Ringen wir noch um Wahrheit? Evolution-Religion-Kreationismus-Debatten in postfaktischen Zeiten

Neulich vertrat ich auf einer christlich-islamisch-religionswissenschaftlichen Akademietagung in Münster eine – zugegeben – erst einmal steile These: Nämlich jene, dass auch die jahrzehntealten Debatten zwischen evolutionären Antitheisten einerseits und kreationistischen Religiösen andererseits an ihr ziemlich klägliches Ende gekommen seien. Dies nicht, weil eine Seite gewonnen hätte – sondern schlichtweg, weil sich gerade auch durch das Internet die Menschen in ihre jeweiligen Filterblasen und Echokammern zurückzögen und vor allem gegenseitig bestätigen. Mancher glaubt so, manche meint so – das Postfaktische weise so den Weg in ein Nebeneinander kaum noch diskutierter und miteinander diskursfähiger „alternativer Wahrheiten“. Auch Wissenschaft gelte nicht mehr per se als vertrauenswürdig. Der auch digital befeuerte Vormarsch des Relativismus habe die langen Debatten entschärft – was man gut finden, aber eben auch bedauern könne…

Alles irgendwie das Gleiche? „Die Versuchung Jesu“, Gemälde von 1854

Hier der ganze Vortrag, kongenial aufgenommen von Dr. Heinz-Hermann Peitz, gerne zur Diskussion.

Und falls jemand neu im Thema sein sollte, hier gerne die G&G-Titelgeschichte „Homo religiosus“ zum kostenfreien Download oder auch ein Beitrag zur Evolution der Religion in Quarks & Co:

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

42 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Evolution dynamischer Systeme, unter die auch Glaubengemeinschaften fallen, weisen in ihrem Wachstum und ihrer Verbreitung eindeutig fraktale Strukturen auf. Jede Religion verästelt und teilt sich in nicht vorhersagbaren Richtungen, sobald deren Gründer das zeitliche gesegnet hat. Dieser natürliche evolutionäre Prozess setzt sich bis zum heutigen Tage fort und wird durch unsere Technik in einem Maße beschleunigt bei dem nicht nur die meisten Menschen gnadenlos überfordert sind, sondern auch unser Bildungswesen nicht mitkommt. Elizabeth Marshall Thomas hat in ihrem Buch Reindeer Moon versucht, sich der Glaubenswelt unserer Vorfahren zu nähern und ich bin überzeugt das die Religion ein Mittel war sich die Ereignisse der Natur verstandesmäßig zu erklären und Rituale und religiöse Handlungen sich nur darum entwickelt haben, um positiv auf natürliche Ereignisse, Einfluß zu üben. Durch Naturkatastrophen (Vulkan, Meteore, Dürren etc. ) wurde der Glaube in ihrer Vorstellungswelt derart erschüttert, das man sich dann eine neue Weltsicht anfertigte (z,B, Göbekli Tepe wurde nicht zerstört sondern begraben , die Radikalisierung der Kulthandlungen der Kelten könnte mit einem Impakt wie kürzlich in Russland erklärt werden, etc.) Das was wir jetzt erleben ist Evolution und ich bin aufgeregt und gespannt welche skurilen Entwicklungen wir hautnah erleben dürfen und welche Strategien man entwickelt und anwendet um die Menschen vor selbstzerstörerischen Tendenzen zu bewahren. Das Experiment an einer amerikanischen Schule, welches auch verfilmt wurde zeigte auf, das auch Bildung und Wissen über historische Vorgänge, die Menschen nicht davor bewahrt den überwunden geglaubten Mechanisemen der Manipulation, zu widerstehen. Es sind die interlektuellen Eliten gefordert Zeige mir dein Volk und ich sage dir was ihm gelehrt wird.Konfuzius.

  2. Kunzer Christian,
    ……Religion als evolutionäre Erscheinung.
    Das impliziert doch, dass die göttlichen Offenbarungen menschliche Konstrukte sind.
    Die Interpretation der Bibel ist sicher mit der kulturellen Entwicklung gekoppelt. Die Tatsache, dass Jesus gelebt hat und dass er Gottes Sohn ist, ist keine evolutionäre Erscheinung.
    Das sollte man doch etwas differenzierter betrachten.

    • @Robert

      Warum sollte „Religion als evolutionäre Erscheinung“ denn implizieren, dass „die göttlichen Offenbarungen menschliche Konstrukte sind“?

      Auch die Fähigkeiten der Mustererkennung sind evolutionär entstanden und Mathematik zudem klar kulturell geprägt. Dennoch würde kaum ein wissenschaftlicher Kopf die Entdeckungen der Mathematik als Nur-„Konstrukte“ abtun.

      Offenbarungsereignisse lassen sich durch die Evolutionsforschung ebenfalls nicht widerlegen – wir können allenfalls besser verstehen, wie und warum entsprechende Ereignisse aufgefasst und weitergegeben werden. Evolutionäre Theisten wie Teilhard de Chardin betrachteten sogar die gesamte Evolutions- als Offenbarungsgeschichte…

    • …zumal dann, wenn begriffen ist, dass wir in einer Raumzeit leben, ein Schöpfer also nicht nicht nur in, sondern über der Zeit stünde…

      Das Universum und seine Erforschung – es gibt ganz und gar keinen Grund, warum sich Gläubige davor fürchten müssten; im Gegenteil! 🙂

      Ihnen, @Robert, einen guten Start in die Woche!

      • (Raumzeit ist ein Konstruktion. Raum hat 3 geometrische Maße, diese sind miteinander verwandt: Länge, Breite, Höhe. Materie/Energie hat eine Zeitdimension: die Dauer.
        Die Dauer ist etwas völlig anderes als eine geometrische Länge, Breite und Höhe.
        Wenn Sie nun ein geometrisches Maß aus der Raumdefinition entfernen und durch die Zeitdimension ersetzen, entsteht Raumzeit. In einer Raumzeit kann man also nicht leben, und seine Krümmungen verdanken wir dem Lauf der materiellen Bahnen, die von Gravitation beeinflusst sind. Wenn Sie einen Denkfehler stabil definieren und in die ordentlichen Systeme übertragen, bleiben die ordentlichen System in einer unterhaltsamen Weise ordentlich) 🙂

        • @Werner Hellwich

          Fakt (!) ist, dass wir nicht entweder in Raum „oder“ Zeit leben können, sondern eben in der miteinander verbundenen Raumzeit. Ein Denkfehler des Deismus (der sich Gott nur in bzw. nur am Anfang der Zeit denkt) wird damit augenfällig: Wenn ein Schöpfer den Raum erschaffen habe, so müsste er – nach Kenntnisstand der Physik – auch die Zeit erschaffen haben.

