Warum wir Bürgerwissenschaft – Citizen Science – mehr denn je brauchen

Im Focus 4/2012 findet sich auf S. 128 ein Interview mit dem als „Star-Ökonomen“ vorgestellten Professor Hans-Werner Sinn (63), der das Münchner Ifo-Institut leitet und Direktor des Center for Economic Studies ist. Schon die Überschrift-Schlagzeile lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Schickt die Abgeordneten in einen Grundkurs!“ Und falls noch Zweifel bestehen, wie das gemeint sei, antwortet Sinn auf die Frage: „Welchen Satz hassen Sie am meisten?“ mit – „Es gilt das Primat der Politik.“

Gerade weil ich auch selbst vor dem Studium eine Finanzausbildung mit Auszeichnung absolviert habe, erlaube ich mir – bei allem Respekt vor einzelnen Arbeiten Sinns – die Anmerkung, dass ich in keiner Gesellschaft leben möchte, in der die Ökonomie das Primat über die Politik hat. Ebensowenig wie die Biologie, die Soziologie, die Psychologie, die Religionswissenschaft, eine Theologie, Philosophie oder sonst eine wissenschaftliche Disziplin.

Was ich mir stattdessen wünsche ist eine Gesellschaft, die sich insgesamt und auch in der Politik ebenso konstruktiv wie selbstbewusst mit Wissenschaft(en) auseinandersetzt und zu ihnen beiträgt. Denn seit sich die empirischen Wissenschaften entwickelten, pendelten sie immer zwischen zwei Polen: Dem Konzept offen-transparenter Bürgerwissenschaften einerseits oder den autoritären Ansprüchen pseudo-prophetischer Szientisten (je ihre Wissenschaft verabsolutierender Stimmen) andererseits.

Die empirischen Wissenschaften begannen als Bürgerwissenschaften!

Praktisch die gesamten empirischen Wissenschaften haben ihre Wurzeln im bürgerschaftlichem Engagement von Menschen, die nicht hauptberuflich als Wissenschaftler arbeiteten. Meist waren sie Geistliche (wie z.B. der Mönch und spätere Abt Gregor Mendel), Staatsbeamte, Lehrer, Mediziner, Unternehmer oder auch einfach mehr oder weniger wohlhabende „Privatgelehrte“, die ihr Zeit und Geld nicht dem Luxus, sondern Forschung und Lehre widmeten. Charles Darwin, der lebenslang nur einen Abschluss in anglikanischer Theologie erwarb und nie einen Beruf im Wissenschaftsbetrieb ausübte, zählt ebenso beispielhaft dazu wie sein Mitentdecker, der gelernte Landvermesser Alfred Russel Wallace. Oder wie Albert Einstein, der seine bahnbrechenden Entdeckungen als Patentbeamter machte – nachdem seine Bewerbungen um Institutsstellen abgelehnt worden waren. Auch die heute noch aktive Grande Dame der Primatologie Jane Goodall startete ihre Arbeit als gelernte Sekretärin, gefördert durch das an Ergebnissen orientierte Archäologenpaar Leakey.

In diesem bürgerschaftlichen Verständnis von Wissenschaft ist die Gewinnung (Forschung) und Verbreitung (Lehre) von Wissen grundsätzlich jedem Menschen möglich, wenn auch nicht geleugnet wird, dass dafür im Einzelnen jahrelange, anstrengende Arbeit mit unsicherem Ausgang notwendig sein kann. Jede und jeder – vom Kind bis zum Senior – werden ermutigt, sich aktiv mit dem verfügbaren Wissen auseinander zu setzen und gerne auch etwas Eigenes beizutragen. Nicht Rang, Titel oder berufliche Stellung, sondern alleine die Qualität der empirischen Befunde sind nach diesem Verständnis entscheidend.

Hier stellt Arfon Smith, Direktor für Bürgerwissenschaft (Citizen Science) am Adler-Planetarium Chicago auf der EuropeanaTech-Konferenz in Wien 2011 einige Projekte vor, mit denen Bürgerinnen und Bürger längst auch vom heimischen Computer aus zur Wissenschaft beitragen:

Und wer auch spezifisch deutsche Beispiele sehen möchte, wird beispielsweise im Blog von Beatrice Lugger mit einem Web-Interview mit dem Ökologen Klement Tockner fündig.

Gegenentwurf: Die empirischen Wissenschaften nur als Angelegenheit abgeschotteter Eliten

Vertreter eines elitären Wissenschaftsverständnisses rümpfen über die Beteiligung von Laien (von griechisch laos = Volk) nur die Nase, die in ihren Augen nur unwissende, bestenfalls zu belehrende Handlanger sind. „Nun beginnt Ihre Menschwerdung!“, ließ mich ein geschätzter Kollege nach der Promotion in Religionswissenschaft wissen. Und auch diese Haltung ist nicht wirklich neu: Schon zu Lebzeiten Darwins wirkte der Jenaer Zoologieprofessor Ernst Haeckel. Bei hervorragenden Leistungen für die Biologie ließ er es aber nicht bewenden, sondern verkündete Politik als „angewandte Biologie“ samt Sozialdarwinismus, „Rassentabellen“ mit höherwertigen Weißen und niederwertigen Farbigen, Forderungen nach Eugenik und der Abschaffung aller Religionen und Weltanschauungen zugunsten, klar, seiner Lehre. Auf einem Freidenkerkongress in Rom ließ er sich denn auch gezielt-provokant zum „Gegenpapst“ ausrufen. All dies Jahrzehnte bevor Richard Dawkins überhaupt geboren wurde.

Foto: André Karwath aka Aka, Wikipedia

Auch Kommunisten und Sozialisten nahmen für sich in Anspruch, eine „höhere, wissenschaftliche Wahrheit“ zu vertreten, deren Durchbruch die wissende Elite mit allen Mitteln nachhelfen musste. Durch die Wirklichkeit lassen sich solche Ansichten kaum widerlegen – allenfalls wird zugestanden, dass die breite, ungebildete Masse eben in der „Anwendung“ versagt habe. Entsprechend treten einige Ökonomen auch heute noch als selbsternannte Propheten auf und wollen Volk und Politik von oben herab belehren. Dass sich gerade auch die etablierten Wirtschaftswissenschaften längst bis auf die Knochen blamiert haben und zum Beispiel Prognosen der so genannten „Wirtschaftsweisen“ bei großen Teilen der Bürgerschaft nur noch ungewollt Heiterkeit auslösen, wird da einfach ausgeblendet. Wenn sich die Realität nicht nach den Modellen richtet – Pech für die Realität.

Eine moderne Wissensgesellschaft funktioniert nur mit einer aktiven Bürgerwissenschaft 

Also, ich möchte weder in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen blind jeder angeblich „wissenschaftlichen“ Meinung hinterherlaufen – noch in einer Gesellschaft, die Evolutions-, Klima-, Wirtschafts-, Gen- und anderen -forschungen pauschal mißtraut oder gar Verschwörungen unterstellt. Und die einzige Chance, die ich für eine konstruktiv-kritische Wissensgesellschaft sehe, ist das Schaffen von Möglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger, sich je nach ihren Vorkenntnissen und Eigenschaften auch selbst im Kleinen lernend, lehrend und forschend in die Wissenschaft einzubringen.

Sicher sind heute viele Wissenschaftsbereiche längst so kompliziert geworden, dass sie nur nach einer Spezialausbildung (Studium, ggf. Promotion) einigermaßen überblickt werden können. Andererseits aber sind mit wachsender Bildung, wachsendem Wohlstand und dem World Wide Web aber auch völlig neue Formen der Vernetzung, Information und Beteiligung möglich, von denen früher kaum zu träumen war. An der Universität Jena unterrichte ich zum Beispiel immer wieder hoch engagierte und begabte Studierende, die sich auf den Lehrdienst vorbereiten. Die erhalten eine solide, wissenschaftliche Ausbildung und wären mit Sicherheit nur noch bessere Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie attraktive Möglichkeiten fänden, neben der Schule auch wissenschaftlich aktiv zu bleiben! Beim ganz neuen Blog NeuroKognition von Manuela Macedonia geht die Debatte schon lebendig los!

Aber statt eines breiten Aufbruches muss ich mit Entsetzen lesen, dass selbst der promovierte Astronomie-Blogger Florian Freistetter ernsthaft glaubt, kein Wissenschaftler mehr zu sein, weil er keine Stelle im Wissenschaftsbetrieb mehr gefunden hat! Der Mann hat promoviert und betreibt einen der erfolgreichsten Wissenschaftsblogs des deutschen Sprachraums, wird von Tausenden gelesen und steht vor der Veröffentlichung seines ersten Buches! Und soll plötzlich kein Wissenschaftler mehr sein?

Vier konkrete Vorschläge für Bürgerwissenschaft

Ich möchte diesen Beitrag mit der Bitte um die Unterstützung von vier Vorschlägen verbinden, die der Scienceblogger Christian Reinboth und ich in den „Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin“ eingestellt haben.

In Vorschlag 1 unterstützt Christian den freien Zugang zu öffentlich finanzierter Forschung (Open Access) – eine Forderung, die der Scilogger Lars Fischer bereits mit einer erfolgreichen Bundestagspetition auf den Weg gebracht hat.

Vorschlag 2 fordert eine Verbesserung der prekären (ich würde sogar sagen: skandalösen) Arbeitssituation vieler Nachwuchswissenschaftler, die derzeit Leistung und Laufbahn so vieler junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unserem Land schlichtweg zerstört und noch mehr entmutigt.

Mein erster Vorschlag (3) greift den Umstand auf, dass sich schon jetzt mehr Freiwillige für die Bundesfreiwilligendienste finden, als überhaupt „Bufdi“-Stellen da sind. Daher schlage ich einen Bufdi-Zug für die (Bürger-)Wissenschaft vor: Freiwillige sollten in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen je nach Vorwissen und Eignung Projekte, Experimente und Exkursionen an Kindergärten und Schulen anbieten können. Für die Wissensgesellschaft wäre das ein Glücksfall, für jüngere Leute eine ideale Chance für Engagement und berufliche Orientierung und für Ältere die Chance, ihre erworbenen Fähigkeiten einzubringen.

Als konkretes Beispiel benenne ich dafür das Buch „Evolutionsbiologie: Moderne Themen für den Unterricht“ von Daniel Dreesmann, Dittmar Graf und Klaudia Witte, das hervorragende Experiment- und Projektbeispiele der Evolutionsforschung vom Kindergarten bis zur gymnasialen Oberstufe enthält.

Mein zweiter Vorschlag (4) zielt auf die öffentlich geförderte Etablierung von Open-Access-Journalen, die von gestandenen Wissenschaftlern anonym peer-reviewed werden, zu denen aber jede und jeder Publikationen einreichen kann. Bisher verdienen sich, wie Martin Ballaschk aufzeigt, wenige Konzerne mit der Beschränkung (!) von Wissenszugang goldene Nasen! Auch für solche Journale gibt es bereits ein Beispiel, das religionswissenschaftliche Marburg Journal of Religion.

Schlussplädoyer

Professor Sinn und ich haben bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Wir sind beide Beamte, werden also aus den Steuergeldern arbeitender Menschen („Laien“) bezahlt und stehen im „öffentlichen Dienst“. Das „Primat der Politik“ zu „hassen“ und gewählten Abgeordneten pauschal einen „Grundkurs“ verordnen zu wollen stellt nach meiner Auffassung eine Arroganz des „Star-Ökonomen“ dar, die sich weder freie Bürgerinnen und Bürger noch deren gewählte Vertreterinnen und Vertreter bieten lassen müssen. Empirische Wissenschaft ist keine Angelegenheit selbsternannter Propheten und Priester, sondern eine wertvolle, auch bürgerschaftlich zu gestaltende und im Dialog auszuübende Tätigkeit.

In einem freien Land ist sie auch Ihr gutes Recht! Lassen Sie sich dieses Recht nicht und von Niemandem nehmen!

