Religion und sexuelle Selektion (Partnerwahl) – The Attraction of Religion als neuer Sammelband

Vor einigen Jahren präsentierte ich Volkszählungs-Daten zum (häufigeren & stabileren) Heiratsverhalten von religiös vergemeinschafteten Schweizerinnen & Schweizern bei einer Pfarrertagung im Rheinland. Da meldete sich eine Pastorin und bemerkte verblüfft: „Die Daten sind ja stark – aber ist denn meine Gemeinde ein Heiratsinstitut?“. Daraufhin strich sich ein älterer Kollege versonnen durch den Bart: „Jetzt weiß ich endlich, warum wir immer diese Zeltlager organisieren mussten!“

Auch in der internationalen Evolutionsforschung zu Religiosität & Religionen richtet sich das Augenmerk immer stärker auf den durchschnittlich höheren Reproduktionserfolg religiös vergemeinschafteter Menschen. Und blieben erste Entwürfe zur Funktion von Religionen im Rahmen der Partnerwahl noch ziemlich platt und krude („Religion als Pfauenschwanz“ u.ä.), so forschen inzwischen eine ganze Reihe von uns über Anekdoten hinaus auch empirisch zu diesen Fragen.

Mittelalterliches Fresko in der Peterskirche Weilheim Teck

Frauen, Männer, Kinder (mit Spielzeug!): Mittelalterliches Fresko in der Peterskirche Weilheim an der Teck. Foto: Michael Blume

Jason Slone und James A. van Slyke ist es nun zu verdanken, dass ein neuer Sammelband zu diesem Forschungsthema bei Bloomsbury erscheinen konnte: „The Attraction of Religion. A New Evolutionary Psychology of Religion„.

AttractionofReligionSlone2015

Auch ich war eingeladen, eine (von insgesamt zehn) Arbeiten einzureichen und habe darin (wie zuvor auch schon in deutschen Publikationen) die unterschätzte Rolle der Frauen und die „Gretchenfrage“ in der Evolution von Religion thematisiert. Hier zum Download:

* „How Is’t With Thy Religion, Pray? Selection of Religiosity Among Individuals and Groups“, in: Slone, D.J., Van Slyke, J.A. (Eds.): The Attraction of Religion. Bloomsbury 2015, p. 63 – 71

Natürlich hoffe ich in Zukunft auch, weitere Arbeiten aus dieser Sammelband-„Schatztruhe“ aufgreifen und vorstellen zu können. Denn eines ist sicher: Die empirische, ernsthaft forschende und also nicht-polemische Forschung rund um Religion(en), Gemeinschafts- und Beziehungsformen hat einen weiteren Schritt nach vorne getan!

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Nur zum letztverwiesenen Vid ein paar Anmerkungen (und bevor gar kein Kommentar zu diesem wie immer werthaltigen WebLog-Eintrag abgesetzt wird):
    1.) ‚In Europa kam es mit der Renaissance zu einer Veränderung, nicht mehr Gott, sondern der Mensch stand im Mittelpunkt, doch Aufklärung und Wissenschaft konnten auch hier den Glauben nie ganz verdrängen‘ (Ranga Yogeshwar) kam hier nicht so-o gut an, die Renaissance ist gemeint.
    2.) Der Glauben wird in weiten Teilen der Sendung mit dem religiösen Glauben gleichgesetzt, dem ist nicht so. Auch der moderne Primat glaubt fast durchgehend.
    3.) ‚Menschen wenden Zeit auf, Güter, manchmal setzen sie sogar ihr Leben ein, d.h. , wenn es nur schaden würde, ähm, dann wär’s völlig unverständlich wie sich’s in der Evolution entwickelt hat oder wie sich’s erhalten konnte‘ – die Religion müsste gemeint gewesen sein.
    Korrekt! – Aber der Glaube geht dem religiösen Glaube voraus, die Geschichte des modernen Primaten bleibt gemeint, der (nicht unbedingt religiöse) Glaube war immer da und ist nur in Teilen durch Aufklärung und moderne Wissenschaftlichkeit ersetzt worden.
    Zudem konkurriert die moderne Wissenschaftlichkeit nur in Ausnahmefällen mit dem religiösen Glauben, wie übrigens auch mit anderer Esoterik [1] nur in Ausnahmefällen und zwar genau dann, wenn wissenschaftlicher Anspruch seitens Esoteriker erhoben wird.
    Selbstverständlich hat auch der religiöse Glauben nicht nur Schaden angerichtet, sondern stattdessen primatengeschichtlich viel Gutes, hat auch gesellschaftlich gebündelt und letztlich eben die Entwicklung aufklärerischer Ideen und Werte ermöglicht. [2]
    Zumindest in manchen Regionen, zumindest anfänglich in Europa.
    Die eigentliche Frage ist:
    Wird heute Religion benötigt oder ist sie summa summarum heute schädlich?
    3.) „Ein Teil der Maus“:
    ‚Menschen können nicht nur über Lebende nachdenken, sondern auch über Menschen, die gelebt haben, und sie werden automatisch [Hervorhebung: Dr. W] schon von klein auf annehmen, dass die auch weiterhin empfinden, denken, rückblicken, d.h. man könnte sagen: Wir werden als intuitive Theisten, als transzendente Wesen, äh, schon geboren und veranlagt.‘
    Zustimmung kann hier nicht vorgebracht werden, gemeint ist womöglich anderes.
    4.) „etwa zu 50% ist der Glaube also eine Sache der Gene, vlgb. mit Musikalität“:
    Der (nicht nur religiöse) Glaube müsste eine wesentliche Eigenschaft des Primaten sein, denn er war bis zum Aufkommen moderner skeptizistischer Wissenschaftlichkeit sozusagen alternativlos.
    Insgesamt wird der Schreiber mit dem Intonierten nicht umfänglich glücklich.
    5.) „Menschen halten sich also besser an Regeln, wenn sie sich von einer höheren Macht beobachtet fühlen“:
    Müsste stimmen wie empirisch nachweisbar sein, klingt aber nicht so-o gut.
    Die Sendung „Quarks“ konnte so, wie auch so anhaltend vorgetragen, beim Schreiber dieser Zeilen keine Pluspunkte sammeln.

    Insgesamt also eher ein „Gut minus“.

    MFG
    Dr. W

    [1]
    Ist jetzt nicht pejorativ zu verstehen, die Esoterik ist aber nicht exoterisch, wie bspw. die moderne Wissenschaftlichkeit, und kennt auch keine Anwendungen, zumindest keine exoterisch nachvollziehbaren.

    [2]
    Womöglich hat ein durch die Reformation geschwächtes Christentum erstmals und womöglich auch einmalig, als Religion, zugelassen, dass Aufklärung entstehen konnte.
    Im Rahmen christlicher Toleranz oder Duldsamkeit, woanders gab es anzunehmenderweise ebenfalls aufklärerische, exoterische Bewegung, die aber streng, sehr streng zu unterbinden gewusst worden ist.

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