Noah – Die biblische Lehre hinter Kinderbuch und Kinofilm

Es ist nicht so, dass das moderne Kino die Noah-Überlieferung das erste Mal verfilmt hätte – ganze Filmskripte wie „2012 – Das Ende der Welt“ schöpften bereits aus dem biblischen Mythos, samt globaler Sintflut und der Flucht der am Ende geläuterten Menschheit auf „Archen“. Doch 2014 kommt nun auch (wieder) die Noah-Erzählung selbst mit Russell Crowe als Noah, Jennifer Connelly, Emma Watson und dem Regisseur Darren Aronofsky auf die Leinwände. Dabei ist es schon für sich faszinierend, dass es Filmemacher „wagen“, am Anfang des 21. Jahrhunderts noch einen biblischen Mythos „am Wort“ umzusetzen.

Doch hinter der bunten Erzählung, die bisher in Kinderbüchern und nun auch wieder im Kino popularisiert wird, verbirgt sich eine bis heute mächtige, biblische Lehre: Der von den jüdischen Schriftgelehrten schon zur Zeit Jesu entwickelte Glaube, wonach Gott die gesamte Schöpfung – wie auch alle Menschen – im Blick habe.

Mit allen Lebewesen habe Gott einen Bund geschlossen – symbolisiert im Regenbogen – und entsprechend können auch Nichtjuden als Bnei Noach, „Kinder Noahs“, betrachtet werden und auch „Anteil an der kommenden Welt“ erlangen. Sie mussten dafür gerade nicht zum Judentum konvertieren, sondern nur die sieben Noachidischen Gebote einhalten.

Schon im Jerusalemer Tempel (zerstört um 70 n.Chr. durch römische Truppen) gab es daher Plätze für „Gottesfürchtige“ – Nichtjuden, die dennoch gemeinsam mit den Israeliten den Einen Gott verehrten.

Entsprechend formulierte der orthodoxe Oberrabbiner Großbritanniens, Jonathan Sacks, 2002:

„Als Juden glauben wir, dass Gott einen Bund gestiftet hat mit einem einzigen Volk. Das aber schließt nicht die Möglichkeit anderer Menschen, Kulturen und Glaubensrichtungen aus, ihre eigene Beziehung zu Gott zu finden innerhalb des gemeinsamen Rahmens der noachidischen Gebote. Diese Gebote konstituieren die Tiefen-Grammatik der menschlichen Erfahrung des Göttlichen: Was es bedeutet, die Welt von Gottes Werk her zu sehen, die Menschheit als Gottes Bildnis. Gott ist Gott der gesamten Menschheit, aber zwischen Babel und dem Ende der Tage ist kein Glaube der Glaube der ganzen Menschheit. Eine solche Auslegung wird uns dahin bringen, die Suche nach Gott in Menschen anderen Glaubens zu respektieren und die Partikularität von Kulturen mit der Universalität des Menschseins zu versöhnen.“ [4, 291]

 

Von wegen „nur eine Kindergeschichte“: Nach jüdischem Glauben gehören auch Nichtjuden als „Kinder Noahs“ zu einem göttlichen Bund unter dem Zeichen des Regenbogens und können ebenso wie Juden „Anteil an der kommenden Welt“ gewinnen. Bild: Photobucket

 

Daher konnte das Judentum auch auf Mission verzichten – ohne annehmen zu müssen, damit seien alle Nichtjuden verworfen. Die jüdische Erwählung bedeutet gerade nicht, dass Gott nur Juden zu Sich führen werde!

So konnte zum Beispiel auch Marcus Vipsanius Agrippa (63 – 12 v. Chr.), Mitregent des römischen Kaisers Augustus, im Jahr 15 v.Chr. in Jerusalem den neu erbauten jüdischen Tempel besuchen, (dem) Gott ein Opfer darbringen und eine Ansprache an das damals befreundete Volk richten. Die israelitische Bevölkerung Jerusalems jubelte dem Römer in Festkleidern, die normalerweise zum Schabbat getragen wurden, zu. [2, 159]

Jahrzehnte später konnte ebenso auch Rabbi Jesus von Nazareth den Glauben des gottesfürchtigen römischen Hauptmanns von Kapernaum in den höchsten Tönen loben („Amen, das sage ich euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemand gefunden.“) – ohne den Nichtjuden zu beschneiden oder zu taufen. (Matthäus 8, 5-13, ebenso Lukas & Johannes) Was Generationen christlicher Theologen lange rätseln ließ, war und ist aus der jüdischen Tradition schlüssig erklärbar!

Der Begriff „Semiten“

Noah habe schließlich, so die Bibel, mehrere Kinder hinterlassen, aus denen alle heutigen Menschenvölker hervor gegangen wären. Auf seinen Sohn Sem wurden so die Semiten zurückgeführt, zu denen Sprachforscher ab dem 18. Jahrhundert neben den Juden auch Araber, Aramäer und andere verwandte Sprach- und Volksgruppen zählten.

Negativ umgewertet wurde dieses Selbstverständnis im rassistischen „Antisemitismus“, der Juden sowie teilweise auch Araber auf ihre ethnische Herkunft festlegte – auch ein Wechsel der Religionszugehörigkeit, etwa durch das Opfern vor römischen Gottheiten oder eine christliche Taufe, änderte an antisemitischem Hass dann nichts mehr.

Antisemitische Legenden finden sich bereits in der vorchristlichen Antike, etwa in Ägypten und Rom, dann in christlichen und islamischen Traditionen, im spanischen Mittelalter – in dem auch getaufte Juden und Muslime weiter verachtet, verdächtigt und verfolgt wurden – und schließlich in den Nationalismen des 19. und 20. Jahrhunderts, dem deutschen, mörderischen Nationalsozialismus sowie in Teilen der heutigen „Religionskritik“.

Zu den Semiten zählte schließlich laut Bibel auch der Nomade Abram, später Abraham (Awraham) genannt, der in Genesis 14, 13 auch Hebräer genannt wird. Diese rätselhafte Bezeichnung hat Generationen von Gelehrten beschäftigt. Zunehmend setzt sich aber eine vermutete Verbindung zum akkadischen „hapiru“ durch, mit dem seit der späten Bronzezeit von Syrien bis Ägypten Stadtbewohner auf Fremde, Zuwanderer, Ausgestoßene und Sklaven herab sahen.

Auch hier also betont die biblische Überlieferung, dass Gott sich gerade nicht die Reichen und Mächtigen, sondern die Bedrängten und vermeintlich Schwachen erwählt habe. Erst mit Abraham wurde auch die männliche Beschneidung zum Zeichen des Gottesbundes – weswegen sie für die Kinder Noahs auch nicht vorgeschrieben ist.

Dieser Blogpost enthält Textauszüge aus dem Buch „Die Haredim. Geschichte und Erfolg des ultraorthodoxen Judentums“, sciebooks 2013

HaredimsciebookBlume
Credit: Michael Blume, „Die Haredim“, sciebooks 2013

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

31 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gegen Nicht-Juden gebrauchter „Antisemitismus“ ist dem Schreiber dieser Zeilen unbekannt – ‚Negativ umgewertet wurde dieses Selbstverständnis im rassistischen „Antisemitismus“, der Juden sowie teilweise auch Araber auf ihre ethnische Herkunft festlegte – auch ein Wechsel der Religionszugehörigkeit, etwa durch das Opfern vor römischen Gottheiten oder eine christliche Taufe, änderte an antisemitischem Hass dann nichts mehr.‘ – können Sie diesbezüglich und freundlicherweise belegen?

    MFG
    Dr. W

          • Hier? :

            Negativ umgewertet wurde dieses Selbstverständnis im rassistischen „Antisemitismus“, der Juden sowie teilweise auch Araber auf ihre ethnische Herkunft festlegte – auch ein Wechsel der Religionszugehörigkeit, etwa durch das Opfern vor römischen Gottheiten oder eine christliche Taufe, änderte an antisemitischem Hass dann nichts mehr.

            MFG
            Dr. W

          • Lieber @Webbär,

            Araber fielen beispielsweise auch in NS-Deutschland unter die Nürnberger Rassengesetze und wurden für geringste „Vergehen“ interniert. Zwar war die rassistische Diskriminierung nicht mit der systematischen Vernichtungskampagne gegen die Juden zu vergleichen, auch bemühte sich das sterbende NS-Regime um arabische bzw. muslimische Verbündete und sogar um die Vermeidung des Reizwortes „Antisemitismus“. Doch dass sich der antisemitische Rassismus auch gegen Araber richtete und richtet, sollte bekannt sein – Rassismus richtet sich grundsätzlich gegen alle „Anderen“, weswegen die „neue Liebe“ einiger Rechtsextremisten zum Staat Israel (und also den Arabern als neuem Feindbild) gerade auch dort mit berechtigter Skepsis gesehen wird…

            „Die Nürnberger Gesetze von 1935 bildeten die rechtliche Grundlage für staatliche Verfolgungen, die insbesondere die so genannten „Rassenschande“ unter schwerste Strafe stellten. Zusammen mit Zwangssterilisierungen von „Trägern artfremden Blutes“ gehörten die in den Nürnberger Gesetzen vorgesehenen Strafandrohungen zu den unmittelbaren Konsequenzen der nationalsozialistischen Rassentheorien.

            Staatliche Sondergesetze und der Rassismus der Bevölkerung bildeten den alltäglichen Rahmen, dem sich Araber ähnlich wie andere „nicht-arische“ Menschen ausgesetzt sahen.

            Ein Schwerpunkt des Interesses, das von Höpp verfolgt wurde, bestand darin, die Situation von arabischen Häftlingen in den unterschiedlichen Internierungs- und Konzentrationslagern zu beleuchten.

            Neben den zeitweise über 80.000 nordafrikanischen Kriegsgefangenen, die als Angehörige der französischen Armee in den zahlreichen Stalags und Frontstalags inhaftiert waren, lassen sich in den Quellen für nahezu alle Konzentrationslager arabische und muslimische Häftlinge identifizieren.

            Widerstand, Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg, Sabotage, vor allem aber auch bereits geringste Eigentumsdelikte oder Übertretungen von Regelungen für Fremd- und Zwangsarbeiter dienten zur Begründung ihrer Internierungen.

            Über 450 Personen arabischer, vornehmlich nordafrikanischer Herkunft konnten von Höpp namentlich anhand von verschiedenen Archivalien ausgemacht werden, ihre tatsächliche Zahl dürfte allerdings deutlich höher liegen.“
            http://www.enfal.de/grund73.htm

          • Ja, und ebenso suchte Hitler die Nähe zu sog. „deutschen Christen“ und der katholischen Kirche, solange ihm dies opportun erschien.

            Heutige Rassisten agieren nicht anders, z.B. die Front National in Frankreich, in der Jean-Marie Le Pen weiterhin Juden angeht, während Tochter Marine Le Pen vor allem Araber und Muslime anvisiert.

            Die Versuche, einen vermeintlich „sauberen“ bzw. „akzeptablen“ Rassismus zu konstruieren und dazu die verschiedenen Gruppen gegeneinander auszuspielen, wird es wohl auch weiterhin immer wieder geben. Die Frage ist, ob und welche Leute darauf noch hereinfallen (wollen).

          • Abschließend angemerkt:
            Die Argumentation, dass Araber keine Antisemiten sein können, weil sie selbst Semiten sind, ist dem Schreiber dieser Zeilen bekannt.
            Die Rassenlehre der Nationalsozialisten verfolgte Araber nicht als Moslems.
            Der Begriff des Untermenschen bezog sich direkt auf Juden, Slawen, Zigeuner und Schwarze.

            MFG
            Dr. W

  2. Mir wäre neu das die Verwandschaft der Juden und Araber erst im 18. Jahrhundert entdeckt wurde die fand ja sogar in der Bibel mit dem das Isaak der Stammvater der Juden und Ismael der Araber.

    Also die Verwandschaft war den Leuten im Nahen Osten selbst bewusst. Wobei Antisemit nun wirklich auf die Juden bezogen ist im heutigen Sprachgebrauch, deswegen werden heute auch vor allem Araber als solche bezeichnet.

    • Richtig, @Zoran, die Verwandtschaft von Juden und Arabern auch über Abraham und dessen Söhne war bekannt und z.B. auch schon bei Maimonides ein Thema. Aber selbstverständlich konnte danach noch jede Konvertitin zu einem „Kind Abrahams“ werden. Im Sinne einer biologistischen, (pseudo-)wissenschaftlichen „Rassenlehre“ wurde die Begrifflichkeit erst ab dem 18. Jahrhundert etabliert.

  3. Eine Frage (eines Laien) betreffend der Beschneidung von Nicht-Juden und Zugehörigkeit zum erwählten Volk:

    Ich bin kürzlich über folgende Bibelstelle in der Vulgata gestolpert; ich zeige die Lutherübersetzung:

    Exodus, Kap.12, Verse 43- 49: Und der HERR sprach zu Mose und Aaron: Dies ist die Weise Passah zu halten. Kein Fremder soll davon essen. Aber wer ein erkaufter Knecht ist, den beschneide man, und dann esse er davon. Ein Beisaß und Mietling sollen nicht davon essen. In EINEM Hause soll man’s essen; ihr sollt nichts von seinem Fleisch hinaus vor das Haus tragen und sollt kein Bein an ihm zerbrechen. Die ganze Gemeinde Israel soll solches tun.
    So aber ein Fremdling bei dir wohnt und dem HERRN das Passah halten will, der beschneide alles, was männlich ist; alsdann mache er sich herzu, daß er solches tue, und sei wie ein Einheimischer des Landes; denn kein Unbeschnittener soll davon essen. Einerlei Gesetz sei dem Einheimischen und dem Fremdling, der unter euch wohnt.

    Können nicht also auch Nicht-Juden durch entsprechende Rituale wie der Beschneidung ganz und gar im auserwählten Volk aufgenommen werden und am Gottesbund teilnehmen? Auch wenn sie nicht semitischen Blutes sind?

    Ich hoffe meine Frage ist nicht zu trivial oder fehl am Platz.

  4. Beschneidung ist –>die Handlung, durch die man Mitglied der jüdischen Gemeinde wird. Wer beschnitten wurde, ist Jude. Zu dieser Handlung gehören die kultischen Vorgänge aber unbedingt dazu, sowenig man getauft ist, wenn jemand einem mit Wasser überschüttet.
    Jude sein hat es nicht mit Abstammung zu tun, daß ist eine Vorstellung der Rassenlehre, wie sie von den Nazis umgesetzt wurde (aber in Europa und Amerika im 19. & 20. Jahrhundert weit verbreitet war, heute noch in Asien, va Japan).
    Allerdings gilt man als Jude wenn die Mutter Jüdin ist und(!) man beschnitten wurde. Da meist Mütter den größten Einfluß auf die Kleinkindererziehung haben, ist das eine vernünftige Annahme.
    Also: durch die kultisch korrekte Beschneidung ist man nicht mehr Nicht-Jude, sondern Jude.

  5. @Thalia

    Gerrit Willem-Oberman kam mir schon zuvor, so dass ich nur noch ergänzen kann: Durch eine Konversion (bei Männern mit Beschneidung) werden Nichtjuden zu „Kindern Abrahams“. Juden missionieren nicht, akzeptieren aber freiwillige Übertritte. Entsprechend gibt es Jüdinnen und Juden der verschiedensten Ethnien und Hautfarben. Auch in den Stammbäumen von David und Jesus werden Konvertierte benannt.

  6. Als ich in Israel war, hat uns unsere Sprachlehrerin des Ulpan erklärt, dass die (beschnittenen, gläubigen und praktizierenden) äthiopischen Juden vielerorts innerhalb Israels aufgrund einer Zeit der christlichen Zwangsmissionierung in Afrika nicht als Juden gelten, wegen der nicht-jüdischen Mutter. Wie ist das dann zu erklären?

  7. @Thalia

    Aus dem Judentum kann man durch die Annahme einer anderen Religion auch „austreten“, weswegen z.B. Juden, die Christus als Messias & Sohn Gottes annehmen, meist als Christen, nicht mehr als Juden betrachtet werden.

    Entsprechend war und ist der Status der äthiopischen Juden umstritten. Aber das sefardische Oberrabbinat erkannte sie schließlich als Juden an, so dass Zehntausende in Israel aufgenommen, einige Tausend auch durch Luftbrücken gerettet wurden.

  8. Vermutlich ließen sich die „Erfinder“ der Sintflut sogar von einem realen Ereignis inspirieren. „Die Theorie erhärtet sich, dass die biblische Sintflut auf eine reale Überschwemmung vor 7500 Jahren zurückgeht.“
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/vor-jahren-der-wassersturz-am-bosporus-1.633396

    Auch wenn die Geschichte keinen realen Hintergrund hat, so ist sie doch eine der bekanntesten religiösen Mythen und wird in immer neuen Variationen dargestellt:
    http://www.cultstyles.de/pressebilder/tiernahrung.jpg

    • Die Süddeutsche ist Sensationslüstern, denn die Arche Noah bleibt trotz Ursprung am Schwarzmeer eine Legende. Höchstens die Geschichte von einem Mann welcher seine Familie und Tiere mit einem kleinen Holzboot rettete nach den Jahrtausenden zur riesigen Geschichte die wir heute kennen wurde.

      • Natürlich bleibt die Geschichte der Arche Noah eine Legende. Allerdings weiß man, dass die Geschichten der Bibel oft von realen Ereignissen oder älteren erfolgreichen Legenden inspiriert wurden. Nicht umsonst ist die Bibel das meistverkaufte Buch der Welt und hat unsere Kultur nicht unmaßgeblich beeinflusst. So findet sich das biblische Motiv „Maria mit Kind“ schon in alten ägyptischen Darstellungen (Isis mit Horus). Michael Blume schrieb dazu: „Mit der Schwächung des ägyptischen Reiches ging der Osiris-Kult übrigens keineswegs einfach unter. Vielmehr gewann gerade auch Isis – die liebende Gattin und Mutter, zweifache Schenkerin von Leben – Anhängerschaft quer durch die römisch-griechische Welt und gehörte zu den kraftvollsten, polytheistischen Konkurrenten des aufstrebenden Christentums. So nahm das starke Bild von Isis und Horus, Gottesmutter und Gottessohn, auch spätere Vorstellungen von Maria und Jesus vorweg.“
        http://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/osiris-isis-und-horus/

        • @Mona

          Natürlich bleibt die Geschichte der Arche Noah eine Legende. Allerdings weiß man, dass die Geschichten der Bibel oft von realen Ereignissen oder älteren erfolgreichen Legenden inspiriert wurden.

          klar, und hier zeigt sich halt der Unterschied zwischen Theologen, Religionswissenschaftlern und Naturwissenschaftlern.

          Der Naturwissenschaftler sagt: „Eine Flut, wie sie in der Bibel beschrieben wurde (weltweit, über die Berggipfel, alles Leben mit Odem außerhalb der Arche vernichtet), hat es nie gegeben.“ Falls er nicht religiös ist oder zuviel Zeit hat, geht er dann einfach wieder seinen Geschäften nach.

          Der Religionswissenschaftler sagt: „Flutlegenden findet man weltweit, sogar bei Völkern, die gar nicht in der Nähe des Meeres gelebt haben, viele Elemente dieser Erzählungen findet man in der Bibel. Diese Legenden wurden immer wieder unterschiedlich interpretiert.“ Dann ist er in seinem Element und macht seinen Job.

          Der Theologe hat ein Problem, denn er muss nun noch zusätzlich zeigen, dass das alles nicht dem widerspricht, was seine Gottesvorstellung aussagt (ein als allgütig angesehener Gott vernichtet Unschuldige und die Tierwelt) und was wir daraus lernen sollen (ich kenne mich in Theologie nicht aus, auf den ersten Blick könnte man lernen, dass man Gott gehorchen soll, weil sonst ganz schlimme Dinge passieren, aber das dürfte aus Sicht eines Theologen wohl etwas zu naiv sein).

          • @Thomas Waschke

            Den Ausführungen kann ich nur zustimmen und in Ihrem letzten Absatz sprechen Sie ein interessantes Thema an. Wie ich oben bereits schrieb, ist die Bibel das meistverkaufte Buch der Welt. An zweiter Stelle steht die Zitatensammlung von Mao Zedong, die sogenannte Mao-Bibel, und an dritter Stelle das „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Karl Marx und Friedrich Engels. Wie man sieht verkauft sich Erbauungsliteratur und Ideologie besonders gut.

            Eines der beliebtesten Kinderbücher zum Thema Glaube und Religion dürfte die Arche Noah sein, das es in unzähligen Variationen gibt. Der Grund ist sicher, dass das Thema vor allem als Bilderbuch einiges hergibt, weil man die Arche und die vielen Tiere wunderbar bunt darstellen kann. Die Moral von der Geschichte ruft allerdings einiges Unbehagen hervor, denn sie trieft regelrecht vor Selbstgerechtigkeit und klammert völlig aus, dass z.B. Jesus nicht als alttestamentarischer Rachegott auftritt, sondern auch Barmherzigkeit lehrt.
            http://de.wikipedia.org/wiki/Barmherzigkeit

        • Ich kenne zwar diese Vergleiche aber wirklich Naheliegend sind sie nicht. Eine Mutter hat jeder da muss nicht noch Isis als Vorlage gedient habe und nein Isis war keine Jungfrau was man bei vielen im Net sieht.

          Isis ist eine Göttin in der ägyptischen Mythologie, was man von Maria freilich nicht behaupteten kann.

          • @Zoran Jovic

            Erfolgreiche Geschichten fanden durch die Jahrhunderte immer wieder Anhänger. Wobei natürlich jedes Volk seine eigenen Helden oder, wie im Falle Marias, Göttinnen haben wollte. In kath. Ländern wird Maria durchaus als Himmelskönigin verehrt und deswegen häufig auch mit einer Krone dargestellt.
            http://wien.karmel.at/var/cms_site/storage/images/media/images/gottesm_krone_neu3/21964-1-ger-DE/gottesm_krone_neu_large.jpg

            Auf vielen Darstellungen trägt auch das Jesuskind eine Krone, weil es Im 2. Buch Mose, Kapitel 15 Vers 18 heißt: „Der Herr wird König sein immer und ewig!“
            http://i.ebayimg.com/t/Mutter-Gottes-Madonna-Krone-Zepter-Kind-ca-12-cm-Hl-Maria-/00/$%28KGrHqIOKo0E32%29oY9r!BOKoNEuDJg~~0_12.JPG

            Es gibt sogar Leute, die behaupten, dass sich die Geschichten von Horus und Jesus ähnlich seien:
            http://www.mormonen-wissen.de/Jesus-und-Horus-_-Parallelen.htm

            Auch wenn man die Religion verlässt, so gibt es Gestalten, die tief in unserer Kultur verankert sind und denen wir in der einen oder anderen Ausprägung immer wieder begegnen. C. G. Jung nannte sie Archetypen, weil sie im kollektiven Unterbewusstsein des Menschen verankert sind.
            Rüdiger Sünner, der hier manchmal auch kommentiert, schrieb darüber mal einen interessanten Artikel:
            http://www.ruedigersuenner.de/drachen.html

          • Mir geht es aber um Isis und da sind die Gemeinsamkeiten entweder ganz Allgemein (Mutter und Sohn) oder aus den Finger gesogen.

            – Den Kopfschmuck von Isis kann man als Krone interpretieren muss sie nicht.
            -Isis ist die Göttin der Geburt (einzige Gemeinsamkeit mit Maria) aber nicht des Himmels sondern des Totenreichs.

            Verstehe nicht was die Krone mit Isis und Horus zu tun hat.

            Es gibt Leute die den Vergleich mit Horus und Jesus machen, woher die aber diese Behauptung haben, ist jedenfalls fraglich jedenfalls nicht von Ägyptologen. Entweder haben diese Quellen die der akademischen Ägyptologie nicht zugänglich sind oder einer hat sich dies aus den Finger gesaugt und die anderen plappern nach. Wahrscheinlich ist es das Zweite.

            Ich kritisiere die Verbindung zwischen Isiskult und Christentum so einfach ist es nämlich nicht, natürlich weiß ich das es Gestalten gibt die in allen möglichen Kulturen auftauchen.

  9. Um eine Überschwemmung zu erleben muss man wahrlich nicht am Meer leben – auch Flüsse können verheerendes anrichten. Daher wirkt die Feststellung, es habe tatsächlich schon mal eine Flut gegeben arg lächerlich. Fluten gibt es ständig und überall. Der Mensch siedelt nämlich gerne am Wasser aus vielfältigen Gründen, die ich bei Bedarf gerne aufzählen kann, wenn auch nicht vollständig.

    Fragwürdig ist auch die Verwunderung darüber, dass Gott die ganze Schöpfung im Blick habe. Wer glaubt, dass die Erde Teil einer göttlichen Schöpfung ist, der unterstellt das doch von vorneherein, oder kann man etwas schöpfen ohne es im Blick zu haben?

    Einen Katastrophengattung wird exemplarisch aufgebauscht. Die schlecht verstandenen Ursachen werden einer Absicht zugeschrieben, wodurch sich die Hoffnung begründet, man könne das Schicksal durch gottgefälliges Leben beeinflussen. Die verheerende Folge solchen Denkens über verdiente Krankheiten und allfälliges Sündensuchen bei Katastrophen zeigen, dass die Bibel vor allem als abschreckendes Beispiel Qualität hat.

  10. @Zoki55

    Nochmal: Die Menschen übernahmen oft bestimmte erfolgreiche Vorstellungen aus der Geschichte oder auch aus anderen Kulturkreisen. Diese passten sie dann ihren eigenen Vorstellungen an oder entwickelten sie weiter.

  11. Zu Isis mit dem Horusknaben und Maria mit dem Jesuskind:

    Es gibt spätägyptische Darstellungen von Isis mit dem Horusknabe auf dem Schoß. Diese könnten motivisch Vorbild für die Darstellungen von Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß gewesen sein. Die frühchristliche Ikonographie musste sich erst entwickeln, dabei wurden auf heidnische Motive und Schemata zurückgegriffen und diese angepasst.
    Dabei konnte es auch zu einer Art von Assimilierung oder Aneignung heidnischer Vorstellungen kommen, z.B. in dem Sinne, dass sich in manchen heidnischen Ideen schon eine Ahnung der christlichen Wahrheit fand.
    Ob das bei Isis und Maria stattgefunden hat, kann ich nicht sagen, vielleicht fehlen auch einfach die Quellen, um das genauer zu untersuchen, vielleicht müsste man es mal genauer untersuchen, ich bin kein Spezialist.

    „Himmelskönigin“ ist ein Titel Marias in der katholischen Kirche, siehe hier:
    http://www.kathpedia.com/index.php?title=Ad_caeli_reginam_%28Wortlaut%29#Die_Zeugnisse_der_V.C3.A4ter_und_P.C3.A4pste

    Vielleicht ist der Titel „Himmelskönigin“ für Maria unter anderem auch als eine Aneignung zu Isis als Allgöttin entstanden. Apuleius spricht im „Goldenen Esel“ Isis auch als Himmelskönigin an.

    Diese Ähnlichkeiten können mehr als Zufall sein, bekanntermaßen wurden heidnische Tempel und Heiligtümer in Kirchen umgewandelt und dabei auch gewisse Traditionen gewahrt, der Parthenon wurde zum Beispiel eine Kirche der Jungfrau Maria.

  12. Pingback: Die Gefahr durch Religion(en) – Not in God’s Name von Rabbiner Baron Jonathan Sacks › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben