Kinder verstehen – durch Evolutionsforschung

Einige Leserinnen und Leser dieses Blogs werden sich an den Beitrag über Sarah Hrdy und ihr geniales „Mütter und Andere“ erinnern. Da dank Wissenschaftlerinnen wie ihr in den letzten Jahren die Evolutionsforschung zum Menschen endlich von der übersteigerten Konzentration auf Themen des Kampfes, der Waffen und Konkurrenz losgekommen ist und mindestens ebenso entscheidende Faktoren wie Liebe, den gemeinschaftlichen Kinderaufzug und Kooperation in den Blick genommen hat, stellt sich doch eine Frage: Wann endlich werden diese Forschungen allgemein verständlich aufbereitet und z.B. Eltern und Erzieherinnen, Lehrern etc. vorgestellt?

Nach der begeisterten Lektüre von „Kinder verstehen – Born to be wild“ von Dr. Herbert Renz-Polster (international erprobter Kinderarzt, verheiratet mit Dorothea Polster, einer Erzieherin und Familienlotsin und vierfacher Vater sowie Zwillingsbruder (vgl. Gen-Studien)) kann ich endlich schreiben: Es ist soweit!

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Renz-Polster gelingt es, von ganz einfachen – und wissenschaftlich doch umso spannenderen! – Fragen auszugehen, wie: Warum essen Kinder zu bestimmten Zeiten ungern Gemüse? Warum schlafen Kinder zu bestimmten Zeiten so schlecht durch? Warum wirken Babies vor allem -aber nicht nur- auf Mädchen so unwiderstehlich „süß“? Wie lange sollte Frau stillen, wieviel Nähe braucht ein Kind? Welche Rollen spielen Mütter – und welche Rolle andere Betreuer, inner- und auch außerhalb der Familie? Gab oder gibt es „das“ ideale Erziehungsmodell?

Diese und unzählige weitere Einzelfragen beantwortet er auf Grundlage modernster Evolutionsforschung und bindet die Befunde in einem starken, zweiten Hauptteil zu einem Gesamtbild zusammen, das er mit wunderbar gelassenen Handlungsempfehlungen und dem nicht-romantisierenden Vergleich mit Jäger-und-Sammler-Kulturen im dritten Hauptteil abschließt.

Renz-Polster behauptet (erfreulicherweise) nicht, eine völlig neue Theorie zu verkünden – vielmehr fasst er kundig, verständlich und mit spürbarer Freude den bestehenden Berg an aktuellen Forschungsbefunden aus Natur- und Kulturwissenschaften zusammen. Und er ergeht sich schon gar nicht in neuen „Das müssen Sie unbedingt tun“-Ratschlägen, sondern nimmt vielmehr die unzähligen Ad-hoc-Thesen auseinander, mit denen verunsicherte Eltern heute bombardiert werden. Seine Botschaft: Alles an uns Menschen – gerade auch wenn wir klein sind – ist ein Ergebnis von Evolutionsprozessen, war bis hierher erfolgreich und stellt Kompromiße aus verschiedensten Anforderungen dar. Er plädiert damit für Neugier, Kompetenz – und Gelassenheit und betont immer wieder, dass in gewachsenen Kulturen kein „Tanz ums goldene Kind“ stattfindet. Und er vermittelt Eltern und Menschen, die für und mit Kindern arbeiten, dass sie Teil einer großartigen Kette des Lebens sind. So gesehen leistet „Kinder verstehen“ echte Aufklärung: Sie widersetzt sich den modischen Panikmachern, die sich an den (Abstiegs- und Scheitern-)Ängsten von Eltern bereichern.

Das Buch ist großartig und ich weiß gar nicht, wem ich es dringender ans Herz legen möchte: Eltern und Aktiven in der Kinderbetreuung, die sich auf den Stand seriöser Wissenschaft bringen wollen oder humanwissenschaftliche Fachleute bzw. Interessierte, die sich für den neuesten Stand der Evolutionsforschung des Menschen interessieren – und dabei auch lebens- und praxisnahe Themen schätzen. Renz-Polster beweist: Grundlagenforschung und Lebensnähe müssen kein Widerspruch sein. Mich haben Buch und Ansatz gleich doppelt überzeugt: Als Wissenschaftler und als Vater.

Und lobenswert finde ich übrigens auch die Mühe, zum Buch auch einen kleinen Videoclip zu präsentieren:

Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. danke, klingt interessant!

    obwohl ich noch etwas zeit habe mit dem vater werden, werde ich dieses buch mal lesen. man kann nie früh genug damit anfangen, vorsorge zu treffen. macht auch sinn im lichte der evolution? 🙂
    Grüße

  2. @Tim

    Wow, das ist ein wissenschaftlich wie auch biografisch überzeugendes Vorhaben! 🙂 Und sollte einmal die Richtige das Werk im Bücherschrank erblicken, so wird sie wohl wissen, dass sie es mit einem ebenso gebildeten wie engagierten Partner zu tun hat! 😉

    Ernsthaft: Danke für das erfreuliche Feedback, gerne stelle ich – wenn gewünscht – hin und wieder mal m.E. besonders gute Bücher vor.

  3. @ Michael Blume

    Die Richtige habe ich gefunden und ich bin erstaunt wie oft religiöse Frauen die Gretchen Frage stellen. 😉

    Das mag zwar merkwürdig klingen, doch ich mag Ihren Büchergeschmack, ich verfolge Sie auch auf Amazon.de 😀
    Bitte nicht so Ernst nehmen. 😉

    „Der gedachte Gott“ ist das neuste Buch, welches ich mir ausgeliehen habe.
    Es hat sich gelohnt,das Buch zu lesen, es war für einen Hobby-Pseudo-Wissenschaftler wie mich, eine Bereicherung.

    Gruß

  4. @Tim

    Tja, was soll ich dazu schreiben, außer: DANKE! 🙂

    Mir war gar nicht bewusst, dass sich die Wissenschaft-Online-Aktivitäten schon in echten Lebensläufen auswirken! 😉

    Ernsthaft: Das ist sehr ermutigend! Und es sind wissenschaftlich Interessierte wie Sie, die durch ihre Neugier, Nachfrage und Diskussionen (z.B. im Freundeskreis) Wissenschaft & Literatur am Laufen halten. In einem von der sonstigen Gesellschaft abgeschotteten Raum ohne Dialog mit der und Nachfrage durch die Basis wäre unsere Arbeit oft folgen- und wirkungslos. Auf „Hobby-Wissenschaftler“ wie Sie kommt es also durchaus auch an!

  5. Vorsicht bei evolutionären Erklärungen empfohlen

    Ich finde den Ansatz des Autors sehr interessant und ein Buch, in dem Eigenschaften und Probleme der Kinder evolutionär erklärt werden wäre im Prinzip auch nach meinem Geschmack …

    aber ich frage mich ob der Autor das, was er sich vorgenommen hat auch zu leisten vermag.

    Ich glaube nicht, dass die Erforschung der menschlichen Evolution tatsächlich schon so weit ist, dass man mit den Ergebnissen sozusagen in die Anwendung gehen kann. Das betrifft übrigens auch Ihre Beschäftigung mit den evolutionären Grundlagen der Religion. Meines Erachtens benötigt man erst eine funktionierende Theorie der menschlichen Evolution (eine Theorie also, deren Vorhersagen sich regelmäßig als richtig erweisen). Gegenwärtig kann die Fachwelt noch nicht einmal mit einer geschlossenen Theorie aufwarten, die das vorhandene Wissen widerspruchsfrei erklärt – von einer funktionierenden Theorie im obigen Sinne ganz zu schweigen.

    Jeder Versuch unter solchen Bedingungen ein Buch zu schreiben, in dem Kinder evolutionär erklärt werden ist von vorn herein inhaltlich zum Scheitern verurteilt. Hier ein Beispiel aus dem Video: Der Autor erklärt uns, dass Kinder zum Anlegen von Fettpölsterchen neigen, weil unter evolutionären Bedingungen der nächste Hungerwinter eine Gewissheit gewesen sei. Was ist dise Erklärung wissenschaftlich wert? Ich denke noch nicht einmal das Papier auf dem sie gedruckt ist (sofern sie auch im Buch steht). Hungerwinter sind ein Problem bei uns im Norden, unsere Vorfahren haben sich aber in Afrika entwickelt und Afrikaner neigen nicht weniger dazu auf Fastfood und Bewegungsmangel mit Übergewicht zu reagieren als wir Europäer. Fettpölsterchen und Hungerwinter haben also evolutionär nichts miteinander zu schaffen – aber es klingt plausibel und wissenschaftlich.
    Mich erinnert das an den berüchtigten „Mammutjäger in der U-Bahn“, zu dem es auch so einiges kritisch anzumerken gäbe … und wenn man noch weiter zurückgeht, dann landet man gar beim Sozialdarwinismus und bei rassistischen Vorstellungen, die ebenfalls mit dem Verweis auf die Evolutionstheorie beim geneigten Publikum zu punkten wussten.

    Es bleibt dabei. Erst müssen wir die Evolution des Menschen tatsächlich verstehen, danach können wir dieses Verständnis für weitergehende Erklärungen heranziehen.

  6. @ Eduard Kirschmann

    Der Autor verkündet in seinem Buch ja eben kein neues, evolutionäres Dogma, sondern stellt gängige Weisheiten in Frage und evolutionäre Studien dazu vor.

    Und im Buch schreibt er auch nicht nur von „Hungerwintern“ (die er im Video als Beispiel wählt), die unsere europäischen Vorfahren seit Jahrzehntausenden geplagt haben, sondern von Hungerphasen, denen (Vor-)Menschen immer wieder ausgesetzt waren.

    Und Bezüge auf Sozialdarwinismus, Rassismus etc. finden sich schon gar keine. Sie selbst haben eine Theorie entwickelt, wonach die Entwicklung des Menschen mit Waffen zu tun hatte (Armed Ape Theorem). Und ich käme nicht auf den Gedanken, Ihnen deswegen Sozialdarwinismus zu unterstellen. Im Bezug auf Dr. Renz-Polster finde ich dies völlig abwegig!

    Ich wünsche mir angemessene Neugier und Ergebnisoffenheit, wenn sich die Evolutionsforschung endlich Themen wie Kindern, sozialen Gemeinschaften, Religiosität etc. zuwendet. Und finde gut, dass ein Kinderarzt und Forscher hierzu einen wichtigen Beitrag geleistet hat.

  7. @Michael Blume

    Es ging mir nicht darum den Autor moralisch anzugreifen. Aber Sie sollten Ihrerseits auch den Vertretern des Sozialdarwinismus nicht absprechen, dass Sie sich zu ihrer Zeit um die Berücksichtigung der neuesten wissenschaftlichen „Erkenntnisse“ bemüht haben. Die Frage, die ich aufwerfen wollte ist, wieviel der gegenwärtige Erkenntnisstand tatsächlich hergibt. Und das reicht meines Erachtens noch nicht für ein derartiges Buch.

    Ich habe tatsächlich eine Theorie der Menschwerdung entwickelt und weiss eben deswegen wie sehr die jeweiligen Inerpretationen menschlicher Eigenschaften von der jeweils zugrunde gelegten Theorie abhängen. Solange wir nicht wissen welche Theorie richtig ist, sind viele weitergehenden Interpretationen höchst spekulativ.

    Sehr problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass Naturvölker sehr häufig herangezogen wurden um ein Modell für die evolutionären Entwicklungsbedingungen des Menschen zu entwickeln. Naturvölker sind jedoch moderne Menschen und zeichnen sich auch durch modernes Verhalten aus. Modernes Verhalten gibt es erst seit ca. 70 000 Jahren – unser Gehirn wurde aber in den davor liegenden 2.5 Millionen Jahren entwickelt und es ist hoch spekulativ unter welchen Bedingungen dies geschah. Insbesondere über das Sozialverhalten unserer Vorfahren im evolutionären Entwicklungszeitraum existieren lediglich mehr oder weniger begründete Spekulationen – aber keine harten Erkenntnisse. Wir wissen weder wann, noch warum die Sprachfähigkeit entwickelt wurde. Ja wir verstehen noch nicht einmal unseren Körperbau – ich würde z.B. jede Theorie zurückweisen bei der das Werfen keine zentrale Rolle für die Entwicklung des menschlichen Körperbaus spielt. Wir wissen nicht ob -und falls ja in welchem Ausmass – Männer sich an der Aufzucht von Kindern beteiligt haben. Und für das Unterhautfettgewebe wurde neben seiner Rolle als Energiespeicher auch der Schutz vor Auskühlung im Wasser allen Ernstes als Erklärung angeboten.

    Ich werde mir das Buch besorgen und es in meinem Blog besprechen – vielleicht schafft es der Autor ja mich zu überraschen. Es gibt insbesondere aus vergleichenden Untersuchungen mit anderen Primaten eine ganze Menge recht verläßlicher Daten, auf die sich ein derartiges Buch stützen könnte. Nachdem ich das Video gesehen habe befürchte ich allerdings, dass der Autor eher in evolutionspsychologischer Tradition argumentiert. Diese ist hoch spekulativ und mit Fehlern behaftet.

  8. @ Eduard Kirschmann: Hmmm…

    Wir beide wären uns wahrscheinlich sofort einig, dass wissenschaftliche Erkenntnis nicht nur in der Evolutionsforschung immer vorläufig und überbietbar ist. Dennoch gibt es m.E. keine Alternative, als mit dem je jetzigen Stand von Psychologie, Soziologie, Ökonomie etc. zu arbeiten und zugleich nach immer noch besseren Befunden zu streben. Und ich bin zuversichtlich, dass Ihnen „Kinder verstehen“ gerade unter diesem Gesichtspunkt zusagen dürfte!

  9. wissenschaftliche Erkenntnis in der Evolutionsforschung

    Sie haben recht, darauf könnten wir uns sofort einigen. Aber das ist nicht alles.
    Wissenschaftliche Hypothesen werden häufig um so selbstsicherer vorgetragen, je spekulativer sie sind. Dies klingt auf den ersten Blick paradox, aber ich danke, dass hier in der Wissenschaft ein Selektionsprozess am Wirken ist. Je spekulativer ein Arbeitsgebiet ist, desto geringer ist die Gefahr, dass falsche Hypothesen zeitnah falsifiziert werden. Dies führt dazu, dass Wissenschaftler gerade auf den Gebieten, auf denen die zuverlässigsten Erkenntnisse produziert werden (weil Hypothesen recht schnell und zuverlässig überprüft werden können), ihre Aussagen sehr vorsichtig zu formulieren lernen. Auf sehr spekulativen Forschungsfeldern lohnt es sich dagegen (aus Sicht der Karriere) durch selbstsicheres auftreten zu punkten und jeden Zweifel am eigenen Standpunkt weit von sich zu weisen. Die Paläoanthropologie ist einigermaßen berüchtigt dafür, dass schwach belegte Hypothesen zu Glaubenssätzen hochstilisiert werden bis die nächste Generation von Wissenschaftlern anfängt aufzuräumen. Zeitgenössische Forscher kennen zwar die Fehler der Vergangenheit und sind daher im allgemeinen vorsichtiger und umsichtiger geworden, dennoch bleibt meines Erachtens noch einiges zu wünschen übrig.

  10. „Jetziger Stand“

    Blume: » Dennoch gibt es m.E. keine Alternative, als mit dem je jetzigen Stand von Psychologie, Soziologie, Ökonomie etc. zu arbeiten…«

    Kirschmann: » Sie haben recht, darauf könnten wir uns sofort einigen. Aber das ist nicht alles. «

    Nicht zu vergessen, dass als aktueller Stand der Wissenschaft nur das gelten kann, was eine gewisse allgemeine Anerkennung erfahren hat. Einiges gilt da als gesicherte Erkenntnis, anderes als bloße Spekulation, Hypothese oder Theorie. Es ist nicht leicht, das alles säuberlich zu trennen. Zumal es ja auch vorkommen kann, dass dieser Prozess der allgemeinen Anerkennung die Etablierung neuer Erkenntnisse erheblich verzögert.

  11. Einladung @Michael Blume, Balanus

    Ich möchte euch einladen ein paar meiner Gedanken aus dem Jahre 1999 kennenzulernen – ich habe nicht den Eindruck, dass sie schon überholt sind. Es geht mir dabei in erster Linie darum einen Eindruck zu vermitteln, wie spekulativ viele Aussagen zur menschlichen Evolution nach wie vor sind und wie stark sie von den jeweils vertretenen Hypothesen abhängen.

    http://armedapetheory.de/…09/sexualverhalten.pdf

    Entschuldigt die beim Scannen eingeschlichenen Fehler.

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