Vom Gladiator zur Hure. Die Reise einer Münze durch das Römische Reich von Alberto Angela

Als ich noch ein Kind war, schenkte mir mein Vater eine kleine, römische Silbermünze. Stundenlang wendete ich sie in meiner Hand und sinnierte darüber, was diese Münze wohl alles „erlebt“, durch welche Hände sie gegangen war. Als ich nun also sah, dass ein renommierter italienischer Autor genau eine solche Geschichte in Buchform veröffentlicht hatte, gab es selbstverständlich kein Halten mehr: Mit großer Neugier verschlang ich „Vom Gladiator zur Hure. Die Reise einer Münze durch das Römische Reich“ von Alberto Angela.

Und siehe da: Das Konzept geht hervorragend auf! Wir sind dabei, als um 115 n.Chr. „unsere“ Sesterze in einer römischen Prägeanstalt geboren wird – um sogleich von Reitern in den hohen Norden, nach London gebracht zu werden. Denn die Münzen mit dem kaiserlichen Profil (hier: Trajans) sind nicht nur Zahlungsmittel, sondern auch Propagandawerkzeug. Über sie erfahren die Menschen von nah und fern über den jeweiligen Herrscher Roms, sein Aussehen und seine Attribute. Man nehme noch Statuen, Verlautbarungen und die – selten als besondere Ehre gewährten – Kaisertempel hinzu und die „soft power“ des römischen Imperiums wird deutlich.

Liebevoll führt Angela auch in die Geschichte Londons ein und schildert das römische Soldatenleben an der umkämpften Nordgrenze des Reiches. Von dort reist die Münze in der Tasche eines Weinhändlers ins noch beschauliche Paris – (noch) kein Vergleich zu einer echten Weltstadt wie dem kürzlich vom Vulkan begrabenen Pompeji…

Über Trier und den Rhein geht es bis nach Rom und dort in ein Wagenrennen im Circus Maximus, über den Hafen Ostia nach Spanien, die Provence, nach Afrika, Ägypten – und bis nach Indien, wohin die Handels- und Kulturbeziehungen bereits reichen! In Mesopotamien „begegnet“ die Münze dann sogar „ihrem“ Kaiser, der gerade an der Spitze seiner Truppen das Partherreich besiegt hat. Über die prachtvolle, der Göttin Artemis verpflichtete Stadt Ephesus (in der heute Christen & Muslime gemeinsam die letzte Wohnstätte Marias verehren) kehrt der Sesterz zurück nach Rom, wohin nun einmal alle Wege führen.

Auf diesen grandiosen, weiten Wegen wechselt die Münze zwischen den Nationalitäten, Berufen und auch Geschlechtern hin und her, so dass Angela alle Möglichkeiten hat, von Kleidungsstilen über Speise- und Ehesitten über Technologien und römischer Staatsgrundsicherung bis hin zu Parfüms vieles zu schildern, was sich damals im römischen Reich abspielte. Die Schilderungen sind mit erkennbarer Autorenfreude geschrieben – und von Elisabeth Liebl gekonnt übersetzt – und zudem auch noch durch eine ganze Reihe liebevoller Zeichnungen ergänzt. So gelingt es Angela nicht nur, das alte Rom zum Leben zu erwecken, sondern auch mit seiner Begeisterung für Archäologie und Geschichtswissenschaften anzustecken – und immer wieder aufzuzeigen, wieviel „Römisches“ auch heute noch in unserem Alltag steckt.

Mich hat „Die Reise einer Münze durch das Römische Reich“ nicht nur gut unterhalten und auch nicht nur gut historisch informiert, sondern darüber hinaus angeregt, die Globalisierung und letztlich den eigenen, europäischen Alltag mit neuen Augen zu betrachten. So ist es auch kein Zufall, dass ich nach der Lektüre von Angelas Schmöker mein letztes sciebook diesen Jahres über unsere Bräuche und Kalender schrieb, die tiefe, römische Wurzeln haben (der Januar ist beispielsweise nach dem römischen Gott Janus benannt).

 

Alberto Angela ist es nicht nur gelungen, Geschichte spannend und anschaulich aufzuarbeiten. Sein Buch regt darüber hinaus zum Weiterforschen an. Es ist lange her, dass mich das frühe Interesse für römische Geschichte wieder so gepackt hat. In gewisser Hinsicht hat mir A. Angela einen Kindertraum erfüllt. Ich hoffe, dass es sich auf vielen Lesestapeln und unter vielen Weihnachtsbäumen finden werde!



A. Angela: „Vom Gladiator zur Hure. Die Reise einer Münze durch das römische Reich.“
Riemann 2012. Erhältlich im science-shop für 19,99 €

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @Martin Holzherr

    Ja, das italienische Original hatte einen so peinlichen Titel nicht nötig… Kann man dem Autor aber nicht vorwerfen, der Erotikszenen zwar nicht verschmäht, aber doch stets dezent „wegblendet“..
    😉

  2. Toll!

    Danke für den Hinweis auf dieses tolle Buch! Man wird wirklich sehr lebendig durch das Alltagsleben des antiken Roms geführt und das auch noch anhand allerlei archäologischer Befunde. So interessant war Archäologie für mich selten, vor allem in Bezug auf Alltagsleben, denn Schlachten und Kriege werden im Fernsehen immerhin häufiger gekonnt in Szene gesetzt. Dabei ist es immer wieder erstaunlich wie weit die Römer bereits fortgeschritten waren. Schade fand ich nur, dass sich der Sesterz auf seiner Reise quasi immer in der Hand von Bessergestellten befindet und die Welt der Sklaven zwar als üble, teilweise mörderische Schufterei beschrieben wird, aber in diesen Eigenschaften immer abstrakt und fern bleibt. Auch manches andere schätze ich durch die Begeisterung des Autors als etwas romantisiert ein (wie z.B. die durchgängig glücklichen Liebesgeschichten), aber das Ausmaß bleibt stets begrenzt, sodass das Wort „Kitsch“ wirklich nicht treffend wäre.
    Daher ist es auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch!

    Als nächstes werde ich mir unter anderem dein Darwin-Buch gönnen. Bin schon gespannt eine neue Seite von ihm kennenzulernen 🙂

  3. @Sebastian Voß

    Danke für die Rückmeldung! Ich würde hier gerne öfter gute Bücher vorstellen, war mir aber unsicher, ob es den Bloglesenden auch nützlich ist. Deswegen – Danke!

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