und redest nebenbei den Widerstand von Christen klein, die dafür mit ihrem Leben bezahlten… Als ob es nicht auch in Deutschland die „Deutschen Christen“ einerseits und Menschen wie Bonhoeffer, die Weiße Rose etc. gegeben hätte!

          Aber Rumänen mag man so etwas nicht zugestehen. Einige Westdeutsche wissen halt immer mal wieder ganz genau, wie Widerstand gegen totalitäre Regime sowie Revolutionen zu funktionieren haben. Theoretisch… 😉

  5. Interessant finde ich an der Diskussion um Familienpolitik den Widerspruch zwischen vernünftigen demografischen Zielvorstellungen der Politik und dem freiheitlich-demokratischen Ideal, dass jede(r) selbst entscheiden darf, wieviel Kinder sie bekommen (und er zeugen) will.

    Idealerweise sollte die Politik Bedingungen schaffen, unter denen Frauen im Durchschnitt 2,1 Kinder haben (egal, wie sich das in der Bevölkerung aufteilt). Zwangsmassnahmen wie in China will natürlich niemand. Aber massive Förderung für die einen (z.B. Familien mit 1-2 Kindern, wie im Moment) wirkt sich genauso als Bestrafung für die anderen (Kinderlose und Familien mit 3 und mehr Kindern) aus, die sich nicht an die Ideal-Vorgaben halten.

    Im Prinzip könnte man sagen: Familienpolitik ist eine ungehörige Einmischung in sehr private, intime Entscheidungen und grenzt an Verhaltensmanipulation durch die Obrigkeit.

    (Ich spiele hier den „devil’s advocate“, denn eigentlich finde ich demokratisch legitimierte Familienpolitik schon vernünftig und angebracht. Aber ein Widerspruch bleibt, finde ich).

    • Michael Blume

      @Panagrellus

      Ja, Demografie und Familienpolitik sind so etwas wie der Urtest liberaler Maßstäbe. Einerseits sollen Menschen, besonders Frauen, zu bestimmten Verhalten (mehr oder weniger Kinder, mehr oder weniger Berufstätigkeit etc.) gedrängt werden – andererseits gilt die Befreiung des Individuums von jeder Bevormundung als zentraler Wert! Kein Wunder, dass die Leidenschaften da immer wieder hochgehen…

      Meines Erachtens ist der Widerspruch jedoch auflösbar: Eltern erbringen mit jedem Kind, das sie aufziehen, eine enorme zeitliche, emotionale und auch wirtschaftliche Leistung z.B. auch in der Weitergabe von Sprache, Kultur etc.

      Auch freiheitliche Gesellschaften könnten dies unterstützen und anerkennen, ohne damit Vorschriften zu verbinden oder andere Leistungen abzuwerten. Alternativ können sie sich – solange verfügbar – auf Zuwanderung stützen oder das eigene Verebben hinnehmen (z.B. noch weitgehend Japan). Die nächsten Jahrzehnte werden spannend. Und sicher ist: Die „Spitze des Fortschritts“ und das Ende der Geschichte bildet unser derzeitiger Zustand ganz sicher nicht… 😉

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  7. Die „Familienpolitik“ dieser Art kann wohl nur zeitweise ein wenig aufbessern, sei es im totalitaristischen NS-Regime wie mit dem „Kind für den Führer“, sei es im Marxismus-Leninismus mit dem „Honecker-Buckel“, sei es im ehemals maoistischen China mit der „Ein-Kind-Familienpolitik“, wobei die drastische Reduktion des Kinderkriegens in China wohl geklappt hat.
    Immerhin taugen diese Systeme dafür.

    MFG + einen schönen Sonntag noch,
    Dr. W

  8. Ergibt diese fazitäre Aussage Sinn? :

    Eine freiheitlich orientierte Familienpolitik könnte also demografisch erfolgreich sein, wenn sie Familien, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften einerseits und den Staat andererseits nicht länger als Gegner, sondern als möglichst freiwillig kooperierende Partner begreift.

    • Michael Blume

      @Webbaer

      Das hoffe ich doch sehr! 🙂

      Gemeint ist, dass sich ja „Familienpolitik“ ausdrücklich gegen gewachsene Traditionen und Selbstorganisationen wenden kann wie z.B. in der damaligen DDR. Sie kann aber auch Wahlfreiheiten zwischen Familien- und Lebensmodellen fördern und ermöglichen und freie Träger zulassen wie teilweise im heutigen Deutschland. Auch Familienpolitik muss nicht zentralistisch und illiberal sein.

      • @ Herr Dr. Blume :

        Auch Familienpolitik muss nicht zentralistisch und illiberal sein.

        Politik („Städtisches“ besonderer Art, das eine Folge der Bürgerwerdung im Rahmen der Zivilisation war) ist an Institutionen gebunden, die eben auf Stadt-Ebene oder auf höherer Ebene bis auf Staatenebene oder gar supranational stattfinden. Die EU ist bspw. supranational.

        Womöglich war Gedankengut oder Ideologie gemeint, die als ‚freiheitliche‘ erst einmal außerhalb der Institutionen steht. Diese könnte tatsächlich im möglicherweise gemeinten Sinne ‚demografisch erfolgreich‘ sein, sofern zuvor sie in Politik gewählt worden ist.

        Macht aber nichts, Sie scheinen da themenbezogen schon ganz richtig etwas zu erschnüffeln.

        MFG
        Dr. W

  9. Es ist richtig, dass Religiosität die Geburtenrate fördert. Aber es ist nicht unbedingt die Mitgliedschaft in der Kirche erforderlich. Sondern es genügt, gelegentlich religiöse Kurse (z. B. anthroposophische Kurse) zu absolvieren. Zudem brauchen religiöse Zeremonien (z. B. bei einer Heirat) nicht von einem Priester durchgeführt zu werden, sondern man kann sie selbst durchführen. Die Kirche kostet viel zu viel Geld. Geld ausgeben kann man für religiöse Heilungen, nicht für religiöse Rituale.

    • Michael Blume

      @Reli-Schamane

      Haben Sie für Ihre Aussagen etwa zur demografischen Wirkung anthroposophischer Kurse und schamanistischer Heilungen auch überprüfbare empirische Belege? Oder handelt es sich um Werbe-Spam?

    • @ Blume
      Hahaha …….
      Leider habe ich keine empirischen Belege; es ist nur meine Überzeugung.
      Aber wie ich schon einmal gesagt habe, Sie können meine Kommentare ruhig löschen, wenn sie Ihnen nicht passen. Glücklicherweise gibt es genug Reli-Blogs, wo ich frei meine Meinung äußern kann (wenn ich es hier nicht kann).

      • Michael Blume

        @Reli-Schamane

        Sie werten Kommentar für Kommentar den Glauben von Millionen anderer Menschen ab – empfinden aber schon freundliche Nachfragen als eine unstatthafte Einschränkung Ihrer Meinungsfreiheit??? 🙂

        Ihnen alles, alles Gute!

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