          Das war hier – bei einer Veranstaltung islamischer Theologinnen und Theologen (!) – auch schon mal ausführlicher Thema:
          http://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit-evolution-und-glauben-im-zentrum-f-r-islamische-theologie-zit-m-nster-vortragsskript/

          • @Michael Blume: Zur Raumzeit tendiere ich als Physiker stark dazu, Ihnen zuzustimmen. Es gibt einige Hinweise darauf (Einstein und damit verknüpft die moderne Kosmologien und Teilchenphysik), dass beides untrennbar verbunden ist.

            Noch eine These zum Blog-Thema: Ich frage mich, war es denn wirklich früher soviel anders? Oder lebte die Mehrheit nicht immer schon in Filterblasen und nur Minderheiten diskutierten halbwegs konstruktiv – so wie heute eben auch. Unbestritten, dass ich weniger „Blase“ generell befürworten würde.

          • Vielen Dank, @Wizzy! Und, ja, wie auch im Vortrag z.B. mit Verweis auf den Buchdruck geschildert, gehe ich nicht davon aus, dass das Medienverhalten grundsätzlich neu ist (so gab es auch früher schon z.B. konfessionell und weltanschaulich orientierte Medienblasen), sondern „nur“, dass es sich durch die digitalen Medien noch einmal beschleunigt und emotionalisierend verstärkt. Möglicherweise ist das auch nur ein Übergangsphänomen – ebenso könnte es sich aber verfestigen oder gar zum Beispiel durch Virtual Reality weiter zuspitzen. Wissenschaft hat nun einmal immer nur empirische (also: vergangene) Daten, als Propheten taugen wir eher nicht… 😉

          • Fakt ist, das Sie und ich Materie/Energie sind, also Zeit. Und des ist eine Tatsache, dass es dem Raum egal, wo wir uns in ihm bewegen. Selbst einem Volumen, einem Bruchstück von Raum, ist völlig gleichgültig, ob Sie sich gerade in Ihrem Wohnzimmer aufhalten, oder in Ihrer Küche.
            Das können Sie nur umstoßen, wenn Sie sich selber für eine Dimension halten. Dazu müssen Sie sich mit dem Raum und Weg, den Sie in Ihrem Leben brauchen und zurücklegen, identifizieren,….also Denken, dass sie der Raum sind, den sie brauchen.
            Das fällt uns zu, denn Materie/Energie braucht den Raum. Das funktioniert weil Raum seinem grundsätzlichen Wesen nach eigenschaftslos und wehrlos ist. Er ist nichts und doch da.
            Theologische Fragestellungen hinsichtlich des Anfangs haben die Islamtheologen, denn für Christen kam Gott als Mensch, der Gott der Heiden aber nahm sich ein Auge heraus (Wir werden niemals alles sehen können). Das ist der Allmachtverzicht, um den Menschen verständlich zu sein. Und andere Fragestellungen sind interessant, aber in Wirklichkeit völlig unerheblich. Doch die Anspruchsvollsten unter uns sind der Meinung, dass Gott in einer Ewigkeit kein eigenes Ende und eigenen Anfang haben darf, ja, Sie fühlen sich sogar im Stande, diese Allmacht zu einem Leitkriterium zu erheben.

        • Hoimar von Ditfurth hat in einem seiner Bücher einen Gedanken zu Papier gebracht, der von dem Molekularbiologen Rupert Sheldrake in seinem Buch “ das Gedächtnis der Natur“ konkretisiert , welcher versucht die beobachteten und dokumentierten parallele Entwicklungen von Verhaltensweisen und Erkenntnissen, die räumlich getrennt und scheinbar gleichzeitig stattfinden, zu beschreiben indem er die morphogenetischen Felder einführte., welche lt. ihm die Erfahrungen speichern und andere ,die sich mit selbigen beschäftigen, auf diese Felder, jenseits von Raum und Zeit, unterbewußt zugreifen und somit diese Felder verstärken Die Quantenphysik hat die Verschränkung von Teilchen bewiesen und versucht das beobachtete seltsame Verhalten dieser beim Doppelspaltversuch zu erklären. Erst der Bericht der Wiener Uni, das das seltsame Verhalten beim Doppelspalt-Experiment auch an Fullerenen (Materie) im Vakuum nachwies (http://www.mikomma.de/optik/doppel/hirlinger.htm) , sowie der Artikel im Spektrum der über die These der Quantenverschränkten schwarzen Löcher in Verbindung mit der Theorie des lebenden Universums, läßt in mir den Vedacht aufkommen, das es sich bei den sog. morphogenetischen Feldern in Wirklichkeit um eine Art der Verschränkung handelt. Diese Indizien umgelegt auf die Religion ließen die sog. göttliche Offenbarung und die Vorstellung eines Gottes, sowie die konvergente biokulturelle Evolution, in neuem Lichte erscheinen.Die Forschung diesbezüglich, hat erst begonnen. Ich hege den begründeten Verdacht, das die Erkenntnisse hieraus, in den nächsten Jahrzenten, nicht nur beobachtete parapsychologisch Vorgänge , wie von Prof Hans Bender von der Uni-Freiburg dokumentiert und untersucht , auf rationelle Weise zu erklären, sondern auch unsere Vorstellung von Gott oder dem göttlichen Prinzip, in einer Weise revolutionieren, welches sich im Moment unserer Vorstellungskraft entzieht. Ist es abwegig zu denken das wir mit dem sog. göttlichen unbewußt verschränkt sind ?

  3. Betreff: Ihre Kritik und Auslegung des Begriff: „Wissensmanufaktur“ (Min 32:15ff)
    Die Mitglieder der „Wissensmanufaktur“ verstehen ihren Namen als: Wir machen Wissen

    • So ist es, @Werner Hellwich – und es gehört zu den bemerkenswerten Beobachtungen, dass im Begriff „Wissensmanufaktur“ die Begriffe des #Faktischen, #Postfaktischen und der „Alternativen Fakten“ bereits vorweggenommen sind! Ich komme darauf bestimmt noch verschiedentlich zurück! 🙂

      • Lieber Herr Blume,
        das macht Ihre Arbeit nicht besser, wenn im Nebenbei Engagemant, wo sich Professoren und Doktoren die Türklinke in die Hand geben, harabsetzen. Die Problemlagen, die in: Wissenschaftsmanufaktur bedacht werden, haben Sie im eigenen Fach erlebt und hier vorgetragen in der Min.: 2:42ff „Selbst noch mein Doktorvater…..hatte die Wahrnung parat: >Wer mit den Biologen spielt, kriegt keinen Lehrstuhl<"
        Ein liebenswertes Eigentor, und es macht Freude, hier mitzudenken.

