F.A. von Hayek – Der (noch) verkannte Nobelpreisträger

Hatten Sie schon einmal das Gefühl, der Wert Ihrer wissenschaftlichen Arbeit werde übersehen? Zum Trost: Das passiert auch Nobelpreisträgern. Vor einem Vierteljahrhundert schuf Friedrich August von Hayek (1899-1992) eine wegweisende Theorie der Evolution von Religiosität und Religionen – bis heute kaum bemerkt…

Es hat etwas von Hase und Igel: Immer wieder, wenn sich derzeit neue, empirische Befunde zur Evolution von Religiosität und Religionen abzeichnen, bestätigen sie Annahmen aus zwei späten Texten des Freiburger Wirtschaftsnobelpreisträgers: Den Vortrag "Die überschätzte Vernunft" von 1982 (erschienen 1996 in "Die Anmaßung von Wissen", nach dem Titel seiner Nobelpreisrede) und das letzte Kapitel seines letzten Buches "Religion and the Guardians of Tradition" in "Fatal Conceit" von 1988. Fast völlig unbekannt, nahmen sie (u.a.) vorweg

– die Bedeutung der auch religiösen Vergemeinschaftung von Menschen in der Humanevolution, wie sie Emile Durkheim Anfang des 20. Jahrhunderts vermutete und David Sloan Wilson 2002 in "Darwins Cathedral" neu beschrieb

– die vertrauensbildende Kraft religiös-gemeinschaftlicher Rituale, wie sie besonders Richard Sosis, dann auch Eric Bressler und Jeffrey Schloss inzwischen empirisch entschlüsselten

– die teils genetische, teils kulturelle und individuelle Ausprägung religiösen Verhaltens, wie sie der Verhaltensgenetiker Thomas J. Bouchard derzeit erkundet

– die Neuro-Konstruktionsregeln der Vorstellungen, die wir Menschen uns von übernatürlichen Akteuren wie Ahnen, Geistern und Göttern machen, wie sie zuletzt v.a. Pascal Boyer und Jesse Bering aufdeckten

– die Hintergründe, warum die übernatürlichen Mächte nicht einfach beliebige, sondern sehr bestimmte Moralgebote per Heilsversprechen und Strafandrohung einfordern, wie u.a. von Jesse Bering und Christopher Boehm beschrieben

– die Lösung des Rätsels geheimnisvoll-wirksamer Tabus, das der große Rationalist, Ethnologe und Religionswissenschaftler Sir James Frazer 1909 in "Psyches Task" geschildert hatte

– die Erklärung, warum sich mit steigender Mobilität, Technologie und Bevölkerungszahl der Götterhimmel tendenziell von den Ahnen und Geistern zum Polytheismus und schließlich Monotheismus verschiebt, wie 2007 von Stephen Sanderson erfasst

– die Theorien des religiösen Wettbewerbs, wie sie Adam Smith vorentwarf und heute u.a. Rodney Stark (als "religious market") erarbeitet

und schließlich

– die Erkenntnis, dass sowohl die biologische wie die kulturelle Evolution am Ende immer durch Reproduktionsvorteile entschieden werden – und dass gewachsene Religionen ihren Anhängern genau solche "reproductive advantages" bescheren

Nun könnte man meinen, dass eine evolutionäre und empirisch testbare Religionstheorie eines über Jahrzehnte in Freiburg wirkenden, humanwissenschaftlichen Nobelpreisträgers in Deutschland unter Geistes- und Naturwissenschaftlern Aufmerksamkeit finden würde. Aber weit gefehlt. Ein Ökonom, der sich zur (Evolutions-)Biologie öffnete? Und auf dieser Basis auch noch über Religion nachdachte? Dem nachzugehen hätte interdisziplinäre Teams gefordert, die sich (bisher) schlicht nicht fanden. Heute sind o.g. Religionstexte daher fast völlig in Vergessenheit geraten.

Der Ausnahme-Rabbi

Vor zehn Jahren, 1998, gelang dem ersten und bislang einzigen Theologen der Durchbruch ins hayeksche Denken: "Market and Morals" von Oberrabbiner Jonathan Sacks wurde prompt zur bis heute berühmtesten Hayek-Lecture weltweit – und erlebte dennoch bislang keine würdigen Nachfolger, auch (und gerade) nicht in Deutschland.

Vergessen – oder Wiederentdecken? 

Werden von Hayeks Thesen endgültig dem Desinteresse zwischen den Disziplinen zum Opfer fallen? Oder werden die Schätze noch geborgen? Mit einer Reihe über den großen Denker in den Wissenslogs möchte ich einen kleinen Beitrag zu leisten versuchen, seine geniale Religionstheorie dem schläfrigen Vergessen zu entreissen. Das nächste Mal möchte ich aufzeigen, wie der Ökonom und bekennende Agnostiker überhaupt dazu kam, Religion als Thema zu entdecken und zu erfassen…

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

31 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hayek

    Eigentlich nahe liegend, dass Hayek sich dem Thema Religion zuwandte. Seine Einstellung zum Markt war von vornherein religiös, im Glauben an eine allein seelig machende Kraft. In der Wirtschaftstheorie ist ihm seit den 30er Jahren nichts mehr Neues eingefallen. Warum also nicht „entdecken“, dass auch die Religionsentwicklung darwinistisch erklärt werden kann?

  2. Hayek Markt

    Lieber Herr Ganßmann,

    interessanterweise liegt genau bei Hayek diese Verabsolutierung des Marktes nicht vor. Denn Freiheit ist für Hayek weit mehr als wirtschaftliche Freiheit, es ist „dieser Zustand, in dem ein Mensch nicht dem willkürlichen Zwang durch den Willen eines anderen oder anderer unterworfen ist“. Stattdessen müsse ihm erlaubt sein, seine „eigenen Ziele zu verfolgen“, wozu natürlich gehören könne, auch „das Wohlergehen anderer zu seiner Hauptaufgabe“ zu machen. Die Begriffe „Profit“ oder „Wirtschaft“
    tauchen in Hayeks Freiheitsdefinition überhaupt nicht auf, weil sie nicht höchstes Ziel, sondern allenfalls Wege zu Zielen sind. Und mehr noch: Den
    historischen Beginn der liberalen Bewegung erkennt Hayek, in Abgrenzung zu Mises, gerade NICHT erst in der Marktwirtschaft – sondern im Eintreten für Religionsfreiheit als Wurzel der entscheidenden Meinungsfreiheit (!).
    Siehe hier:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/…828356/

    Dies, wie gesagt, nicht, weil Hayek selbst religiös gewesen wäre, sondern weil für ihn die Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit erst die Gewähr schafft, dass sich der Mensch seine je eigenen „letzten Ziele“ individuell und gemeinschaftlich setzen kann – seien dies z.B. Ruhm, Reichtum, Familie, Nächstenliebe, Erlösung u.v.m.

    Und ein zweites: Während die meisten Ökonomen und „Wirtschaftsliberalen“ auch heute noch von der Fiktion eines isolierten Individuums ausgeht, das mit anderen (nur) marktförmig agiert, unterscheidet Hayek ernsthaft Mikrogesellschaften (wie Familie, Wildbeutergruppen, Religionsgemeinschaften), in denen ausdrücklich keine Marktgesetze gälten, von der Makrogesellschaft, in der wir uns über den Markt begegnen. Und dieser Markt ist also nicht das Ziel der Geschichte, sondern ermöglicht es uns wiederum, die eigenen Ziele in Freiheit zu verfolgen.

    Hier haben wir also einen Ökonom, der (auch über die Evolutionstheorie) die oft peinliche Verengung liberalen Denkens auf „mehr netto“ und „der Markt kann alles“ überwunden hat – gerade was Fragen der Familie, Religion und des altruistischen Engagements angeht. Auch das ist übrigens m.E. ein Grund, warum er auch in der Ökonomie viel zu wenig rezipiert wird. Mit seinem Brückenschlag zur Biologie (als „Wissenschaft vom Leben“ (!)) sprengte er deren Rahmen.

    Mit Dank für Ihr Interesse am Thema und herzlichen Grüßen

    Michael Blume

  3. Religionsfreiheit – Freiheit

    Ich möchte hinzufügen, dass die Annahme Euckens und Hayeks, dass sich Religionsfreiheit nicht mit Zentralverwaltungswirtschaft vertrage, nicht nur historisch bewahrheitet hat, sondern derzeit auch in Tibet, Birma, Kuba und Nordkorea tragisch demonstriert wird.

    Wo immer sich Menschen das Recht erringen, selbst an letzte Ziele jenseits politischer Vorgaben zu binden, sind autoritäre Systeme bedroht. Die katholische Solidarnosc, die DDR-Bürgerbewegungen um die Kirchen und nun die Mönche in Birma und Tibet zeigen an, dass der Markt eben nicht die höchste Ebene menschlichen Seins beschreibt – dass erst er aber die Möglichkeit eröffnet, individuell oder gemeinschaftlich nach den jeweiligen Werten frei zu streben. Jenseits der Wildbeutergesellschaften ist der Markt nicht das höchste Ziel, aber die Bedingung echter Freiheit zu dem, was uns, was Ihnen wichtig ist.

  4. Religionsfreiheit

    Da bin ich versucht, nicht nur „zwischen den Stühlen“ zu sitzen, wie im andern Thema angesagt, sondern die Seite zu wechseln – zu den Religions-Gegnern überzulaufen:

    Religionsfreiheit ist *überall* bedroht, wo es ideologische Institutionen gibt, die sich monopolistisch aufführen können. Und das hat es zumindest in den großen monotheistischen Religionen auch zur Genüge gegeben; und gibt es noch. Kann sein, dass die Freiheit des Marktes und die Weitläufigkeit der Handelsbeziehungen – möglicherweise auch die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen ideologisch verschieden ausgerichteten Ländern – dann auch half, die ideologischen Monopole aufzubrechen und insofern in den großen Handelsnationen zur Religionsfreiheit beitrug.

    Es wäre dabei aber auch zu bedenken, dass es in den Hinterhöfen der reichen Industrienationen Formen des Kapitalismus gab und gibt, in denen es wohl Religionsfreiheit gibt – aber nur insofern sich die Religion auf die fromme Innerlichkeit und die Vertröstung aufs Jenseits eingrenzen lässt: Der Himmel den Spatzen und den Pfaffen, die Märkte aber uns… Der Blutzoll von Christen in bisherigen südamerikanischen Diktaturen ist in den letzten Jahrzehnten nicht geringer gewesen als in Kuba.
    Der Gedanke an Transzendenz kann sicher Verhältnisse erschüttern – er kann aber auch einschläfern. Das ist der Doppelsinn in Marxens Bemerkung über Religion: Protestation gegen das Elend UND Opium DES Volkes. Später dann auch Opium FÜRS Volk.

    Auch noch, damit eine gewisse Schlagseite nicht die Oberhand gewinnt:

    Ich habe alle Achtung vor der durchaus recht stark christlich beeinflussten DDR-Bürgerrechtsbewegung. Aber in parallelen Ländern ging es 1989 auch auf anderen Schienen. Das Christliche war keine Bedingung sine qua non. Immerhin – um eine amerikanische Kommunistin (Angela Davis, vermutlich während der MCCarthey-Ära) zu zitieren: Die Kirchen erwiesen sich öfters mal als „Raum, in dem man frei reden kann“. Auch 1989 in der DDR. Aber es ging nicht darum: zu zeigen, „dass der Markt eben nicht die höchste Ebene menschlichen Seins beschreibt“ – es ging nicht um Protest gegen die Marktwirtschaft sondern dann auch und immer mehr für die Marktwirtschaft. Und bei diesem Spiel gab es dann auch wieder viel Verlierer.

    In Hayek müsste ich mich extra hineindenken – man kann sich wohl denken, dass ich bei dem, was ich auch hier schrieb, einigermaßen misstrauisch bin gegen einen gewissen Wirtschaftsliberalismus.

    Was ich bisher (schon öfters mal, aber nie intensiv) zu Gesicht bekam über seine Religions-Theorie war für mich nicht so überraschend umwälzend.

    Ein bisschen (schwäbische Untertreibung) ärgert mich der Vorwurf an die Theologen, Hayek nicht rezipiert zu haben. Auf der Spur evolutionärer Religionstheorie sind ja einige Theologen. Da kann man wohl Hayek partiell integrieren – so wie man vielerlei Denker integrieren kann – aber ich habe noch nicht gemerkt, dass man bei ihm angekommen sein MUSS, um evolutionäre Religionstheorie wirklich begriffen zu haben.

    Na gut, ich werde Jonathan Sacks zu lesen versuchen. Aber DSWilson steht ja auch auf meinem Programm. Und beide sind englisch. (Wäre es nicht eine Sache, Du würdest Deine Studenten überreden, für so arme vorsintflutliche Dinosaurier der Wissenschaft wie mich, die bei Englisch nicht so recht mitkommen, ein paar einschlägige Texte zu übersetzen?)

    Eine gute Osternacht wünscht

    Basty

  5. Religionsfreiheit – Freiheit des Marktes

    Da bin ich versucht, nicht nur „zwischen den Stühlen“ zu sitzen, wie im andern Thema angesagt, sondern die Seite zu wechseln – zu den Religions-Gegnern überzulaufen:
    Religionsfreiheit ist *überall* bedroht, wo es ideologische Institutionen gibt, die sich monopolistisch aufführen können. Und das hat es zumindest in den großen monotheistischen Religionen auch zur Genüge gegeben; und gibt es noch. Kann sein, dass die Freiheit des Marktes und die Weitläufigkeit der Handelsbeziehungen – möglicherweise auch die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen ideologisch verschieden ausgerichteten Ländern – dann auch half, die ideologischen Monopole aufzubrechen und insofern in den großen Handelsnationen zur Religionsfreiheit beitrug.
    Es wäre dabei aber auch zu bedenken, dass es in den Hinterhöfen der reichen Industrienationen Formen des Kapitalismus gab und gibt, in denen es wohl Religionsfreiheit gibt – aber nur insofern sich die Religion auf die fromme Innerlichkeit und die Vertröstung aufs Jenseits eingrenzen lässt: Der Himmel den Spatzen und den Pfaffen, die Märkte aber uns… Der Blutzoll von Christen in bisherigen südamerikanischen Diktaturen ist in den letzten Jahrzehnten nicht geringer gewesen als in Kuba.
    Der Gedanke an Transzendenz kann sicher Verhältnisse erschüttern – er kann aber auch einschläfern. Das ist der Doppelsinn in Marxens Bemerkung über Religion: Protestation gegen das Elend UND Opium DES Volkes. Später dann auch Opium FÜRS Volk.

    Auch noch, damit eine gewisse Schlagseite nicht die Oberhand gewinnt:
    Ich habe alle Achtung vor der durchaus recht stark christlich beeinflussten DDR-Bürgerrechtsbewegung. Aber in parallelen Ländern ging es 1989 auch auf anderen Schienen. Das Christliche war keine Bedingung sine qua non. Immerhin – um eine amerikanische Kommunistin (Angela Davis, vermutlich während der MCCarthey-Ära) zu zitieren: Die Kirchen erwiesen sich öfters mal als „Raum, in dem man frei reden kann“. Auch 1989 in der DDR. Aber es ging nicht darum: zu zeigen, „dass der Markt eben nicht die höchste Ebene menschlichen Seins beschreibt“ – es ging nicht um Protest gegen die Marktwirtschaft sondern dann auch und immer mehr für die Marktwirtschaft. Und bei diesem Spiel gab es dann auch wieder viel Verlierer.

    In Hayek müsste ich mich extra hineindenken – man kann sich wohl denken, dass ich bei dem, was ich auch hier schrieb, einigermaßen misstrauisch bin gegen einen gewissen Wirtschaftsliberalismus.

