Mit Kindern über Attentate sprechen? Gastbeitrag von Marion Mahnke

Kaum hatte ich mir einige Tage #Blogpause vorgenommen, explodierten sich die Terrorattentate von Paris in unsere westlichen – auch meine – Wahrnehmungen. Nicht, dass der Terror je weg gewesen wäre – doch in den vergangenen Wochen trafen die Bomben und Selbstmordattentäter Menschen in Beirut und Ankara, in Baghdad oder Kafranbel (usw.) und töten Dutzende, Hunderte von Menschen, ohne wirklich in unseren Alltag zu dringen. Doch jetzt ist der Terror auch „bei uns“, in einer Hauptstadt Europas, in unserem Nachbarland angekommen. Marion Mahnke ist Religionswissenschaftlerin und Pädagogin, tätig als Coach, und sie bot mir und damit uns den folgenden Gastbeitrag an. Solange Marion möchte, werde ich auch den Kommentarbereich moderieren.

marion_mahnke

„Marion – was sagst Du Deinen Kindern über Paris?“ werde ich heute morgen per SMS gefragt. Das kommt nicht unerwartet : Man sollte meinen, dass ich bei meinem Hintergrund bestens gerüstet wäre, meinen Kindern die Anschläge in Paris vom 13.November 2015 zu erklären.

Als Coach fällt es mir normalerweise leicht die richtigen Worte und treffende Vergleiche zu finden. Als Religionspädagogin gehört Seelsorge zu meinem Handwerkszeug und kindgerechtes Erklären ist ebenso ein wesentlicher Bestandteil (sozial-)pädagogischer Arbeit. Und nicht zuletzt kann man von einer Religionswissenschaftlerin durchaus erwarten solche Ereignisse korrekt einordnen zu können.

ABER: Über DIESE Ereignisse mit Kindern sprechen?

Auch mir fällt es heute morgen schwer, gute Worte zu finden. Dennoch: Ich bin überzeugt davon, dass Kinder über solche Dinge am Besten von ihren Eltern hören. Daher schreibe ich diesen Artikel für alle, die überlegen ob oder wie sie mit ihren Kindern darüber reden wollen. Ich bleibe heute sehr bei mir, meinen Kindern und meinen Überzeugungen – und hoffe, dass es dem ein oder anderen hilft seine eigene Position und seine eigenen Worte zu finden.

Im Angesicht dieser Ereignisse sind wir alle nur Menschen. Ich schreibe nicht als Coach, als Pädagogin oder Wissenschaftlerin. Ich schreibe heute als Mutter für andere Eltern. Und daher nehme ich mir die Freiheit meine LeserInnen heute einfach mal zu Duzen – denn heute sind wir alle nichts als Eltern, die denselben Auftrag haben: Ihren Kindern helfen unaussprechliche Schrecken in einer unsicheren Welt zu begreifen und einzuordnen.
Der Artikel untergliedert sich in folgende Abschnitte:
1) Warum mit Kindern über schreckliche Ereignisse reden?

2) Was sage ich meinen Kindern über terroristische Anschläge – und vor allem WIE sage ich es??

3) Dürfen wir diese komplexen Ereignisse vereinfachen? Dürfen wir unseren Kindern vorgaukeln, die Welt wäre sicher?

Ich freue mich über Rückmeldungen unter kontakt@marion-mahnke.de. Erzählt mir, wie ihr mit euren Kindern geredet habt und welche Worte in eurer Familie geholfen haben! Doch nun zur eigentlichen Frage:

 

  1. Warum sollten wir wir mit Kindern überhaupt über diese schrecklichen Ereignisse reden?

 

Man könnte meinen, dass es besser wäre, die heile Kinderwelt möglichst lange zu bewahren. Kinder nicht mit Dingen zu konfrontieren, die schrecklich, grausam und unfassbar sind.

 

Aber: Sie kriegen es sowieso mit! Und besser, wir als Eltern steuern was als Erstes beim Kind ankommt. Nur dann können wir ihnen helfen, die Dinge richtig einzuordnen.

 

Wenn erstmal im Kindergarten oder der Schule Ängste oder Vorurteile geschürt werden ist es schwer gegenzusteuern. Zumal die Kinder oft nicht erzählen, was der Grund ihrer Angst ist, wenn sie abends im Bett liegen und die Kindergarten- oder Schulhofgespräche nachklingen.

 

Noch schlimmer aber ist es, wenn die Kinder „Gesprächsfetzen“ von Erwachsenen mitbekommen, die gar nicht für sie bestimmt sind. Oft formen sich aus diesen Teilgesprächen Bilder, die wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben. Wenn eine 11jährige etwa im Bus mitbekommt, dass einige Erwachsene sich sehr besorgt über den Terrorismus äussern und sagen, dass „man ja nirgends mehr sicher ist“, dann kann das sehr beängstigend sein.

 

Kinder bekommen sehr viel mit – aber können es noch nicht gut einordnen.

 

Daher – auch wenn es schwer fällt: Sprecht mit euren Kindern über die Ereignisse in Paris! Helft ihnen die Geschehnisse einzuordnen! Beugt Vorurteilen vor! Und vor allem: Helft ihnen zu verstehen, ob sie heute Angst haben müssen!

 

  1. Was sage ich meinen Kindern über terroristische Anschläge – und vor allem WIE sage ich es??

 

Ich erzähl einfach mal, was ich meinen Kindern gesagt habe. In Schriftdeutsch aufgeschrieben klingt es etwas hölzern – am Frühstückstisch kommt es natürlich anders rüber. Aber ich verdichte das Ganze einfach, denn letztlich muss jeder den Inhalt ja doch in eigenen Worten widergeben, damit es authentisch ist.

 

Zunächst habe ich eine Situation gewählt, die undramatisch ist: Den Frühstückstisch. Es geht hier um etwas Schlimmes – aber es ist (für das kindliche Erleben) nicht so dramatisch wie der Tod eines nahen Angehörigen. Die Situation soll vermitteln: Das Leben geht weiter – es ist keine Katastrophe, die für euch persönlich Auswirkungen hat! Dann habe ich in etwa formuliert:

 

„Heute Nacht ist etwas sehr Schlimmes passiert. In Paris haben ein paar Leute Attentate begangen. Es sind Terroristen und sie haben dabei viele Menschen verletzt und getötet.Das ist eine schreckliche Sache. Aber ihr sollt wissen, dass das Dinge sind, die gelegentlich passieren. Genau wie Unfälle. Sowas ist schrecklich und kann passieren. Aber wir brauchen nicht davon ausgehen, dass es UNS auch passiert.

 

Terroristen wollen Aufmerksamkeit. Deshalb suchen sie sich meist Ziele wo die Menschen hinschauen. Berühmte Orte zum Beispiel. Oder eben Ereignisse wo Fernsehen und Zeitungen sowieso schon da sind um zu berichten.

 

Und sie wollen möglichst viel Schaden anrichten, damit die Menschen sich fürchten und Angst vor ihnen haben. Sie glauben, dass die Menschen dann das machen was die Terroristen wollen.

 

Gestern gab es ein wichtiges Fussballspiel in Paris. Die Terroristen wollten vermutlich den Ort angreifen, wo das Spiel stattfand. Weil da schon eine Menge Kameras waren und sie damit viel Aufmerksamkeit bekommen. Und weil da viele Menschen sind, denen sie schaden können und dann alle anderen auch Angst haben. Das hat Gottseidank nicht geklappt!

 

Die Sicherheitskräfte haben dafür gesorgt, dass das Fußballspiel sicher war. Deswegen haben die Terroristen an anderen Orten Attentate gemacht und Leute gefangen genommen. Aber sie konnten nicht so viel Schaden anrichten wie sie wollten.

 

Terroristen sind Verrückte. Deswegen kann man nicht verstehen wieso sie Angst und Schrecken verbreiten wollen. Manche denken, das hat was mit Religion zu tun. Das stimmt aber nicht. Manchmal wir von den Chefs der Terroristen Religion benutzt, um die Leute, die den Anschlag machen sollen zu beruhigen und zu kontrollieren. Die Chefs der Terroristen sagen dann: „Gott will, dass du den Anschlag machst. Wenn du dabei stirbst kommst du sofort zu Gott!“. Nur Verrückte glauben sowas! Die Attentäter machen solche Anschläge nicht, weil Gott das will, sondern weil sie verrückt genug sind ihren Chefs so einen Quatsch zu glauben. Die allermeisten religiösen Leute sind aber nicht verrückt, sondern ganz normal. Deswegen brauchen wir auch keine Angst vor Religion zu haben. Und wenn es Gott gibt, dann findet er solche Dinge bestimmt selbst total schrecklich! Das sagen auch alle Menschen die religiös sind ohne verrückt zu sein.

 

Das Ziel der Attentäter ist es einfach möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten. Und deswegen suchen sie sich 1) berühmte Orte oder 2) wichtige Ereignisse und 3) grosse Menschenmengen, damit sie viel Schaden anrichten können.

 

DESWEGEN können wir uns in unserem Alltag sicher fühlen. Euer Kindergarten und Eure Schule sind für diese Attentäter viel zu klein. Unsere Stadt ist für Attentäter gar nicht so interessant. Und hier finden auch keine Großereignisse statt.

 

Ihr braucht euch also keine Sorgen zu machen: Die Wahrscheinlichkeit, dass sowas hier bei uns passiert ist sehr gering. Attentäter wollen sicher sein, dass sie großen Schaden anrichten und viel Aufmerksamkeit bekommen. Und deswegen suchen die sich andere Ziele aus als die Orte wo wir uns meistens aufhalten.

 

Aber: Es ist normal, dass man Angst hat, wenn solche Dinge passieren. Genau das wollen die Attentäter. Und deshalb ist das Beste was wir tun können: KEINE ANGST HABEN!

 

Was dabei hilft ist Folgendes:

1) Redet mit vernünftigen Erwachsenen darüber – nicht mit Kindern oder Menschen die ihr nicht gut kennt.

2) Denkt daran, dass es nur ganz wenige verrückte Menschen gibt. Wir dürfen darauf vertrauen, dass die allermeisten Leute genauso normal und liebevoll sind wie wir selbst.

3) Erinnert euch daran, dass es zwar schlimme Schurken geben mag – aber dass da draussen auch viele Polizisten, Feuerwehrleute und Sicherheitsexperten echte Helden sind. Sie können nicht ALLE Attentate verhindern, aber sie sorgen dafür, dass sowas nur sehr selten geschieht.

4) Macht euch klar, dass Terroristen meistens Attentate machen, wenn viele Leute an einem Ort

 

  1. Dürfen wir diese komplexen Ereignisse vereinfachen?

            Dürfen wir unseren Kindern vorgaukeln, die Welt wäre sicher?

Ich kann mir vorstellen, dass einige einwenden werden, dass dies doch arg vereinfacht ist. Dass in Israel und an vielen Orten der Welt Terrorismus eben doch zum Alltag gehört. Dass Großstädte jederzeit potentielle Ziele sind. Dass die Motive der Terroristen und die religiösen Hintergründe differenzierter betrachtet werden müssen.

Das stimmt. Aber hier geht es um Kinder. Und sicher: Es ist nicht akzeptabel die Dinge unzulässig zu vereinfachen – aber hier geht es nicht um wissenschaftliche Genauigkeit und allumfassende Korrektheit. Das KANN ich auch – es hilft bloß nichts, wenn man mit kleinen Leuten redet.

Ich habe hier versucht Worte zu finden, die meinen Kindern helfen. Worte, die die Gefahr, die hier für uns besteht nicht negiert – aber sie auf ein realistisches Maß reduziert.

Die Welt ist nicht völlig gut. Und wir können nie völlig sicher sein. Aber gilt das nicht auch für Unfälle, Krankheiten und andere schreckliche Ereignisse? Realismus und Optimismus ist das Einzige, was gegen übermäßige Angst hilft, die uns zu verschlingen droht, wenn solche Berichte die Medien dominieren.

Ja – wir müssen Differenzieren. Als Erwachsene. Doch Kinder verstehen das noch nicht. Deswegen tun wir das, was wir als Eltern tun müssen: Unseren Kindern die Sicherheit zurück geben!

 

Die Angst, die bei Kindern durch Presseberichte und Gespräche mit anderen Kindern oder Mitgehörtem bei Erwachsenengesprächen geschürt wird, ist oft unverhältnismäßig hoch. Entsprechend eindeutig dürfen wir ihr Grenzen setzen.

Denn sonst haben diese Terroristen ihr Ziel erreicht: Angst und Schrecken zu verbreiten!

Vielleicht können diese Attentate uns daran erinnern, wie wichtig es ist Aggression, Wut und Zerstörung Einhalt zu gebieten! Wenn wir durch diese schrecklichen Ereignisse lernen einander mehr zu schätzen, liebevoller und freundlicher miteinander umzugehen, miteinander zu trauern, zu lieben, zu lachen, dann hat der Terror nicht gewonnen. Nehmen wir ihm die Macht! Denn ob er uns das Fürchten oder das Lieben lehrt – das entscheiden immer noch wir selbst!

Das Leben geht weiter: Lasst es uns mit Vertrauen, Liebe und Anteilnahme füllen!

 

Ich wünsche Euch allen gute Gespräche mit Euren Kindern!

Behaltet den Mut und das Vertrauen in die Menschheit!
Und nehmt Eure Kinder heute Abend fest in den Arm!

Eure
Marion Mahnke

Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Solange man Kindern Attentate noch erklären muss, ist man noch gut dran. Schlimmer ist es wenn man (in andern Ländern, hier nicht) Kindern erklären wuss warum es zum Beispiel in den letzen beiden Monaten keinen Terroranschlag gegeben hat und wenn die Kinder fragen ob die Terroristen auch Ferien machen.

    • Sehr geehrter Herr Holzherr,
      – da haben Sie natürlich absolut Recht! In diesen Situationen wird man andere Worte finden müssen. Letztendlich stehen wir immer vor der Herausforderung unseren Kindern die Welt zu erklären, die ihre individuelle Wirklichkeit darstellt. Eine universalgültige Antwort gibt es nicht. Weder für die Kinder in Palästina, noch für jene in New York, den Slums von Manila oder jenen in Bad Iburg ….. Wir können nur versuchen das aktuelle Erleben vor Ort so gut wie möglich zu begleiten und einzuordnen. Deswegen habe ich – auch aus der Betroffenheit des Tages – als Mutter geschrieben und erzählt, was ich generell für wichtig halte und was ich konkret meinen Kindern erzählt habe.

      Und ja: Sobald sich die Situation ändert, werden wir neu denken, neu sprechen, neu erklären müssen …

      • Ja, Kinder sollten situationsgerecht informiert werden. Zudem sollten in erster Linie ihre Fragen beantwortet werden. Nicht alles was den Erwachsenen durch den Kopf geht ist für Kinder wichtig.

        How to Talk to Children About Terrorism war übrigens ein Thema in sehr vielen Zeitungen, unter anderem NYT, Hufington Post und auch in vielen deutschsprachigen oder französischsprachigen Zeitungen.

  2. Kindern könnte gesagt werden, dass es böse Menschen gibt und dass es das Böse gibt, manifestiert in Wort und Tat, und dass böse Menschen nicht verrückt sein müssen.
    In concreto und bspw. von Beslan muss ihnen nichts erzählt werden, sollte wohl auch nicht.

    • PS:
      Im Gast-Artikel steht es für das Verrückte gegen das Böse, die Zählung des Vorkommens der Adjektive betreffend: 6 : 0

    • Sehen Sie wirklich einen so großen Unterschied zwischen „Böse“ und „Verrückt“? Um ehrlich zu sein: Ich nicht! Menschen mutwillig Leid zuzufügen ist für mich nicht normal – es ist für mich ver-rückt. Um die Idee zu haben, dass die Tötung eines Menschen gottgewollt ist oder dass es für diesen Menschen die gerechte Strafe oder sogar eine Erlösung sei ihn zu töten – das ist für mich verrückt.

      Man könnte auch sagen, es wäre „böse“. Aber ist das wirklich so ein Unterschied? Die Böse Hexe bei Schneewittchen war verrückt, Rumpelstilzchen wohl auch – ich glaube es gibt Verrückte, die nicht Böse sind – aber böse Menschen sind wohl immer auch ein bischen verrückt.

      Aber: Ich habe mich in diesem Artikel in der Tat nicht um einen wissenschaftlichen Sprachgebrauch bemüht und keine Definition gebracht, wie ich die Begriffe verstanden wissen möchte. Ich glaube aber, das war durch meine Einordnung, dass ich als Mutter schreibe und den Zeitpunkt des Posts sowieso allen klar. Dieser Text sollte eine konkrete Hilfestellung an einem Tag sein, an dem es eigentlich keine Worte gibt – wir sie aber für unsere Kinder brauchten. Wissenschaftlich korrekte Einordnungen der Situation mit genau durchdachten Begrifflichkeiten können später in Ruhe folgen.

      • @ Frau Mahnke :

        Sehen Sie wirklich einen so großen Unterschied zwischen „Böse“ und „Verrückt“? Um ehrlich zu sein: Ich nicht! Menschen mutwillig Leid zuzufügen ist für mich nicht normal – es ist für mich ver-rückt.

        Vielen Dank für Ihre Nachricht oder Reaktion.

        Eine vorschnelle Annahme, nämlich dass bestimmtes Verhalten ‚verrückt‘ sei, verbaut die alternative Bearbeitung, nämlich dass bestimmtes Verhalten böse sein könnte.

        Verrückte müssen nicht böse sein, Böse nicht verrückt.

        Diesen Unterschied zu bearbeiten ist im Polit(olog)ischen essentiell, wohl ebenfalls essentiell, wenn es darum geht Offene Gesellschaften zu pflegen und zu erhalten.

        Davon abgesehen dankt der Schreiber dieser Zeilen, der auch schon Kinder aufzuziehen hatte, Enkel werden ja nicht mehr direkt aufgezogen, >:-> , Ihnen natürlich für Ihre Überlegungen, wie Kinder zu benachrichtigen sind, wenn „draußen was ist“; das ist ein ganz spannender Punkt, denn umfangreiche Theoretisierung kann Kindern und Heranwachsenden noch nicht vermittelt werden.
        Die Lüge mögen Sie dankenswerterweise auch nicht. [1]

        MFG
        Dr. W

        [1]
        Was Kindern und Heranwachsenden erst einmal genügen könnte, als Information.

        Korrekt bleibt ansonsten natürlich schon, dass die eigentliche Gefahr des Terrorismus nicht darin besteht, dass es zu vorzeitigem Ableben kommen könnte – dies wäre auch bspw. bei Haushalts- und Verkehrsunfällen, wie auch bei unpolitischer Kriminalität der Fall -, sondern dass unter Androhung und Ausübung von Gewalt bestimmte politische Ziele erreicht werden sollen, so die übliche Terrorismus-Definition, was sehr gesellschaftsschädlich ist, wobei auch Abwehrmaßnahmen (!) dbzgl. gesellschaftsschädlich sind.

  3. Anna Reimans SPON-Beitrag: Anschläge in Paris: Mit Kindern über Terror reden hat das gleiche Thema wie der Beitrag hier.

    Früher in den 1980er Jahren war man noch nicht so sensibel was den Einfluss von Schreckensszenarien und Erwachsenenthemen auf die Kinderseele angeht, meint Anna Reiman:„In der Schule war die Gefahr durch Atomkraft ein großes Thema. Wir haben grausame Bücher darüber gelesen. Im Nachhinein finde ich: Uns Kindern wurden damals zu viel zugemutet. „

    Heute fehle den meisten Eltern (zum Glück) die eigene Kriegs- oder Terrorerfahrung und eine Stellungnahme sei deshalb auch für Eltern schwierig. Sie rät jedenfalls davon ab, Kindern allzu realistische Bilder vorzusetzen und empfiehlt auch einmal eine Notlüge der Form: „Uns hier (in Deutschland) passiert das nicht, auf uns passt man auf.“

    • @ Herr Holzherr :

      ‚Sie rät jedenfalls davon ab, Kindern allzu realistische Bilder vorzusetzen (…)‘

      Märchen haben jedenfalls ausgedient, wenn sie auch oft nicht ‚realistisch‘ waren, sondern in Bildern das Böse beschrieben.
      Das Böse bildlich zu beschreiben, ist wohl ebenfalls dabei auszudienen, stattdessen wird verstärkt psychologisiert und deutlich weniger moralisiert.

      Schwierig, die Sache mit den Verrückten draußen wirkt ja auch nicht sonderlich beruhigend, oder? Lügen geht natürlich, am besten: in Not, aber irgendwann im Laufe der Bildung, Kinder werden ja auch größer, könnte vielleicht doch aufgeklärt werden…

      MFG
      Dr. W

    • Solcherlei Äusserungen halte ich für absolut fahrlässig! Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die nächsten Attentate kommen werden – auch in Deutschland – ist nicht von der Hand zu weisen! Und schon jetzt erleben unsere Kinder auf Bahnhöfen und Innenstädten erhöhte Polizeipräsenz mit Maschinengewehren – sie SEHEN und SPÜREN, dass sich was verändert hat. Dass die Bedrohung für die Erwachsenen offenbar doch nicht so eine Bagatelle ist.

      Kinder sind nicht dumm. Aber wenn die Eltern derart abwiegeln kommen die Kinder nicht mehr mit ihren Fragen und Sorgen.

      Das Schlimme an einem absoluten Satz wie „Uns hier passiert das nicht, auf uns passt man auf“ ist, dass er das Vertrauen in die Integrität und in die Kompetenz der Eltern zerstört, falls die Realität in ad absurdum führt.

      Wenn die Welt unserer Kinder (und unsere eigene) auch aus den Fugen geraten mag, so ist es doch umso wichtiger, dass unsere Kinder darauf vertrauen können, dass wir sie nicht anlügen. Ist zumindest meine Überzeugung. Ich würde nicht darauf wetten, dass uns das „nicht passiert“ oder dass man „auf uns aufpasst“ …. Aber ich sage schon, dass ich glaube, dass das Risiko gering ist, dass wir persönlich (und damit meine ich die engste Familie, denn das ist es was die Kinder bewegt) betroffen sein werden.

  4. Pingback: Wie können wir mit Kindern über Paris reden - und dem Terror?

  5. Ich habe hier versucht Worte zu finden, die meinen Kindern helfen. Worte, die die Gefahr, die hier für uns besteht nicht negiert – aber sie auf ein realistisches Maß reduziert…

    Das halte ich für richtig, denn es nimmt die Angst. Die realistische Gefahr ist nämlich äusserst gering, so gering, dass die Warnung vor dem unachtsamen überqueren der Strasse tatsächlich die viel grössere Gefahr adressiert. Das gilt, solange die Sache nicht eskaliert und wesentlich grössere Dimensionen annimmt.

  6. Als Mutter zweier Kinder, 5 und 10, bin ich genau so ratlos.
    Auch ich habe, wie viele Kinder meiner Generation (Jahrgang 71) 3.-Weltkrieg-Szenario-Kinder(!)-Bücher gelesen, Atomangst, Schewenborn, auch Nöstlinger-Klassiker wie „Maikäfer flieg“ (ok., 2. Weltkrieg) mit sehr drastischen, trockenen Beschreibungen von weggesprengten Gliedmaßen und Granatsplittern. Sehr ehrlich. Sehr plastisch. Für mich ein Brett. Steckte mir jahrelang in den Knochen, auch da stimme ich der Spiegel-Autorin zu: Für MEINE Kinderseele war das zuviel. Also keine Tagesthemen-extra und Brennpunkte bei uns. Bilder sind machtvoll.

    Zu oben: „Es gibt Verrückte, die machen sowas“ ist ehrlich. So ist die Welt. Und gleichzeitig erschüttert das genau eins: Das Urvertrauen. Das Verrückte ist unberechenbar.

    Und zu „das passiert bei uns nicht, weil unsere Stadt ist zu klein und uninteressant“ – schön, wenn man das sagen kann.

    Was aber, wenn wir in der Hauptstadt leben, übermorgen vom Berliner Hauptbahnhof mit dem ICE die Großeltern in der nächsten Großstadt besuchen und Papa im übrigen Dauerkarten für sich und die Kinder im Olympiastadion hat? Und ach so, zum Weihnachtsmarkt wollten wir ja auch noch …

    So ist das Leben und so war es schon immer.
    Und gleichzeitig ist es das allererste Bedürfnis einer jeden Mutter, eines jeden Vaters: Ich will mein Kind beschützen. Vor allem. Vor allem davor, dass es leidet. Oder dass das Schicksal zuschlägt.

    Dass es nicht in seinem Babybettchen einfach stirbt, dass es nicht mit dem Laufrad vor meinen Augen über die Straße rollt, dass es nicht im allerersten Vollrausch auf Hauptstadtdächern rumklettert, an Drogen stirbt, zum Selbstmordattentäter wird.

    Und immer wieder eine weitere Lektion darin: Nein, das kann ich nicht. So funktioniert die Welt nicht. Auch wenn ich es noch so sehr wollte. Du lebst Dein Leben.
    Alle Eltern kennen das Gefühl dieser Urängste, die da berührt werden. Die unserer Kinder – und unsere eigenen auch.
    Ein Dilemma – oder auch unendlich frei.

    Langer Rede kurzer Sinn – vermutlich gibt es keine Lösung, auch das gehört manchmal zum Leben. Manche Dinge sind einfach zu groß für alles Vorstellbare. Oder zu verrückt.

    • Das Gute ist: die Verrückten sind eine kleine Minderheit. Die allermeisten Menschen, denen man in der Stadt über den Weg läuft, sind anständig, normal und vernünftig und wollen einfach nur ihr Leben leben wie jeder von uns das seine.
      Das Schlechte ist: die Verrückten sind immer noch rational genug, immer dort zuzuschlagen, wo sie am wenigsten Gegenwehr zu erwarten haben. Es hat schon öfter Amokläufe in schulen gegeben, aber noch nie in einer Bundeswehrkaserne. Der Germanwings-Copilot hat sich darauf verlassen können, daß die Cockpit-Tür stabil genug war, die demokratische Mehrheit derjenigen, die nicht sterben wollten, volle 8 Minuten lang auszusperren. Anders B. Breivik war auf Ütoya der einzige Mensch mit Schußwaffe und hat sofort aufgegeben, als bewaffnete Polizisten auf die Insel kamen. Die Autoren von Charlie Hebdo waren nur mit Stiften und Computern bewaffnet, aber nicht mit Faustfeuerwaffen.

      Es ist nunmal immer der Angreifer, der Ort und Zeit des Geschehens bestimmt.

    • Liebe Greta,

      ich denke, da sind wir sehr nahe beieinander. Auch ich habe diese Bücher gelesen und auch ich habe schon die Lebenserfahrung machen müssen, dass wir unsere Kinder nie vor allem beschützen können.

      Was meinen Schwachpunkt angeht – da gebe ich Ihnen Recht: Ich bin in der Tat bei mir geblieben – in der Kleinstadt, in der das Risiko sicher erheblich kleiner ist als auf Gesamtdeutschland bezogen.

      Und ich müsste lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass wir Provinzler in der letzten Wochen unsere Stadt erheblich attraktiver finden, als vor den Anschlägen. Auf einmal erscheint die Belanglosigkeit der Kleinstadt direkt als Vorzug.

      Nichtsdestotrotz: Ich denke auch in den Groß- und Hauptstädten sind die Risiken derzeit guten Gewissens als kalkulierbar zu betrachten – insbesondere für unsere Kinder, deren Lebensmittelpunkt selten Flughafen, Olympiastadion oder ähnliches ist.

      Bei meinem Aufenthalt in Israel vor einigen Jahren habe ich von meinen einheimischen Begleitern eines gelernt: Gefahr ist nie absolut. Sie ist tagesaktuell und man muss sie stets von neuem Einschätzen. Ob man an Großveranstaltungen teilnimmt, ob man sie mit Kindern wahrnimmt – das muss man jeden Tag neu entscheiden.

  7. Hallo Frau Mahnke,

    haben Sie die letzte Folge der ZDF-Kindersendung „Logo“ gesehen?

    Es gab darin einen Clip indem Kindern die Anschläge in Paris erklärt wurden. Der Clip dauerte weniger als 2 Minuten. Die Folge wurde aus der ZDF-Mediathek genommen und wird nun überarbeitet.

    Es ging um den Punkt warum die Terroristen wütend auf Frankreich sind und um Frankreichs Kolonialgeschichte. In dem Clip wurde so verkürzt und vereinfacht, dass der Eindruck entstand Frankreich sei selber schuld an den Anschlägen – sagen die Kritiker.

    Ich habe die Sendung nicht gesehen.

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  9. Ludwig Trepl

    Und was sagen Sie denn den Kindern, die ganz normal reagieren: cool, wie im Film. Na, das sagen die normalen Kinder wohl doch nicht, denn der Film ist so schnell nicht zu überbieten. Was ist denn schon so ein Attentat in Paris gegen eine Attacke eines Raumschiffs – Rumms, und schon ist wieder ein Planet pulverisiert. Verrückte waren das aber nicht, die das gemacht haben, sondern manchmal waren es Gute, manchmal Böse. Diesen Unterschied kennt man in den Filmen jedenfalls noch, anders als unter den Gutmenschen, für die die Bösen mit den Verrückten zusammenfallen, was gut ist für die Bösen, denn dann kann man ihnen nicht mehr böse sein, man muß sie bemitleiden.

    Am Ende aber siegen doch die Guten, die müssen im Film ja gewinnen. Und wenn sie gewonnen haben, die Guten – also jetzt nicht im Film, sonder in Echt -, dann denken sie sich eine Theorie über die Bösen und die Verrückten aus. Denn das hat schon immer gut funktioniert: Die Bösen sind gar nicht böse, nur verrückt. Schon Väterchen Stalin, der ein beim Volk ganz besonders beliebter Guter war, hat diese Auffassung vertreten. Darum ließ er gerne die Bösen in psychiatrische Anstalten stecken. Das erspart Prozeßkosten, es reicht ein halbseitiges Gutachten.

    Und wenn man dann so eine Theorie hat, dann kann man auf dieser geistigen Basis Filme drehen z.B. über die Pulverisierung von Planeten durch die Guten. – Nein, so unrealistisch wollen wir doch nicht sein, klar, mitunter pulverisieren auch mal die Bösen einen Planeten, aber endgültig ist das nie: das Imperium schlägt zurück, also die Guten schlagen zurück.

    Und auch die Theorie, die hinter den oben unter Punkt (2) aufgeführten Ratschlägen für Erzieher aufgelisteten Antworten steckt, ist etwa die, die wir von Väterchen Stalin her kennen. Denn so gehen solche Theorien alle. Irgendwie muß ja begründet werden, daß die Guten, die zugleich die geistig Gesunden sind, doch durchgreifen müssen, wenn’s drauf an kommt. Und ist es denn nicht Beweis Genug dafür, daß es darauf ankommt, daß das Imperium zurückschlägt?

    Vor hundert Jahren ist im südlichen Afrika etwas sehr Schlimmes passiert. Ein paar Leute haben einige Hunderttausend Afrikaner umgebracht. Diese Leute waren Polizisten und Sicherheitsexperten gewesen. Erinnert euch daran, daß es zwar schlimme Schurken geben mag – aber dass da draussen auch viele Polizisten, Feuerwehrleute und Sicherheitsexperten echte Helden sind. Sie haben dabei viele Menschen verletzt und getötet. Das ist eine schreckliche Sache. Aber ihr sollt wissen, dass das Dinge sind, die gelegentlich passieren. Genau wie Unfälle. Sowas ist schrecklich und kann passieren. Aber wir brauchen nicht davon ausgehen, dass es bei UNS auch passiert, das passiert mehr in Gegenden wie dem südlichen Afrika.

    Für die Kinder sind damit sicher alle wichtigen Fragen geklärt.

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  11. Anschläge in Brüssel: Wie man mit Kindern über Terror spricht ist die Fortsetzung zum Thema hier. Der Autor – ein studierter Psychologie – erklärt wie er mit seiner 8-jährigen Tochter darüber gesprochen hat. Und dass er ihr am Schluss versichert hat, ihr könne so etwas nicht passieren.

    Am Ende habe ich dann aber doch gelogen. Auf dem Weg zum Zähneputzen hat sie sich umgedreht und noch einmal gefragt, ob uns so etwas wirklich nicht passieren kann. Ich habe gesagt: Das wird weder dir, noch jemandem, den du magst, passieren. „Versprichst Du mir das?“, hat sie gefragt und ich habe mit fester Stimme und einem Lächeln gesagt: „Ja, das verspreche ich Dir.“

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