        • Lieber @Werner,

          wieso Eigentor? Meine Doktorarbeit „habe“ ich geschrieben, ebenso wie später „Gott, Gene und Gehirn“ mit einem Biologen. 🙂

          Aus der „Wissensmanufaktur“ wurde ich dagegen ausgeschlossen, da ich „zu kritisch“ nachgefragt habe.

          Das ist eben der große Unterschied zwischen Wissenschaft und Verschwörungsglauben: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler suchen tatsächlich nach Erkenntnis, wogegen sich Verschwörungsgläubige nur noch gegenseitig in ihrer Abneigung gegen die vermeintlichen Superverschwörer bestätigen wollen. Den Stil der „Wissensmanufaktur“ kann sich ja jede/r anschauen…

          Mit freundlichen Grüßen, Michael Blume

          • Theater mit der Wissensmanufaktur?, dann können Sie so vorgehen.
            (Aber das Eigentor der deutschen Wissenschaftslandschaft,…die Eigentore sind bekannt, nicht wahr?
            Vielleicht nehmen wir sie nicht immer wahr, weil wir uns daran gewöhnt haben.
            Wenn ein Professor sagen muß : „Mach das lieber etwas anders, mit dem Thema kannst Du so keine Karriere machen…..“
            Wenn Sie dann nicht auf Ihren Professor höhren, können Sie Spitzenleistungen erbringen und zugleich Dissident werden. 🙂
            Da geht es um Dogmen, Macht und plutokratische Strukturen im Wissenschaftsbetrieb, Politik und Wirtschaft.)

          • Ja, @Werner Hellwich – selbstverständlich ist bekannt, dass nicht nur im deutschen, sondern in jedem Wissenschaftsbereich auch „Eigentore“ vorkommen. Kein menschliches System ist jemals perfekt, keine Demokratie, kein Medium, keine Partei, keine Kirche, keine Facebook-Gruppe, kein Unternehmen, keine Familie, keine Wissenschaftsorganisation… Und selbstverständlich geht es immer wieder auch um alte und neue „Dogmen, Macht und plutokratische Strukturen“ – schauen Sie sich beispielsweise einmal an, wie schnell auch Neugründungen wie die Piratenpartei und die AfD in der komplexen Realität angekommen sind:
            http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.streit-im-landtag-antisemitismus-debatte-holt-afd-fraktion-ein.baecb4b4-2330-4cfa-b23b-1a3e06611bf5.html

            Die liberale Demokratie samt der (grundgesetzlich verbrieften, aber natürlich ihrerseits nicht schrankenlosen) Freiheit von Forschung und Lehre sind also gerade keine Utopie, sondern erkennen die immer begrenzte Natur des Menschen an und erlauben damit die ständige Arbeit, Kritik und Verbesserung, die Annäherung an die eigentlichen Ideale. Genau deshalb benenne ich auch hier auf dem Blog, in meinen Artikeln und Büchern offen Schwierigkeiten und Hindernisse (wie es auch mein Doktorvater getan hat) – um für Verbesserungen einzustehen. Zum „Dissidenten“ macht mich das überhaupt nicht, denn die wenigsten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler würden leugnen, dass es solche Schwierigkeiten gibt und immer gab. Wir sind vielmehr davon überzeugt, dass es immer auch noch besser ginge und viele von uns treten daher zum Beispiel für mehr Interdisziplinarität und Transparenz ein.

            Verschwörungsgläubige meinen dagegen, durch eine Aufdeckung und Zerschlagung einer vermeintlichen Superverschwörung und „der Eliten“ paradiesische Zustände schaffen zu können. Dies scheitert jedoch daran, dass es 1. diese globale Superverschwörung nicht gibt und 2. noch jede Ideologie und jedes autoritäre Regime, die den Himmel auf Erden versprachen, stets immer nur die Hölle bringen konnten. So halten aktuell türkische Stellen wieder die ganze Evolutionstheorie für verschwörerisch – und schaden damit dem Wissensstandort Türkei auf Jahre und Jahrzehnte…
            https://kurier.at/politik/ausland/tuerkei-streicht-darwins-evolutionstheorie-aus-schulbuechern/242.734.916

            Ebenso lehnen Trump & Co. die gesamte Klimaforschung als vermeintlich chinesische Verschwörung ab.

            Aber ein Blog kann ja auch ein Dialogmedium sein. Mögen Sie uns ggf. schildern, wie Sie zu der Auffassung gekommen sind, auch die deutschen Wissenschaften wären durch Verschwörungen bestimmt?

          • Ja, da kann ich schon Gedanken einbringen. Doch ich habe den Begriff: „Verschwörungstheorie“ nicht in abwertenden Gebrauch. (Ein Verschwörung ist ein Verschwörung und eine Theorie ist eine Theorie. Rechtsbruch und Verfassungsbruch ist justiziabel – damit komme ich aus)
            Wir studieren in Deutschland evangelische Theologie als Wissenschaft, jung und unerfahren, kommt während der wissenschaftlichen Arbeit unser Familienglaube auf den Prüfstand. Nach dem Studium aber wartet ->der Eid auf die Bekenntnisse der Amtskirche<-.
            Man kann also im Besonderen mit Fleiß und Erkenntnissen einen Schatten auf seine berufliche Bahn werfen.
            Und das wirft auch einen Schatten auf die Wissenschaft selbst, denn die dogmatischen Institutionen fördern das wissenschaftliche Streben besonders dann, wenn die Ergebnisse zum Bekenntnis passen, und besorgen möglicherweise enorme Asymmetrien im allgemeinen Wissen des Fachs.
            In der Theologie sind wir daran gewöhnt und kaum einer sieht das Problem.

            Was Ihr Lob auf die "liberalen Demokratien" betrifft, da bin ich strenger wie Sie. "Rechtsstaatlichkeit ist Millimeterarbeit"
            Das Wichtige ist, dass man die Fehler sieht und nicht das Denken damit alleine läßt. Hat man Humor kann das sogar sehr unterhaltsam sein. 🙂
            Viele Grüße
            Ihr Werner Hellwich

          • Danke, lieber @Werner Hellwich, für den Einblick in Ihren Werdegang. Manches versteht sich dann einfach besser.

