15 Jahre Christlich-Islamische Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart e.V. – und ein gutes Ende

Heute berichte ich einmal nicht aus der Welt der Wissenschaft, sondern gebe einen persönlichen Rückblick auf eine glückliche Zeit des Ehrenamtes: Am Donnerstag ging ich zufrieden zur letzten Mitglieder- und Auflösungsversammlung der CIG Stuttgart, deren Gründungs- und später Ehrenvorsitzender ich seit 1998 an der Seite von Sinan Kutun und später langjährig Murat Aslanoĝlu sein durfte.

CIGAufloesung22013

Nach 15 Jahren dankbar zur CIG-Auflösung, hinten von links:Ellen und Gerrit Oberman, Michael Blume, Murat Aslanoĝlu.
Vorne die beiden CIG-Vorsitzenden Emina Corbo-Mesic und Sebastian Krockenberger.
Foto: Heiner Küenzlen 
(Haus Abraham)

Wie es damals zur „CIG“ gekommen war

Als Filderstädter Vorsitzender der Jungen Union und Jugendgemeinderat war ich Ende der 90er Jahre auf die Sprachlosigkeit zwischen der ersten, bereits überwiegend in Deutschland aufgewachsenen Generation von Muslimen und der deutschen Gesellschaft gestoßen und hatte ein Team aufgebaut, um gegen diese Mauer anzurennen. Wir waren ein vielfältiger Haufen junger Christen und Muslime, denen eines bereits klar war: Unsere gemeinsame Zukunft in Deutschland würde bunt sein; bunter, als es sich die meisten Älteren vorzustellen wagten. Damals sprach man noch von „Ausländern“ und Religion wurde als nebensächlich betrachtet. Doch wir spürten: In der Lebensrealität der Heranwachsenden spielte die Suche nach der – auch, aber nicht nur religiösen – Identität eine große Rolle. Ein Stadtrat einer anderen Fraktion spottete dennoch, warum wir jungen Leute uns denn unbedingt über Religion austauschen wollten – „in 20 Jahren betet doch kein Mensch mehr.“

Nun, er hatte Unrecht: Schon bei der Gründungsversammlung der „Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart e.V.“ im Oktober 1998 strömten weit mehr vor allem junger Menschen als erwartet. Wir legten mit eigenen Veranstaltungen und der Gründung von Arbeitskreisen wie „Theologie“ und „Frauen“ los, knüpften auch überregionale Kontakte und suchten Partnerinstitutionen – die sich über das Interesse gerade auch junger Menschen meist freuten. So traf uns auch die Nachricht von den Anschlägen des 11. September 2001 mitten in der Vorbereitungssitzung für eine Veranstaltungsreihe in der Evangelischen Akademie Bad Boll, die den Titel tragen sollte: „Christen und Muslime – Gemeinsam Gewalt verhindern“.

Schon auf der Rückfahrt von Bad Boll klingelte das Handy – und hörte nicht mehr auf. Die Angst vor weltweiten Religionskriegen lag in der Luft und viele derjenigen, die vorher Religion als Faktor völlig unterschätzt hatten, fielen nun ins andere Extrem und betrachteten alle Integrations-, Bildungs- und Politikfragen nur noch durch die Islambrille. Aus „den Türken“ wurden nun „die Muslime“ – ob sie selbst wollten oder nicht – und sowohl islamisch-extremistische wie auch rechtsradikale Hassprediger versuchten das Zusammenleben zu vergiften. Auch dagegen absolvierte unser aktiver Kern von etwa 20 meist jungen Christen und Muslimen  gestützt von etwa 60 Fördermitgliedern – in den nächsten Jahren gemeinsam mehrere Hundert Auftritte: Vorträge, Podiumsdiskussionen, Sitzungen, Theaterspiele („Abraham heute“ – selbst geschrieben 😉 ), Kongresse, Medienanfragen und vieles mehr. Wir gingen an die Grenzen unserer Kraft – und sicher oft auch manches Mal darüber hinaus.

CIGStuttgartLogo

Grundentscheidung: Dialog auch mit dem Judentum, Haus Abraham e.V.

Die meisten von uns beunruhigte, dass teilweise Juden und Muslime vor allem über den Nahostkonflikt gegeneinander ausgespielt wurden und sich Christen und Konfessionslose je auf die eine oder andere Seite schlugen. Aber wie sollte Frieden jemals möglich werden, wenn Hass nicht überwunden, sondern neu gesät wurde? Daher entschieden Murat und ich, direkt auf die jüdische Gemeinde zuzugehen und die Möglichkeit einer Öffnung des Dialoges zum Trialog zu prüfen – und fanden in deren Vorsitzenden Meinhard Tenné nicht nur genau den richtigen Partner, sondern auch einen Freund. Meinhard wurde Partner, Gast und schließlich – als Jude – das erste Ehrenmitglied der CIG.

Zu den vielen Früchten jener Jahre gehörte die Idee eines „Haus Abraham“, in dem sich Christen, Muslime, Juden und Nichtreligiöse in gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe begegnen sollten. Mit einem Verein in der Stuttgarter Paul-Gerhardt-Kirche und einer Stiftung für ein Lehrhaus ist ein Stück dieses Traums inzwischen Realität geworden.

Rückschläge und Angriffe

Natürlich war nicht immer alles einfach und leicht. Manches ging schief, manche(r) gab auf – und es galt auf die harte Tour zu lernen, dass einige Leute auch Streit eher schüren als lösen wollten. Mal kochten deutsche Politiker wie Thilo Sarrazin ein ausgrenzendes Süppchen, mal wurden Konflikte zwischen Kemalisten und Islamisten, Linken und Rechten, Aleviten und Sunniten, Türken und Kurden usw. nach Deutschland eingeschleppt und in oft unfairer, destruktiver Weise fortgesetzt. Ganz klar: Zu echtem Dialog gehören auch Geduld und Frustrationstoleranz!

2003 er- und überlebte ich – als inzwischen gewählter CDU-Stadtrat und Mitarbeiter der Staatskanzlei – auch persönlich einen dubiosen Medien-Übergriff von außer Kontrolle geratenen Akteuren des Landesverfassungsschutzes. Bis heute will mir nicht in den Kopf, dass sogar das konservative Bayern längst ein Parlamentarisches Kontrollgremium (PKG) für seinen Verfassungsschutz geschaffen hat – aber der Landtag von Baden-Württemberg noch immer keine wirklichen Aufklärungs- und Kontrollrechte ausübt. Gerade auch im Dialog habe ich erfahren: Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sind nicht selbstverständlich, sondern müssen von jeder Generation neu verteidigt werden – auch im Netz.

Die CIG als Generationsprojekt

Mit der Diskussion von Bürgerrechten und Netzpolitik wird aber auch deutlich, warum diese Christlich-Islamische Gesellschaft nach meiner Beobachtung ihre Aufgabe inzwischen auch erfüllt hatte: Sie hatte vor allem jüngeren Musliminnen und Muslimen erfolgreich dabei geholfen, Selbstvertrauen, Akzeptanz und Anschluss in der Gesellschaft zu finden. Christinnen und Christen hatten erleben dürfen, dass Jesu Ermutigungen zum Frieden-Stiftens keine leeren Floskeln waren, sondern dass jede und jeder tatsächlich etwas beitragen, Brücken bauen konnte.

Doch das Kernteam war älter geworden, Studium, Beruf und Familiengründung nahmen immer mehr Zeit in Anspruch und verstreuten uns zunehmend über die Weltkugel. (Und Sie wissen ja: Religiöse Menschen haben durchschnittlich mehr Kinder, auch wir CIGler halten uns daran! 😉 )

Bei der Gründung des bundesweiten Koordinierungsrates des christlich-islamischen Dialogs (KCID) brachten wir uns gerne ein, investierten aber auch damit Energie und vor allem Zeit. Neue, hervorragende Vorstände übernahmen das CIG-Ruder, doch durch die neuen Medien und zunehmend eigene Strukturen der Muslime und des Dialoges (etwa zwischen Kirchen- und Moscheegemeinden) erschien die Vereinsarbeit zunehmend aus der Zeit gefallen. Wer sich weiterhin in einem solchen Rahmen engagieren wollte, konnte (und kann) dies im jüdisch-christlich-islamischen Haus Abraham e.V. weiter tun.

Kurz: Unser Kind war erwachsen geworden – und schließlich ausgezogen. Deswegen war ich auch den letzten Vorsitzenden Emina Corbo-Mesic und Sebastian Krockenberger dankbar dafür, dass sie die CIG-Strukturen bis zuletzt mit Leben füllten – war aber zunehmend skeptisch, ob der Aufwand noch wirklich lohnte. Es war Zeit, los zu lassen.

Und deswegen war ich also Donnerstag auch aufrichtig glücklich. Die CIG hat sich nach getaner und ich glaube insgesamt segensreicher Arbeit aufgelöst und wird verbleibende Personal- und Finanzreserven vor allem in das Haus Abraham einbringen.

Was bleibt…

Wir konnten natürlich nicht die ganze Welt verändern – wohl aber uns selbst und unser Umfeld. Wir konnten nicht alle überzeugen; wohl aber viele berühren. Wir konnten lebendig beweisen, dass Frieden und Freundschaft über alle Grenzen hinweg möglich sind – und dass der Dialog die je eigene religiöse Identität nicht bedroht, sondern vertieft. Wir konnten Menschen stärken, Informationen vermitteln und so manche Angst überwinden. Wir haben uns von niemandem einschüchtern lassen und stehen dafür ein, dass die Saat der Hassprediger und Freiheitsfeinde auch in Zukunft nicht aufgehen wird. Wir konnten gemeinsam erleben, dass ein Leben in der Sicherheit, dem Wohlstand und der Freiheit unserer Gesellschaft nicht oberflächlich sein muss, sondern aktiv und mit Engagement, Neugier und Sinn ausgefüllt werden kann. Es ist nicht wahr, dass „man nichts tun kann“ – jeder Schritt von jedem Menschen zählt!

Und so sind wir nun auch frei für Neues, jede und jeder Einzelne von uns. Ich denke gerne und mit einem dankbaren Lächeln an die 15 guten Jahre der CIG zurück und genieße die vielen, bleibenden Freundschaften. Und ich freue mich darauf zu erleben – und ein wenig mitzuwirken -, in welchen neuen Formen sich der Dialog des 21. Jahrhunderts auszuprägen beginnt. Es gibt noch so viel zu tun!

Gott sei Dank.

Michael Blume

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

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  1. Kurz: Unser Kind war erwachsen geworden – und schließlich ausgezogen. Deswegen war ich auch den letzten Vorsitzenden Emina Corbo-Mesic und Sebastian Krockenberger dankbar dafür, dass sie die CIG-Strukturen bis zuletzt mit Leben füllten – war aber zunehmend skeptisch, ob der Aufwand noch wirklich lohnte. Es war Zeit, los zu lassen.

    Generell scheint die Zeit des christich-islamischen Dialogs ein Ende gefunden zu haben, einerseits, weil der Islam in D erstarkt ist, andererseits, weil es bestimmte, auch internationale, Entwicklungen gegeben haben mag, die das Zusammenkommen erschwerten.

    MFG
    Dr. W

  2. Ich kenne den Verein nicht. Finde es aber eher traurig, wenn Du schreibst, „doch durch die neuen Medien und zunehmend eigene Strukturen der Muslime und des Dialoges (etwa zwischen Kirchen- und Moscheegemeinden) erschien die Vereinsarbeit zunehmend aus der Zeit gefallen.“ ,da ich damit auch die Schwierigkeiten verbinde, die sich ergeben, wenn Strenggläubige jeglichen Kontakt zu „Fremden“ ablehnen und sich nur mehr unter Ihresgleichen bewegen wollen.

    Ich war, als mein Sohn noch in die Grundschule ging, Mitglied des Elternbeirates und organisierte einmal monatlich einen Elternstammtisch, an dem fast nur Mütter teilnahmen. Es kamen auch Frauen aus Zuwandererfamilien (an der Schule gab es Kinder aus 16 verschiedenen Nationen), allerdings kaum Musliminnen. Besonders jene, die ein Kopftuch trugen, unterhielten sich nie mit uns anderen Frauen, wenn wir gemeinsam auf unsere Kinder warteten, um sie sie von einem Skiausflug abzuholen oder ähnliches.

    Neulich las ich in der Süddeutschen ein Interview mit Prof. Mouhanad Khorchide, über den Du auch schon mal berichtet hast, der eine sehr moderne Auffassung des Islams vertritt, die sich nicht wesentlich von anderen Religionen abhebt.
    Siehe hier:
    http://www.zeit.de/2013/41/religionsunterricht-paedagogik-islam-mouhanad-khorchide

    Die moderaten Muslime können sich demnach ohne Probleme in die Gesellschaft einfügen, aber ein anderer Teil scheint erhebliche Probleme damit zu haben und bildet eine Parallelgesellschaft. Mouhanad Khorchide selbst befasste sich mit diesem Problem in seiner Dissertation: „Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft: Einstellungen der islamischen ReligionslehrerInnen an öffentlichen Schulen“. Auch sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ findet bei vielen Glaubensbrüdern nicht viel Anklang, weil sie ihm vorwerfen damit den Relativismus zu fördern. Die Frage wäre nun, wie soll man Strenggläubigen und Fundamentalisten begegnen, die Anders- und Ungläubige aus ihrer eigenen Gemeinschaft ausgrenzen und sie mit Hochmut behandeln, während die sich gleichzeitig weigern sich in die Gesellschaft des Landes zu integrieren in dem sie leben?

  3. Liebe Mona,

    auf jeden Fall hast Du m.E. mit der Beobachtung Recht, dass die entscheidende Frontstellung nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern innerhalb des Islam stattfindet.

    Der interreligiöse Dialog, die Förderung einer aufgeklärten Theologie und generell Bildung (auch z.B. ordentlicher Religionsunterricht) stärken die Moderaten und sind auch in der Lage, den einen oder die andere aus der fundamentalistischen Ecke zu holen. Dennoch wird es immer auch Fundamentalisten geben – wie es ja auch immer Rassisten und Rechtsextreme geben wird – die sich noch dazu gegenseitig die Stichworte liefern. Die Frage ist, ob wir diesen Extremisten das Feld überlassen oder sie in jeder Generation neu in die Schranken weisen.

    Gerade auch Mouhanad Khorchide findet mit seinen deutsch-islamischen, liberalen Thesen sehr großen Anklang und zählt inzwischen zu den meistgelesenen deutsch-islamischen Theologen. Gerade seine Popularität macht ihn auch zur Zielscheibe von viel traditionalistischer, fundamentalistischer und auch einfach neidischer Kritik. Aber Musliminnen und Muslime strömen nicht nur zu seinen Büchern und Vorträgen, auch sein Studiengang an der Uni Münster ist inzwischen überbelegt, Hunderte wollen bei ihm Theologie studieren.

    Und dass diese Studierenden weltoffen und interessiert auch an den kniflligen und neuen Fragestellungen sind habe ich bei Vortrag und Diskussion dort über „Zeit, Evolution und Glauben“ selbst erlebt:
    http://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/zeit-evolution-und-glauben-im-zentrum-f-r-islamische-theologie-zit-m-nster-vortragsskript/

    Also: Ich bin optimistisch. Dass gerade auch junge Muslime keine spezialisierten Dialogvereine mehr benötigen, sondern in Alltag, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft unendlich mehr und neue Möglichkeiten der interreligiösen Begegnung finden, ist ein Zustand, der vor 15 Jahren noch undenkbar weit weg erschien.

  4. @Michael Blume

    Du schreibst: „Gerade auch Mouhanad Khorchide findet mit seinen deutsch-islamischen, liberalen Thesen sehr großen Anklang und zählt inzwischen zu den meistgelesenen deutsch-islamischen Theologen. Gerade seine Popularität macht ihn auch zur Zielscheibe von viel traditionalistischer, fundamentalistischer und auch einfach neidischer Kritik. Aber Musliminnen und Muslime strömen nicht nur zu seinen Büchern und Vorträgen, auch sein Studiengang an der Uni Münster ist inzwischen überbelegt.“

    Ja, es wäre zu begrüßen, wenn sich junge Muslime von seiner Sicht der Dinge inspirieren ließen. Ich habe selbst schon verschiedene Interpretationen des Korans gelesen, von daher war ich über die Auslegung „Islam ist Barmherzigkeit“ etwas erstaunt. Er scheint den Inhalt des Korans völlig neu gewichtet und interpretiert zu haben. Wie Du jedoch bereits festgestellt hast, geht man deswegen von „traditionalistischer, fundamentalistischer“ Seite oft scharf mit ihm ins Gericht. Natürlich werden sich bei jeder neuen Interpretation auch Widersprüche finden lassen und jeder Gläubige setzt vielleicht die Schwerpunkte für sich persönlich etwas anders.

    Mouhanad Khorchide jedenfalls zollt jedem Menschen Respekt der „Liebe und Barmherzigkeit“ praktiziert und nimmt dabei auch Anders- und Ungläubige nicht aus. Das jedoch machen ihm andere Muslime mitunter zum Vorwurf. So schreibt beispielsweise Mohammed Khallouk: „Indem jedoch jeder, der sich bemüht, Liebe und Barmherzigkeit zu praktizieren, unabhängig von seinem Glauben an Gott, als „Muslim“ definiert wird (S.88), stuft Khorchide die selbst als „zentral“ interpretierte „Beziehung zu Gott“ zu einem unbedeutenden Kriterium herab. Er ignoriert zudem die im Kapitel zuvor explizit betonte Tatsache, dass ein Mensch trotz seines permanenten Bemühens Vollkommenheit, die er hier mit Liebe und Barmherzigkeit gleichsetzt, nicht erreichen kann. Wenn Liebe und Barmherzigkeit tatsächlich die einzigen Kriterien für Vollkommenheit sein sollen, kann ein Ungläubiger, bzw. jemand, der keine Beziehung zu Gott aufgebaut hat, diese überhaupt nicht in erstrebenswerter Weise praktizieren.“ Diese Einstellung scheint mir der Grund zu sein, warum es für manche Gläubige so schwierig ist anzuerkennen, dass auch „Ungläubige“ moralisch handeln können, weil sie stets davon ausgehen, dass dazu eine spezielle „Beziehung zu Gott“ notwendig ist. Diese spezielle Beziehung steht einem Menschen jedoch nicht auf der Stirn geschrieben. Als ich noch ein Kind war argumentierten katholische Lehrer und Pfarrer ähnlich wie Mohammed Khallouk. Ein integerer Mensch zu sein ohne an etwas zu glauben war undenkbar. Wer jedoch ständig den lieben Gott anrief und fleißig in die Kirche ging, der war über jeden Zweifel erhaben selbst wenn er kein guter Mensch war. Mouhanad Khorchide stellt diese Vorstellung demnach auch in Frage und meint man müsse die Menschen mehr nach ihren Taten beurteilen und weniger danach ob sie die religiösen Riten genau befolgten. Das scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein, auch in Bezug auf die Integration von Muslimen. Sind doch einige von ihnen der Meinung, sich nicht an die weltlichen Gesetze ihrer Gastgeberländer halten zu müssen, weil es genüge den Koran und seine religiösen Gebote zu befolgen.
    Quelle: http://islam.de/21972

  5. Liebe Mona,

    ja, das Ringen zwischen verschiedenen Varianten gehört zur Realität aller Religionen – im Dialog haben alle Beteiligten die Chance zu lernen, „die Geister besser zu unterscheiden“.

    Wichtig erscheint mir jedoch noch zu ergänzen, dass Muslime nicht mehr generell „Gäste“ und Deutschland für sie kein „Gastgeberland“ mehr ist. Etwa die Hälfte der Muslime in Deutschland sind bereits Deutsche im Sinne des Grundgesetzes, immer mehr von ihnen sind auch bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen. Deutschland ist für sie ebenso Heimat wie für christliche, jüdische, anders- und nichtglaubende Deutsche auch. (Ich nehme aber an, Deine Aussage bezog sich ggf. auf jene Muslime, die sich selbst ausgrenzen – die gibt es natürlich auch, wie in jeder Menschengruppe.)

    Beste Grüße!

  6. @Michael Blume

    „Ich nehme aber an, Deine Aussage bezog sich ggf. auf jene Muslime, die sich selbst ausgrenzen…“

    Ja natürlich! Mouhanad Khorchide schrieb ja in seiner Dissertation über das Thema, wie ich bereits anmerkte. Der Einfachheit halber übernehme ich den entsprechenden Text per „copy and paste“ aus der Wikipedia. Da heißte es: „Seine Dissertation von 2008 trägt den Titel „Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft: Einstellungen der islamischen ReligionslehrerInnen an öffentlichen Schulen“.
    Khorchide hielt die Studie zunächst zurück, um nicht rechten Parteien Munition für die anstehenden Wahlen in Österreich zu liefern. Aus der Studie geht hervor, dass rund ein Fünftel (21,9 %) der muslimischen Religionslehrer Demokratie und den Islam für unvereinbar hält. 14 % lehnen die österreichische Verfassung ab, 13 % halten die Teilnahme an Wahlen für nicht mit dem Islam vereinbar und 28,4 % sehen einen Widerspruch darin, gleichzeitig Moslem und Europäer zu sein. 18,2 % halten die Todesstrafe beim Abfall vom Islam für gerechtfertigt. 8,5 % haben Verständnis dafür, wenn zur Verbreitung des Islams Gewalt angewandt wird. 32,7 % lehnen die rechtsstaatlichen Prinzipien ab (bei 35,5 % von im Ausland und 21,3 % von im Inland Geborenen). Für die Studie wurde die Hälfte der 400 islamischen Religionslehrer in Österreich befragt, was nach Methoden der Sozialwissenschaft für eine außerordentlich hohe Reliabilität spricht. Es gab jedoch auch Kritiker, die beanstandeten, dass die Teilnehmer der Studie nicht repräsentativ für die Grundgesamtheit der islamischen Religionslehrer waren.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Mouhanad_Khorchide

    Mouhanad Khorchide scheint sehr darum bemüht zu sein jene Muslime, “ die sich selbst ausgrenzen“, mit ins Boot zu holen. Indem er aufzeigt, dass man den Islam auch von einer weniger martialischen Warte aus betrachten kann und der Koran auch versöhnliche Elemente enthält, die sowohl von Islamkritikern als auch von radikalislamischen Salafisten oft übersehen werden. Er erklärt auch, dass man den Koran im Kontext seiner Zeit sehen muss und sich das darin Geschriebene nicht 1:1 auf unsere Zeit übertragen lässt. Das dürfte auch ein deutliches Signal an jene sein, die meinen einen mittelalterlichen Gottesstaat errichten zu müssen.

  7. Indem er aufzeigt, dass man den Islam auch von einer weniger martialischen Warte aus betrachten kann und der Koran auch versöhnliche Elemente enthält, die sowohl von Islamkritikern als auch von radikalislamischen Salafisten oft übersehen werden.

    Kann man auch übersehen.

    Ansonsten ist es richtig, dass Mouhanad Khorchide auch nonkonform vorträgt und anscheinend Platz schaffen will für eine Art Theologie des Islam.

    MFG
    Dr. W

  8. Lieber Michael,

    danke für diesen Artikel – ich kann mich genau erinnern, wie du über den CIG-Verteiler vor einigen Jahren auf einen Essay-Wettbewerb des Bundesinnenministeriums zum Thema „Muslime in Deutschland“ aufmerksam gemacht hast. Das war für mich der Anfang meiner Tätigkeit als Autor von an die Öffentlichkeit gerichteten Texten zum Thema Islam in Deutschland und letztlich auch für meinen Blog. Allein dafür war die Begegnung mit der CIG für mich ein großer Gewinn – und der Dialog muss in jedem Fall auf allen Ebenen weitergehen. Auch wenn sich die Konstellationen sehr gewandelt haben, ist der Bedarf noch weit nicht gedeckt. Ich meine, dass der Dialog jetzt noch viel stärker in Instutionen und ausdifferenzierte Kontexte hineingetragen werden muss, die vielleicht nicht mehr die Allgemeinheit ansprechen.

    Den akademischen Dialog und die universitär aussgerichtete Theologie halte ich auch für sehr wichtig – aber das ersetzt nicht die Feinstarbeit im Alltag. Ich finde es sehr schade, dass es mit der CIG zuende geht – aber sehr viele Menschen einschließlich mir werden den Geist der CIG, von Haus Abraham und anderen Initiativen weitertragen. Insofern habt ihr jetzt schon eine sehr positive Wirkungsgeschichte vorzuweisen. Danke dir und allen Beteiligten für eure nachhaltigen Bemühungen und euren Idealismus!

    • Ich meine, dass der Dialog jetzt noch viel stärker in Inst[it]utionen und ausdifferenzierte Kontexte[n] hineingetragen werden muss, die vielleicht nicht mehr die Allgemeinheit ansprechen.

      Oder gerade die Gemeinheit. Oder Allgemeinheit.

      Auf bestimmter akademisch-intellektueller Ebene bestand ja nie Zweifel daran, dass der Islam töfte ist.
      Jetzt darf es aber auch um die anderen gehen, darum, auch diese zu überzeugen – und sich ggf. anfällig werdende Gegenrede gefallen zu lassen.
      Finden Sie nicht?

      MFG
      Dr. W

  9. „Jetzt darf es aber auch um die anderen gehen, darum, auch diese zu überzeugen – und sich ggf. anfällig werdende Gegenrede gefallen zu lassen.“

    Der interreligiöse Dialog trat schon über Jahrzehnte als Angebot an die Öffentlichkeit auf – der akademische, und auch politsch gerahmte Dialog sind relativ neu (und im Grunde noch kein echter Dialog, sondern die Suche nach gemeinsamen Diskursmodi, oder machmal auch nur ein Scheindialog).

    Gegenrede ist wohl eine der ersten Erfahrungen, die engagierte „Dialoger“ machen. Dies auszuhalten müssen erfahrene Dialoger nicht erst noch lernen. Ich denke, wir sind da einiges gewohnt – jedenfalls wesentlich mehr, als manche meinen.

    Schwieriger als das „Aushalten“ ist sicher die adäquate Reaktion auf Gegenrede, wenn man (a) selbst zu wenig über sich, den anderen und die betreffenden Inhalte und Kontexte weiß, bzw. (b) wenn gegenüber eine sich als Vertreter der Allgemeinheit gebärdende Stimme dazu einlädt sich überzeugen zu lassen, aber dies eigentlich nur aus diskursstrategischen Gründen macht um sein Gegenüber in das rhetorische Messer laufen zu lassen.

    Meine Erfahrung ist die, dass die Bereitschaft zum Dialog eine Grundsatzfrage ist, die nur radikal befürwortend, oder ablehnend/ignorierend entschieden werden kann. Es ist eine Frage Ihres Menschenbildes, aber auch Ihres Mutes. Kritische Dialoge in allen Ehren – sie sind nicht möglich, wenn eine Position die Regeln der Fairness unterläuft und sich zu vornehm ist auf Augenhöhe zu bleiben.

    Dieser kritische Bereich ist dennoch relevant – aber er trägt in der Regel weder zur Überzeugung einer Seite, noch zu einem besseren Miteinander bei. Ferner ist er sinnlos, wenn die Beteiligten keine Spezialisten für die entsprechenden Fragen sind, bzw, wenn eine Seite Problemthemen diktiert und die andere soll diese „lösen“ (oder besser gesagt: bestätigen).

    Darum meine ich, sollten die wenigen engagierten Leute sich auf die Lösung konkreter und kontextuell eingrenzbarer Probleme konzentrieren, wenn sie etwas bewegen wollen. Nicht Religionen und/oder Weltanschauungen, sondern Individuen stehen sich im Dialog gegenüber. Solange man die „allgemeine“ von der individuellen Ebene unterscheidet, habe ich kein Problem mit Grundsatzdebatten, sondern schätze sie sogar sehr (nichts anderes mache ich in meiner freien Zeit auf meinem Blog).

    Andererseits zeigt die Erfahrung, dass solche Dialoge von den militanten Dialoggegnern (ich beziehe das nicht auf Sie – ich kenne Ihre Position im Moment nicht) als Plattform zur Selbstdarstellung genutzt werden. Man muss im Einzelfall abwägen, ob der Einsatz diesen Preis wert ist, oder nicht. Ich bin von Pax Europa-Leuten schon einmal zu einem Podiumsgespräch eingeladen worden, und habe abgelehnt. Die Themen bearbeite ich dennoch (unter anderem auf meinem Blog, aber auch in nicht medialen Räumen). Es kommt nun mal nicht nur auf die Inhalte, sondern auch auf die Form an.

    Ebenfalls MfG,
    Hakan Turan

    PS: Ihre erste Rechtschreibkorrektur war richtig, die zweite falsch.

    • Nicht Religionen und/oder Weltanschauungen, sondern Individuen stehen sich im Dialog gegenüber.

      Es stehen sich Individuen gegenüber, die Weltanschauungen oder Religionen repräsentieren.

      Das im PS war korrekt angemerkt.

      Insgesamt schon ganz OK, es gilt zu reden, wenn politische Systeme am Start sind und sich nicht immer unkonträr zum Vorgefundenen stellen.
      Ohne jetzt näher spezifizieren zu wollen, denn das wäre eine Sache für die argumentative nähere Auseinandersetzung.

      BTW, hier – ‚Ferner ist er sinnlos, wenn die Beteiligten keine Spezialisten für die entsprechenden Fragen sind (…)‘ – ist noch ein kleiner Mops.
      Selbstverständlich sind Ausgrenzungsstrategien angebliche Nicht-Spezialisten betreffend zu meiden, wenn der Face2face oder bürgernahe Dialog gesucht wird.

      MFG
      Dr. W

  10. @Hakan Turan

    Es mag für Anhänger abrahamitischer Religionen vermutlich leichter sein in einen Dialog zu treten, weil man sich da auf den Stammvater Abraham beziehen kann, eine patriarchale Struktur vorfindet und den gleichen Gott anbetet. Komplizierter wird es natürlich bei anderen Themen und wenn man nicht unter seinesgleichen ist. Sie schreiben: „Meine Erfahrung ist die, dass die Bereitschaft zum Dialog eine Grundsatzfrage ist, die nur radikal befürwortend, oder ablehnend/ignorierend entschieden werden kann. Es ist eine Frage Ihres Menschenbildes, aber auch Ihres Mutes.“ So einfach ist das meines Erachtens nicht! Ich habe mich etwas auf Ihrem Blog umgesehen und finde es immer wieder irritierend, wenn islamische Männer in einschlägigen Blogs mehr oder weniger ungeniert darüber spekulieren, ob man seine Ehefrau verprügeln darf oder nicht. Um diese Frage zu klären wird außer der entsprechenden Sure des Korans meist noch der „islamische Gelehrte“ oder irgendein Hadith herangezogen. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass Menschenrechte auch für Frauen gelten und in unserem Rechtssystem körperliche Gewalt verboten ist. Von daher frage ich mich, wie will sich jemand in ein Land integrieren, wenn er dessen (säkulare) Gesetze völlig ignoriert?

    • Ich habe mich etwas auf Ihrem Blog umgesehen und finde es immer wieder irritierend, wenn islamische Männer in einschlägigen Blogs mehr oder weniger ungeniert darüber spekulieren, ob man seine Ehefrau verprügeln darf oder nicht.

      Ein das Wort verdienender Dialog kann hier ( Koran: 4:34 ) und bei ähnlichen Besonderheiten (die Züchtigungspflicht nicht betender Kinder betreffend) natürlich nicht aussparen.

      Auch die unangenehme Frage, ob diejenigen, die u.a. die heiligen Stätten des Islam kontrollieren, und sogenannte Islamisten recht haben mit ihrem Verständnis des Islam – es sind ja recht viele, die hier nicht unter Bezug auf ihre Gruppenzugehörigkeit genannt werden sollen, oder reformierend klingende Kräfte, die bevorzugt im „Westen“ [1] leben.

      MFG
      Dr. W

      [1] gemeint sind mit dem „Westen“ immer diejenigen Staatsformen, die der Aufklärung folgend im Dreieck persönliche und unternehmerische Freiheiten, Menschenrechte und Demokratie implementiert haben

  11. “ Ich habe mich etwas auf Ihrem Blog* umgesehen und finde es immer wieder irritierend, wenn islamische Männ*+er in einschlägigen Blogs mehr oder weniger ungeniert darüber spekulieren, ob man seine Ehefrau verprügeln darf oder nicht. “

    Ich glaube, Sie verstehen den Kontext der Debatte etwas falsch (zumindest die in meinem Blog). Die Frage, um die es in meinen Artikeln zum betreffenden Koranvers geht, ist einzig und alleine die, was aus den islamischen Quellen und der islamischen Traditionen gefolgert werden kann, und was nicht, und von welchen exegetischen Annahmen dies abhängt.

    Das ist also eine exegetische und wissenschaftliche Frage – der Anlass war kein „Männerinteresse“ (eine solche Zuschreibung würde ich mir eigentlich verbitten), sondern die Stellungnahme afghanischer Ulema (vgl. meinen offenen Brief an die Herren).

    Ferner ist es nicht möglich aus dem Führen einer theologischen (und für viele Muslime reine theoretischer) Diskussion Folgerungen über das Einhalten und Befolgen säkularer Gesetze zu ziehen. Das ist ein wilder Mix aus Klischees und Assoziationen, die sich umgehend relativieren lassen.

    Ich weiß, dass das für Außenstehende manchmal irritierend ist – aber ich muss, wenn ich eine theologische Position immanent widerlegen oder relativieren will ebenfalls theologisch argumentieren. Ferner ist mein Vertrauen in meine Theologie groß genug, dass ich keine Angst habe abstruse Ergebnisse zu produzieren. Man muss das nicht mögen (und auch nicht verstehen).

    Darum ist auch Ihr Menschenrechtsargument an dieser Stelle keine Lösung des Problems – denn auch Menschenrechte lassen sich trotz aller philosophischer Bemühungen der letzten 200 Jahre nicht apriori „verbindlich“ machen, sondern bedürfen einer letztlich nicht logisch zwingenden Zustimmung. Im zweiten Schritt wiederum sind Menschenrechte vieldeutig und müssen – ebenfalls argumentativ – konkretisiert werden. Das sind zwei Schritte, die Sie zwar mit mir gehen können – aber diese Schritte funktionieren nicht, wenn Sie zudem noch theologisch-immanent argumentieren wollen.

    Natürlich gelten Menschenrechte – für Männer wie für Frauen. Und sie machen keinen Unterschied im Geschlecht. Allerdings ist die eine Position, die ich freiwillig einnehme. Sie ist vernunftgemäß und in meinem Verständnis auch durchgehend islamkonform. Jedoch ist diese Stellungnahme eine, die die klassisch-islamische Methode in ihrer Argumentation teilweise transzendiert. Darum eignet sie sich nicht um islaminterne Debatten, die auf Grundlage einer theologischen Methodologie diskutiert werden müssen, zu „klären“. Zumindest ist dies so, wenn man sauber und analytisch argumentieren will. Das gilt bei der Frage, was z. B. aus der Bibel, oder aus der Kantschen Ethik folgt, ebenso.

    Aus diesem Grund wird die Debatte, was aus dem Koran gefolgert werden kann, und was nicht, natürlich auch von Musliminnen geführt. Und von Nichtmuslimen. Von Religiösen wie Säkularen. Denn die Antwort auf diese Frage ist entscheidend dafür, wie man innerislamisch argumentieren kann/will/soll, wenn von muslimische Seite problematische Positionen formuliert werden, oder wenn Nichtmuslime Muslime mit Koranversen konfrontieren und sie in Verlegenheit bringen wollen. Das Problem gibt es freilich genauso in allen anderen Religionen und Weltanschauungen, auch wenn sich bei uns Muslimen historisch bedingt an manchen Stellen im Moment Häufungen zeigen.

  12. @Hakan Turan

    „Die Frage, um die es in meinen Artikeln zum betreffenden Koranvers geht, ist einzig und alleine die, was aus den islamischen Quellen und der islamischen Traditionen gefolgert werden kann, und was nicht, und von welchen exegetischen Annahmen dies abhängt.“

    Das ist mir schon klar und mir ist auch klar, dass die islamisch geprägten Länder keine einheitliche Kultur haben und deshalb Unstimmigkeiten, bezüglich der Auslegung des Korans, vorprogrammiert sind.

    „Ferner ist es nicht möglich aus dem Führen einer theologischen (und für viele Muslime reine theoretischer) Diskussion Folgerungen über das Einhalten und Befolgen säkularer Gesetze zu ziehen. Das ist ein wilder Mix aus Klischees und Assoziationen, die sich umgehend relativieren lassen.“

    Diese „rein theoretische“ Diskussion hat aber manchmal ganz praktische Auswirkungen. Zumal einige (nicht alle) der türkischen oder arabischen Jungen, aufgrund ihres Glaubens, fest davon überzeugt sind, dass der Mann der Frau überlegen ist und so respektieren sie beispielsweise weibliche Lehrkräfte in der Schule nicht wirklich. Was zur Folge hat, dass sie die Schule als notwendiges Übel und nicht als Chance begreifen.

    „Ich weiß, dass das für Außenstehende manchmal irritierend ist – aber ich muss, wenn ich eine theologische Position immanent widerlegen oder relativieren will ebenfalls theologisch argumentieren.“

    Wahrscheinlich lassen sich Strenggläubige auch nur so überzeugen und falls nicht, dann bilden sie Parallelgesellschaften heraus und leben nach eigenen Gesetzen.

    „Darum ist auch Ihr Menschenrechtsargument an dieser Stelle keine Lösung des Problems – denn auch Menschenrechte lassen sich trotz aller philosophischer Bemühungen der letzten 200 Jahre nicht apriori „verbindlich“ machen, sondern bedürfen einer letztlich nicht logisch zwingenden Zustimmung. Im zweiten Schritt wiederum sind Menschenrechte vieldeutig und müssen – ebenfalls argumentativ – konkretisiert werden. Das sind zwei Schritte, die Sie zwar mit mir gehen können – aber diese Schritte funktionieren nicht, wenn Sie zudem noch theologisch-immanent argumentieren wollen. Darum eignet sie sich nicht um islaminterne Debatten, die auf Grundlage einer theologischen Methodologie diskutiert werden müssen, zu „klären“. Zumindest ist dies so, wenn man sauber und analytisch argumentieren will.“

    Das mag aus Ihrer Sicht und vielleicht sogar grundsätzlich stimmen und ich sehe durchaus die Schwierigkeiten die sich daraus ergeben. Der Islam spielt jedoch, wie kaum eine andere Religion, in die Lebenswirklichkeit seiner Anhänger hinein und das tangiert bisweilen auch bundesdeutsche Gesetze – an diese sich jeder halten muss – egal was für einen theologischen oder philosophischen Hintergrund er hat und an was er glaubt oder nicht glaubt.

    „Aus diesem Grund wird die Debatte, was aus dem Koran gefolgert werden kann, und was nicht, natürlich auch von Musliminnen geführt. Und von Nichtmuslimen. Von Religiösen wie Säkularen. Denn die Antwort auf diese Frage ist entscheidend dafür, wie man innerislamisch argumentieren kann/will/soll, wenn von muslimische Seite problematische Positionen formuliert werden, oder wenn Nichtmuslime Muslime mit Koranversen konfrontieren und sie in Verlegenheit bringen wollen. Das Problem gibt es freilich genauso in allen anderen Religionen und Weltanschauungen, auch wenn sich bei uns Muslimen historisch bedingt an manchen Stellen im Moment Häufungen zeigen.“

    Mir ist nicht daran gelegen jemanden in Verlegenheit zu bringen und ich erwarte auch nicht, dass in einem Dialog fertige Lösungen serviert werden. Gerade die umstrittene Sure kann man wohl aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Siehe dazu auch:
    http://de.qantara.de/inhalt/interview-luise-becker-eine-neubewertung-der-stellung-der-frau-im-islam

    Allgemein betrachtet ist der Islam natürlich wegen der prekären Lage in einigen Ländern und nicht zuletzt wegen den Anschlägen des 11. September 2001 so stark in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. Es geht hier also nicht nur um Religion, sondern auch um Politik. Insofern kann es einen rein theologischen Dialog zwar innerhalb der Religion geben, es sollte aber auch ein Dialog mit der Außenwelt staatfinden. Dieser sollte meines Erachtens nicht nur der Rechtfertigung dienen, sondern es sollte auch darum gehen alte eingefahrene Positionen (auf beiden Seiten) neu zu überdenken und gegebenenfalls anders zu bewerten.

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