Karius und Baktus als nützlicher Mythos

Im heutigen Sprachgebrauch gilt der Begriff des Mythos nicht mehr viel: Was soll man von einer Erzählung auch halten, die ohne oder gar gegen wissenschaftliche Befunde aufrecht erhalten wird? Nun, meines Erachtens liegt hier ein Kategorienfehler vor: Wissenschaftlich-empirisch haltbare Erklärungen sind überaus wertvoll, aber nicht ausreichend zur erfolgreichen Entfaltung menschlichen Lebens. Menschen brauchen (gute, ihren Lebensumständen und Entwicklungsstufen angepasste) Mythen, um sich zu unterhalten, zu orientieren und auf gemeinsame Ziele zu einigen.

Steigen wir betont niedrigschwellig und nichtreligiös ein: Ein schönes Beispiel für säkulare, pädagogische Mythen sind die Geschichten rund um Karius und Baktus, die seit den 1960er Jahren aus Norwegen kommend Generationen von auch deutschsprachigen Kindern für das Zähneputzen sensibilisiert haben.

Dabei sind wir uns – so hoffe ich doch – sicher alle einig, dass nach wissenschaftlich-medizinischem Kenntnisstand keine knuddeligen Kerle mit Spitzhacken an unseren Zähnen werkeln, sondern verschiedenste Mikroorganismen. Haben uns unsere Eltern (oder das Fernsehen…) also angelogen, als sie uns von Karius und Baktus erzählten – und vor deren Wühlwerk warnten, wenn wir uns die Zähne nicht putzen?

 
Karius und Baktus in Öl. Bild: Bin im Garten

Ich denke nicht, dass Erwachsene „lügen“, wenn sie ihren Kindern von Karius und Baktus erzählen. Ich denke, dass sie etwas sehr Kluges und Wichtiges tun: Sie übersetzen ein Stück wichtiger Lebensorientierung in angemessener Sprache für unsere evolvierende Psyche und Fantasie. Es braucht nun einmal seine Zeit, bis die mikrokosmische Welt von Bakterien und Zahnwurzeln für Menschen nachvollziehbar und mesokosmisch relevant wird.

Also, ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mich auch mit Mythen versorgt haben. Wir Menschen brauchen so etwas – in verschiedenen Formen ein Leben lang. Beispielsweise gab und gibt es auch für uns Erwachsene keine Staats- oder Rechtsordnung, die ohne verschiedenste Gründungs- und Begründungsmythen funktionieren würde. Und eine blühende Gesellschaft schon gar nicht.

Wenn Sie wollen, zum thematischen Vertiefen hier:

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hihi … Mythen

    NIchts gegen Mythen als „Erklärungsversuche“ .. aber ggf. kann das durchaus kontraproduktiv sein:

    Es wurde zwar versucht, die beiden Bakterien unsympathisch darzustellen, doch soll es auch schon vorgekommen sein, dass Kinder Mitleid mit den beiden bekamen und sich deswegen weniger gern die Zähne geputzt haben sollen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Karius_und_Baktus

    Hätte mam da Kakerlaken o.ä. als Bakterien-Figuren genommen, wäre das vermutlich nicht passiert.

  2. @einer: Oh ja…

    …das ist ein bekanntes Phänomen, das für die o.g. These spricht: Menschen „verlieben“ sich in ihnen bekannte, mythologische Figuren, bis diese schließlich „ver-liebt“ werden. Ein aktuelles Beispiel sind ja Vampire, die einmal fürchterliche Untote waren und inzwischen zunehmend zu vegetarischen Super-Lovern mutieren. Mit Hexen wie der „kleinen Hexe“ oder Bibi Blocksberg möchten Bürgerstöchter gerne befreundet sein. Und auch Orks & Halb-Orks sind längst zu Charakteroptionen und Romanhelden zum Identifizieren geworden. Sogar bei Zombies sind schon erste Symptome einer Anverwandlung zu erblicken…

    Ob das ein allgemein menschlicher Zug ist oder ob hier eine unbewusst christliche Hoffnung (am Ende werden doch alle von der Liebe erreicht und verwandelt) kulturell durchschimmert ist m.E. noch nicht erforscht worden. 😉

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben