Patrick Spät – Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein – Der graduelle Panpsychismus

Eigentlich tendiere ich ja zu der Auffassung, dass in Deutschland insbesondere in den Kultur- und Geisteswissenschaften zu viel metaphysisch spekuliert und zu wenig empirisch geforscht wird. Aber nach den Gehirn-Geist-Debatten zwischen den sehr geschätzten Blognachbarn Christian Hoppe und Stephan Schleim sowie dem Briefdialog von Ludwig Trepl und Thorsten Moos und meinem „Abo“ auf den Braincast von Arvid Leyh fischte ich mir für die Pfingstfeiertage ein (neuro-)philosophisches Buch vom Lesestapel – und erlebte eine grandiose Überraschung.

DerMenschlebtnichtvomHirnalleinSpaet

Beim neu (2012) bei Parados Berlin erschienenen „Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein – Wie der Geist in den Körper kommt“ handelt es sich um die (in Richtung Verständlichkeit) zusammen gefasste und überarbeitete Promotion von Patrick Spät (geb. 1982) in Philosophie in Freiburg. Meine Spannung wuchs, als ich den Dank an seine Doktormutter Prof. Dr. Regine Kather las – sie hatte mich vor einigen Jahren mit einem Astrotheologie-Vortrag über Nikolaus von Kues und Giordano Bruno (veröffentlicht in diesem Open-Access-Band) sehr beeindruckt.

Kritik am eliminativen und reduktiven Materialismus

Spät startet mit der erwartbaren Kritik an den gängigen, reduktionistischen Positionen des „Neurowahns“, nach denen geistige Erlebnisse nicht existent oder nicht relevant seien und „bald“ physikalistisch erklärt werden könnten. Erstaunlich gut leserlich und verständlich (z.B. mit der nicht nur durch Physiker und Biologen zu beantwortenden Frage „Was ist Kaffee?“) weist er auf die seit Jahrhunderten ungelösten Probleme und Widersprüche dieses „Schuldschein-Physikalismus“ hin, der nicht einmal eine handhabbare Definition von „Materie“ liefern konnte und kann. Doch interessanterweise bleibt Spät nicht dabei stehen, sondern arbeitet aus naturwissenschaftlich-evolutionärer Perspektive an den inneren Widersprüchen dieses Weltbildes weiter:  Wie sollte aus vermeintlich „toter“ Materie „plötzlich“ Leben und Bewusstsein entstehen? Selbst Varianten des Emergentismus erscheinen ihm unbefriedigend zu sein, weil sie ja nur Übergänge beschreiben, aber weder naturwissenschaftlich noch philosophisch beantworten, warum und woher das je „Neue“ entspringe.

Späts Gegenvorschlag: Gradueller Panpsychismus

In seinem Gegenvorschlag greift Spät auf antike Philosophen wie Heraklit, aber vor allem auch auf neuere Denker wie Giordano Bruno (1548 – 1600), Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), Charles Darwin (1809 – 1882), William James (1842 – 1910), Alfred N. Whitehead (1861 – 1947), Hans Jonas (1903 – 1993) und vor allem Pierre Teilhard de Chardin (1881 – 1995) zurück. Die Gottesfrage bearbeitet Spät dabei nicht und betont vielmehr, dass seine Position sowohl mit einem Atheismus wie Theismus vereinbar sei.

Im Kern entwickelt (oder besser: erneuert) Spät die Annahme, dass Materie bereits von ihren Quanten-„Wurzeln“ her sowohl eine äußere – naturwissenschaftlich zugängliche – wie auch innere – geistige, d.h. Information bearbeitende – Seite habe. Das Bild des Luftballons auf dem Cover, dessen innere und äußere Form nicht ohneeinander bestehen können, dient ihm als Beispiel.

Spät vertritt nun ausdrücklich keine Esoterik, nach der etwa auch Steine und Tische voll ausgeprägt Leben und Bewusstsein aufwiesen. Vielmehr betont er, dass analog zur Komplexitätssteigerung von Materie etwa in Lebewesen, Nervenzellen und schließlich Gehirnen auch die geistigen Fähigkeiten immer komplexer würden und über einfache Reiz-Reaktions-Muster schließlich zu Vor- und dann Selbstbewusstsein führten. Sein Ansatz benötige also gerade keine „Sprünge“ oder äußeres Eingreifen, sondern könne die Befunde integrieren, nach denen sich Leben und Bewusstsein „graduell“ entwickelten – möglicherweise nicht nur auf der Erde. Während die äußere Seite der Materie – physikalisch in den Gesetzen der Thermodynamik feststellbar – in Richtung Entropie und Zerfall in Vielheit(en) tendiere, drängte die vernetzende, geistige Seite zur Begründung und Erhaltung von Einheit(en) wie Zellen und Individuen. Nur im Zusammenspiel beider Seiten sei Evolution letztlich möglich.

Natur- und Geisteswissenschaften

Nach Späts (hier selbstverständlich nur verkürzt darstellbarem) Argument könnten Naturwissenschaften also die „äußere“ Dimension von Materie erforschen und seien auch philosophisch unbedingt aufzugreifen. Zugleich aber bleibe es ihnen unmöglich, beispielsweise die inneren Erlebnisqualitäten oder Bewusstseinsinhalte ohne Beiträge der Geisteswissenschaften zu verstehen. Auch noch die härtesten Reduktionisten würden sich ja um die Kraft von Argumenten bemühen, um sich und andere zu überzeugen – und also den Bereich innerer, geistiger Vorgänge betreten.

Vorläufiges Fazit

Zwar bin ich in einigen Detailfragen anderer Auffassung, doch hat mich selten ein philosophisches Buch (noch dazu aus Deutschland) so gepackt wie dieses frühe Spätwerk. Aufgrund seiner guten Leserlichkeit und meist fairen, dadurch spannenden Argumentationsweise kann ich es ausdrücklich auch Nichtphilosophen als überaus anregende Lektüre empfehlen. Dem Urteil des Astronomen Harald Lesch kann ich mich nur anschließen: „Wer sich mit dem Ursprung des Geistes beschäftigt, muss dieses Buch lesen. Ein ganz grandioses Bild der Brücke vom Geist zur Materie und zurück.“

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Panpsychismus ist Anthropomorphismus

    Späts Panpsychismus entspringt einem evolutiv verstandenen Dualismus, wo das duale zur Materie – das Geistige – einen ähnlichen Evolutionsprozess durchläuft wie die Materie in biologischen Systemen.

    Letztlich ist sein Panpsychismus auch ein Animismus, denn er stipuliert eine alles durchdringende Lebenskraft.

    Psychologisch sind Panpsychismus und Animismus leicht erklärbar durch unsere Tendenz alles als Gegenüber zu sehen und unsere Tendenz jede Beziehung zu personalisieren. Etwas was wir nur zu gut kennen von unserem Umgang mit Haustieren – der treu dreinblickende Haushund – oder selbst mit Gegenständen, die wir besitzen – das bockende, eigenwillige Auto.

    Die Schwäche dieses Konzept ist sofort erkenntlich wenn man unseren Wissenszuwachs in den beiden dualen Gegenpolen Materie und Geist vergleicht.

    Während wir heute sehr viel mehr darüber wissen, was die Welt materiell zusammenhält wissen wir über das behauptete duale Gegenstück – den Geist – immer noch so viel wie die antiken Philosophen, die Spät bemüht.

    Aus wissenschaftlicher Sicht ist Späts Postulat eben nicht mehr als das. Ein Postulat, ein Glaube, eine Spekulation. Nichts stützt sein Posulat ausser das von ihm behauptete Unwissen wie geistige Dinge aus materiellen enstehen können.

  2. @Holzherr

    Hmm, ich sehe Spät da stärker. Denn sein Andatz vermag ja gerade die Widersprüche aufzuheben, die sich auch zeigen, wenn Sie davon schreiben, „wir“ würden vermenschlichen. Offenbar setzen Sie also geistige Tätigkeit als wirkend und vergleichbar voraus.

    Und empirisch-evolutionär hat sich m.E. doch gezeigt, dass Leben, Bewusstsein etc. graduell auftreten und nicht z.B. von außen plötzlich eingehaucht werden.

    Last but not least verwenden Sie Begriffe wie „Dualismus, Spekulation, Glauben“ etc., denen Sie erkenntnistheoretisches Gewicht beimessen. Insofern vertreten Sie offenkundig selbst einen philosophischen Erkenntnisfortschritt, und sei er negativer Art. Dass weder in den empirischen Wissenschaften noch in der Metaphysik alle Fragen beantwortet sind (und vielleicht nie sein werden) sollte uns m.E. nicht zum Aufgeben verführen.

  3. @Michael Blume: Nichts ist beantwortet!

    Es stimmt (Zitat)weder in den empirischen Wissenschaften noch in der Metaphysik [sind] alle Fragen beantwortet.