    Was ich bisher (schon öfters mal, aber nie intensiv) zu Gesicht bekam über seine Religions-Theorie war für mich nicht so überraschend umwälzend.

    Ein bisschen (schwäbische Untertreibung) ärgert mich der Vorwurf an die Theologen, Hayek nicht rezipiert zu haben. Auf der Spur evolutionärer Religionstheorie sind ja einige Theologen. Da kann man wohl Hayek partiell integrieren – so wie man vielerlei Denker integrieren kann –
    aber ich habe noch nicht gemerkt, dass man bei ihm angekommen sein MUSS, um evolutionäre Religionstheorie wirklich begriffen zu haben.
    Na gut, ich werde Jonathan Sacks zu lesen versuchen. Aber DSWilson steht ja auch auf meinem Programm. Und beide sind englisch. (Wäre es nicht eine Sache, Du würdest Deine Studenten überreden, für so arme vorsintflutliche Dinosaurier der Wissenschaft wie mich, die bei Englisch nicht so recht mitkommen, ein paar einschlägige Texte zu übersetzen?)

    Eine gute Osternacht wünscht
    Basty

  6. @ Basty: (-:

    Erstmal: Frohe Ostern!!!

    „Religionsfreiheit ist *überall* bedroht, wo es ideologische Institutionen gibt, die sich monopolistisch aufführen können.“

    Ganz genau!

    „Und das hat es zumindest in den großen monotheistischen Religionen auch zur Genüge gegeben; und gibt es noch.“

    Ja, habe ich auch nie bestritten. Im Gegenteil: im Beitrag „Gene für Glauben?…“ wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass schon regionale Monopole Schaden wirken, auch im Hinblick auf das religiöse Leben.

    „Kann sein, dass die Freiheit des Marktes und die Weitläufigkeit der Handelsbeziehungen – möglicherweise auch die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen ideologisch verschieden ausgerichteten Ländern – dann auch half, die ideologischen Monopole aufzubrechen und insofern in den großen Handelsnationen zur Religionsfreiheit beitrug.“

    Ist so.

    „Es wäre dabei aber auch zu bedenken, dass es in den Hinterhöfen der reichen Industrienationen Formen des Kapitalismus gab und gibt, in denen es wohl Religionsfreiheit gibt – aber nur insofern sich die Religion auf die fromme Innerlichkeit und die Vertröstung aufs Jenseits eingrenzen lässt: Der Himmel den Spatzen und den Pfaffen, die Märkte aber uns…“

    Was dann eben genau keine Religionsfreiheit ist! Echte Religionsfreiheit hat eine individuelle und gemeinschaftlich-öffentliche Seite, erlaubt Neuansiedlungen und Neugründungen und schützt natürlich auch das Recht von Menschen, nichtreligiös sein zu dürfen. All dies haben auch die südamerikanischen Diktaturen missachtet.

    „Der Blutzoll von Christen in bisherigen südamerikanischen Diktaturen ist in den letzten Jahrzehnten nicht geringer gewesen als in Kuba.“

    Ganz genau. Siehe oben. Religionsfreiheit ist die Voraussetzung, nicht der Markt.

    „Der Gedanke an Transzendenz kann sicher Verhältnisse erschüttern – er kann aber auch einschläfern. Das ist der Doppelsinn in Marxens Bemerkung über Religion: Protestation gegen das Elend UND Opium DES Volkes. Später dann auch Opium FÜRS Volk.“

    Genau. Deswegen braucht es auch religiösen Wettbewerb. Sonst kann sich ein religiöses Monopol mit den Machthabern verbünden, es folgt eine gegenseitige, ungerechte Stabilisierung.

    „Ich habe alle Achtung vor der durchaus recht stark christlich beeinflussten DDR-Bürgerrechtsbewegung. Aber in parallelen Ländern ging es 1989 auch auf anderen Schienen. Das Christliche war keine Bedingung sine qua non.“

    Wie meinen? Zum einen habe ich ausdrücklich nicht (nur) vom Christlichen geschrieben, sondern vom Religiösen. Die Mönche und Laien derzeit in Birma und Tibet sind z.B. Buddhisten. Und soweit ich sehen kann, hatten Diktaturen ausnahmslos aller Länder Probleme mit der Religionsfreiheit und starke, religiöse Anteile auch unter den Dissidenten.

    „Immerhin – um eine amerikanische Kommunistin (Angela Davis, vermutlich während der MCCarthey-Ära) zu zitieren: Die Kirchen erwiesen sich öfters mal als „Raum, in dem man frei reden kann“. Auch 1989 in der DDR.“

    Genau.

    „Aber es ging nicht darum: zu zeigen, „dass der Markt eben nicht die höchste Ebene menschlichen Seins beschreibt“ – es ging nicht um Protest gegen die Marktwirtschaft sondern dann auch und immer mehr für die Marktwirtschaft. Und bei diesem Spiel gab es dann auch wieder viel Verlierer.“

    @ Basty, ich höre die Bitterkeit, dass der innerweltliche Versuch eines kommunistischen Paradieses gescheitert ist. Aber, wie gesagt, die Marktwirtschaft ist eine Notwendigkeit für Freiheit, selbst aber noch kein Heilsweg. Deswegen ist es auch unfair, von ihr Wunder zu erwarten.

    „In Hayek müsste ich mich extra hineindenken – man kann sich wohl denken, dass ich bei dem, was ich auch hier schrieb, einigermaßen misstrauisch bin gegen einen gewissen Wirtschaftsliberalismus.“

    Und genau das ist das Problem – Vorurteile! Immer wieder erlebe ich unter Theologen (die in Deutschland aus (Kirchen-)Steuermitteln bezahlt werden) recht herablassende Haltungen gegenüber der vermeintlich „schmutzigen“ Wirtschaft, von der wir letztlich im materiellen Sinne alle leben. Deswegen fallen Theologen leider oft gerade dort aus, wo wir sie bräuchten: im Gespräch mit und in der Wirtschaft.

    Konkret: Hayek lehnte die Bezeichnung „Wirtschaftsliberaler“ immer strikt ab, gerade weil er erkannte, dass Freiheit nur für Wirtschaft keine Freiheit ist. Markt und Wirtschaft haben bei ihm dienende, aber eben für die Freiheit unaufgebbare Funktion.

    „Ein bisschen (schwäbische Untertreibung) ärgert mich der Vorwurf an die Theologen, Hayek nicht rezipiert zu haben.“

    Nenne mir einen Theologen, der das ernsthaft gemacht hat und ich kaufe und rezensiere alle seiner Bücher! Über Marx haben deutsche Theologen hunderte Werke geschrieben…. (-:

    „Auf der Spur evolutionärer Religionstheorie sind ja einige Theologen. Da kann man wohl Hayek partiell integrieren – so wie man vielerlei Denker integrieren kann –
    aber ich habe noch nicht gemerkt, dass man bei ihm angekommen sein MUSS, um evolutionäre Religionstheorie wirklich begriffen zu haben.“

    Von „müssen“ war ja auch keine Rede. Ich beobachte nur, dass er unheimlich viele Entdeckungen, die wir heute machen, vorweg genommen hat. Insofern finde ich, dass mehr Beachtung dieses Denkers sowohl den Beachtenden zu einem vertieften Verständnis evolutionärer Religionstheorie helfen kann, aber auch ein Stück Fairness ist. Und sie zeigt uns, dass wir selbst große Denker im eigenen Sprachraum bisher kaum interdisziplinär bearbeitet haben.

    „Na gut, ich werde Jonathan Sacks zu lesen versuchen. Aber DSWilson steht ja auch auf meinem Programm. Und beide sind englisch. (Wäre es nicht eine Sache, Du würdest Deine Studenten überreden, für so arme vorsintflutliche Dinosaurier der Wissenschaft wie mich, die bei Englisch nicht so recht mitkommen, ein paar einschlägige Texte zu übersetzen?)“

    Da sprichst Du einen wichtigen Punkt an: der deutschsprachige Raum ist, was die evolutionäre Religionstheorie angeht, noch sehr unterentwickelt, fast die gesamte Debatte findet auf Englisch statt. Bewusst habe ich deswegen für beide Blogs die deutsche Sprache gewählt und publiziere bisher auch überwiegend auf deutsch. Aber wir sind bisher zu wenige, so dass noch nicht einmal zentrale Texte übersetzt sind.

    Dir alles Liebe und ein gesegnetes Fest!

  7. @ – Michael & Basty

    Lieber Michael, vielleicht solltest Du einfach einmal ein Buch mit den bedeutendsten Beiträgen zur Evolution der Religion herausgeben und die Beiträge hierzu vom Verlag übersetzen lassen.

  8. @ Edgar: In der Tat…

    Stellen wir uns einen Band vor, in dem sich sowohl einige klassische wie neuere Texte verschiedener Disziplinen zur Evolution der Religion versammelt fänden. Die Nachfrage dafür wäre sicher da – wie man ja auch schon an den Abfragen der entsprechenden Themen hier sehen kann. Aber bis das (eben doch interdisziplinäre) Thema bei den Lehrstühlen und Verlagen in Deutschland angekommen ist, wird wohl, so fürchte ich, noch einige Zeit vergehen.

  9. Lese-Pause – Buß-Schweigen?

    Ich glaube, jetzt brauche ich eine Lesepause, bevor ich was wieder was schreibe. Vielleicht ist’s auch ein Buß-Schweigen, aber ein freiwilliges 😉

    Na ja, jetzt will ich zuerst wissen, was an dem Hayek dran ist und lese zuerst mal Jonathan Sacks, bin schon mitten drin. Berührungs-Ängste mit Wirtschaftstheorie sinds nicht, aber zuerst ist mir Hayek begegnet in Äußerungen von explizit Wirtschafts-Liberalen, die – und das ist für einen christlichen Theologen schon entscheidend – für soziale Rücksicht kein Gespür zeigten.

    Mal sehen – tolle lege.

    Basty

  10. @ – Michael

    Ich denke, das sollte Dich nicht davon abhalten. Warum nicht der erste sein, der ein Textbuch vorlegt, mit dem sich wunderbar arbeiten lässt. Möglicherweise ermuntert es Deine Kollegen ja sogar dazu, ein Seminar zum Thema durchzuführen. Wenn Du willst, kann ich mich bei Gelegenheit gern mal bei einigen in Frage kommenden Verlagen erkundigen. Soweit ich sehe, dürften nur die Kosten für die Übersetzung der Texte ein Problem sein. Aber selbst da ließe sich sicher ein Zuschuss bei einer Stiftung beantragen.

  11. @ Basty: EIne Vermutung…

    Du schriebst:

    „Berührungs-Ängste mit Wirtschaftstheorie sinds nicht, aber zuerst ist mir Hayek begegnet in Äußerungen von explizit Wirtschafts-Liberalen, die – und das ist für einen christlichen Theologen schon entscheidend – für soziale Rücksicht kein Gespür zeigten.“

    Nun, vielleicht verhält es sich hier, wie es auch der Bibel immer wieder geschah: Überliess man ihre Lektüre den wenigen, war dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet… (-;

    Bitte büße nicht zu lange, Deine Kommentare sind hier hochwillkommen!

  12. @ Edgar: Tolle Idee…

    Die Idee finde ich super, wenn Du Lust hast, machen wir das. Wenn sich da ein interessierter Verlag fände, würde ich auch anbieten, die nur in englisch verfügbaren Texte kostenfrei selbst zu übersetzen. Denn so ein Textbuch gibt es bisher tatsächlich noch nicht…

  13. @ – Michael: Buchprojekt

    Wir können das Buchprojekt auch gerne gemeinsam in Angriff nehmen. Wenn Du willst, kann ich beispielsweise auch Eckart Voland oder alternativ Volker Sommer ansprechen, ob er sich mit einem Originalbeitrag an dem Buch beteiligen möchte.

  14. @ Edgar: Leg los!

    Wenn wir es zusammen machen würden, wäre auch gesichert, dass entweder nur empirische oder alternativ sehr kontroverse Texte zum Zuge kämen! Mir persönlich wären die empirischen Texte wichtiger, aber ich sehe ggf. (auch an den Diskussionen in den Wissenslogs) inzwischen ein, dass sich viele Menschen nun einmal über Pro-und-Contras dem Thema nähern möchten. Wahrscheinlich wäre eine Zweiteilung (ein empirisch-beschreibender und ein wertender Pro-Contra-Teil) daher wohl die interessanteste Mischung.

    Also, ja, wenn Du magst und eine zündende Idee hast, können wir da gerne was zusammen machen.

  15. @ – Michael: Buchprojekt

    Nein, nein, ich bin da ganz auf Deiner Seite. Das Buch sollte keine philosophischen, sondern ausschließlich evolutionsbiologische und religionswissenschaftliche Beiträge enthalten (auch wenn einige Kapitel von Philosophen wie Dennett, Churchland, Ayala oder Voland stammen mögen).

  16. Wirtschaftstheologie

    Bin dem Zusammenhang von Wirtschaft und Religion noch etwas gefolgt und habe bei Wolfgang Palaver den interessanten Begriff „Wirtschaftstheologie“ entdeckt, sowie eine Beschäftigung mit Walter Benjamins Konzept des „Kapitalismus als Religion“ (1921). Bin auf eure Gedanken dazu gespannt!

    s.a.:
    „Die Katholische Soziallehre angesichts eines religiösen Kapitalismus“
    http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/html/532.html

    „Kapitalismus als Religion“
    http://www.volksbuehne-berlin.de/…lter_benjamin/

    „Wirtschaftstheologie“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftstheologie

  17. @ Edgar (nicht Dahl): W-theologie

    Herzlichen Dank für den Hinweis! Der Begriff beschreibt m.E. tatsächlich ein Problem, das bei vielen Vertretern einer absoluten Marktideologie besteht: der Glauben, „der Markt“ werde quasi als „unsichtbare Hand“ alles regeln, quasi selbst eine göttliche Rolle einnehmen.

    Hayek setzt sich (wie z.B. auch Rüstow) ausdrücklich gegen diesen Irrtum ab! Der Markt ist hier nur ein notwendiges und wichtiges Mittel, um den letzten Zielen („ends“) der Menschen zu dienen und ihnen die Freiheit zu geben, sie zu verfolgen. Planwirtschaft vermag weder das eine (ausreichend Güter zu produzieren), vor allem aber nicht das andere (dem Einzelnen die Freiheit zu geben, ob, wo und wie er oder sie sich in das Marktgeschehen einbringt). Insbesondere beim späten Hayek ist das Leben selbst der höchste Wert („Life has no purpose but itself“), Freiheit ist zur Entfaltung dieses Lebens unerläßlich und Religion(en) ein unerläßliches Mittel der wettbewerblichen, aber selbst nicht marktförmigen Selbstorganisation.

    Zu Rüstows und von Hayeks Kritik an der Wirtschafstheologie siehe auch:
    http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=114

  18. Religion und Ökonomie

    Vielen Dank! Es ist schon verblüffend, zu welchen Erkenntnissen eine religionswissenschaftliche Betrachtung der Wirtschaft führen kann.

    Bei Franz Segbers habe ich auch interessante Gedanken zum Thema gefunden. Er schreibt zum Beispiel über Adam Smiths „Prinzip der unsichtbaren Hand“: „Das Versagen, wie es sich in der großen Weltwirtschaftskrise mit ihren mehr als sechs Millionen Arbeitslosen allein Deutschland, geht also auf das Vertrauen in den Marktmechanismus zurück, der theologischer Ursprünge hat.“

    http://www.ekir.de/globalisierung/42748_43570.php

  19. @ Edgar: Rationalismus

    Ja, und verrückterweise verbünden sich dabei uneingestandene Theologie und Rationalismus: Es wird eine perfekte, sich selbst harmonisierende Wirklichkeit geglaubt, die angeblich mit logischen Modellen zu erkennen sei.

    Und – schwups, schon hat man eine Ideologie, die per „Marktfundamentalismus“ alle Lebensbereiche der „unsichtbaren Hand“ unterwerfen will.

    Mit Wertschätzung des Lebens, seiner Vielfalt und auch der verschiedenen Formen der Selbstorganisation und Evolution hat dieser rationalistische Liberalismus dann leider nichts mehr zu tun…

  20. Christentum-Kapitalismus

    Noch ein interessantes Zitat zur Entwicklung von Religion und Ökonomie von Gerhard Senft:

    Geraume Zeit vor [Alexander] Rüstow hatte Walter Benjamin in seinem Fragment „Kapitalismus als Religion“ (1921) die ökonomische Ordnung der Moderne als ein religiöses Sinnstiftungssystem zu beschreiben versucht (…) Im Gegensatz zu Max Weber ist Benjamin überzeugt, dass das Christentum der Reformationszeit nicht das Aufkommen des Kapitalismus begünstigte, sondern dass es sich in Kapitalismus umwandelte.

    http://derstandard.at/druck/?id=3248631

  21. @ Edgar: Ja, aber…

    …wer Religion irgendwo entdecken will, wird sie immer auch entdecken.

    Nicht nur die Börsen haben ihre Mythologien, Rituale, „Gurus“, heiligen Räume und Heilsversprechen, sondern auch z.B. Fussballclubs, kommunistische und sozialdemokratische Parteien usw.

    Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich, schließlich gehören religiöse Präferenzen längst zu unserer genetischen (und also auch unbewußt wirksamen) Grundausstattung:
    http://www.wissenslogs.de/…der-verhaltensgenetik

    Wenn man aber nicht aufpasst, inflationiert es auch den Begriff der „Religion“, weswegen ich ihn nur auf das Glauben an und Verhalten zu übernatürlichen Akteuren beziehe. Bei „Fussballgöttern“, „Parteitags-Ikonen“ oder „Börsengurus“ spreche ich lieber von „quasi-religiös“ oder „religioid“ – zumal diese Anbetungsobjekte ihren Anhängern meist keine reproduktiven und also evolutionsbiologischen Gewinne bescheren…

  22. Nach-Lese

    Gelesen habe ich wohl. Aber so viel wie ich mir erwartet, erwünscht hätte, war es dann doch nicht. Ich merkte auch immer mehr: Ich muss erst wieder neu anknüpfen.
    („Neu anknüpfen“ — das ist dann schon so was wie „Buße“ 😉 )
    Also nur ein paar zusammengelesene, nachgelesene Sachen.

    Dazu, dass von Hayek alles auf Religions-Freiheit fokussiert, dazu hätte ich zwei Fragen, Gesichtspunkte:
    Einmal: Es gibt sicher im Gesamten der Religionen Zusammenhänge, in denen Religions-Freiheit schlicht nicht zur Debatte stand/steht. Etwa in den vorderorientalischen Religionen der Antike; oder in Stammes-Religionen Afrikas oder von Indianern.
    Vermutlich fing diese Debatte erst an mit griechischen Atheisten bzw. Philosophie als Alternative zur Religion. Dann auch in den antiken Großreichen mit den verschiedenen unterworfenen Völkern. Im modernen Sinn (gar individualistisch „jeder nach seiner eigenen Fasson“) war’s auch da nicht gelöst. Eigentliche Religionsfreiheit erst mit der Aufklärung auf einem Teil der nördlichen Halbkugel (nach einem entsetzlichen Religionskrieg und nach einem Friedensschluss, der der Religionsfreiheit zunächst widersprach. War ja immer noch festgeschrieben: Staatliche Macht hat über die Religion zu bestimmen.
    Und deshalb und zum zweiten, würde ich allgemeine Gedankenfreiheit gewissermaßen als Grundlage sehen. Und dazu gehört dann ebenso wie Religionsfreiheit: Wissenschaftsfreiheit, Kunstfreiheit, Redefreiheit, Pressefreiheit. Und eben auch Handelsfreiheit. Verknüpft von Hayek wirklich nur letztere mit wirklich nur der Religionsfreiheit? Alle diese Freiheiten werden doch gegebenenfalls von Diktaturen unterdrückt – gegebenenfalls mal je nach Bündnispartner (Kirche oder Wirtschaft) das eine mehr, das andere dafür weniger. Aber die Korrelation Wirtschaftsfreiheit – Religionsfreiheit ist sicher nicht ausschließlich.
    Allerdings: Nur in Wirtschaft(s-Organisationen) und Religion(s-Organisationen) kann sich so viel gegenüber der Politik eigenständige Macht konzentrieren, dass ein Bündnis möglich und u.U. notwendig erscheint. Also doch eine besondere Beziehung? Und außerdem: Religion ist (nach meiner Definition, die übernatürliche Akteure bewusst nicht als definitions-notwendig hält) der Versuch, Spielregeln des Lebens zu entwickeln und möglicherweise durchzusetzen. Wenn sie sich nun scheinbar zu den übernatürlichen Akteuren zurückzieht, dann kann der (moderne!) Staat wenig dagegen machen – bekommt es aber zu spüren: Auf Kerzen und Gebete waren wir nicht gefasst… , sagten DDR-Obere 1989. Also, Religionsfreiheit kann schon effektiver herrschaftskritisch wirken als beispielsweise Wissenschaftsfreiheit.

    Zu Religion und Demographie:
    Da zuerst eine Erinnerung an das, was mir aus der DDR erzählt wurde: Besonders viele Kinder in Pfarrhäusern – bei manchen Pfarrern wirklich der Plan, dadurch besser z.B. in der Schule mitreden zu können. Aber auch trotz niedrigen Gehalts bessere Möglichkeit für Kinder in den relativ großen Pfarrhäusern. Paralleles könnte man bei Waldensern in Italien und sicher sonst oft sehen: Wir zeigen, wer wir sind. Religionen in unterdrückter Minderheits-Situation können sich wohl nur durchhalten mit gesteigertem Gruppen-Bewusstsein und Zusammenkünften, um die verstreuten Schafe zusammenzuhalten… Na ja, das fördert doch schon den Reproduktionserfolg. In politisch freien Gesellschaften mit Gruppen, die nicht zur Abkapselung gezwungen sind (also z.B. Anthroposophen in der Schweiz), könnte ich mir einen gesteigerten Reproduktionserfolg von Minderheiten nicht erklären – gibt es ihn da? Unterdrückte Wissenschaftler, Künstler, Journalisten… werden sich nicht so zusammenschließen. Sind nun die Gruppenbildungen schuld oder die übernatürlichen Akteure?

    Ansonsten – für Gesellschaften mit Religionsfreiheit im modernen Sinn – würde ich Religion und Demographie gerne einbetten in weitere Zusammenhänge. Da gilt sicher ein Zusammenhang zwischen Religion und Geselligkeit. Dezidierte Einzelgänger, gar scharfkantige Menschenverächter findet man auch eher unter solchen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. Nun ja, da habe ich keine Daten sondern nur Beobachtungen / Erfahrungen und deshalb nur aus dem Bereich westeuropäischer Religion(en). Auch noch ein Gesichtspunkt: es gibt vermutlich keine Statistik über den Reproduktionserfolg von Mitgliedern anderer Vereine (oder gibt es die doch über die Anänger von Fußballgöttern? – siehe Posting von Michael Blume vom 13.4.?!). Wie würde die ausfallen? Mehr ironisch: am zeugungskräftigsten sei, las ich vor Jahrzehnten im Spiegel, wer in einem Kirchenchor mitsinge, als Tenor.
    Aber nicht nur Geselligkeit dürfte eine Rolle spielen. Sondern (auch nur im westeuropäischen Bereich beobachtet) ein allgemeiner Optimismus; u.U. auch entsprechende Naivität. Solche Sätze wie: Angesichts dieser Umweltkatastrophe kann man doch keine Kinder in die Welt setzen… – die wird man von Religiösen wohl weniger hören sondern von kritischen Einzelgängern. Da ist manchmal der übernatürliche Akteur dran schuld, dem man zutraut, es schon alles noch richtig zu richten.

    Den Jonathan Sacks las ich – deutlich dadurch geworden: von Hayek ist nicht für den a-moralischen liberalen Markt. Aber woher kommt das Missverständnis, nicht nur bei mir?
    Zu Sacks: Es gibt natürlich gewisse christlich-jüdische Unterschiede (im Christentum auch Armuts-Bewegungen). Und na ja, „So wenig Staat wie möglich“ – das aus Samuels Rede gegen das Königtum (1.Sam. 8) herauszulesen, ist schon eine verwegen modere Interpretation durch Sacks. Immerhin sieht man auch daran, dass in biblischer Tradition auch herrschafts-kritische Worte aufbewahrt wurden.
    Aber ansonsten würde ich die gemeinsame Bibel ähnlich lesen: Starke Sozial-Bindung des ansonsten legitimen Eigentums. Doch will von Hayek wirklich die Moral nur den Wirtschaft-Führern zuweisen? Ist schon gut, dass der Staat da noch mitzureden … versucht.
    Da ist sie wohl nicht besonders gut aufgehoben, denn die Analyse der Marxisten stimmt wohl, dass wirtschaftliche Interessen auf Moral keine Rücksicht nehmen. Nur, dann den Staaten (des Ostblocks) die Kompetenz über die Moral der Wirtschaft zuzuerkennen, das war ein zumindest doppelter Trugschluss der Marxisten: Gerade dort, wo die Staaten mit Wirtschaftsmacht uniert waren, siegten die (wirtschaftlichen ) Interessen und: sollten nicht eigentlich die staatlichen Organisationen absterben?
    Mein Vorschlag deshalb doch: Gewaltenteilung, aber gegenseitige Kontrolle von Wirtschaft und demokratisch legitimierter Politik.

    Wirtschafts-Theologie – wenn der Ausdruck nicht nur in gewissen Zusammenhängen despektierlich als religiös verklärte Wirtschafts-Ideologie gemeint ist – könnte doch heißen: Entsprechend Sacks/v.Hayek nötige (moralische) Grundregeln des Wirtschaftens entwickeln UND sich überlegen, wem man die anvertrauen kann bzw. wie die Einhaltung zu kontrolieren ist (altes Problem im Verhältnmis von Vertrauen und Kontrolle).

    Am meisten hätte mich das interessiert, was ich in dem, was ich zu von Hayek lesen konnte, bis jetzt nur angedeutet fand: Sein Gottesbegriff. Es scheint in der Richtung zu gehen: Aus vorbewussten Annahmen, aus Lebensregeln, die sich (auch wenn sie u.U. abergläubisch begründet sind – James Frazer? den ich nicht las) möglicherweise doch bewähren… *wird* etwas wie eine überpersönliche Macht, die man sich dann als Gott vorstellen kann. Es würde dem entsprechen, was ich irgendwo aufschnappte als Gott als „emergente Wirklichkeit“ oder dem, was ich „virtuelle Wirklichkeit Gottes“ nennen möchte. OK ? Oder ganz anders?

    So viel mal als Nachlese eingeworfen –
    ein anderes Mal hoffentlich bald wieder, und hoffentlich kürzer.

    Basty

  23. @ Basty: Danke…

    …Du hast ja mit dem guten von Hayek richtiggehend gerungen! (-:

    Gerne versuche ich einige Aspekte Deines Beitrags zu kommentieren.

    „Und dazu gehört dann ebenso wie Religionsfreiheit: Wissenschaftsfreiheit, Kunstfreiheit, Redefreiheit, Pressefreiheit. Und eben auch Handelsfreiheit. Verknüpft von Hayek wirklich nur letztere mit wirklich nur der Religionsfreiheit?“

    Nein, da hast Du völlig Recht: Hayek sieht Religionsfreiheit als einen zentralen Aspekt von Meinungsfreiheit, der gerade deswegen so bedeutend ist, weil er die anderen einschließt: ich „meine“ nicht nur, den Sabbat halten zu müssen, ich darf es auch tun, ich will nicht nur zu dieser Aussage der Heiligen Schrift forschen, ich darf es tun, ich will nicht nur eigene Traktate vertreiben, ich darf es tun etc.

    „Nur in Wirtschaft(s-Organisationen) und Religion(s-Organisationen) kann sich so viel gegenüber der Politik eigenständige Macht konzentrieren, dass ein Bündnis möglich und u.U. notwendig erscheint. Also doch eine besondere Beziehung?“

    Exakt. Planwirtschaften können schon deswegen keine echte Religionsfreiheit gewähren, weil diese ja auch wirtschaftliche Aspekte hätte. Und umgekehrt: in und um Religionsgemeinschaften entstehen wirtschaftliche Netzwerke aus Unternehmern, schließlich Stiftungen etc. Totalitäre Systeme fürchten, dass ihnen hier Allianzen erwachsen, die ihnen schnell gefährlich werden.

    „Religion ist (nach meiner Definition, die übernatürliche Akteure bewusst nicht als definitions-notwendig hält) der Versuch, Spielregeln des Lebens zu entwickeln und möglicherweise durchzusetzen.“

    Dann wäre aber wohl auch Edgar Dahl religiös, der im Libertarian für eine freiheitlichere Ordnung kämpft. Ich glaube aber kaum, dass er sich als religiös verorten lassen würde.

    „Wenn sie sich nun scheinbar zu den übernatürlichen Akteuren zurückzieht, dann kann der (moderne!) Staat wenig dagegen machen – bekommt es aber zu spüren: Auf Kerzen und Gebete waren wir nicht gefasst… , sagten DDR-Obere 1989. Also, Religionsfreiheit kann schon effektiver herrschaftskritisch wirken als beispielsweise Wissenschaftsfreiheit.“

    Genau! Deswegen fürchten Ideologen die Religionen so – weil sie sich überweltlich legitimieren, lassen sie sich kaum zähmen. Und wenn eine religiöse Institution (beispielsweise eine Kirche) ins Lotterbett mit der Staatsmacht steigt, brechen aus ihrer Basis bald religiöse Dissidenten weg.

    „Zu Religion und Demographie:
    Da zuerst eine Erinnerung an das, was mir aus der DDR erzählt wurde: Besonders viele Kinder in Pfarrhäusern – bei manchen Pfarrern wirklich der Plan, dadurch besser z.B. in der Schule mitreden zu können.“

    Im Kosovo nannte man das „Krieg der Bäuche“! (-: Unterdrückte Gemeinschaften entwickeln gerne ein (demografisch erfolgreiches!) Zusammenrücken, vergleiche auch die Israeliten in der Exodusgeschichte (2. Moses 1).

    „Aber auch trotz niedrigen Gehalts bessere Möglichkeit für Kinder in den relativ großen Pfarrhäusern. Paralleles könnte man bei Waldensern in Italien und sicher sonst oft sehen: Wir zeigen, wer wir sind. Religionen in unterdrückter Minderheits-Situation können sich wohl nur durchhalten mit gesteigertem Gruppen-Bewusstsein und Zusammenkünften, um die verstreuten Schafe zusammenzuhalten… Na ja, das fördert doch schon den Reproduktionserfolg.“

    Ja, völlig d’accord!

    „In politisch freien Gesellschaften mit Gruppen, die nicht zur Abkapselung gezwungen sind (also z.B. Anthroposophen in der Schweiz), könnte ich mir einen gesteigerten Reproduktionserfolg von Minderheiten nicht erklären – gibt es ihn da?“

    Ja, den gibt es. Denn Zusammengehörigkeitsgefühl wird zwar durch Diskriminierungen gestärkt, aber nicht erst ermöglicht. Schon gemeinsame Symbole, Rituale und Gebote (z.B. Speise, Kleidung, Engagement etc.) können Gemeinschaften miteinander vernetzen und von anderen abgrenzen. Siehe dazu aktuell:
    http://www.wissenslogs.de/…ostet-ist-nichts-wert

    „Unterdrückte Wissenschaftler, Künstler, Journalisten… werden sich nicht so zusammenschließen. Sind nun die Gruppenbildungen schuld oder die übernatürlichen Akteure?“

    Vor allem die übernatürlichen Akteure, weil diese natürlich auch buchstäblich bis ins alltägliche Leben und ins Schlafzimmer reichen – was säkularen Gruppen unterhalb von Big Brother nicht gelingt. Deswegen können säkulare Gruppen (z.B. Parteien) auch einen gewissen, reproduktiven Effekt erzielen, in bisher keinem Fall erreichten sie jedoch auch nur zwei Generationen lang ähnliche, demografische Werte wie z.B. orthodoxe Juden, Amische oder Hutterer.

    „Ansonsten – für Gesellschaften mit Religionsfreiheit im modernen Sinn – würde ich Religion und Demographie gerne einbetten in weitere Zusammenhänge. Da gilt sicher ein Zusammenhang zwischen Religion und Geselligkeit. Dezidierte Einzelgänger, gar scharfkantige Menschenverächter findet man auch eher unter solchen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. Nun ja, da habe ich keine Daten sondern nur Beobachtungen / Erfahrungen und deshalb nur aus dem Bereich westeuropäischer Religion(en).“

    Ganz klar: Religionen machen Angebote, die je bestimmte Menschen ansprechen. Und da sind bindungsfreudige Menschen natürlich im Vorteil. Und Religiosität ist natürlich nicht der einzige Faktor, der im Leben von Menschen demografisch wirkt. Aber eben sehr stark.

    „Auch noch ein Gesichtspunkt: es gibt vermutlich keine Statistik über den Reproduktionserfolg von Mitgliedern anderer Vereine (oder gibt es die doch über die Anänger von Fußballgöttern? – siehe Posting von Michael Blume vom 13.4.?!). Wie würde die ausfallen?“

    Wäre interessant, zumal wahrscheinlich Wechselwirkungen vorlägen: So beispielsweise, wenn Eltern ihre Kinder in die Stadien begleiten etc. Aber eine generelle, reproduktive Wirkung, die den Kirchen vergleichbar wäre, ist m.E. auch für säkulare Sportvereine nie nachgewiesen worden. Letztlich will ich aber auch nicht irgendwas erforschen, sondern ganz konkret, wie Religiosität evolvierte und evolviert. Und, noch einmal, an orthodoxe Juden, Amische und Hutterer kommt reproduktiv gesehen auch kein Bayern München heran! (-:

    „Mehr ironisch: am zeugungskräftigsten sei, las ich vor Jahrzehnten im Spiegel, wer in einem Kirchenchor mitsinge, als Tenor.“

    Wieso ironisch? Das männliche Singen im Kirchenchor ist ein starkes Signal an die holde Weiblichkeit: seht her, ich bin fromm, treu und zugleich gesund und fit! Ein wunderbares Signal auch im Rahmen der sexuellen Selektion!

    „Aber nicht nur Geselligkeit dürfte eine Rolle spielen. Sondern (auch nur im westeuropäischen Bereich beobachtet) ein allgemeiner Optimismus; u.U. auch entsprechende Naivität. Solche Sätze wie: Angesichts dieser Umweltkatastrophe kann man doch keine Kinder in die Welt setzen… – die wird man von Religiösen wohl weniger hören sondern von kritischen Einzelgängern. Da ist manchmal der übernatürliche Akteur dran schuld, dem man zutraut, es schon alles noch richtig zu richten.“

    Ja, Salutogenese und Krisenmanagement. Wird noch ein gesondertes Thema.

    „Den Jonathan Sacks las ich – deutlich dadurch geworden: von Hayek ist nicht für den a-moralischen liberalen Markt. Aber woher kommt das Missverständnis, nicht nur bei mir?“

    In Religionsgemeinschaften, die durch Beiträge und Spenden finanziert werden, erwächst ein Ethos der Bewunderung gegenüber wirtschaftlichen Leistungsträgern und Unternehmern, die auch teilen. In den steuerfinanzierten Kirchen und theologischen Fakultäten in Deutschland gilt dagegen eine verächtliche Haltung gegenüber Ökonomen und Ökonomie als schick. Da wurden tausende theologische Arbeiten zu Marx geschrieben, aber nach meiner Kenntnis bislang keine zu Friedrich August von Hayek…

    „Zu Sacks: Es gibt natürlich gewisse christlich-jüdische Unterschiede (im Christentum auch Armuts-Bewegungen). Und na ja, „So wenig Staat wie möglich“ – das aus Samuels Rede gegen das Königtum (1.Sam. 8) herauszulesen, ist schon eine verwegen modere Interpretation durch Sacks. Immerhin sieht man auch daran, dass in biblischer Tradition auch herrschafts-kritische Worte aufbewahrt wurden.“

    Ja. (-:

    „Aber ansonsten würde ich die gemeinsame Bibel ähnlich lesen: Starke Sozial-Bindung des ansonsten legitimen Eigentums. Doch will von Hayek wirklich die Moral nur den Wirtschaft-Führern zuweisen?“

    Natürlich nicht, und das schreibt er auch gar nicht! Vielmehr sind es doch gerade die Mikrogesellschaften wie Familien und Religionsgemeinschaften, aus denen die Moral erwächst, auf der dann auch der Markt gedeihen kann.

    „Ist schon gut, dass der Staat da noch mitzureden … versucht.“

    Warum denn (nur) der Staat? Warum nicht die Kirchen, Universitäten, Bürgerinnen und Bürger, die Blogosphäre? Basty, raus aus den ollen Wirtschaft-Staat-Dichotomien, dazwischen gibt es eine Menge! (-:

    „Mein Vorschlag deshalb doch: Gewaltenteilung, aber gegenseitige Kontrolle von Wirtschaft und demokratisch legitimierter Politik.“

    Ja. Würde Hayek nicht anders formulieren, allerdings die Notwendigkeit individueller Eigentums- und Freiheitsrechte schärfer betonen. Denn auch „demokratisch legitimierte Politik“ kann fehlgehen.

    „Wirtschafts-Theologie – wenn der Ausdruck nicht nur in gewissen Zusammenhängen despektierlich als religiös verklärte Wirtschafts-Ideologie gemeint ist – könnte doch heißen: Entsprechend Sacks/v.Hayek nötige (moralische) Grundregeln des Wirtschaftens entwickeln UND sich überlegen, wem man die anvertrauen kann bzw. wie die Einhaltung zu kontrolieren ist (altes Problem im Verhältnmis von Vertrauen und Kontrolle).“

    Das wäre dann aber m.E. eher eine „Theologie für die Wirtschaft“ oder „mit der Wirtschaft“, oder!? Fände ich gut – zumal, wenn es heißen würde, dass sich mehr Theologen überhaupt mit Wirtschaft befassen, anstatt den Lebensbereich zu verachten, dem wir alle unsere Existenz verdanken.

    „Am meisten hätte mich das interessiert, was ich in dem, was ich zu von Hayek lesen konnte, bis jetzt nur angedeutet fand: Sein Gottesbegriff. Es scheint in der Richtung zu gehen: Aus vorbewussten Annahmen, aus Lebensregeln, die sich (auch wenn sie u.U. abergläubisch begründet sind – James Frazer? den ich nicht las) möglicherweise doch bewähren… *wird* etwas wie eine überpersönliche Macht, die man sich dann als Gott vorstellen kann. Es würde dem entsprechen, was ich irgendwo aufschnappte als Gott als „emergente Wirklichkeit“ oder dem, was ich „virtuelle Wirklichkeit Gottes“ nennen möchte. OK ? Oder ganz anders?“

    So verstehe ich ihn auch. Und da wird es langsam richtig spannend! Ist Gott ein Zufallsprodukt? Oder entdeckt Seine Schöpfung Ihn auf dem Wege der Evolution? Da wäre noch viel zu grübeln, theologisch und philosophisch! Danke, dass Du bis hierher vorgestossen bist!!!

    „So viel mal als Nachlese eingeworfen –
    ein anderes Mal hoffentlich bald wieder, und hoffentlich kürzer.“

    Sehr gerne! (-: Bis bald!

  24. @ Edgar, Basty: Eure Anregungen…

    …habe ich jetzt auch in einem Blogeintrag nochmal aufgegriffen:

    http://religionswissenschaft.twoday.net/…863652/

    Offen gesagt war ich schon dabei gewesen, das Thema Ökonomie und Religion wieder etwas aus den Augen zu verlieren, dank Eurer Beiträge fasziniert es jedoch wieder. Ihr habt einfach Recht, da ist noch so viel Spannendes zu entdecken und zu klären. Danke dafür! (-:

  25. Religiöse Wirtschaftsethik 2

    Klingt interessant!

    „Toraökonomie“

    Franz Segbers: Die Hausordnung der Tora. Biblische Impulse für eine theologische Wirtschaftsethik.

    http://www.dnwe.de/forum/h2003_2/05.htm

    „Wie spiegeln sich die Normen von Bibel, Tora und Koran in der wirtschaftlichen Realität wider?“

    Hans G. Nutzinger (Hg.)
    Christliche, jüdische und islamische Wirtschaftsethik
    Über religiöse Grundlagen wirtschaftlichen Verhaltens in der säkularen Gesellschaft

    http://www.metropolis-verlag.de/Christliche,-juedische-und-islamische-Wirtschaftsethik/424/book.do
    antworten

  26. Konkurrenz als Lebensprinzip

    Dem Hayek bin ich wohl noch etwas schuldig. Oder anders gesagt: zu Religion und Wirtschaft.
    Ich sagte ja, weiter oben, dass ich nicht nur die Verbindung zwischen Religionsfreiheit und Wirtschaftsfreiheit betont sehen möchte, sondern das Ganze verknüpft mit den anderen Freiheiten: Kunstfreiheit, Wissenschaftsfreiheit… (Und dass von diesen Freiheiten Jahrtausende lang nicht die Rede war; und daran ist auch nicht nur *die* Religion *schuld*.)
    Trotzdem: Alles das konnte nur wachsen, sich entfalten unter konkurrierenden Antriebkräften. Religionen /Recht /Wirtschaft /Wissenschaft… bekamen auch in der Zeit, als von ihren Freiheiten noch nicht die Rede sein konnte, doch jeweils dadurch einen Aufschwung, wenn Konkurrenten auf die Bühne traten. Da muss man wohl sich als fitter bewähren, wenn’s um den survival of fittest geht.
    In der Geschichte der Religionen, die ich einigermaßen überblicke, der jüdisch-christlich-moslemischen, ist das sichtbar; und wird auch thematisiert. Dabei nicht einfach verteufelt. Ich sehe auch, – da kann ich mich auf Rabbiner Jonathan Sacks beziehen – dass auch wirtschaftliche Konkurrenz und Konkurrenzwirtschaft nicht einfach verteufelt wird. Im Gegenteil: als Herausforderung begriffen und angenommen werden kann. Calvinisten und Pietisten und Amish… haben es da ja weit gebracht.
    Allerdings, und da könnte ich mich vermutlich auch auf ihn und auf den von Edgar zitierten Franz Segbers beziehen, gibt es in allen diesen Religionen auch deutlich abgesteckte Grenzen gegenüber gnadenloser Konkurrenz. Da hat sich (das ist ja meine Tradition) Luther schon überdeutlich geäußert – gegenüber Kaufleuten nicht sehr schmeichelhaft: dass sie „täglich die ganze Welt berauben“, während ein Raubritter nur selten solche Gelegenheit habe. Vergleichbar mit dem Wort (von Bert Brecht?) über den Besitz einer Bank und dem Einbruch in eine Bank.

    Diese Linie wurde dann, zugegeben, von linken Theologen zu oft zu stark betont. Aber das ist nicht viel anders als wenn ein Richter mehr über gesetzliche Grenzen als über Bürgerfreiheiten redet. Anders gesagt: Die Freiheitskräfte des Marktes sind gut. Aber die ergeben sich aus Freiheit, wie von selbst. Die Beschränkungen muss man bewusst setzen und darüber u.U. deutlicher reden. Es gibt zwar deutliche Grenzen zB in biologisch verankertem Verhalten – siehe die Wölfe von Lorenz, bei denen der Stärkere den Schwächeren nicht totbeißen kann. Doch im wirtschaftlichen Bereich ist es sinnvoll, da sich nicht auf solche inneren Tabus zu verlassen. Es ist schon gut, dass Religionen da mitreden (hoffentlich einfühlsamer als Luther) , und Wissenschaftler und Künstler und Richter und…
    Aber, das ist gewissermaßen bewusst zu setzende Wirtschafts-Ethik. Eine weitere Dimension wäre das, und darauf möchte ich als zweites kommen:
    Religion und Wirtschaft interagieren nicht nur via Ethik, via beschränkenden Vorschriften. Sondern, und das lese ich z.B. auch aus Segbers heraus: Vielfältig wirksam sind die inneren, oft schwer im Einzelnen greifbare, Impulse: Verantwortungsbewusstsein, Treue, Redlichkeit (vgl. Gretchenfrage); oder wie Weber den Calvinisten unterstellt: Wenn man schon des ewigen Heils nicht so sicher sein kann, kann man am wirtschaftlichen Erfolg die Zuneigung Gottes einzuschätzen versuchen. Der immer wieder zitierte Satz „macht euch die Erde untertan“ heißt ja unter anderem auch: Es ist nicht alles, wie es ist; sondern *da ist was zu machen*. Und nicht nur Gott (als strafende oder belohnende Instanz) fragt danach, was wir draus gemacht haben (vgl das Gleichnis Jesu von den anvertrauten Pfunden, der ein ambivalentes, also nicht nur unfreundliches Verhältnis zu Kaufleuten hatte); sondern wir können es vor uns selbst nicht leisten, nichts gemacht zu haben.
    Ich denke, dass dieser Impuls im protestantischen und nordwesteuropäischen Christentum deutlicher ausgeprägt ist als etwa im osteuropäisch-orthodoxen. (Auch im Judentum, aber auch da gibt’s orthodox-stagnierende Varianten.)Und das kann wiederum mit der Konkurrenz verschieden ausgeprägter Religionsformen zusammenhängen. Ich sehe, dass dort, wo konkurrierende Konfessionen nebeneinander bestehen müssen, es die „protestantische Ethik“ Max Webers deutlicher gibt als in anderen Regionen. In der Richtung wäre vielleicht Max Weber zu ergänzen, wenn er bei den Calvinisten mehr den inneren Antrieb betont. Dass sie unter Konkurrenzdruck stehen, ist doch deutlich: denn gerade sie haben doch fast nirgends die Alleinherrschaft.

    Na ja, jetzt habe ich auch wieder mal „was gemacht“ – protestantische Ethik?

    Gute Nacht.
    Basty

  27. Hayek – österr.Schule

    zu Hayek möchte ich etwas anmerken:
    Ich selbst habe Hayek nicht studiert und verlasse mich auf diverse Sekundärliteratur. Was allerdings fest steht ist die Tatsache, dass Hayek heute für ein zügelloses Wirtschaftsmodell herhalten muss. Ein gutes Beispiel dafür ist für mich das Wiener Hayek-Institut, das sich in seinen neoliberalen „Kreuzzügen“ auf Hayek stützt. Ganz nach dem Motto des Institutes: „free markets, free people“.

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