Spocks Vermächtnis – Warum Vulkanier (auch) jüdisch grüßen und segnen

Das seltsame Wesen von einer anderen Welt – so menschennah und doch so anders – erhob die Hand und grüßte: „Live long and prosper!“

Nein, ich war nicht das einzige Kind, das die besondere Bedeutung und Tiefe dieser Geste erahnte – obgleich es noch viele Jahre dauern würde, bis ich den Hintergrund erfuhr. Wir waren (sind?) Millionen. Denn wie es erfolgreiche Künstler oft – fast immer – tun, hatte sich auch Leonard Nimoy bei gewachsenen Mythen und Symbolen bedient, um Unsagbares auszudrücken.

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Leonard Nimoy (1931 – 2015) grüßt – und segnet. Bild: Gage Skidmore

Denn die Geste, die Nimoy als besonderen, vulkanischen Gruß etablierte, hat ihre Wurzeln im Judentum: Sie symbolisiert dort den Buchstaben „Schin“ wie in Schaddai (eine G’ttesbezeichnung, „der Allmächtige“), in Schalom („Frieden“) und in Schechina („Einwohnung“, im Sinne der Gegenwart G’ttes) und wird daher als einer von sieben besonders geheiligten Buchstaben in hebräischen Heiligen Schriften mit einem „tag“-Zeichen gekrönt.

SpockSchinVulkaniergruss

Im rituellen Kontext des von Kohanim ausgeführten, aaronitischen Priestersegens gilt diese Segensgeste sogar als so mächtig, dass manche Juden den Blick (vor G’ttes Präsenz) demütig abwenden. Genau dies hatte Nimoy als Kind beeindruckt – und so hatte er sich in und für „Star Trek“ für diese Geste entschieden.

Ja, Leonard Nimoy gehörte dem jüdischen Glauben an, seine Familie stammte aus der Ukraine. Viele seiner Angehörigen fielen dem deutschen Nationalsozialismus und Antisemitismus zum Opfer und er haderte lange mit Deutschland und dessen Vernichtung einer bedeutenden, längst in Europa tief verwurzelten Minderheit.

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Grabstein des Oberrabiners und Kohen Meschullam Kohn (1739-1819) auf dem alten jüdischen Friedhof in Fürth, Bayern: Segnende Hände der Kohanim. 

Bild: Alexander Mayer 

Späte Versöhnung mit Deutschland

Lange hatte Nimoy gezögert, das ihm lange „verhasste“ Deutschland aufzusuchen – bis er 1999 auf Anraten seines Rabbiners doch ein Star-Trek-Fantreffen in Bonn besuchte. Und da stand er nun, bejubelt von Tausenden deutscher Fans, einer neuen Generation. „You are so human!“, antwortete Nimoy bewegt – und die allermeisten Zuhörenden dürften das einfach als einen Trekkie-Insiderwitz aufgefasst haben. Doch auch hier gilt wieder: „A Mensch“ ist im traditionellen Judentum nicht einfach nur eine neutrale Artbezeichnung, sondern ein Lob im Sinne einer Verwirklichung von Menschlichkeit. Hier hatte nicht nur ein Vulkanier überrascht über „humans“ gesprochen, sondern auch ein ukrainisch-amerikanischer Jude über seine deutschen Fans.

Leonard Nimoy starb am 27. Februar 2015. Egal welche Religion, Weltanschauung, Herkunft, Hautfarbe oder Chromosomensatz wir haben – Mr. Spock hat uns alle gesegnet. Live long and prosper!

* Weiterlesetip: Wuliger, M. (2015): Mr. Spock in Germany. Jüdische Allgemeine 05.03.2015

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

34 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde dies alles äußerst interessant und ,ja auch irgendwie trekki. Dankeschön für diesen Artikel.
    Ein langjähriger Fan von Startrek

  2. Sehr interessant. Da frage ich mich jetzt doch glatt, ob die „Umkehrung“ dieses Grusses, wie man sie im Pilotfilm der Neuauflage von Battlestar Galactica sieht, auch eine Bedeutung hat, oder ob das nur eine Anspielung ist, die sich eher auf Ron Moore bezieht? – Der war Drehbuchautor bei diversen Star Trek folgen, bevor er die Neuauflage von BSG angefangen hat.

    Dann wäre da noch der Geburtsort von Herrn Nimoy. In der Wikipedia steht:

    Leonard Simon Nimoy (* 26. März 1931 in Mattapan, Boston, Massachusetts;

    Sie schreiben, er sei in der Ukaine geboren. Was stimmt denn nun?

    • Lieben Dank, @Hans! Obwohl meiner Frau und mir (das neue) Battlestar Galactica sehr gut gefallen hat, haben wir diese Spur noch nicht verfolgt – mal schauen. 🙂

      Und in Sachen Nimoy hat natürlich Wikipedia Recht: Seine Familie kam aus der Ukraine, er wurde schon in den USA geboren. Das korrigiere ich oben, danke fürs aufmerksame Lesen & Checken!

      • Guten Abend Herr Blume,

        ich wusste gar nicht, dass Sie die neue Battlestar-Serie auch kennen. – Aber wundern tut es mich nicht. 🙂 Deshalb muss ich doch glatt noch mal Off Topic werden und fragen, wie Sie den Schluss der Serie finden? – Ich muss ehrlich sagen, ich hatte da etwas dran zu knabbern. Rein intellektuell betrachtet war das zwar eine gute Idee, vor allem aus der Perspektive der Beteiligten. Aber so vom Gefühl her, also emotional betrachtet, fand ich das ja gar nicht gut. Wie sehen Sie das?

        Und bezüglich Nimoy: Bitte sehr.

  3. Vielen Dank für den gelungenen „Nachruf“ und die bemerkenswerten Bezüge des Vulkaniergrußes auf den „aaronitischen Segen“. Bemerkenswert auch die Verknüpfung der „Menschlichkeit“ als eines Willkommensgrußes vom „Allmächtigen“. Fantasy- und Sci-Fi-Protagonisten werden so zu „Propheten der Gegenwart“.

    Im Relief wird der Gruß von beiden Händen ausgeführt. Die Berührung der beiden Daumen und Zeigefinger bilden ein Dreieck. Dies erweitert die Bedeutung, des Segenszeichens als eines „dreigliedrigen Segens“. Hat das Dreieck (in welches meines Wissens oft auch das allsehende Auge Gottes eingefügt wird) noch eine Bedeutung, als eines dreifachen, und somit beständigen (Schutz-)Segens, vom Allmächtigen, Allgegenwärtigen und Allwissenden freundlich angeschaut zu werden?

  4. Wie kann das Zeigen von Fingern in einer bestimmten Art „segnen“ bedeuten? Immerhin leitet sich der hebräische Buchstabe „schin“ vom hieroglyphischen „Zahn“ ab. Der Zahn soll also ein besonderer „Segen“ darstellen. Eine ziemlich erheiternde Herleitung.

    • Vgl. :
      -> http://en.wikipedia.org/wiki/Shin_%28letter%29#In_Judaism (Nimoy hat’s im Vid aber schon ansatzweise erklärt)

      Interessant vielleicht auch, dass Roddenberry („Humanist„) hier keine Probleme sah, was den Anspruch seiner cineastisch-multikulturellen Veranstaltung betraf, die Vulkanier als religiöses Volk zu integrieren. [1]

      MFG
      Dr. W

      [1]
      sofern sein StarTrek-Universum bereits so weit geplant war, was natürlich bezweifelt werden darf

  5. @Klaus Dieckmann:

    Immerhin leitet sich der hebräische Buchstabe „schin“ vom hieroglyphischen „Zahn“ ab. Der Zahn soll also ein besonderer „Segen“ darstellen.

    Klassischer etymologischer Fehlschluss: Sich ableiten von ist nicht gleich Bedeuten.

    (wenn man mal beiseite lässt, dass es um die Herleitung eines Schriftzeichens, nicht eines Wortes handelt; wahrscheinlich gehört das streng genommen nicht zur Etymologie, ich bin kein Sprachwissenschaftler. Strukturell ist der Denkfehler aber der gleiche)

    • @Eiche: Ironie sollte man auch verstehen. Die Zuordnung von drei nach oben ragenden Strichen für „Segen“ ist natürlich rein willkürlich. Das betrifft auch Spocks seltsames Fingersymbol. Diesem wird eine willkürliche Symbolik zugeordnet, mehr nicht. Die oben aufgeführten Begründungen über den Buchstaben schin gehören in den Bereich der Esoterik.

      • @Klaus Dieckmann

        Da Sie für sich ein wissenschaftliches Weltbild beanspruchen, könnten Sie es trotz Ihrer schon oft formulierten Abneigung gegen Juden und andere Monotheisten doch mit Sachlichkeit versuchen.

        Der Bedeutungsgehalt von Symbolen beruht immer auf kultureller Zuschreibung. Weder „K“ noch „l“, „a“, „u“ oder „s“ haben unveränderliche Bedeutungen, sondern entstammten aus Bildzeichen – und dennoch nutzen auch Sie diese Symbole ganz „selbstverständlich“ zur Kommunikation, für Vertragsabschlüsse usw. Dass verschiedene Symbole für verschiedene Menschen verschiedene Bedeutung haben, bedeutet nicht, dass alle außer Ihnen doofe Esoteriker wären.

        Kommen Sie ggf. ein bissel runter, vielleicht ist ja Mr. Spock ein geeignetes Vorbild! 😉

        • Man könnte den Schin-Buchstaben auch als Trinität deuten, nämlich die drei Zweige, die Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist darstellen. Dies würde besser passen als die jüdische Deutung von einem „Einheitsgott“. Ich gehe davon aus, dass das Schin nur die Abkürzung von ha Schem (= der Name) ist, eine andere Bezeichnung für Gott ist und von daher diese Symbolik entstanden ist.

          • Stellen Sie sich gerne alles so vor, wie Sie mögen, Herr Dieckmann, im Esoterischen geht dies, bei exoterisch-religionswissenschaftlichem Anspruch könnte dagegen bei der belegten Sicht geblieben werden, sofern die Beleglage genügt. [1]
            Dr. Spock hat ja im Vid das gemeinte Ritual ganz nett beschrieben, hatte ja auch etwas, inwiefern die Kabbalistik hier richtig liegt, weiß nur die Kabbalistik.

            MFG
            Dr. W

            [1] und Leutz wie bspw. unser geschätzter Herr Dr. Blume nichts dagegen haben

      • Das betrifft auch Spocks seltsames Fingersymbol. Diesem wird eine willkürliche Symbolik zugeordnet, mehr nicht.

        Esoterik liegt halt vor, auch wegen des religiösen Hintergrunds, Religion ist nicht exoterisch, die (auch: wissenschaftlichen) Erklärungen zur Symbolik müssen aber nicht esoterisch sein.

        MFG
        Dr. W (der nicht hofft, dass man in Ihnen hier, allein auf Grund der bisherigen Nachrichtenlage, einen schlechten Menschen erkennen wird, scnr)

        • @Dr. Webbaer

          Interessant… Darf ich also fragen: Wüssten Sie gänige Symbole – gerne auch nichtreligiöser Provenienz – mit rein „exoterischer“ Bedeutung zu benennen?

          • @Webbaer

            Negativ – auch dieses Symbol wurde zugewiesen, setzt spezifisches kulturelles Vorwissen (samt Wirklichkeitsannahmen) voraus und ist also ganz und gar nicht „exoterisch“ zugänglich…

          • @ Herr Dr. Blume :

            Also die Kreiszahl ist exoterisch, sofern Sie nicht schon die Kreiszahl oder die Sprache an sich anders buchen wollen.

            Sprachen schließen nicht Sprechende aus, sie sind insofern bspw. dem Frosch nicht zugänglich, hmm, wie könnte hier unterschieden werden?

            Vorschlag:
            Sprechende, die sich verstehen, könnten sich darauf einigen, dass geteilte Sprache exoterisch ist; die Wissenschaft ist [1] eine Sprache, die Religion auch, aber nicht allgemeinverständlich, sondern eben esoterisch.

            MFG
            Dr. W

            [1]
            schwierig einzuschätzen, ob hier ein ’sozusagen‘ passt.

          • Einverstanden, @Webbaer. Denn beachten Sie auch, dass mit (Fach-)Sprache samt eigener Symbolbedeutungen nicht nur wechselseitiges Unverständnis entstehen kann – sondern sogar manchmal gezielt herbeigeführt wird, im Sinne einer Distinktion (Ab- und Ausgrenzung). Auch schon der „Barbar“ wurde daran „identifiziert“, dass er (angeblich) nur „br-br“ zu sagen vermochte. So ist jede(r) stolz auf seine ganz spezielle Esoterik und hält sie für die einzig relevante Exoterik… 😉

            Und, nein, ich bin kein Relativist, sondern schaue dann, wie sich (auch) Symbolsysteme je empirisch und evolutionär bewähren. 🙂

          • Nett Ihre etymologisch gehaltene Anmerkung zum Lautmalerischen des Barbaren, sofern richtig, ansonsten:
            Das primäre Unterscheidungsmerkmal der aufklärerischen zeitgenössischen Wissenschaftlichkeit müsste das nach außen Gewandte sein, jeder kann mitmachen, jeder kann fragen und zweifeln, bspw. ein Mathematiker könnte jederzeit und ganz fachfremd viele Studien „zusammenschießen“, wenn es mit der Datenlage und/oder der sich zwingend anschließenden Theoretisierung hapert, tut dies auch, es gibt hierzu Beispiele.

            MFG
            Dr. W (der hier abär keinen Dissens sieht)

          • Lang nicht im Blog gewesen, erst jetzt diesen Artikel gefunden – sehr interessant insofern, als daß „Space Jews“ im Sinne eines Volkes, das Stereotype und Vorurteile gegen Juden verkörpert, erst lange nach Spock mit den Ferengi auftauchte.

            Allerdings, was Barbaren betrifft, war ich immer davon ausgegangen, daß dieses Wort mit dem lateinischen Wort für „Bart“ zu tun hat: der typische Barbar ist eben kein glattrasierter Soldat wie Julius Caesar oder Alexander von Mazedonien.

      • @Klaus Dieckmann:

        @Eiche: Ironie sollte man auch verstehen.

        Nicht so einfach, wenn sie sooo subtil formuliert ist! Danke für diesen lehrreichen Hinweis!

        (Dazu auch von meiner Seite ein Hinweis: Dies ist ein Test) 🙂

  6. @Klaus Dieckmann:

    Immerhin leitet sich der hebräische Buchstabe „schin“ vom hieroglyphischen „Zahn“ ab. Der Zahn soll also ein besonderer „Segen“ darstellen.

    Klassischer etymologischer Fehlschluss: Sich ableiten von ist nicht gleich Bedeuten.

    (wenn man mal beiseite lässt, dass es sich um die Herleitung eines Schriftzeichens, nicht eines Wortes handelt; wahrscheinlich gehört das streng genommen nicht zur Etymologie, ich bin kein Sprachwissenschaftler. Strukturell ist der Denkfehler aber der gleiche)

  7. Gene Roddenberry war nicht jüdisch, zwei frühe Co-Writer, Bob Justman und Herb Solow, waren es.

    Leonard Nimoy betrat deutschen Boden zumindest bereits in den Achtzigern für Promo-Termine.

    LLAP
    Dr. W

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  10. Über den jüdischen Ursprung des vulkanischen Grußes berichtete cracked vor fast drei Jahren.

    Erwähnt seien aber noch zwei Details zum Film „Star Trek: First Contact“. Hier kommen beim ersten Kontakt drei Außerirdische aus den Fernen des Alls an einen bislang unscheinbaren Ort – so wie die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland. Die Musik ist außerdem sehr getragen, fast feierlich-religiös. Ich muss bei Gelegenheit mal bei der DVD den Audiokommentar durchsuchen; ich meine, die absichtlichen Parallelen hätte hier jemand bestätigt.

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