            Ja, Theologien und Philosophien stehen natürlich in besonderer Weise „zwischen“ der Produktion von Theorien und Mythen – und im Falle der Theologien kommt dann noch ein bestimmter, konfessionell geprägter Anspruch und Arbeitgeber hinzu. Persönlich hatte ich mich auch deswegen für ein Studium der Religionswissenschaft entschieden. Wenn ich heute also einerseits die Zustimmung zur Evolutionstheorie (!) und andererseits zum Apostolischen Glaubensbekenntnis (!) bekunde, dann ist mir doch klar, dass das Erstere eine wissenschaftliche Theorie ist (die ich aufgrund der empirischen Befunde für sehr stark, aber immer auch für überprüf- und hinterfragbar halte) und das Zweitere eine religiöse Aussage (deren mythologische Glaubensaussagen nicht auf wissenschaftlichen Theorien, sondern auf existentiellen Erfahrungen beruht).

            Tja, und was die „liberalen Demokratien“ angeht bin auch ich durchaus streng, nicht zuletzt zu mir selbst. Allerdings sehe ich weit und breit kein politisches System, das auch nur annähernd so überzeugend Rechts- und Sozialstaatlichkeit mit Freiheit und Mitbestimmung verbinden könnte. Fehlerhaft? Ja, immer! Aber gerade auch meine Familie und insbesondere mein Vater haben genug unter totalitären Utopien (wörtlich: Nicht-Orten) des real existierenden DDR-Sozialismus gelitten, so dass ich unsere Demokratie gerne immer wieder weiterentwickeln, aber nicht mehr aufgeben möchte.
            http://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meinem-vater-falko-blume-1950-2012/

            Ihnen von Herzen alles Gute, vielleicht kreuzen sich die Wege ja auch einmal im echten Leben!

            Ihr Michael Blume

          • ja Herr Blume, aber verstehen Sie im ersten kritsichen Punkt genau: Sie haben zB als Theologe und Student in Deutschland nicht mehr die vollständige Möglichkeit, Ihre wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse im Lehrbetrieb mitzuteilen. Problematisch ist, wenn sie etwas entdeckt haben, das im Widerspruch zur kirchlichen Lehrmeinung steht,….schon dann bekommen Professoren Angst um Sie und Ihre Zukunft!. Und Sie nehmen sich zurück, allein schon aus Rücksichtnahme des Berufswunsch Ihrer Kommilitonen.
            Das wirkt sich aus auf die freie Lehre der Professoren (Vgl GG, Freiheit der Lehre)

            Und hier heute im Blog widerlegen wir dazu, die Idee und Beziehung: Verschwörungen und Pyramidenform, 🙂
            denn in Münster sitzen die Religionswissenschaftler (die Pyramide!, verkleinert) das Hauptfach, versteckt gleichsam in einer Bretterbude hinter den Germanisten, und draussen aber gebärden sich die Nebenfächer evang.Theologie, kath. Theologie und Islamwissenschaften großartig und imaginär als moderne Drachenhöhlen.

            Welchen Grund mag das haben, dass Sie mythologischen Ausssagen und Bildern, die auf existenziellen Erfahrungen beruhen, nicht empirisch beikommen wollen. 🙂

            (Für Sie persönlich, öffentlich, nur wenn es Ihnen gut passt)
            Viele Grüße, macht Freude hier
            Ihr Werner Hellwich

          • @Werner Hellwich

            Nun, eine Verschwörung kann ich in der bedauerlich kleineren Ausstattung meines Faches nicht erkennen – denn tatsächlich gibt es für Religionswissenschaftler/innen gar keinen festen Arbeitgeber! Im Durchschnitt befinden wir uns nach dem Studium da, wo ein Theologe steht, der das kirchliche Bekenntnis verweigert… 😉 (Entsprechend seltener wird Religionswissenschaft im Hauptfach studiert, obgleich es ein geniales Fach ist.)

            Und klar bin ich dafür, auch existentiellen Erfahrungen so weit wie möglich auch empirisch zu erforschen – genau deswegen hatte ich ja auch über Religion & Hirnforschung promoviert!

            Nur sind mir eben auch die Grenzen des empirischen Zugangs vor Augen: Schon „einfache“, mythologische Aussagen wie „Jeder Mensch hat Rechte.“ oder „Gott ist Liebe.“ lassen sich bejahen oder nicht – aber eben nicht empirisch entscheiden…

          • Nun, wenn Sie wollen, dass das Weltrechtsprinzip (der Mensch hat das Recht) neuzeitliche Mythologie ist, das kann ich annnehmen, Aber dann haben wir eben in der Philosophie die Grundlage für das Prinzip und seinen empirischen Ausbau. Wir beginnen also damit, das wir „Recht“ doppelt aus der Nichts greifen, und aneinander spiegeln: Recht auf Recht. Wir haben ein Recht auf Recht. Wir haben damit das Recht, die gesellschaftliche Ordnung, in der wir leben, zu kennen, und wir haben das Recht, dass wir uns darauf verlassen können. Wenn Recht aber verletzt, dann ist es Unrecht….. Und so arbeiten wir uns Gedankenfolgerichtig weiter….. Auf uns warten Weltrechtsprinzipien und Kantianismen, Staatsrechtslehre, …Ordnung ….. Es ist also dann, wie in den Mythologien der Vorgeschichte und mündlichen Tradition (Naturreligon), man kann der Mythologie empirisch beikommen?

            Und auch in die alten Mythen kann man empirischen Moment vermuten. Es ist uns nur kaum mehr bekannt, fast in das Vergessen gefallen. Aber eben, was vorzeitliche religiöse Mythen so an sich haben: Vielleicht verlieren wir in der Epoche der Entmündigung von freier Religion, die Bedeutungen,….aber die alten Mythen haben auch ohne die Kenntnisse ihrer Bedeutung die Zeiten der Diktate und Dogmen überdauert!. ,möglich, weil sie eben Produkte der mündlichen Tadition, die Bau- und Bedienungsanleitungen im Gedächtnis des Einzelnen aufgehoben waren und dafür besonders geeignete Erinnerbarkeiten in sich tragen. Darum können wir heute erinnen und fragen: „Warum mußte Rumpelstielzchen sterben, wann und warum spricht der Apfelbaum und warum wachsen bei einem Drachen die Köpfe nach?“

            Wenn Sie aber etwas aus der Luft greifen, sei es nun das Recht, oder die 1, die 2 und die 3…, so können Sie damit nur Erfolg haben, wenn es zur Natur und Aufbau des Universum passt:
            Hier zB begegnet Ton dem Ton (Ton auf Ton) -> https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Clay?uselang=de#/media/File:Alginit.JPG
            Ergebnis: Das Blatt
            wenn Sie das nun empirisch weitertreiben, dann finden Sie sich heute irgendwo in einem Gebäude von zB.: Airbus Industries.

            Entscheident ist dabei das folgerichtige Denken. Dieses wird zumindest im Handwerk überprüft durch das Werkergebnis: zB. der Klang des Tasse (Porzellan)

            In der Philosphie denken wir ohne diese Werkergebniskontrollen, balancieren ohne Netz, und „Ringen wir noch um Wahrheit?“ ist problematisch,
            denn Ringen ist Wahrheit.

            (Grüße aus der ehemaligen DDR) 🙂
            Ihr Werner Hellwich

          • Ja, @Werner Hellwich – das sind Fragen, die auch mich bewegen. Auch ich glaube, dass wir der (unterschiedlich starken) Bewährung von Konstrukten und Mythen im Leben ein „empirisches Element“ zusprechen könnten (vgl. die Mathematik).

            Aber einfach wird das nicht, immerhin bewähren sich sehr unterschiedliche Mythensysteme (z.B. Mormonen und Haredim, um nur zwei sehr unterschiedliche zu nennen). Und könnten sich z.B. die Amish erhalten, wenn sie nicht von weniger kinderreichen, dafür aber rechtsstaatlich orientierten Milieus umgeben wären?

            Aus meiner Sicht ergeben sich also aus gefundenen Antworten wieder neue Fragen – das ist der Gang der Wissenschaft(en). Danke für Ihr konstruktives Interesse, so macht das Bloggen Freude! 🙂

          • „Nun, eine Verschwörung kann ich in der bedauerlich kleineren Ausstattung meines Faches nicht erkennen“

            Nun haben Sie nicht erkannt, dass es sich beim assymetrischen Bau der Wissenschaft von Religion um eine Verschwörung handeln könnte, ..und obschon der bedauerlichen Ausstattung Ihres Fachs. Sie sind erfolgreich und haben spannende Entdeckungen gemacht, und haben einen guten Lauf. Warum soll man das stören?
            Der feste Arbeitgeber der allgemeinen Wissenschaften ist in Deutschland der Souverän,…vertreten durch das Parlament und Ministerium.

            Weil nun das Ringen (um die Wahrheit) ein Fragment ist von Wahrheit, kann es Wahrheit natürlich nicht umfassend erkennen, sondern bestenfalls ebenfalls fragmentiert.
            Und in der Suche nach Wahrheit mag Wahrheit Wahrheit begegnen als Sprung von einer Realität in die andere: Suchen – Finden . Auch das beleuchtet nur einen Aspekt.

            Sie und ich sind nicht das Opfer einer Verschwörung und assymetrischem und Wissenschaftsstreben ablenkende Konstruktion des Betriebs. So studierte ich auf Wunsch meiner Eltern gerne, – eben auch die Assymetrie des Fachs und Ursache,… und als meine Studienfreunde/innen die kirchliche Abschlußprüfung machten, fanden wir anderen einen kleinen LKW oder einen Citroen für die Band.
            Auf uns wartete die „freie Wildbahn“

            So bin auch ich kein Dissident geworden, ebenfalls kein Aussteiger, sonder eben garnicht eingestiegen, und kann hier dazu schreiben, weil ich mich auf Sie einstelle und gerne zum Thema beizutrage.

            Als ich jung war, machten die 68ger etwas Aufruhr, nicht wahr?, dann kamen schon die Blumenkinder (meine Generation). Nach uns kamen die ersten Jahrgänge der Kinder, deren Väter keine Weltkriegs-Soldaten waren…..
            Nun sind es heute die jungen Wilden, die überall Verschwörungen wittern, und sie sind allemal fleißig und kreativ.

            Klar hat man Mitgefühl für Dissidenten: Wenn einem Professor zB „struktureller Antisemitismus“ vorgeworfen wird, nun traut sich der DGB nicht mehr, ihn einzuladen.

            Wenn Sie also, wie ich hier schreibe, in der „Wissensmanufaktur“ vorlesen wollen, müssen Sie sich auf die Bewegung einstellen und verstehen. Es ist nicht die „Neue Rechte“, sondern ein Bündnis auf Basis gemeinsame Erfahrung des ausgegrenzt Werdens,…da finden sich im Mitgefühl aller politischen Strömungen,….die Liste ist sehr lang.Und natürlich bin ich Liebhaber vieler dieser Größen.

            Auch in Ostdeutschland weht ein interessanter Wind, denn die Bürger hier halten mehr auf die Meinungfreiheit, als auf deren Inhalt. Aus verständlichen Gründen (DDR-Geschichte) und mit vollem Recht. Auch die Dresdener Spaziergänge sind fast in Ordnung. Da sehe ich hauptsächlich einen Fehler, denn wir alle oft machen:
            Wir meinen, wir könnten etwas bewirken, wenn wir unserem Ärger Raum geben und Luft machen.

            Es ist aber nicht der Ärger, der einen Verteidigungsminister mit gefälschter Dr.-Arbeit aus dem Amt treibt. Sein ganzes Ministerium und die intelligenten Familien, die Nachbarn und Freunde, alle sind informiert, gespannt, amüsiert und bestens unterhalten.
            Und wenn die Deckel der Kanalisation zugeschweißt werden müssen, weil der amerikanischer Präsident nach Mecklenburg Vorpommern kommt, oder wenn im Segen der „Schlußakte von Helsinki“ der amtierenden Außenminister und einige Abgeordnete des Bundestags auf einer Demonstration in Kiev gefilmt und via ARD präsentiert sind,
            schadet der Ärger darüber allen.
            Wenn Politiker und Sender nicht mehr alle Latten im Zaun haben, darf man ihnen das nicht verübeln.

            Wenn zu Pfingsten das Betragen der Christen in die Feier und Zungenreden fällt, dann haben auch die Heiden Tränen gelacht.

            https://commons.wikimedia.org/wiki/John_Bauer?uselang=de#/media/File:Svipdag_transformed_-_John_Bauer.jpg

            (Für Sie persönlich, öffentlich, nur wenn es Ihnen gut passt)

            Ihr Werner Hellwich

          • Oh ja, @Werner Hellwich – das psychologische Weiterwirken von Diktaturen ist ein großes Thema. Wir hatten es in Gesamtdeutschland, wo z.B. der Judenhass nicht einfach verschwand, und wir haben es in den post-sozialistischen Dtaaten einschließlich der früheren DDR.

            Gegen die USA, für Russland, ein bisweilen generalisiertes Misstrauen gegen „die da oben“, Skepsis gegenüber Zuwanderern und vor allem Religionen, das Gefühl, hintergangen zu werden, die Sehnsucht nach mehr Anerkennung – ja, ich kann das auch aufgrund meiner eigenen Familiengeschichte durchaus verstehen. Muss es deshalb aber nicht in Allem richtig finden. Und darf hoffen, dass wir Deutschen die freiheitsfeindlichen Prägungen unserer Vergangenheiten zunehmend überwinden und auch innerlich die Diktaturen mehr und mehr abstreifen.

  4. Naja, nach deiner These gewinnen die Evolution sowieso diejenigen welche nicht an sie glauben, weil sie mehr Kinder haben.

    Ich würde jedenfalls wenn es zu einem Battle wie es Richard Dawkins will zwischen Evolution und Religion, auch auf die Religionen setzen.

    • Das würde ich so zugespitzt nicht formulieren, @Zoran: Immerhin sind ja gerade auch die kinderreichen Familien wiederum auf ein wirtschaftlich, rechts- und sozialstaatlich, technologisch und medizinisch funktionierendes Umfeld angewiesen, um sich erhalten zu können. Mir scheint eher, dass es noch mehr gelingende Verbindungen aus Religion & Vernunft geben sollte, damit die Gesellschaft nicht in polarisierte, miteinander dialogunfähige Extreme zerfällt…

  5. @Wizzy
    Kennen Sie die Geschichte des schwer arbeitenden Bauers, der einem Gelehrten der sieben Freien Künste die Verehrung verwehrt? Auch wenn Michael Blume anführt, keine Seite hätte „gewonnen“, so ist das, was Neoatheisten auch im Namen der Wissenschaft verbreiten, deutlich schädlicher für den Ruf der Wissenschaft insgesamt. Insofern kann man in zweierlei Hinsicht von einer Niederlage sprechen, da Wissenschaft und die daraus entstehende Technik von Morgen im Rahmen einer kritischen naturphilosofischen Betrachtung ein „Versagen“ attestiert werden muss [Stefan Bauberger]. Somit scheint dem Platon’schen Weltbild endgültig der Zahn gezogen.

    Eine – wie ich finde, sehr gelungene und plausible – Möglichkeit, Religion und Wissenschaft (inklusive Naturwissenschaft) unter einen Hut zu bringen, folgt aus der Anthropologie [Scott Atran].

    Thomas Bouchard und Laura Koenigs haben mit ihrer Studie sehr überzeugend dargelegt wie wichtig und unvermeidlich Religiosität ist (Michael Blume hat im Video betont, dass deren Erkenntnis sogar noch bedeutsamer sind (vgl. Zeugung von Nachwuchs), der Historiker Winkler zudem einen „normativen“ Weg des Westen verfasst und plausibel die entscheidende Rolle des Monotheismus (Echnaton) dargelegt.

    Ich denke, der von Ihnen erwähnten Mehrheit geht die ganze Diskussion letztlich am Fortsatz der Beine vorbei, da daraus sehr wenig Wahrhaftiges entspringt und man letztlich wie der Bauer am Anfang mit seinen alltäglichen Problemchen alleine steht….

    @Michael Blume
    Schön, dass es Sie gibt.

    • Wow, vielen Dank, @Martin Schmidt!

      Es ist mir wirklich eine Ehre und Freude wahrzunehmen, dass das ganze Forschen und Publizieren (inklusive Bloggen) auch tatsächlich etwas bzw. jemanden bewegt. Das ist eine wertvolle und ermutigende Rückmeldung! 🙂

    • @Martin Schmidt
      Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.
      Was beispielsweise, wenn der Bauer, der mit seinen alltäglichen Dingen nicht alleine gelassen werden will, einen Diktator zur Macht kommen lässt? Was, wenn der Gelehrte der Sieben Künste erkennt, dass letztlich alle unter diesem Herrscher leiden werden, aber der Bauer hört nicht auf ihn, denn er verachtet ihn ja?
      Und warum soll eine „Diskussion“ „wenig Wahrhaftiges“ hervorbringen, denken Sie, der Bauer gebiert aus sich heraus Weisheit ohne Interaktion mit der sozialen Umwelt? Ich denke eher, ohne Ideenaustausch [mit mindestens seiner Familie, jedenfalls anderen Menschen] wäre er nicht einmal geistig ein Mensch geworden, sondern ein Tier.
      Und was machen Atheisten Schlimmes, dass „schädlich[…] für den Ruf der Wissenschaft“ ist? Das erscheint mir eine sehr starke Pauschalisierung zu sein. Ich bin Atheist (vermutlich Neo-Atheist, aber was ist das genau?) und fühle mich zunächst mal pauschal angegriffen. Können Sie Ihre Kritik für mich etwas genauer und konstruktiver formulieren?
      Wahrscheinlich verstehe ich das was Sie eigentlich ausdrücken wollen ja falsch, deshalb frage ich.

  6. @Wizzy
    Sie stellten die Frage, ob die Mehrheit nicht schon immer in Filterblasen lebte. Mit dem Beispiel des Bauern und des Gelehrten wollte ich darauf hinaus, dass bereits früher, d. h. im Mittelalter, das Alltägliche die Filterblasen mitbestimmten: Auf der einen Seite steht der Gelehrte, der – gerade weil er in den (normativen) Sieben Künste ausgebildet wurde – den Anspruch hat, von Anderen weniger gut Gebildeten „verpflegt“ und verehrt, zumindest im besonderen Maße geachtet zu werden. Auf der anderen Seite steht der Bauer, der tagein tagaus ums Überleben zu kämpfen hat und keine Veranlassung sieht, den Gelehrten zu verehren oder gar zu verpflegen. Erst recht, da der Gelehrte mit seinem Wissen dem Bauern bei dessen Überleben nicht sonderlich hilfreich sein kann.

    Dass dieses Beispiel nicht aus der Luft gegriffen ist mag man daraus schlussfolgern, dass die Idee des normativen Weges durch Wissen und Fortschritt bereits in Platons Politeia niedergeschrieben ist und dass darin den Wissenden eine besondere Stellung vorgesehen ist. Eine gegenwärtige Entsprechung zu Platons Staatenbild wäre bspw. die Stellung des IPCC (man beachte die Wahl des Ausdruck „intergovernmental“ in IPCC).

    In Sachen Religion und Wissenschaft, Intelligenz und Glauben wird weitaus weniger konstruktiv diskutiert und nach Wahrheit gesucht als Propaganda gegen das Eine oder Andere betrieben (konformgehend mit Michael Blumes Thesen)

    Wenn der Nobelpreisträger und bekennender Neoatheist Steven Weinberg sich in der Weise über Religionen äussert wie er dies in der Vergangenheit oft getan hat, ebenso Sam Harris, Richard Dawkins oder andere „Extremisten“, hat dies mit einer sachlichen Auseinandersetzung mit den Thema Religion und Wissenschaft, Intelligenz und Glaube absolut gar nichts zu tun. Eher tritt der Effekt ein, den Michael Blume beschreibt. Ob den Wissenschaften damit geholfen wird kann man sehr wohl in Frage stellen. Meine Aussage betraf (Neo-)Atheisten, die zugleich „lautstarke“ Vertreter der Wissenschaften sind und mit sehr faktenfragiler, dafür umso lautstärkeren Argumentation eher an einer Polarisierung denn wirklicher Aufklärung interessiert zu sein scheinen.

    Wie Scott Atran als auch Michael Blume als Menschen „beweisen“ schließen sich Glaube und Religion sowie Wissenschaft und Logik keinesfalles aus. Grund genug, den Dingen doch ein wenig genauer auf den Grund zu gehen (wie dies Atran oder Blume als Wissenschafter tun) als zu behaupten: Glaube sowie Religion schließen Wissenschaft und Vernunft aus oder dass es der Religion bedarf, damit gute Menschen Böses tun und Religion eine Beleidigung für die Menschenwürde ist.

    • @Martin Schmidt
      Danke, jetzt sehe ich Ihre Meinung klarer. „Erst recht, da der Gelehrte mit seinem Wissen dem Bauern bei dessen Überleben nicht sonderlich hilfreich sein kann.“ Nun, das sollte in der heutigen Zeit mit den Segnungen der Technik und Medizin nun eindeutig widerlegt sein. Auch das IPCC ist ein hervorragendes Beispiel einer Institution die den Bauern und Armen besonders hilft – das Klima betrifft diese Gruppen ja nun am direktesten.

      Meiner Meinung nach liefert Dawkins zahlreiche Argumente – ein mE sehr gutes ist die Frage, warum wir denn eigentlich nicht an den Weihnachtsmann oder Zeus oder Ra glauben, warum nicht an Naturgeister? Nicht nur das, Menschen die explizit an diese vier Genannten glauben, werden heute definitiv von der Mehrheit der Christen belächelt bis hin zu als geistig gestört eingestuft – warum eigentlich? Unterschiede sich deren Glaube denn nicht nur in der Verbreitung? Zu Zeus und Rah gibt es ebenfalls historische Zeugnisse, nicht unterlegen der Bibel als „Beweis“.

      Die Faktenlage für einen ausgerechnet christlichen Gott mit Jesus und Dreieinigkeit ist nicht besser als die für Millionen anderer historischer und rezenter Glaubenskonstrukte (sowie unendlich viele denkbare Glaubenskontrukte). Es ist mE nicht vernünftig, an etwas zu glauben, was keine Evidenz hat, es ist aus logischer Sicht beliebig; aus Sicht unserer Sozialisierung natürlich nicht. Es ist ja in Ordnung, wenn wir da anderer Meinung sind.

      Menschen beweisen übrigens ständig, dass sie Logik und Unlogik sowie Wahrheit und Täuschung in sich gedanklich und auch weltanschaulich vereinen, dass macht Unlogik nicht logischer und Täuschung nicht wahrer. Ich stimme desweiteren überhaupt nicht mit Dawkins in dem Punkt überein, dass er die Religion für beinahe alles Schlechte verantwortlich macht. Mein größter Reibungspunkt mit Religion ist der, dass ich Wahrheit als Wert an sich recht hoch bewerte, selbst wenn sie bitter wäre. Bitter finde ich eine Welt ohne Gott/Götter nicht, aber viele Gläubige in meinem Umfeld empfinden es so. Und für manche mag Religion seelisch sinnvoll sein – ich denke aber eine Methode ohne immanente Täuschung und die geistige Heranführung an unhinterfragte Lehren – vielleicht Psychotherapie stattdessen – wäre besser.

  7. Pingback: Seminar für Medien- und Berufsethik am KIT - Karlsruher Institut für Technologie » Natur des Glaubens » SciLogs - Wissenschaftsblogs

  8. Wizzy,
    ….ist Religion sinnvoll?
    Zumindest gibt es zur Religion keine sinnvolle Alternative. Wer garantiert Ihnen, dass der Psychotherapeut Ihnen keinen Unsinn erzählt? Wer kontrolliert den Psychotherapeut? Wieder ein Psychotherapeut?
    Nach dem Reifegrad unserer Kultur ist das Christentum die ausgereifteste Form menschlichen Denkens.
    Für andere Kulturen ist vielleicht der Buddhismus besser geeignet. Für Naturvölker ist der Animismus angebracht.
    Die göttliche Offenbarung ist dem Entwicklungsstand der jeweiligen Kultur angepasst.

    • @bote17
      „Wer kontrolliert den Psychotherapeut? Wieder ein Psychotherapeut?“
      Ja, jene Instanzen die auch unsere restliche moderne Medizin kontrollieren: Am Ende kontrolliert in den zwar nicht ganz seltenen, aber auch bei weitem nicht den Normalfall darstellenden Pfusch-Fällen ein Gericht auf Basis wissenschaftlicher Veröffentlichungen.
      Die Religion ist wie Homöopathie: Eine nicht auf Fakten, sondern blinden Glauben gerichtete Grundlage kann von vornherein nicht von „Unsinn“ – wie Sie sagen – unterschieden werden. Das sehe ich jedenfalls als ein großes Problem.

      Ist übrigens typische Hybris das natürlich „meine“ Religion die ausgereifteste ist. Das denke ich auch über meinen Atheismus, aber gibt es Belege dafür? Welche Kriterien gelten dafür? Oder ist das eine zu 100% subjektive Bewertung? Warum ist in den hochentwickelsten Ländern die Religiosität am niedrigsten (vergleiche human development index mit religiosity by country) – sollten nicht bei der „ausgereiftesten“ aller Religionen eben diese dann mehr Leute akzeptieren und annehmen statt weniger, im Vergleich zu andernorts?
      Und welche ist eigentlich ausgereifter – Protestantismus, Evangelikalismus, Katholizismus oder eine der Orthodoxen?
      Und: Warum ist eines der 10 christlichen Gebote, wir sollen keine anderen Götter neben Gott anbeten, wenn Gott seine Offenbarung doch Ihrer Meinung nach der „jeweiligen Kultur [anpasst]“, also die anderen Götter demnach duldet oder sie sogar selbst offenbart hat? Beides widerspricht sich. Oder gehen sie weltanschaulich weg von den 10 Geboten, was meines Wissens nach jeder oben genannten Hauptrichtung des Christentums widerspräche? Ist doch Privat-Religion, die bei uns Umfragen zufolge ebenfalls sehr verbreitete „Patchwork Religion“ mit Einbeziehung verschiedenster globaler religiöser Einflüsse das beste? Die Ansicht dass jede Religion irgendwie zusammen eine Einheit bilde, ist beispielsweise buddhistisch, und dediziert nicht christlich.

      @Michael Blume Sagen Sie ruhig, falls wir die Diskussion andernorts fortführen sollen. Ich hoffe es passt zum Aspekt „Ringen um die Wahrheit“.

      • @Wizzy, @bote17, @Martin Schmidt

        Weil die Nachfrage kam: Ich lese Ihre Debatte(n) mit großem Interesse mit und freue mich darüber, dass dieser Blog einen Rahmen dafür bieten kann. Denn welche bessere Möglichkeit könnte es schon geben, sich „Wissen“ in all seinen Formen anzueignen – als durch die Diskussion, den Austausch, das Weiterdenken?

        • @Michael Blume
          Danke, that’s reassuring. Es freut mich dass Sie unserer Diskussion einen Ort bieten und sie sogar mitverfolgen, Herr Blume 🙂

  9. Wizzy,
    wir können uns unsere Vorfahren nicht aussuchen.
    Wir können uns unsere Geschichte nicht aussuchen.
    Unsere Welt und unsere Anschauungen darüber sind eine Ansammlung von Fehlern und Wahrheiten die um einen Kompromiss ringen.
    Die Religionen sind davon nicht ausgenommen.
    Aber wir sind von Gott mit Geist und Urteilskraft ausgestattet, der sehrwohl zwischen richtig und falsch unterscheiden kann. Spätestens an den Folgen unserer Irrtümer erkennen wir die Wahrheit.
    So möchte ich das verstanden wissen.
    Ein überzeugter Atheist ist auch ein Gläubiger, ein Gläubiger der Wahrheit.
    Aus der Bibel: „Ach wäret ihr doch heiß oder kalt, aber weil ihr lau seid, werde ich euch ausspeien aus meinem Munde.“
    Blinder Glaube…….die Juden vertrauen ihrem Gott, blind!
    Dieser Gott, den ich meine ist nicht nur der Gott der Juden und Christen, sondern aller Menschen.
    Und jeder Widerspruch ist nur ein scheinbarer Widerspruch.
    Und wenn ich das christliche Denken als ausgereift bezeichne, dann meine ich damit nicht, dass die anderen Glaubensgemeinschaften minderwertiger wären.

    • @bote17

      Ich finde Ihren Glauben toll, wie Sie ihn formulieren. Aber ich will nicht etwas glauben, was sehr wünschenswert ist, wenn es denn nicht wahr wäre.

      Ein von Ihnen umrissener Glaube erscheint mir sehr menschlich, Menschen-erdacht, Menschen-erträumt. Was ich von der Natur als Physiker weiß (aus christlicher Sicht immerhin Gottes Schöpfung), erscheint mir (Quantentheorie, Relativitätstheorie, Kosmologie, Evolution, Massenaussterben der Paläowissenschaften) entweder ziemlich fremdartig oder wenig menschlich-empathisch. Wenn Gott ein Gott aller Menschen ist, warum nicht auch der Tiere und Pflanzen oder zumindest fühlenden Wesen, die er alle erschaffen hat? Warum dürfen wir Menschen diesen Tieren, obwohl wir sie nicht unbedingt zur Nahrung bräuchten, massenhaft großes Leid zufügen? Warum erfahren wir Menschen selbst soviel Leid?

      Grausame Krankheiten sind zum freien Willen nicht notwendig, wenn man schon die grausamen Kriege mit unserem freien Willen erklären will. Das alles sind Widersprüche, die sich ohne das Vorhandensein eines liebenden, kümmernden Gottes sofort und ohne Umschweife erklären lassen, mit seinem Vorhandensein jedoch meines Erachtens nur ungleich schwerer, außer sein Widersacher oder Gottes böse Seite wäre ebenfalls stark. Ich halte es zunächst mal mit Ockham: Wenn eine Welt aussieht, als existiere sie ohne Gott, dann ist es nicht unwahrscheinlich dass es einen solchen nicht gibt. Allein die Vielfalt der Religionen macht mich nicht gerade zuversichtlich, dass, wenn ich eine Religion wählte, mit dieser richtig läge.

      Und warum scheinen doch recht viele Gläubige andere Gläubige aus ihrem Heil auszuschließen, was mit den verbreitetsten Heiligen Büchern auch recht gut konform geht – wenn Gott es doch anders, verbindender, hätte offenbaren können? Ich sehe derart viele Widersprüche, dass ich den Schluss ziehe, die auf der Welt verfügbare Evidenz spricht gegen einen den Menschen liebenden Gott. Wenn er nicht wohlwollend wäre, wäre ich doch vielleicht froh, dass er gar nicht existierte.

  10. Martin Schmidt,
    …..Glaube, Religion, Wissenschaft schließen sich nicht aus.
    Mit dieser Meinung gehören Sie zu den wenigen, die Optimismus an den Tag legen.
    Ich teile ihre Meinung, und gehöre auch nicht zu denjenigen , die nach den inneren Widersprüchen der Bibel suchen.
    Alles was von Menschen gemacht ist, ist fehlerhaft. Wenn man aber den Sinn hinter allem sucht, verlieren die Fehler an Gewicht. Und wenn man dann noch von Liebe getragen wird, verschwinden die Widersprüche gänzlich.
    Nach einem Todesfall in der Familie ist mir die Bedeutungslosigkeit intellektueller „Weisheiten“ klar geworden. Der Glaube zählt und das Vertrauen auf Gott gibt uns Kraft.

  11. Wizzy,
    ……….Sie suchen nach der absoluten Wahrheit . Die gibt es nur im Paradies.
    Die Menschen sind aus dem Paradies vertrieben worden um die Wahrheit wieder zu finden.
    Und diese Wahrheit wird uns nicht auf dem Silbertablett serviert, die müssen wir uns erarbeiten, erkämpfen, mit Blut und Tränen.
    Versuchen Sie nicht Gott menschliche Motive und Eigenschaften anzuhängen.
    Die Juden sehen ihren Gott als strengen Richter, die Christen sehen Jesus als gütigen Menschen, der alles verzeiht, die Moslems machen eine Mischung aus beiden.
    Aber das sind alles nur menschliche Vorstellungen. Dabei heißt es bei den 10 Geboten, du sollst dir kein Bild von diesem Gott machen.
    Aus gutem Grund, die unterschiedlichen Gottesvorstellungen sind es doch, die die Menschen entzweien.
    Anmerkung: Gott ist der Schöpfer aller Dinge, auch der Tiere.
    Wenn man das Prinzip der Natur, dass Fressen und Gefressen werden, moralisch verurteilt, dann sind wir wieder im Paradies. Aber das sind wir nicht.
    Machen Sie sich mit der Denkweise der Juden vertraut. Für die ist das Schicksal unerbittlich aber es hat ein Ziel.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben