Was wurde eigentlich aus dem Waldsterben?

Heute habe ich mal keine Antworten, sondern eine Frage, die mich schon länger beschäftigt, an die wissenschaftlich informierte Netzgemeinde: Was ist eigentlich aus dem Waldsterben geworden? 

Wie war das nochmal mit dem Waldsterben?

Als Schüler wuchs ich, von der Grundschule an, mit der Angst vor dem Waldsterben auf. Als ich 1981 fünf Jahre alt wurde, titelte Der Stern bereits: "Über allen Wipfeln ist Gift", gefolgt vom Spiegel im November mit der dreiteiligen Serie "Saurer Regen über Deutschland. Der Wald stirbt." Ich erinnere mich noch gut an Empfehlungen einer engagierten Lehrerin, "in den Wald zu gehen, solange es ihn noch gibt." Und von vielen Medien und Lehrkräften erfuhren wir, dass der Wald, von dem doch unser Leben abhinge, kurz vor dem Ende stand.

Drastische Maßnahmen müssten ergriffen werden, es stünde "Fünf vor Zwölf". 1985, ich war neun, gab es dazu schließlich sogar eine eigene, beklemmend gestaltete Briefmarke – da war es schon "vier vor Zwölf".

2003 erklärte die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) das Waldsterben dann für beendet – die Situation der Wälder habe sich "stabilsiert". Heute muss man schon lange suchen, um überhaupt noch Hinweise oder Berichte zum Thema "Waldsterben" zu finden.

 

Und in 2011 vermeldet SPIEGEL online dann "UNO-Bericht: Europas Wälder wachsen". Ich zitiere:

Laut dem in Oslo vorgestellten Bericht "Zustand der europäischen Wälder 2011" gibt es gute Nachrichten: In den vergangenen 20 Jahren wuchsen die Waldflächen in allen Regionen zumindest etwas – mit Ausnahme von Russland. Insgesamt habe sich der Wald durch Aufforstung und natürliches Wachstum um rund 17 Millionen Hektar Wald ausgedehnt.

Dass der Wald auch in Deutschland an Fläche gewinnt, hatte Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) bei der Präsentation des Waldschadensberichts im Februar betont: In den vergangenen 40 Jahren wuchs die Fläche um rund zehn Prozent oder eine Million Hektar.

Haben sich also die Beteiligten geirrt? War Übertreibung, Panikmache im Spiel? Oder haben die in Deutschland eingeleiteten Maßnahmen solche enorm positiven Auswirkungen gezeigt? Recherchen bringen da wenig zutage, ein schlüssig argumentierendes Fachbuch ist mir noch gar nicht begegnet. Im Wesentlichen scheint es zwei Deutungen zu geben. 

Deutung 1: Wir waren Opfer einer Angstwelle 

Diese Auffassung vertrat zum Beispiel Günter Keil, der von 1990 bis zu seiner Pensionierung 2002 im Bundesforschungsministerium die Waldschadens- und Waldökosystemforschung betreute und in 2004 in der ZEIT über die "Chronik einer Panik" schrieb.

Laut Keil waren zwei – inhaltlich schnell umstrittene – wissenschaftliche Arbeiten von 1981 der Auslöser für eine Kette drastischer Medienberichte über das "Waldsterben", denen sich dann Umweltschutzverbände und schließlich Politikerinnen und Politiker anschlossen. Wer es danach noch wagte, die Befunde und Schlussfolgerungen noch anzuzweifeln, setzte sich massiven, medialen Vorwürfen des "Leugnens", "Wirtschaftslobbyismus" und mangelnder Naturverbundenheit aus. Eine Panik-Welle habe sich in Gang gesetzt, die über Jahrzehnte hinaus rollte. Keil vertrat die Auffassung, dies habe bleibenden Schaden verursacht:

Der Schaden für die Wissenschaftler ist enorm. Nun glaubt ihnen keiner mehr

Da ist zum einen das Geld. Bund und Länder haben von 1982 bis 1998 für die Waldschadensforschung 367 Millionen Mark ausgegeben. Hinzu kommen die Waldökosystemforschung mit weiteren 180 Millionen Mark und die seit 1984 bis heute von den Ländern durchgeführte und finanzierte Waldzustandserhebung. Dass die Medien so lange einseitig berichtet haben, ist ebenfalls ein tristes Kapitel.

Auch die Wissenschaft hat Blessuren davongetragen. Leider sind einzelne Wissenschaftler der Versuchung erlegen, sich medienwirksam mit dramatisch negativen Aussagen nach vorn zu spielen. Sie wurden mit größter öffentlicher Aufmerksamkeit belohnt, und einige von ihnen übernahmen bald eine Rolle als ständig wachsame Sofortkritiker anders denkender Kollegen. Der Schaden für die Wissenschaft ist erheblich. Denn wer als Bürger die insbesondere von Wissenschaftlern angefachte und jahrelang geschürte Panik erlebt hat und den allmählichen Zusammenbruch der Potemkinschen Kulissen verfolgt, der glaubt Forschern nichts mehr. Die Glaubwürdigkeitsprobleme der Klimaforscher heute haben hier ihre Wurzeln. Auch ein absolut integrer Wissenschaftler kann die Bürger nicht mehr überzeugend warnen, wenn andere den Kredit der ganzen Zunft vorher verspielt haben.

Die Umweltverbände können ebenfalls nicht erfreut sein. Sie haben viele Jahre ihre Macht gegenüber der Politik ausgespielt, sie haben maßlos übertrieben und werden letztlich mit Vertrauensverlust bezahlen. Bleibt die Politik. Auch für sie sollte es ein Lehrstück sein. Ihr stand Sachverstand zur Verfügung, aber man hat ihn beiseite geschoben, um Pressure-Groups zu gefallen. Es ist jedoch müßig, Politikern Ratschläge für mehr Zivilcourage zu geben; sie haben es von allen angesprochenen Gruppen gewiss am schwersten.

Deutung 2: Wir haben die Wälder gerettet! 

Allerdings gibt es auch andere Stimmen, die die Waldsterben-Welle im Nachhinein als großen Erfolg betrachten. So berichtet Spiegel Online 2008 in "Die Rächer der Entlaubten":

Der Göttinger Forstwissenschaftler Professor Bernhard Ulrich dagegen, der einst gemahnt hatte, "die ersten großen Wälder" würden "schon in den nächsten fünf Jahren sterben", betrachtete zwei Jahrzehnte später die Walddebatte und ihre Folgen als eine beispiellose "Erfolgsgeschichte" des deutschen Umweltschutzes. Ähnlich urteilt heute Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes: "Das Waldsterben kam nur deshalb nicht, weil wir gerade noch rechtzeitig reagiert haben."

Diese Variante wäre mir deutlich symphatischer, würde sie doch signalisieren, dass Demokratien in der Lage sind, auch gravierende Umweltkrisen zügig zu meistern. Auf mein Geschichtsbild hätte sie jedoch ebenfalls gravierende Auswirkungen. Immerhin regierten von 1982 bis 1998 Regierungen unter Helmut Kohl (CDU), die Maßnahmen wie die Katalysatorpflicht, die Rauchgasentschwefelung und die Schaffung eines Umweltministeriums beschlossen.

Sollten wir Helmut Kohl also nicht nur als Kanzler der Einheit und Europäer erinnern? Haben seine Regierungen und er, indem sie Anregungen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Opposition aufnahmen, auch unsere Wälder – gar unsere Leben? – gerettet? 

Ich würde es schon gerne wissen… 

Was mich wundert, ist die weitgehend fehlende Reflektion über dieses Thema, obwohl wir doch auch heute zahlreiche "Panikthemen" diskutieren. Da wäre es doch wichtig zu wissen: Waren die Warnungen vor dem Ende der Wälder übertrieben – oder hatten sie geholfen? Da Wissenschaftler, Journalisten und Autoren derzeit vor Klimawandel, neuartigen Epidemien, Überbevölkerung, Islamisierung, Hungerkrisen, Ölknappheit, Politikverdrossenheit (etc.) warnen, so stünde uns mündigen Bürgerinnen und Bürgern doch zunächst gut an, aus den bereits gemachten Erfahrungen mit Krisen & Ängsten zu lernen, oder!? Bislang vertraue ich z.B. alarmierenden Befunden von Klimaforschern – aber möchte eigentlich nicht in wenigen Jahrzehnten wieder vor den gleichen Fragen stehen. Aber wo bleibt z.B. die Kommission oder das Fachbuch, das die Forschungs- und Berichtsgeschichte über das "Waldsterben" einmal rückblickend und sachlich aufarbeitet?

Ich verstehe eine demokratische Bürgergesellschaft, eine verantwortliche Wissenschaftslandschaft und Blogs als Teil der Netzkultur als lernende Systeme. Daher, liebe Netzgemeinde, möchte ich Sie alle gerne nach Argumenten und Belegen fragen: Was wurde eigentlich aus dem Waldsterben?

Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

27 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wahrscheinlich eher ein politisches Phänomen, denn die Politik benötigt attraktive Handlungsfelder um dem Wähler die Notwendigkeit umfangreicher politischer Tätigkeit nahezubringen und das bitte nicht mit so schwierigen Problemen wie der Ausländerintegration oder Sicherung von Sozialsystemen und Staatsfinanzen.
    Wahrscheinlich ist es aber ein Zeichen des kulturellen Fortschritts, dass heute eher die Bekämpfung von Waldssterben, Feinstaub, Genen, Glühbirnen oder Kernenergie als politisches Handlungsfeld installiert wird, als der Kampf gegen Nationen, Gesellschaftsschichten oder Religionen.

  2. Deutung 3:

    Der Begriff „Waldsterben“ hat ein ganz reales Phänomen beschrieben, nämlich dass sich in den 80er Jahren große Teile der Baumbestände als durch verschiedene äußere Einflüsse geschädigt erwiesen haben und dass die Schäden im Laufe der Zeit größer geworden sind. Was man damals gemacht hat ist einfach die damals messbare Entwicklung linear fortzuschreiben und zu sagen: „Wenn nichts passiert dann sind die Wälder dann-und-dann tot“.

    Dank entsprechender Maßnahmen ist diese Entwicklung aufgehalten worden, allerdings ist nach wie vor ein beträchtlicher Teil der Bäume durch verschiedene Einflüsse geschädigt. Der letzte Waldschadensbericht spricht m.W. von über 60 Prozent (allerdings hat ein gesunder Wald von Natur aus einen gewissen Anteil geschädigter Bäume), Tendenz leicht fallend. Es gibt das „Waldsterben“ also immer noch, allerdings ist nicht mehr mit dem baldigen Ableben zu rechnen.

    Was man daraus lernen kann ist, dass die meisten Katastrophen nicht eintreten, wenn man den Arsch hoch kriegt und die Ursache wirksam bekämpft. Und dass man sich über solche Themen nicht aus den Massenmedien informieren sollte, sondern aus der publizierten Literatur, in diesem Fall u.a. dem Waldschadensbericht.

  3. Es ist

    übrigens ein Irrglaube, dass keine Wälder bei der ganzen Geschichte gestorben seien. Da sind schon immer mal wieder großflächig Baumbestände eingegangen. Nur halt nicht alle und überall.

    Aber wenn’s halt nicht in Sichtweite der eigenen Couch passiert, dann zählt es natürlich nicht. Dann kann man schön vom Alarmismus schwafeln.

  4. Eine gute Frage

    Sehr geehrter Herr Blume,

    eine gute Antwort, welche die wissenschaftlichen und politischen Aspekte sorgfältig ausleuchtet, finden Sie beispielsweise in dem Aufsatz von Roland Schäfer und Birgit Metzger im Sammelband „Umweltgeschichte und Umweltzukunft“ (S. 201-227) des Graduiertenkollegs „Interdisziplinäre Umweltgeschichte“ (Universitätsverlag Göttingen 2009, im Internet abrufbar, jedenfalls von Universitätsservern). Die in relativ kurzer Zeit etablierte Rauchgasentschwefelung der Großkraftwerke, die in diesem Zusammenhang erfolgte, hatte im Übrigen auch für die menschliche Gesundheit positive Folgen.

    Im Übrigen sagt eine Zunahme der Waldfläche (als natürliche Sukzession in weiten Teilen Mitteleuropas) noch nichts über deren Zustand aus. Wichtig scheint mir auch, dass man offensichtliche waldbauliche Fehler der Vergangenheit heute zu vermeiden sucht.

    Die Waldsterben-Erregung fiel seinerzeit in die politisch sensitive Phase des aufkeimenden „ökologischen Bewusstseins“, sonst wäre sie nicht so hochgekommen. Wenn Sie sich die Daten der internationalen Klimaforschung vor Augen führen, werden sie womöglich anerkennen, dass Ausmaß und Gewicht der Daten eine ganz andere Größenordnung aufweisen. Gleiches gilt für die potenziellen oder wahrscheinlichen Folgen.

    Darüber hinaus sollte man sich immer darüber im Klaren sein, dass die mediale Verarbeitung derartiger Themen eigenen Gesetzen folgt, die (wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann) nur sehr begrenzt von Wissenschaftlern steuerbar ist. Journalisten sind oft weder in der Lage noch gewillt, auf das sachlich Solide beschränkte Darstellungen zu liefern. Am seriösesten waren bzw. sind nach meiner Erfahrung die „kleinen“ Journalisten der lokalen Presse (bis hin zu Wochenanzeigeblättern), am unseriösesten diejenigen der „Qualitätspresse“ wie „Spiegel“ etc. Das gilt auch für neuere Themen wie Ozon, Feinstaub usw. Typischerweise ist dann, wenn nach 10 Jahren Forschung wissenschaftliche Evidenz dafür beigebracht wurde, in welchem genauen Zusammenhang und in welchem Ausmaß Effekte relevant sind, das mediale Interesse bereits wieder abgeflaut; es wird eben nicht die Problemidentifikation und -lösung, sondern die Dauererregung systematisch kultiviert. Auch glaube ich, dass die Umweltwissenschaftler aus Übertreibungen und forschungspolitischen Opportunismen der Vergangenheit gelernt haben, jedenfalls würde ich das für Disziplin der akademischen Umweltmedizin behaupten wollen.

    Mit freundlichen Grüßen

  5. @Michael

    Mir gefällt der Artikel sehr gut.
    Eigentlich müsste es nicht so schwer zu Urteilen sein, ob der Wald wirklich gerettet wurde.
    Die Maßnahmen gegen den sauren Regen sind von Analyse bis Wirkung sehr gut nachvollziehbar und vor allem überprüfbar. Insofern seh ich kein großes Problem.

    Das hier ist übrigens auch sehr interessant:
    http://de.wikipedia.org/…3.A4fer_im_Nationalpark

  6. @Lars

    Der Begriff „Waldsterben“ hat ein ganz reales Phänomen beschrieben, nämlich dass sich in den 80er Jahren große Teile der Baumbestände als durch verschiedene äußere Einflüsse geschädigt erwiesen haben

    Frage: Wie sind in diesem Zusammenhang „innere Einflüsse“ zu bewerten? Ein Förster im Harz erklärte mir damals, dass ein er einen wesentlichen Beitrag in der Bepflanzung sah. Laut seiner Aussage sei ein Großteil des Weltbestands auf der Basis der Erwartung eines starken Holzeinschlags gepflanzt worden, was zu Monokulturen und zu einer Schwächung der Widerstandskraft gegen Krankheiten und zu einem verstärkten Befall von Schädlingen führte. Die so ohnehin vorgeschwächten Bestände hatten den dann auftretenden äußeren Einflüssen wenig entgegenzusetzen. Laut diesem Förster war im Grad der Schädigung ein deutlicher Unterschied zwischen Bestand, der zur schnellen maximierung des Ertrags gepflanzt und altem Mischwaldbestand festzustellen. Er ging sogar so weit, zu sagen, dass das Absterben der Monokulturen von Vorteil sei.

    Ich kann nicht beurteilen, wieviel davon zutrifft, aber es scheint auf ein deutlich mutikausales Problem hinzuweisen.

  7. @Lars, Anton & Joerres

    Es freut mich sehr zu lesen, dass also tatsächlich Politik und Gesellschaft (in den Worten von @Lars) „den Arsch hoch bekommen“ und das Waldsterben aufgehalten haben. Aber warum ist das so wenig bekannt? Warum spielt das z.B. in der Würdigung Kohls kam eine Rolle? Es wäre doch ein Super-Argument für die Politikberatung durch Wissenschaft!? Und wenn die „Massenmedien“ auch versagen (z.B., weil sich Angst stets besser verkauft), warum treten dann nicht Wissenschaftsjournalisten und -Blogger dafür ein? Es war so ein Riesen-Thema – und jetzt bleiben nur schwer zugängliche Fachartikel und Berichte, die ein Laie kaum bewerten kann?

  8. @Michael Khan

    Ja, das „Waldsterben“ ist tatsächlich auf viele verschiedene Ursachen zurückzuführen, das waren nicht nur Rauchgase. Die Erkenntnisse über Monokulturen zum Beispiel auch ein Grund, weshalb Wälder heute oft anders bewirtschaftet werden als in den 80ern. Dazu kommen inzwischen Klimaeffekte wie Hitze- und Trockenstress.

    @ Michael Blume:
    Der entscheidende Punkt ist wohl, dass es in der deutschsprachigen Blogosphäre keine Fachleute für viele Themen gibt. Wo hat man jemals was über Nutztierhaltung gelesen, bevor Sören damit angefangen hat?

    Im Wissenschaftsjournalismus ist das nicht anders. Und die Leute, die über Wälder schreiben, haben heute einfach interessantere Themen als so ne historische Debatte. Das ist dann wohl eher für Politikwissenschaftler interessant als für Ökologen oder so.

    Insgesamt kann man allerdings wohl sagen, dass kaum eine politische Strömung der neueren Zeit so spektakulär erfolgreich war wie die Umweltbewegung. Was da für menschliche Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität in den letzten 30 Jahren erreicht wurde ist schon erstaunlich.

  9. Verfallsdatum zum Lernen

    Der Unterschied ist: Damals war das Waldsterben ein nachhaltiges Thema, also haben wir uns auch nachhaltig damit beschäftigt. Und ich denke schon, dass es was gebracht hat, auch wenn wir nicht in der Masse bewusst daraus gelernt haben. Heute ist das Verfallsdatum der Themen einfach zu kurz geworden, um daraus wirklich zu Lernen. Aus Themen wie Fukushima oder EHEC lernen wir kaum noch was, wenn sie alle zwei, drei Wochen ausgetauscht werden. Früher sind Bewegungen daraus entstanden, heute bleiben immer nur ein paar Leute übrig, die sich weiter mit dem Thema auseinander setzen – leider meist nicht rational, sondern emotional.

    Der schnelle Wechsel der Themen ist aber nicht nur der Sensationslust (und den damit verbundenen Einnahmen) geschuldet. Wir haben uns die Welt einfach so kompliziert gemacht, dass es nicht mehr anders geht. Man könnte natürlich auch sagen, so schnell, im Grunde ist es dasselbe. Es ist ja einerseits ganz gut so, dass wir auf die anderen schauen – aber wenn wir daraus auch lernen wollen, müssen wir irgendwie anders vorgehen. Nachhaltiger… 🙂

    Zurück geht sicher nicht, aber vielleicht gehts anders. Große Firmen teilen ihre Themen in Ad-hoc, lineare (fortlaufende bzw. fortlaufend wiederkehrende) und in sich geschlossene Themen ein. Und verwenden jeweils unterschiedliche Kommunikations- und Informationssysteme dafür. Multiprojektmanagement nennt man das. Vielleicht brauchts sowas auch für die gesellschaftlichen bzw. globalen Themen…

    Kann solange mal bitte jemand laut und nachhaltig „Die Meere sterben!“ schrein? Danke.

  10. @Andreas

    Es gab schon vor tausenden Jahren Alte die meinten die Jugend sei die schlechteste die es je gegeben hat und man sei verdammt. In der gleichen Kategorie liegen ihre Argumente.

    Die Aufmerksamkeit verlagert sich allenfalls. Ein gutes Beispiel ist Anonymous: Eine in allen Belangen dezentralisierte Gruppe, die sich bspw. gegen Scientology erfolgreich wehrt und das seit mittlerweile 3 Jahren.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Project_Chanology

  11. @Lars

    Wenn ich mir diese Grafik anschaue, die die Entwicklung der Waldschäden in der Bundesrepublik Deutschland angibt, dann fällt es mir sehr schwer, darin irgendein Abebben wahrzunehmen. Das sieht mir – allerdings nur auf der Basius dieser Grafik – so aus, als ob es auf hohem Niveau verharrt oder gar, langfristig betrachtet, schlimmer wird.

    Und das, obwohl die
    Rahmenbedingungen deutlich günstiger geworden sind: In Deutschland wurden Entschwefelungs- und Entstickungsanlagen eingeführt und Kernkraftwerke in Betrieb genommen und Autos wurden flächendeckend mit Katalysatoren ausgerüstet (wofür wir uns auf die Schulter klopfen dürfen) und aufgrund der Wende in den Ostblockstaaten wurden auch dort die Schadstoffemissionen verringert (was nicht unser Verdienst ist). Da hätte ich bei den Waldschäden schon etwas sichtbare Fortschritte erwartet.

    Ich weiß natürlich nicht, ob diese Grafik auf den richtigen Daten basiert oder ob sie die Situation komplett wiedergibt.

  12. @Anton Maier

    Es gab schon vor tausenden Jahren Alte die meinten die Jugend sei die schlechteste die es je gegeben hat und man sei verdammt.

    Ein schlagfertiger Mensch würde darauf erwidern, dass die antiken Kulturen ja auch untergegangen sind und die Jammerer somit Recht hatten mit ihrer Prognose. 🙂

    Ich sage so etwas natürlich nicht.

  13. @Lars

    Politikwissenschaft war ja mein zweites Hauptfach. Und wenn man uns aufgetragen hätte, die Waldsterben-Debatte zu beschreiben, so hätten wir den Fokus auf die Akteure und deren Interessen gelegt. Wie sollten wir z.B. einschätzen, ob Entschwefelung, Katalysatoren etc. eine echte Wirkung hatten?

    M.E. haben wohl alle das gleiche Problem: Themen werden uninteressant, wenn sie keine Erregung mehr versprechen. Dann leiden aber Nachbereitung und Lernen.

  14. @Michael

    Was den sauren Regen angeht lässt sich das alles sehr gut nachprüfen.
    Man kann testen was saurer Regen am Baum anrichtet, man kann testen ob saurer Regen wirklich vom Schwefel in den abgasen kommt, man kann testen ob das Entschwefeln was bringt, man kann testen ob noch saurer Regen fällt, man kann testen woher die sauren Wolken kommen etc etc….
    Praktisch jeder Schritt in der Argumentationskette über den sauren Regen lässt sich vergleichsweise einfach überprüfen bzw. ist ziemlich einfach falsifizierbar.

  15. @Michael Khan

    Ich lese die Grafik so, dass etwa Mitte der 90er der Trend zur Verschlechterung gebrochen wurde und sich die Lage danach zumindest teilweise verbesserte. Man muss einfach sehen dass zehn, fünfzehn Jahre für eine, sagen wir, Eiche nicht allzu viel sind. Insofern vermute ich als nicht-Ökologe, dass eine Verbesserung da deutlich langsamer eintritt als das Problem selbst. Die zusätzliche Säure im Boden und dergleichen ist ja auch recht langlebig.

    Den Anstieg der Kurven nach 2000 kann ich natürlich nicht erklären, aber ich habe immer wieder anekdotisch gehört, dass in letzter Zeit Trockenstress eine größere Bedeutung hat. Da müsste man aber wirklich jemanden an der Hand haben, der/die was davon versteht.

  16. Seutung 3: Die Lügen der Statistik

    Wenn ein Beet in meinem Garten zur Hälfte kaputtgeht, sind 50 % fort. Fülle ich das Beet wieder mit Leben, bringe ich eine Steigerung von 100 % oder kann sagen: Ich habe die Zahl der Pflanzen verdoppelt.

    Ich vermute beim Waldsterben einen ähnlichen Effekt: Es fand ein großes Bäumesterben statt. Aber es ist etwas passiert. 1985 hat eine konservative Regierung eine solche Briefmarke herausgebracht. spätestens ende der Achtziger war auch dem Letzten klar: Umwelt ist keine Nebensache, Ökologie ist wichtig.
    Dann ist das Thema verschwunden – und seit den Tsunamis kommt es wieder, seit Fukoshima erst recht.

  17. @Jörg Wilkesmann-Brandtner

    So ganz ist mir die Stoßrichtung Ihrer Argumentation nicht klar geworden. Hat die „konservative Regierung“ Ihres Erachtens nur „eine Briefmarke“ heraus gebracht oder letztlich erfolgreich mit der Rettung bzw. Wiederbegrünung des Pflanzenbeetes begonnen?

  18. @Anton Maier (u.a.)

    Ich denke eher, es ist ein Problem der Prioritätensetzung. Wir gehen mit der Natur eher emotional als rational um. Wir „lieben“ die Natur, freuen uns an Pflanzen und Tieren und machen uns zwischendurch mal Sorgen um den Wald oder das Meer und Spenden mal oder gehn auf ne Demo. Aber im Alltag haben alle möglichen anderen Dinge für uns eine höhere Priorität: Geld verdienen, Spaß haben, erfolgreich sein oder was auch immer. Dass wir aber die Natur brauchen, weil sie unsere Existenzgrundlage ist, und wir daher bei jeder einzelnen unserer Handlungen überlegen sollten, was wir ihr damit antun, so denken die wenigsten. Es ist auch verdammt schwierig in unserer Gesellschaft.

    Vielleicht seh ich das aber auch zu schwarz, vielleicht erkennen wir ALLE noch rechtzeitig dass Nachhaltigkeit nichts anderes ist als Selbsterhaltung.

  19. @Michael Blume

    ich wollte einfach nur auf den statistischen „Trick“ hinweisen: Die Statistik lässt den Kampf gegen das Waldsterben erfolgreich aussehen lässt, weil bereits gestorbener Wald gar nicht mehr auftaucht.

  20. Möglk 4 = alltägliches Waldsterben?

    Nach meinen Informanten im grünen Sektor sehe es so aus, dass bestimmte Themen deshalb heute keine Relevanz mehr hätten, weil sie bereits „alltäglich“ geworden seien. Genannt wurden das Waldsterben, der saure Regen, Ozonbelastung im Sommer.

    Was nun auch immer stimmen mag: der alleine Flächenvergleich dürfte jedenfalls hinken. Nicht nur, weil „bereits gestorbener Wald“ nicht mehr zählt, wie es ein Vorredner ausdrückte, sondern weil es nicht nur um die reine Quantität geht.

  21. Ich liebe meinen Wald

    hier im städtchen ist auch so ein schöner wald. im frühjahr hat er bärlauch und das sieht so märchenhaft aus. überhaupt ist er idyllisch wie ein märchenwald. ich glaube die stadt hat sich für diesen wald engagiert und fällt nur ab und an ein paar bäume, so dass es auch verrottende bäume gibt, was vielen tieren als nahrungsquelle dient. wir haben hier unter anderem auch den grauspecht und schwarzspecht. es gibt einen lehrpfad durch den wald. allerdings sollte der mal wieder ein wenig aufgepeppt werden. die nabu hat ein auge drauf und ich hoffe sehr, dass er so schön bleibt wie er ist.

  22. Fachliteratur sagt: Übertreibung!

    Dass Umweltverbände und Anhänger der Umweltbewegung im Nachhinein natürlich versuchen ihre eigenen Übertreibungen schönzureden um ihre Glaubwürdigkeit zu für die nächsten Übertreibungen ist nicht sonderlich überraschend. Behauptungen von Rettung in letzter Sekunde habe ich außerhalb dieses Zirkels nie gehört, schon gar nicht in der modernen Fachliteratur nach 1996.

    Ob die Maßnahmen das Waldsterben verhinderten oder die Aussagen aus den 80ern deutlich übertrieben waren lässt sich leicht feststellen.

    Wer wissen will, was ohne Maßnahmen passiert wäre, braucht nur nach Mittel-/Osteuropa (DDR, Polen CSSR) zu schauen, wo erst Anfang der 90er etwas gegen die Emissionen geschah. Statt der lauthals prognostizierten 100% Waldverlust in 10 Jahren lag der gesamte Anteil des Abgestorbene Walds dort im unteren einstelligen Prozentbereich, wo bei von den 2% ein Großteil schon vor den 80er Jahren passiert war. In sofern hat man nachweislich um ganze Größenordnungen übertrieben.

    Auch das ständige Gerede von einem immer noch „kritischen“ oder „bedrohlichen“ Zustand des Waldes auf Grundlage des großen Anteils geschädigter Bäume ist Unsinn. Man lese dazu z.B. Heinz Ellenbergs „Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen in ökologischer, dynamischer und historischer Sicht“ von 1996, das bereits damals deutlich zeigte, dass wegen Monokultur, falscher Sortenwahl für Anpflanzungen, schlechter Böden und Witterungsbedingungen (Frost, Dürre, Stürme), Schädlingsbefall sowie Altersschwäche immer ein großer Teil der Bäume „geschädigt“ ist. Tatsächlich hat sich seit Beginn der Messungen vor 30 Jahren am Anteil geschädigter Bäume kaum etwas geändert.

    Lediglich 1990 erkennt man einen klaren Anstieg – die tatsächlich geschädigten Wälder der DDR kamen hinzu (Die DDR produzierte schon Anfang der 80er Jahre auf deutlich kleiner Fläche mehr SO2 als die gesamte BRD!). Danach gibt es eine Verbesserung (Die Dreckschleudern der DDR werden abgestellt). Ab Mitte der 90er stabilisiert sich der Anteil wieder, allerdings auf einem etwas höheren Niveau als vor der Wende. Ostdeutschland (besonders Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) ist im Schnitt deutlich trockener als Westdeutschland und BB hat zudem deutlich schlechtere Böden wie den berühmten „märkischen Sand“. Daher gibt es natürlich mehr Trockenheitsschäden. Seit 15 Jahren gibt es keine Änderung, außer gelegentlichen Ausreißern nach Dürren wie 2003.

    Interessant auch Elling’s Vorwort aus „Schädigung von Waldökosystemen“:
    „Es begann mit Artikeln in den Magazinen Stern und Spiegel im Herbst 1981, in denen eine Umweltkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes vorhergesagt wurde, eben das „Waldsterben“. Dass sich diese Horrorvision nicht bewahrheitet hat, ist erfreulich. […] Die Forschung stand zunächst sehr im Blickfeld der Medien. Schnell verkündete vorläufige Ergebnisse erwiesen sich manchmal als unhaltbar.“

    Wenn selbst die aktuellen Fachbücher schon im Vorwort explizit von Übertreibungen von Wissenschaftlern und Medien sprechen, sollte sich die Frage „Übertreibung oder Rettung in letzter Sekunde?“ erübrigen.

  23. Waldzustandsbericht 2011

    Hierzu eine aktuelle Meldung: „Drei Viertel aller Bäume sind krank“ (Westfälische Nachrichten vom 28.10.2011)

    Einige Stichworte aus dem Artikel:
    – schlechtester Kronenzustand seit Beginn der Messung 1984
    – 1/3 der Bäume mit „deutlichen Schäden“ (schlechteste Kategorie)
    – 42% der Bäume mit leichten Schäden

    URL des Artikels: http://www.westfaelische-nachrichten.de/…nk.html

    Natürlich gälte es für eine fundierte Meinungsbildung, sich den zitierten Bericht durchzulesen – und sich am besten vorher über die Problematik schlau zu machen.

  24. Gute Fragen…

    Aus alten Lektionen endlich Schlüsse ziehen – das wäre in der Tat schön. Stattdessen wird immer weiter das nächste Thema aufgerollt. Es geht scheinbar nur um’s diskutieren… um’s beschäftigt sein.
    Ein interessanter Link zu dem Thema vielleicht hier:
    http://www.buergerstimme.com/…n-oder-doch-nicht/

    Viele Grüße!

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben