Kommentar des Jahres 2014 auf Natur des Glaubens – Joseph Kuhn zu den Grenzen der Begriffe

Auf dem scilogs-Bloggertreffen 2014 in Deidesheim tauschten wir Bloggerinnen und Blogger uns wieder über vieles aus. Diesmal hatte ich besonders gute und intensive Gespräche über Blog-Kommentierende, von denen uns einige seit Jahren begleiten, andere nur hin und wieder oder gar nur einmal auftauchen. Obwohl Kommentare – wenn man auf sie eingeht – doch sehr viel Zeit kosten, merkte ich, wie wichtig mir die Vielfalt der Rückmeldungen als Teil der „Blogerfahrung“ sind – seien es Ermutigung und Lob oder auch Kritik und Nachfragen, seien es reine Meinungsäußerungen oder weiterführende Links und Recherchen (sozusagen „Co-Bloggen“). So entstand die spaßige Idee, dass doch Bloggende auf ihrem Blog auch einen „Kommentar des Jahres“ auszeichnen könnten – und ich nahm mir vor, dies tatsächlich zu tun.

ScilogsTreffen2014Button

Ist jeder gute Blog ein Gemeinschaftswerk? Button vom scilogs-Bloggertreffen 2014 in Deidesheim. Neben manchem anderen nahm ich die Idee mit, fortan jedes Jahr einen „Kommentar des Jahres“ zu würdigen.

Mein Kommentar des Jahres stammt von dem Gesundheitswissenschaftler und scienceblogger Joseph Kuhn.

In der Diskussion um den anhaltenden, sich sogar beschleunigenden Ausbreitungserfolg der Homoöpathie (gegen alle empirischen Studienergebnisse), brachte er zum Ausdruck, was auch mich zunehmend bewegt.

Halten wir erst einmal fest, dass Überzeugungen materiell repräsentiert sind, d.h. dass sich hier nicht ontologisch fremde Welten des Materiellen und des Geistigen gegenüberstehen. Damit erledigt sich zunächst auch das Thema Reduktionismus/Epiphänomenalismus. Um darüber vernünftig reden zu können, muss man eben die beiden Seiten vorher klären. Das wird man in einer Blogdiskussion nicht können und vermutlich, das sehe ich wie Thomas Nagel („Geist und Kosmos“) und andere, reicht dazu das verfügbare begriffliche Instrumentarium derzeit grundsätzlich noch nicht aus. Eine im Wortsinn offene Frage.

Ich fürchte, er hat Recht – und zwar nicht nur mit Bezug auf diese Spezialfrage. Unsere Sprache, unsere Begriffe kommen dem enormen Zuwachs an empirischen Erkenntnissen längst nicht mehr hinterher. Auch deswegen stecken wir in vielfacher Hinsicht in veralteten philosophischen (& auch theologischen) Positionen fest.

Diese knappe, präzise Feststellung ist mein „Kommentar des Jahres 2014“ auf Natur des Glaubens.

Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die scheinbar einfachsten Fragen sind zugleich die Schwierigsten, weil es auf solche Fragen keine „rationale“ Antwort gibt. Ein Beispiel dafür gibt gerade Joseph Kuhn in seinem Kommentar

    So sehr das Private auch politisch ist, wie die 68er Bewegung proklamierte, so sehr muss das Private auch privat bleiben können, privat im Sinne von geschützt gegen ungerechtfertigte Zugriffe von außen. Google und die NSA sehen das anders, darüber wird man streiten müssen.

    Nicht nur Google und die NSA nehmen keine Rücksicht auf Privatheit. Zudem gilt: Entscheidend ist, was überhaupt private bleiben soll und bleiben kann.
    In Deutschland und Europa beispielsweise ist die politische Vergangenheit nichts was privat bleiben kann. Gaucks und Gysis politische Vergangenheit ist vor Recherchen nicht geschützt und jede Recherche kann zur Anklage werden. Man sagt dann eben, das gehört ja nicht zum Privaten. Privat sind nur die Dinge, die heute auf Facebook ausgestellt werden – womit sie eben auch nicht mehr Privat sind. Privat sind Liebesbriefe – ausser sie seien auf Facebook veröffentlicht. Der Schrifststeller Peter Handke hat von seiner früheren Geliebten Jeanne Moreau später alle Briefe zurückgefordert – um sie zu zerreissen.

  2. @ Blume:

    Freut mich, dass Sie sich über meinen Kommentar gefreut haben. Der Vorteil an solchen vorsichtigen Kommentaren ist ja, dass man so selten etwas ganz Falsches sagt, was mir ansonsten oft genug passiert 😉

    @ Holzherr:

    Ja, die politische Vergangenheit von Leuten wie Gysi kann nicht Privatsache sein – hier geht es, wie es so schön heißt, um eine „Person des öffentlichen Lebens“, abgesehen davon, dass eine „politische“ Vergangenheit schon per definitionem keine private Vergangenheit ist. Was „privat“ und was „öffentlich/politisch“ ist, ist selbst eine politische Frage und muss diskursiv geklärt werden. Dass „es auf solche Fragen keine ‚rationale‘ Antwort gibt“, habe ich allerdings nicht verstanden. Welche Art Antwort denn sonst?

    • Eine kulturell richtige Antwort kann es auf die Frage nach Privatheit wohl geben. In einer bestimmten Kultur kann etwas anderes als privat gelten als in einer anderen. Privat heisst ja auch Geheim. Etwas bleibt geheim, niemand anders darf davon wissen. In Kulturen in denen viele Handlungen als verpönt, gar als unmoralisch gelten muss mehr geheim bleiben als in einer Kultur wo es für abweichendes Verhatlen weniger Missfallen gibt. Die Homosexualität einer Person zur Zeit von Alan Turing in Grossbritannien musste damals geheim bleiben. Freunde, die davon erfuhren mussten das als höchst privat behandeln. In unserer Zeit und Kultur gilt das nicht mehr. Eine rationale Antwort kann es also doch geben, wenn man mit rational auch situations-/kulturgerecht meint.

  3. Michael Blume

    @Joseph Kuhn

    Ehre, wem Ehre gebührt! 🙂

    Ernsthaft: Gerade auch Phänomene wie Homöopathie, Engelglauben oder auch Fantasy zeigen m.E. auf, dass die alten Fragen nach Wissen und Glauben nach neuen Antworten verlangen. Aber wir haben nicht einmal ordentliche Begriffe dafür. Dass Sie aus den „Schützengräben“ der alten Lager hinausgestiegen sind und das einfach mal klar und präzise ausgesprochen haben, hat mir sehr imponiert. Nochmal ein Danke!

  4. Hey, Herr Dr.Blume,
    Sie nennen hier so schoen Homoeopathie, Engelglauben und Fantasy in einer Reihe. Finden Sie wirklich, diese drei beduerften einer weiteren Eroerterung? Auf einem wissentschaftlichen Blog?

  5. Halten wir erst einmal fest, dass Überzeugungen materiell repräsentiert sind, d.h. dass sich hier nicht ontologisch fremde Welten des Materiellen und des Geistigen gegenüberstehen.

    ‚Materie‘ meint „Mutterstoffe“, insofern ist zumindest dem Schreiber dieser Zeilen unklar, wie die zitierte Überzeugung ‚materiell repräsentiert‘ ist.

    MFG + vorsichtshalber schon mal allgemein einen guten Rutsch wünschend:
    Dr. W

  6. Hallo Herr Blume,

    ist es wirklich so bemerkenswert, dass wir über einige Probleme nicht richtig reden können ? Ist das nicht eine Alltagerfahrung, etwas Triviales ? Und wenn man dies so sieht, was folgt daraus ?

    Herr Kuhn (den ich nicht kenne, ich kenne die Fachliteratur wirklich nicht) bringt zum Ausdruck und Herr Holzherr bestätigt dies auf seine Weise, und es ist wohl auch Ihre Meinung, dass wir viele Fragen, die sich aus unserer Erfahrung ergeben, schlichtweg nicht beantworten können. Das mag an der Sprache liegen, also an unzureichenden Symbolen, mit denen wir die Erfahrung ordnen und kommunizieren, vielleicht an der Komplexität des Sachverhalts, an der mangelnden Reduzierbarkeit, für die wir keine Begriffe haben. Ich glaube nicht, dass das eine zutreffende Erklärung ist.

    Der eigentliche Grund liegt doch viel tiefer, vielleicht kann man diesen aus evolutionsbiologischer Sicht am verständlichsten darstellen: da die Menschen (und alle anderen Lebewesen) schon immer mit komplexen Situationen konfrontiert waren, den den Verstand im Kopf einfach überfordern (z. B. bei der Frage: kann ich meinem Gegenüber (z.B. dem Feind oder dem Arzt) vertrauen), haben sie zur „richtigen“ Beurteilung einer Situation eben auch Affekte entwickelt (das „Gehirn“ im Bauch) – sozusagen einen zweiten Verstand, der dem im Kopf behilflich ist.

    Behilflich insofern, als dass dieser eine komplexe Situation eben nicht – wie der Verstand im Kopf dies notwendig begriffsuntermauert tun muss – reduziert, sondern der sie als Ganzes erfasst, und dem Verstand Mitteilung macht, wie er die Dinge sieht, wobei der Verstand dann vielfach diese Beurteilung nur übernimmt, um sie dann in kommunizierbare vereinfachte Symbole nur noch zu übersetzen (wobei wir vestandesmässig rückblickend meinen, er hätte die Beurteilung zustande gebracht).

    Ich meine, etwas zu verstehen heisst, dass Verstand und Affekte im Einklang sind, und dass letztlich beide mindestens gleichberechtigt beteiligt sind, wenn es um den richtigen Blick auf eine komplexe Sache geht. Bei Sachverhalten, die modellmässig auf idealisieret Weise reduziert sind, braucht man die Affekte nicht. Es wird aus sog. wissenschaftlicher Sicht gern ausgeblendet, dass bei dem Gewinnen von Erkenntnissen aus unübersichtlichen Sachverhalten das Irrationale eben immer auch beteiligt ist, dabei ist mit Irrationalem nicht das gemeint ist, das dem Verstand widerspricht, sondern was neben ihm steht, sozusagen sein Partner ist, um mit komplexen Fragen umzugehen.

    Insofern ist es ganz natürlich dass uns für vieles die Begriffe fehlen, eben für das, was wir affektiv und intuitiv in der Lage sind zu verstehen. Hier ist ein Verstehen gemeint, das über den naturwissenschaftlichen Aspekt des Verstehens eines vereinfachten Sachverhaltes hinausgeht.

    Das Fehlen von Begriffen ist also kein Mangel oder zu bedauern. Affekte und Intuition stehen als Ersatz und Ergänzung, als gleichwertige Instrumente der Ordnung unserer Erfahrung bereit.
    Es liegt also nicht an den Begriffen, sondern an dem natürlichen Prozess, wie wir Lebewesen zu Erkenntnissen kommen, bei einfachen und komplexen Fragestellungen, man muss diesen Prozess nur vollständig sehen, und nicht immer alles auf das Rationale beschränken.

    Grüsse Fossilium

  7. Wer es gern etwas einfacher und verständlicher hätte als oben beschrieben und kommentiert, dem empfehle ich das „Emergenz-Netzwerk“. Oder gleich mein Buch „Die Kraft der Naturgesetze“, wo der „gemeinsame Nenner“ von unbelebter und belebter Welt, von Materie und Geist beschrieben wird, einschließlich der notwendigen Begriffe. Klingt unglaubwürdig? Nachschauen!
    Beste Grüße, Günter Dedié

  8. @Martin Holzherr

    „Nicht nur Google und die NSA nehmen keine Rücksicht auf Privatheit“

    In der Tat , beide scheinen eher krasse Symptome einer Entwicklung , die schon weit vor deren Auftreten begann.

    Allgemein:

    Interessanter Punkt von Joseph Kuhn. Könnte dazu auch beitragen , daß sich allzu viele Debatten heillos verstricken in einer Überbewertung von Sprache , und endlose , verbissene Kleinkriege um sprachliche Nebensächlichkeiten geführt werden?

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