Sie zitterten nur vor Gott – Die Quäker (Part 1)

Vielen Menschen fällt heute zum Thema Quäker zunächst das freundliche, pausbäckige Gesicht eines Mannes in traditioneller Kleidung ein, das auf den „Quaker Oats – Quäker Haferflocken“ beworben wird.

QuakerOatMeal
Das berühmte Symbol der „Quäker Haferflocken“. Bild: Loadmaster

Dabei handelt es sich bei diesem Bild um gar keinen bestimmten Quäker. Vielmehr hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Geschäftsmann die Idee, seine Haferflocken als „Quäker-Haferflocken“ zu vermarkten, da diese als freundlich, bodenständig und vor allem vertrauenswürdig galten. Ihre Lehre untersagte ihnen dabei auch aufwändige oder gar luxuriöse Kleidung, so dass die Männer der Gemeinschaft schlichte, aber gepflegte schwarze Kleidung mit Hut bevorzugten. 1877 wurden die „Quäker Haferflocken“ als Markenname eingetragen und das bis heute beliebte Logo um 1940 von einem Werbegrafiker gestaltet. Ausdrücklich sollte dabei keine bestimmte Person dargestellt sein, sondern eben die Werte, die mit den Quäkern verbunden wurden – und werden. Wie aber kam es dazu, dass eine christliche Bewegung zu einem beliebten Markenzeichen werden konnte?

Die Quäker entstanden im 17. Jahrhundert als Society of Friends – Gesellschaft der Freunde“ im konfessionell aufgewirbelten Großbritannien im Umfeld all der Schwärmer, Sucher („Seekers“) und freien Christen („Independents“), die sich inmitten der Konflikte zwischen den katholischen und anglikanischen Traditionen fanden. Eine entscheidende Rolle spielte der Schuhmacher George Fox (1621 – 1694). Dieser erlebte als junger, zum religiösen Grübeln neigender Mann, zugleich abgestoßen wie auch verunsichert durch die teilweise dekadenten Verhältnisse in den Staatskirchen und gewalttätigen Kirchenkämpfe, um 1647 eine Vision. In seinem Tagebuch notierte er:

„Nachdem ich jene Offenbarung von dem Herrn erhalten hatte, dass es nicht genügte, in Oxford oder Cambridge erzogen zu sein, um als Mann zum Diener Christi tauglich zu sein, beachtete ich die Prediger weniger und suchte mehr die Dissenters auf. Aber wie ich die Prediger aufgegeben hatte, so verließ ich die Separatisten auch.

Und als all meine Hoffnungen auf sie und alle Menschen dahin waren, so dass ich nicht Sichtbares hatte, das mir helfen konnte, noch sagen konnte, was ich tun sollte da – oh! – da hörte ich eine Stimme, welche sagte: >Es gibt einen, nämlich Christum Jesum, der zu deinem Gemüte sprechen kann<, – und als ich das hörte, hüpfte mein Herz vor Freude.“

 QuakerFox
Porträt von George Fox von 1914. Bild: Library of Congress

Mit dieser Botschaft vom „inneren Licht“, das Jesus in jedem Menschen entzünden konnte, machte sich Fox und eine schnell wachsende Schar von Gleichgesinnten auf den Weg. So standen sie in kirchlichen Gottesdiensten auf und hinterfragten, warum die Menschen prachtvolle Kirchengebäude und durchritualisierte Gottesdienste benötigten – und warum sich die Priester für ihre Dienste bezahlen ließen. Studenten und Dozenten der Theologie hielten sie vor, weltferne Gedankenspiele zu veranstalten, statt in der einfachen Nachfolge Christi füreinander und für die Menschen zu wirken.

Da vor Gott alle Menschen gleich seien, lehnten die „Freunde“ konsequent alle geistlichen und weltlichen Ehrentitel ab und sprachen auch vor Priestern, Regierenden und Adeligen konsequent in der Du-(damals „thou“)-Form, ohne ihren Hut abzunehmen. Eide verweigerten sie, da sie keinen Unterschied zwischen dem alltäglichen und beeideten Wort gelten lassen wollten. Statt formaler Gottesdienste kamen Quäker schweigend zusammen, bis sich Einzelne – unabhängig von Stand, Alter oder gar Geschlecht – vom Heiligen Geist ergriffen und zum Sprechen angestoßen erlebten. Und als ob all dies für ihre Zeit noch nicht schockierend genug gewesen wäre, akzeptierten sie auch die religiöse Berufung von Frauen und schlossen Ehen ohne Priester.

So spielte vor allem Margaret Fell (1614 – 1702), die Frau eines einflussreichen Richters und nach dessen Tod die Ehefrau von Fox, eine bedeutende Rolle als Förderin, Beschützerin und Verkünderin des neuen Glaubens. Eine andere frühe Quäkerin, Mary Fisher (1623 – 1698), reiste verkündend bis in die Karibik und die USA und schließlich auch zum osmanischen Sultan Mehmed IV., den sie zu konvertieren versuchte. Der Sultan gab ihr beeindruckt freies Geleit – und auch Fisher war umgekehrt bewegt vom damals sehr toleranten Monotheismus (Eingottglauben) der Muslime.

Und Schutz hatte die Gemeinde bitter nötig: Obgleich strikt gewaltlos und gesetzestreu (solange die Gesetze nicht ihren religiösen Lehren widersprachen), wurden die „Freunde“ umgehend verdächtigt, durch ihre Lehren und ihr Verhalten die ohnehin wankende, religiöse und staatliche Ordnung des Königreiches zu gefährden. Als der Quäker James Naylor (1616 – 1660) zu Pferde in Bristol einzog und von einigen ekstatischen Anhängerinnen als „König von Israel“ ausgerufen wurde, galt dies auch vielen, die bis dahin sympathisiert hatten, als Aufruhr und Gotteslästerung.

So erfolgten landesweit immer wieder Verhaftungen, Folterungen und auch Hinrichtungen – um 1662 wurde sogar von König und Parlament ein spezielles Quäker-Verbot erlassen. Bis zu 20.000 Quäker wurden insgesamt verhaftet, bis zu 400 verloren ihr Leben.

Während dieser Verfolgungen sollen die „Freunde“ auch zu ihrem Namen gekommen sein: Nach den Erinnerungen von Fox benutzte Richter Bennett in Derby in öffentlicher Verhandlung die Bezeichung „Quaker“ (deutsch: Zitterer) als Spottname, nachdem Fox erklärt hatte, dass alle Menschen vor Gott erzittern sollten. Die Bezeichnung blieb haften und wurde später auch von den „Freunden“ selbst als öffentlicher Name akzeptiert. (Eine spätere These, nach dem der Name „Quäker“ vom ergriffenen Zittern während ihrer Gottesdienste abgeleitet worden war, gilt heute als widerlegt.)

Doch obwohl – und weil – die Verfolgungen vielen Quäkern Freiheit, Güter und oft auch Leben kosteten, war das Wachstum der Bewegung nicht aufzuhalten. Als die Toleranzakte von 1689 die Religions- und Gewissensfreiheit auch der Quäker endlich akzeptierte, rechneten sich mehr als 60.000 Erwachsene zu den englischen „Freunden“, von denen einige bereits verkündend in alle Weltregionen aufgebrochen waren.

Interessanterweise aber setzte nach dem Beenden der Verfolgungen auch bald der Niedergang der englischen „Freunde“ ein – um 1750 zählten sie gerade noch 17.000 Köpfe! Dies hatte im Wesentlichen zwei Gründe: Obwohl sich ihnen 1666 mit Robert Barclay (1648 – 1690) ein bedeutender Schriftsteller und Theologe anschloss, fehlten verbindende Lehren und Formen, die die Bewegung nach dem Tod der Gründergeneration und dem Wegfall des Verfolgungsdruckes zusammenhalten konnte. Wo jede und jeder dem eigenen „inneren Licht“ folgte, drohte oft auch ein Ausfransen und Zerfallen der Gemeinschaften. Und in den USA hatte sich, zweitens, mit Pennsylvania ein „Quäkerstaat“ gegründet, in den viele der engagiertesten „Freunde“ auswanderten.

Dieser Blogpost enthält einen Textauszug aus dem sciebook „Baptisten, Quäker, Unitarier“, erhältlich als eBook und Taschenbuch

BaptistenQuakerUnitariersciebook
Credit: sciebooks Verlag

* Hinweis: Liebe Leserinnen und Leser, gerne stelle ich auf dem Blog immer mal wieder Textauszüge aus meinen Büchern vor, um zu infomieren, zu werben und zu erfahren, was Sie interessiert. Bitte zögern Sie daher nicht, hier auch zu kommentieren, von welchem Buch oder über welches Thema Sie mehr lesen wollen. Blogs ermöglichen ganz neue Formen des Leser-Autor-Dialoges, die ich gerne mit Ihnen entdecke.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den Einblick, Michael.

    Der Artikel inspiriert mich zur Frage, ob dahinter nicht ein Muster (neu-)religiöser (Erfahrungs-)Bewegungen schlechthin steckt? Sie entstehen an den Rändern traditierter Religionsformen, wenn diese zu wenig Bewegungsspielräume und Differenzierungsmöglichkeiten bieten. Sie stellen quasie eine protestierende Gegenbewegung dar, bereit auch Nachteile (Verfolgung) in Kauf zu nehmen. Was sie als „neu“ erfahren, (z.B. „innere Licht“) ist ja nicht grundsätzlich „neu“, sondern allenfalls weisen sie auf eine Vernachlässigung wichtiger (mystisch-)intuitiver Erkenntnisse als „dritten Weg“ hin. Einseitige pharisäisch-bewahrenden ritualisierter Frömmigkeitspraktiken, und einseitig die Ratio betonende Frömmigkeitsstrukturen werden dadurch herausgefordert sich zu verändern.

    Mystische Gegenbewegungen vereinfachen und simplifizieren den Glauben, zugleich verallgemeinern sie die unmittelbare emotionale Zugänglichkeit zu Gott über subjektive Erfahrungen unabhängig vom (ritualisiertem) Verhalten und (rationalem) Denken.

    Wodurch werden „Erweckungsbewegung“ getragen? Solange die reflektierende Kommunikation über die Gemeinsamkeit innerer intuitiv-emotionalen Erfahrungen erfolgt. Sobald diese „normal“ und „objektiviert“ werden, werden diese Bewegungen von den Formalisten „aufgesogen“, bestenfalls integriert – und bringen (für eine gewisse Zeit) einen „Wind des Wandels“.

    Meine Thesen:
    Unmittelbar-mystische Erfahrungen nähren sich vom Formlosen. Sie entziehen sich somit formeller „Strukturgebung“ und standardisierter „Vereinheitlichung“ und Objektivierung.
    Intuitiv-emotionale mystische Bewegungen kritisieren immer den Status Quo als „äußere Hülle“. Sie sind wichtige Impulsgeber zur Schaffung neue Lösungsräume. Verfolgung heizt diese Bewegungen an. Akzeptanz und Integration bringt Bewegungen (als Randgruppenbewegung) zum Erliegen. Was nicht heißen muss, dass sie aufhören zu existieren. Vielmehr geht von ihnen eine Strukturveränderung für etablierte Frömmigkeitsformen aus. Das Ziel: Veränderung etablierter Frömmigkeitsformen ist erreicht.

    Folge der Bewegung… erkenne ein Muster… formuliere Hypothesen… dadurch werden Lösungsräume geschaffen. Der Raum selbst ist nicht die Lösung aber er ermöglicht von guten Lösungen. Von diesen „Randgruppenbewegungen“ geht somit die Erweiterung des Lösungsraumes auch für Religionen aus. Sie entstehen immer dann und dort, wo die Entwicklungsmöglichkeiten an Ressourcengrenzen stoßen.

    Was meinst Du dazu?

    • Lieber Ingo,

      Deine Überlegungen dazu halte ich für sehr gut!

      Für die Religionswissenschaft prägte Max Weber für den von Dir richtig beobachtenen Prozess den Gegensatz von „Charisma“ und „Institution“. Demnach muss jede – noch so charismatische – Bewegung früher oder später institutionalisieren, oder sie geht zugrunde. Dies trifft natürlich besonders auf Religionsgemeinschaften zu, betrifft derzeit aber auch z.B. die Piratenpartei.
      http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-02/Piratenpartei-Dresden-Streit

      Persönlich würde ich noch die Bedeutung der Rahmenbedingungen ergänzen: In Not- und Bedrängungszeiten von Verfolgung, Krieg, Naturkatastrophen, Epidemien etc. flammen auch religiöse Bedürfnisse und Charismen auf – in wohlhabenden und sicheren Lebenswelten tendiert das Feuer zum Abglimmen.
      http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/BGAEUReligionGlueckBlume.pdf

      Doch im Grundsatz stimme ich Dir zu und danke herzlich für den konstruktiven Kommentar!

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