Literatur:

* Hand, E. 2010: Citizen Science: People Power. Nature 466, 685-687 (2010) (kostenfreier Download)

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

31 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gegenrede Idee 1 – Kindergarten

    Bitte nicht auch noch Experimente und Wissensvermittlung im Kindergarten!
    In jungen Jahren sind die aufregenden und kognitionsfördernden Experimente solche, bei denen man einen Baum hinaufklettert, ein Fließgewässer anstaut, eine funktionierende Murmelbahn im Sandhaufen anlegt, etc.
    Und Exkursionen? Wie wäre es zunächst einmal mit einfachen Wahrnehmungsübungen im Alltag? Zu erkennen, was eine Elster von einer Amsel unterscheidet, oder einen Ahorn von einer Birke, natürlich real 3d und nicht am Bild? Exkursionen meinetwegen: Den Fluß entlang hinauf zur Quelle, vorbei an einer Mühle. In dieser Art.
    Ich halte es für unsinnig, sich noch früher mit wissenschaftlichen Angeboten (insbesondere in Push- und nicht in Pull-Manier) an den jungen Menschen heranzudrängeln; ich plädiere für freies Spiel und individuelle Anregung grundlegener koginitiver Mechanismen, natürlich auch für das Heranführen ans Schreiben, Lesen und Rechnen… Alles andere kommt später und oft — wie ich denke — ohnehin viel zu früh und in zu großen Mengen.
    Also: Sich mit noch mehr Lehreifer an junge Menschen heranzumachen halte ich keineswegs für „einen Glücksfall für die Wissensgesellschaft“! Aber natürlich stimme ich zu, Neugier und Talent immer zu beantworten, bzw. zu fördern.

    Ach ja, da ich gerade nochmal las: Ausgerechnet Evolutionsbiolgie im Kindergarten? Wie wär’s mit etwas Nachvollziehbarerem, etwas, das sich im Interessensfall durch und durch durchdringen ließe? Etwas Physik, die später als Formel wiederkommt? Auftrieb oder Beschleunigung zum Beispiel. Jedenfalls handfest, und somit sicherlich im Sinne unserer Kinder, da beobachtbar.
    Und Koordinations-Übungen halte ich auch für wichtig und unterrepräsentiert, etc. pp.
    Kurz und knapp: Nein, ich würde gern einem anderen Vorschlag zustimmen!

  2. @Christian

    Nun, ich habe Erfahrungen mit unseren drei Kindern, von denen zwei gerade den Kindergarten verlassen haben (6 und 8 J.). Und beide haben Experimente (z.B. mit Wasser und Luft) ebenso geliebt wie Exkursionen (etwa in ein Museum, ein Fussballstadion oder das Gotteshaus einer anderen Religion) und Projekte (z.B. zu Pferden und Vulkanen, zu denen sie mit Erzieherinnen und Eltern recherchieren konnten, nachdem sie selbst Themen vorschlagen und abstimmen durften).

    Selbstverständlich geht es da noch nicht um abstraktes Wissen, sondern um die Freude am Entdecken, um Neugier, um eine Ahnung von der Faszination dieser Welt. Und obgleich wir hier einen tollen Kindergarten (ein katholisches Kinderhaus) hatten, die den Kindern viel geboten haben, hätten sie mit besserer Personalausstattung gerne mehr bzw. in kleineren Gruppen gemacht. Schon geringe Unterstützung wäre da klasse gewesen!

    Im Buch „Evolutionsbiologie“ wird für Kindergartenkinder ein Entdeckermodul rund um Regenwürmer und Erden vorgeschlagen. Wenn es der Kindergarten nicht schafft, werde ich es wohl mit meinem Jüngsten machen – und sicher nicht weniger dabei lernen. 😉

    Hier ein aktueller Artikel aus der ZEIT über die enorme (und empirisch nachgewiesene) Bedeutung frühkindlicher Förderung:
    http://www.zeit.de/…ueherziehung/komplettansicht

  3. Sinn/Haeckel

    Sinn ist zurzeit sehr populär, aber er neigt meiner Beobachtung nach auch sehr zu Selbstüberschätzung. Es gibt jüngere, zurückhaltendere Ökonomen wie zum Beispiel Clemens Fuest, die niemanden in einen Grundkurs schicken wollen, aber letztlich auch Politikern viel mehr zu bieten haben, weil sie – als gute Wissenschaftler – nicht glauben, die Weisheit gepachtet zu haben.
    Ach ja, und Haeckel: Ich habe ein antiquarisches Buch von ihm im Regal stehen und erinnere mich heute noch, wie entsetzt ich war, als ich seine rassistischen Thesen gelesen habe … ein Beispiel dafür, wie eine eigentlich aufklärerische Theorie wie der Darwinismus auf Abwege geraten kann.

  4. Linktipps

    Hier sind nützliche Links, für alle, die Interesse an solchen Mitmachprojekten haben:

    https://www.zooniverse.org/ ist eine grafische sehr anssprechende und sehr ausgereife Plattform verschiedener Projekte, u.a. auch dem im Video genannten Galaxy Zoo (daher der Name der Plattform). Neben Astronomie gibt es auch zunehmend irdische Projekte, zum Beispiel die Auswertung von Orca-Gesängen.

    http://scistarter.com/ stellt plattformunabhängig unterschiedliche Projekte vor und macht sie sozusagen auffindbar. Von SciStarter aus geht es dann zu den einzelnen Projekten. Leider fast alles ohne Beteiligung deutschsprachiger Unis.

    Neben dem aktiven Mitmachen gibt ja auch die Möglichkeit über „verteiltes Rechnen“ seinen eigenen Computer in die Wissenschaft einzuklinken. Das ist zwar irgendwie passiv, regt aber an, sich mit der jeweiligen Forschung zu beschäftigen. Auf der Plattform BOINC laufen die bekanntesten Projekte http://boinc.berkeley.edu/ Dazu gibt es regelrechte Clubs, zum Beispiel: http://www.boinc-team.de/portal/portal.php oder http://www.seti-germany.de/

  5. @Michael

    Vielen Dank für den Link.

    Aber auch dort wird über Grundlegenes — Zuwendung, Kommunikation, Interaktion — gesprochen, also weniger das Faktenwissen relevant für die ersten Jahre erachtet!

    Es wird angedeutet, dass sich daraufhin Intelligenz, Aufmerksamkeit, emotionale Ausgeglichenheit, letzendlich Arbeitsfähigkeit ausbilden.
    Die grundlegenden Dinge bieten doch wohl die Basis für den Lebenserfolg und nicht die Konfrontation mit Dingen, die vermeintlich und aus Sicht der sehr viel Älteren spannend oder wissenswert sind.

    Im Artikel also geht es um Dinge, die Ihren Kindern nun nicht fehlen. Dass man in der Lage ist, über das Elementare hinauszugehen, sollte meines Erachtens nun nicht dazu führen, auf die Gesamtsituation zu schließen und Vorschläge für die Allgemeinheit machen. Denn die Ironie hier ist, dass gerade die Glücklichen, Erfolgreichen(, Wissensbeseelten) am ehesten diesem Vorschlag zustimmen und an dessen Umsetzung arbeiten würden… — aber Jene, die ahnen, dass es nicht Exkursionen und Entdeckermodule waren, die ihnen gefehlt haben, seltener in der Lage sein dürften, ihre Ablehnung bzw. deren Gründe zu artikulieren…

    Wonach ich nun Entdeckermodule zu beurteilen versuchen würde: In jungen Jahren reagiert man wohl auf große Reizunterschiede am intensivsten. Je älter und reifer man wird, destso größer das Vorwissen und auch das Wahrnehmungsvermögen für weitere Fakten, Details und Nuancen. Für Erwachsene ist also immer noch Vieles neu und auch so Manches bemerkenswert. Aber ist dieses Bemerkenswerte nun durch ein Kind mindestens erkenn-, vielleicht sogar würdigbar? Und auch hin und wieder auf kindliche Art bemerkenswert, nämlich sensationell?
    Mir ist diese Frage wichtig, und ich weiß nicht, ob sie oft genug gestellt wird, wenn es ums Ungefragte, den „Push“ geht.

    Und nachdem ich den Artikel nochmal gelesen habe, eine Zusammenfassung: Zunächst der Hinweis auf mangelnde Zuwendung. Dann wird auf das kindliche Potenzial verwiesen, weiterhin der Erfolg eines inhaltlich nicht näher erläuterten Programms skizziert, und am Ende heißt es Bildung, Bildung, Bildung würde helfen. Und genau dieses — gemessen am Problem — ungeschickte Wort findet Widerhall in ihrem Vorschlag.

  6. @Frank Wiebe & Stefan Taube

    Frank, da kann ich Dir nur Recht geben: Offenkundig scheinen Wissenschaften (und Wissenschaftler) so lange am hilfreichsten zu sein, wie sie auch um die Grenzen ihrer Erkenntnisse wissen. Dass sich Sinn auch nach dem grandiosen Scheitern der Ökonomie(n) gerade in den letzten Jahren noch so arrogant geben kann, macht mich doch einigermaßen fassungslos. Da braucht es wohl wirklich eine neue, realistischere Generation. Schon diesen Artikel gesehen?
    http://www.spiegel.de/…nispiegel/d-82971119.html

    @Stefan, vielen Dank, das sind wirklich hilfreiche und spannende Links!

  7. @Christian

    Tja, was soll ich sagen? Wenn es nach den Kindern ginge, gäbe es noch viel mehr kindgerechte Exkursionen, Experimente und Projekte. Sie haben ihnen nicht nur Spass gemacht, sie woll(t)en auch stets mehr. Derzeit kann mein Sohn z.B. von Rittern nicht genug kriegen, die Tochter begeistert sich für Gedichte. Und auch aus evolutionärer Sicht scheint mir kindliche Neugier nicht überraschend zu sein.

    Aber Sie können ja Ihre Kinder anders erziehen – und haben angesichts der Stimmenzahl doch kaum zu befürchten, dass mein Bufdi-Vorschlag durchkommt. 😉

  8. @Christian

    Warum keine Experimente und Wissensvermittlung im Kindergarten? Sie bringen doch selber Beispiele: Ein Fließgewässer aufstauen, eine Murmelbahn anlegen, sind doch schönste Beispiele für angewandte Physik, Vögel oder Pflanzen erkennen für Biologie etc. Um genau solche alltäglichen Naturphänomene geht es doch, nicht um die Lösung der Schrödingergleichung… Es gibt verschiedenste Initiativen in ganz Deutschland, die genau das unterstützen (z.B. Haus der kleinen Forscher, Forscherstation etc.) und von Kindern, Erzieherinnen und Eltern äußerst positiv aufgenommen werden. Gerade Erzieherinnen, die in der Schule oft schlechte Erfahrung mit den Naturwissenschaften gemacht haben sind dankbar dafür und erstaunt, wie kindgerecht sich viele Naturphänomene entdecken lassen.

  9. Es gibt Beispiele von Laien die es zu anerkannten Fachgrößen gebracht haben, keine Frage. Soweit ich weiß aber selten in Gebieten die teure, komplizierte und gefährliche Methoden voraussetzen (wie fast überall in der Naturwissenschaft, etwa). Da klafft für mich eine Lücke finanzieller und rechtlicher Natur, die anzusprechen und zu klären wäre — außer man meint mit Bürgerwissenschaft euphemistisch Hilfsdienste.

    Außerdem: Wissenschaft ist zeitaufwändig, ist es realistisch, dass weite Teile der Bevölkerung Zeit finden werden?

    Vielleicht einfach von Bürgerbeteiligung sprechen?

  10. In anderen Worten

    @Michael
    Klar, dass man ein fragendes, forderndes Kind unterstützt. Klar bin da ich mit Ihnen einverstanden.
    Aber ich sträube mich gegen den Grundgedanken, Module als Mittel für Alle zu betrachten und diese dann in die Kindergärten zu übertragen. (Was sobald nicht passieren wird, zum Glück, wie _ich_ finde 🙂
    Und Sie verlinken den Zeit-Artikel, und es geht in der Studie zum späteren Lebenserfolg ganz klar um die Förderung !benachteiligter! Kinder. Bei ihnen den Versuch einer Angleichung zu unternehmen, halte ich für sinnvoll und empfinde das auch als Aufgabe (des stärkeren Teils) der Gesellschaft. Alles darüber hinaus Gehende möchte ich im Privaten belassen, insbesondere auch: Im Individuellen. Grob gesagt: „Aufbewahren“, Spielen lassen, milde Anregung und Nachteilsausgleich erachte ich als Auftrag für die Kindergarten. Natürlich auch mit solchen Fragen: „Worauf habt ihr Lust?“ und Wanderungen in den Wald.

    @zaphodd
    Das Spiel wird aus der Langeweile geboren… Natürlich, ein Sandberg und Murmeln in jedem Kindergarten — das z.B. könnte ich unterschreiben. Hin und wieder subtile Übungen zur Anregung der Wahrnehmung und Intelligenz, Spiele zur Körperkoordination, etc.

    Allein diese Angebote, mit denen unbedingt Faszination für Irgendwas geweckt werden soll, behagen mir nicht. (Letztendlich handelt es sich ja dabei um Sachverhalte, die auch später noch fassbar sind und dann womöglich gedanklich intensiver durchdrungen werden können…)
    Darüber hinaus halte ich Zuschreibungen a la „Haus der kleinen Forscher“ für verklärte, sehnsuchtsbehaftete Projektionen einiger Eltern. Für Mißdeutungen des Kindlichen.

    Ich nenne diese Angebote, die viel zu häufig gleich in Darbietungen münden, „Push“ — im Vergleich zu „Pull“, der mich freut und den ich, wie oben schon angedeutet, begrüße und unterstütze. Schule an sich ist mir doch hauptsächlich eine „Push“-Veranstaltung, abgesehen von solchen Fächern wie Lesen, Schreiben, Rechnen und vielleicht einer Fremdsprache. Diese haben m. E. Charackter von „Pull“, weil sie für die meisten Kinder der Klassenstufe interessant sind. Der Rest der folgt ist Kanon der Erwachsenen, normiert und ungefragt präsentiert, zu oft in Langerweile kaum wahrgenommen. Das sollte nun nicht auch noch im Kindergarten passieren.

    Sie deuten es ja selber an, das Drama: Vögel erkennen für Biologie. Das Beispiel (Elster/Amsel) aber hatte noch nichts mit Biologie zu tun, sondern mit Objekterkennung und Differenzierung dessen, was am Anfang nur als Vogel bekannt ist — eine Anregung mit dem Hintergedanken, dass so möglicherweise allgemeine kognitive Operatoren der Wahrnehmumg gebildet oder verbessert oder bewußt werden. Es ging gar nicht um abfragbares Wissen, sondern um allgemeine Fähigkeit. Und die ist grundlegend.

  11. @Christian & @metepsilonema

    Christian, vielleicht können wir uns ja einfach darauf einigen, dass entsprechende Freiwilligenarbeit mit Kindern kindgerecht sein müsste, d.h.

    – erlebnis- statt rein wissensorientiert
    – an den Fragen und Interessen der Kinder ausgerichtet und
    – an der Behebung von „mitgebrachten“ Benachteiligungen orientiert.

    Die Erzieherinnen und (allzu wenigen) Erzieher wären da sicher für jede engagierte, personelle Unterstützung dankbar!

    @metepsilonema
    Klar, viele wissenschaftliche Projekte lassen sich nur im Hauptamt angehen, andere gerade nicht. Und noch nie war der Anteil von Menschen (z.B. durchaus gebildeten Senioren) mit viel Zeit und Geld so hoch wie heute. Anstatt alle von ihnen an den Strand oder auf Kreuzfahrten zu schicken, könnte es doch gängiger werden, noch ein Studium zu absolvieren, in kleinen Forschungsprojekten mitzuwirken, Lehraufträge zu übernehmen o.ä.

    Für die Biologie darf ich beispielsweise auf den Bad Religion-Leadsänger Greg Graffin verweisen, der neben seiner Musikerkarriere u.a. in Feldstudien weiter forscht(e), an einer Universität Biologie unterrichtet und nun auch ein Buch „Anarchie und Evolution“ schrieb:
    http://scilogs.spektrum.de/…on-anarchie-und-evolution

    Einen Nobelpreis strebt er nicht an, einen eigenständigen, bürgerwissenschaftlichen Beitrag zu Forschung & Lehre leistet er jedoch schon, oder!?

    Und hier ein Bericht von Spiegel online über einige Multimillionäre, die mit Tauchbooten den Marianengraben erforschen wollen – wozu staatlichen Institutionen bislang sowohl das Geld wie der Mut fehlt.
    http://www.spiegel.de/…gel/print/d-83588391.html

    Die bei Arfon Smith o.g. Mitmachprojekte haben ebenfalls einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt. Und bei mir im Ort gibt es z.B. einen alten Burgplatz, der jedoch noch nie archäologisch erschlossen worden ist. Und so weiter…

  12. „Praktisch die gesamten empirischen Wissenschaften haben ihre Wurzeln im bürgerschaftlichem Engagement von Menschen, die nicht hauptberuflich als Wissenschaftler arbeiteten. Meist waren sie Geistliche (wie z.B. der Mönch und spätere Abt Gregor Mendel), Staatsbeamte …“

    Das ist falsch. Natürlich sind die empirischen Wissenschaften anfangs von Leuten betrieben worden, die nicht dafür bezahlt wurden, denn es gab ja den Beruf des empirischen Wissenschaftlers noch nicht. Aber zu suggerieren, es wären meist Laien gewesen, das sollte man lieber lassen. Die einzelnen Wissenschaften sind aus der Philosophie, der Juristerei und der Medizin ausgegliedert worden (die Theologie ist im Grunde auch aus der Philosophie ausgegliedert worden), und ein ganz erheblicher Teil derer, die empirische Wissenschaften betrieben, gehörten diesen Disziplinen (vor allem der Philosophie und der Medizin) an und wurden für ihre Forschungen bezahlt. Ein Arzt, der naturwissenschaftliche Forschungen machte, war kein Amateur, diese Forschungen gehörten zu seinem Beruf.

    Im Übrigen wirkt die Formulierung „Bürgerwissenschaften“ in diesem Zusammenhang etwas komisch: Die für ihre Arbeit bezahlten Mediziner und Philosophieprofessoren waren Bürger, die reichen Privatgelehrten aber zum erheblichen Teil Adelige.

  13. Nachtrag

    Für die Geistlichen des 18. und in England auch des frühen 19. Jahrhunderts war die empirische Forschung wohl überwiegend Teil ihrer Tätigkeit als Geistliche. Im Rahmen der Physikotheologie, denen sie meist anhingen, galt jede Entdeckung einer Zweckmäßigkeit in der Natur als ein Gottesbeweis.

  14. @Ludwig Trepl

    Danke, dass Sie meine Beiträge durch Ihre Abgrenzungsversuche so eindrucksvoll bestätigen! 😉

    So schreiben Sie: Natürlich sind die empirischen Wissenschaften anfangs von Leuten betrieben worden, die nicht dafür bezahlt wurden, denn es gab ja den Beruf des empirischen Wissenschaftlers noch nicht.

    Genau. Und es gibt ihn auch heute im engeren Sinne nur für sehr wenige. Und das ist der Punkt: Wir bilden heute mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus denn je, von denen nur ein Bruchteil Dauerstellen im Wissenschaftsbetrieb einnehmen wird. Sollten wir dümmer als das 19. Jahrhundert sein und die enormen Potentiale der jährlich Abertausend Anderen einfach verfallen lassen?

    Aber zu suggerieren, es wären meist Laien gewesen, das sollte man lieber lassen.

    Das „suggeriere“ ich nicht, sondern problematisiere den Begriff des Laien. Waren der Theologe Darwin oder der Patentbeamte Einstein (übrigens beide keine Adeligen) naturwissenschaftliche Laien? Ist eine studierte Biologielehrerin heute eine Laiin? Was ist mit dem Archäologen, der seine Brötchen als Bibliothekar verdient und sich für frühmittelalterliche Werkzeuge begeistert? Und was mit dem lebenslang erfolgreichen Ingenieur, der sich statt für den Ruhestand für ein Zweitstudium und ein kleines Forschungsprogramm entschließt? Was mit dem Multimillionär, der viel Geld für Stipendien oder die Erforschung der Tiefsee einsetzt?

    Aus Ihrer Sicht mögen all das „Laien“ sein, die der Wahrnehmung nicht würdig sind, zumal sie wahrscheinlich nie einen Nobelpreis anstreben oder erhalten werden. Aus meiner Sicht sind es Bürgerinnen und Bürger mit Fähigkeiten und Potentialen, auf die eine dynamische Wissensgesellschaft angewiesen ist und die wir viel besser erschließen sollten. Bürgerwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler haben zur Begründung der empirischen Wissenschaften viel geleistet und werden uns sicher auch im 21. Jahrhundert vielfach überraschen. Geben wir ihnen doch einfach die Chancen und lassen uns von den Ergebnissen überraschen.

  15. @Michael Blume
    Am besten niemand irgendwohin schicken (das soll jeder möglichst selbst entscheiden) — studierende Senioren in großem Stil halte ich für problematisch, solange viele Studiengänge überfüllt oder die Voraussetzungen schlecht sind.

    Jemand der ein Buch schreibt ist noch kein Wissenschaftler, selbst wenn er einen Beitrag zu Forschung leistet — das ist es ja was ich meinte: Worüber reden wir im Wesentlichen? Über unterstützende Beiträge von Laien zur Wissenschaft oder über eigenständige Wissenschaft(ler)?

    Ich habe damit kein Problem und wenn zusätzliche Wissenschaftler aus solchen Projekten wachsen, wunderbar! Es kommt mir nur so vor, dass hier (wiedereinmal im Medienzeitalter) etwas unter einem Namen verkauft oder angepriesen wird, das es so nicht ist.

  16. @ Michael Blume @Ludwig Trepl

    „Laien“ waren natürlich die Amateurwissenschaftler Darwin usw. keineswegs, aber Amateurwissenschaftler waren sie. Ein Amateur kann, anders als ein Laie, besser sein als ein Profi, nur kommt das aus naheliegenden Gründen sehr selten vor.

    Die meisten derer, die ein wissenschaftliches Fach studiert haben, aber dann nicht als Wissenschaftler arbeiten, sondern z.B. als Lehrer, sind Laien. Sie könnten gar nicht als Amateurwissenschaftler arbeiten, denn auch das erfordert jahrelange zusätzliche Qualifikation. Wenn Sie natürlich auch das zur „Bürgerwissenschaft“ rechnen, was einer tut, der ohne jede Qualifikation aufschreibt, wann die Kirche in seinem Dorf gebaut wurde oder wo Sumpfdotterblumen wachsen, dann sieht es anders aus.

    Im übrigen frage ich mich, woher Sie das denn nehmen, daß die Berufswissenschaftler über die Amateure die Nase rümpfen. Ich hab’s schon mal geschrieben, aber es hilft offenbar wenig: nicht da liegt die Grenze, an der die Nase gehoben wird. In den internationalen wissenschaftlichen (jedenfalls naturwissenschaftlichen) Journalen ist es üblich, akademische Titel und – den Gutachtern gegenüber – auch Institutsadressen ohne Ausnahme wegzulassen, damit nicht der dadurch hervorgerufene Eindruck, sondern allein die Qualität des Aufsatzes entscheidet. Sicher entscheidet i.a. nicht die, aber das hat ganz andere Gründe.

    Und noch was: warum sollen denn die Leute, die nicht davon leben, mit empirischer Forschung ihre Zeit verbringen? Da war die Diskussion um den Begriff „Bildung“ schon mal weiter.

  17. @metepsilonema & Ludwig Trepl

    Über Begriffe werden ja immer auch Positionen und Emotionen transportiert, sie können aber auch für Verwirrung sorgen, wenn sie unklar sind. Und solange auf den Scilogs nur von „Citizen Science(s)“ die Rede war, schien es weniger aufregend zu sein, als jetzt, wo wir es auch deutsch und konkreter machen.

    Wird Politik von Politikern gemacht? Nicht nur – oder genauer: Nicht mehr nur. Im Ursprung geht es auf die griechische Stadtgemeinde (der freien Männer) zurück, aber über lange Zeit war Politik einer dünnen Adelsschicht und wenigen Helfern vorbehalten, das Volk hatte im Wesentlichen zu gehorchen. Es ist ein wichtiger Sieg der Bürgerschaft, dass heute jede und jeder sich politisch einbringen kann – im kleinen oder großen Umfang.

    Ebenso sind die empirischen Wissenschaften von Bürgerinnen und Bürgern vorangetrieben worden, manchmal gegen Widerstände. Erst später haben wir eine Professionalisierung zum Berufswissenschaftler. Und heute gibt es wohl keinen Lebensbereich, der andere )einschließlich der Politik) so durchdringt wie die Wissenschaft.

    Selbstverständlich brauchen wir Berufswissenschaftler, wie wir ja auch Berufspolitiker brauchen. Aber ebenso selbstverständlich sollten wir eine Abkapselung verhindern, sondern auf vielfältige Formen des Dialoges und der Beteiligung setzen. Wer, wie es Ludwig Trepl so „schön“ formulierte auch „ohne jede Qualifikation aufschreibt, wann die Kirche in seinem Dorf gebaut wurde oder wo Sumpfdotterblumen wachsen“, der produziert Wissen, gibt es ggf. auch an andere weiter und macht für sich und andere transparenter, wie Wissenschaft(en) funktionieren, wozu sie gut sein können, warum man sich für sie interessieren, ihnen aber auch nicht kritiklos glauben sollte etc. Aus dem gleichen Grund sollten ja auch Berufspolitiker z.B. das ehrenamtliche „politische“ Engagement in lokalen Bürgerinitiativen oder Jugendgemeinderäten wertschätzen, selbst wenn daraus keine UNO-Resolutionen werden.

    Zudem sprechen wir von Abertausenden Menschen, die in Leben oder Studium heute weit mehr wissenschaftliche Qualifikationen erworben haben als je in der Geschichte der Menschheit und also noch viel mehr beitragen könnten. Nur so wird m.E. gerade auch das alternde Deutschland eine selbstbewusste, demokratische und dynamische Wissensgesellschaft bleiben können. Und: Wissen zu schaffen bzw. zu verbreiten kann Sinn und Glück stiften.

    Selbstverständlich müssen die Rahmenbedingungen stimmen, aber wenn z.B. Senioren für gute Studiengänge auch bezahlen, könnten dadurch sogar neue Arbeitsplätze für Jungwissenschaftler entstehen. Politik, Religion, Kunst, Sport, Wissenschaft – kaum ein Lebensbereich, den man nicht elitär abgrenzen könnte, der aber doch viel reicher und tiefer wird, umso mehr Menschen sich darin einbringen. Und sei es bei der Erforschung heimatlicher Kirchen und Blumen.

  18. @Michael

    Vorerst ja.

    Aber das Thema irgendwann mit mehr Beteiligung in einem komfortableren Forum mit oder ohne Experten auszudiskutieren, inklusive Ergebnis, wäre nun wohl was?

    So long!

  19. @Ludwig Trepl & Michael Blume

    Es gibt eine offizielle Bestätigung wissenschaftlich arbeiten zu können, die Dissertation (die meisten, die diese Hürde nehmen, können auch nach einer Pause und entsprechender Einarbeitungszeit in Methoden und Wissens dies auch fortsetzen – das ist jetzt in Richtung der Naturwissenschaften gedacht). Wenn es tatsächlich viele Bürgerwissenschaftler gäbe, also ein zweiter Weg in die Wissenschaft von vielen gegangen wird, gälte es auch den ersten zu überdenken und zwar ob er in der bestehenden Form überhaupt richtig war.

    Eine andere Frage ist, welchen Druck viele unentgeltlich arbeitende Bürger auf Jung- und Nachwuchswissenschaftler ausüben, man könnte Arbeitsgruppen anders strukturieren und vermehrt mit Laien und Amateuren arbeiten, weil diese billiger sind; ähnlich verhält es sich mit angestellten technischen Assistenten – ob das so wünschenswerte Entwicklungen wären?

    Wenn nun also eine Beteiligung an wissenschaffenden Prozessen auf verbreiterter Bürgerbasis gemeint ist, dann habe ich nichts Grundsätzliches einzuwenden (manche Details müsste man sich aber ansehen). Nur: Nennen wir es auch beim richtigen Namen.

  20. @metepsilonema

    Wenn die Dissertation – über die ich verfüge – wirklich die „Voraussetzung“ für erfolgreiche Wissenschaft sein sollte, hätten Darwin und Wallace die Evolutionstheorie nicht formulieren können. Und auch Einstein hatte „nur“ ein Diplom als Fachlehrer für Physik und Mathematik, als er seine Relativitätstheorie entdeckte. Auch für heute und morgen ist wohl nicht auszuschließen, dass Entdeckungen außerhalb der etablierten Hierarchien gemacht werden können.

    Und was die Ressourcenfrage angeht, so nahmen sie anderen keine Arbeitsplätze weg, sondern brachten mit ihrem bürgerwissenschaftlichen Engagement Weiteres in die Wissenschaft ein – so wie Bürgerwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auch heute m.E. keine Bedrohung, sondern eine Chance für die Wissenschaft und Wissensgesellschaft insgesamt sind.

  21. @Michael Blume

    Ich weiß nicht, wo ich etwas davon schrieb, dass die Dissertation Voraussetzung wäre. Ich finde aber die Frage berechtigt, warum man einen jahrelangen Weg mit hohem persönlichem Einsatz gehen sollte, wenn es auch anders geht.

    Was ich meinte, ist etwa folgendes: Warum soll ich als Arbeitsgruppenleiter hohe Personalkosten für technische Assistenten und Doktoranden bezahlen, wenn ich die zumindest die Versuchsreihen von anderen ohne Kosten durchführen lassen kann? Es war ja (und ist es auch bteilweise heute noch) gang und gäbe so mit Diplomanden zu verfahren (die kosten auch nichts) — die Abschlusszeiten schossen natürlich in die Höhe.

  22. @metepsilonema

    Ach so – ja, diesen Gedanken von Ihnen kann ich sehr gut nachvollziehen. Gegen die Ausbeutung gerade auch des wissenschaftlichen Mittelbaus hatte ich bereits verschiedentlich protestiert, u.a. hier:
    http://scilogs.spektrum.de/…n-universit-ren-mittelbau

    Meine Hoffnung dazu wäre doch eher, dass sich breitere, gesellschaftliche Unterstützung gerade auch für diese findet, wenn größere Teile der Gesellschaft für die oft skandalösen Zustände sensibilisiert werden.

    Und was die Dissertation selber angeht, darf ich aus eigener Erfahrung sagen: Ich habe die Arbeit daran durchaus genossen, fühlte mich aber danach nicht grundsätzlich schlauer als davor – und staune nur, wie viel mehr Menschen meinen Argumenten folgen, seitdem ich den Titel trage. Es ist gerade auch heute eben leider wohl nicht nur das Argument selber, das zählt – und das halte ich nicht für ein Ruhmesblatt…

  23. Dass der Einsatz vieler Doktoranden hoch ist, spricht durchaus für deren Begeisterung (ich weiß aber, dass es sehr oft nicht einfach ist, mit Problemen wie der Finanzierung der Arbeit angefangen).

    Das Wort „Bürgerwissenschaft“ ist ohnehin holprig, „Bürgerforschung“, wäre schon besser — es braucht m.E. eine deutsche Wort(neu)schöpfung, dann erledigen sich die meisten Missverständnisse von selbst (vielleicht einmal eine Gelegenheit das rechtzeitig zu tun).

  24. @metepsilonema

    Bürgerforschung finde ich sehr gut – allerdings leisten bürgerschaftlich Engagierte ja gerade auch viel in der Lehre! Und ich finde ohnehin, dass in unserer Wahrnehmung von Wissenschaft die Forschung oft zu hoch und die Lehre oft zu wenig geschätzt wird. Insofern könnte das Konzept der Citizen Science – Bürgerwissenschaft doch ggf. sogar eine Chance sein, gesellschaftlich wieder zu debattieren, was Wissenschaft eigentlich (alles) umfasst und umfassen muss.

  25. @Michael Blume

    Nehmen wir das Wort Wissenschaft beim Namen, dann meint es das (Er)schaffen von Wissen (dem besten Wissen das wir haben — K.R. Popper). Dazu gehört streng genommen keine Lehre und für die Karriere eines Wissenschaftlers ist sie ohne Bedeutung. Allerdings kann man völlig berechtigt einwenden, dass Wissen, das wir, auf Grund des Prozesses durch welchen es zustande kam, als bedeutsam erachten, auch verbreitet und öffentlich gemacht werden sollte — die Lehre steht sicherlich in enger Nachbarschaft zur Wissenschaft (sie sind aber nicht dasselbe).

    Bezüglich der Lehre muss man zwischen zwei Arten von Vorlesungen unterscheiden: Solche, die einen eher allgemeinen und relativ gut gesicherten Wissensstand vermitteln, der vielfach auch in Lehrbüchern zu finden ist (etwas wie „Basiswissen“) und spezielle Vorlesungen, die den aktuellen Stand eines Forschungsgebietes wiedergeben, den man nicht in Lehrbüchern findet. Vorlesungen vom letzten Typ können nur Wissenschaftler halten, die in dem entsprechenden Gebiet arbeiten, die neusten Arbeiten kennen und beurteilen können — hier kommt man mit der „Forschungsfront“ in Berührung.

    Von Bürgeruniversität könnte man auch sprechen (allerdings: Für wen als die Bürger sollte eine Universität da sein).

  26. @metepsilonema

    Hier würde ich den Akzent doch anders setzen und mich auf die Seite des Grundgesetzes stellen, indem die Wissenschaftsfreiheit als Freiheit von „Forschung und Lehre“ gefasst ist.

    Denn Wissen kann m.E. nicht abstrakt sein, sondern sich nur in Menschen konkretisieren. Wissen, das nicht publiziert und gelehrt wird, stirbt unweigerlich. Und umgekehrt: Dort, wo Wissen gelehrt wird, tritt Neues hinzu.

    Ohne Lehre gibt es also keine weiterführende Forschung, keine Weiterführung und interdisziplinäre Vernetzung und schon gar keinen Forschungsfortschritt. Dass wir Lehre (die immer auch Tradierung ist) als sekundär so gering schätzen ist m.E. eines der großen Probleme unserer auf Wissen angewiesenen Gesellschaft. Vgl. auch den Blogbeitrag von Wenke Bönisch, die auch Öffentlichkeitsarbeit als wissenschaftliche Pflicht betont:
    http://scilogs.spektrum.de/…icht-fuer-wissenschaftler

    Nicht zufällig gingen Zeiten des Bildungsaufschwungs in Deutschland auch mit der Etablierung von Volkshochschulen einher.

  27. Ich glaube, dass funktionierende Wissensschaffung keine öffentliche Vermittlung braucht (und das ist die Lehre streng genommen). — Dass das Grundgesetz das zusammen denkt ist gut, sagt aber nichts darüber, dass es nicht auch anders geht und sicherlich früher auch war. Der Prozess der Wissensschaffung benötigt Nachwuchs, wenn er kontinuierlich sein soll (genau: Tradierung), er wird verbessert durch Kritik und Kommunikation zwischen den Forschenden. Aber ob ich als Privatperson weiß was ein schwarzes Loch oder das Higgs Boson tatsächlich sind, ist irrelevant für seine Funktion (ich sage nicht, dass das gut ist, aber es tut dem Prozess keinen Abbruch und ist es nicht auch so: Viele Publikationen werden schon von Wissenschaftlern kaum gelesen!).

    Sie haben vollkommen recht, die Geringschätzung der Lehre ist ein Problem (vor allem einmal für ihre Qualität). Aber es ist natürlich betriebslogisch: Eine Vorlesung aufzubauen ist ein ungeheurer Arbeitsaufwand, Zeit die für Forschung und Publikationen (und damit Karriere) abgeht.

  28. Citizen Science in den WiWis

    Ich habe mit großem Interesse den Blogbeitrag und die vielen interessanten Kommentare gelesen. Vielen Dank.
    Mich würde mal interessieren, ob jemand schon Beispiele kennt für Citizen Science in den Wirtschaftswissenschaften – gerade weil Herr Sinn hier auch der Aufhänger war 😉 – Oder ob es Ideen dafür gibt, wie im wirtschaftswissenschaftlichen Umfeld die Bürgerbeteiligung aussehen könnte.

  29. @Ines Wanke

    Das ist eine enorm gute Frage! Spontan fallen mir z.B. Börsenspiele und überhaupt spieltheorerische Experimente ein, in denen ökonomische Theorien an echtem Verhalten abgeglichen werden. Aber wenn ich mal auf eine echte wirtschaftswissenschaftliche Arbeit aus bürgerwissenschaftlicher Feder treffe, werde ich auch gerne darüber extra bloggen! Ich halte die Augen offen. 🙂

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