Islamisch & kinderlos – Die kurze Geschichte der Heme Suri

Zum Verständnis der Religionsdemografie und der durchschnittlich höheren Nachkommenzahl religiös praktizierender Menschen gehört, dass nicht „die“ Religion(en) kinderreich sind, sondern dass religiöse Gemeinschaften ein kooperatives und reproduktives Potential aufweisen, das sich kulturell sehr verschieden ausprägen kann. So gehören zur christlichen Religionsgeschichte die betont kinderlosen Shaker ebenso wie die betont kinderreichen Old Order Amish – die sich in der (bio-)kulturellen Evolution schließlich auch durchgesetzt haben und ohne aktive Mission exponentiell wachsen. Nun habe ich in einem hervorragenden Sammelband-Artikel von Thomas Schmidinger auch eine islamische Religionsgemeinschaft kennengelernt, die sich gegen die Zeugung von Kinder entschied und einige Jahrzehnte überdauerte: Die Heme Suri.

ReligionsdemografiePotentialeCredit: Grafik: Blume, M. (2014) „Religion und Demografie. Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt.“ sciebooks

Die Heme Suri entstanden ab 1942 aus der Anhängerschaft des ermordeten kurdischen Scheichs Abdulkarim von Sergelu (1879 – 1942), der in der Naqschbandi-Tradition lehrte, schließlich jedoch eine sehr innovative – und damit umstrittene – Sufi-Gemeinschaft und Tradition begründete: Die Haqqa (nach arabisch Haqq = Wahrheit). Sie lehnten unter anderem die Feudalherrschaft und das Patriarchat ab und begründeten vergleichsweise egalitäre, dörfliche Gemeinden.

Prompt gerieten sie in Konflikte mit konkurrierenden, islamischen Strömungen wie auch mit der britischen Besatzungsmacht, die den Ordensgründer 1934 verhaftete und erst nach einem massiven, aber friedlichen Aufmarsch seiner Anhänger wieder freiließ.

Nach dem Tod des Scheichs spaltete sich die Bewegung in zwei Flügel, die nach ihren Anführern benannt wurden: Die Mame Rizai überlebten bis heute, beteiligten sich an den kurdischen Aufständen und zählen heute mehrheitlich zum „linken“ Spektrum innerhalb der kurdischen Autonomieregion.

Ein kleinerer Zweig von 35 Familien folgte dem Geistlichen Heme Sur (1905 – 1986) und begründete eine landwirtschaftliche Kommune in Klaw Qut bei Kirkuk. Die Gemeinde entschied sich unter anderem gegen Privateigentum und das Zeugen weiterer Kinder. Grundlage dafür war der 28. Vers aus der 8. Sure des Koran:

Und wißt, daß euer Besitz und eure Kinder eine Versuchung sind und daß es bei Allah großartigen Lohn gibt!

Ebenso wurde auch z.B. der Genuss von Tee untersagt.

Selbstverständlich zogen auch die „Heme Suri“ mit dieser vom islamischen Mainstream weit abweichenden Lehre scharfe Kritik und Diffamierungen auf sich – so wird bis heute (wahrscheinlich zu Unrecht) die Legende verbreitet, Heme Sur habe sich bei seinen Anhängerinnen das „Recht der ersten Nacht“ ausbedungen.

Das Dorf wurde bei den antikurdischen Massakern der irakischen Armee unter Saddam Hussein (1937 – 2006) zerstört. Zwar ist es denkbar, dass noch einige ältere Mitglieder der Heme Suri leben. Der Geistliche selbst hatte aber keinen Nachfolger mehr, als er am 3. Dezember 1986 verstarb.

Noch immer ist das Wissen um die Geschichte der Haqqa insgesamt und der Heme Suri im Besonderen bruchstückhaft und von Diffamierungen und Hörensagen überwuchert. Und doch bleibt bereits – religionswissenschaftlich interessant – festzuhalten, dass auch islamische Lehren antinatal ausgelegt werden können, dass auch innerislamische Debatten zur Anthropodizee zu erkunden wären. Diesen Fund wollte ich Ihnen also nicht vorenthalten.

Quelle: Thomas Schmidinger: The Haqqa-Community: A Heterodox Movement with Sufi Origins.

in: Omarkhali, Khanna (2014): Religious Minorities in Kurdistan: Beyond the Mainstream. Harrassowitz Verlag 2014, S. 227 – 234

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ist die hier erwähnte islamische Sufi-Gemeinschaft wirklich ein Beispiel dafür, „dass auch islamische Lehren antinatal ausgelegt werden können.“? Im Gegensatz zum Christentum findet sich doch im Koran keine Anweisung, wie „gehet hin und mehret euch“. Könnte man den Verzicht auf Kinder nicht auch auf die prekäre Lage der verfolgen Sufi-Gemeinschaft zurückführen? Es dürfte bekannt sein, dass sich beispielsweise bei der Eroberung Amerikas Mitglieder von Indianerstämmen entweder umbrachten oder sich nicht mehr fortpflanzten, um sich oder Ihren Kindern die Sklaverei zu ersparen.

    Hier finden sich „Aussagen im Koran zum Thema Kinder“: http://www.orientdienst.de/muslime/minikurs/kinder_im_koran/

    Sufi-Gemeinschaften werden in muslimisch-orthodoxen Ländern häufig verfolgt und es gab in der Vergangenheit verschiedene Anschläge auf Schreine, bei denen auch Menschen starben. Außerdem stoßen sowohl der Tanz als auch die Musik der Sufis auf Ablehnung. Man wirft ihnen Antinomismus vor, weil ihre Lehre gesellschaftliche und religiöse Tabus verletzen würde.
    Der Sufismus ist keine einheitliche Religionsgemeinschaft, sondern besteht aus unterschiedlichen Gruppierungen mit mystischen Traditionen und Riten. Obwohl die meisten Sufis ihre Bewegung auf den Propheten Mohammed zurückführen lassen sich ältere nichtislamische, asketische und mystische Elemente darin finden. Der Sufismus verfügt über kein festgeschriebenes Glaubensbekenntnis und keine orthodoxe Lehre. Sein Glaube wird stark durch eine spirituelle Innerlichkeit geprägt, die seine Anhänger an eine besondere Freundschaft und geistige Einheit mit Gott glauben lässt. Die Traditionen und Praktiken der Sufis weichen zudem oft stark voneinander ab. Nach ihren wichtigsten theologischen Anschauungen kann man die Sufis in theistische, monistische oder pantheistische Gruppen einteilen.

    • Liebe Mona,

      das m.E. Eindeutige an der geschilderten Gruppe ist ja, dass sie einen von zwei Tochterströmungen einer islamisch-sufischen Gemeinde bildete. Der andere Zweig war nicht antinatal und wurde im Übrigen auch heftiger verfolgt, u.a. durch Inhaftierungen.

      Ich sehe also kein Argument, der Gemeinde nicht abzunehmen, dass sie aus der obigen Koranstelle eine eigene, antinatale Lehre ableitete. Den weiteren Ausführungen zur Vielfalt im Islam allgemein und im Sufismus im Besonderen stimme ich weitgehend zu.

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