    Ich tendiere aber sogar zur Aussage, dass in der Metaphyisk Fragen nicht beantwortet werden. Der einzige Fortschritt in der Metaphysik ist die Ausbildung besserer Begriffe und die Art wie man Fragestellungen angeht. Doch wirkliche Resutlate sind eigentlich nicht auszumachen.

    Ahnungen, Ängste und Hoffnungen haben Menschen auch heute. Doch früher hatten sie nicht mehr als das. Krankheiten heilten von selbst oder man erlag ihnen, Tiere zum Jagen gab es genug oder man hungerte. Das Denken, das zu einem solchen Leben gehört, gibt es auch heute noch: in der Philosophie und der Theologie. Doch heute müssen wir ein solches Leben nicht mehr führen. Weil wir Fortschritte gemacht haben. Allerdings nicht in der Philosophie oder der Theologie, sondern in den Naturwissenschaften und der Technologie.

    Diese Überlegungen sprechen natürlich nicht gegen eine duale Welt und gegen einen Panpsychismus. Sie sprechen zusammen mit der gesammelten Erfahrung nur dagegen, dass diese Fragen und vorläufigen Antworten jemals zu etwas brauchbaren führen.

  4. Was interagiert gehört zu dieser Welt

    Was gegen eine duale Welt spricht ist das fehlende Bindeglied.

    Alles was interagiert gehört zu dieser Welt und alles was zur Welt gehört nimmt an Interaktionen teil.

    Dies ist in etwa die Aussage der Physikalisten/Materialisten Bunge&Mahner (in ihrem Buch Die Natur der Dinge“ nachzulesen)

    Auch Nicht-Materialisten werden es schwer haben, diese Aussage abzulehnen.
    Wenn es etwas Geistiges gibt und das was wir denken mit dieser geistigen Welt interagiert, dann ist dieses duale Gegenstück zu unserer materiellen Welt – das Geistige – Teil unserer Welt und kann mit Methoden dieser Welt untersucht werden. Selbst wenn man annimmt die Brücke zwischen materieller und geistiger Welt sei sehr schmal, bleibt es eine Brücke, die auf einer Seite materiell sein muss. An der Verbindungsstelle von materieller zu geistiger Seite sind nachweisbare Interaktionsspuren zu erwarten.

    Es läuft also auf folgendes hinaus: Alles was wir erfahren ist von dieser Welt und was nicht von dieser Welt ist lässt sich nicht erfahren. Falls man daran zweifelt, ob X zu dieser Welt gehört, suche man nach dem Verbindungsglied zwischen dem X und dieser Welt. Dieses Verbindungslied muss es geben und es kann untersucht werden.

  5. @Holzherr

    Gegenüber den Dualismen grenzt sich Spät ja gerade ab: M.E. wäre seine Position wohl eher als Substanzmonismus und Eigenschaftspluralismus zu bezeichnen. Und dieser Ansatz überzeugte mich auch schon bei Bunge & Mahner, die hier auf dem Blog bereits rezensiert wurden.

    Keine Fortschritte in der Metaphysik? Das sehe ich anders und verweise u.a. auf die „Entdeckung“ der Menschenrechte, den Reichtum an Philosophien, Weltanschauungen und Glaubenstraditionen, Wissenschaften wie die Psychologie und Pädagogik, die Künste und das Bloggen als nur wenige Beispiele geistig-fruchtbarer Tätigkeiten. Technologie ist großartig, aber ohne die geistige Reife dazu auch eine furchtbare Bedrohung.

  6. @Pzekert

    Ich habe es nachgeschlagen: Fechner wird von Spät nicht zitiert. Ich muss gestehen, dass mir dieser Name bislang auch nicht geläufig war. Aber das kann daran liegen, dass mein Schwerpunkt auf der Empirie liegt.

  7. @Michael Blume: Fortschritt heisst Sieg

    Fortschritt gäbe es für mich in der Metaphysik nur dann, wenn frühere Positionen eindeutig und von allen als überwunden gelten würden ähnlich zu den Verhältnissen in der Naturwissenschaft, wo z.B. das Bohr’sche Atommodell in der Asservatenkammer gelandet ist.

    Patrick Spät’s janusköpfige Welt, wo jedes Ding auch eine psychische Komponente hat ist für mich ein duales Weltmodell. Ich bin aber auch mit ihrer Bezeichnung „Eigenschaftspluralismus“ einigermassen zufrieden, würde es aber eher „Eigenschaftsdualismus“ nennen, denn scheinbar hat für ihn jedes Ding zwei Seiten, eine materielle und eine psychische – genau so wie eine Münze eine Kopf- und eine Zahlseite hat.

  8. @Holzherr

    Naja, metaphysische Konzepte zur Rechtfertigung von Sklaverei, unhinterfragbarer Herrschaft, Magie u.a. scheinen mir doch weitgehend überwunden zu sein. Und wenn wir nicht wenigstens implizit an metaphysischen Fortschritt glauben würden, würden wir doch gar nicht diskutieren, oder!? 😉

    Eigenschaftspluralismus, weil Materie schon jetzt mehr als zwei Eigenschaften aufzuweisen scheint.

  9. Wie es scheint bleibt der Sprung zum Bewusstsein genau das: ein Sprung. Und wenn auch nur ein Sprung in Belegbarkeit. Waehrend Bewusstsein fuer jeden Einzelnen (vermutlich) erfahrbar ist, bleiben psychiche Eigenschaften primitiver Objekte spekulativ. Es klingt als suche Spaet sein Heil in dem Postulat einer geistigen Ursache fuer die Stabilitaet von Zellen, aber das gibt die Thermodynamik nicht her. Auch eine lebendige Amoebe produziert zunaechst einmal am laufenden Band Entropie. Tot ist hingegen der Maxwellsche Daemon.

  10. Blume bleibt ein hoffnungsloser Esoteriker, auch wenn er andauernd prätendiert, er sei Empiriker (lach), dieses wohl, um überhaupt noch ernstzunehmende Gesprächspartner zu finden, und auf diesen Trick fallen ja immer noch Leute herein. Na gut, sei´s drum, ich ärgere mich nur, dass ich diese Mischpoke, die ja ausschließlich von Transferleistungen lebt, durch meine Steuern mit alimentieren muss.

  11. Geschwurbel

    Mit meinem unfeinen Titel beziehe ich mich auf:

    „physikalisch in den Gesetzen der Thermodynamik feststellbar – in Richtung Entropie und Zerfall in Vielheit(en) tendiere, drängte die vernetzende, geistige Seite zur Begründung und Erhaltung von Einheit(en) wie Zellen und Individuen.“

    Warum reden solche leute nicht mal mit Physikern? Fragen sie ihn bitte mal was entropie ist und ob er da mehr als den Wikipedia-Artikel zu gelesen hat. Ich habe nichts dagegen, wenn man über offene Fragen in der Physik philosophiert (Zum Beispiel die Interpretation der Quantenmechanik).

    Und eines am Schluss: Plausibilität hat noch weniger als Korrelation etwas mit Kausalität zu tun. Ein Schuss Statistik hat noch niemanden umgebracht.

    P.S: Ich stimme Martin Holzherr zu und wünschte ich könnte so diplomatisch reagieren.

    OFFTOPIC
    P.S.S: @Johannes Paul: Auch wenn ich auch der Meinung bin, dass Herr Blume manchmal recht enervierend sein kann, finde ich ihren persönlichen Angriff ziemlich widerwärtig. Das hier ist ein Science-Blog und bitte verschonen sie uns doch bitte hier mit Trolling.

    Sie haben immer die Wahl dies hier nicht zu lesen und lassen Sie uns unsere Wahl treffen.

  12. @schnablo & Keeper

    Fairerweise ist sicher zu sagen, dass Spät zum Thema Informationsverarbeitung – Bewusstsein und Entropie – Thermodynamik je mehrere Seiten schreibt, wogegen ich für die Zusammenfassung nur wenige Sätze Platz hatte.

    Und doch lässt sich ja m.E. nicht leugnen, dass sich Leben zumindest zeitweise gegen Entropie zu behaupten vermag und dass auch Tiere und Babies Formen von Bewusstsein aufweisen, die einem reflektierten Selbst-Bewusstsein vorangehen.

    @ JP
    Danke für Ihren Hass. So können alle sehen, wie auch vermeintlich aufgeklärte Menschen am liebsten Denk- und Schreibverbote verhängen würden. Und nochmal: Spät ist Philosoph, das Buch entstand aus seiner Promotion. Nur kein Neid! 😉

  13. Attraktiv, aber…

    Lässt man sich drauf ein, hat die Idee des Panpsychismus tatsächlich was Attraktives. Wobei ich mich über mich selber wundern sollte – gestern hätte ich das tagsüber noch entschieden abgelehnt. Aber abends bin ich über Galen Strawsons Interview auf „Philosophy Bites“ gestolpert (http://philosophybites.com/…-on-panpsychism.html), der ja eine ähnliche Sicht entwickelt hat. Wenn man mal einen kurzen Trip erleben will, auf dem einen die Idee des Panpsychismus voll überzeugt, ist Strawson ein empfehlenswerter Reiseführer :-).

    Nach etwas Hintergrundrecherche – dabei bin ich dann auch hier gelandet – hat sich für mich aber das von William James schon 1890 aufgebrachte „Kombinationsproblem“ als erster Showstopper entpuppt: Zwischen den angenommenen Innenperspektiven meiner vielen Bestandteile und meiner EINEN Ich-Perspektive klafft immer noch eine zu erklärende Lücke.
    Jedenfalls leuchtet mir die in Späts Dissertation S. 152ff. skizzierte Lösung für das Kombinationsproblem nicht als eine solche ein.

    Auch das Problem, wie Bewusstsein überhaupt zustandekommt (wie @schnablo schon angemerkt hat), besteht wie überall sonst auch – vgl. Späts Dissertation S. 148: Whitehead denkt das Geistige der Elementarteilchen als „subjektives, aber NICHTBEWUSSTES Erfassen.“ Und wie wird daraus Bewusstsein? Das sei eine „Funktion [dieses] Erfassens.“, eine „höhere Ebene“, die aus dem „nichtbewussten, aber ebenfalls geistigen Erfassen hervorgeht“.
    Klingt das nicht verdächtig nach Emergenz, von der bloß das Label abgekratzt wurde?

  14. @Raphael Kirchner

    Vielen Dank für den reflektierten Kommentar und den spannenden Link!

    Sowohl im Hinblick auf die Faszination wie auch auf die noch bestehenden Schwächen stimme ich Ihnen zu. Mir scheint auch, dass der graduelle Panpsychismus nicht ganz so weit vom Emergentismus entfernt ist, allenfalls stärker betont, dass die später hervor tretenden Systemeigenschaften schon in der („Innenseite“ der) Materie zu finden seien. Ob das Phänomen der Quantenverschraenkung schon als Indiz für Informationsweitergabe gelten darf? Ich bin da nicht so sicher, aber finde es schon bemerkenswert, dass sich hiermit neue Grundfragen und Perspektiven des interdisziplinären Forschens auftun. Das ist schon deutlich mehr, als ich erwartet hatte…

  15. @Michael Blume

    Mit dem Rückgriff auf die Quantenverschränkung habe ich auch Bauchweh, sowas hat nur Sinn, wenn es wirklich konsistent zur Quantenphysik ausgearbeitet wird. Sonst hat man sich schneller im Irrgarten der esoterischen Quanten-Phantasterei verlaufen, als man „piep“ sagen kann.

    Spät argumentiert da m. E. unhaltbar (Diss. S. 124): Er schreibt, zwei verschränkte Photonen müssten „[…] ENTWEDER […] mit Überlichtgeschwindigkeit miteinander kommunizieren“ ODER „auf einer tieferen (geistigen?) Ebene miteinander verbunden“ sein. Er stützt sich dabei auf Brian Greene, der aber in dem von Spät zitierten Kapitel explizit das „schwärmerische Gerede“ ablehnt, Verschränkung dahingehend zu interpretieren, dass „alles mit allem verknüpft“ sei. Man muss ja bedenken: Verschränkung bleibt nur aufrecht, wenn die beteiligten Teilchen total isoliert sind – sobald eines von ihnen mit irgendwas wechselwirkt, ist der Spuk vorbei. Vor allem aber kann durch Verschränkung gar keine Information übermittelt werden (das ist ein leider sehr populäres Missverständnis).

    Davon abgesehen finde ich: Es macht gar nichts, dass Panpsychismus auch nicht das Rührei des Kolumbus ist. Er ist eine frische Perspektive, aus der man die bekannten Fragen mal anders durchdenken kann. Mit seinen massiven Problemen ist er dabei in guter Gesellschaft, denn solche haben alle einschlägigen Positionen.

    PS: Noch ein Link zur aktuellen Diskussion – letztes Jahr gab es in München eine Konferenz zum Thema „Emergence & Panpsychism“, davon gibt es Interviews mit u. a. David Chalmers, William Seager und Galen Strawson: http://www.geiststaub.de/MD_interviews.html

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    Danke für die Empfehlung! Da ich gerade eh ein neues Buch suche, kommt mir das sehr gelegen 😉

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